Langeweile
Kapitel
Es war beinah fremd, dieses kribbelnde Gefühl der Normalität, mit welchem Phineas an der Seite seines Stiefbruders das Haus betrat. Er wischte die letzten Ölflecken an Ferbs grüner Latzhose ab, der ihm mit vorwurfsvoll hochgezogenen Augenbrauen antwortete. Im schweigenden Einverständnis hatten sie direkt nach der Schule begonnen, weiter am Auto zu arbeiten. Lange würde es nicht mehr dauern, bis es fahrtüchtig war. In Phineas Kopf war eine wohltuende Leere. Etwas mit den Händen zu schaffen, war so wunderbar befreiend und lenkte vor allem ab.
Die ganze Familie war im Wohnzimmer versammelt. Ich wusste gar nicht, dass Candace da ist, dachte Phineas noch.
„Jungs, wartet einen Moment. Wir müssen reden.“ Ihre Mutter erhob sich. Sie gab sich Mühe diplomatisch zu klingen, aber man konnte Enttäuschung in ihrem Gesicht sehen. Die Teenager blieben sofort stehen. Das Lächeln auf ihren Lippen erstarrte. Kurz warfen sie sich einen Blick zu. War das eine Art Intervention? Phineas fühlte sich plötzlich als würde er nackt auf einer Bühne stehen, vom heißen Scheinwerferlicht angestrahlt.
Ihre Mutter rang offensichtlich nach Worten, während Candaces Gesicht zu einem wahnsinnigen Grinsen verzogen war, Lawrence vermied es, sie anzuschauen.
„Was ist los?“, fragte Phineas unsicher. Seine Glieder fühlten sich schwer an. Er war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Blanke Panik war in seinem Innersten und er war überrascht, dass er die Kraft hatte, die dortigen Schreie nicht nach außen dringen zu lassen. Sie wissen es! Sie wissen von Samstag! Sie wissen ALLES!!! Ich werde ihnen nie wieder unter die Augen treten können, man wird mich enterben und rauswerfen und dann werde ich allein auf der Straße leben und irgendwann von der Brücke springen!
„Ich dachte, du wärst klüger, kleiner Bruder.“ Candace sah so wütend aus, dass Phineas fast damit rechnete, gleich Rauch aus ihren Ohren hervorquillen zu sehen. „Was sollte das beim Brunch? Ihr habt mich komplett bloßgestellt!“
„Was eure Schwester versucht damit zu sagen,“ unterbrach ihre Mutter sie. „Ist, dass ihr euch nicht bei ihr entschuldigt habt.“ Ferb machte einen Schritt rückwärts. „Oh nein, du entkommst mir nicht schon wieder, junger Mann!“ Diesmal war sie es, die mit Wut in der Stimme sprach.
„Dieser Tag war sehr wichtig für Candace.“ Sie winkte ab als Phineas den Mund zu einer Antwort öffnete. „Und ich will gar nicht wissen, was genau euch geritten hat, aber ich bin enttäuscht, dass euch nichts Besseres einfällt, als eure Probleme in Alkohol zu ertrinken!“ Phineas senke schuldbewusst und zu einem kleinen Teil erleichtert den Kopf. Sie wissen es nicht!?
Doch Ferb funkelte mit verschränken Armen, die auf dem Sofa sitzenden an.
„Immerhin haben sich die Jungs wieder vertragen.“ Es war ein naiver Versuch von Lawrence, die Stimmung zu retten.
„Ihr habt einen Monat Hausarrest. Und wenn ich je wieder hören muss, dass einer von euch mitten in der Nacht betrunken heimkommt, habt ihr Ausgangsverbot, bis ihr volljährig seid!“
„Ja, Mom“, sagte Phineas kleinlaut. „Und Candace, es tut mir leid, dir dein Essen versaut zu haben.“ Das Lächeln auf seinen Lippen zerbröckelte noch bevor es richtig erscheinen konnte.
Linda atmete erleichtert auf, aber Candace schien das nicht zu genügen. „Ich will, dass auch er sich entschuldigt.“ Sie wies auf Ferb, der ein Schnauben gerade so unterdrücken konnte.
