Der beste Bruder der Welt – Aktionismus

Aktionismus

Er küsste die Lippen wieder und wieder und wieder. Sie waren fest und küssten mit einer fast übernatürlichen Leidenschaft zurück. Seine Augen waren geschlossen, sodass er jede Berührung besser wahrnehmen konnte, jede Sekunde intensiver genießen. Irgendwie waren sie weich gelandet.
  Er spreizte die Beine, damit der andere Körper dazwischen Platz fand. Den rechten Arm hatte er nach hinten geworfen, wo er sich in ein Kissen krallte. Die linke Hand hingegen lag fest im Nacken der Person seiner Begierde. Ihm war unglaublich heiß und er war von der tiefsten Mitte ausgehend erregt. Das Gewicht des Körpers ließ ihn aufstöhnen, irgendwo zwischen den Küssen. Eine Hand tastete nach seiner, lockerte einen Finger nach dem anderen vom Kissen. Die fremde Hand, die sich seiner bemächtigt hatte, war heiß und kräftig. Wehren konnte und wollte er sich nicht.
  Als die Lippen sich für einen Moment nicht mehr berührten, öffnete der Teenager die Augenlider. Ein leidenschaftlicher Blick traf seinen und er war sich sicher, dass sie beide exakt das Gleiche dachten. Sein Pullover wurde nach oben geschoben, die Hand hatte ihn freigegeben. Stattdessen versuchten nun zehn lange Finger den Wollstoff loszuwerden. Bis zu seinem Bauchnabel war die nackte Haut bereits entblößt. Phineas setzte sich auf. Er dachte nicht mehr, sondern führte jede Bewegung automatisch aus. Seine Gefühle sagten ihm, was zu tun war.
  Er fand den Weg in die Haare des Gegenübers. Er war jedoch gezwungen den Griff zu lockern, um sich des Pullovers vollständig zu entledigen. Noch nie hatte er es so sehr gewollt! Nach diesem anstrengenden Tag verdiente er die Aufmerksamkeit. Er sah an sich herunter. Seine nackte Brust hob und senkte sich in schneller Regelmäßigkeit. Die langen Finger fuhren daran entlang, zeichneten einen Weg von Muttermal zu Muttermal. Danach bewegte sie sich in Richtung des Bauches und tiefer. Jedes Ausatmen war jetzt ein Stöhnen. Wieso war der andere Körper so weit weg? Er wollte ihn näher haben, die Lippen wieder spüren. Mit einem Ruck zog er sein Gegenüber an sich, bevor die Finger den Hosenbund erreicht hatten. Seine Lippen pressten sich wild auf die anderen. Und dann durchbrach eine Zunge die Barriere. Er nahm sie tief in seinem Mund auf und schickte die eigene dagegen, ließ sie spielen, kämpfen, tanzen. Er wusste nicht wie er es noch länger aushalten sollte. Die ganze Kleidung störte! Alles in seinem Inneren forderte weiterzugehen!
  „Willst du es wirklich tun?“, fragte Ferb mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Oh, er wusste welche Macht er gerade über Phineas hatte! Dieser nickte nur. Als sich die Finger am Knopf seiner Hose zu schaffen machten, verlor er fast den Verstand. Er drückte die Hüfte nach oben, in der Hoffnung auf Widerstand zu treffen, doch da war nichts. Der andere war aufgestanden und beugte sich nun von dort über ihn. Die rechte Hand versuchte den verfluchten Knopf zu öffnen, das letzte Hindernis, während die Linke weiter seine Brust streichelte. Phineas wollte helfen, öffnete den Knopf der Hose schließlich selbstständig und war überrascht wie schnell ihm das Kleidungsstück daraufhin über den Hintern gezogen wurde. Erst das eine Bein, dann das andere und schon war die Jeans Geschichte.
