14. Treviso
Content Notes
In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.
Am nächsten Morgen, während die anderen ruhig in ihren Betten schlummern, spreche ich mit Bellara. Obwohl ich es nicht geplant habe, sprudeln die Worte aus mir heraus. Ich erzähle ihr von meinen Ausflügen in die Vorratskammer, meiner Unsicherheit bezüglich Bosheit, dem Beinah-Kuss und der anschließenden schmerzvollen Leere. Am Ende erwähne ich sogar, dass ich von dieser verfluchten Loge gesprungen bin. An dieser Stelle lässt sie die Feder fallen, mit der sie sich Notizen macht, und starrt mich sprachlos an.
Danach verbreitet sich die Nachricht, dass Lucanis und ich zusammen sind wie ein Feuer. Gelegentlich bringen wir es zur Sprache, manchmal mit Worten, manchmal mit einfachen Gesten, bis wir uns von dauerhaftem Lächeln umgeben finden. Die Gruppe hat sich vom Hochgefühl anstecken lassen, das sich warm um uns legt und die vielen kleinen – und großen Probleme – lösbar erscheinen lässt. Davrin klopft mir mehrfach brüderlich auf die Schulter und Emmerich hört nicht auf, mich auf diese seltsam gerührte Art anzusehen. Bellara hingegen kann ihr freudiges Quietschen nicht verhindern, bei jeder kleinen Berührung, die Lucanis und ich austauschen.
Unser Kampf gegen Illario, vorwiegend mein Sprung in die Tiefe, wandelt sich jedoch zum häufigsten Gesprächsthema. Selbst die Krähen sprechen mich darauf an, sobald wir den Diamanten durchqueren.
„Wenn ich gewusst hätte, dass mich diese Geschichte nicht mehr loslässt, wäre ich in der Loge geblieben und hätte mich von Lucanis retten lassen.“
Neve kichert. „Es hat durchaus Vorteile, im Verborgenen zu operieren.“
„Sie sprechen ohnehin über Euch. Ihr führt den Kampf gegen die Götter an.“ Lucanis hat recht. Die Dinge haben sich verändert. Ich gehe längst nicht mehr anonym durch die Straßen. Jeden Tag drehen sich mehr Köpfe in meine Richtung. Lob umgibt mich, aber auch Flüstern hinter vorgehaltenen Händen; skeptische Augen der Wachposten, die nur auf einen Fehltritt warten, und zugleich mehrt sich Hoffnung. Auch Lucanis zieht Blicke auf sich. Seit er zur Ersten Kralle gemacht wurde, kann er dem öffentlichen Interesse genauso wenig entkommen.
Hat deshalb die mysteriöse Kontaktperson explizit nach mir gefragt? Weil unser Einfluss wächst? Weil wir Treviso weiterhin an der Seite der Krähen beschützen? Durch die Tür zum Café Pietra dringen keine Geräusche zu uns. Jemand scheint viel Wert auf Privatsphäre zu legen.
„Das ist eine Falle, oder?
Ich bin unschöne Überraschungen wirklich leid.“
Lucanis und Neve zucken mit den Schultern. Sie sind skeptisch und kampfbereit für den Fall, dass es hinter dieser Tür keinen Informanten gibt, der etwas über den Aufenthaltsort der Götter weiß. Kurz lasse ich den Blick über die nahen Dächer schweifen. Obwohl ich sie nicht sehen kann, spüre ich, dass sich ein paar Krähen zu unserem Schutz positioniert haben. Es ist eine leise Ahnung, die im Nacken kitzelt und offenbart, dass man nicht so allein ist, wie man zuerst dachte.
Hinter der Tür werden wir direkt von zwei riesigen Qunari in Rüstung festgehalten. Antaam. Natürlich. Als hätten wir mit den Venatori nicht bereits genug zu tun. Doch ehe ich nach meinem Stab greifen kann, werden sie zurückkommandiert. Der Qunari, der die Befehle erteilt, überragt mich selbst im Sitzen. Mir fällt die Spiralklinge auf, die an seinem Brustgürtel steckt, und die glanzlosen Augen. Ich weiß sofort, dass dies der Schlächter ist. Der Eroberer von Treviso und ein Feind der Krähen.
Was ist hier los?
Ohne Lichter, Pianomusik oder eifrige Gespräche fehlt dem Café die Seele. Statt Kaffee dringt mir der scharfe Gestank nach Hochprozentigem und Schweiß in die Nase. Und trotzdem heißt mich der Schlächter willkommen als wären wir alte Freunde. Ich setze mich ihm gegenüber, die anderen bleiben hinter mir stehen. Drei gegen drei. Wenn es dazu kommen sollte, könnten wir sie schlagen. Schließlich haben wir schon zuvor gegen Antaam gekämpft. Sie sind beweglicher als sie aussehen, aber bringt man sie erstmal zum Bluten, schwinden ihre Kräfte.
