Der beste Bruder der Welt – Zusammen?

Zusammen?

Er bekam nicht genug von den Lippen. Er wollte mehr! Mehr! Hungrig umschlang Phineas den anderen, vollständig der Leidenschaft überlassen, während alles andere zu einem ewig gleichen Dunst verschwamm. Kurz musste er Luft holen und schlucken. In der Sekunde, in der er aufsah, bewegte sich ein grüner Farbkleks näher. Die Küsse, die sich jetzt an seinem Hals festsaugten, waren so intensiv, dass er die Augen wieder schloss und seine Brust nach vorne drückte. Es ist nicht so gut, wie mit Ferb.
  Nein, das wollte er nicht denken! Er blinzelte. Die Augen tanzten im Raum umher, nach irgendetwas suchend. Sein Körper zögerte. Vergiss ihn! Er lächelte entschuldigend und zog die heißen Lippen auf seine. Es sollte nicht mehr aufhören! Das hier, dieses Gefühl sollte bitte zur neuen Realität werden. Er brauchte das!
  Doch plötzlich war da nur Luft. Verwirrt öffnete der Teenager die Augen und erschrak. Ferb hatte sich groß vor ihnen aufgebaut, drückte die beiden auseinander und zog ihn vom Tisch herunter.
  „Hey, verschwinde!“, fauchte der Asiate, aber die brennende Wut in Ferbs Augen war genug, um ihn zur Flucht zu bewegen. Mit erhobenen Händen lief er rückwärts, bevor er in der Menge verschwand. Phineas strich sich die Kleidung glatt und funkelte seinen Bruder an.
  „Ich darf jetzt also gar keinen Spaß mehr haben?“ Er sprach sehr laut, aber die Aufmerksamkeit der Umstehenden hatten sie sowieso schon. Ferb sagte nichts. Er warf einen schnellen Blick über die Schulter auf die zwei Mädchen hinter ihm, den Phineas nicht bemerkte.
  „Du bist so unfair. Das ist mein Leben! Wieso…?“
  „Nicht jetzt!“, unterbrach sein Bruder ihn.
  Phineas gab nicht auf: „Was hast du denn gedacht, was ich in der Stadt mache?“ Er tastete nach seinem vergessenen Getränk und leerte es. Energiegeladen wollte er Ferb aus dem Weg schieben, um seine Eroberung wiederzufinden. Doch Ferb war schon immer stärker gewesen, als er aussah. Ohne Mühe drückte er den Rothaarigen zurück.
  „Du bist betrunken.“
  „Bin ich nicht!“ Wie ein trotziges Kleinkind stampfte Phineas auf. Dabei geriet er aus dem Gleichgewicht, stolperte und musste sich etwas zum Festhalten suchen. „Gut, vielleicht ein Bisschen“, gab er zu. Doch das Grinsen wurde ihm aus dem Gesicht gewischt, als er Isabella erkannte. Seine Knie gaben nach und er schwankte unkontrolliert gegen einen Stuhl.
  Wie oft hatte er sich in den letzten Tagen ihre Enttäuschung ausgemalt? Wie oft hatte er sich gefragt, ob sie zusammenbrechen würde? Ob sie die Tränen zurückhalten könnte? Es war nicht annährend ausreichend gewesen, um ihn auf diesen Moment vorzubereiten. Er sah sie an. Er sah seine Isabella an und ohne etwas gesagt zu haben, war doch alles bekannt, alle Karten lagen auf dem Tisch.
  „Isi, ich…“
  Sie drehte sich schluchzend weg, bevor er näherkommen konnte. Adyson stützte ihre Freundin und schob ihr eilig einen Stuhl hin, sodass die zarte Figur nicht auf den Boden fiel. Der Blick, den sie Phineas zuwarf, war eisig. Ferb klopfte Phineas auf die Schulter und drückte ihn zu den Mädchen.
  „Ihr solltet reden.“
  Adysons kalter Blick legte sich auf Ferb. Sie sah aus als wäre sie bereit, ihn jeden Moment anzuspringen und zu erwürgen. Isabella lehnte sich zu ihr und die beiden flüsterten eine Weile. Was habe ich getan? Ich wollte nie, dass es so endet. Wie versteinert beobachtete Phineas sie. Auf einen Schlag war er nüchtern. Ich hätte es nach der Schule tun sollen. Am besten wäre ich nie hier her zurückgekommen. Ich bin zu Ferb geworden.
  Isabella erhob sich weiterhin von Adyson gestützt. Mit hängenden Schultern und ohne jemanden anzusehen, sagte sie: „Ich bin bereit, aber Adyson kommt mit.“
  Zu dritt verließen sie die Bar. Isabella schleppte sich auf die Stufen eines benachbarten Hauses und brach sofort in Tränen aus.
  „Ich wusste schon immer, dass das mit euch nicht normal ist! Wie konntest du ihr das antun? Oh, ich könnte dich…!“ Wie die Furie selbst rauschte Adyson gestikulierend auf Phineas zu, welcher nur langsam nachgekommen war.
