Der beste Bruder der Welt – Im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt

Die Wäsche! Der Zettel! Phineas war schlagartig hellwach. Er hechtete trüben Sinnes zum Wäschekorb und fand diesen leer vor. Mom, nein! Mit klopfendem Herzen eilte er die Treppe herunter und lauschte auf das Geräusch, welches er befürchtete zu hören. Er stolperte, verlor das Gleichgewicht und konnte einen Sturz in letzter Sekunde verhindern, indem er sich am Geländer festklammerte. Leider bestätigten sich seine Bedenken. Die Waschmaschine rumpelte laut fröhlich vor sich hin. Diesmal achtete er mehr auf seine Füße, sodass die Stufe zwischen Küche und Garage, über die Gäste so oft fielen, keinen Schaden anrichtete. Er hatte die letzte Hoffnung, dass seine Hose nicht dabei war, dass diese noch im Korb wartete. Zum zweiten Mal wurde er enttäuscht. Es war die weiße Wäsche, die in dem gelben Plastikkorb auf dem Trockner lag. Phineas ließ sich auf die Kniee sinken und beobachtete, wie die Kleidungsstücke geschleudert wurden. Seine Nase berührte fast das dicke Glas vor sich. Nun war sie also dahin, Chris‘ Nummer.
  Dabei wusste er nicht einmal, ob er sie jemals benutzt hätte. Doch jetzt war die Chance vertan. Phineas Flynn seufzte und erhob sich.

Eine Woche später saß er auf demselben Boden. Allerdings war es diesmal nicht die Waschmaschine, die seine Aufmerksamkeit hatte, sondern Ferbs Auto. Nachdem Linda ihnen verboten hatte, damit zu fahren, hatten sie nun den ersten Nachmittag Zeit, daran zu werkeln. Ferb hatte irgendeine, für Phineas unbekannte, Rockband angemacht, die dem Lärm der Werkzeuge Konkurrenz machte. Ansonsten arbeiteten sie in Schweigen. Wie in alten Zeiten brauchten sie nicht auszusprechen, was sie brauchten, der andere wusste es stets.
  Phineas hatte ein weiteres Mal von Ferb geträumt. Darin war es so harmonisch gewesen. Wie lächerlich einfach alles seinem Traum gewirkt hatte und wie krank es in Wahrheit war. Er litt unter dieser Irritation, dieser Phase – welche zugegeben sehr hartnäckig war. Innerlich seufzend ertappte der Teenager sich dabei, den anderen zu beobachten. Ferb war letzte Woche jeden Abend erst Mitten in der Nacht nach Hause gekommen, die meisten davon betrunken. Er schien sein Haar gar nicht mehr zu kämmen und das letzte Mal rasiert hatte er sich Montag. Langsam bemerkten auch die anderen Familienmitglieder, dass etwas nicht stimmte, aber bisher ließen sie ihn in Ruhe.
Die Hochzeit war weiterhin das große Thema. Morgen waren sie bei den Johnsons zum Essen eingeladen und die Verlobten hatten sich schon auf einen Termin geeinigt. Es war seltsam, dass Candace hier war und sie sie doch selten zu Gesicht bekamen. Phineas hatte gedacht, dass sie die erste wäre, die Ferbs nächtliches Heimkommen bemerkte, aber sie schlief meist bei Jeremy, der mehr Platz in seinem alten Zimmer hatte.
  Er beugte sich in den Motorraum und war froh, dass er so keine Chance hatte, den anderen erneut anzustarren. Dennoch konnte er Ferb fühlen. Er nahm ihn wahr, wenige Zentimeter in der Nähe stehend, als würden sie sich berühren. Phineas hatte einen Entschluss gefasst. Er hielt es nicht mehr aus. Heute würde er seinen Plan in die Tat umsetzen. Mehrfach hatte er Informationen über das Rohrbruch gesammelt, war entschlossen die Adresse herauszufinden und hatte die Suche doch wieder abgebrochen, bis zum heutigen Morgen.
