It’s a mad, mad, mad, mad world
Kapitel
Phineas ließ den Mann neben sich los. Zeitgleich trat Ferb von seinen Begleitern zurück. Keiner der Stiefbrüder lächelte mehr. Dem Grünhaarigen wurde ein Kuss auf den Mund gedrückt und Phineas‘ Augen weiteten sich dabei, denn es war der Kerl, der seinen Bruder küsste und sich danach an einen nahen Tisch setzte. Er hörte noch Felix‘ irritierte Stimme „Ist alles in Ordnung?“ fragen, doch dann zog Ferb ihn mit sich.
Phineas wurde in eine Bank am Fenster gedrückt und fand sich strahlenden blauen Augen gegenüber. Ihm waren sofort mehrere Dinge klar: Erstens, dass dies die Bar war, in welcher Ferb jeden Abend verbrachte. Zweitens: Aus irgendeinem Grund war er verdammt wütend. Drittens: So wie er roch, hatte er gerade eben Sex gehabt. Und zu guter Letzt: Niemals zuvor hatte er so anziehend gewirkt.
„Was denkst du, was du hier machst?“ Ferbs Stimme bebte. Phineas verstand nicht. War es nicht offensichtlich, dass sie hier beide das Gleiche taten? Und hatte er ihm nicht gesagt, dass er sich entscheiden sollte und ihn zudem für diesen Abend gedeckt? Die Welt war komplett verrückt geworden! Und das alles nur wegen eines Traums. Er gab auf, einen passenden Vergleich für die Situation zu finden. Wie sollte es jemals eine ähnliche Lage geben? Er war ein zerrissener Teenager, der in eine Bar gegangen war, um Sex mit einem fremden Mann zu haben, obwohl er eine Freundin hatte und war dort auf seinen Bruder getroffen, für den er irgendwie Gefühle hegte. Ja, das fasst es gut zusammen.
Ferb deutete mit dem Kopf auf Felix. Es war nicht nötig zu sprechen, Phineas wusste wie die vorwurfsvolle Frage lautete.
„Er war sehr nett zu mir.“
„Er würde dich auseinanderreißen!“ Was weißt du schon? Ich bin nicht unvorbereitet hergekommen!
„Mit wem soll ich dann Sex haben?“ Jetzt standen ihm die Tränen in den Augenwinkeln. Ferb ging zur Bar und kam mit sechs Shots zurück, die er gleichmäßig verteilte. Bevor Phineas auch nur einen beäugt hatte, hatte sein Gegenüber zwei geleert.
„Du… gehörst nicht hier hin.“ Seine Züge waren etwas sanfter, aber der Ton klang hart.
„Das habe ich heute schon mal gehört.“ Er griff entschlossen nach dem Pinnchen. „Ich lasse mir nicht vorschreiben, was ich tun soll.“ Und er kippte den Ersten, dann den Zweiten und den Dritten herunter. Ferb fasste ihn am Handgelenkt und drückte zu. Es schien ihm sehr ernst.
„Du willst nicht so tief sinken wie ich. Du hast noch eine Chance.“
Phineas schnaubte. Er hat ja keine Ahnung. Wie gerne hätte er diese Lippen geschmeckt! Er könnte es tun, könnte ihn über die schmale Tischplatte zu sich ziehen. Was spielte es noch für eine Rolle? Der Vorhang war gefallen. Er wollte nicht mehr damit aufhören, Männer zu berühren. Jetzt könnte er es tun, er könnte sich outen und offenbaren, dass er so tief am Boden war, wie der andere es sich nicht einmal vorzustellen vermochte.
Der Alkohol brannte in Phineas‘ Magen und verstärkte von dort bereits seine Emotionen. Obwohl Ferbs Berührung recht grob war, fühlte sie sich auf eine falsche Weise wohltuend an. Er stellte sich vor, dass die Hand wandern würde, so wie es eben geschehen war. Traurig lächelnd schüttelte er den Kopf.
„Ich gehöre genau hier her.“ Flüsternd fügte er hinzu: „Vielleicht mehr als du.“ Er wurde losgelassen und der letzte Shot getrunken.
„Ich bin fast jeden Tag hier. Jeder hier kennt mich. Früher sind Vanessa und ich manchmal hergekommen. Keiner würde vermuten, dass ich noch zur High-School gehe. Ich gehöre mittlerweile zur Einrichtung. Das Rohrbruch ermöglicht mir so viel Alkohol und zwanglosen Sex wie ich will.“ Er ließ eine Pause, in der er sich ein Bier bestellte. „Ich möchte nie wieder eine Beziehung, das zerstört nur. Jeder hier weiß das, jeder hier fühlt das.“ Er machte eine Zeigegeste durch den Raum.
