Verliebt in einen Rockstar
Kapitel
Es gab gute und es gab schlechte Tage. Heute war ein schlechter Tag.
Tränenüberströmt saß Phineas auf der Toilette und versuchte sich mit aller Kraft davon abzuhalten, die Nägel im eigenen Fleisch zu versenken. Die Wochen waren im Flug vorbeigegangen. Diese neu entdeckte Intimität war ihm einerseits zur Gewohnheit geworden, aber andererseits hatten die Küsse und Berührungen nichts von ihrer umwerfenden Magie eingebüßt. Doch das schlechte Gewissen konnte scharf sein wie ein Messer.
„Ich bin keine Ablenkung für ihn“, flüsterte er sich zittert zu. „Wir genießen, was wir haben. Es ist nicht falsch!“ Doch je näher der Sommer rückte, ihr letzter gemeinsamer Sommer, desto weniger konnte er sich davon überzeugen. Wir haben so oft darüber gesprochen, Ferb trauert ihr weiterhin hinterher … Nie können wir zusammen sein! Dabei wollte er es! Die Frage auf welches College er gehen würde, schien ihm so verdammt unbedeutend, im Gegensatz zu der Wahrheit, die in seinem Herzen lag. Er wollte Ferb seinen festen Freund nennen können. Schließlich … Scheiße! Ich bin in ihn verliebt!
Phineas schluchzte, sah verschwommen die feuchten Hände, so schwach und sinnlos, und fragte sich, ob der Schmerz irgendwann ein Ende haben würde. Kann es nicht endlich nach den Ferien sein? Dann ist sowieso alles vorbei! Weil er die Ironie an diesen Gedanken erkannte, musste er schmunzeln. Nicht lange war es her, da hatten sie sich einen nie endenden Sommer gewünscht. Wir sind erwachsen geworden.
Als es an der Tür klopfte, zuckte er zusammen, da er niemanden kommen gehört hatte. Eilig wischte er die Tränen fort, setzte das falsche Lächeln auf, was sich mittlerweile normal anfühlte und betätigte die Spülung.
„Einen Moment“, rief er, während er zum Waschtisch ging. Sein Spiegelbild offenbarte gerötete Augen und Wangen, die sich nicht verbergen ließen. Phineas klatschte kaltes Wasser in sein Gesicht und versuchte, alle Traurigkeit mit dem Handtuch herunterzureiben. Zu seiner Überraschung war es ein besorgter Ferb, der draußen stand.
‚Geht es dir gut?‘, fragten seine Augen ohne Worte.
Phineas lief ihm vorbei. „Weißt du … manchmal tut es einfach nur weh“, gab er nach einigem Schweigen zu. Der andere war ihm bis zur Zimmertür gefolgt und zusammen traten sie ein.
„Dann lass es wehtun.“ Ferb zuckte mit den Schultern und Phineas vergrub sein Gesicht wie selbstverständlich in dessen Brust. Irgendwann müssen wir darüber reden! Abrupt löste er sich.
„Fuck, Ferb, wie kannst du so stark bleiben? Fragst du dich nicht auch, wie das mit uns weitgehen soll?“ So! Jetzt ist es raus! Die ersten Sekunden war er eingefroren, nur sein Herz tanzte wild im Brustkorb, als wolle es den knochigen Panzer sprengen. Dann begann er, nervös auf- und abzugehen. Ohne darauf zu schauen, griff er ein paar Lernblätter, nur um sie augenblicklich zurückzulegen. Schweigen breite sich im Raum aus.
Ferb atmete hörbar scharf ein und verschränkte die Arme, sodass Phineas seine Worte augenblicklich bereute.
„Sorry, ich wollte dich nicht unter Druck setzen.“ Er konnte die Widerworte schon hören, obwohl der andere nur unbewegt dastand, die Muskeln angespannt. „Sorry,“ sagte er ohne Grund erneut und ließ den Blick über den grünen Schopf schweifen. Schon spürte er, wie die Tränen sich erneut hochkämpften. Er war so müde.