Ich mache mich groß, die Brust mit Luft gefüllt. Lucanis‘ Hand hat sich in meine Stuhllehne gekrallt. Ich kann sie am Rücken zittern fühlen. Aber er greift nicht ein, lässt mich entscheiden, wie wir mit dieser abstrusen Situation umgehen.
Während der Schlächter von Verrat und Korruption und seiner Liebe zu Treviso spricht, beobachte ich ihn genau: Die Furchen auf der ledrig grauen Haut, die farblosen Lippen, die dicke Ader an seinem Hals, welche sich bei jedem Atemzug sichtbar bewegt, die massiven Stiefel und die geraden Hörner, die hinter dem Helm beinah verschwinden. Es sind seine Augen, die mir einen kalten Schauer über den Rücken jagen. Dumpf rot und durchdringend. Tote Augen und zugleich mächtig, wissend.
Es ist schwer zu glauben, dass ihm die Stadt tatsächlich am Herzen liegt, dass er uns helfen will, sie zu beschützen. Auch ich bin nicht hier aufgewachsen und habe mich in Treviso verliebt, doch ich wurde nicht ausgesandt, um Tod und Chaos zu verbreiten. Wie ist es möglich, dass ein Antaam einen Sinn für Schönheit entwickeln kann? Ich glaube es einfach nicht, obwohl die Worte klar in mein Ohr dringen. Ich höre nichts als die Lüge, ein Theaterstück, mit Bedacht ausgedacht, aber stümperhaft umgesetzt. Selbst in seinem Lachen, das den Boden vibrieren lässt, schwingt keine Herzlichkeit mit.
Dieses Treffen war töricht. Ich sitze hier und verlasse mich dabei auf das Wort eines Antaam, der offensichtlich verrück geworden ist – oder zumindest kurz davor steht. Was hält ihn davon ab, seine gesamte Armee vorzuschicken und die Stadt unter ihr zu zerquetschen? Was gewinnt er wirklich, wenn er uns die gewünschten Informationen liefert?
„Ich habe Treviso erobert. Nicht verraten.“ Er beugt sich vor und zum ersten Mal erkenne ich etwas wie echte Sorge in seinem Gesicht. „Echte Götter durchstreifen die Lande, aber überall gibt es Abschaum, der nur das eigene Geld anbetet. Ihr hingegen seid anders.“
Die toten Augen wandern über uns, bewundernd. „Ihr seid ein Kunstwerk, genau wie diese Stadt.“ Die Ernsthaftigkeit seines Tons im Zusammenspiel mit seinem Lächeln sind verstörend. Ich fühle mich ausgeliefert, bedroht und umschmeichelt zugleich. Als würde ich in giftigem Honig feststecken. Ein Teil von mir möchte daran glauben, dass er uns helfen will. Ein anderer sucht nach dem unvermeidlichen Haken. Ich schwitze. Die Qunari stehen weiterhin regungslos hinter ihrem Anführer. Keine Anzeichen für einen Angriff. Lucanis nimmt die Hand von der Stuhllehne.
„Ihr habt dieses Treffen gewollt. Ihr wisst, dass wir Informationen über die Götter benötigen.“
Als das Lachen erneut den massiven Körper erschüttert, verstehe ich, an was mich seine Augen erinnern: Verderbtheit. Plötzlich ist das Café eng geworden. Die Luft dehnt sich aus und drückt heiß gegen mich, erstickt meinen Atem. Die Stimme des Schlächters ist überall, verzerrt zu der eines Monsters. Das ist also das Geschenk, was er von den Göttern erhalten hat. Er und seine Armee wurden verderbt, um uns alle vernichten zu können. Ich muss an die ersten Male denken, in denen Bosheit durch Lucanis gesprochen hat. Nur mit meiner gesamten Willenskraft kann ich verhindern, nach den Waffen zu greifen.
Ohne Vorwarnung windet der Schlächter sich, das Gesicht in Falten. „Ich kann ihr Flüstern hören.“ Sein Blick geht in die Leere. „Es wird ein Ritual stattfinden. Wenn ich nachgebe, weiß ich, wohin ihr müsst.“ Er zeigt auf meine Brust, doch nimmt mich erst eine Sekunde später wahr. „Aber ich werde mein Juwel verlieren. Ich verliere mich selbst und meine Stadt!“ Ein schmerzvolles Grunzen, ein Faustschlag, der den Tisch zum Erbeben bringt, und er steht in voller Größe vor mir. Noch halte ich Neve und Luanis zurück.
Ein umgestoßener Krug rollt zur Kante und verteilt seinen Inhalt auf der Tischplatte. Fahle Pranken krallen sich in das Holz. „Lasst uns ein Spiel daraus machen.“
„Es war niemals seine Stadt.“ Lucanis‘ Stiefel hinterlassen feuchte Spuren auf den Pflastersteinen. Zielstrebige, wütende Schritte. Der Wind zerrt an meinen schweren Roben, die wie eine zweite Haut an mir kleben. Wir verlassen den überschwemmten Bezirk mit seinen verrottenden Stegen, einsamen Überresten ertrunkener Häuser und der frischen Leiche des Schlächters.
