Krähenherz – Der letzte Akt

13. Der letzte Akt

Content Notes

In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.

Geräuschlos gleitet die Gondel durch die Nacht. Die sonst so einladenden Lichter der Stadt wirken kalt und abweisend. Zum wiederholten Mal frage ich mich, was Illarios Plan ist. Glaubt er wirklich, alle Krähen auf seine Seite ziehen zu können? Oder möchte er sie mit Hilfe seiner neuen Freunde unterwerfen? Nach dem, was wir im Tempel der Sonne gesehen haben, weiß ich, wie leicht es ist, die Menge zu kontrollieren. Aber Illario ist kein Elfengott. Nur weil er Bosheit zurückweisen konnte, macht ihn das nicht zum mächtigsten Magier der Stadt – und genauso wenig zum Anführer der Krähen. Dieser Posten gebührt weiterhin Caterina, sollte sie tatsächlich am Leben sein.
Eine Briese trägt die feuchte Kanalluft zu uns, während wir andocken. Die Dellamorte-Villa ist von hier unten kaum zu erkennen. Ein Kribbeln ergreift von mir Besitz. Ich werde den Ort betreten, an dem Lucanis aufgewachsen ist. Bedauerlich, dass es nicht unter besseren Umständen passieren kann.
Ein letztes Mal prüfe ich die Ausrüstung, dann betreten wir den Tunnel unter der Villa. Aufgescheuchte Ratten fliehen mit panischem Quietschen zwischen unseren Füßen hindurch in die Nachtluft. Lucanis allerdings scheint die Nähe zu seinem zu Hause aufblühen zu lassen. Er erzählt, wie er als Kind eigenhändig diesen Kellerzugang gefunden hat, ein alter Fluchttunnel von dem Illario nichts weiß. Beim Durchstreifen längst vergessener Orte, habe ich mir früher oft versucht vorzustellen, wie sie in ihrer Glanzzeit ausgesehen haben mögen und welche Geschichten die Räumlichkeiten wohl verbergen. An Lucanis Stelle hätte ich dieses Anwesen sicherlich auch bis in den letzten Winkel zu erkundet sehr, auch wenn mein eigentliches Aufwachsen unter freiem Himmel nicht unterschiedlicher hätte sein können.
„Glaubt Ihr, dass Caterina die ganze Zeit hier war?“ Illarios Spezialität scheint darin zu bestehen, Tode von Familienmitgliedern vorzutäuschen. Ich muss daran denken, dass es irgendwo ein Grab mit Lucanis‘ Namen geben muss. Ein Grab, in dem eine falsche Leiche liegt.
Lucanis wendet sich mir beim Sprechen nicht entgegen. „Ich vermute es.“ Wir sind an einer scheinbaren Sackgasse angelangt. Im Licht meiner Kugel werden morsche Planken sichtbar, die den Weg versperren. Lucanis beginnt damit, sie zu lösen.
Rotes Licht dringt uns zwischen den Brettern entgegen. Bevor ich seinen Ursprung verstehe, splittert das Holz und ein Venatori springt uns entgegen. Lucanis hat keinen Platz auszuweichen, zu dicht stehe ich hinter ihm. Gerade rechtzeitig reißt er die Planke hoch, in der das Kultistenschwert stecken bleibt. Jetzt hat er das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Er schiebt den Angreifer zurück in einen düsteren Lagerraum. Bosheits Flügel wachsen aus seinem Rücken, er vollführt eine Drehung in der Luft, bei der er seinen Dolch zieht, und landet hinter dem übertölpelten Venatori. Der Mann kann nicht einmal blinzeln, bevor das Blut aus seiner frisch geöffneten Kehle strömt. Natürlich entgeht Lucanis jeglichen Spritzern.
„Er hat sie wirklich in mein Haus gelassen. Jetzt kann ich hier alles putzen.“
Ich spare mir den Kommentar darüber, dass unser Vorgehen auch nicht gerade sauber ist, und folge Lucanis die Treppe hoch. Wir steigen höher und höher und lassen die kaltfeuchte Luft zurück. Hinter ausgedehnten Lagern gelangen wir in einen größeren Raum mit brennendem Kamin, der mich an den Leuchtturm erinnert. Wir machen kurzen Prozess mit den zwei Venatori, die am Tisch sitzen, und hinterlassen einen zerbrochenen Stuhl, ein schiefes Bild, zertrümmerte Kisten und knisternde Magie.
„Schaut, wozu ihr mich zwingt“, brummt Lucanis, obwohl niemand außer mir ihn hören kann. Im Anschluss wird sein Blick sanfter. „Ich bin froh, dass Ihr an meiner Seite seid.“ Er zieht mich schwungvoll zu sich, sodass ich froh bin, dass die Salbe ihr Versprechen gehalten hat, und küsst mich, küsst mich inmitten des Chaos als gäbe es kein Morgen. „Wir sind ein gutes Team.“
Die Wärme seines Körpers ist weiterhin bei mir, als wir das Erdgeschoss betreten. Es ist nur eine unscheinbare Tür und plötzlich stehen wir in einer atemberaubenden Halle. Kurz lausche ich in die Stille hinein, doch keine Schritte schallen über den glänzenden Marmorboden. Ich habe viele der antivanischen Häuser von außen gesehen und erinnere mich gut an den Prunk der riesigen Kirche, dennoch hat es nicht gereicht, mich auf diesen Luxus vorzubereiten. Die Stofftapete mit feinen floralen Elementen glänzt lila-gold und ist von Säulen aus teuerstem Holz unterbrochen, die eine kunstvolle Gewölbedecke bilden. Wuchtige Sofas mit hellen Bezügen laden zum Verweilen ein, Statuen und verzierte Truhen stehen herum. Es gibt Vasen, Gemälde in dicken Rahmen und gigantische Kronleuchter. Es ist ästhetisch, es ist stilvoll und doch ist es unpersönlich. Ich sehe Lucanis hier nicht als Kind umherrennen und Fangen spielen, eher strahlt dieses Haus die Strenge eines Internats aus, wo man stets auf die eigene Haltung achten muss. Ja nicht zu schnell gehen, damit keines dieser wertvollen Dinge Schaden nimmt. Jetzt verstehe ich, wieso er sich nie wirklich frei gefühlt hat.