  Er fühlte sich seltsam klar und furchtlos. Alle Pflaster, die ihn zusammengehalten hatten, waren zerrissen. Die Scherben seines Selbst lagen vor ihm, aber sie aufzusammeln hatte er keine Kraft. Wozu auch? Jetzt konnte es nicht tiefer bergab gehen. Er ließ Adysons Geschrei über sich ergehen und blieb in gebührendem Abstand vor Isabella stehen. Wäre sein Herz nicht längst zerbrochen, spätestens bei ihrem Anblick wäre es in tausend kleine Teile zersprungen. Geduldig wartete er, wartete auf einen Vorwurf, eine Frage. Er war gewappnet, sich all ihrem Hass zu stellen. Ich habe es nicht anders verdient.
  Aber Isabella war nur ein Häufchen Elend. Ihr Schluchzen erschütterte den ganzen kleinen Körper, nahm zu und ab, hörte jedoch nie ganz auf. Sie schniefte, weinte und weinte und weinte. Phineas trat näher an sie heran.
  „Du willst es wahrscheinlich nicht hören, aber es tut mir aufrichtig leid.“
  Aufgeweichte Augen sahen ihn zitternd von unten an. „Ich verstehe es nicht. Bist du schwul?“ Er konnte nicht standhalten. Seine eigenen Augen wurden feucht und er wischte sich nervös darüber.
  „Isi, ich …“
  „Nenn sie gefälligst nicht so!“ Adyson beobachtete jede seine Regungen.
  Er sah auf seine Schuhe. Sie waren am Rand dreckig geworden und ein Schnürsenkel war etwas zu lang gebunden, sodass er über den Boden schleifte. Wieso hatte man im Alltag keinen Blick für solche Details?
  „Vielleicht bin ich das.“ Er wusste nicht, was er sonst antworten sollte. Schließlich war er gerade erst dabei das alles herauszufinden. Es tut mir leid.
  Es dauerte bis Isabella sich von ihrem erneuten Weinanfall gelöst hatte. „Bin ich … bin ich dir nicht gut genug?“
  „Nein. Du bist perfekt! Ich wollte unbedingt, dass das mit uns funktioniert.“
  „Das sah da drin, aber ganz anders aus!“ Adysons Stimme war ein Fauchen.
  „Aber ich muss doch irgendwas gemacht haben! Hatte ich zu wenig Zeit für dich? Bitte sag es mir … Ich kann mich bessern!“
  „Hör auf damit!“ Diesmal richtete sich Adysons Wut gegen ihre Freundin. „Es ist nicht deine Schuld, du hoffnungsloser Fall! Lass es mich dir ausbuchstabieren: Er hat dich betrogen. In aller Öffentlichkeit. Mit einem Mann. Vielleicht war es nicht mal das erste Mal! Wer weiß, was er schon alles hinter deinem Rücken getan hat, während du brav deine sozialen Aktivitäten verfolgt hast.“ 
  „Phineas würde mich niemals anlügen. Er nicht!“
  Adyson schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Er ist eben nicht so perfekt, wie du immer gedacht hast. Männer sind so! Du wirst schon einen besseren finden.“
  Isabella brach erneut in Tränen aus. „Ich will aber keinen anderen!“ Zum ersten Mal klang sie wütend.
  Phineas weinte still, während er den beiden zuhörte. Am liebsten wäre er jetzt mit Isabella allein.
  „Du hast gesagt, dass du dir zu hundert Prozent sicher bist.“ Sie flüsterte fast.
  Adyson schnaubte. „Das hat er gesagt?“, rief sie.
  Isabella nickte. „Das Gespräch. Es hat mir so viel Sicherheit gegeben.“ Sie schluckte. „War das alles eine Lüge?“
  Phineas zitterte. Verkrampft presste er die Lippen aufeinander, um zu verhindern, dass er zu schluchzen anfing. Der Schleier aus Tränen verhinderte, dass er klar sehen konnte. Er ließ sich einfach auf den Bürgersteig fallen, umklammerte die Beine mit den Händen, so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
  „Hätte ich gesagt, dass ich mir unsicher bin, hätte ich dich verloren. Und glaub mir, das ist das letzte, was ich wollte. Ich wollte immer nur, dass du glücklich bist.“ Er stockte und musste nach Luft schnappen. Der Griff um seine Beine verstärkte sich. „Das Problem ist, dass ich dabei nicht zugleich glücklich sein konnte. Ich habe es wirklich versucht. Glaub mir, ich wollte nicht, dass es so endet. Such die Schuld nicht bei dir. Ich bin es. Ich habe alles kaputt gemacht.“
  Adyson wollte etwas sagen, doch Isabella kam ihr zuvor. Fast sanft bat sie ihre Freundin, sie beide jetzt besser alleinzulassen. Nachdem sie gegangen war dauerte es etwas, bis die Teenager sich wieder trauten zu sprechen. Phineas versuchte sich an einem Lächeln. Er wollte zeigen, dass dies das Richtige war, dass er stark genug war, es durchzustehen.