Ich schicke Neve in den Leuchtturm zurück. Sie überspielt, wie schlimm ihre Verletzung ist, aber ich kann das Zucken ihrer Mundwinkel und die schiefe Körperhaltung sehen. Ob sie auch immer wieder das Bild dieser roten Augen vor sich sieht?
Nach der Verwandlung bestand der Schlächter aus reiner Wut. Wut und Klauen, die Oberschenkel aufreißen. Blut, das in die schwarze Tiefe des Wassers spritzt. Ein verlorener Verstand, der unerwartet in der Lage war, uns die fehlende Information zu geben. Haben wir uns als würdig erwiesen durch diesen Kampf? Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir benutzt wurden; dass der Antaam-Anführer durch unsere Hand sterben wollte.
Lucanis bleibt so plötzlich stehen, dass ich beinah in ihn hineinlaufe. „Ihr müsst das nicht tun, Ihr solltet Neve folgen und Euch ausruhen.“ Seine Worte versetzen mir einen Stich. Es sollte sich nicht so allein fühlen.
„Ich werde Euch nicht den Aufräumarbeiten überlassen. Ihr habt recht. Treviso war nie seine Stadt. Aber es ist Eure. Und das reicht mir als Grund.“
Das Café hat sich in ein Schlachtfeld verwandelt. Die Tür hängt schief in den Angeln, Stühle wurden achtlos umgekippt und Tische zerbrochen, wo der Schlächter auf dem Weg hinaus durch sie hindurchgefegt ist. Es riecht sauer nach verschüttetem Wein und der Boden ist mit Scherben und Holzsplittern übersäht. Einzig der goldene Löwenkopf über dem Eingang scheint unbeschadet zu sein.
Der Anblick dieser Zerstörung schmerzt, doch für Lucanis ist es gewiss schlimmer. Die Götter schaffen es immer wieder, Dinge, welche wir in mühevoller Arbeit erschaffen, mit einem Fingerschnippen zu zerstören. Dörfer wie D’Metas Übergang, Städte wie Treviso, dieses Café sind Nichtigkeiten in ihrem großen Plan. Doch Orte können etwas bedeuten. Ich bin kein Wesen aus engen Gassen. Diese riesigen Gebäude mit ihren hunderten leuchtenden Fenstern sind mir fremd. Dennoch hat mein Herz hier zum ersten Mal für Lucanis geschlagen. In dem Moment, in dem er über den Geschmack von ersten Küssen gesprochen hat, war es um mich geschehen.
Ich möchte, dass das Café bewahrt bleibt, möchte daran glauben, dass Lucanis und ich noch mehrere gemeinsame Abende in Frieden hier verbringen werden, wenn dieses Abenteuer vorbei ist. Ich kann unser Ziel bereits am Horizont sehen. Elgar’nans und Ghilan’nains Tage sind gezählt. Die Tränensteininsel also. Umgeben von einer Armee, sodass wir sie nicht erreichen können. Ich bin noch unschlüssig darüber, ob die Götter klug oder feige sind.
„Glaubst du, dass wir ihm vertrauen können?“
Lucanis hebt eine Tasse auf, die exakt in der Mitte zersprungen ist. „Es erscheint unklug, überhaupt einem Antaam zu vertrauen. Aber welchen Grund hätte er, uns anzulügen? Wenn er nur hätte sterben wollen, hätte das einer seiner Anhänger gewiss mit Freuden übernommen.
Aber musste er ausgerechnet dieses Café verwüsten?“
In einem Atemzug bin ich neben ihm. „Macht Euch keine Gedanken. Krüge, Tische, Stühle … all das lässt sich ersetzen. Solange Treviso steht, ist nichts verloren.“
Aus einer Berührung wird eine Umarmung und schließlich liegen unsere Lippen aufeinander. Ich werfe das Holzstück in die Ecke, welches ich noch in der Hand habe, und lehne mich tiefer in den Kuss. Unter unseren Füßen knacken Scherben.
„Ach so ist das also.“ Auf einem Balkon über uns ist die schlanke Figur des Stadthalteres aufgetaucht, flankiert von zwei Antaam. „Genießt Ihr es, Euch von den Krähen benutzen zu lassen?“
Wie ertappte Schulkinder stieben wir auseinander.
„Ivenci.“ Ich verschränke die Arme.
„Wollt Ihr Treviso deshalb nicht in Ruhe lassen? Damit Euer Liebhaber nicht von Euch enttäuscht ist? Sagt mir, bevorzugt Ihr den Menschen oder den Dämon?“ Eine abwertende Geste. „Nein, sagt es mir nicht. Manche Dinge sollten lieber im Verborgenen bleiben.“
Lucanis fängt schweigsam an, weitere Scherben aufzusammeln. Sein Kiefer ist sichtbar angespannt.
„Was wollt Ihr, Ivenci?“ Insbesondere mit den Antaam an Eurer Seite. Eine böse Vorahnung legt sich kribbelnd auf meinen Nacken. „Sollte dies nicht Eure Aufgabe sein?“ Ich deute auf das Chaos um uns herum.