Er steht an einem Tisch mit gepolsterten Stühlen und schiebt einen Zettel näher, den Illario anscheinend für irgendwelche Bedienstete hinterlassen hat. „Ich werde nicht zulassen, dass das Haus meiner Großmutter untergeht“, liest er den letzten Satz laut. „Er hält sich tatsächlich für einen Helden.“ Lucanis‘ Faust zuckt, doch dann lässt er die Nachricht unversehrt liegen.
Ein großer Teil Möbel in den anderen Räumen ist abgedeckt, was für mich keinen Sinn ergibt. Wieso hat man all diesen Luxus, wenn man ihn nicht nutzt? Obwohl Lucanis mir den direkten Weg weisen will, irren wir einen Moment herum und enden mehrfach vor verschlossenen oder zugestellten Türen.
„Lasst es uns durch die Bibliothek versuchen“, schlägt er vor, als wir in der ersten Etage zum dritten Mal in einer Sackgasse landen. Ich folge ihm zurück, über dunkle Teppiche, die genau in der Farbe der Vorhänge gehalten sind, doch bevor wir die Treppe erreichen, stellen sich meine Nackenhaare auf. Zuerst ist es ein Flimmern, eine kaum wahrnehmbare Bewegung in der Luft, eine dumpfe Vorahnung, dass wir nicht so allein sind, wie wir dachten. Dann wird uns der Rückweg abgeschnitten.
Diese Venatori sind gefährlicher als die Wachposten im Keller. Die Enge des Flurs zwingt mich dazu, vermehrt Blitze aus meinem Orb zu schleudern, die hässliche Brandflecken auf der Wand zurücklassen. Es macht mich nervös, wie wir dieser makellosen Umgebung Flecken hinzufügen. Ich möchte Lucanis‘ Erbe nicht verunreinigen, auch wenn es ihn nicht zu kümmern scheint.
Am Ende sieht der Flur aus wie ein Tatort, voller Blutspritzer und Asche, die einen erdrückenden Rauchgestank hinterlässt. Ich muss Lucanis zwingen, einen Trank zu nehmen, da er sich weigert, mich nach der Stelle sehen zu lassen, wo ein Geschoss seine Wade getroffen hat.
„Wo sind die nächsten?“, fragt er über die Leichen hinwegsteigend. Seine Stiefel hinterlassen blutige Abdrücke auf dem Boden.
Der Teil des Anwesens, der zur Bibliothek führt, ist mit sauber zugeschnittenen Bäumchen in bronzenen Pflanzenkübeln gesäumt. Ich werde nie verstehen, wieso manche Leute Pflanzen aus ihrer Umgebung reißen, nur um etwas Hübsches zum Ansehen zu haben. Wie sollen die Wurzeln sich denn ausreichend entfalten?
Wir folgen mehreren gleichaussehenden Gängen, sodass ich bald die Orientierung verliere. Bereits hier stehen deckenhohe Bücherregale, doch die eigentliche Bibliothek stellt alles Vorherige in den Schatten. Über zwei Etagen gehört hier jeder freie Zentimeter den Büchern – ausgenommen dem Kamin, vor dem es sich zwei Venatori gemütlich gemacht haben. Sie bemerken nicht, dass wir eintreten, was Lucanis sichtlich erbost.
„Das ist nicht euer Haus“, stellt er mit eiskalter Stimme fest, bevor er die Waffe zieht. Diesmal gestaltet sich die Sache weniger übelkeitserregend. Wenn man nicht zu genau hinschaut, könnte man meinen, die beiden wären vor dem Kamin eingeschlafen.
„Wir töten zu schnell“, schallt auf einmal Bosheit durch den Raum. Lucanis‘ Augen flackern, das Leuchten weicht, flammt auf und verschwindet wieder.
„Heb‘ dir deinen Zorn für Illario auf.“ Da ist ungewohnt viel Geduld in seiner Stimme.
„Illario, pah! Illario ist nicht hier.“
Um ehrlich zu sein, befürchte ich das auch. Scheinbar hat er die Venatori abgestellt, Caterina und das Haus zu bewachen, aber gäbe es hier drinnen eine Feier mit hunderten Krähen hätten wir sie längst gehört – oder sie uns. Nur, wohin müssen wir dann?
Lucanis wird ungeduldig. „Caterina zu befreien ist sowieso unser erstes Ziel. Kommt, es ist nicht mehr weit.“

Vielleicht steckt in Illario ja doch ein Funken Vernunft. Er hätte Caterina in einen feuchten Kellerraum sperren können oder sie vollständig an die Venatori verkaufen, wie er es mit Lucanis getan hat. Stattdessen finden wir die ältere Frau in einem Schlafzimmer, wo lediglich eine Wache auf Posten steht. Sie ist unversehrt, wenn man von ihrem verletzten Stolz absieht.
