15. Finsternis und Hoffnung
Content Notes
In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.
Angespannt umfassen meine Finger das Balkongeländer. Ich dachte, wir hätten Zeit. Einen Monat, möglicherweise mehr. Jetzt sind es Stunden. Unser Vorteil schrumpft. Lucanis‘ Worte jagen durch mich hindurch, wieder und wieder. Sie haben den Mond bewegt. Das geht über unsere Fähigkeiten hinaus. Diese Art von Magie kann man nicht mit einer Klinge bekämpfen. Aber wir müssen es versuchen. Wenn wir versagen, hält die Götter nichts mehr davon ab, die Welt zu unterwerfen.
Selbst hier im Nichts können wir dem Rot des Himmels nicht entkommen. Es bleibt ein verzerrter Spiegel der Realität, eine stetige Erinnerung daran, dass uns die Zeit durch die Finger rinnt. Ich habe um einen Moment allein gebeten, doch dieser ist längst vorbei. Sie warten auf mich – wieso kann ich mich dann nicht bewegen?
Es könnte das letzte Mal sein, dass ich hier stehe, dass ich den Leuchtturm in seiner Pracht erblicke. Bin ich stark genug, die Gruppe davon zu überzeugen, dass wir nicht in den sicheren Tod rennen? Ja, vielleicht sogar eine Chance haben?
Jemand öffnet die Tür. Ich frage mich, wie lange Lucanis schon davor stand. „Es ist so weit, Rook.“ Die Nacht fühlt sich wie ein Traum an, der bereits zu verblassen beginnt, obwohl ich das Wasser noch in meinen Haaren riechen kann. Das ist nicht der Lucanis, der mich lachend mit Wasser bespritzt hat und unter dessen Berührungen ich vergessen habe, wer ich bin. Das ist der Lucanis, der sich mehr vor sich selbst fürchtet als vor irgendetwas anderem. Ich weiß nicht, wie ich ihm Hoffnung schenken kann. Verdammt, ich habe selbst unglaubliche Angst. Also mache ich das, was in der Vergangenheit immer geholfen hat: Ich schüttle meine erdrückenden Gedanken ab und lächle.
„Wir werden das überstehen.“ Und das genügt, dass ich mir selbst glaube. Das soll nicht die letzte Nacht gewesen sein, die Lucanis und ich gemeinsam verbringen. Ich möchte unendlich mehr davon, bis wir grau und alt sind und darüber streiten, wer sich am besten an unsere Abenteuer erinnert. Ich möchte mit einem frisch gebrühten Kaffee in der Hand über die Lichter Trevisos blicken und Arm in Arm über den Markt schlendern. Ich möchte im Arlathan picknicken, Bosheit dabei unterstützen, die Welt zu entdecken, Haselnusstorte backen oder zumindest Lucanis beim Backen zuschauen, möchte spüren, wie seine Barthaare meine Nacken kitzeln, und ich möchte ihm sagen, wie ich mich fühle.
„Nur eine Sekunde“, besänftige ich ihn, bevor ich an ihm vorbeirausche.
Ich finde den Schlüssel sofort, obwohl ich erst, nachdem ich ihn in den Händen halte, begreife dass ich ihn gesucht habe. Das Metall ist überraschend kühl, der grüne Edelstein auf dem Griff schimmert im Lichtfall des Aquariums. Ich weiß nicht, warum ich ihn aufbewahrt habe, aber jetzt wird es Zeit, ihn zurückzugeben. Wenn wir überleben, korrigiere ich meine Gedanken. Seltsam, dass dieses kleine Ding Lucanis ein Jahr gefangen hielt. Ich konnte nicht wissen, wie wichtig mir dieser Auftragsmörder werden würde, als ich ihn aus seiner Zelle holte. Die Gruppe brauchte jemanden mit seinen Fähigkeiten. Es war eine Rekrutierungsmission. Und heute kann ich mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen.
Wenn wir das hier überstehen, werde ich Lucanis seinen alten Gefängnisschlüssel überreichen und ihm gestehen, dass ich ihn liebe.
Der Verlust liegt schwer in meiner Magengegend. Die Sicht ist trüb. Es rauscht in meinen Ohren, dabei ist hier nichts um mich herum außer unheilvoller Stille. Ich zwinge mich auf die Knie, aber zum Aufstehen sind meine Beine zu wackelig. Vorsichtig betaste ich den farblosen Boden. Das ist kein Traum, oder?