  Er hasste sich dafür. Er verfluchte sein Ich, dass es nicht mehr vollends mit Isabella zufrieden war. Eine Woche, dachte er. Ich habe eine Woche gewartet und es hat sich nichts verändert! Er musste dieses Experiment wagen, sonst würde er verrückt werden. Ich bin an dem Punkt angelangt, wo ich nicht mehr so weiterleben kann. Dennoch: Die Dinge mit Isabella hatten sich wieder normalisiert und Phineas hatte in wenigen Tagen perfektioniert, in ihrer Nähe der aufmerksamste und liebevollste Freund zu sein, den es gab. Mittlerweile fiel es ihm sogar leicht, so zu tun, als wäre sie im Mittelpunkt seines Herzens, als gäbe es dort nicht zudem eine andere Person. Egal was geschehen würde, Isabella war auf ewig ein besonderer Platz dort sicher. Und vielleicht war bald keine Konkurrenz mehr da. So schnell wie sein Verlangen nach Ferb gekommen war, so schnell möge es verschwinden.
  Er musste bei dem Gedanken schmunzeln. Was würde er dafür nicht alles geben? Dass etwas mit ihm absolut falsch war, war zu einer schwer zu akzeptierenden Wahrheit geworden, die immer über ihm schwebte. Seit der Feier hatten Ferb und er nicht mehr offen geredet, doch das mussten sie auch nicht. Sie waren ohne Wort füreinander da. Allein, dass sie um den Zustand des anderen wussten, half. Trotzdem würde er gern mehr tun. Gäbe es doch etwas, was Ferbs Schmerz auch nur wenig linderte!
  Phineas sah mit einem aufmunternden Lächeln über die Schulter. Wer von uns wohl der Kaputtere ist? Eine der vielen Fragen, die er nicht beantworten konnte. Im Moment zählte nur, dass dieses Projekt ihnen gut tat. Es gab Phineas eine Ruhe, die er nicht geglaubt hatte empfinden zu können, vor allem nicht im Angesicht seines Plans das Rohrbruch zu besuchen.
  Unerwarteterweise fühlte er bisher nicht das Bedürfnis, sich Mut antrinken zu müssen. Überhaupt war er nicht erpicht darauf, je wieder diese alkoholbedingte Übelkeit zu fühlen. Er wusste nicht wie Ferb damit klarkam. Schließlich war der Kater nicht das einzige, er musste zusätzlich mit Schlafmangel und – so wie er im Augenblick lebte – völligem Fehlen von Freizeit zurechtkommen. Phineas war es ein Rätsel wie Ferb Hausaufgaben machte, so oft wie er gar nicht nach Hause kam. Die anderen dachten bestimmt, dass er die Zeit bei Vanessa verbrachte, denn niemand außer Phineas wusste von der Trennung und er glaubte nicht, dass Ferb bald bereit war, darüber zu reden. Dabei muss er sich für nichts schämen – nicht so wie ich …
  Kaum sichtbar schüttelte er den Kopf, machte sich von seinen Gedanken frei und konzentrierte sich vollkommen auf das Auto. Ein Handy vibrierte. Ferb tippte seinem Bruder auf die Schulter und deutete darauf. Phineas unterbrach die Arbeit, wischte sich die Hände sauber und sah eine Sprachnachricht von Isabella. Während der andere die Musik leise drehte und die Gelegenheit für eine Pause nutzte, hörte Phineas die Nachricht ab: „Hey Phin, ich hoffe es geht dir gut und eure Arbeit läuft flüssig. Ich wollte dir kurz sagen, dass meine Mutter mir überraschend frei gegeben hat. Das heißt wir könnten uns heute Abend sehen. Adyson wollte mit ein paar Leuten in die Stadt. Hättest du Lust dich da anzuschließen? Oder wir beide gehen ins Kino und suchen uns ganz spontan einen Film aus? Denk mal darüber nach und melde dich! Ab 7 bin ich frei. Ich warte sehnsüchtig auf deine Antwort. Tausend Küsse. Ich liebe dich!“
  Isabellas fröhlicher Ton verhallte in der Garage und Phineas reagierte nicht. Sein Gesichtsausdruck musste Bände sprechen, denn Ferb kam näher und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. Unter dieser Berührung sackte Phineas zusammen. Haltsuchend ergriff er die Hand des anderen, die schmutzig und ölig war. Sie hielt ihn davon ab, auf den Boden zu sinken. Ausgerechnet heute. Einen Wimpernschlag später war Phineas wieder sicher auf den Beinen, aber die Hand ließ er nicht los. Wie ein Welpe blickte er in die blauen Augen, als würde er darin eine Antwort finden. Er spürte Hitze und Nervosität sich ausbreiten, den Herzschlag tief und laut.