Das Wiedersehen mit der ersten Kralle gestaltet sich weniger herzlich, als ich es mir vorgestellt habe. Allerdings darf ich von einer Assassinenfamilie wahrscheinlich nicht mehr erwarten als zwei Küssen rechts und links, bevor sich weiter ums Geschäftliche gekümmert wird. Trotzdem wirkt Lucanis auf eine charmante Art selbstzufrieden.
Mit dem plötzlichen Gefühl, nicht dazuzugehören, drehe ich mich von Enkel und Großmutter weg. Hier ist überall so viel Platz. Es gibt definitiv schlimmere Orte, an denen man gefangen gehalten werden kann. Nicht, dass ich so leichtsinnig wäre, diesen Gedanken auszusprechen.
Ich drehe mich zurück und plötzlich ist die Balkontür geöffnet und Lucanis und ich sind allein. „Wir lassen sie wirklich ohne Schutz gehen?“ Ich versuche, mir vorzustellen, wie Caterina mit ihrem Stock über das Dach balanciert, doch scheitere kläglich.
Lucanis lacht. „Sie mag gebrechlich aussehen, aber sie ist eine Dellamorte. Eher würde sie uns eigenhändig verprügeln, als zuzulassen, dass wir ihre Leibwachen spielen.“
„Den Eindruck macht sie, ja.“
Ich werfe einen Blick hinaus, dann auf das große Himmelbett. Unweigerlich frage ich mich, ob in Lucanis‘ Zimmer ein vergleichbares Ungetüm steht. Die zahlreichen Samtkissen sehen wesentlich einladender aus als seine Pritsche in der Vorratskammer – oder mein eigenes Bett. Mir ist bewusst, dass wir keine Zeit zum Verweilen haben, dennoch kann ich mich nicht losreißen. Ich muss mir vorstellen, wie sich ein nackter Lucanis in diesen Kissen räkelt, während ich … Durch dieses Haus zu gehen hat mich ihm nähergebracht. All dieser Prunk ist ihm nicht wichtig, vielleicht schämt er sich sogar dafür. Für ihn zählen die Personen, die ihm nahestehen, seine Familie. Hoffentlich kann ich eines Tages dazuzählen.
„Was werden wir jetzt wegen Illario tun?“
Lucanis ist ans Fenster gegangen. Er antwortet nicht, obwohl er mich gehört haben muss. Ich lege die Hand an seine Schulter, ohne ihm zu nahe zu kommen.
„Lucanis?“
„Ich … gebt mir einen Moment, ich bin dabei, mir einen Plan auszudenken. Das Opernhaus ist ganz nah. Illario wird seinen Auftritt, nicht ungestört zu Ende bringen können.“
Sobald er sich in Bewegung setzt, folge ich ihm. Gemeinsam klettern wir vom Balkon aus in den Garten. Von hier ist das Opernhaus tatsächlich sofort in Sicht. Bestimmt gehört es irgendwie den Dellamortes selbst. Von Caterina gibt es keine Spur, doch ich bin mir sicher, dass sie es unbeschadet hineingeschafft hat.
„Habt Ihr Euch etwas überlegt?“, frage ich in die Stille hinein.
„Nein, aber spielt das eine Rolle? Meine Messer sind scharf.“
„Also gehen wir einfach durch die Vordertür?“
„Ganz genau.“
Schon im Foyer können wir Illario hören. Gewiss hat er sich diese Inszenierung bis ins letzte Detail überlegt. Teile einer tragischen Lügengeschichte darüber, wie sehr er unter dem Verlust von Caterina und Lucanis leide, dringen an mein Ohr. Ich lege den Finger auf die Lippen und nähere mich dem Eingang zum Theatersaal. Bisher haben wir keine andere Seele gesehen, sie müssen also hinter dieser Tür sein. Ob sie Illario jedes Wort abkaufen? Ich kann zu zumindest keine Buhrufe vernehmen.
Ich lege mein Ohr gegen das Holz, doch Lucanis entscheidet für das laute Vorgehen. Ein gezielter Tritt und die Doppeltüren schwingen auf. Wie in meiner Vorstellung steht Illario auf der Bühne und er scheint gerade zum großen Finale zu kommen: „Mit den Venatori an unserer Seite werden die Krähen aus der Asche auferstehen.“
Die Zuschauenden auf den Rängen tragen ausnahmslos das typische Grau-Blau. Mit großen Schritten nähert sich Lucanis der Bühne. Gleichzeitig geht ein Raunen durch die Menge und Illario verstummt. Er wirkt nicht überrascht, uns zu sehen.
Lucanis ist stehengeblieben, in beiden Händen Dolche. „Nur über meine Leiche.“
Sein Cousin scheint auf diesen Satz gewartet zu haben, als wäre er der Beweis für Lucanis‘ Wahn und die Idee, mit den Venatori zusammenzuarbeiten hingegen die vernünftige Entscheidung. Er schaut zu uns hinunter wie ein König auf ein ungehorsames Tier. Mit einer beiläufigen, alltäglichen Bewegung schneidet er sich den Finger an seiner Brosche, um anschließend das Blut zu einem magischen Knäul zu formen. Wieso greift niemand ein? Wo sind Viago, Tea oder die anderen, die auf unserer Seite stehen? Sind wir zu spät und sie wurden bereits verzaubert? Ich kann keine Details erkennen, dafür sind die Ränge zu weit oben, sehe nur eine gesichtslose Masse. Verfluchte antivanische Bauweise!
Ich stelle mich dicht neben Lucanis. Jeden Tag würde ich den Dämon über den Blutmagier wählen. Illario hebt die Hand und die Luft wird zerschnitten. Es riecht nach Salz und Eisen. Venatori tauchen wie auf Kommando aus den Schatten auf.