Ich bin gefallen.
Solas.
Er hat den Platz mit mir getauscht. Er hat den Moment genutzt, um aus seinem Gefängnis zu entkommen. War das von Anfang an sein Plan oder hat er nur die Gelegenheit ergriffen, die sich ihm so verlockend präsentierte? Am Ende spielt es keine Rolle. Ich bin hier und er dort draußen. Wir haben ein Problem gegen ein anderes getauscht, haben Ghilan’nain besiegt und damit die Gelegenheit für Solas‘ Flucht geschaffen.
Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht – oder ist es eine Erinnerung? Panisch suche ich meine Roben ab. Das Leder des Mantels ist zerkratzt und der einst helle Stoff hat ein schmutziges Grau angenommen, welches in dieser Umgebung noch trostloser erscheint. Ich prüfe all meine Taschen, doch im Grunde weiß ich es bereits: Der Dolch, die einzige Waffe gegen unseren letzten Feind, ist verschwunden.
Während ich auf die Beine komme, schießen mir heiße Tränen in die Augen. Das ist nicht, was ich wollte. Harding hat ihr Leben gegeben und doch ist es noch nicht vorbei. Wird es je ein Ende haben? Ich erinnere mich an den Sog, an wirre Rufe der Warnung. Ich war zu nah an der Wunde im Schleier.
„Bitte, lass die anderen entkommen sein.“ Sie müssen einfach. Das kann nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich Lucanis gesehen habe. Ich … ich muss hier irgendwie raus. Ich mache ein paar unsichere Schritte vom klaffenden Abgrund weg. Stimmen dringen an mein Ohr, mehr Echos von Solas. Der Spott darin trifft mich tief. Ich war überzeugt, ihn ändern zu können, dass wir ihm nur deutlich Hoffnung zeigen müssen, um ihn auf unsere Seite zu ziehen. Oh, wie sehr lag ich falsch. Er hat uns für die Drecksarbeit benutzt, uns die Götter schwächen lassen, um im ersten Moment in unseren Rücken zu fallen. Natürlich kann nur er allein, der großartige Schattenwolf, es mit Elgar’nan aufnehmen. Das bittere Lachen erstickt in meiner Kehle.
Wie lange stecke ich schon hier fest? Mir ist, als wären bloß Minuten vergangen, seit ich durch das Nichts gefallen bin, aber mein Instinkt sagt mir, dass das nicht wahr ist. Hier gibt es kein Abbild der Sonne, nichts, das eine Tageszeit verraten könnte. Das trübe Licht scheint von überall gleichzeitig zu kommen. Manchmal ist Magie selbst für mich angsteinflößend.
Jegliche Architektur hier liegt in Ruinen, als hätte das Nichts als Inspiration den Arlathanwald genommen. Die Wolfsstatue, die ich jetzt erreiche, gibt mir eine stumme Erklärung: Solas. Natürlich würde sich das Gefängnis eines Elfengotts für ihn formen. Aber ich bin kein Gott. Ist das der Grund, wieso hier alles zusammenfällt?
Ursprünglich wollte ich nicht mal diese Gruppe anführen, bin nur zufällig in diese Position gerutscht. Es hätte Varrics Aufgabe sein sollen. Er wäre nicht so leicht überrumpelt worden. Außerdem hätte er nicht zugelassen, dass sich jemand opfert. Oder?
Alles ist so grau hier. Selbst die Luft schmeckt schwer, wie Rauch. Oder Asche. Ich irre umher, bis ich eine bekannte Silhouette erblicke, die mich auf den Treppenstufen erstarren lässt. Und plötzlich ist sie überall um mich herum, Schmerz und Vorwurf in den steinernen Augen: Bellara. Ich habe sie nicht sterben gesehen, aber wahrscheinlich hat sie ein ähnliches Schicksal erlitten wie Harding. Zwei Verluste in so einer kleinen Gruppe. Wie sollen wir weitermachen? Es ging zu schnell. In einem Moment hat sie noch die Schutzzauber außer Kraft gesetzt und im nächsten wird sie durch den Spiegel gezogen. Elgar’nan wird sie nicht verschont haben, nachdem er zusehen musste, wie wir seine Schwester getötet haben.