  Nichts anderes wahrnehmend betrachtete er den wahnsinnig attraktiven Jungen. Die Haare waren das reine Chaos und zum ersten Mal bemerkte er den grünlichen Schimmer eines Dreitagebarts. Die blauen Augen des anderen waren ihm so vertraut und doch blieb er in ihnen hängen wie eine Fliege im Spinnennetz. Obwohl Ferb noch vollständig angezogen war – unfair, wie Phineas dachte – konnte er ihm genau ansehen, dass er ihn ebenso begehrte. Allein seine halb geschlossenen Augen, mit den geweiteten Pupillen, verrieten pure Leidenschaft. Nun durfte er zusehen, wie Ferb sich ganz langsam die Krawatte aus der Weste zog, sich dieser entledigte und dann jeden einzelnen Knopf öffnete. Das dauert ja eine Ewigkeit! Der Rothaarige hielt es nicht länger aus. Das Objekt seiner Begierde war mit dem letzten Knopf beschäftigt, da schlug er ihm sanft aber bestimmt die Hände weg, um die Weste selbst zu öffnen. Dann folgte das weiße Hemd, welches er Ferb umständlich über den Kopf zog. Wieso muss er auch so viele Schichten tragen?
  Die andere Brust war leicht behaart und es führte ein schmaler dunkler Pfad vom Bauchnabel abwärts. Nie zuvor hatte er solch einen sexy Anblick genießen können. Bevor er sich entschließen konnte, weiterzumachen, fand er sich auf dem Rücken liegend wieder. Diesmal waren Phineas‘ Beine zusammen und Ferb kniete über ihm. Aus einem langen Zungenkuss wurden mehrere kleine, dann bewegten sich die Lippen an seinem Hals zu den Brustwarzen hinunter. Heiße Wellen rollten durch seinen ganzen Körper, begleitet von Gänsehaut. Es wurde geknabbert und gesaugt und mit jeder Sekunde gelangte er näher an den Punkt, an dem es kein Zurück mehr geben würde.
  Auf einmal war der grüne Schopf nur wenige Zentimeter von seinem Schoß entfernt. Er erbebte und musste die Augen schließen, da der Anblick einfach zu viel war. Die Boxershorts, die er trug, war beim Ausziehen der Hose bereits verrutscht und er hatte sich nicht darum gekümmert, sie wieder hochzuziehen. Jetzt wurde diese sanft zu seinen Knien geschoben. Die Finger streiften seine empfindliche Stelle und Phineas japste. Bei Isabella hätte er sich Sorgen gemacht, ob er ihr genügen würde und was sie von dem Gestrüpp da unten hielt, doch so war es ihm vollkommen egal. Er fühlte sich wohl, er fühlte sich angekommen.
  Phineas spürte, dass der andere mittlerweile genauso nackt war wie er und es war ihm, als wisse dieser exakt was zu tun war. Er gab sich in die fähigen Zauberhände, die jede noch so kleine Berührung zu einem beinah übernatürlichen, warmen Kribbeln kanalisierten. Was danach geschah, katapultierte ihn in eine Welt der Sterne. Da war nur noch Ferb mit seinem Geruch, seiner Haut, seinen Lippen, seinen starken Händen …
  Das war nicht nur reine Begierde, das war Seelenverwandtschaft! Ferb und er waren das, was schon immer hätte sein sollen! Es gab schließlich niemanden, dem er so blind vertraute, den er so gut kannte – niemanden, den er so liebte.
  Dass sie Brüder waren und dass dies alles vollkommen falsch war und für jeden Außenstehenden unverständlich spielte keine Rolle, denn sie waren nun einmal nicht verwandt. Ja, sie waren zusammen aufgewachsen, aber immer schon hatte sie doch ein besonderes Band verbunden, etwas, das es zwischen normalen Geschwistern nicht gab! Dass dieses Etwas wahre Liebe war, hatte er nun mal erst jetzt erkannt …

Erschöpft kuschelten sich die beiden jungen Männer nebeneinander. Ihre Atmung war stoßweise und sie klebten von Schweiß.
  „Wieso hast du Isabella nicht die Wahrheit gesagt?“, fragte Ferb. Phineas, der auf dessen Brust lag und dem Herzschlag seines Geliebten lauschte, spürte das Unbehagen, welches Isabellas Name in ihm auslöste.