  Wie konnte eine einfache Geste so viel Verständnis ausdrücken? Phineas glaube Ferb würde all seine Sorgen und Ängste kennen. Er schien sie in dieser Sekunde, in seinen Augen zu lesen, ohne große Mühe aufzunehmen und sie dann zunichte zu machen. Und es war kein Problem, dass Ferb alles wusste, er würde selbst die unmöglichste Wahrheit verstehen!
  Der Moment verging.
  Die Hände der Stiefbrüder trennten sich und wurden parallel an den Hosen abgewischt. Phineas wendete sich ab. Welchem Irrsinn war er soeben befallen? Niemals würde jemand Verständnis für seine Gefühle gegenüber Ferb haben! Niemals!
  „Du möchtest sie nicht treffen.“ Es war eine Feststellung keine Frage. Was tue ich? Was soll ich machen? Ich kann ihr schlecht schreiben, dass ich alleine in eine Bar gehen möchte!
  Sollte er jetzt lügen? Viele Alternativen gab es nicht. Ihr zuzusagen würde seine Pläne vollständig begraben. Er hatte lange genug gewartet, er musste es endlich herausfinden, musste wissen, ob es mit einem Mann besser war.
  „Schreib ihr, dass es mir wegen Vanessa schlecht geht und du mir beistehen musst.“ Er spuckte den Namen aus, als hätte er etwas Bitteres im Mund. Phineas blickte zu Ferb, der ansonsten unverändert dastand. In der Freundesgruppe machte ein Gerücht die Runde Ferb und Vanessa hätten Probleme, welches Buford ausgelöst hatte. Doch von einer Trennung war aufgrund seiner Gedächtnislücken die Party betreffend nicht die Rede.
  Er war gerührt. Nicht nur, dass Ferb für ihn da war, er bot sich selbst als Lüge an.
  „Du musst das nicht tun.“ Er wollte nicht, dass der andere mehr Teil davon wurde, als er ohnehin schon war. Ferb hatte noch eine Chance! Phineas verabscheute sich dafür, dass er lügen musste. Wenn er es tat, war er am Tiefpunkt. Dorthin sollte sein Bruder nicht gelangen.
  Dieser verdrehte die Augen und nahm kommentarlos die Arbeit wieder auf. Ich muss schließlich nicht sofort entscheiden, was ich antworte, dachte er und drehte seufzend die Musik laut, bis er seine Gedanken kaum hören konnte. Dann reichte er Ferb die neue Batterie. Die Brüder hatten ihre Lebensdauer verlängert und das Aufladeproblem bei Kurzstrecken beseitigt. Dass die Batterie sich entleeren würde, war ein Ding der Unmöglichkeit. Als die Arbeit zur Neige ging, begann Phineas unruhig zu werden, so unruhig, dass Ferb ihm den Arm festhielt, damit eine gefährlich schwungvolle Bewegung unterbrechend. Ein durchdringender Blick traf ihn.
