One-Hit Wonder
Kapitel
Isabella brauchte sich keine Mühe zu geben, fehlerlos zu sein. Ihr haftete eine natürliche Perfektion an. Selbst in diesem Moment der Überwindung und Konfrontation, war ihr makelloses Bild ungebrochen. Mochten ihre Auge mit dunklen Ringen unterlegt sein und noch so viele Strähnen die geordnete Formation ihres Zopfes verlassen haben, es minderte ihre Ausstrahlung nicht im Geringsten.
Jeder Muskel im Körper des Siebzehnjährigen war angespannt, so sehr, dass er zitterte. Dennoch konnte er sich nicht bewegen. Er beabsichtigte zu fliehen, der Situation zu entkommen und zugleich wollte er Isabella in die Arme nehmen, sie umschließen und alles wieder gut werden lassen. Dieser Zwiespalt ließ ihn erstarrt. Seine Tränen waren hingegen nicht reglos. Ohne ein Blinzeln fanden sie ihren Weg aus Phineas‘ geröteten Augen. Er nahm sie kaum wahr, beinah daran gewöhnt. Wie von einem Denkmal im Regen tropfte die salzige Flüssigkeit, nachdem sie seine Wangen hinuntergelaufen war, auf den Boden. Mit aller Kraft zwang er sich dazu, nicht auf Isabellas Reaktion zu achten. Er fixierte weiter diese eine schwarze Strähne, als hinge sein Leben davon ab. Allerdings war ihre Besitzerin nicht zu einer Salzsäule erstarrt.
Isabella trat von der Scheibe zurück und lief, deutlich sichtbar, zur Schiebetür im nächsten Raum. Phineas musste öffnen oder die Chance nutzen und ihr den Rücken zukehren. Dann vermutlich für immer.
Ruhig klopfte es an der Scheibe. Das Geräusch löste die Trance des Rothaarigen. Er trocknete sich das Gesicht, ging, weiterhin nur ein Splitter seiner Selbst, zu ihr und ließ sie herein. Jede Bewegung musste er bewusst steuern, als wäre er der Puppenspieler und sein Körper die Marionette.
„Phineas, was machst du gerade?“ Ihr Lächeln war schmal, aber versöhnlich; ihre Stimme dünn. Nein! Nein! Ich bin nicht bereit dazu! Isabellas Duft traf ihn am härtesten. Er wurde in seine Kindheit zurückversetzt, in all die Tage, die sie gemeinsam verbracht hatten. Die vertraut sanfte Blumennote schleuderte ihn zugleich in den gestrigen Abend. Er war wieder im Auto, sah sich selbst, wie er Isabella in ihrem Sitz zurückdrückte, sah sein Hemd in Zeitlupe fliegen, sah die Küsse, sah die Leidenschaft, sah das Ende …
Das Zittern nahm zu. Er hielt die Arme fest verschränkt, verhinderte ein Auseinanderbrechen. Seine Finger verkrampften sich so fest, dass sie rote Kratzspuren auf seiner blassen Haut hinterlassen hätten, würde er nicht den Pullover tragen. Isabella hatte die Schiebetür hinter sich stumm geschlossen. Verlegen wartete sie darauf, dass ihr Freund etwas sagte. Dieses Schweigen stand ihm nicht gut.
„Ist… wie geht es dir?“, versuchte sie ein zweites Mal, ihm eine Antwort zu entlocken. Es gelang Phineas, sie kurz anzusehen. Reiß dich zusammen! Denk daran, du wolltest dich selbst nicht manipulieren. Du wolltest für diese Beziehung kämpfen! Du liebst sie doch!
Beim Sprechen fühlte sich seine Zunge wie Eis an, doch er schaffte es Wort zu formen: „Isi, ich … setz dich doch.“ Er deutete auf den grünen Sessel in der Ecke.
„Aber was ist mit dir? Sollten wir nicht ins Wohnzimmer gehen?“ Die Sorge in ihrer Stimme wuchs. Sie ging in den nächsten Raum, Phineas trottete mit gesenktem Kopf hinterher. Auf dem Sofa blieb viel Platz zwischen ihnen frei. Phineas hatte sein Kinn auf die angezogenen Knie gelegt und betrachtete angestrengt die gelben Stofffasern. Er spürte, dass Isabella ihn genau beobachtete.