Mit jedem Schritt, den ich mache, stellen sich mehr Haare in meinem Nacken auf. Bellara spricht zu mir. Nein, das tut sie nicht. Ihr Abbild bewegt sich keinen Zentimeter, dennoch hallt ihre Stimme von überall zu mir. Ich habe sie in den sicheren Tod geschickt. Es war meine Entscheidung. Ich hätte sie beschützen müssen. Und nicht nur sie, auch Harding und die anderen. Ich bin verantwortlich. Die schonungslosen Erinnerungen an Hardings letzte Momente schießen in schmerzvoller Heftigkeit durch meinen Kopf. Das Loch in ihrer Brust, die leblosen Augen voller Entschlossenheit.
Nein.
Das ist nicht richtig.
Nichts davon.
Sie kannten das Risiko, trotzdem sind sie mit mir zu dieser verfluchten Insel gekommen. Sie haben gekämpft und gewonnen. Selbst wenn es nicht der Sieg war, den wir uns erhofft hatten. Ich sollte nichts davon bereuen. Zu acht sind wir einer Armee und zwei Göttern entgegengetreten. Wir waren bereit für unsere Sache zu sterben. Ich bin stolz auf uns.
Es muss einen Weg hier rausgeben. Bloß weil Solas es aus eigener Kraft nicht geschafft hat, bedeutet das nicht, dass ich dasselbe Schicksal erleiden muss. Dieses Gefängnis wurde für Götter erbaut – nur schade, dass ich keiner bin.
Das Erste, was ich wahrnehme, ist das Licht. Blendend und hell zwingt es mich, die Lider zu schließen. Die Sonnenfinsternis ist vorbei. Ist das etwas Gutes? Der Sog, der an jedem meiner Gliedmaßen zieht, lässt nach, sodass ich nach hinten stolpere. Zwei kräftige Hände verhindern, dass ich in das graue Nichts zurückfalle. Jetzt erst nehme ich die vertrauten Stimmen wahr. Ich erkenne Davrin, doch mein Blick fällt sofort auf Lucanis hinter ihm. Er lebt. Eine Schwere in meiner Magengegend lichtet sich.
Davrin lässt mich los und tritt zurück. Er scheint unverletzt. Sie alle sind wie durch ein Wunder in Ordnung. Außer Hardung und Bellara. Ich schlucke. Nun müssen wir umso stärker zusammenhalten. Wir können sie rächen – und uns am Ende vielleicht gemeinsam heilen.
Lucanis‘ Augen glänzen vor überwältigender Freude, doch es ist Emmerich, der mir die Hand auf den Rücken legt und mich vorwärtsschiebt, wie der Onkel, den ich nie hatte. Ich habe keine Ahnung, wo wir sind oder wie sie mich gefunden haben, aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Wir werden einiges besprechen müssen. Und mit etwas Glück kann ich mich danach ein wenig ausruhen.
Nachdem wir durch einen Eluvian getreten sind und sich der vertraute Anblick der Kreuzung bietet, falle ich etwas zurück, um bei Lucanis zu sein. Unsere kleinen Finger verhaken sich und sagen damit mehr als Worte es könnten. Wenn er von Ghilan’nains Tentakeln erwischt worden wäre … Nein, ich darf nicht daran denken. Darf mir nicht ausmalen, wie austauschbar unsere Schicksale von außen betrachtet sind. Es hätte jeden treffen können.
Mein Kopf beginnt, bei jeder Bewegung zu pochen, und steigert sich bald zu einem unerträglichen Hämmern. Träge stützte ich mich auf Lucanis. Sein Geruch hält mich knapp bei Bewusstsein und hilft mir, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Erst als wir die Stufen zur Bibliothek erklimmen, kann ich begreifen, dass ich wirklich zurück bin. Solas hat mich erneut unterschätzt. Eine weitere Sache, die er auf die Liste seiner Fehler schreiben kann.
Die Lagebesprechung vergeht wie ein Wimpernschlag. Obwohl es sich zuerst wie ein elaboriertes Schauspiel anfühlt, begreife ich bald, dass die gewohnte Situation, mir hilft, vollständig im Hier und Jetzt anzukommen. Ein Stückchen Normalität in einer schief geratenen Welt. Meine eigenen Worte geben mir Hoffnung. Es ist nicht zu spät. Bisher hat Elgar’nan die Welt nicht der vollständigen Verderbtheit ausgeliefert, noch ist Zeit zu kämpfen. Und diesmal ziehen wir unsere Verbündeten mit in die Schlacht.
