Quit roaming around
Kapitel
Es war seltsam, das Haus so spät zu verlassen und den Weg ohne ein Gespräch zu bestreiten. Phineas vermisste die wärmende Hand an seiner Seite, nicht weil er Isabella vermisste, sondern weil er die Normalität wiederhaben wollte. Er hatte nicht mit seinen Eltern gesprochen und sie hatten ihn mit der üblichen Fröhlichkeit behandelt, als ahnten sie nichts. Ehrlich gesagt, hatte er kaum Angst es ihnen zu sagen. Das Schlimmste war sowieso jetzt vorbei. Isabellas verweinte Augen würde er nie, nie mehr vergessen.
In der Nacht hatte er sich geschworen, nicht mehr ins Rohrbruch zu gehen, egal wie sehr es ihm danach verlangte. Wie lang eine Nacht sein konnte, wenn der Schlaf nicht kam.
Scheu bemerkte Phineas die vielen Blicke, die zwischen ihm und der kleinen Mädchengruppe hin und hergingen. Dicht beisammen standen Isabella und ein paar andere im Bushäuschen. Wahrscheinlich reden sie über mich. Er fürchtete sich vor den Schulstunden, welche kommen würden.
Buford war schneller bei ihm, als es einem jungen Mann seiner Statur zuzutrauen war. Er fiel direkt mit der Tür ins Haus: „Ist es wahr? Ihr habt Schluss gemacht?“ Wie kann es jetzt schon jeder wissen? Phineas sah sich um. Ferb war am Rand der Haltestelle stehengeblieben und wippte mit dem Fuß zur Musik, während er leer in die Gegend starrte. Zwei Jungs hatten einen Stock auf dem Boden gefunden und spielten damit in der Nähe.
Um nicht in Hörweite zu sein, zog Phineas den großen Teenager zum Zaun zurück. Er sah ihn nicht an, als er nickte. Eigentlich schaute er nur zu Isabella. Ich möchte wissen, was sie sagt. Bufords Mund war weit offen. Er hatte die Arme ausgestreckte, als wolle er ihn packen und schütteln, doch dann besah er sich eines Besseren. Nach wie vor mit deutlichem Schock im Gesicht kam er näher, sah sich kurz nach links und rechts um und nahm den perplexen Phineas in den Arm. Die kräftigen Gliedmaßen drückten ihm die Luft aus den Lungen, doch die Geste rührte ihn zutiefst. Schnell wischte er die aufkommende Feuchtigkeit aus den Augen, sobald er sich wieder bewegen konnte.
„Dumme Spitznase,“ sagte Buford.
Er wusste nicht, was er antworten sollte. Fieberhaft suchte sein Kopf nach einer Erklärung, aber schon bog der Bus um die Ecke und die Gelegenheit wurde ihm genommen.
Isabella hatte sich umgesetzt. Als er den Geschichts-Raum betrat, stand sie weiter hinten und neben ihm dieser freie Platz, eine klaffende Wunde. Bevor sich ihre Blicke treffen konnten, setzte er sich schnell und stieß dabei mit dem Knie gegen das Tischbein. Er zuckte nicht einmal zusammen, als der Schmerz ihn durchflutete. Langsam packte er die nötigen Sachen aus und konnte nicht verhindern, einen kurzen Blick über die Schulter zu werfen. Sie unterhielt sich mit einer Freundin und sah … normal aus, aber er glaubte, eine verborgene Traurig zu erkennen.
Die Blicke, die ihn durchbohrten, waren hier am schlimmsten. Wenigstens sparte er sich jetzt manch unangenehmes Gespräche, da es wohl jeder wusste. Am liebsten hätte er geschrien: Ja, es ist wahr! Das Traumpaar hat sich getrennt! Geht wieder euren eigenen Problemen nach! Im Mittelpunkt zu stehen, hatte sich noch nie so furchtbar angefühlt.
Mathe war fast schlimmer. Dadurch, dass Isabella nicht im Raum war, konzentrierte sich die ganze Schar Neugieriger auf ihn. Zwei besonders dreiste Mädchen hörte er sogar laut über die Trennung spekulieren, auch nachdem er sich auf seinen Platz in der Nähe gesetzt hatte. Ferb kam knapp vor Herr Stone, hängte seine nach Zigaretten riechende Jacke über den Stuhl und machte in aller Ruhe die Musik aus. Sie hatten seit gestern kein Wort mehr miteinander gesprochen. Nachdem alles vorbeigewesen war, hatte Ferb ihn mit nach Hause genommen. Seine Wut schien nun zwar abgeflacht, aber unter der Oberfläche weiterhin unverändert zu brodeln.