„Aber…“ Ferb bedarf ihm, zu schweigen.
„Für dich besteht Hoffnung. Es ist nicht schlimm, wenn du mit Isabella nicht glücklich wirst, nicht alles passiert so wie wir es gesehen haben. Wenn du einen Mann willst, wirst du einen finden, aber lass es bitte natürlich geschehen und geh nicht meinen Weg.“
Wieso glaubte sein Bruder es gäbe keine Chance mehr? Langsam wurde Phineas wütend. Er brauchte keinen Beschützer! Verdammt, er wollte nur sicher sein können!
„Mir hat es gefallen, ihn zu küssen“, sagte er trotzig. „Ich weiß, was das bedeutet.“ Beinah wäre seine Stimme gebrochen. „Das heißt auch, dass ich genau hinter dir bin, auf dem Weg. Ich werde nicht unverrichteter Dinge gehen.“
Bier wurde gebracht und Phineas wollte den Moment nutzen, um wieder zu Felix zu gehen. Er kam nicht weit. Ferb hatte ihn mit geschicktem Griff gepackt und umgedreht.
„Muss ich betteln?“, zischte er. Phineas‘ Herz sprang hin und her, machte wütende Saltos und nervöse Pirouetten. Wie sollte er der Bitte dieser Augen widerstehen?
„Ich muss wissen, wie es sich anfühlt.“ Er sprach leise, dass es nur Ferb hören konnte, keiner der anderen, die sie beobachteten. Sie setzten sich wieder.
„Wie kann ich dir helfen?“ Du könntest es mir zeigen. Nein, unmöglich! Es ist unmöglich! Er denkt, er würde nie glücklich werden, dabei bin ich der Hoffnungslose! Ich bin krank! Abartig! Eklig! Ich muss diese Gedanken doch irgendwie loswerden können! Phineas zuckte zur Antwort mit den Achseln.
„Ich dachte, dass sie hier gut mit Jungfrauen wären. Ich…“
„Ich kann dir zeigen, wie man den Schmerz wegtrinkt“, schlug Ferb vor. Das erste Mal, seit sie sich hier getroffen hatten, lächelte er.
Rausch.
Rausch und Lichter.
Nach nicht allzu langer Zeit schwebten die Brüder über der Welt.
„Ich habe Angst vor morgen,“ schrie Phineas über die Geräuschkulisse der jetzt vollen Bar hinweg. „Ich weiß nicht wie du so fit blieben kannst.“ Ferb grinste etwas dümmlich, was den anderen seinerseits zu einem Lächeln verleitete. Shit, ich bin so betrunken.
„Das ist alles Sache der Gewöhnung. Wasser und Tabletten helfen natürlich auch.“ Er lachte laut und zog an der Zigarette, die zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmte.
„Und morgen ist das Essen mit den Johnsons.“ Phineas vergrub das Gesicht in der Armbeuge und Ferb lachte nur mehr. Du bist so gut wie tot, sagte sein Blick. Die restliche Welt drehte sich. Außerdem bildeten Menschen und Rauch einen dichten Wall. Er stützte den Kopf schwer auf die Handfläche und murmelte wahllose Liedzeilen vor sich hin. Überall rauchten, lachten, tranken sie. Feuerzeuge leuchteten auf, Krüge wurden aneinandergestoßen. Irgendwo ein blond-grüner Haarschopf. Bier tropfte, Zungen drangen in Hälse, jemand stöhnte. Gesang. Lachen.
„Du siehst so witzig aus, manchmal.“ Ferb spuckte beim Reden über den Tisch.
„Wieso?“ Phineas Stimme war eindeutig zu hoch. Spielerisch versuchte er, den anderen zu treten, traf jedoch nur Luft. Er fühlte sich viel besser, war aber weiterhin enttäuscht, dass ihm zum zweiten Mal der Körperkontakt verwehrt wurde. Mehr Küsse, war das zu viel verlangt? Er kicherte.