„Du hättest nicht kommen müssen. Du verpasst doch Unterricht“, murmelte Phineas gerade so laut, dass sie es verstand.
„Dann verpassen wir es eben beide. Phineas, du bist mir viel wichtiger als Schule. Ich konnte nicht dort sein, ohne mit dir zu reden! Die halbe Nacht habe ich nicht geschlafen, ich kann keinen klaren Gedanken fassen … ich …“ Sie stockte. „Bitte, erklär es mir. Was ist gestern passiert?“
Da war sie also. Die Frage vor der er sich am meisten gefürchtet hatte. Die Frage, die er nicht beantworten konnte. Phineas schwieg. Mit aller Kraft hielt er die Tränen zurück. Schlagartig drehte er sich zu ihr.
„Was ist, wenn ich es dir nicht erklären kann?“ Er schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. „Ich kann dir nur mein Wort geben, dass ich dich liebe und dir versichern, dass ich uns nicht aufgebe, wenn du mich denn noch willst … Ich …wir verbringen zu wenig Zeit miteinander, das hat mich durcheinandergebracht … aber glaub‘ mir bitte, ich habe dich die letzten Stunden so sehr vermisst wie nie zuvor.“ Wieso hörten sich diese Worte in seinen Ohren wie eine schlechte Ausrede an? Nun schimmerten in beiden blauen Augenpaaren Tränen.
„Weißt du Phineas, das gestern hat mehr weh getan, als all die Jahre unerwiderte Gefühle. Wenn du diese Beziehung wirklich führen willst, dann musst du dir zu hundert Prozent sicher sein.“ Sie wischte sich über die Lider. „Ich würde es gerne verstehen. Erst sagst du, du liebst mich und dann …“ Sie sah beschämt zu Boden.
„Du und Ferb ihr seid euch stets näher gewesen, als wir es sind. Trotzdem finde ich keinen Sinn darin, egal wie oft ich darüber nachdenke. Er ist dein Bruder! Ich hätte nie gedacht, dass er das ist, was dich zurückhält.“
Phineas‘ Pupillen hatten sich geweitet. „Nein! Das ist es nicht! Mich hält nichts zurück!“ Seine Stimme hatte sich vor Verzweiflung überschlagen.
„Aber du hast seinen Namen gesagt! Du hast an ihn gedacht, während wir … Ich glaube mir wird schlecht.“ Phineas hatte sie noch nie so außer sich erlebt, Wut und Ratlosigkeit waren ihr deutlich anzusehen. Bäche von Tränen strömten über ihr Gesicht. Bei jedem ihrer Worte krallten Phineas‘ Nägel sich tiefer in den Arm.
„Isabella…“, doch er wurde unterbrochen.
„Ich glaube dir. Ich glaube dir, wenn du sagst, dass es nicht Ferb ist, der dich zurückhält,“ sagte sie in einem sanften Ton, der überdeckte wie aufgebracht sie vor wenigen Sekunden geklungen hatte. „Das wäre ja auch lächerlich!“ Ein Kichern deutete sich an. „Ich glaube dir auch, dass du unser erstes Mal zu etwas Besonderem machen willst. Du hast schon immer versucht, dich selbst zu übertreffen und jeden Moment unvergesslich zu gestalten.“
Phineas atmete auf. Er fürchtete ein „aber“ und blieb nicht verschont: „Aber du musst dir dennoch absolut sicher sein. Bisher waren wir ein ideales Paar. Lass uns dort weitermachen und kein One-Hit-Wonder sein. Ich will ein ganzes Album mit unseren Highlights füllen können.“ Unweigerlich musst er an den Song denken, den sie als die „Phineas and the Ferb Tones“ kreiert hatten, eine Ewigkeit zuvor. Damals war er ein anderer gewesen. Zögernd erhob er sich und griff nach ihrer Hand.
„Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe. Das Letzte, was ich will, ist, dich traurig zu sehen.“ Röte stieg in seine Wangen. Endlich empfand er wieder Wärme. „Wieso sollte ich jemals jemand anderen wollen? Die Gefühle, die du mir gibst, können unmöglich überboten werden.“ Fester drückte er ihre Hand. Dann lehnte er sich vor, um ihr den gefühlvollsten Kuss ihrer bisherigen Beziehung zu geben.