Der Schlafmangel zollte seinen Tribut. Statt sich auf die Stunde zu konzentrieren, drehten Phineas Gedanken Kreise. Er zerbrach sich den Kopf darüber, was seinen Bruder so rasend gemacht hatte und kam zu einer harten Erkenntnis: Er hatte nicht nur Isabella enttäuscht, sondern auch Ferb. Es wird mein ganzes Leben dauern, das wiedergutzumachen. Sinnlos kritzelte er Skizzen an den Rand des Hefts, alles nur, um niemanden anzusehen, um die Tränen nicht wiederkommen zu lassen. Ein Teil von ihm hätte alles dafür geben, Ferb kurz zu berühren, auch nur zu streifen, aber er saß so weit weg, wie es der Tisch zuließ.
Das habe ich mir selbst zuzuschreiben. Ich bin ein Monster, ich habe alle vergrault. Ich habe Isabella betrogen, bin auf eigene Faust in mein Verderben gestolpert, vor dem Ferb mich beschützen wollte. Phineas schielte zu seinen Sitznachbarn. Nicht einmal die liebe Katie würdigte ihn eines Blickes.
Erst jetzt nahm er das neue Piercing wirklich wahr, doch Ferb musste es schon seit gestern haben. Ein silberner Ring glänzte an der linken Augenbraue. Die Haut darum schimmerte rötlich gereizt. Als er später allein durch die Gänge lief, hörte er jemanden Ferb darauf ansprechen. Um nicht mehr mitzubekommen, beschleunigte er die Schritte. Schule war eine einzige Tortur geworden. Innerlich stöhnte er bei dem Gedanken, dass jetzt erst die dritte Stunde begann und es Englisch mit Isabella war. Zu allem Überfluss hatte er die Hausaufgaben nicht gemacht.
Dieses Mal war er vor ihr im Raum. Zögerlich blieb er im Türrahmen stehen, überlegte, ob er sich umsetzen sollte, doch kein engerer Bekannter besuchte den Kurs. Jemand drückte ihn von hinten zur Seite. Phineas murmelte eine Entschuldigung und bewegte sich zu seinem Platz. Nachdem er alle Schreibutensilien und Bücher rausgeholt hatte, beobachtete er die Tür. Ihm wurde bewusst, wie viele Kleinigkeiten sich nach einer Trennung änderten, an die er nie zuvor gedacht hatte. Es war selbstverständlich geworden, mit Isabella zu den Stunden zu gehen und ihren fröhlichen Erzählungen zu lauschen. Jetzt plötzlich mit sich allein sein zu müssen, machte ihn traurig. So fühlt es sich also an, einen Freund zu verlieren.
Der Anblick der pinken Schleife ließ Phineas innerlich zusammenzucken. Isabella hielt sich tapfer, aber er konnte nun deutlicher sehen, wie gebrochen sie war. Ihr Haar war nicht ganz so perfekt und ihrem Lächeln fehlte die Überzeugung. Er öffnete den Mund, war kurz davor etwas Aufmunterndes zu sagen, schluckte die Worte jedoch herunter. Sie würden nur mehr Schaden anrichten. Ich bin der Letzte, der ihr helfen kann.
Adyson warf ihm im Vorbeigehen einen giftigen Blick zu, setzte sich aber zu seiner Überraschung neben ihn, während Isabella auf Adysons ehemaligem Platz unterkam. Sie schaffte es, ihn die komplette Stunde vollständig zu ignorieren. Die Mädchen tauschten heimlich Nachrichten aus, denen Inhalt er lieber nicht wissen wollte. Während der Stunde vergrub er sich vollkommen in seinen Gedanken. Selten wagte er, es an die Tafel zu sehen, da er keine Ahnung hatte, was besprochen wurde. Als er zugeben musste, dass er den Aufsatz nicht verfasst hatte, gab es lautes Getuschel.