„I kissed a boy and I liked it”, sang er vor sich hin. “Ferb, würdest du mich küssen?“ Hab ich das laut gesagt? Phineas Mimik war zu Stein erstarrt. Viel zu spät fing er an, zu lachen, da hatte Ferb schon damit aufgehört. Die Nägel seiner linken Hand kratzten vom Ellbogen in Richtung des Handgelenks und hinterließen tiefe Spuren. Warum und wann hatte er die Ärmel hochgekrempelt? Verwundert lose Haut unter den Nägeln zu finden, betrachtete er die Finger. Sensible Hände. So durstig nach einer Liebe, die sie nie bekommen konnten. Ich sollte aufschauen.
Es war nur ein Scherz, richtig? Ich sollte … Ferb hatte plötzlich die Hand weggedrückt, welche ganz von alleine dazu angesetzt hatte, die Rillen zu vertiefen.
Verwirrung, Schmerzen und Scham.
Die blauen Augen nun ganz klar. Nicht durcheinander, ein Tor wie der Ozean, ruhig und allwissend, kühl. Balsam für die gebrochene Seele. Ein Kopfschütteln.
„Bitte tu dir nicht weh.“
Phineas blinzelte. „Ich… ich hab mich wohl nicht unter Kontrolle.“ Er setzte ein überzeugendes Lächeln auf, was überspielten sollte, wie schockiert er war. Ungeschickt krempelte er die Ärmel runter.
„Ich äh… bin auf Klo.“ Beim Aufstehen stolperte er und musste sich an der Tischplatte festhalten. Ups. Ein leeres Glas fiel um und kullerte vom Tisch, wo Ferb es auffing.
„Du bist der Coolste!“ Phineas klatschte.
Von hier aus wirkte die Bar direkt weniger voll. Grinsend taumelte er weiter, das Ziel mit zusammengekniffenen Augen fest im Blick. Wieso tat sein Arm so weh? Einer korpulenten Frau platzmachend, stützte er sich auf eine Stuhllehne und schaute zurück. Er hätte sich Gedanken machen sollen, wie diese Nacht wohl enden würde, war über den Punkt der Sorge jedoch weit hinaus. Stattdessen kamen ihm zum gefühlt tausendsten Mal an diesem Abend Ferbs Muskeln in den Sinn. Grinsend beobachtete er den grünen Hinterkopf bis ihm einfiel, dass er aus einem bestimmten Grund vom Tisch geflohen war. Wieso musste ich das auch sagen? So töricht! So dumm! Als er sich auf dem Absatz drehte, rumorte sein Magen und er musste aufstoßen. Hilfe, was habe ich alles getrunken?
Diesmal war sein Laufen mehr ein Stolpern. Der Griff nach der Klinke wie von einer fremden tollpatschigen Hand. Er schwitzte. Die Toiletten waren gemischt. Von einem quadratischen Raum mit schäbigen Fliesen, die über und über bekritzelt waren, führten drei Türen zu schmalen Kabinen. Phineas lachte über die Preise am Kondomautomaten und steuerte dann auf die hintere Kabine zu. Der Boden war voll von Toilettenpapier, der geöffnete Mülleimer am Rand verschmiert und die Klobrille sah aus als falle sie bei jeder Berührung vom Sitz. Er hatte Schwierigkeiten die Tür vernünftig zuzuziehen, da das Schloss klemmte. Es war ihm egal. Mit einem Seufzer ließ er sich mit runtergelassener Hose auf die Brille fallen.
Während er dasaß, vor sich hin summte und wartete holte er sein Portemonnaie heraus. Ohne es wirklich zu zählen, sah er sich das Geld an und bewunderte dann das Kondom, das sich unschuldig zu den Münzen gesellt hatte. So ein faszinierendes Ding. Jemand betrat die Nebenkabine, sodass der Teenager schnell alles einsteckte und aufstand. Die Bewegung war wie ein Tritt in die Magengrube. Eine Hand hielt seinen Bauch, die andere schoss zum Mund, um das Unausweichliche zu verhindern. Er sackte zu Boden und spukte ins Klo, die heißen Wangen kamen auf dem Porzellan zur Ruhe. Eine Sekunde, zwei, drei … Phineas‘ Wille, sich nicht zu übergeben siegte. Stöhnend hob er den Kopf. Alles drehte sich. Die Gefühle betäuben? Wohl eher die Vernunft! Seine Empfindungen kamen ihm stärker denn je vor. Ein Brodeln unter der Oberfläche. Was soll ich nur tun? Zurückzugehen machte ihm plötzlich wahnsinnig Angst. Die Minuten vergingen.