  „Sie verdient es glücklich zu sein. Ich schulde ihr das, findest du nicht?“
  „Wieso musst du denn derjenige sein, der sie zufriedenstellt?“, Ferbs Gesicht zeigte keine Regung.
  Phineas drehte den Kopf, um ihn anzuschauen. „Du kennst sie doch. Alles, was sie je wollte, war mit mir zusammen zu sein. Und ich mag sie ja auch. Sie ist eine schöne, bewundernswerte junge Frau.“
  „Aber du begeherst sie nicht!“
  „Doch! Nein… Nicht so wie ich dich begehre.“ Er küsste Ferbs Haut. „Nach Allem, was sie für mich getan hat, werde ich sie nicht einfach so verlassen. Ich kann ihr das nicht antun, ich kann sie nie wieder so sehen…“ Er schluckte.
  „Ich verstehe das nicht. Wie kannst du sie glücklich machen, wenn du schwul bist? Geschweige denn dich selbst? Was ist mit deinen Gefühlen?“

Das war der Moment, in dem Phineas schweißgebadet und emotional vollkommen verwirrt erwachte. Nein! Nicht noch einer!! Die Details begannen bereits zu verblassen, dem Teenager war dennoch zu 100 Prozent klar, was er gerade geträumt hatte. Es war so realistisch! Er war bloß in der Lage dazusitzen und erneut, wie ein Wahnsinniger seine Finger zu betrachten. Realistischer als der Letzte!
  Wie war es möglich, dass er glaubte Ferbs Aftershave zu riechen und seine Körperwärme zu fühlen? Wie konnte er überhaupt zweimal erotisch von derselben Person träumen und dabei zunehmend explizierter werden? Er wollte das nicht! Er wollte das alles nicht! Was sein Traum-Ich da gesagt hatte, war KEIN Bisschen wahr! Er begehrte Ferb nicht! Schon gar nicht mehr als Isabella! Er wollte schreien sowie weinen. Die Wunde in seinem Herzen riss wieder auf. Er hatte nie darüber nachgedacht, vielleicht homosexuell zu sein. Isabella zog ihn schließlich an. Gut, sie war die einzige Frau, für die er je sexuelle Gefühle empfunden hatte, aber was war daran falsch? Wenn er sich tatsächlich auch für Männer interessierte, dann war er ja wohl bisexuell. Dieser Gedanke traf tief in Phineas auf Zustimmung. Dann mochte er halt Männer und Frauen zugleich. Das würde trotzdem nichts an seiner Beziehung zu Isabella ändern!
  Der Ferb aus seinem Traum war bestimmt nur ein Stellvertreter gewesen, um ihm dies deutlich zu machen. Und sein Gehirn füllte die Stelle eines Mannes, den er begehrte, mit einer ihm bekannten Person aus. So musste es sein! Das war die einzig logische Erklärung. Sein Herzschlag begann sich zu beruhigen und der Teenager bemerkte, dass er gar nicht lang geschlafen hatte.
  Wie gerne wäre er jetzt in die vertrauten Arme seiner Freundin gefallen und hätte sie geküsst. Um einen direkten Vergleich zu haben? – NEIN! Um zu bestätigen, dass er sie mehr wollte und liebte als jede verwirrende Traumwelt? Brauche ich dazu wirklich eine Bestätigung? War es nicht eher, dass er Trost benötigte und sie diesen perfekt geben konnte? Doch Isabella arbeitete sicherlich noch.
  Kurz dachte er darüber nach, zu seiner Mutter zu gehen, doch er wollte sie nicht belasten. Zusätzlich fürchtete er, in Erklärungsnot zu kommen. Natürlich könnte er ihr sagen, dass er glaubte bisexuell zu sein und sie würde es akzeptieren. Aber wie sollte sie verstehen, dass ihn das so durcheinanderbrachte? Denn was ihn daran am meisten erschütterte, war die Gestalt Ferbs. Mit wem konnte er dann reden? Seinem Vater? Lawrence hatte stets viel mehr mitbekommen, als seine Mutter, aber Phineas konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, ihn zu Themen der Sexualität zu befragen.