Die Lehrerin schüttelte enttäuscht den Kopf: „Phineas, nach deiner guten Note für den ‚Gefahren des Alkohols‘-Essay hatte ich mir mehr erhofft.“ Er war zu müde, sich eine Ausrede einfallen zu lassen und ließ den Tadel schweigend über sich ergehen. Von da an blicke er bloß von seinem Heft auf, um alle paar Minuten auf die Uhr zu schauen. Nur zu gerne hätte er Isabellas Reaktion gesehen. Hatte sie es trotz Allem geschafft, die Aufgaben für heute zu erledigen? Ich wollte dich wirklich nie verletzen.
Er dachte an den Anfang ihrer Beziehung zurück. Wie nervös ihre Nähe ihn jedes Mal gemacht hatte, wie glücklich er darüber gewesen war, dass sie ihn nach all den Jahren weiterhin wollte und wie wundervoll ich erster Kuss gewesen war. Das alles war so plötzlich weggewischt worden, wie es gekommen war. Habe ich mir damals etwas vorgemacht? Phineas wollte nicht glauben, dass seine Gefühle ihn hatten so betrügen können. Nein! Er war sich sicher, dass er sich diese tiefe Anziehung nicht eingebildet hatte. Doch auf was kann ich mich schon noch verlassen?
Unbedingt wollte er es verstehen, wollte begreifen, wie seine Gefühle in so kurzer Zeit hatten verschwinden können. Doch er konnte nur sagen, dass es so war. Das Einzige, was ihm etwas Halt gab, war die Zuversicht, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Denn auch wenn er erwartete, nie glücklich zu werden, wusste er jetzt, was er wollte: Nur eine Zeit lang untertauchen, nicht mehr so oft im Mittelpunkt stehen und sich an die neue Situation gewöhnen. Es war sowieso das letzte Schuljahr, bald konnte er auf einem College völlig neu starten. Vielleicht war es das Beste, wenn er niemanden dort kannte. Er machte doch weiterhin schnell Freunde, oder?
Buford hatte ihnen den begehrten Bibliotheksplatz in der Ecke gesichert. Seine Sachen beschlagnahmten schon 90 Prozent der Tischplatte, nebst Büchern lagen unerlaubterweise mal wieder Snacks darauf. Ein breiter Kopf tauchte auf, als er Phineas kommen hörte. Offensichtlich hatte er auf diesen Moment gewartet.
„Erzähl mir alles!“
Phineas blickte sich unsicher nach ungewollten Zuhörern um. Muss das wirklich sein? Buford verschränkte die Arme, da nicht sofort eine Antwort kam.
„Du denkst ich bin nicht die richtige Person, um darüber zu reden,“ sagte er beleidigt und schob sich Chips in den Mund. Nach lautem Kauen fügte er hinzu: „Aber dir ist klar, Spitznase, dass die ganzen Fireside Girls auf Isabellas Seite sein werden? Du musst wohl mit mir Vorlieb nehmen.“
„Ich verdiene niemanden auf meiner Seite“, murmelte Phineas unverständlich.
„Was?“
Er sah auf. „Na gut, was willst du wissen?“
Buford rieb sich die Hände, grinsend wie eh und je. „Wer hat Schluss gemacht? Weil, niemand wäre so dumm, eine Traumfrau wie Isabella gehen zu lassen, auch du nicht.“ Er schnaubte über den eigenen Witz. „Aber jeder weiß, wie sie dich vergöttert. Also was zur Hölle? Ihr habt uns ganz schön geschockt, das Traumpaar der ganzen Schule … weg!“ Ungläubig schüttelte den Kopf. „Also die anderen meinen ja, dass es Isabella war, wegen der traurigen Miene, mit der du rumläufst, aber die kennen euch nicht so gut wie ich. Im Endeffekt glaube ich deshalb doch, dass du es warst.“
Phineas ignorierte das stechende Gefühl bei dem Gedanken, dass seine zerbrochene Beziehung anscheinend reges Diskussionsthema war.
„Es ist nicht so einfach.“ Seufzend gab er auf. Es hatte keinen Sinn, die Wahrheit länger zu verbergen. „Wir haben beide entschieden, dass es besser ist, uns nicht mehr zu treffen.“ Es war viel zu erleichternd, das zu sagen.