Die Magie trifft Lucanis, drängt ihn zurück, doch er lächelt siegessicher. „Du kannst uns nicht beide gefügig machen.“ Zuerst denke ich, dass er mich meint, werde aber eines Besseren belehrt als Bosheits Flügel unter einem weiteren Raunen der Zuschauerschaft erscheinen. Lucanis scheint zu wachsen, in Wahrheit bewegt er sich näher an die Bühne heran, als gäbe es keinen Widerstand, keine Magie, die dauerhaft gegen ihn strömt und ihn in die Knie zwingen will. Blanke Wut liegt auf seinem Gesicht, für den Versuch, die Krähen zu korrumpieren, für die blinde Machtgier, für das Einsperren Caterinas und für jede Sekunde Gefangenschaft im Ossarium.
Illaro landet mit leuchtenden Klingen in den Händen direkt vor uns. Wir haben ihm keine Wahl gelassen, endlich zeigt er sein wahres Gesicht. Für ihn mag es die Verteidigung gegen ein außer Kontrolle geratenes Familienmitglied sein, doch ich bin nicht sicher, ob die restlichen Krähen das ebenfalls so sehen. Wir haben mehrfach mit ihnen zusammengearbeitet, ihnen und ihrer Stadt gegen die Antaam und die Venatori geholfen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Lucanis die ganze Zeit heimlich gefürchtet haben.
Illarios Ausdruck ist kalt. Ob es ihm missfällt, dass er jetzt selbst die Finger krumm machen muss? Ich bin absolut bereit, alle mir zur Verfügung stehenden Kräfte in sein überhebliches Gesicht zu schleudern, doch Lucanis schüttelt den Kopf.
„Überlasst ihn mir.“ Es ist keine Bitte, das ist ein Befehl. Die Cousins stürzen sich mit solcher Wucht aufeinander, dass ihre Klingen hart abprallen. Daraufhin wirbeln sie durch die Luft und landen in gewissem Abstand voneinander. Wie zwei kampfbereite Katzen lassen sie sich nicht aus den Augen, auf einen Fehler des anderen wartend. Eine Venatorimagierin erscheint im Zuschauerraum, ohne dass ich eine Ahnung habe, aus welcher Richtung sie gekommen ist. Ihre Projektile geben mir kaum Möglichkeit, das Geschehen zu verfolgen. Mehr als ein kreisendes Knäul aus schwarz, lila und rot, das an mir vorbeirauscht, kann ich nicht erkennen. Ich muss zum Eingang zurückweichen, sammle Kraft für meine Nova aus Eis.
Eine Hand packt mich von hinten. Ehe ich reagieren kann, hält eine andere meinen Mund zu. Es bleibt nicht einmal genug Zeit für ein Keuchen. Eine fremde Magie ergreift mich, drückt gegen meine Blutbahnen, als wolle sie mich ausquetschen. Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen und alles färbt sich rot. Für eine Sekunde glaube ich, zu ersticken und dann finde ich mich in einer Loge weit oben wieder. Hustend falle ich auf die Knie, nehme wahr, wie mir meine Waffen abgenommen werden, während ein Brennen wie tausend Feuerameisen durch meinen Körper fährt. Jemand zieht mich hoch und drückt mich in einen Sitz.
Fünf Venatori füllen die Loge, zwei davon haben die Waffen gegen mich erhoben. Ich kann den Kampf nicht sehen, höre nur quietschenden Klingen und explodierende Blutmagie. Ob Lucanis überhaupt bemerkt hat, dass sie mich erwischt haben? Ich recke den Kopf, will aufstehen, trotz der Klingen, die mich bedrohen, aber meine Beine gehorchen mir nicht. Ein Schmerzensschrei. War das Lucanis? Speichel sammelt sich in meinem Mund. Mühevoll schlucke ich ihn hinunter, versuche Worte zu formen und scheitere. Die Blutmagie hält mich fest im Griff.
Aus dem Augenwinkel sehe ich einen Venatori in einer Rauchwolke verschwinden. Gut. Das bedeutet, dass Lucanis einen harten Kampf bietet. Sie könnten bestimmt weitere Verstärkungen hinunterschicken, doch würde das meine unsichtbaren Fesseln schwächen. Jetzt schon liegen sie etwas gelöster um meine Glieder. Ich schaffe es, die Fingerspitzen zu bewegen. Wie hat Bellara Elgar’nans Bann im Tempel gebrochen? Ich versuche mich an ihre Handbewegungen zu erinnern. Es sind nur vier. Wenn ich frei bin, könnte ich sie überwältigen, auch ohne meinen Stab. Schließlich bin ich nicht mitgekommen, um Jungfrau in Nöten zu spielen. Ob sie wissen, dass ich mehr aus ihren Reihen getötet habe als ich zählen kann?
„Ihr wollt das sicher sehen.“ Der größte der Männer zieht mich hoch und schiebt mich gegen das Geländer. Von hier oben sieht der Zuschauerraum erschreckend klein aus. Die beiden Dellamortes bewegen sich wie Figuren auf einem Spielbrett. Für jeden Vorstoß reagiert der Gegner mit einem Konter. Illario entgeht den Angriffen immer wieder mit einem Sprung, der ein Blitzfeld hinterlässt, und ich bin überzeugt, dass er diese Art von Magie ausschließlich deshalb gewählt hat, um uns zu verspotten.
Lucanis wird von den Venatori abgelenkt und kann sich gerade rechtzeitig umwenden, um Illarios Klingen abzuwenden. Wütend graben meine Finger sich in das Geländer. Vielleicht kann ich auch meine Füße bewegen. Es bräuchte nicht viel. Eine halbe Drehung und ich könnte sie einfrieren. Aber was dann? Sie werden die Loge nicht unbewacht gelassen haben. Bliebe mir genug Zeit, mich durch die Kultisten zu kämpfen, bevor diese vier auftauen und mir in den Rücken fallen?