„Fein,“ sagte er dann doch, aber nicht ohne die Augen zu verdrehen. „Sorry, wegen deines wichtigen Essens.“ Sarkasmus triefte aus jeder Silbe, doch ihre Schwester war nie in der Lage gewesen diesen zu erkennen. Phineas sah aus dem Augenwinkel, wie sein Bruder sich zur Treppe wendete. Für ihn schien das Ganze jetzt beendet.
Immer mehr begann er, zu begreifen, wie gebrochen sein Bruder war. Er ließ Ferb gehen und setzte sich auf die äußerste Kante des Sofas, Tränen in den Augen und bereit zu gestehen. Die dumpfen Geräusche, wie der andere die Stufen hochlief und anschließend die Zimmertür zuschlug, ließen ihn angespannt zurück.
„Schaut doch was ihr uns antut. Ihr verschwindet Abend um Abend und die ganze Familie macht sich Sorgen.“ Ja, Candace, du hast Recht. „Was heckt ihr wieder zusammen aus? Wo geht ihr hin?“
Wieder bremste ihre Mutter sie: „Phineas, willst du uns nicht allen erklären was los ist?“ Sie klang ganz versöhnlich.
Er konnte es nicht, die Tränen schnürten ihm die Kehle zu. Das Wohnzimmer verschwamm zu Farbflecken. Eine Hand tätschelte ihn beruhigend.
„Wir wissen, dass Ferb und Vanessa getrennt sind.“ Phineas schaute überrascht auf.
„Euer Streit war kaum zu überhören.“ Da war weiterhin Vorwurf in Candace Stimme. Er sacke wieder in sich zusammen, sprach in die feuchten Hände: „Gestern haben Isabella und ich auch Schluss gemacht. Es tut mir leid, ich wollte so sehr, dass es funktioniert. Mom, ich wollte deine Freundschaft zu den Shapiros nicht kaputt machen. Ich …“
Plötzlich fand er sich in den Armen seiner Schwester wieder. „Das wusste ich nicht“, flüsterte sie. Er hatte Unverständnis erwartet, große Augen und kräftig geschüttelt zu werden, aber nicht das! Mehr und mehr Tränen strömten über Phineas‘ Gesicht, er wollte zurückziehen, nicht weiter die warme Schulter vollweinen, doch die Arme hielten ihn fest, bis bloß trockenes Schluchzen übrigblieb.
„Du musst dich nicht dafür entschuldigen.“ Lindas Worte waren sanft. „Und du musst nichts erklären, wenn du nicht magst. Ich kann verstehen, wie ihr euch fühlt … Aber kannst du dir vorstellen, wie ich mich gefühlt habe als ihr gestern spät nach Hause kamt, eure Schwester wartet seit Stunden und dann habt ihr offensichtlich Alkohol getrunken und auf einmal erfahre ich von eurem Vater, dass das schon öfter passiert ist, er mir nur nicht gesagt hat!“ Sie funkelte ihn kurz an.
„Ferb geht es … nicht gut“, stammelte Phineas vor sich hin. „Ich bin okay. Ich komm schon klar.“ Der Versuch eines Lächelns scheiterte wieder.
„Apropos Ferb: Die Schule hat angerufen. Ich werde mal mit ihm allein reden. Aber das Schrauben am Auto ist natürlich auch verboten.“
Phineas sah Candace an, die tatsächlich nach Worten rang. „Ich … ähm … du und Isabella? Was?“ Ruhig lehnte er sich an ihre Schulter und erzählte die Geschichte, die er sich zurechtgelegt hatte. Davon, wie glücklich er am Anfang gewesen war, aber dass es sich dann nicht mehr richtig angefühlt habe. Und wie lange er mit sich gekämpft hatte und dachte etwas sei falsch mit ihm. Er gab zu, dass er Alkohol getrunken hatte und versprach notgedrungen es nicht wieder zu tun. Obwohl vieles davon gelogen war, fühlte er sich am Ende besser, mehr mit sich im Reinen. Ich werde vor allem ihre Freundschaft vermissen.