  „Antworte ihr endlich, sonst tue ich es!“
  Phineas machte sich die Hände sauber und schaltete die Musik aus. Wie sehr er auch wünschte dies nicht tun zu müssen, er war hier, er war gefragt worden, er musste handeln. Während er tippte konzentrierte er sich darauf, einen regelmäßigen Atem aufrecht zu halten. Er murmelte Worte vor sich hin und sah immer wieder Ferb an, wenn er nicht weiter wusste. Am Ende bekam er eine anständige Nachricht zusammen:

Hallo Schatz. Unsere Arbeit läuft super. Wir haben bald das komplette Innenleben ausgetauscht. Vor allem der neue Motor hat ein paar Überraschungen parat. Es würde dir gefallen. Freut mich, dass du frei hast, aber leider haben Ferb und ich schon andere Pläne. (Das war der schwierigste Satz gewesen, wenn er auch nicht unbedingt eine Lüge war.) Wegen Vanessa möchte ich ihn nicht allein lassen. Wir können gerne einen anderen Tag ausgehen. Vielleicht morgen nach dem Essen bei den Johnsons? Oder ich komme Montag kurz vorbei.

Sende dir Liebe und Küsse zurück.

Phineas Flynn stand im Badezimmer vor dem Fenster. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite verließ ein pinkes Auto im Dämmerlicht die Auffahrt und steuerte Richtung Innenstadt. Der Teenager drückte das dunkle Shirt an seine Nase. Es roch absolut nicht mehr nach Ferb, hatte stattdessen eine hölzerne Note nach Kommode angenommen, die sich zum Schweiß- und Rauchodeur mischte. Er drehte sich vom Fenster weg und warf es schweren Herzens in den Wäschekorb.
  Phineas zog sich seine Lieblingsjeans und einen leichten grauen Pullover an. Als er das Portemonnaie in die Hosentasche steckte wurde ihm klar, dass er wirklich im Begriff war, zum Rohrbruch zu gehen. Er würde seine Treue wegwerfen, zumindest für ein paar Stunden. Dazu hatte er sich entscheiden, es würde passieren. Er hörte Ferb das Zimmer verlassen und die Treppenstufen hinunterlaufen. Auch er geht jetzt. Phineas wartete eine Viertelstunde, wartete darauf, dass Zweifel kamen und als diese ausblieben machte er sich auf den Weg. Wie ein Fremder im eigenen Körper stieg er Stufe für Stufe hinab. Er hörte, dass der Rest der Familie zusammen vor dem Fernseher saß und rief mit klopfendem Herzen eine Verabschiedung in ihre Richtung. Die Schuhe hatte er sich angezogen bevor eine Antwort kam und als er die Tür hinter sich zuzog, war es zu spät, ihre Fragen zu beantworten.
  Draußen schlug ihm ein angenehm leichter Wind entgegen, der jedoch nicht über das Gefühl des Beobachtet-Seins hinwegtäuschte, während er den Maple-Drive entlanglief. Dies war das erste Mal, dass er etwas vorhatte, was er nicht mit Stolz der Nachbarschaft präsentieren würde. Wahrscheinlich glaubte er deshalb, aus jedem Fenster verurteilende Augen blicken zu sehen. Er war so aufgeregt, dass es bis in die Fingerspitzen kribbelte.
  An der Bushaltestelle setzte er sich auf den kalten Metallsitz und wippte mit den Beinen. Niemand sonst war da. Eine alte Frau mit Pudel lief vorbei. Es fiel ihm schwer, sie anzuschauen, fühlte es sich doch so an, als könne man ihm seine Pläne ansehen. Wurde die Tatsache, dass er seine Freundin betrügen würde dadurch verschlimmert, dass es ein fremder Mann sein würde, dem er seine Jungfräulichkeit schenken wollte? Phineas war bereit, so weit zu gehen. Er hatte recherchiert, sich mental darauf vorbereitet und dabei mehr gelernt als er sich merken konnte. Ich werde es wirklich tun! Fuck! Fuck! Ich werde in diesen Bus steigen!