Er schaffte es, sich komfortabler hinzusetzen und die Hose über den Hintern zu ziehen. Viele bunte Aufkleber an der Tür. Sie ließen sich nicht zählen, wurden unterbrochen von Initialen, schmutzigen Zeichnungen, Daten und weiteren Schmierereien. Informationen, die er gegenwärtig nicht fassen konnte. Das Waschbecken im Vorraum lief, schwere Schritte entfernten sich. Ich muss ins Bett. Die Augenlider so schwer, dass sie zufielen. Aber die Bilder, die er dann sah, konnte er nicht ertragen. Ferb tat dort unaussprechliche Dinge in eben diesem Badezimmer mit dem Pärchen von vorhin.
„Oh scheiße“, wimmerte er vor sich hin, realisierend wie stark die Vorstellung schmerzte. Auf allen Vieren tastete er nach der Spülung. Das Wasser rauschte laut in seinen Ohren. Der Boden hatte ihn abgekühlt. Passiv nahm er den Kopf weg von der stützenden Wand und beobachtete das Rütteln an der Tür.
„Hier gibt es nichts zu sehen,“ lallte er. Das Rütteln hörte kurz auf, dann entdeckte eine Hand, dass seine Tür unverschlossen war und drückte sie zur Seite. Die Hand gehörte zu einem Arm und dieser Arm hing an einem bekannten Körper. Natürlich, es war Ferb, der sich ungeschickt durch den Spalt schob.
Die zwei Brüder füllten den Raum vollständig aus. Phineas, der rechts neben der Toilette saß, seine Beine darunter, versuchte dem Näherkommenden zu entweichen – ohne Erfolg. Seine trüben Augen blickten hoch zu dem großgewachsenen Jungen, der schwieg.
„Ich habe nicht, ich hab mich nicht… gekotzt.“ Er grinste stolz und fuhr mit dem Daumen die Linien der Fliesen nach. Ferb reichte eine Hand, die Phineas ignorierte, weshalb er grob gepackte und auf die Beine gezogen wurde, wobei sie beide das Gleichgewicht verloren. Ihm entfuhr das Geräusch eines Hundes, dem man auf den Schwanz getreten war. Dann fand er sich an die Brust Ferbs gedrückt.
In diesem Moment schlug sein Herz so schnell, wie nie zuvor in seinem Leben. Er konnte den alkoholschwangeren Atem spüren, die Reste des Deos riechen. Erregung. Ferb schob ihn nicht weg. Phineas brachte so viel Abstand zwischen sie, wie nötig war, den Kopf zu heben. Es war so natürlich.
Wann weiß man, dass etwas Liebe ist? Wo ist der Übergang zu tieferen Gefühlen? Beginnt es mit einigen Sekunden des Erkennens der Attraktivität? Reicht ein Lächeln? Eine Berührung? Ein kurzer Moment und es ist geschehen? Oder …
… oder genügt ein Kuss? Ein seltsamer und welterschütternder Kuss, der endgültig alles aus den Fugen reißt?
Ferbs Lippen waren hart. Hitze überall. Zwei schwere Zungen trafen sich. Phineas wurde hochgehoben und gegen die Tür gedrückt. Ein unstillbarer Hunger hatte von ihm Besitz ergriffen. Seine Nägel waren fest in die Schulter des anderen gekrallt. Rausch. Er wollte mehr! Mehr! Nur mehr! Wenn ihre Lippen sich zu lange lösten würde er dem Wahnsinn verfallen! Bartstoppeln kitzelten, Zähne knabberten, eine Hand drückte gegen seinen Hintern. Haare fielen in den Weg, es spielte keine Rolle. Fester wurde er gedrückt, knallte wieder gegen die Kabinentür. Stöhnen. Seine Hose war verrutscht, aber sie hatte sowieso ihren Zweck verloren.
Sie wurden wilder. Sie wurden schneller. Ihr Münder lösten sich nur für den Bruchteil einer Sekunde, genug, um nach Luft zu schnappen. Phineas fand sich auf den eigenen Beinen wieder. Die Augen öffnend bemerkte er eine Hand in seine Unterhose gleitend. Sie tat dort Dinge, wunderschöne, engelsgleiche Dinge. Wo war die Luft hin?