„Lass uns Musik machen!“ Er hatte nur etwas sagen wollen, um die unvermeidlich schmerzhafte Antwort hinauszuzögern, doch Ferb nickte und schnappte sich die Gitarre. Dann begann er zu singen:
„If you were here beside me
Instead of in New York
If the curve of you was curved on me
I’d tell you that I loved you
Before I even knew you
‚Cause I loved the simple thought of you
If our hearts are never broken
And there’s no joy in the mending
There’s so much this hurt can teach us both
And there’s distance and there’s silence
Your words have never left me
They’re the prayer that I say every day…“*
Und Phineas konnte nur lauschen, so getroffen war er von den tiefen Emotionen, die zu ihm strömten. Sie waren beide so gebrochen. Das war doch nicht richtig! Er setzte sich zu ihm, ließ die Finger vorsichtig über seinen Rücken laufen. Ich bin doch für dich da. Wieso verstehst du das nicht?
Bevor das Ende des Liedes erreicht war, brach Ferb ab. Jetzt glänzten auch Tränen in seinen Augen, die er schnaubend fortwischte. Die Finger wühlten zitternd nach einer Packung Zigaretten in der Hosentasche, wurden aber nicht fündig. Fluchend sprang er auf die Beine, wollte im eigenen Zimmer weitersuchen, doch Phineas hielt ihn fest.
„Bitte nicht. Du hast es selbst gesagt, lass es verdammt nochmal wehtun!“ Ferbs Augen sprangen nervös hin und her. Es war so deutlich, dass er mit sich kämpfte. Kurz glaubte Phineas, er würde gleich zur Seite gedrückt werden, doch dann hörte er ein tiefes Luftholen. Die Augen seines Bruders hatten sich geschlossen und plötzlich wurde er an den bebenden Körper gepresst. Kühle Finger strichen über seinen Kopf und drückten ihn fester in die Umarmung.
Später bemerkte er, dass Ferb weinte. Zuerst hatte er es für Einbildung gehalten, aber jetzt war der Stoff an seiner Schulter ganz deutlich feucht geworden. Wie automatisch schlangen seine Arme sich um den anderen. Ihr Zeitgefühl war nicht mehr vorhanden als das Zittern und Schluchzen schwächer wurden. Phineas löste sich gerade so weit, dass er die übrigen Tränen fortküssen konnte. Erst in diesem Moment bemerkte er, wie warm die Sonne in den Raum schien.
Erschöpft legte Ferb den Kopf wieder auf der Schulter ab. „Ich will dich nicht auch verlieren,“ murmelte er.
Ferb wand sich aus der Umklammerung. „Ja, ich frage mich, wie die Zukunft aussehen mag …“ Er legte sich auf den ausgeblichenen Teppichboden und sprach zur Decke. „Aber verdammt, ich habe es dir schon gesagt – wir sind Brüder! Für jeden da draußen werden wir nie etwas anderes sein können!“
Phineas fragte sich, ob da eine Möglichkeit war, wieder Freude zu empfinden und er sie nur nicht sah. Denn was machte es für einen Unterschied, ob sie die Zweisamkeit bis zur letzten Sekunde ausnutzten oder ob sie sich ab sofort nie mehr berührten? In wenigen Wochen würden sie auf anderen Kontinenten leben und – zumindest er – totunglücklich sein.
„Vielleicht wäre es besser, es zu beenden. Wir verschieben nur das Unausweichliche,“ flüsterte Ferb nach einer Pause in die Stille.
„Sag sowas nicht!“ Phineas musste die Nase hochziehen. Nein, ich will nicht! Können wir nicht einen Weg finden? Einen unmöglichen Weg?
Nicht vollständig Herr über seinen bebenden Körper, legte er sich neben Ferb. Ihre Handrücken berührten sich sanft. Ohne weitere Worte starrten sie eine Weile an die Decke. Eine Wolke schob sich vor die Sonne und tauchte das Zimmer in graues Licht. Wild schwirrten Sätze in Phineas‘ Kopf herum, einer falscher als der andere. Wäre es nicht das Vernünftigste ihre seltsame Beziehung zu beenden? War das nicht die Entscheidung, die man von ihnen erwarten würde?
„Ich kann deine Gedanken förmlich rasen hören.“ Ferbs Ton war eine Mischung aus Belustigung, Sorge und Vorwurf. Er entschuldigte sich, aber den eigenen Kopf konnte er nicht abstellen. Er hat gesagt, dass er mich nicht verlieren will. Und trotzdem möchte er es beenden?