Sobald ich im Meditationsraum liege, übermannt mich die Erschöpfung, doch mein rasendes Herz lässt mich nach wenigen Minuten hochschrecken. Nein, ich kann noch nicht schlafen. Mit aller Macht kämpfe ich gegen die müden Gliedmaßen, komme schwankend auf die Beine und reibe mir die Augen. Das Kajalschwarz hinterlässt verschmierte Abdrücke auf meinen Handrücken, die ich achtlos an der Decke abwische.
In ein paar Schritten bin ich am Kleiderhaufen angelangt, der achtlos auf dem Boden liegt. Hastig durchwühlen meine Finger die Taschen. Bitte. Bitte, lass ihn dort sein. Der Verlust des Dolchs schmerzt schlimm genug. Ich kann nicht länger warten. Ich muss, ich brauche … Endlich ertasten meine Finger Metall und ich atme erleichtert aus. Im Gegensatz zu mir kann man ihm nicht ansehen, dass er den Kampf gegen eine Gottheit und einen Ausflug in ein magisches Gefängnis überstanden hat.
Ich verstaue den Schlüssel in einer Hosentasche und verlasse das Zimmer. Das Pochen begleitet mich weiterhin bei jedem Schritt, wird aber von einer belebenden Freude überschattet, die sanft auf meinen Lippen prickelt. Keine Geräusche dringen aus der Bibliothek zu mir. Die anderen nutzen diese Stunden bestimmt, um möglichst viel Ruhe zu bekommen. Ich sollte es auch tun. Es wäre das Vernünftigste. Ich werde den Schlaf brauchen. Mit Solas auf freiem Fuß, steht mehr denn je auf dem Spiel. Doch alles in mir sträubt sich dagegen, mich wieder hinzulegen.
Stattdessen zieht es mich ins Musikzimmer. Ich bleibe in der Mitte des Raums stehen, tauche in seine warme Atmosphäre ein. Vor meinem inneren Auge erscheint die Erinnerung an Bosheit, der mich vor einer gefühlten Ewigkeit zu Boden drückte. Direkt hier, vor meinen Füßen. Ich starre auf die Stelle, als wäre sie ein bleibender Fleck, und versuche das Gefühl des ersten Kusses heraufzubeschwören. Es gelingt nicht. Plötzlich wird mir bewusst, wie allein ich in diesem Gefängnis war. Ich sacke auf die Knie und finde von dort den Weg auf meine rechte Seite. Eine kalte Furcht droht, mich zu übermannen und ich weiß nicht, was ich dagegen machen soll. Ich bin wieder hier, in Sicherheit. Das Team hat mir geholfen zurückzukommen und hält trotz der Verluste zusammen, wie nie zuvor. Aber das ist nur eine Momentaufnahme. Wir sind in größerer Gefahr als jemals. Ich bin nicht bereit, noch jemanden von ihnen sterben zu sehen. Es ist genug.
Mittlerweile zittere ich am ganzen Körper und kann nur durch gezieltes Atmen verhindern, in Tränen auszubrechen. Ich hätte zur Vorratskammer gehen sollen. Hatte ich das nicht vor? Ich darf nicht weiter warten, ich muss Lucanis heute noch meine Liebe gestehen.
Zuerst jedoch muss ich meinen Mut wiederfinden und irgendwie von diesem Boden wegkommen! Die vertäfelte Decke stört sich nicht an mir. Wie ein Schutzschild schirmt sie mich von der Außenwelt ab. Ein- und ausatmen. Und noch einmal. Du kannst es.