Illario rollt unter einem geworfenen Dolch hindurch. Er ist nicht mehr so schnell wie zu Anfang, doch das gilt auch für Lucanis. Verdammt, ich muss ihm helfen. Doch die Venatoriklinge bohrt sich zunehmend gegen meine Rüstung und presst mich näher ans Geländer. Meine Haut fängt an zu jucken, gereizt von der feindlichen Magie, die unaufhörlich durch mein Blut fließt. Ich kämpfe mental gegen diese lähmende Macht, stelle mir vor, die fremde Kontrolle hinfort zu schieben, sie verdampfen zu lassen wie heißes Wasser. Es ist, als würde ich Dornen aus meinen Adern ziehen. So gut ich kann, presse ich den Kiefer zusammen. Dennoch entflieht mir ein Keuchen. Der Gegendruck verstärkt sich, die Dornen reißen wie die Zähne eines kleinen Raubtiers an meiner Haut.
Unten sackt ein weiterer Kultist zusammen. Er hinterlässt eine große Lache auf dem Boden. Meine Augen folgen gehetzt den Blitzen, den Paraden, den Sprüngen durch die Luft. Wie lange kann das noch so weiter gehen? Ich presse die Lider zusammen, denke für einen Moment nicht an Lucanis, sondern konzentriere mich darauf, den Bann endlich zu brechen. Meine Fingerspitzen finden einen Rhythmus, helfen trommelnd dem Widerstand. Ich spüre die Klinge nicht mehr in meinem Rücken. Fetzen dessen, was Illario Lucanis entgegenschreit erreichen mich, aber ich kämpfe weiter gegen die Fesseln. Mein Bewusstsein schwindet, ich schmecke Blut. Bald höre ich nichts außer meine eigenen unregelmäßigen Herzschläge. Mein Blut scheint zu kochen. Endlich kehrt das Gefühl in meine Handgelenke zurück, dann in meine Füße. Zunehmend erlange ich die Kontrolle wieder und als der letzte Dorn sich aus meinem Herzen löst, nutze ich den Moment.
Mein Ellbogen schlägt dem überraschten Kultisten die Klinge aus der Hand. Ich ducke mich weg, entfessle das Eis und schwinge mich über das Geländer. Erst im Fallen wird mir klar, was ich gerade getan habe. Wenn Lucanis zu spät reagiert, wird er mich nicht mehr fangen können. Luft rauscht in meinen Ohren, der Boden kommt näher. Ich schließe die Augen und gebe mich dem Schicksal hin.
Der Aufprall reißt meine Augen auf. Ich will einatmen, doch meine Lungen protestieren. Orientierungslos suche ich etwas, das mir bekannt vorkommt, das mir sagt, ob ich noch lebe. Wieso sind da keine Schmerzen?
Das Bild wackelt in einem verwirrenden Strudel aus Lila und unerwartet finde ich mich auf meinen eigenen Beinen stehend. Etwas Scharfes schießt am Rand meines Sichtfelds vorbei. Ganz automatisch weiche ich zur Seite und stoße gegen eine Wand.
„Rook, reißt Euch zusammen!“ Lucanis ist neben mir und zerrt an meinem Arm. Er sieht blass aus. „Darüber werden wir noch reden müssen.“ Ich blinze einmal, zweimal, dreimal. Das ist nicht der Tod. Zumindest nicht unser. Illario hat versucht, uns zu trennen, aber er ist gescheitert. Lucanis drückt mir seinen Dolch in die Hand und gemeinsam stürzen wir nach vorne.
Illario begrüßt uns mit einem Klingenwirbel und einem falschen Lächeln. „Rook. Es ist nichts Persönliches. Ihr habt Euch einfach die falsche Krähe ausgesucht.“
Mein Körper zittert vor Anstrengung und angesammelter Wut. Ich springe und lege meine gesamte Abscheu in den nächsten Schlag, all den Hass für das, was er Lucanis angetan hat. Der Treffer lässt die Haare auf seinem Kopf zu Berge stehen, doch Illario zuckt nicht einmal. Stattdessen erhebt er sich wie von unsichtbaren Seilen gezogen in die Luft. Mit den Händen formt er einen Zauber, steigt höher und höher und plötzlich verbindet ihn ein blutroter Faden mit der noch stehenden Kultistin. Instinktiv weiche ich zurück, kann nur zusehen, wie die Haut der Frau bleich und schließlich grau wird. Mit einem grässlichen Schmatzen löst sich der Faden auf und die Kultistin fällt mit dem Gesicht voraus um. Ich brauche es nicht zu prüfen, ich weiß, dass sie tot ist. Möchte Illario das auch mit den Krähen machen? Sie unterwerfen und wie eine Spinne aussaugen, wenn er Kraft benötigt? Wieso greift weiterhin niemand ein? Sehen sie denn nicht, was passiert? Tatsächlich herrscht Unruhe auf den Rängen, ich kann Handgemenge hören und hoffe, dass es genug Krähen gibt, die bei Verstand geblieben sind.
Ich werde weggeschleudert. Verschwommen erkenne ich die verantwortliche Kristallexplosion. Zum Glück scheint kein Splitter unter meine Haut gedrungen zu sein. Allerdings schmecke ich Eisen. Ich spucke auf den Boden und rapple mich auf.