Er konnte sich nicht mehr zurückhalten: „Was, wenn wir es niemandem sagen?“ Blaue Augen lösten sich kurz von der Decke und schauten skeptisch zur Seite. „Hast du es denn noch nicht verstanden, Kleiner? Ich bin nicht gut für dich!“
„Hast du nicht kapiert, dass mir das egal ist?“ Er hatte geschrien, ohne es zu wollen und horchte nun panisch in Richtung des Flurs. „Es war doch schön mit uns die letzten Wochen“, fügte er leise hinzu und gab Ferb schüchtern einen Kuss auf die Nasenspitze. „Können wir nicht … Ach, ich weiß auch nicht … es zumindest genießen, solange es geht?“ Er hatte mehr zu sich selbst als zu dem Jungen neben sich gesprochen. „Weil, weil ich … wir waren schon immer ein Team. Ich glaube, ich bin ein besserer Mensch, wenn du bei mir bist.“ Diesmal hatte er Ferb direkt in die Augen gesehen. „Es sei denn natürlich. Du willst nicht …“
„Phineas?“
„Ja?“
„Du redest zu viel.“
Bevor er Widerworte geben konnte, waren ihre Lippen aufeinandergepresst und wie immer vergaß er sich irgendwo in den Schmetterlingswolken. Bald saß der andere auf ihm und nur ein Zögern hielt sie vor dem Absprung zurück. Er wollte unter das Hemd greifen und die Muskeln spüren, aber der andere hielt ihn am Handgelenk fest.
„Heute ist der Hausarrest vorbei. Wir sollten etwas unternehmen.“
„Wer redet jetzt zu viel?“ Der kleinere Teenager wehrte sich gegen den festen Griff und versuchte, Ferb von sich zu schieben. Dieser ließ ihm jedoch keine Chance, sodass Phineas sich lachend geschlagen geben musste. Nichts kann mich so aufheitern wie er.
Im Wohnzimmer trafen sie Candace, die vor irgendeiner Jura-Lektüre saß, aber gleichzeitig mit ihrer besten Freundin Stacy telefonierte. Perry lag schlafend zu ihren Füßen. Skeptisch taxierte sie die beiden, sobald sie in Sichtweite kamen.
„Wo wollt ihr hin?“ Offenbar war ihr nicht bewusst, dass der Monat vorbei war.
Die Brüder sahen sich vielsagend an. Ferb hatte sich ausgehfertig gemacht. Vollständig in schwarz gekleidet mit den Piercings und Nietenarmbändern, sah er endgültig wie ein Rockstar aus. Er trug sogar schwarzen Eyeliner, den er irgendwo in seinem Zimmer gefunden hatte. Neben ihm fühlte sich Phineas mit der Jeans und dem weißen Hemd beinah unsichtbar.
„Hey Candace, wir wussten gar nicht, dass du hier bist. Wir wollen in die Stadt.“
Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen, doch bevor sie etwas sagen konnte, drang Stacys Stimme aus dem Handy: „Los lass und mitkommen! Es ist Samstag, wir sehen uns so selten und du musst bald zurück!“
Phineas musste das Gesicht kurz entglitten sein, denn die junge Erwachsene sprang vom Sofa auf: „Ihr habt doch was vor! Stacey wir treffen uns in einer halben Stunde!“
„Wir werden sie schon abhängen“, flüsterte ihm Ferb ins Ohr, sodass es besonders schwer war, nicht schelmisch zu grinsen.
Eine Stunde später saßen sie zu viert an einem kleinen Tisch. Candace hatte ihnen strikt verboten, Alkohol zu trinken, doch Phineas war sicher, dass Ferb irgendetwas gedreht hatte, als er eben „zur Toilette gegangen“ war, denn der Virgin Mojito schmeckte so ganz und gar nicht unschuldig.
Es war faszinierend, wie sich manche Tage zum Guten drehen konnten. Obwohl die Situation nicht ideal war, fühlte sich Phineas … glücklich! Die Tränen des Nachmittags schienen ewig vergangen zu sein, als lägen Jahre und nicht Stunden dazwischen. Ferb neben sich zu spüren, zu wissen, dass er ihn jederzeit berühren konnte und durfte, war unwahrscheinlich befreiend.