Das Zittern wird weniger. Wir müssen versuchen, Bellara zurückzuholen, und Harding, Varric und jedes einzelne Wesen rächen, das durch Solas, Elgar’nan oder Ghilan’nain zu Schaden gekommen ist. Die bittere Erkenntnis, dass wir nie auf alle vorbereitet sein können, trifft mich wie ein Schlag. Wie gerne würde ich in die Zukunft schauen können und sehen was uns erwartet. Zugleich wünsche ich mir, dass es schon vorbei ist. Ich könnte mit Lucanis einen gemütlichen Abend im Café verbringen, mit Taash bei den Meistern des Schicksals den neusten Selbstgebrannten probieren und dann gegen hen im Armdrücken verlieren; mit Bellara im Arlathan Artefakte sammeln oder mit Davrin nach den Griffins sehen. Und mit Neve würde ich eine große Portion Backfisch teilen, um gut gesättigt an Emmerichs Seite durch den Garten der Nekropole zu schlendern. Verdammt, so unmöglich sind diese Szenarien doch nicht! Ist das nicht allein ein Grund, weiterzukämpfen? Um Normalität zurückzuerlangen? Nicht nur für uns, sondern für ganz Thedas. Alle haben das Recht, die großen und kleinen Dinge zu tun, die das Leben ausmachen.
Ich setze mich in dem Moment auf, in dem Lucanis hereinkommt. Seine Augenbrauen haben sich um eine Falte auf der Stirn zusammengezogen.
„Geht es Euch gut?“
Ich warte, bis er sich gesetzt hat. „Nein. Aber das wird schon.“
Lucanis lässt sein angewinkeltes Knie auf meine Beine sinken. Sein Lächeln erwärmt mein Herz. Ich rutsche näher an ihn heran. „Eure Anwesenheit hilft.“
Doch er scheint mich nicht zu hören. „Ich kann kaum glauben, dass Ihr hier seid, dass wir Euch gefunden haben. Ich dachte, ich sehe Euch nie wieder.“ In seinen Augen glänzen Tränen. Wenn er jetzt anfängt zu weinen, werde ich mich auch nicht mehr zurückhalten können.
Beruhigend streichle ich über sein Bein. „So einfach werdet Ihr mich nicht los, hatten wir das nicht bereits etabliert?“ Es fällt mir plötzlich nicht mehr schwer, die übliche Leichtigkeit in meine Worte zu legen.
Er stupst mich in die Seite. „Ihr seid immer noch absolut unmöglich.“ Ohne mich anzusehen, fügt er hinzu: „Das liebe ich an Euch.“
Die Zeit scheint stillzustehen. Dass die Sekunden dahinscheiden, merke ich nur an meinem klopfenden Herzen. Das ist er, der Moment.
„Lucanis, ich habe etwas für Euch.“ Ungeschickt fische ich den Schlüssel hervor. „Dieser Schlüssel hat zu Eurer Zelle geführt. Er erinnert mich daran, dass es selbst an den unerwarteten Orten Hoffnung gibt. Als wir ins Ossarium eingedrungen sind, war es, weil wir einen Auftragsmörder brauchten. Ich habe eine kalte, abgebrühte Person erwartet. Jemanden, der sich wenig Gedanken um die Gefühle der Personen macht, die ihn umgeben. Aber selbst mit einem unkontrollierbaren Dämon in Euch, wart Ihr unglaublich selbstlos. Ihr kümmert Euch um andere, habt versucht, Bosheit auf Kosten Eurer eigenen Gesundheit von uns fernzuhalten. Habt ihr eine Idee, wie oft ich der Vorratskammer war, in der Hoffnung, mich mit Euch unterhalten zu können?“ Ich lache kurz bei der Erinnerung daran. „Ihr seid so viel mehr für mich geworden. Noch nie in meinem Leben hatte ich so intensive Gefühle.“
Ich nehme seinen Kopf in meine Hände. „Lucanis Dellamorte. Ich liebe Euch mit jeder Faser meines Seins.“ Er lehnt sich vor, aber ich bin noch nicht fertig. Nicht ganz. „Wenn das hier vorbei ist, möchte ich mit Euch nach Treviso gehen. Ich weiß, dass Ihr Euch weiterhin Sorgen wegen Bosheit macht, aber ich möchte immer an Eurer Seite sein – wenn Ihr damit einverstanden seid. Wir können das schaffen, gemeinsam.
Habe ich bereits erwähnt, dass ich Euch liebe?“
Er weint. Zumindest fällt mir keine andere Erklärung für seine feuchten Wangen ein. Ich löse unsere Lippen, um die Tränen wegzuküssen.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, schluchzt er in meine Schulter.