Phineas flog durch den Raum, doch nichts gab ihm Ruhe. Drei Tage war er jetzt hier eingesperrt. Die Hausaufgaben lagen halb gemacht auf dem Boden zwischen verworfenen Blueprints. Das Internet gab nichts her, was ihm ein Lächeln hätte entlocken können, seine Comics wirkten farblos – einfach alles war stumpf. Er konnte Ferbs Musik durch die Wand hören, rollte den Schreibtischstuhl zur Geheimtür, strich mit der Fingerspitze über die Tapete, stand auf, lief drei Mal im Kreis und ließ sich dann aufs Bett fallen.
„Ich habe das verdient“, murmelte er zu sich selbst und starrte an die Decke. Obwohl er nie jemand gewesen war, der leicht von der Langeweile verschluckt wurde, war es gerade unerträglich. Ferb, es fehlte ihm Ferb! Sie hatten sich doch gerade erste wieder angenähert und dieser eine Tag war so wundervoll gewesen, aber seit der Intervention war kein Wort zwischen ihnen gefallen.
Er stand auf und setzte sich wieder. Oh Gott, er wollte ihm wieder nah sein, doch es war allzu deutlich, dass der andere seine Ruhe wollte. Und noch einmal würde Phineas das Wegstoßen vielleicht nicht überstehen. Jeden Tag nach der Schule musste er mitansehen, wie Ferb sofort in sein Zimmer rannte, die Tür verriegelte und wenige Minuten später ließ der Bass die Wände vibrieren. Manchmal schrie ihre Mutter dagegen an. Phineas bekam Gänsehaut, wenn er daran dachte.
Nicht mehr lange bis zum Abendbrot, das sie in unangenehmem Schweigen verbringen würden. Das Einzige, worauf er hoffen konnte, war, dass Ferb dafür herauskam. Gestern hatte er es nicht getan. Phineas hatte ihn heute beim Mittagsessen in der Hütte gesucht, doch nur Zigarettenstummel und Spinnen gefunden. Er fürchtete, dass Ferb manche Kurse schwänzte. Zumindest beschäftige ihn die Suche und hielt seine Gedanken größtenteils von einer gewissen Schwarzhaarigen fern. Er musste zugeben, sich jeden Tag erleichterter zu fühlen, auch wenn er weiterhin angestarrt wurde und obwohl traurige Augen ihn des Nachts verfolgten. Außerdem machte Buford tatsächlich einen ganz guten Job, ihn abzulenken.
Er hatte viel darüber nachgedacht, sich vor seinen Eltern zu outen und ob er sich überhaupt selbst als schwul bezeichnen würde. Immerhin hatte er Isabella trotzdem begehrt. Aber machte es überhaupt Sinn, sich jetzt schon in eine Schublade einzuordnen? Und wenn war diese nicht eher eine ganz und gar unmögliche Schublade mit der Aufschrift „verrückt nach dem eigenen Bruder“? Ein Teil von ihm hatte natürlich auch Angst vor den Reaktionen. Er würde seine Eltern als tolerant bezeichnen, aber dennoch wüsste er nicht, dass irgendwelche Homosexuellen in ihrem Bekanntenkreis waren. Vielleicht wären sie auch enttäuscht. Ach, es machte keinen Sinn, darüber nachzudenken. Wozu sollte er sich outen, wenn er sowieso nie mehr aus diesem Haus durfte?
Jetzt lag Phineas auf dem Rücken und stützte die Füße an der Wand ab. Wie schön es wäre, einfach fortfliegen zu können, seinen Stern besuchen oder auch nur irgendein Abendteuer zu erleben, genau wie früher. Er tippte auf dem Handy herum, überlegte Baljeet anzurufen, erinnerte sich, dass dieser heute mit Buford abhängen wollte und legte das Telefon weg. Kurz bekam er sich beschäftigt, indem er die Fische im Aquarium beobachtete. Dann endlich wurde zum Essen gerufen.