Ein überhebliches Lachen regnet zu uns herunter. „Stets der Helde. Worauf wartet Ihr eigentlich noch? Endlich habt Ihr einen Ort für Eure letzte sinnlose Konfrontation. Geht zur Tränensteininsel und sterbt einen ehrenvollen Tod.“
Lucanis hält in seiner Bewegung inne. „Ihr wusstet es die ganze Zeit?“
Ivenci hat Treviso verkauft. Natürlich. Deswegen war ich hen von Anfang an ein Dorn im Auge.
„Es war ein kleiner Preis, um die Stadt zu beschützen. Niemand sonst hätte sterben müssen, außer den nutzlosen Krähen.“ Hen klingt wie ein arrogantes Kind. Wie gerne würde ich jede einzelne Zierfeder aus hens Mantel reißen.
„Verrat“, knurrt Bosheit. Lucanis setzt zum Sprung an, aber der Balkon ist zu weit oben und Ivenci dreht uns bereits den Rücken zu.
„Vergesst nicht, das ist immer noch meine Stadt.“
Die gewohnte Mischung aus Schwarz und Lila wirbelt an mir vorbei. Bosheits Flügel breiten sich aus, während er in perfekter Fusion mit Lucanis durch die Luft fliegt. Doch wie ich befürchtet habe, ist es zu spät. Ivenci und die Antaam verschwinden hinter einer Tür. Wenige Sekunden später landet Lucanis.
„Sie alle beanspruchen Treviso, als wäre die Stadt eine Ware, um die man auf dem Markt feilscht.“
Ich lächle aufmunternd. „Ivenci glaubt, sich hinter den Antaam verstecken zu können. Aber das wird hen nicht schützen.
Und damit das klar ist: Ich helfe Treviso nicht, um Euch zu beeindrucken, sondern weil mir die Stadt am Herzen liegt.“
Er drückt meine Hand und haucht meinen Namen. „Wie immer, danke. Für alles.“
Ein paar Krähen kommen hinzu und nach einer Weile weitere Unbeteiligte, sodass das Chaos bald beseitigt ist. Jemand holt neue Stühle aus einer Seitentür, die Tassen und Krüge hinter der Theke sind größtenteils unbeschadet davongekommen und plötzlich erfüllt der Duft nach Kaffee die Luft.
Mit dem Ärmel reibe ich Dreck von einer bauchigen Metallkanne und bewundere unsere Arbeit, während die letzten Tische hereingebracht werden. Egal wie oft die Götter es versuchen, wir bauen wieder auf, was sie zerstören. Wir sind stärker. Gemeinsam.
Erschöpft lehne ich mich gegen das Terrassengeländer. „Ich kann kaum erwarten, im Leuchtturm die Füße hochzulegen.“
Lucanis gesellt sich dazu. Die Lichter der ersten Laternen spiegeln sich in seinen Augen. Mit dem kleinen Finger streift er über meinen Ellbogen, aber die Falte auf seiner Stirn verrät, dass etwas ihm zu schaffen macht. Ich ziehe die Arme zurück und wende mich ganz zu ihm. „Wir können sofort gehen, wenn Ihr möchtet.“
„Nein. Das ist es nicht.“ Er atmet hörbar aus, fährt sich durch das Haar und lehnt sich tiefer auf das Geländer. „Ich weiß, es war einer dieser unmöglich langen Tage, aber könnt Ihr Euch vorstellen, noch etwas zu bleiben? Ich habe möglicherweise eine Idee.“ Seine Lippen nähern sich meinem Ohr.
Der sanfte Hauch seines Atems kitzelt mich. „Trefft mich am Kanal beim Diamanten. Ich bin bereit.“
Das Herz in meiner Brust schlägt so stark, als könne es jeden Augenblick herausspringen. Meine beflügelten Schritte berühren kaum die Pflastersteine und ein Lächeln, wie es sonst nur der Alkohol hervorzaubert, bringt mein Gesicht zum Strahlen. Ich stelle mir vor, wie er am Steg auf mich wartet, eine Hand locker abgestützt, die Rüstung möglicherweise bereits abgelegt. Ich bin bereit. Die Worte schmecken süß in der feuchten Luft, die von den Kanälen heraufzieht. Ich wehre einen Mückenschwarm mit der Hand ab. Jetzt ist es nicht mehr weit.
Nach dem Schlächter, Ivenci und dem Aufräumen habe ich für die nächsten Tage nicht mit einem gemeinsamen Abend gerechnet. Ich bin unvorbereitet. Aber das spielt keine Rolle. Ebenso wenig wie meine steifgetrocknete Robe, die an mir herabhängt und nur zu deutlich ihre eigene Geschichte des heutigen Tages erzählt. Zwar verdeckt die hereinbrechende Nacht die Flecken, dennoch verrät mich der Geruch nach Schweiß, Salz und Verderbnis.