  Er setzte sich hinten den Fahrer, um der Gruppe gleichaltriger zu entgehen, die im hinteren Teil eine Dose Bier herumreichten. Die Fahrt zog sich und jeder Schritt danach auch. Phineas bog in eine Seitenstraße ein, lief an einem Chinarestaurant und einem Nagelstudio vorbei. An einer alten Fabrik, die man in Wohnungen umbaute, hielt er sich links. In dieser Gegend war er nie zuvor gewesen. Das Erste, was er sah, war die Leuchtreklame einer Karaoke-Bar. Beim Näherkommen entdeckte er auf der gegenüberliegenden Seite ein unauffälliges Holzschild: Das Rohrbruch.
  Zwei Männer um die 50 standen vor dem Eingang und taxierten ihn schon von Weitem. Phineas lief an ihnen vorbei, warf einen Blick durch die staubige Fensterscheibe in ein düsteres Inneres. Obwohl es noch früh war, konnte er bereits einige besetzte Plätze sehen. Er war am Ende des Gebäudes angekommen und stehengeblieben. Die Blicke der Männer spürte er einschüchternd auf dem Rücken. Ich kann jetzt nicht kneifen. Mit diesem Gedanken ging er, ein starkes Lächeln auf den Lippen, an den zweien vorbei und betrat das Rohrbruch.
  Der Geruch nach alten Ledermöbeln, Zigaretten und Alkohol schlug ihm entgegen. Er befand sich in einem rechteckigen Raum. Die L-förmige Bar war zu seiner Linken und mit mehr Flaschen aufgefüllt als er je gesehen hatte. Am Fenster standen Tische, die Platz für vier Personen boten, kleinere waren weiter in der Mitte. Gegenüber des Eingangs gab es eine kleine Bühne, die nicht so aussah als würde dort jemand regelmäßig spielen. Fast alles war aus einem fleckig angelaufenen Holz, das seine besten Tage längst hinter sich hatte.
  Während Phineas sich umsah, die bunte Sammlung von Kronkorken, Paletten und schwarz-weiß Fotos betrachtete, die an den Wänden hing, wurde ihm klar, dass er angestarrt wurde. Ihm war bewusst wie verloren er aussehen musste. Die jüngsten Personen waren locker zehn Jahre älter als er, die meisten eher das Doppelte und alle beobachteten ihn mehr oder weniger offensichtlich. Eine plötzliche Furcht durch den Raum zu gehen, ließ ihn an der Bar platznehmen. Selbst dort wurde er manche Augenpaare nicht los. Das durchgesessene Kissen des Barhockers klebte und war am Rand aufgerissen, sodass Phineas etwas brauchte, eine angenehme Position zu finden. Er ignorierte die Kellnerin auf der anderen Seite und sah suchend über die Schulter. Dort soll es Leute geben, die es mit jedem tun. Ob einer von ihnen jetzt hier war?
  Die Männer von draußen kamen herein und machten es sich am ersten Tisch hinter ihm bequem. Sie sahen nach Stammgästen aus, doch er fand die Vorstellung, sie anzusprechen alles andere als verlockend. Ansonsten erspähte er zwei gealterte Punks, die rauchend in der Ecke saßen, vier Frauen im Alter seiner Eltern, Jägermeister trinkend, und eine, die so pechschwarzes Haar hatte, dass es ihn unangenehm an Isabella erinnerte. Zur Tür kam eine gemischte Gruppe herein von etwa neun Leuten. Phineas atmete erleichtert auf, sie waren nicht viel älter er, wahrscheinlich vom College.
  „Wartest du auf jemanden, Jungchen?“ Die Person, die er eben für eine Kellnerin gehalten hatte, schien in Wahrheit die Bardame zu sein. Sie hatte sonnenstudio-gebräunte Haut und war so geschminkt wie es alte Frauen manchmal tun, um sich wieder jugendlich zu fühlen, dabei aber völlig übertreiben: zu dunkler Lipliner, Lidschatten bis zu den Augenbrauen und eine dicke Schicht Rouge, die sie eher krank aussehen ließ. Tiefe Falten durchzogen die ledrige Haut und verliehen dem eigentlich freundlichen Gesicht Strenge. Phineas mochte die Lebenserfahrung, die aus jeder ihrer Poren zu tropfen schien. Diese Frau hatte einiges mitgemacht, eine Kämpferin. Ihre nikotinschwangere Stimme kratzte erneut an seinen Ohren:
  „Wartest du jetzt oder willste wat trinken?“ Er drehte sich wieder vollends zum Tresen und lächelte sie – vielleicht etwas übertrieben – an.