  Buford war zu unreif und würde ihn den Rest seines Lebens hänseln, wenn er auch nur von der kleinsten Unsicherheit wüsste und Baljeet ließ sich als angehender Professor kaum blicken. Mit Ferb zu reden, war genauso unmöglich.
  Wo war Ferb eigentlich? Müsste er nicht längst zu Hause sein? Phineas schälte sich sachte aus dem Bett. Das Rumoren seines Magens erinnerte ihn daran, dass er bisher kaum etwas gegessen hatte. Bevor er das Zimmer verließ, atmete er einmal kräftig aus – ein verzweifelter Versuch alles, was mit seinem Traum in Zusammenhang stand, abzuschütteln. Wie sehr er sich nach dem Normalzustand sehnte! Er schien zum Greifen nah, aber Phineas‘ Hände glitten stets vorbei.

In der Küche wärmte er sich Reste der Suppe auf und setzte sich dann zu seiner Mutter vor den Fernseher.
  „Ist Ferb schon zu Hause?“, fragte er und pustete vorsichtig auf den heißen Löffel. 
  „Ich fürchte nicht. Wahrscheinlich ist er nach dem Training direkt zu Vanessa.“
Zuerst freute Phineas sich. Wie schön, dass es gut bei den beiden läuft. Allerdings machte ein Blick auf die Uhr ihn nervös. Wenn er Isabellas Überraschung vorbereiten wollte, brauchte er Ferb heute. Er schlang die Suppe herunter, nicht ohne sich den Gaumen zu verbrennen. Am besten fange ich schon alleine an.
  Der Teenager konnte schwer länger warten. Ausruhen, Rumsitzen und Nichts tun, das funktionierte einfach nicht! Bald fand er sich mit Plänen und Werkzeug, nicht im Garten, sondern im Keller wieder. Er wollte auf keinen Fall riskieren, dass Isabella verfrüht zu Gesicht bekam, was er vorhatte – und was er machen wollte war groß! Mit ein paar Tricks würde alles passen. Einmal unter der Oberfläche zu bauen, war eine neue und damit gern gesehene Herausforderung. Mit dem, was Phineas da hatte, begann er zu arbeiten, doch es lief nicht flüssig. Sein Bruder fehlte einfach. Sie waren ein Team und ergänzten sich bei Projekten so perfekt, dass sie kaum miteinander reden mussten.
  Aber er wollte nicht aufgeben. Ohne es zu merken, wurde er energischer und lauter. Plötzlich nahm er ein Schnarren wahr. Perry. Bildete er sich das ein oder hatten die sonst leeren Augen des Schnabeltiers ihn vorwurfsvoll angeschaut? Phineas hielt inne und streichelte sein Haustier.
  „Weißt du wo Ferb ist?“, fragte er, natürlich ohne eine Antwort zu erwarten. „Ich könnte ihn gut gebrauchen. Ich möchte Isabella eine Freude machen und deswegen baue ich ihr eine Überraschung direkt unter dem Garten.“ Er ergriff den Hammer und machte dort weiter, wo er aufgehört hatte. Als er sich wieder zu Perry drehen wollte, war dieser verschwunden. Die Zeiten, in welchen er sich darüber gewundert hatte, waren längst vergangen. Zudem merkte man dem Tier langsam sein Alter an. Immer häufiger blieb er den ganzen Tag im Haus oder im Garten.
  Dennoch wäre er froh gewesen, nicht mehr allein zu sein. Wie sollte er denn so den Kopf frei bekommen? Nein, er würde nicht aufgeben! Die Idee könnte er bestimmt auch so umsetzen. Mehr und mehr steigerte sich Phineas in den Gedanken hinein, mit dieser einen Geste, mit dieser Überraschung seinen Fehltritt wiedergutzumachen. Er hatte vor, sie so sehr umzuhauen, dass sie den Vorfall einfach vergessen musste. Denn dann würde er vielleicht auch vergessen können. Diese Träume bedeuten gar nichts!