Am Fuß der Treppe zum Wasser erblicke ich niemanden und für eine bittere Sekunde zieht sich mein Magen zusammen. Doch dann erkenne ich die dunkel gekleidete Gestalt am Ende des Stegs sitzen.
Lucanis steht auf, so plötzlich, dass ich damit rechne, dass er mich gegen die Mauer drückt, so wie er es einst in der Küche getan hat. Er kommt jedoch nicht näher, sondern kramt in seinen Taschen und entzündet eine Lampe, die er in die nächste Gondel hängt. Seine Hände zittern. Ich kaue auf meiner Lippe, während ich ihm zusehe, wie er die Gondel näherholt und vorsichtig hineinsteigt.
„Rook, ich hatte das hier für einen anderen Abend geplant. Einen ruhigeren Abend. Euch heute jedoch zum wiederholten Mal dabei zu beobachten, wie Ihr meine Heimat mit Eurem Leben beschützt, hat mir klargemacht, wie glücklich ich mich schätzen kann. Euch bedeutet Treviso wirklich genauso viel wie mir.“
Ich ergreife seine ausgestreckte Hand und setzte mich hinter ihn, lasse mich entführen ins Unbekannte. Wir fahren weit heraus, bis die Stadt mit ihren vielen Lichtern wie ein gemaltes Firmament hinter uns liegt. Lucanis verlangsamt die Gondel. Seine Hände zittern nicht mehr und ich wende den Blick höher, um zu erkennen, wo die Grenze zwischen Sternen und künstlichen Lichtern liegt. Der Steg fällt mir erst auf, als wir daran andocken. Ein spärlich beleuchteter Weg führt den Steilhang zwischen den Weinbergen hinauf. Obwohl ich nach der ersten Kurve schon außer Atmen bin, streben wir weiter und weiter hinauf, ohne dass ich mir erlaube, langsamer zu werden. Begleitet vom Zirpen der Zikaden nähern wir uns einem schlichten Gebäude aus Kalkstein.
Ich wage es nicht, diesen Moment durch meine Fragen zu zerstören. Gerade genügt mir das erwartungsvolle Glitzern Lucanis‘ Augen, sobald er sich zu mir dreht. Als wolle er sichergehen, dass ich auch wirklich anwesend bin. Ich drücke seine Hand zur Antwort fester und lächle die Anstrengung des Aufstiegs weg.
Sobald wir das Gebäude erreichen, verschwindet er in einer Nebentür und ich ruhe die schmerzenden Oberschenkel auf einer niedrigen Mauer aus. Von hier aus erscheint der Steg unwirklich klein und die Lichter der Stadt verschwinden fast vollständig hinter dem Berg. Treviso wirkt wie ein Dorf. Vielleicht wäre das ein besseres Schicksal: zu klein und unbedeutend, um für das Spiel der Götter interessant zu sein.
Hörbar quietschend fällt eine Tür ins Schloss. Lucanis legt die Arme von hinten auf meine Schultern, eine Flasche Hauswein in der Hand.
„Bevor Ihr wieder auf die Idee kommt, irgendwo teuer etwas zu besorgen.“ Sein Atem hinterlässt einen Schauer auf meinem Nacken.
„Wartet!“ Ich schiebe ihn weg, um mich genauer umzusehen. Neben einem runden Fenster, das von Efeuraken fast überwuchert wird, hängt ein Wappen an der Wand. Es zeigt ein großes D. „Sagt mir nicht, dass das Euer Weingut ist.“
„Nicht meins. Nein. Das meiner Familie.“ Er entkorkt die Flasche mit den Zähnen. Eine Geste, die zugleich derb und sexy ist. Da ist wieder der Hauch eines Zögerns in seiner Mimik, aber es verschwindet sofort.
Er legt die Flasche an meine Lippen, stellt sich jedoch so ungeschickt an, dass ich lachen muss und die rote Flüssigkeit über mein Kinn läuft. Ich möchte mit dem Handgelenk darüberwischen, doch Lucanis‘ Zunge ist schneller. Sie hinterlässt sie eine feuchte Spur, verweilt am Scheitelpunkt des Kinns, wo sich seine Lippen für ein paar Sekunden schließen.
Hitze und dann streift ein Windhauch meine Haut. Irritiert öffne ich die Augen. „Lasst uns weitergehen.“ Lucanis entfernt sich von mir. „Es ist nicht mehr weit.“
Es muss bereits weit nach Mitternacht sein, doch da ist keine Müdigkeit in meinen Knochen. Die Nacht beschwingt mich, schenkt mir Lebendigkeit. Ich bereite mich auf weitere Steigungen vor, stattdessen folgen wir einem Pfad in einen Eichenwald hinein.