  „Was können Sie mir denn anbieten?“
  „Ein Taxi nach Hause.“
  Das Lächeln versteifte sich. Ihm war bewusst, dass er wie ein verirrtes Kind aussehen musste, aber er hatte nie Angst vor Fremden gehabt. Er war Phineas Flynn, er machte Freunde im Ganzen Universum!
  „Hör mal, Jungchen. Jedes Wochenende kommen welche wie du hier her auf der Suche nach einem schnellen Abenteuer. Kinder aus einem ach so juten Elternhaus denen ihre sonstigen Spielzeuge langweilig geworden sind. Ich sage dir, was ich ihnen allen sage: Du gehörst nicht hier hin!“ Sie begann einen Krug Bier zu zapfen, doch der Hahn schien Probleme zu machen, sodass sie wütend darauf klopfte. Phineas, der damit gerechnet hatte, auf Widerstand zu stoßen, sah seine Chance.
  „Vielleicht kann ich mir das ansehen?“, schlug er wenig eingeschüchtert vor. Die Bardame, welche er im Stillen Illa getauft hatte – denn genauso sah sie aus – gab ein anfälliges einsilbiges Lachen von sich. Als er ihrem Blick mit kühler Ernsthaftigkeit standhielt, veränderte sich etwas in ihrem Ausdruck.
  „Du glaubst wirklich, du kannst das reparieren?“
  „Ich mache sowas andauernd.“
  „Das hat ein anderer Gast auch gesagt und nach ein paar Tagen wieder das alte Problem!“ Sie versuchte es erneut – nichts. „Die Schläuche sind sauber, das Fass gefüllt und frisch“, murmelte sie.
  „Was ist mit dem Leitungsabsperrhahn?“ Wieder sah sie ihn so abschätzend an, wie einen kleinen Jungen, der zufällig etwas Intelligentes gesagt hatte.
  „Na schön Schlaumeier, komm her.“
  Hinter dem Tresen nahm Phineas den Nikotingeruch intensiver wahr. Er spürte wieder verschiedene Blicke wie Nadeln auf sich, vor allem der Illas, die ihm den Zugang zu den versteckten Teilen der Zapfanlage verschaffte, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Phineas prüfte den Kühler, die Schläuche und die Hähne. Sein erster Eindruck war, dass alles erstaunlich gut gewartet und gepflegt war, so gab es auch keinen Knick in den Leitungen oder sonstige Verstopfungen. Allerdings musste er feststellen, dass ein Hahn sich nur scheinbar aufdrehen ließ, die Leitung sich aber nicht öffnete. Schnell beseitigte er das Problem mit den wenigen Werkzeugen, welche ihm zur Verfügung gestellt wurden. Am liebsten hätte er einige Verbesserungen eingebaut, sodass so etwas nicht wieder passieren konnte, doch dazu fehlten ihm die Materialien. Also kroch er hervor und berichtete von seinem Erfolg.
  Falls dies möglich war, wurde der Ausdruck auf dem gegerbten Gesicht noch skeptischer. Phineas legte die Werkzeuge zurück während er nicht ohne Stolz beobachtete wie die kühle gelbe Flüssigkeit wieder klar und schaumig aus dem Zapfhahn hervorquoll. Er setzte sich zurück auf seinem Platz, wo ihm stumm ein gefüllter Krug hingestellt wurde. Nachdem er nicht daraus trank, sondern fragend aufblickte, bekam er eine Erklärung, nicht ohne Augenverdrehen: „Das geht aufs Haus.“
  Dankend nahm er das Bier und begann wieder damit, sich unauffällig umzusehen. Im hinteren Teil schienen weitere besetzte Tische zu sein, die er von hier aus nicht sehen konnte.