Ich habe die richtige Entscheidung getroffen! Ich will sie und niemand anderen! Die Gefühle, die sie mir gibt, sind stärker! Er rutschte mit dem Hammer ab und traf den Finger. Ein pochender Schmerz durchzog seinen Daumen. Etwas Haut hatte den angestammten Platz verlassen, sodass Blut aus der entstandenen Lücke quoll. Das war ihm in all den Jahren noch nicht passiert. Perplex ließ er das Werkzeug fallen. Unzählige Flüche lagen ihm auf den Lippen, die er gerade noch zurückhalten konnte. So schnell konnte er gar nicht reagieren, da war das Blut bereits auf den Boden getropft. Fest die Zähne zusammenpressend, versuchte er das aufkommende Schwindelgefühl zu unterdrücken.
  „Deswegen ist Ferb mehr der Mann fürs Praktische“, murmelte er vor sich hin. Dann erhob er sich schwankend. Auf dem Fuß der Treppe stieß er fast mit seiner Mutter zusammen.
  „Phineas, woher kommen all diese Geräusche? Solltest du nicht…“ Sie stoppte, weil der Junge ihr in die Arme fiel.
  „Ich hab‘ mir weh getan.“ Phineas Stimme war dünn. Vor seinen Augen verschwamm die Sicht. Er hörte wie seine Mutter nach Lawrence rief und er bekam auch mit, wie beide ihn in sein Bett schleiften.
  Er protestierte: „Nein, nein, ich will nicht mehr liegen. Ich bin noch nicht fertig! Die Überraschung, ich muss…“ War er kurz ohnmächtig gewesen? Phineas Wahrnehmung klarte sich auf, als ihm ein Wasserglas an die Lippen gehalten wurde. Benommen trank er. Seine Eltern blickten ihn mit tiefer Sorge an. Linda hielt das Glas, während Lawrence seinen Daumen untersuchte.
  „Das sieht sehr schmerzhaft aus“, sagte er. „Wolltest du den Nagel zerstören?“
  „Ich bin abgerutscht… ich wollte Isabella doch Paris bauen.“
  „Ich bin sicher sie hat Verständnis dafür, dass du erst gesund werden musst, Schätzchen,“ meinte seine Mutter. Aber ich bin nicht krank!
  „Mir geht es gut, macht euch keine Sorgen“, behauptete er mit überraschend viel Frohsinn. Er wand sich aus den Griffen seiner Eltern und versuchte aufzustehen. „Ich kann weitermachen!“
  Sie allerdings drückten ihn mit Leichtigkeit zurück in die Kissen. „Du solltest liegen bleiben.“ Seine Mutter klang, als erlaube sie keine Diskussion. Sein Vater war losgegangen, um Verbandszeug zu holen. Ich kann nicht. Ich muss es schaffen, ich muss Isabella doch davon überzeugen, dass meine Worte stimmen!
  „Es geht mir gut!“ Phineas klang ungeduldiger. Nachdem sein Finger verbunden war, wagte er erneut einen Aufstehversuch.
  „Was ist denn los mit dir?“ Seine Mutter wirkte entgeistert. „Phineas Flynn du bist krank, eben fast umgekippt und ich mache mir verdammte Sorgen. Du legst dich jetzt gefälligst hin!“
  Seine Augen verengten sich. Wieso verstand sie es denn nicht? „Aber ich kann NICHT ausruhen! Ich muss Isabella zeigen, was sie mir wert ist. Ich muss das fertig machen!“ Jetzt schrie er.
  „Ich würde deine Mutter nicht so anschreien“, meldete sich sein Vater mahnend zu Wort. „Schau, wie bereits gesagt wurde, wird Isabella bestimmt verstehen…“
  „Ich will sie nicht verlieren!“ Phineas Schrei war mittendrin abgebrochen und zu einem kläglichen Wimmern geworden. Er sackte auf sein Bett zurück. Die Tränen waren schneller sein Gesicht heruntergelaufen, als er sich hinlegen konnte. Von da an konnte er nur schluchzen. Als seine Eltern ihn liebevoll umarmten, war er kurz davor ihnen alles zu berichten. Doch er brachte kein Wort heraus und war einfach froh, dass sie nicht nachfragten. Nach einer gefühlten Ewigkeit entschuldigte er sich.