Illario hat es ebenfalls erwischt. Aus dem frischen Schnitt auf seiner Wange tropft Blut. Lucanis nutzt die Gelegenheit, um ihm einen harten Schlag zu versetzen. Klingen fallen zu Boden, aber Illario entkommt wieder in einem Blitzregen. Aufmerksam beobachte ich den Raum, warte auf eine Veränderung in der Luft. Da! Hastig erklimme ich die Bühne, um exakt in dem Moment, in dem er wieder auftaucht, die Nova loszulassen. Die Eiskristalle wachsen seinem Körper entgegen, erfassen Füße, Waden, Oberschenkel und zerbrechen in einem brutalen Klirren auf Höhe der Brust. Illario stolpert zur Seite und fällt auf die Knie.
Irgendwie hat Tea es zu uns geschafft. Weitere Krähen tauchen auf. Lucanis tritt näher an seinen Cousin heran. Die Dämonenflügel verschwinden. Das ist der Moment. Er könnte es jetzt beenden.
Hasserfüllt blickt Illario zu ihm auf. „Worauf wartet du?“
Doch Lucanis lässt die Waffe sinken. Seine Züge sind freundlich, beinah mitleidig. Er hatte nie vor, ihn selbst zu richten. Nicht hier, nicht so. Es ist genug der Aufregung geschehen. Illario wird weggesperrt werden. Mehr Gnade verdient er nicht. Vielleicht wird er so eines Tages verstehen, was er Lucanis angetan hat. Er hat zumindest genug Zeit, darüber nachzudenken.
Die nächsten Stunden ziehen wie im Traum an mir vorbei. Mit Wein gefüllte Kelche stoßen aneinander, unzählige Hände klopfen auf meine Schultern. Die Krähen feiern. Sie feiern unseren Sieg und Caterinas Rückkehr. Aber vor allem feiern sie Lucanis als neue erste Kralle. Die Position, die er nie wollte und die ihm dennoch zusteht. Ich lasse mich mit in das rauschhafte Treiben ziehen, erzähle wieder und wieder, wie wir uns durch das Haus gekämpft haben, um Caterina zu befreien und versuche zu erklären, was mich dazu bewog, mich über das Geländer zu stürzen.
„Ihr müsst Lucanis wirklich vertrauen,“ stellt eine junge Krähe fest, deren Gesicht ich nicht zuordnen kann. Ich suche den mir bekannten schwarzen Haarschopf in der Menge. Es ist viel mehr als das. Die innige Verbindung, die zwischen uns besteht, ist einzigartig. Niemals hätte ich damit gerechnet, für eine Person so viel empfinden zu können. Eine seltsame Melancholie befällt mein eigentlich beflügeltes Herz.
Ich lächle sanft. „Ja, ich vertraue ihm.“

Der Geschmack von Trauben hängt wie eine warme Erinnerung auf meinen Lippen. Treviso schläft und trotzdem leuchten vergessene Fenster an den Fassaden auf uns hinunter. Mückenschwärme schwirren um die letzten schwachen Straßenlaternen und eine Maus huscht von unseren Schritten aufgeschreckt davon. Ich laufe dicht an Lucanis gedrückt, nehme so viel Körperkontakt, wie ich bekommen kann.
In diesem Moment sind wir jung und frei, zwei miteinander verbundene Seelen. Würde nicht jede Faser meines Körpers nach seiner Nähe gieren, könnte ich das nächste Straßenschild nehmen und Runde um Runde darum tanzen. Schwindelig ist mir ohnehin bereits und das liegt nicht am Alkohol, sondern an der Verheißung in der Luft. Er wollte sich zurückziehen, bat mich darum die Feier, seine Feier, zu verlassen.
Ich habe andere Pläne für den Abend.
Wie unschuldig der Satz seine Lippen verlassen hat, als wüsste er nicht, was er damit in mir auslöst. Der Weg zum Eluvian zieht sich. Ich möchte nicht mehr warten, bis wir allein sind. Ich möchte jetzt herausfinden, was er sich für uns überlegt hat. Ob ich ihn danach fragen sollte? Ich öffne den Mund und entscheide mich dagegen. Lieber schwelge ich noch in Phantasien. Am Ende werden sie ohnehin von der Realität übertroffen werden, so wie jedes Mal.
Hand in Hand gehen wir durch den Eluvian und lassen erst los, als wir die Türen zum Leuchtturm erreichen.
„Bis gleich“, hauche ich ihm entgegen, bevor ich in die entgegengesetzte Richtung zu meinen Quartieren laufe. Über meiner Bettlehne liegt die neue Garderobe, die Taash mir von hens letztem Ausflug mitgebracht hat. Ich ziehe mich aus, mache eine Katzenwäsche und schlüpfe in die lila Stoffhose und das Schuppenwams, das mehr Haut zeigt, als es verdeckt. Auf die Goldkette verzichte ich für dieses Mal.
Mein Herz hämmert jeden Schritt lauter, den ich mich der Vorratskammer nähere. Unkontrollierte Bilder fluten meinen Kopf und meine Hände schwitzen. Was wenn ich alles verlernt habe? Vor der Tür zum Speisesaal halte ich inne. Verdammt. Ich kämpfe gegen Drachen, wovor habe ich plötzlich solche Angst? Ich trete von einem Fuß auf den anderen und drehe mich verzweifelt um mich selbst. Habe ich darauf nicht von Anfang an gewartet? Auf diese eine spezielle Nacht? In meiner Vorstellung war das Ganze viel leichter, jetzt schüchtert mich der Gedanke ein. Ich fahre mir durchs Haar, wieder und wieder. Was macht dieser Mann nur mit mir?