„Ich verstehe nur Bahnhof. Phineas Flynn, wenn du mir nicht endlich sagst, was los ist, schwöre ich, dass ich dich so lange ohrfeigen werde, bis du mit der Sprache rausrückst!“
„Ich bin wahrscheinlich schwul.“ Phineas‘ Augen waren zusammengekniffen. Atmen konnte er nicht. Noch nie hatte er es so klar ausgesprochen. Fuck, wie sein Herz raste. Sag etwas, Buford! Irgendwas! Vorsichtig lugte er zwischen den Wimpern hindurch. Bufords Mund war zu einem komischen Lächeln verzerrt. Bitte, bitte, lass es niemand anderen gehört haben!
„Ich habe mich nicht getraut es ihr zu sagen, bis es zu spät war.“ Verstehst du, was ich dir sagen will?
Buford schloss den Mund, öffnete ihn wieder. „Du machst keine Witze, oder? Denn, wenn das ein Witz ist …“ Er verstummte. Phineas konnte sehen, wie sein Gehirn arbeitete.
„Damit habe ich nicht gerechnet“, sagte er nach einer scheinbar ewigen Pause. Dann lächelte er und für Phineas war dieses Lächeln reine Erleichterung. Es war so echt, so befreiend.
„Wissen deine Eltern davon?“
„Ehrlich gesagt bist du der erste, dem ich davon …“
„Scheiße! Wirklich?“, unterbrach Buford ihn. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Danke Mann, dass du so ehrlich zu mir bist.“ Jemand kam vorbei und sie taten so, als würden sie sich auf Recherchen konzentrieren. Buford verdecke die Snacks mit den massigen Armen.
„Was ist denn jetzt genau zwischen dir und Isabella passiert?“, flüsterte er. Phineas‘ Herz hatte sich gerade entspannen wollen, da begann es wieder wild zu hüpfen. Wenn ich es dir sage, wirst du nie mehr gut von mir denken.
„Ich möchte nicht …“
„Ja, bla, bla! Du willst nicht darüber reden.“ Beleidigt verdrehte Buford die Augen. „Du wirst mich nicht betteln sehen. Aber! Aber ich muss dir ja wohl nicht sagen, dass ich es keinem weitererzählen werde. Außerdem siehst du wie ein Häufchen Elend aus und da kann reden vielleicht nicht schaden.“ Phineas wusste, dass Buford Recht hatte. Dennoch fürchtete er sich. Buford war irgendwie der Einzige, der ihm noch geblieben war. Und ihre Freundschaft hatte sich nie durch tiefsinnige Gespräche ausgezeichnet.
Er holte Luft: „Sie hat mich erwischt, wie ich einen Mann geküsst habe.“
Zu seiner Überraschung lachte Buford. Er sah erleichtert aus. „Du bist also doch nur ein Mensch, wie alle anderen auch. Ich hab mir schon Sorgen gemacht.“ Schnell nahm er sich zusammen. „Sorry. Das war bestimmt hart.“
Phineas nickte. Diese grausam traurigen Augen. „Es ist alles meine Schuld. Isabella hat das nicht verdient.“ Schon die ganze Zeit konnte er sein Gegenüber nicht lange ansehen. „Trotzdem fühle ich mich erleichtert.“ Ich bin ein schlechter Mensch.
„Isabella wird das überleben.“
Nicht überzeugt vergrub er den Kopf in den Händen. „Du kennst sie so gut wie ich. Sie hat mir erzählt, wie sehr sie mich all die Jahre vergöttert hat. Sie hat alles für mich getan. Und ich habe sie zum Dank zerstört.“
„Zugegeben, das war bestimmt ein Schock für sie. Aber glaubst du Isabella wäre glücklich mit jemandem geworden, der sich komplett verbiegen muss?“ Phineas zuckte mit den Schultern. Sein Armbruch vor zwei Jahren hatte nicht so sehr wehgetan, wie dieser Schultag.
Buford begann wieder heimlich zu Essen. „Ich weiß nur, dass jeder mal eine Phase hatte, in der er auf Isabella stand. Erinnerst du dich an Baljeet?“ Er kicherte. „Sie ist ein attraktives Mädchen. Die werden jetzt Schlange stehen, um sie zu bekommen.“ Das half nicht gerade, Phineas‘ Stimmung zu heben.