  „Du suchst wahrscheinlich nach ihr.“ Illa deutete auf die Schwarzhaarige, die Phineas den Rücken zudrehte und sich exakt in diesem Moment lächelnd zur Bar umwand. Makellose Zähne aus einem dunkelroten Mund strahlten ihm entgegen. Es war schwer zu schätzen, wie alt die Frau war. Ihr selbstbewusster Ausdruck und das makellose Make-Up machten sie reifer als sie möglicherweise war. Direkt blickte sie ihm in die Augen, hungrig, durchdringend, sexy. So wie sie sachte an ihrer Zigarette zog und den Rauch in die Luft blies, hatte sie nichts mehr mit Isabella gemein. Phineas konnte den erfahrenen Augen nicht standhalten. Verlegen drehte er sich weg, unmerklich den Kopf schüttelnd. Der Bardame entfuhr ein raues Kichern.
  „So einer bist du also“, meinte sie trocken, aber mit einer Spur Überraschung. Die schwarzhaarige Fremde war eben aufgestanden und langsam nähergekommen, stolzierte nun jedoch zu ihrem Platz zurück. Phineas verstand plötzlich wie die Kommunikation hier über kleinste Gesten und Zeichen verlief, welche er weder verstand noch sehen konnte. Ich werde strenger beobachtet als ich dachte. Nervös klopfte er mit den Fingern gegen das Glas. Er hätte nicht gedacht, dass ihm das hier so schwerfallen würde. Im Mittelpunkt zu stehen, machte ihm normalerweise nichts aus, doch das hier war völlig anders. Als würde er auf der Bühne stehen, umringt von einem unsichtbaren Publikum, das ihm nach und nach die Kleider herunterriss und zum Ende dann die Fassade, welche er sich die letzten Wochen aufgebaut hatte. Er bekam Gänsehaut, rieb sich über die Arme, trank das Bier. Danach erst wagte er es, erneut einen Blick in den Raum zu werfen. Und er atmete aus.
  Die Collegegruppe hatte einiges an Aufmerksamkeit. Beide älteren Männer beobachteten sie ausschließlich. Jemand Neues kam herein. Ein Mann um die 30 mit zerschlissenen Hosen und kariertem Hemd. Er war ziemlich groß, noch größer als Ferb jedenfalls, doch was Phineas Herz höher schlagen ließ waren seine dunkelblonden Haare, die an den hoch gegelten Spitzen in ein grün-türkis übergingen. Der Teenager konnte nichts dagegen tun, er mochte einfach auffällige Farben. Das ist er. Ich werde ihn ansprechen. Er wollte sich lässig auf dem Barhocker drehen, wollte den Neuankömmling zu sich einladen bevor dieser einen Tisch fand, aber der Mann entdeckte ihn sofort. Braune Augen trafen auf Blaue, zwei Münder lächelten und schon saß der Fremde neben ihm.
  „Hey, ich bin Felix.“ Phineas schlug in die Hand ein. „Phineas.“
  Das andere Lächeln war so umwerfend, dass er errötete. Shit, ich bin wirklich hier. Er nahm die schmalen Augenbraun, die ungewöhnlich langen Wimpern, eine dünne Narbe auf der Wange, das breite Kinn und den rasierten Hals wahr. Ohne zu wissen, was er sagen sollte, beendete er das Bier, während der andere sich selbst eins bestellte.
  „Ich habe dich hier noch nie gesehen.“ Er wurde von oben bis unten gemustert. Felix‘ Ausdruck veränderte sich, nahm lüsterne Züge an. Seine Hand griff nach vorn, strich Phineas‘ Arm entlang. Der wollte zuerst zurückziehen, behielt den Arm jedoch auf dem Tresen. Es war seltsam, so von einem Fremden berührt zu werden. Phineas hatte nicht mit dieser Sanftheit gerechnet und schon gar nicht hatte er erwartet, dass er es so genießen würde. Unbewusst hatte er die Lider geschlossen. Sein ganzer Körper kribbelte vor Aufregung. Die Hand ruhte nun auf seinem Knie. Das ist nur ein Experiment, ein nötiger Versuch. Phineas öffnete die Augen und sah, dass Felix ihm ein Pinnchen mit der freien Hand hinhielt.