Ferb kam kurz herunter und verschwand unter Protest ihrer Mutter mit einem Teller in seinem Zimmer. Weil Jeremy und Cancade da waren, kam immerhin ein nettes Gespräch zu Stande, doch ihm war nicht danach. Sehnsüchtig blickte er dem grünen Haarschopf nach, während er lustlos zuhörte. Morgen war Samstag. Dann war eine Woche vergangen, seit sie im Rohrbruch auf der Toilette … Er wusste nicht, wie er das Wochenende überstehen sollte, so ganz allein in seinem Zimmer.
Später schaute er halbherzig einen Film mit, bevor Candace und Jeremy Besuch eines befreundeten Pärchens bekamen. Sie fragten ihn sogar, ob er an ihrem Brettspielabend teilnehmen wollte, doch er lehnte dankend ab. Es musste doch irgendetwas geben, dass ihn besser auf andere Gedanken bringen konnte! Er probierte einige Dinge aus, aber nichts erfüllte ihn. Den Laptop auf dem Bett surfte er aus Verzweiflung auf Pornoseiten, masturbierte und fühlte sich hinterher nicht im Mindesten erleichtert.
Aus dem Fenster beobachtete er Perrys Schatten im Garten, doch wie so oft war das Schnabeltier plötzlich verschwunden. Selbst du hast eine Verabredung für den Freitagabend. Die Zeit schien zäh zu verlaufen. Keine Musik drang mehr zu ihm herüber, was aber nicht half, die konstanten Gedanken an Ferb loszuwerden. Jetzt weiß ich, was Sehnsucht ist. Jeder Zentimeter seines Körpers wollte den anderen wieder spüren. Phineas suchte sich eine bequeme Hose, schob den Papierstapel auf dem Boden zur Seite und wollte ein wenig Gitarre spielen, als er ein lautes Klirren, gefolgt von einem Fluchen aus dem Nachbarzimmer hörte. Kurz darauf ertönte ein „AUA, Fuck!“
Ohne zu überlegen, rief er: „Ist alles in Ordnung?“
Nachdem keine Antwort, sondern ein Rumpeln zu ihm drang, hatte er die Hand auf die Geheimtür gelegt und klopfte. Diesmal wartete er nicht auf ein weiteres Geräusch, von Ferb käme wahrscheinlich sowieso weder eine Einladung noch eine Ablehnung, sondern trat ein. Das erste, das Phineas sah, war Blut. Er stolperte zum jungen Mann, der auf dem Boden saß, wurde aber abrupt abgehalten.
„Pass auf“, zischte Ferb. Der Arm, welcher Phineas wegdrückte, zitterte. Und dann erst sah er, dass sich Scherben über den Teppich ergossen. Eine große steckte im rechten Fuß seines Bruders. Das Blut war auf dem dunklen Socken kaum zu erkennen, aber es klebte an Stoff und Händen bildete eine kleine Lache auf dem Boden. Ferb nahm den Arm herunter und tastete mit der Hand, die nicht den Fuß hielt, nach einer Kiste im Regal hinter ihm. Darauf bedacht, nur auf sichere Stellen zu treten, bahnte sich Phineas einen Weg und holte die Sachen heraus. In der grünen Plastikkiste war angestaubter Krimskrams. Hektisch wühlte der Rothaarige nach etwas Brauchbarem, schob Würfel, Lesezeichen, mehrere Schlüsselanhänger, einen Bieröffner und Kabel, die wahrscheinlich längst keine Funktion mehr hatten, zur Seite. Bei der Packung Kondome hielt er kurz inne und ein Stich fuhr ihm durch die Brust. Dann fand er ganz unten Pflaster und altes Verbandszeug.