  Sie sah es nicht. „Das Gespräch … wieso … ich verstehe nicht, warum du mir solche Hoffnungen gemacht hast. Du sagtest, dass du mich liebst, dass du uns nicht aufgeben willst.“
  „Ich meinte, was ich da gesagt habe. Isabella ich war dumm. Ich dachte, dass alles wieder normal wird. Du hast mir immer so viel bedeutet, ich dachte …“
  „Du hast nur gedacht es sei Liebe.“ Sie sackte schluchzend zusammen. Phineas widersprach nicht. „Es tut so weh. Es tut so weh,“ wiederholte sie mehrfach, bis sich ihre Stimme in ein Flüstern verwandelt hatte.
  Nach einer Weile fasste sie sich wieder, aber die tiefe Traurigkeit blieb hörbar: „Ich möchte nicht, dass es zu Ende geht.“ Ihr Lächeln war schüchtern, wie die ersten Sonnenstrahlen am Morgen.
  „Ich auch nicht.“ Doch ihnen war klar, auch wenn es unausgesprochen zwischen ihnen stand, dass es genau das war: Eine Trennung.
  „Ich … Du … Du hättest mich nicht betrügen sollen.“ Sie weinte geräuschlos weiter. „Das kann ich dir niemals verzeihen. Ich hätte es nicht geglaubt, wenn nicht … wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Und ich habe die ganze Zeit gespürt, dass dich etwas beschäftigt, doch hätte ich nie gedacht … Sag mir bitte, ob es das einzige Mal war.“  Wieso tut sie sich das an?
  „Es war das zweite Mal. Ich bin zum zweiten Mal hier.“ Sie nickte resigniert. Gewiss erinnerte sie sich an seinen Zustand am Sonntag.
  „Hast du… hast du mit einem da drin geschlafen?“
  „Nein.“ Er schwieg darüber, dass es durchaus dazu hätte kommen können. Er hatte sie schon genug verletzt. Der Schmerz in ihren blauen Augen war so schrecklich klar erkennbar. Er hätte so Vieles getan, sie wieder zum Lachen zu bringen, doch manches konnte selbst er nicht einfach reparieren. Er hasste es, sie so zu sehen und er verabscheute sich, der Grund dafür zu sein. Zugleich war ein klitzekleiner Teil von ihm erleichtert.
  „Wirst du klarkommen?“, es war eine unnötige Frage und doch fand er es wichtig, sie zu stellen.
  Isabella zuckte mit den Schultern und wischte sich das Gesicht trocken. „Ich habe wirklich gedacht, dass wir füreinander geschaffen sind, schon immer. Ist das nicht verrückt?“ Sie schnappte nach Luft. „Und jetzt habe ich das Gefühl, dass unsere ganze Beziehung eine Lüge war.“
  Phineas schwieg. Es war nicht alles falsch! Ich war einfach nicht gut genug …
  „Ich wünschte, du hättest ehrlich zu mir sein können. Du warst doch immer so furchtlos.“
  Er lockerte den Griff um die Beine. „Es tut mir leid. Wirklich. Was kann ich … kann ich es irgendwie wiedergutmachen?“
  Nur kurz sah sie ihn an. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Nein, ich glaube das geht nicht.“ Irgendwie brachte sie ein entschuldigendes Lächeln zu Stande. „Ich denke wir sollten eine Zeit lang keinen Kontakt haben.“
  „Ich verstehe.“ Phineas‘ Mund war trocken und er hatte so leise gesprochen, dass er unsicher war, ob sie es überhaupt gehört hatte. Er beugte sich zu seinen Schuhen und band den störenden Schnürsenkel neu. Alles, um sie nicht anschauen, zu müssen. Isabella zog ihre Jacke enger, sie fror sichtbar. Phineas spürte, dass sie nach Ferb fragen wollte. Sie wollte wissen, ob jemals etwas zwischen ihnen gelaufen war. Er war froh, dass sie es nicht über sich brachte.
  „Wie soll ich das nur meiner Mutter erklären?“ fragte sie stattdessen. „Glaubst du sie wird enttäuscht sein? Ich will nicht, dass ihre Freundschaft zu deiner Mom ruiniert wird.“ Der Teenager hatte diese Sorge heute schon mehrfach durchdacht. Die Freundschaft ihrer Familien würde sich definitiv ändern, das konnte nicht verhindert werden. Ich habe nicht nur Isabella, sondern auch ihre Mutter unglücklich gemacht.
  Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Schieb ruhig alle Schuld auf mich,“ sagte er bitter. Es fühlte sich wie Galgenhumor an.
  Isabella wischte sich erneut durchs Gesicht und stand auf. Sie war so wackelig auf den Beinen, dass er automatisch aufsprang, aber dann zögerte näherzukommen. Zwei verletzte Blicke trafen sich zaghaft.
  „Auf Wiedersehen, Phineas.“ Kurz war sie unsicher, dann umarmte sie ihn schnell, aber fest, gab ihm einen letzten Kuss auf die Wange und schenkte ihm ein schüchternes Lächeln.
  „Ich werde dich nie vergessen.“

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