„Seit wann wusstest du es eigentlich? Dass du ‚wahrscheinlich‘ schwul bist?“ Wieder konnte er nur mit einem Schulterzucken antworten. Als Buford zum Protest ansetzte, stammelte er eine Erklärung: „Ich … wusste … nicht, nicht bis ich es probiert habe. Mit Isabella … da hat es sich nie … irgendwas hat mich immer zurückgehalten. Nicht, dass es schlecht war, aber … ich weiß jetzt, dass es besser geht.“ Oh Gott, ich bin so eine furchtbare Person! Er wollte die Nägel in seinen Armen vergraben, hielt sich jedoch davon ab.
„Also müssen wir jetzt einen Jungen für dich finden!“ Und für den Rest der Zeit zählte Buford Namen auf, die seiner Meinung nach als Partner für ihn in Frage kamen.
Vor der Mittagspause ließ Phineas den anderen allein, zum einen, um auf die Toilette zu gehen und auch ein Bisschen, um ihn loszuwerden. Er war froh, wie gut sein Freund reagiert hatte – immerhin war es Buford – aber die Neugierde und unzähligen Aufheiterungsversuche zerrten an seinen Nerven. Bereits den ganzen Tag fürchtete er sich davor, in die Cafeteria zu gehen. Alle würden sie ihn dort anstarren. Wo sollte er sich überhaupt hinsetzen? Sein Platz war schon immer bei den Fireside Girls gewesen. Und er zweifelte daran, dass Buford genug Taktgefühl besaß, einen neuen Tisch für sie beide zu suchen. Dafür ärgerte er die Mädchen viel zu gerne.
Seufzend schulterte er seine Tasche und sah in den sich füllenden Raum. Wie erwartet saß Buford bei Ginger und ein paar anderen. Weder Isabella noch Ferb waren bereits in Sicht. Mit einem gefüllten Tablett bewaffnet, setzte er sich kurze Zeit später an den äußersten Rand ihres Tisches. Konzentriere dich aufs Essen, schaue niemanden an. Doch er konnte die vielen bohrenden Blicke auf dem Rücken spüren. Noch nie hatte er eine Mittagspause so schweigsam verbracht. Wie laut die Geräusche all der essenden Schüler waren! Klirrendes Besteck und unzählige Gespräche, die sich zu einem rauschenden Vortex mischten, der nichts verstehen ließ.
Plötzlich war sie da. Natürlich, ihre Stimme schwamm über Allem. Isabella saß zwischen ihren Freundinnen. Sie sah so normal aus, erzählte vom Chor, als wäre nichts gewesen. Ein Kloß bildete sich in Phineas‘ Hals, als er bemerkte wie viel Mühe sie sich gab, ihn nicht anzusehen. Plötzlich appetitlos, schob er das Tablett von sich weg.
Ferb hatte sich nicht zu ihnen gesetzt. Überhaupt war weiterhin kein grüner Haarschopf in der Cafeteria, zu erblicken. Auf einmal lachten alle am Tisch, alle außer ihm. Wie konnten sie so fröhlich sein? Ich halte das nicht mehr aus.
Er versuchte unbemerkt aufzustehen, doch das Zurückrücken des Stuhls kratzte so laut über den Boden, dass jeder zu ihm sah. Hastig brachte er das Tablett weg, suchte einen Fluchtweg, einen Ort des Rückzugs. Niemand ging ihm nach und dennoch blickte er wieder und wieder über die Schulter. Blind stieß er eine Tür auf und Regen kam ihm entgegen. Jetzt rannten seine Füße über den kleinen Hinterhof, wurden erst langsamer als er im Hausmeisterschuppen stand. Nach Luft schnappend lehnte er sich gegen die Tür. Dann erst sah er ihn halb hinter einem Regal stehen. Rauchschwaden hingen in der Luft.
Ferb sagte nichts. Skeptisch die Augenbrauen hochgezogen zog er an der Zigarette.
„Ich wusste nicht, dass du hier …“ Phineas wollte sich umdrehen, einen neuen, besseren Ort suchen.
„Bleib.“
Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Er bekam eine Zigarette gereicht, ohne nachzudenken nahm er an.
„Das ist also dein persönliches Versteck?“, fragte er, um die Stille zu durchbrechen. Ein Nicken war die Antwort. Ist er noch sauer auf mich?