Ich kann das Wasser riechen, bevor ich es sehe, was nicht nur daran liegt, dass mein Blick an Lucanis klebt, sondern auch an der dichten Flora, die uns vor dem Rest der Welt verbirgt. Durch die Blätter und Sträucher, die unsere Beine beim Vorbeigehen streifen, kann ich den Pfad längst nicht mehr erkennen, Lucanis scheint jedoch genau zu wissen, wohin er geht. Wir steigen über einen querliegenden Stamm, schieben gemeinsam einen dicken Ast beiseite und landen in einer Öffnung im Blätterdach. Der See vor uns ist kaum größer als der Speisesaal im Leuchtturm. Auf seiner dunklen Oberfläche spiegeln sich die Sterne.
„Als Kind habe ich immerzu trainiert. Zum Teil, weil ich musste, und zum Teil, weil ich nichts anderes kannte. Ich habe viel Zeit auf Trevisos Dächern verbracht. Immer bereit, in all dem Stein. Wenn die Familie auf dem Weingut war, sind Illario und ich heimlich hergekommen. Ich bin ziemlich sicher, dass es nichts von seinem Zauber verloren hat.“ Er stellt die Weinflasche ab und beginnt, sich zu entkleiden.
„Keine Sorge. Das Wasser ist warm.“
Die flinken Finger öffnen einen Knopf nach dem anderen, während mein Herz das Blut noch schneller durch meine Adern pumpt – falls das überhaupt möglich ist. Verflucht, mir ist heiß. Ganz vorsichtig öffne ich meine Roben und schlüpfe aus meinen Schuhen. Ich suche in Lucanis‘ Gesicht nach einem Anzeichen dafür, dass ich aufhören soll, finde aber nur Entschlossenheit. Bald steht er in einem dünnen weißen Hemd vor mir, dessen Ärmel er hochschiebt, bevor er sich zu den Schnüren seiner Hose beugt. Das Sternenlicht betont die Definitionen seiner Armmuskeln und wirft Schatten auf andere Regionen. Die letzten Teile verschwinden schneller als ich es verarbeiten kann. Erst jetzt fällt mir auf, dass meine Finger mit ihrer Arbeit aufgehört haben. Ich nehme einen tiefen Atemzug. Das hier ist real. Wir haben es verdient. Die anderen werden uns noch nicht vermissen. Sie wissen, dass wir aufeinander aufpassen können.
Ich drehe mich etwas weg, um mich nicht direkt vollkommen zu offenbaren. Genau wie Lucanis lege ich die Kleidungsstücke zu einem gefalteten Haufen zusammen, bevor ich ins Wasser wate. Es ist tatsächlich ungewöhnlich warm. Sobald es meine Taille umschließt, wage ich es wieder, den Blick zu heben.
„Ich das wirklich in Ordnung für Euch?“ Ich werde den Gedanken nicht los, dass das hier zu spontan geschieht, dass er sich nur für die Sache mit dem Schlächter dankbar zeigen will.
Er schwimmt mir entgegen. „Mit Euch allein im Wasser zu sein? Solange nicht gleich ein Feuer ausbricht, das unsere Kleidung zerstört, geht es mir gut.“
Ich spritze ihm eine Wasserfontäne entgegen und gleite schneller zur Seite, um vor seinem Gegenangriff sicher zu sein. Stattdessen wischt er sich bloß das Gesicht auf dem ein verliebtes Lächeln liegt. „Rook, Ihr seid wunderschön.“ Jede spielerische Streitlust in mir erlischt. Ich lasse mich von ihm umfassen und seine feuchten Lippen auf meine drücken. Für eine Sekunde bin ich ganz im Kuss versunken, dann fällt mir auf, dass er mich hinunterdrückt. Der Versuch mich loszureißen, kommt zu spät. Ich kann nicht einmal mehr Luft holen. Unter der Oberfläche komme ich sofort frei, allerdings nicht ohne eine große Menge metallisch schmeckendes Wasser zu schlucken.
„Na warte!“, rufe ich hustend und stürze mich auf ihn. Es stellt sich heraus, dass Assassinenreflexe nicht fürs Wasser trainiert werden – oder meine Dalish-Natur den perfekten Konter bietet. Am Ende jedenfalls hebt Lucanis ergebend die Hände. Er geht ans Ufer und nimmt einen tiefen Schluck aus der Weinflasche. Silbern glänzende Tropfen rinnen seinen Körper herab.
„Also keine weiteren Tatoos“, stellt er grinsend fest.
„Seid Ihr da wirklich sicher? Ich würde an Eurer Stelle noch mal sichergehen.“ Doch mein Vorschlag lockt ihn nicht ins Wasser zurück, weshalb ich ihm ans Ufer folge und die Flasche aus seinen Händen löse.
Allerdings entfaltet der Alkohol zusammen mit den Rückständen auf meiner Zunge einen seltsamen Geschmack, sodass ich den Wein schnell wieder zurückstelle. Lucanis zieht mich zu sich und verteilt kleine Küsse auf meinen Schulterblättern.