Er konnte sehen, dass Ferb schwitzte. Vorsichtig robbte er näher. Gemeinsam schnitten sie den Socken auf und begutachteten den Schaden. Die Scherbe schien nicht allzu tief zu sitzen. Dennoch verzog Ferb bei jeder minimalen Bewegung das Gesicht. Phineas erklärte sich bereit, das Glas zu entfernen. Er wusste, was zu tun war und überlegte nicht einen Augenblick lang, nach Hilfe zu rufen. Wie ein Profi zog er schnell, aber vorsichtig den Fremdkörper heraus und stoppte die Blutung. Immer wieder schenkte er Ferb ein aufmunterndes Lächeln und als der Fuß verbunden war, hielten sie sich einen Moment noch an den Händen.
Erst als Ferb wieder durchatmen konnte, ließ er ihn los und erhob sich. Er sammelte die übrigen Scherben so gut es ging und wischte die roten Flecken auf. Danach wählte er den leichteren Weg zum Flur aus dem Zimmer. Die Beweise wickelte er in Toilettenpapier und warf sie unten in den Mülleimer. Beim Händewaschen sah er sich selbst im Spiegel zufrieden lächeln, sodass er einen Augenblick innehielt. Anschließend holte er den Staubsauger und befreite seinen Bruder von den letzten Scherben.
Wie selbstverständlich lagen sie dann nebeneinander im Bett. Ferb ließ die Musik weiterlaufen und Phineas beobachtete fasziniert die Gänsehaut, welche sich an der Stelle bildete, wo sich ihre Arme berührten.
„Und was machen wir heute?“, fragte er belustigt.
Ferb zuckte mit den Achseln. Gewiss quälte er sich genauso durch den Hausarrest. Einen Moment sang er den Song mit, dann hielt er plötzlich inne und sah Phineas fragend an. Der wendete sich errötend ab.
„Ich weiß, was du denkst. Aber wir kriegen nur noch mehr Ärger, wenn wir jetzt abhauen. Außerdem musst du doch Schmerzen haben!“
„Hmph“, machte Ferb und wieder schwiegen sie. In Phineas‘ Körper entstand ein warmes Kribbeln, welches er mit klopfendem Herzen zur Kenntnis nahm. Er dachte an das letzte Mal, als sie zusammen in diesem Bett gelegen hatten.
„Ist es nicht seltsam, dass ich sie kaum vermisse?“, fragte er, ohne zu erwarten, dass der andere die leisen Worte über die Musik hörte. Und vielleicht war es auch gar nicht seltsam, vielleicht war das der Lauf der Dinge und der endgültige Beweis, dass er richtig gehandelt hatte.
Der Blick blauer Augen traf ihn von der Seite. „Du hättest ihr unmöglich ewig etwas vorspielen können.“
Phineas formte ein Danke mit den Lippen. Würde er sich jetzt zur Seite drehen, wären ihre Gesichter dicht beieinander, er könnte Ferbs Atem spüren und … Hitze war überall. Ich will für dich da sein. Lässt du mich? Vergiss Vanessa … nur für einen Moment … Ihre Nasen berührten sich und verharrten im Moment des Trommelwirbels. So innezuhalten war zugleich das Schwerste und das Leichtete, was er je getan hatte. Die Außenwelt um sie herum verschwand, sie hätten genauso gut auf einer Wolke oder unter ihrem Baum liegen können. Das bildete er sich unmöglich ein, da war etwas zwischen ihnen! Er fühlte den Strom fließen, spürte die tiefe Sehnsucht, das innere Zittern. Es war verrückt.
Es wurde schwerer und schwerer, die letzte Lücke nicht zu schließen. Phineas konnte den Atem des anderen hören, fragte sich, ob er genauso erregt war. Wie konnte sich etwas offensichtlich Falsches so gut anfühlen? Würden sie ihre Beziehung endgültig zerstören, wenn sie jetzt weitergingen? Er wusste nur, dass ihm diese Fragen im Moment vollkommen egal waren.
Wohin sollte er die Hände tun? Sollte er ihn berühren? Er öffnete kurz die Augen, seine Wimpern streiften über die Haut des anderen. Das Lächeln kam ganz von allein. Wenn das nicht das beste Gefühl auf der Welt war! Tatsächlich rückte er etwas zurück, aber nur, um das Gesicht klarer vor sich zu haben. Dann streichelte er mit der rechten Hand die stoppelige Wange, während er den Kopf auf dem linken Arm abstützte. Ihre Beine waren vorsichtig ineinander verschlungen. Jedes Detail betrachtete er und zu seiner Freude hatte Ferb wieder diesen leicht verwirrten, zugleich sanften Ausdruck.