Lucanis sitzt mit einer Tasse Kaffee in der Ecke. Drei Kerzen brennen auf dem Tisch, deren Licht lange Schatten an die Wand hinter ihm wirft. Er hat die linke Hand locker im Schoß liegen, während er mit der rechten die Tasse schwenkt und einen genussvollen Schluck nimmt.
„Dämon von Vyrantium und Erste Kralle, ganz schön beeindruckende Titel.“ Ich lasse mich theatralisch auf dem Stuhl neben ihm fallen, die Beine locker über die Armlehne geschlagen, und warte darauf, dass er den Blick auf meine nackten Arme wirft.
Als würde er ein kostbares Schmuckstück halten, stellt er die Tasse zurück, ohne mich wirklich wahrzunehmen. Mein Herzschlag setzt für eine Sekunde aus.
„War der Kaffee in Eurer Villa nicht gut genug?“ Ich lasse mich nicht so leicht entmutigen. Jetzt ist nicht die Zeit zum Grübeln. Das, was wir heute geleistet haben, ist ein Sieg. Wir sollten das Feiern – am besten ohne Kleidung.
Er schaut in die leere Tasse. „Er schmeckt besser, wenn ich ihn selber mache.
Und ich wollte etwas Ruhe.“
Götter, wieso bin ich so unaufmerksam? Ich drehe die Beine richtig und will aufstehen.
„Nicht von Euch.“ Er sieht mich aus Welpenaugen an. „Ihr seid aus der höchsten Loge gesprungen, um an meiner Seite zu kämpfen.“ Ein angedeutetes Kopfschütteln. „Ihr hättet Euch ernstlich verletzen können.“
„Ich wusste, dass mich jemand auffangen würde.“ Mit einem Zwinkern nehme ich bei ihm Platz.
„Dennoch. Tut mir das nie wieder an.“
Ich beobachte genau, wie sein Blick ziellos umherspringt, als wolle er vermeiden, mich anzusehen. Dann verlagert er das Gewicht von links nach rechts, greift die Tasse und stellt sie wieder zurück. „Wie kommt es, dass ein Schleierspringere so schwindelfrei ist. Habt Ihr vor nichts Angst?“
Ich unterdrücke ein Kichern. „Ich habe ständig Angst“, gebe ich zu und versuche dabei nicht zu sehr an Sex zu denken. „Aber nichts zu tun, finde ich schlimmer.“ Genau deshalb bin ich hier. Selbst wenn Lucanis nicht bereit ist, wenn er doch entscheidet, Ruhe vor mir haben zu wollen, dann habe ich es immerhin versucht.
„Deswegen blicken die Leute zu Euch auf. Ihr seid ein guter Anführere.“
Ich lege ihm dankend eine Hand auf den Arm und sofort bildet sich ein Knistern in der Luft, die Erwartung eines Kusses. Wann hatten wir zuletzt wirklich Zeit für uns? Ich hatte nicht einmal die Gelegenheit irgendjemanden von unserer Beziehung zu erzählen. Stünden unsere Stühle nicht so weit auseinander, hätte ich das ungesagte Versprechen zwischen uns sicherlich erfüllt. Stattdessen reiße ich mich vom Anblick seiner Lippen los und beobachte das sanfte Zittern der größte Kerzenflamme. Da ist weiterhin große Sehnsucht in mir, dennoch möchte ich dieses Gespräch führen. Es ist eine andere Form der Nähe, anders, aber nicht weniger intim.
„Meine größte Angst ist, zu Holz zu werden, so wie die armen Seelen im Arlathan Wald. Sicherlich habt Ihr sie auch bemerkt: Bäume mit Armen, Leute, die in ihren letzten Sekunden verwandelt wurden. Manchmal höre ich sie flüstern.“ Ich streiche mir über die plötzliche Gänsehaut, ausgelöst von meinen eigenen Worten. Davon habe ich zuvor niemandem erzählt.
„Das wird nicht Euer Schicksal sein. Und nur für den Fall, werde ich jeden Baum, der Euch zu nah kommt, zu Kleinholz verarbeiten.“
Probleme werden mit Klingen gelöst. Er ist eine Krähe durch und durch. Und trotzdem hat er Illario verschont. Lucanis hört nicht auf, mich zu überraschen.
„Bereut Ihr es, wie Ihr Euch entschieden habt? Bezüglich Illario, meine ich.“
Er muss nicht über die Antwort nachdenken. „Nein. Nicht nach all dem, was passiert ist. Die anderen Häuser wollen ihn wahrscheinlich tot sehen, aber möglicherweise besitzt er Informationen über unsere Feinde. Außerdem … außerdem mag er ein Verräter sein, aber er ist immer noch Familie. Er und Caterina sind alle, die mir geblieben sind. Daneben habe ich nicht viele Personen, die mir etwas bedeuten.“ Unsere Blicke finden und verhaken sich. „Dieses Team natürlich. Und Ihr.“
Ich schlucke, nehme wahr, wie sich seine Brust in schneller Folge hebt und senkt. Wann sind wir beide aufgestanden? Sanft umfängt mich sein Geruch. Nach den Anstrengungen des Tages sollten wir erschöpft sein, doch ich fühle mich klar und lebendig.
Er zieht mich in die Vorratskammer und presst mich gegen die Tür, sodass sie durch unser Gewicht zugedrückt wird. Hände auf meiner bloßen Haut. Seine Lippen umschließen meine, doch dieser Kuss ist anders, als würde ihn nichts mehr zurückhalten. Kein Bosheit, kein Illario, keine Angst vor dem eigenen Scheitern. Ich erkenne den Hunger, den ich bei unserem ersten Besuch im Café Pietra in seinem Blick gefunden habe.