„Es tut mir leid, was mit Vanessa und Isabella passiert ist“, lenkte Stacy das Thema plötzlich auf die Brüder und das Glücksgefühl verschwand. Sie saß Phineas gegenüber und bemerkte daher nicht, wie Ferb zusammenzuckte und das Gesicht dann in seinem Drink verbarg. Phineas setzte unter dem Tisch dazu an, heimlich dessen Bein zu tätscheln, doch es wurde zurückgezogen. Er will sich weiterhin nicht trösten lassen.
Etwas gequält antwortete er: „Schule ist am härtesten, einfach sie jeden Tag zu sehen …“
„Ach, die erste Trennung!“, Stacy hielt einen Moment inne, offensichtlich erinnerte sie sich zurück. „Da hat Ferb es wahrscheinlich leichter.“
Die drei Geschwister verfielen in ein peinliches Schweigen und warfen sich kurze Blicke zu. Bevor jemand etwas sagen konnte, stand Ferb einfach auf und verließ das Lokal. Schon nach wenigen Schritten steckte eine Zigarette zwischen seinen Lippen.
„Er ist ein bisschen empfindlich“, meinte Candace entschuldigend. Stacy war etwas im Stuhl zusammengesackt.
„Und ich dachte du übertreibst“, sagte sie kleinlaut, während Phineas‘ Augen durch die Scheibe versuchten, den grünen Haarschopf zu verfolgen. Dass man Ferb in solchen Situationen am besten in Ruhe ließ, hatte er auf die harte Tour lernen müssen. So viele unschöne Erinnerungen. Vielleicht hätten sie mehr Zweisamkeit genießen können, wäre er ihm bei den Johnsons nicht nachgerannt.
„Wie kommt Isabella denn damit klar?“, fragte Candace vorsichtig.
Verwirrt sah Phineas zu ihnen. Ich habe nicht nachgefragt! Seit der Trennung hatten sie nur einmal gesprochen und das war in einer Gruppenarbeit gewesen. Er hatte das Gefühl, dass es ihr langsam besser ging, aber vielleicht nahm sie sich in seiner Gegenwart auch bloß zusammen? Zumindest gab es die kleinen Anzeichen, die ihm offenbarten, dass sie noch litt: ein nicht ganz so fröhliches Lächeln, der fast unsichtbare Rest verschmierter Wimperntusche oder die heimlichen Blicke, von denen sie dachte, er würde sie nicht bemerken.
Phineas zuckte mit den Achseln. „Ich glaube, sie ist stärker als sie denkt.“ Vielleicht lockerte der Alkohol schon seine Zunge, denn ohne nachzudenken, redete er weiter: „Sie wird jemanden mal sehr glücklich machen. Jemanden, der besser zu ihr passt.“ Aus dem Augenwinkel suchte er draußen nach Ferb und so achtete er nicht darauf, was die beiden Frauen miteinander tuschelten.
„Also ich will ja nicht unhöflich sein – aber ich bin sicherlich nicht die einzige, die so denkt – habt ihr nicht perfekt zusammengepasst?!“, bohrte Stacy nach. Ihr geflochtener Zopf rutschte über die Schulter und die Spitzen landeten beinah in ihrem Cocktail. „Ich meine klar, nicht jeder kann wie deine Schwester und Jeremy sein, aber wir alle standen hinter euch.
Es macht mich irgendwie traurig, darüber nachzudenken, dass nichts sicher zu sein scheint“, fügte sie hinzu.
Ferb, der plötzlich wieder da war, hatte den letzten Satz aufgeschnappt. Er wirkte wesentlich entspannter und an den Zigarettennebel, der seiner Kleidung anhaftete, hatte Phineas sich längst gewöhnt. „Er ist nicht für das Glück aller verantwortlich.“ Die Worte klangen kühl, aber nicht wütend.
Doch Stacy ließ nicht locker: „Aber offensichtlich liegt ihm Isabella noch am Herzen. Findet ihr das nicht seltsam, wie liebevoll er von ihr spricht?“
„In jedem deiner Sätze kommt ein ‚aber‘ vor“, bemerkte Ferb trocken, bevor Phineas etwas sagen konnte. „Außerdem muss nicht jede Beziehung in Hass enden und …“
„Ich kann für mich selbst sprechen.“ Mehr und mehr hatte Phineas das Gefühl, dass Candace die ganze Trennungsgeschichte ausführlich ihrer Freundin weitererzählt hatte. Es war ihm egal. Es war ihm egal, ob sie ihm glaubte. Er war des Lügens müde.