Der andere öffnete den Mund, doch Phineas ließ sich nicht mehr abbringen. Er hatte die zweite Hand an das Gesicht gelegt, schob die Finger im Nacken zusammen und drückte den anderen in die Kissen zurück. Eine Sekunde verharrte er noch, jetzt auf Ferbs Bauch sitzend, dann küsste er die bebenden Lippen. Eine Explosion an unterdrückten Gefühlen durchzuckte Phineas. Er musste den Kuss sofort lösen, um ein lautes Stöhnen freizulassen. Er verlor die Kontrolle, drückte sich komplett an den anderen, krallte sich in Haare und küsste dann so schnell es ging weiter. Sie wälzten sich umher, sodass zwei Kissen herunterfielen. Keine Gedanken waren mehr in Phineas Kopf. Da war nur Rausch. Er genoss es, unter Ferb zu liegen, ihn fest mit den Beinen zu umklammern und an dieser empfindlichen Stelle des Halses zu saugen.
Das wilde Stöhnen des anderen war Musik in seinen Ohren. Es trieb ihn an, weiter und weiter zu machen. Plötzlich war da nackte Haut, er war unter das T-Shirt geraten. Von dort an gab es kein Halten mehr. Zielstrebig zog er Ferb den Stoff über den Kopf, nur um eine Sekunde später wieder in einem himmlischen Kuss zu zerfließen. Phineas ließ sich von der Zunge des anderen führen, war längst nicht mehr Herr seiner selbst, als auch sein Shirt fiel. Nackte Haut aufeinander zu spüren, war ein ganz neuer Level. Er glaubte, es nicht mehr aushalten zu können. Das war tausend Mal intensiver als alles, was er bisher gemacht hatte.
In Ferbs Blick lag so viel Entschlossenheit, dass Phineas sich nicht mal Sorgen machte, als die Finger in Richtung Schoß wanderten. Er schloss die Augen, doch es geschah nichts weiter. Ferb hatte innegehalten und wartete auf eine Bestätigung. Flehend nickte Phineas, Worte konnte er nicht mehr formen. Die Hose wurde geöffnet, sein Kopf fiel zurück und er musste sich in die seidene Decke krallen. Richtig und falsch hatten keine Bedeutung mehr.
Wie Ferb ihn berührte – zuerst mit der Hand, dann mit den Lippen – brachte ihn fast um den Verstand. Nichts, absolut nichts hatte sich bisher so gut angefühlt. Phineas entfuhrt ein lauteres Stöhnen, sodass Ferb kurz aufhörte diese wunderbaren Dinge zu tun und ihm den Mund zuhielt. Diese Geste setzte Phineas wieder etwas auf den Boden.
„Warte“, hauchte er. Ich will nicht, dass es nur um mich geht. Es fühlte sich ganz natürlich an, diesen Jungen, den er so gut kannte, auszuziehen. Phineas hörte sein Herz lauter denn je klopfen. Reine Begierde war es, mit der er seinen nackten Stiefbruder ansah. Er wollte sich diesen Moment ganz genau einprägen, war aber zu benebelt vom Verlangen. Das alles hatte er schon hunderte Male gesehen, doch nie in diesem Zustand. Fasziniert strich er über den schmalen Pfad Haare, der nach unten führte. Bei jeder Berührung legte Ferb den Kopf in den Nacken. Sein Stöhnen war tiefer, bedürftiger. Phineas Hände arbeiteten sich erforschend vor. Er hinterfragte nicht mehr, wieso das Ganze so leicht war. Die innere Blockade, die ihn die letzten Monate abgehalten hatte, war verschwunden.
Am Ende lagen sie nebeneinander, die Köpfe zwischen den Beinen des anderen. Erschöpft und schwer atmend kuschelten sie sich zusammen, schoben die Decke beiseite und fielen in einen schlafähnlichen Dämmerzustand.