Unendliche Glücksgefühle wurden durch seinen Körper gespült. Er war trunken von Ferb. Es spielte keine Rolle, wo sie waren, wer sie waren. Das hier war das Beste, was er je gespürt hatte. Er hatte das so sehr gewollt! Seine Finger kratzen über die heiße Rückenhaut in vollkommener Ektase. Jeder Atemzug ein Stöhnen. Da war kein Platz mehr zwischen ihren Körpern. Phineas versuchte, alles in sich aufzunehmen, wollte verschmelzen mit dem Mann seiner Träume. Er war in einer anderen Welt.
Wann hatte der Kuss aufgehört? Nein! Er brauchte mehr Lippen – mehr von Allem, konnte ihn noch schmecken. Eine Zunge leckte. Phineas wollte sie fangen. Verwirrt suchte er die blauen Augen. Fand sie direkt vor sich. Eine nie gekannte Zärtlichkeit tanzte darin mit dem Feuer. Wie sollte er das aushalten? Es endete ganz schnell. Er schnappte nach Luft, wollte der Hand gebieten, eine Pause einzulegen, aber dafür war es zu spät. Heiße Wellen, Zucken, Erleichterung, Erschöpfung und irgendwo dazwischen ein Schweben auf Wolken.
Schwer atmend realisierte Phineas Flynn was gerade passiert war. Benebelt sah er zu wie die magische Hand sich löste und nach Toilettenpapier griff. Er lächelte. Er hatte soeben mit seinem Bruder rumgemacht und lächelte! Das war das Ende. Das war der Boden aller Böden. Gott, war es wunderschön hier.
Er strich sich die Haare aus der verklebten Stirn und schloss die Hose. Erst jetzt bemerkte er wie eng es hier drin tatsächlich war. Mit verschwommener Sicht tastete er nach dem Schloss, um die Tür zu öffnen, darauf bedacht sie Ferb nicht entgegen zu rammen. Allerdings passierte exakt das. Eine Entschuldigung murmelnd quetschte er sich durch die Öffnung. Seine Hände wuschen sich, ohne, dass er es bewusst tat. Er spürte die Augenlider schwer werden, obwohl das Herz wie wild tanzte. Wasser. Er spritzte es sich in das knallrote Gesicht und trank aus dem Hahn. Eine Gestalt war hinter ihm aus der Kabine getreten.
„Ich würde das nicht trinken.“
Überrascht, dass Ferb gesprochen hatte, wendete er sich richtig zu ihm. Da war kein Was-habe-ich-getan? in dessen Gesicht. Phineas lief ein warmer Schauer durch den Körper. Ich kann nicht glauben, dass wir …
„Darauf solltest du besser aufpassen.“ Shit! Der kleinere Teenager steckte die etwas ramponierte Brieftasche hektisch ein. Bei dem Gedanken wie er sie verloren hatte, konnte er das Grinsen nicht zurückhalten. Schon hatte er die Arme um Ferbs Nacken geschlungen. Mehr! Ein weiterer Kuss … Er wollte … dieser Hals … Die aufschwingende Tür ließ ihn zurückschrecken.
Ausgerechnet Felix kam herein. Ups. Unangenehm. Zu seiner Überraschung würdigte dieser ihn kaum eines Blickes, sondern fixierte Ferb. Der schob Phineas sanft von sich und verschränkte die Arme, wartend.
„Fletcher, hast du es so nötig, dass du mir selbst die Neuen wegschnappst?“ Arroganz klang deutlich in seinem Satz mit.
Ferb zuckte mit den Schultern. „Er kann selber entscheiden, was er tut.“
Das Augenpaar wanderte zu Phineas. „Ich weiß, unser kleines Zusammentreffen hat dir gefallen.“ Felix zwinkerte und stemmte, noch im Türrahmen stehend, die Hand an die Hüfte. „Du hast ganz schön was verpasst. Ich hoffe es hat sich für dich gelohnt und du bereust es nicht hinterher.“ Er lachte schallend und verschwand in einer Kabine. Wieso wackelte alles? Phineas fühlte sich plötzlich betrunkener als vorher. Er stützte sich ab und schluckte die Magensäure hinunter. Er brauchte Alkohol! Seine Sinne, sein Schmerz, wollten sich hervorkämpfen. Eine Scherbe schlechtes Gewissen traf ihn Mitten ins Herz. Selbstekel huschte in Form einer plötzlichen Gänsehaut durch ihn. Jetzt gibt es endgültig kein Zurück.
Er und Ferb taumelten und schwebten zugleich durch einen dicken Nebel aus Gestank zu ihrem Tisch zurück. Phineas fühlte sich schwummrig, unangenehm ertappt und wunderbar.