„Isabella ist mir weiterhin wichtig, jedoch…“ Er warf einen absichernden Blick zu Ferb. „Ich bin schwul, okay?“
„Das überrascht mich jetzt“, stieß Stacy hervor, während Candace der Mund aufklappte. Sie sah aus als wolle sie ‚bist du sicher?´ fragen.
„Ich schätze, ich bin nicht der typische Kandidat, von dem es alle schon wussten?“, murmelte er verlegen. Niemand reagierte.
„Sie brauchen Zeit“, hauchte Ferb in sein Ohr. Phineas schwitzte und hatte dennoch eine feine Gänsehaut. Er wusste nicht, was er mit den Händen anstellen sollte. Habe ich das gerade wirklich einfach so gesagt? Trotzdem fühlte sich das Outing richtig an, als wäre ein unsichtbares Gewicht von seiner Brust genommen. Automatisch formte sein Mund ein Lächeln. Wie gerne hätte er Ferb jetzt in die Arme geschlossen. Er gab sich Mühe, ihn möglichst unauffällig zu beobachten, den Mann seines Begehrens, den Beschützer, seinen heimlichen Freund.
Die plötzliche Erleichterung schickte ihm verschiedenste Bilder. Wenn der Abend anders verlaufen wäre, wären sie vielleicht längst ineinandergekrallt in irgendeiner Seitengasse gelandet. Eigentlich war er sich sicher gewesen, das Rohrbruch nicht noch einmal besuchen zu wollen, aber die Erinnerung an die Kabine lockte plötzlich. Außerdem könnten sie dort vollständig sie selbst sein. Adyson würde sicherlich nicht erneut auftauchen, was immer sie ursprünglich gesucht haben mochte.
„Ähm.“ Er schüttelte die verlockenden Gedanken ab und kratze sich am Kopf, die Stille nicht mehr aushaltend. „Ist alles in Ordnung?“ Seine Schwester schien in ihrer vollkommenen Überraschung erstarrt. Vielleicht ist es besser, wenn wir gehen.
„Aber, aber, aber…“, begann sie vor sich hinzustammeln, sobald Phineas nach dem Portemonnaie in seiner Hosentasche kramte.
„Ich glaube du hast sie kaputtgemacht“, scherzte Ferb von der Seite. Stacy hatte scheinbar wieder einigermaßen zu sich gefunden. Sie winkte vor Candace Gesichtsfeld herum und bestellte eine Runde Shots. Als diese eintrafen, schaffte es Candace, ein Pinnchen zu greifen, doch sie konnte noch keinen Augenkontakt herstellen.
„Auf … auf dein Outing“, improvisierte Stacy und schluckte das brennend süße Zeug hinunter. Phineas leere das Pinnchen vorsichtig und war erleichtert, das leere Gläschen seiner Schwester zu sehen, welches sie allerdings noch mit weißen Fingern umklammerte.
„Wissen Mom und Dad …?“, begann sie, eine der offensichtlichen Fragen zu formulieren und bekam ein Kopfschütteln zur Antwort. Wie von selbst hatten sich Phineas‘ linke und Ferbs rechte Hand unterm Tisch miteinander verschränkt.
„Aber du wusstest es, Ferb?“ Unverständnis sprach aus ihrem Blick.
„Ich habe es vermutet, ja.“ Phineas war beeindruckt, wie cool er blieb.
„Unmöglich! Nicht mal ihr könnt euch so nah sein!“
Oh Candace, du hast ja keine Ahnung!
Er musste wie ein Idiot aussehen mit dem nicht fortzuwischenden Grinsen von einer geröteten Wange zur nächsten. Mittlerweile war der Alkohol ihm sichtlich zu Kopf gestiegen, doch seine Schwester litt offensichtlich noch unter den Nachwirkungen des Schocks, weshalb sie es nicht mitbekam. Seit einigen Minuten war sie draußen und telefonierte mit Jeremy; Stacy hatte sich zum WC verabschiedet, sodass Phineas sich den verrückten Ideen in seinem Gehirn hingab. Wenige davon waren der Situation angemessen.