„Weißt du Ferb, wir haben Eiscreme auf dem Mond gemacht und dennoch ist das das verrückteste, was wir je getan haben.“ Phineas klang wie betrunken. Zufrieden drehte er sich auf den Rücken und schloss die Lider. Ferb gähnte und fischte nach einer Unterhose. Die Uhr zeigte ihm, dass viel Zeit vergangen war, seit Phineas ihn verarztet hatte. Er drehte die Musik ab und ließ etwas im Fernsehen laufen.
Etwa zwanzig Minuten später waren sie wieder auf dem Boden der Realität angekommen. Phineas wünschte sich nichts mehr, als dass der andere es nicht bereuen würde. Angespannt wartete er auf eine Regung, auf ein Zeichen, wie zur Hölle es jetzt mit ihnen weitergehen sollte. Machte es Sinn darüber zu reden?
Er stand auf und sammelte die heruntergefallenen Kleidungstücke auf. Überall konnte er den anderen noch fühlen. Während er sich vorbeugte, hatte ihn plötzlich ein starker Arm umschlungen. Den verletzten Fuß weiterhin auf dem Bett, stand Ferb frech hinter ihm. Heiße Lippen waren nah an Phineas‘ Ohr und er nahm genau wahr, wie die Hüfte des anderen gegen ihn gepresst wurde.
„Noch nicht.“ Phineas wurde herumgedreht und in einen Kuss verwickelt. Ihm wurden die Kniee weich. Die Versuchung war zu groß. Er ließ sich zurück auf den Schoß ziehen, sodass die Kleidung wieder auf dem Teppich landete.
„Du bist verdammt schön“, meinte Ferb grinsend als ihre Lippen eine Pause machten. Die vertraute Röte huschte über seine Wangen. „Hör auf mich zu verarschen“, sagte er und wollte eine Kissenschlacht starten, aber natürlich war er nicht schnell genug. Ferb zog ihn kopfschüttelnd in einen weiteren intensiven Kuss, dann schlug er vor, ins Bad zu gehen.
Ferb saß mit schaumtriefendem Haar auf dem Wannenrand und hielt den rechten Fuß nach draußen.
„Denkst du, da draußen gibt es eine Dimension, in der welcher wir nicht zusammen aufgewachsen sind und uns eines Tages zufällig begegnen könnten?“, flüsterte Phineas ins warme Wasser hinein.
„Das würde es nicht besser machen“, antwortete Ferb, nachdem sie hinausgestiegen waren. Er warf dem tropfenden Phineas ein Handtuch zu und begann sich kräftig abzurubbeln. „Es gibt keine Idealwelt.“ Ein Ausdruck von Traurigkeit breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Der Rothaarige biss sich auf die Zunge, aber er musste einfach fragen: „In einer Idealwelt, wären Vanessa und du dann noch zusammen?“
Ferb hielt inne, schaute zu ihm und an ihm vorbei. Bis er etwas sagte, hatte Phineas sich angezogen. „Du verstehst nichts davon.“ Es klang eher verletzt als wütend. „Vanessa …“ Es schmerzte ihn offensichtlich diesen Namen auszusprechen. „… war eine richtige Frau, die erste, die ich jemals interessant fand. Sie hat mir mehr gegeben, als du dir jemals vorstellen kannst.“
Zögerlich machte Phineas einen Schritt auf ihn zu, strich über die jetzt abgekühlte Haut. Dass Ferbs Herz gebrochen war, war so deutlich wie schwarze Schrift auf weißem Papier. Irgendwas musste es geben, um ihm zu helfen, aber er wusste nicht was. Er wusste nicht einmal, ob ihre neue Intimität ihm gut tat. Vielleicht wäre es doch besser, zu warten. Die letzten Monate bis Ferb in England war, bis ihr neues Leben unabhängig voneinander begann.
Er legte die Stirn gegen Ferbs Schulterblätter. „Erklär es mir. Bitte.“

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