„Hört auf so zu glotzen!“, fuhr er eine Gruppe an, die besonders auffällig hinüberschaute. Ferb drückte ihn auf die Bank und ließ sich ungeschickt gegenüber fallen. Den Moment, indem er das Holz berührte, brach er in schallendes Gelächter aus.
„Phineas, du … du bist so verrückt, wenn du betrunken bist“, presste er hervor, kaum Luft bekommend. Auf einmal war es so, als hätten sie ihre Plätze nie verlassen.
„Du genauso!“ Das dunkle Bier, von dem er trank, war abgestanden. „Oder wie nennst du das, was du eben getan hast?“ Da war kein Vorwurf in Phineas‘ Stimme. Seine Hand wanderte über den Tisch zu Ferbs. Der sah ihn nur flüchtig an.
„Wir haben immer die unmöglichsten Sachen gemacht“, fuhr Phineas fort. Ich hatte nie Angst dabei. Die langen Finger befreiten sich, wurden weggezogen und verschränkten sich in Ferbs Schoß. Phineas sackte zusammen. Vor seinem inneren Auge flackerte ein verschwommenes Bild auf: Er selbst auf dem Grund einer dunklen Höhle knieend, das Licht erreichte ihn nicht, wie ein Wahnsinniger aus voller Kehle lachend. Er schüttelte die Vorstellung von sich, trank, trank mehr, bis er wieder froh war.
„Wann wusstest du, dass du auch Jungs magst?“ Die Frage brannte ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge.
„Ich wusste es nicht.“ Ferbs Blick war stumpf. „Ich war betrunken, mehr als jetzt, und dieser Typ kam zu mir. Eigentlich wollte ich nicht, aber für eine Fick hätte ich in dem Moment alles getan.“ Er zuckte mit den Schultern. „Es war überraschend gut.“
„Betrunkener als jetzt?“ Bei dem Gedanken verschluckte sich Phineas an der eigenen Spucke. Husten. „Wie ist das möglich?“, fragte er scherzhaft. Sein Mund formte ein dämliches Grinsen. Ferb blickte auf seinen Schoß, schien nicht zuzuhören.
Die Sehnsucht packte den Teenager. Die Geschehnisse auf der Toilette waren nicht genug gewesen! Alles war so unglaublich schnell gegangen! War das Ganze überhaupt passiert? Ich … ach, ich will nie wieder aufhören, seine Lippen zu schmecken. Phineas erkannte die Wahrheit in seinen Gedanken. Er gehörte genau hier hin.
„Ferb, ich…“, versuchte er es. „Was soll ich tun? Ich möchte nicht mehr lügen.“ Brennende Tränen schossen in die Augenwinkel. „Ich werde alles verlieren.“ Er vergrub das Gesicht in den Händen, welche langsam feucht wurden. „Ich geh nach Hause“, nuschelte er hinein von Müdigkeit und Furcht übermannt. Der Ärmel wischte die Wangen trocken, während der restliche Körper mit zitternden Beinen aufstand. Irgendwie fand er einen Geldschein, den er auf den Tisch warf.
„Tschau!“ Er winkte Ferb unsicher zu. Einen Fuß vor den anderen setzend und sich überall abstützend, bahnte er sich einen Weg durch den Raum. Zur Bar brüllte er eine unverständliche Verabschiedung, bevor er sich schneller als gedacht in der kalten Nachtluft wiederfand. Ferb war ihm nicht gefolgt. Er ließ ihn einfach so gehen. Phineas war allein.
An der Bushaltestelle rief er sich ein Taxi, das ihn kurze Zeit später abholte. Der schweigsame Fahrer beäugte den schwankenden Teenager misstrauisch, brachte ihn aber sicher in den Maple Drive. Müde und ohne wirklich mitzubekommen, was er tat, bezahlte er, lief die Stufen zum Haus und fischte dort nach dem Schlüssel, der ihm natürlich aus der Tasche fiel. Sobald er sich zum Aufheben runterbeugte, schoss ihm der Mageninhalt nach oben, sodass er nichts anderes mehr tun konnte, als sich geräuschvoll in die Büsche zu übergeben. Scheiße! Der Teenager landete zitternd auf dem Boden. Er lehnte sich mit dem Kopf gegen die Hauswand. Erschöpfung übernahm die Kontrolle über seinen Körper und Phineas driftete in einen ohnmächtigen Schlaf. Er war vollkommen leer bis auf die Erinnerung an Ferbs Lippen.

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