Ferb sah ihn vorwurfsvoll von der Seite an. „Du starrst“, bemerkte er sanft. Dann legte er die langen Finger kurz auf Phineas‘ Wange. Spielt es eine Rolle, wenn uns jetzt jemand sieht? Doch eine Sekunde später fanden sie wieder zur Vernunft und Phineas suchten den Raum nach bekannten Gesichtern ab, nur um wieder an den dunkel gerahmten Augen hängenzubleiben.
Zum tausensten Mal wünschte er sich, dass es möglich wäre, offen mit Ferb zusammen zu sein. So gerne hätte er Candace die ganze Wahrheit erzählt. Vielleicht lag das alles eines Tages weit hinter ihm, sodass er eine Beziehung vorweisen könnte, die zu akzeptieren war. Und dann würde er es auch der Familie sagen. Solange vertraute er auf das Schweigen der Anwesenden.
Die offizielle Geschichte war nun, dass Phineas durch einen Musiker begonnen hatte, seine Sexualität in Frage zu stellen. Trotz Stacys unnachgiebigem Fragen, wer dieser geheimnisvolle Rockstar sein sollte, gab der Teenager kein Stück dessen Identität preis. Erneut blickte er in dieses wunderschöne Gesicht, in dem das Begehren blitzte. Oh, scheiß drauf! Er warf einen einzigen Blick über die Schulter bevor er sich zu Ferb beugte – aber seine Lippen trafen ins Nichts.
Ein Hauch drang ihm entgegen. Noch nicht. Zwei Stirnen lehnten sich gegeneinander, nur für einen Augenblick. Sein Herz pochte, war kurz davor sich zu überschlagen, unbefriedigt und sehnsüchtig. Wie kann er nur so stark sein?
Da Phineas sich löste und den Körper dem Tisch zuwendete, entdeckte er Stacy im hinteren Teil des Raumes zurückkommen. Zuerst war er weiterhin unbeschwert, beflügelt von der Freiheit und dem Kribbeln in seiner Brust, doch nachdem er das letzte Eiswürfelwasser des Cocktails aufgesaugt hatte, schaute er genauer zu ihr. Stacys Gang war steif, ein Lächeln bekam sie nicht zu Stande. Ihr Kopf zuckte zum Fenster, suchte Candace, bewegte sich in einem Ruck zurück und fixierte die Brüder.
Ferb beantwortete Nachrichten auf seinem Handy und hatte es deshalb nicht bemerkt. Augenblicklich wurde Phineas schlecht. Das ist das Ende! Sie hat uns gesehen! Er versteckte die zitternden Hände unter der Tischplatte. Dann wartete er auf den Hammerschlag, auf den Schrei, auf den Ekel und die Vorwürfe. Er rechnete damit, dass seine Welt zusammenbrechen würde und er Ferb für immer verlieren würde. Es war jede Sekunde mit dir wert.
Doch nichts geschah.
Zwar wirkte Stacy in sich gekehrt und Phineas war sicher, dass ihre zu einem geraden Strich zusammengekniffenen Lippen nur darauf warteten alles auszuspucken, allerdings passiert es nicht. Sie schwieg und tippte auch auf ihrem Smartphone herum. Als sie ihm in die Augen sah, war es ein intensiver, forschender Blick, dem er nicht lange standhalten konnte. Deshalb suchte er ebenfalls das Badezimmer auf.
Nachdem die schwere Tür hinter ihm zugefallen war, stützte er sich auf den Rand des Waschbeckens und atmete tief durch. Sein Herz raste als wäre er einen Marathon gelaufen. Selbst eine besonders große Menge eiskalten Wassers half ihm nicht, sich wieder lebendig fühlen.
Zurück im weiß gekachelten Flur, wartete zu seiner Überraschung Ferb. Er lehnte lässig an der Wand und spielte mit einem Nietenarmreif. Er brauchte es nicht zu sagen, Phineas verstand die Botschaft wie so oft ohne Worte. Fröhlich lief er los und ihre Finger fanden von selbst zueinander, verschränkten sich. Statt die Stufen zurückzugehen, zog Ferb ihn um eine Ecke in Richtung des Notausgangs. Dort krallte er sich in Phineas Hemd und schob ihn näher. Sofort verschwand der Gang um sie herum und damit die weißen Bodenfliesen, das dumpfe Licht und die geschlossenen Türen, die nur für Mitarbeiter waren. Alles verschwamm, wurde zu einer unwichtigen grauen Masse, aus der nur der feste Druck dieser Lippen herausstach.