„Hey, ähm …“
Ferb winkte ab. „Ich kann es verstehen.“ Er blies langsam Rauch in die Luft und trat die Kippe aus. „Es ist nicht so gelaufen, wie ich es mir für dich gewünscht hätte, aber ich kann es verstehen. Außerdem weiß ich, wie das Rohrbruch auf einen wirken kann.“ Seine blauen Augen trafen Phineas ins Herz. „Und ich werde dich nicht verurteilen, selbst wenn du wieder hingehen solltest.“
Das erste Mal an diesem Tag musste Phineas lächeln. Er formte ein „Danke“ mit den Lippen.
„So, ich habe also jetzt einen schwulen Bruder,“ scherzte Ferb. Seine plötzlich lockere Art war wie Balsam.
Phineas knuffte ihn in die Seite. „Es ist komisch. Ich fühle mich traurig und zugleich wirklich erleichtert. Und mach dir keine Sorgen. Ich habe meine Lektion gelernt, es ist wahrscheinlich besser, wenn ich nicht wieder ins Rohrbruch gehe.“
Ferb zuckte mit den Schultern. „Du wirst für dich schon die richtigen Entscheidungen treffen.“ Kurz prüfte er die Uhrzeit und steckte sich eine weitere Zigarette an. Phineas, der seine weiterhin in der Hand hielt, gab sie ihm zurück.
„Eigentlich schade“, murmelte Ferb. „Ich wäre noch mal mit dir hingegangen.“
Was meint er denn jetzt damit? Phineas‘ Herz raste bei den Erinnerungen an die Toilettenkabine, wurde aber schnell gebremst. Ferbs harte Worte hatten sich zu tief eingebrannt. Trotzdem war das Angebot verlockend. Da war gerade kein Körnchen Wut im Ausdruck des anderen, sondern etwas, das Phineas‘ Neugier entflammte.
„Ich weiß nicht“, sagte er wahrheitsgemäß. „Ich denke ich muss erstmal klarkommen.“ Er wollte so sehr, dass Ferb widersprach, dass er sagte, jetzt würde alle gut werden, er könnte doch alles tun. Zeit war überbewertet! Wieso fielen sie nicht jetzt sofort übereinander her? Ich bin kein Stück über ihn hinweg.
Zur Sicherheit ging Phineas etwas weg. Er wurde nicht mehr schlau aus seinem Stiefbruder. Ferb tröstete ihn, ohne zu zögern, ließ sich jedoch selbst kaum helfen. Irgendwie küssten sie sich und stritten dann wie nie zuvor. Aber sie kamen immer wieder zueinander zurück. Ewig schienen sie umeinander zu kreisen. Er hat sehr deutlich gemacht, dass er Vanessa bevorzugt! Doch wieso schaut er mich dann so an?
Seine Hand lag auf der Wange des anderen. Wann war er nähergetreten? Vier blaue Augen zuckten, beobachteten jede Regung des Gegenübers. Phineas‘ Atem ging stoßweise. Da war nicht mehr viel Platz zwischen ihren Gesichtern.
„Was machen wir hier?“, presste er noch hervor. Keine Antwort. Sein Handrücken streichelte die stoppeligen Wangen, erforschte vorsichtig die Formen des Kinns. Er konnte jede Pore der Haut erkennen. Es machte keinen Sinn, absolut keinen Sinn, wieso zog ihn Ferb wie magnetisch an? Er wollte, dass sie sich küssten, wollte die letzten verdammte Zentimeter überbrücken, aber er konnte diesen besonderen Moment nicht zerstören.
Ferbs Hand war frei, hatte die Kippe fallengelassen und ihre Finger hatten sich verhakt. Auch er wahrte den letzten Abstand. Sein Lächeln war schüchtern, verwirrt und entschuldigend. Ein Ausdruck, der an ihm völlig fremd war. So verharrten sie einen kurzen Moment der Ewigkeit, in dem die Welt sich nur um sie drehte und weder falsch noch richtig eine Rolle spielten. Phineas hatte keine Ahnung, was das bedeutete. Und es war ihm egal, dass Ferb ihn möglicherweise wieder verstoßen würde. Endlich tat es nicht mehr so weh. Bei ihm war es keine Ablenkung. Bei Ferb war er zu Hause.

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