  „Du erinnerst dich, was ich dir gesagt habe, dass du immer mit uns reden kannst?“ Linda streichelte lächelnd seine feuchte Wange und wischte die letzten Tränen weg. Phineas nickte. Ja, das wusste er. Aber sie wussten nicht, um was es wirklich ging. Die Probleme zwischen ihm und Isabella waren nur die Oberfläche. Wie würden seine Eltern reagieren, wenn sie von seinen Träumen über Ferb wüssten? Würden sie ihn krank schimpfen, seine Fantasien als inzestuös bezeichnen? Er war an einem Punkt angelegt, der sich unmöglich für ein Gespräch mit Eltern einigte. Dennoch tat es wahnsinnig gut zu wissen, dass sie für ihn da waren.
  „Setz dich nicht unter Druck. Ich weiß Isabella liebt dich mehr, als du es dir vorstellen kannst“, sagte seine Mutter mit einem Augenzwinkern.
  „Wie fühlst du dich jetzt?“ Es war die Frage seines Vaters, über welche er kurz nachdenken musste.
  „Ich möchte immer noch weiterarbeiten“, gab Phineas zu. Es war vielleicht nicht die beste Antwort, aber eine ehrliche. Das fühlte sich gut an. Seine Eltern warfen sich einen vielsagenden Blick zu.
  „Aber das wird auch später gehen, wenn mein Daumen nicht mehr doppelt so groß ist“, sagte er optimistisch. Sein Vater wuschelte ihm aufmunternd durchs Haar.
  „Brauchst du noch irgendwas?“
  Phineas überlegte. Es war hart, doch er musste sich eingestehen, unter den gegebenen Umständen die Überraschung nicht zu schaffen. Einen anderen Tag würde dafür Zeit sein müssen. Aber ob es irgendetwas gab, das ihm potentiell helfen könnte? Ein Teil von ihm wollte ruhen, auch diesen Tag endlich hinter sich bringen, jedoch fürchtete er sich das erste Mal in seinem Leben stark vor dem Schlafen. Allein der Gedanke daran ließ seine Glieder zucken und sich eine Aufgabe wünschen. Die Möglichkeit des Aktivseins habe ich leider vertan. Bedrückt schüttelte Phineas den Kopf.
  „Ich sag dir was“, flüsterte sein Vater. „Wenn du jetzt im Bett bleibst und es dir morgen wirklich nicht schlechter geht, lasse ich dich zur Schule gehen.“
  „Danke“, hauchte Phineas.
  Als beide Eltern ihm gute Nacht gewünscht, das Zimmer verlassen und das Deckenlicht ausgeschaltet hatten, blieb ein nachdenklicher junger Mann zurück. Dieser knipste, sich der plötzlichen Dunkelheit ausgeliefert gefühlt, die Taschenlampe aus seinem Nachttisch an. Was soll ich jetzt machen? Er wusste nicht, ob er müde genug war, um zu schlafen, obwohl tief eine unendliche Erschöpfung saß. Gedankenverloren leuchtete er den Raum ab. Wie sich die Schatten durch die Lichtbewegung verzerrten, faszinierte ihn. Alles konnte sich verändern, jeder Winkel erschuf eine vollkommen neue Perspektive.
  Vorsichtig setzte er sich auf und zog seinen Pyjama an. Ohne darüber nachzudenken was er tat, ging er dann durch die geheime Tür in Ferbs Zimmer. Ewig hatte er sie nicht benutzt, dennoch fühlte es sich nicht fremd an. Wieder stand er allein in dem dunklen nach Vertrauen und Geborgenheit riechenden Raum. Und erneut ließ er sich in das seidene Bett fallen. Die ausgeschaltete Taschenlampe legte er ans Fußende. Ein Kissen umschlang er fest mit den Armen. Dies war der einzige Ort, wo er eventuell schlafen könnte. Er sog den Duft des Bettes tief ein und bemerkte, wie sich sein nervös schlagendes Herz langsam beruhigte.
  Stundenlang lag er in dieser Haltung, ohne sich zu bewegen. Egal wie oft er sein Mantra wiederholte, begann die Überzeugung, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte, langsam zu verschwinden.

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