„Rook, was gefällt Euch?“ Ich bin unsicher, ob ich sprechen kann. Da ist eine Gänsehaut an meinem gesamten Körper, die nichts mit der Nachtluft zu tun hat. Er zieht mich ins Wasser zurück und legt von hinten die Arme um mich. Ich fühle, wie sich seine Brust mit jedem Atemzug gegen mich drückt, spüre sein Herz hämmern. Dann ist da noch etwas anderes, das schräg gegen meine Hüfte drückt. Er lässt nicht los, sondern presst uns fester aneinander. Die Wasseroberfläche bildet um uns Wellen.
Kurz huscht die Frage durch meinen Verstand, wo sich Bosheit in diesem Moment aufhält. Wie weit kann er sich entfernen, um nicht Zeuge dessen zu werden, was sich hier abspielen könnte? Im Leuchtturm habe ich mir ihn immer im nächsten Raum vorgestellt, gelangweilt auf die Tür starrend. Zwischen meinen flimmernden Augenlidern prüfe ich das Unterholz. Natürlich kann ich niemanden sehen. Ein intensiver Kuss und der Gedanke an Bosheit verschwindet.
„Seid Ihr wirklich sicher, dass Ihr das wollt?“ Gut, ich bin noch in der Lage zu sprechen und ganz offensichtlich möchte mich die Vernunft gerade quälen. Ich befreie mich sanft und schaue in die dunklen Augen, welche die Nacht schwarz färbt. „Wir könnten es langsam angehen“, füge ich hinzu. Meine Stimme klingt fremd und heiser.
Alles, was ich im anderen Gesicht sehe, ist liebevolle Begierde. „Genau, langsam.“ Er beißt sich auf die Unterlippe. „Ich habe nicht vor, Euch vor Sonnenaufgang gehen zu lassen.“
In Ordnung, ich gebe auf. Soll er mich doch mit Haut und Haaren verschlingen. Ich greife nach vorne und fahre über die überraschend glatte Brust, nehme jedes Erschaudern, jede Veränderung genau wahr. Unsere Lippen finden sich und da ist keine Zurückhaltung, kein Zögern mehr. Wir küssen uns lang. Irgendwann erinnere ich mich, zu atmen, löse mich aber nur so lang wie nötig. Nichts existiert außerhalb dieses Sees. Es gibt nur uns beide und das Wasser. Möglicherweise vergehen Stunden während wir uns zunehmend hemmungslos berühren, vielleicht sind es bloß Minuten. Als ich jedoch in einer Pause zum ersten Mal wieder die Umgebung wahrnehme, könnte ich schwören, dass es heller geworden ist. Instinktiv suche ich nach einem Hinweis auf die Sonne.
Lucanis ergreift meine Hand. „An was denkt ihr?“
Ich blinze und schüttle leicht den Kopf. „Nichts. Ich bin einfach glücklich.“
Er führt die Hände in meinem Nacken zusammen. „Das trifft sich gut.“ Er lächelt so breit, dass ich seine Zähne sehen kann und ich verliere mich in seiner Schönheit. Ein Stöhnen entrinnt meiner Kehle, nicht vor Verlangen, eher weil meine Gefühle mich überwältigen. Wenn ich es zulassen würde, könnte ich augenblicklich weinen. Wir legen Stirn an Stirn, heißer Atem auf feuchter Haut. Von da beginnen seine Hände zu wandern. Und sie sind schonungslos. Ich schwebe irgendwo zwischen Lucanis‘ Haaren, dem Rand seiner Lippen und dem Himmel.
Entschlossen fahre ich die Formen seines Rückens nach, spüre wie er sich mir entgegendrückt. Wir werden lauter. Wie atmet man nochmal? Stöhnen wird zu Wimmern, zu Flehen. Ich weiß nicht mehr, wo ich anfange und wo Lucanis. Waren wir nicht schon immer eins? Das hier soll bitte niemals enden. Diese Nacht soll ewig weitergehen.
Am Rande meines Bewusstseins bemerke ich, wie sein Bart meine Haut aufraut. Irgendwo heult eine Eule. Das Geräusch dringt wie ein entferntes Echo zu mir, als wäre es nicht real. Aber das hier ist real. Die Lippen, die jetzt wieder hungrig auf meine gepresst sind, die Finger, welche atemberaubende Dinge tun. Ich sauge jede einzelne Sekunde auf, aus Angst ich könne sie eines Tages verlieren. Mehr und mehr verschwinden meine Gedanken in Wolken, bis nichts mehr existiert als unsere nackten Gefühle.
Danach schiebe ich Lucanis auf die flache Stelle des Ufers. Erde und feine Blättchen bleiben an seiner Haut kleben. Er legt sich ein wahlloses Kleidungsstück unter den Rücken, während ich die Gelegenheit nutze ihn zu bewundern. Doch ich halte es nicht lange aus, ohne ihn zu berühren. Langsam beuge ich mich über den nackten Körper. Genau achtundzwanzig Küsse brauche ich, um mich von seinen Brustwarzen zu seinem Schoß vorzuarbeiten. Das erwartungsvolle Zucken beantworte ich mit einem verspielten Lächeln.