Mit einer Hand versuche ich, seine Westenknöpfe zu öffnen. Dieses Mal kann uns niemand erwischen. Das ist, wo wir sein sollten, wo wir hingehören. Er mag denken, dass ich viel für ihn getan habe, aber in Wahrheit gibt er mir genauso Kraft.
Die Weste fällt zu Boden und für einen Moment steht er schüchtern vor mir. Der Kragen weit geöffnet, das Hemd zerknittert, ein rosa Schimmer auf den Wangen. Es raubt mir den Verstand. Ich schiebe den Stoff beiseite, gewähre meiner Hand Zugang zu der glatten Brust, die ich zum ersten Mal sehe. Er schließt die Augen und legt den Kopf in den Nacken. Wir stehen immer noch direkt hinter der Tür. Jetzt ergreife ich die Initiative, manövriere ihn rückwärts in Richtung seines Bettes. Wir kommen nicht weit. Plötzlich zieht er mich heran, wir stolpern zwei Schritte, bis er hinter sich eine Wand findet. Ein schelmisches Lächeln umspielt seine Lippen. Mit dem Fuß schiebe ich einen Korb zur Seite. Unbeachtet fällt eine Zwiebel heraus und rollt über die Fliesen. Wie von allein findet mein Oberschenkel den Weg zwischen seine Beine.
Nur der unterste Knopf hält das arme Hemd noch zusammen. Ich lasse ihn, wie er ist, drücke stattdessen meine Lippen auf Lucanis‘, schiebe meinen Körper näher, bis nirgendwo mehr Platz zwischen uns ist. Ich kann sein Herz schlagen hören, fühle es aufgeregt gegen meine Hände hämmern, die weiterhin auf seiner Brust liegen. Wäre es auch in Ordnung, wenn sie sich tiefer vorwagen? Die andere Zunge in meinem Mund, macht es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Seine Finger haben es unter das Wams geschafft und erkunden meinen Rücken. Ich hole kurz Luft. Lucanis‘ leicht geöffnete Lippen glänzen feucht, seine braunen Augen sind so unendlich warm.
Das ist genau die Wand, an der wir uns zum zweiten Mal beinah geküsst hätten. Es hat sich gelohnt hierauf zu warten. Jede verdammte Sekunde Unsicherheit, jeder heimliche Besuch in der Vorratskammer und jede sehnsuchtsgetränkte Nacht waren es wert. Es wird wirklich Zeit, den anderen von uns zu erzählen. Wir haben Normalität verdient – so weit sie in unseren Leben überhaupt möglich ist. Vielleicht erübrigt sich ein Gespräch auch, wenn ich morgen verschlafen und halbnackt in einen unserer Frühaufsteher hineinlaufe.
Mein Mund findet zu Lucanis‘ Ohr, wo mich der vertraute Geruch seines Haars begrüßt. Er erschaudert, als ich mit der Zunge langsam zu der empfindlichen Stelle am Hals gelange.
„Rook“, stöhnt er willenlos, während die Gänsehaut sich auf seinem Körper ausbreitet und er mich noch dichter heranzieht. Ich beginne zu schwitzen, arbeite mich zur Kuhle über dem Schlüsselbein vor, während seine Fingerspitzen genau vor dem Bund meiner Hose halt machen. Ich möchte, dass er die Grenze überschreitet und ich endlich erfahre, wie sich seine Hände auf meinem Hintern anfühlen. Bitte, denke ich. Bitte, gib dich diesen Gefühlen hin. Lass uns ausnahmsweise nicht an Morgen denken. Dunkel flackern Erinnerungen in meinem Geist auf, an den letzten Mann mit dem ich geschlafen habe, an eine sorglose, ungeplante Nacht. In Wahrheit bin ich nicht nervös, weil ich mich aus der Übung fühle – solche Dinge verlernt man nicht –, sondern weil Lucanis mir wirklich etwas bedeutet. Diese Nacht soll nicht einmalig bleiben, sondern die erste von vielen werden.
Hungrig finden sich unsere Lippen wieder und ich schmelze dahin wie Schnee in der Sonne. Überall hinterlässt Lucanis seine Hitze, lässt mich vergessen, wer und wo ich bin. Ein fragender Blick und ich öffne seinen Gürtel. Meine Hand umschließt, was sie gesucht hat, und ein vibrierendes Stöhnen entfährt ihm. Seine Reaktion auf meine Berührungen macht mich rasend und ich frage mich, ob ich jemals etwas Schöneres als ihn gesehen habe.
Der Winkel ist etwas unglücklich, weshalb ich auf die Knie gehe.
„Rook. Rook wartet.“ Lucanis‘ Pupillen sind geweitet. Er beißt sich auf die Unterlippe, bevor er fortfährt. „Ich habe das noch nie gemacht.“
„Oh. Soll ich … sollen wir aufhören?“ Mein vernebeltes Gehirn ist klar genug, damit ich mich aufrichten kann.
Er hält mich allerdings davon ab, zurückzuweichen. „Ich möchte weitermachen, wirklich.“ Er schiebt eine klebende Haarsträhne zurück. „Aber lieber an einem anderen Tag.“
Oh wunderbarer, süßer Lucanis. Was für ein Bild er doch abgibt! Mit dem aufgerissenen Hemd, der verrutschten Hose und dem zerzausten Haar. Und dennoch strahlt er solch eine ehrliche Unschuld aus, dass es mein Herz berührt. Er hat recht, wir haben wahrlich genug erlebt heute. Ich lasse mich in seine Arme fallen und drücke ihm einen schnellen Kuss auf die Wange.
„Danke, dass Ihr ehrlich zu mir wart. Gute Nacht, Lucanis.“

Quelle: Screenshot Dragon Age: The Veilguard

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