Ein tiefes Stöhnen wurde nah seines Ohrs ausgestoßen und eine Hand wanderte an ihm entlang. Er drückte sich an die stoppelige Wange, strich dort mit den Lippen entlang, legte den Kopf in Ekstase in den Nacken. Jetzt war die Welt wieder heile. Fuck, wie sollte er je ohne dieses Gefühl leben? Er ließ seinen Hals küssen, öffnete nur die Augen, um den lüsternen Blick des anderen einzufangen. Leidenschaft floss wie Strom zwischen ihnen und heizte die Teenager immer mehr an.
„Ich wusste es!“
Hochrot und außer Atmen stoben die Jungs auseinander. Phineas brauchte einen Moment, um die Gestalt zu erkennen, die mit verschränkten Armen vor ihnen stand. Stacy klopfte nervös mit der Schuhsohle auf den Boden. Ihre Mimik war unlesbar.
„Von all den Sachen, die ich bei euch über die Jahre gesehen habe, ist das … ist das …“ Sie schüttelte den Kopf. „Ihr seid ein geheimes Paar.“
Phineas machte einen Schritt auf sie zu. Es zu leugnen, hatte jetzt keinen Sinn mehr. „Also, ja, ja das sind wir.“
Stacy wendete sich ab. „Mehr will ich gar nicht wissen. Ich denke euch ist klar, wie seltsam das ist.“
Ferb stellte sich neben Phineas, ergriff dessen Hand. ,Natürlich‘, sagten seine Augen. Dann warteten sie darauf, dass Stacy ihr Versprechen geben würde. Phineas blickte flehend, während Ferbs Gesicht mit einer mysteriösen Strenge überzogen war. Ob sie wohl dieses größte aller Geheimnisse bewahren konnte? Doch die junge Frau ließ sie dort unten mit ihren Gedanken und Sorgen allein. Shit, shit, shit! Das war ein Fehler! Sie wird es erzählen! Mein Leben ist vorbei!
„Dein Leben ist nicht vorbei.“ Ferb hatte ihn zu sich gezogen, zwang ihn, ihm ins Gesicht zu schauen. „Ich denke, wir können ihr vertrauen.“
Phineas fiel es schwer, diese Worte zu glauben. Zweifel beherrschte seinen Ausdruck, doch zugleich beruhigte ihn der Geruch von Ferbs Aftershave. Diese Nähe war magisch.
Er war nicht im Stande, etwas zu sagen. Herz und Kopf rasten, bildeten einen kreischenden Ball Nervosität, der wuchs, an seine Brust stieß und herauswollte.
„Wenn das Schlimmste eintritt, dann hast du immer noch mich, Kleiner.“ Phineas ließ zaghaft den Kuss zu, aber diesmal konnte die sanfte Berührung der Lippen nicht alles Umgebende fortspülen. Um es noch deutlicher zu machen, drückte Ferb Phineas‘ Hand.
„Wenn wir gegen den Rest der Welt kämpfen, dann hat die Welt keine Chance. Du bist der coolste und beste Mensch, den ich je kennenlernen durfte. So und jetzt kapier das bitte, denn das ist mir genug Kitsch für einen Abend.“ Soll das heißen, dass er mit mir weglaufen würde? Soll das heißen, dass er mich … mich liebt? Vielleicht gibt es eine Möglichkeit … Eventuell müssen wir uns gar nicht trennen … Ein Stück des alten Selbstbewusstseins war zurückgekehrt. Phineas glaubte sogar, so etwas wie Optimismus zu empfinden. Stacy hatte sie ertappt, aber genauso gut hätte es Candace sein können und dann hätte es eine Katastrophe gegeben. Ganz zu schweigen davon, dass es genug Schock für sie gewesen sein musste, von seiner Homosexualität zu erfahren.
Die Zukunft würde eine schöne Zukunft werden, wenn er sie nur irgendwie mit Ferb verbringen könnte. Er zog seinen Stiefbruder zu sich herunter und legte seine gesamten Gefühle und Hoffnungen in diesen Kuss. Wir werden einen Weg finden.
*Snow Patrol: New York

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