„Nicht, nicht aufhören.“
Ich beuge mich tiefer. Meine Haare tropfen auf seinen Bauch. „Höre ich da ein Bitte?“
Lucanis‘ Hände vergraben sich im Boden. Er schiebt die Hüfte näher und protestiert. Ich lasse ihn nicht länger zappeln, sodass sich seine Worte in ein unverständliches Stöhnen verwandeln. Es geht schnell. Ich spüre es in der Art, wie sein Körper zuckt, wie seine Finger sich verkrampfen, verzweifelt nach Halt suchend. Aus seiner Kehle entkommt ein Japsen.
Ich lecke mir die feuchten Lippen und rolle mich neben den hilflos Erschöpften. Meine Hand tastet nach dem Wein, findet ihn nicht, weil ich den Blick kaum von Lucanis lösen kann. Selbst jetzt außerhalb des Wassers ist es warm. Mein Herz beruhigt sich langsam, findet einen fröhlichen Tackt ganz ohne Aufregung, nur erfüllt von Freude.
„Lebe ich noch?“ Lucanis blinzelt mich konfus an.
„Braucht ihr einen Schwall Wasser im Gesicht, um zu Euch zu kommen? Ich bin gerne zu Diensten.“ Ich springe von einer unerwarteten Energie gepackt auf die Füße und strecke mich.
Anstatt zu kontern, setzt er sich in den Schneidersitz. „Das war unglaublich.“ Er klingt, als sei er betrunken. Ich hoffe, er kann ich meinen Augen sehen, wie gerne ich ihn in den Arm nehmen würde, wie glücklich ich bin. Ungelenk beuge ich mich zum Wein.
„Diesen Hintern habe ich schon immer gemocht.“ Lucanis hat sich angeschlichen und umfasst meine Backen.
„Herr Dellamorte, ich bin empört über Ihre Schamlosigkeit“, scherze ich und schmiege mich in seine Umarmung. Sein Kinn liegt schwer auf mir.
„Sollen wir etwas schwimmen?“
„Nichts lieber als das.“
Wir drehen einige entspannte Runden, während sich der Himmel über uns zunehmend blau färbt.
„Was ist eigentlich mit Bosheit heute Nacht?“, frage ich nach Minuten der Stille.
Lucanis hört auf zu schwimmen und sieht mich entschuldigend aus großen Augen an. „Rook, habe ich Euch nie erzählt, dass er Momente der Zweisamkeit meidet? Üblicherweise verzieht er sich, sobald wir uns zu nahekommen. Ich vermute, es hat mit unserem ersten Kuss zu tun.“ Unser erster Kuss. Was für eine ferne Erinnerung. So viel ist seitdem passiert.
„Es muss seltsam für Euch gewesen sein, nicht zu wissen, ob wir heute von einem Dämon beobachtet werden.“
Ich zucke mit den Schultern. „Ich bin nur um den Armen besorgt. Er muss sich ziemlich langweilen.“
Lucanis scheint mit dieser Antwort nicht zufrieden zu sein, weshalb ich ihm beschwichtigend über den Arm streiche. „Ich vertraue Euch. Voll und ganz. Ich denke die letzten Stunden sind Beweis genug. Aber falls Ihr eine weitere Demonstration braucht …“
Zwei Libellen tanzen über die Wasseroberfläche. Die Sonne ist aufgegangen, doch es fällt mir erst auf, als die Natur um uns erwacht. Möglicherweise bin ich auch für kurze Zeit auf Lucanis‘ Schulter eingenickt. Wir haben uns ans Ufer zurückgezogen und die zerknitterten Hemden übergezogen, aber unsere nackten Zehen graben sich weiterhin in den feuchten Boden.
„Ich könnte jetzt wirklich einen Kaffee gebrauchen.“ Lucanis ist schwer zu verstehen, da er beim Sprechen gähnt.
Ich stoße die leere Flasche mit dem Fuß an. „Ihr habt nicht zufällig Kaffee in diesem Weingut von Euch?“
„Es wird kein guter sein.“
„Gerade nehme ich alles, was meine schweren Gliedmaßen bekämpft. Aber wahrscheinlich sollten wir zum Leuchtturm zurückkehren. Ich mag den Gedanken nicht, Euch den guten Stoff vorzuenthalten.“
Die Sonne steht schon viel höher als wir unter dem Blätterdach erkennen konnten. Wir halten einen Moment inne, unsere Handrücken berühren sich sanft, noch nicht bereit in die wirkliche Welt einzutauchen.
Ein Blinzeln und plötzlich verdunkelt sich der Himmel, als würde sich eine Wolke vor die Sonne schieben. Aber es ist der Mond, der sich unnatürlich auf die Sonne zubewegt, bis er sie vollkommen verdeckt. Das kann nicht sein. Schlagartig wird mir klar, dass meine Feinde soeben die Spielregeln geändert haben. Blutrotes, giftiges Licht verschmutzt den Himmel und erstickt alle Gefühle der Freude. Und mir kommt der Gedanke, dass ich heute ein Treffen mit Morrigan gehabt hätte.


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