„Ihr könntet zum Beispiel sagen, dass Ihr einverstanden seid, gemeinsam in Treviso zu leben“, schlage ich vor.
„Caterina wird uns keine ruhige Minute lassen“, murmelt er.
„Ich denke, damit kann ich leben.“
„Ich liebe Euch auch, Rook, aber ich glaube, das wusstet Ihr schon.“
Epilog
Das Dacht strahlt im Licht der Laternen wie der Nachthimmel. Für Treviso ist die Luft ungewöhnlich frisch, aber die Brise streichelt meine Haut. Ich fühle mich lebendig. Von unten dringen die Geräusche der Stadt wie ein entferntes Echo zu uns. Nervös drehe ich am goldenen Armreifen, der zu meinem Handgelenk hinuntergerutscht ist. Was machen Hände in solchen Situationen normalerweise? Ich wische mir die Finger an der Hüfte ab und zwinge mich, sie auf das Geländer zu legen. Hauptsache sie finden nicht wieder den Weg in die Hosentasche, in der die Schachtel wartet.
Ich weiß, dass sie da sind, spüre ihr Gewicht wie eine Erinnerung, die sich zu tief eingebrannt hat. Trotzdem habe ich in der letzten Stunde mehrfach nachgeprüft, ob ich die Ringe nicht doch irgendwie verloren habe. Die Götter zu besiegen, war leicht im Gegensatz zu diesem unerträglichen Warten.
Ich werfe Bellara einen Blick zu. Es kann jetzt nicht mehr lange dauern. Sagt mir doch, dass er jede Sekunde eintreffen wird. Meine Füße tragen mich zu den anderen herüber. Den Überlebenden der Schleierwacht, den besten Freunden und Freundinnen, die ich mir je hätte wünschen können. Die seidene Hose schmiegt sich sanft um meine Haut.
Es ist nur eine kleine Zeremonie, nichts Offizielles, sondern nur für uns. Die anderen haben den Boden mit Teppichen ausgelegt. Am Rand steht ein Tisch mit Pflaumenwein und Haselnusstorte. Meine Finger finden die Schachtel in der Tasche. Ich habe den Gefängnisschlüssel einschmelzen lassen. Jetzt bekommt er ein neues Leben, einen Nutzen. Es ist eine Überraschung, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie Lucanis gefallen wird.
„Seid Ihr bereit?“ Emmerich hat eine glänzende dunkelblaue Robe für den Anlass gewählt.
„Ich war in meinen Leben nie so nervös.“ Meine Zunge fühlt sich seltsam in meinem Mund an.
Er legt mir die Hand auf die Schulter. „Ihr habt weitaus Schlimmeres gemeistert. Erlaubt Euch, die besseren Zeiten zu genießen. Ihr habt es verdient, Ihr und Lucanis.“
Natürlich hat er recht. An den meisten Tagen gelingt es mir, die Vergangenheit nicht mit mir herumzutragen, aber nicht immer. Vor allem die Nächte sind hart. Zu oft verfolgen mich die Gesichter der Toten, die Erinnerungen an alle die Kämpfe. In meinen Träumen werden sie zu einer brachialen Macht, einer chaotischen Kugel, die Angst und Erlebtes nicht voneinander unterscheiden kann und unaufhaltsam auf mich zu rast. Wir alle tragen unsere Narben. Das ist es, was uns verbindet. Doch wir leben. Für diesen Tag, von dem ich dachte, dass er niemals kommt, habe ich gekämpft. Und es war jede Sekunde wert.
Wir wechseln ein paar Worte und dann nehme ich unter den Laternen Platz, die in der Brise schaukeln. Ich nehme die erwartungsvollen Gesichter in mir auf und eine tiefe Wärme bereit sich in mir aus. Im Nachhinein ist es schwer zu begreifen, wie viel Glück ich eigentlich hatte. Trotz allem, was mir passiert ist, allem, was wir tun mussten, habe ich die besten Personen kennengelernt. Mein Team. Verbindungen, die ein Leben lang halten.
Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Werden wir einer weiteren Gefahr ins Auge blicken? Ich kann nur mit absoluter Sicherheit sagen, dass ich nicht mehr von Lucanis‘ Seite weichen werde. Er war die größte Überraschung der letzten Monate. Er ist meine Klinge, mein Halt, meine Liebe.


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