  „Ich glaube etwas Entspannung tut uns beiden gut, denkst du nicht?“ Er konnte nur nicken, nahm das Gläschen vorsichtig und schnupperte daran. Die Flüssigkeit roch scharf, aber auch überraschend fruchtig.
  „Bist du immer so still?“ Die Frage brachte ihn etwas durcheinander, weil er augenblicklich an Ferb denken musste. Was er wohl gerade tut?
  Felix schüttelte belustigt den Kopf und kippte den Inhalt des Pinnchens herunter. Das Krachen des Glases, welches auf den Tresen zurückgestellt, weckte Phineas.
  „Nein, ich bin eigentlich sehr gesprächig. Das ist bloß alles neu für mich,“ gab er zu.
  Der andere zog die Augenbraun hoch. „Kleiner, das weiß hier jeder.“ Er ließ die Hand wandern, über das Bein, wieder den Arm entlang und pausierte auf der Wange. Zwischen ihnen war nicht mehr viel Platz. Phineas‘ Atem ging in heißen Stößen. Er wusste, dass er wieder die Hauptattraktion war, aber es war ihm egal. Bewusst gab er sich in die erfahrenen Arme. Wo soll ich mit meinen Händen hin?
  „Ich werde dich jetzt küssen und wenn du magst, werden wir dann ins Hinterzimmer gehen.“ Das geht schnell … Wieder war er nur zu einem schwachen Nicken fähig. Doch dann stieß er mit einem Ruck alle Zweifel, alle Moral, alle Konsequenzen beiseite und presste seine Lippen auf die anderen. Was mache ich hier?, war sein letzter Gedanke.
  Aus einem kurzen steifen Kuss wurden mehrere und bald war eine drängende Zunge in seinem Mund. Phineas Flynn wurde von seinen Gefühlen beinah zerrissen. Nie zuvor war er so glücklich und so traurig zur selben Zeit gewesen. Der Kuss war viel fordernder und klarer und eines war überdeutlich: Er war vom ersten Augenblick süchtig! Dennoch hatte ein Teil von ihm ein größeres Feuerwerk erwartet. Die Erkenntnis, dass Isabella trotzdem nicht annähernd so viel in ihm auslöste, traf ihn hart. Es war glasklar, dass ihre Beziehung zum Scheitern verurteilt war. Phineas musste sich lösen, konnte die Tränen knapp zurückhalten.
  Er stand auf, exte den Drink und zog den verwunderten Felix hinter sich her. Jetzt war alles egal. Entschlossen so lange zu vögeln, bis er nichts mehr fühlte, stolperte er um die Ecke, wo er die Toiletten vermutete. Sie mussten stehenbleiben, da die Kellnerin passieren wollte. Er nutzte die Sekunde und überfiel Felix mit einem wilden Kuss, aus dem er sich ebenso plötzlich löste. Dafür bekam er einen Klaps auf den Hintern. Phineas wusste nicht mehr wer er war, sein Zustand schlimmer als ein Alkoholrausch. War er gebrochen? Oder war er genau dort, wo er schon immer hingehört hatte?
  Sollte er erleichtert sein? Besorgt? Verängstigt? Er wollte nicht denken, nicht mehr. Er lebte jetzt nur in diesem Moment. Mit leuchtenden Augen zog er Felix weiter. Eine Tür rechts neben den Toiletten schwang auf und drei Personen traten heraus. Links eine Blondhaarige mit roten Wangen, die laut kicherte, rechts ein junger Kerl dessen Hose schief hing und zwischen ihnen, die Arme um beide gelegt, war ein Teenager mit blattgrünem Haar.
  Phineas starrte Ferb an.
  Ferb starrte Phineas an.
  Eine ewig gefrorene Sekunde.

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