„Ich bin mir zu hundert Prozent sicher.“
Hätte Isabella gewusst, was für ein guter Lügner Phineas tatsächlich war, sie wäre auf der Stelle gegangen und hätte nie zurückgeblickt. Aber als sich die Lippen lösten, war sie offensichtlich wie verzaubert. Ein träumerisches Lächeln verlieh ihr den Ausdruck tiefster Zufriedenheit. Phineas beobachtete sie einen Moment. Isabella war der wertvollste Schatz, den er hatte. Er würde alles dafür geben, sie niemals wieder so traurig zu sehen.
Eilig verabschiedete er sich zur Toilette. Isabellas geflüstertes „heirate mich“ hörte er daher nicht.
Nachdem Phineas sein Gesicht gewaschten hatte, fühlte er sich wieder wie ein lebendiger Mensch. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, sagte er sich wiederholt in Gedanken. Die Gefühle, die sie mir gibt sind stärker, sind besser.
…sind stärker, sind besser.
…die richtige Entscheidung…
Obwohl er nicht lange gebraucht hatte, fand er seine Freundin auf dem Sofa zusammengerollt in einem tiefen Schlummer. Vorsichtig schob er ihre Beine zurück, damit er sich setzen konnte. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Mit der rechten Hand streichelte er sanft Isabellas helle Jeans.
Glücklich war er nicht, aber sein Innerstes hatte sich von der tiefen Traurigkeit befreit. Es zählte auch gar nicht, was er fühlte! Nur Isabella zählte! Ihre Zufriedenheit lag ihm mehr am Herzen, als seine eigene. Deswegen war es schließlich die einzig richtige Entscheidung! Die richtige Entscheidung …
„Schlaf dich aus, Isi. Du hast es dir verdient.“ Ihr stand wirklich nur das Beste zu. Und wenn das Beste nun mal er selbst war, würde er ihr genau das geben. Von jetzt an würde er sich keinen Fehler mehr erlauben, er würde zu demjenigen werden, den Isabella seit Jahren in ihm sah. Ihm kamen all die Dinge in den Sinn, die sie zusammen erlebt hatten, unzählige Abenteuer. Eigentlich hatten sie sich in den letzten Jahren jeden Tag gesehen. Sie hatte ihm sogar das Leben gerettet, nachdem er aus dem Spukhaus gefallen war. Außerdem hat sie mich bei jedem Projekt unterstützt. Mich stets aufgeheitert. Zum wiederholten Mal in letzter Zeit wurde ihm klar, wie selbstverständlich Isabella alles für ihn tat. Die Gefühle, die sie mir gibt, sind stärker!
Was unterschied die früheren Zeiten von jetzt? War dies das Erwachsenwerden? Mit zunehmender Verantwortung steigende Sorgen; immer mehr sich aufbauende Probleme, die selbst er nicht beseitigen konnte? Das konnte und wollte der Teenager nicht glauben! Er vermisste das Bauen. Etwas entwerfen und nach seinen eigenen Vorstellungen erschaffen. Sich kreativ auszuleben, bereitete ihm seit er denken konnte beständig Ruhe. Wenn er jetzt Dinge kreierte, würde er vielleicht wieder zu sich selbst finden.
Er huschte hinauf in sein Zimmer, griff sich Geodreieck, Stifte und Papier und breitete sich wenige Augenblicke später auf dem Wohnzimmerboden aus. Schneller als gedacht lag Phineas‘ komplette Aufmerksamkeit bei seinem Projekt. Der Stift flog nur so über das Papier, während er plante, rechnete und ausmaß. Müdigkeit und Erschöpfung spielten plötzlich keine Rolle mehr und auch die vielen Tränen waren vergessen. Ferb würde Augen machen, wenn er ihm das zeigte! Ferb.
Phineas schüttelte den Kopf. Wie konnte sein eigener Bruder nur Begierde in ihm ausgelöst haben? Ein solcher Traum mit egal welchem Mann hätte gereicht ihn durcheinander zu bringen, aber sein Unterbewusstsein hatte ausgerechnet seinen Bruder wählen müssen! Er sah zu Isabella hinüber. Vielleicht träumte sie jetzt Vergleichbares von ihm. Hoffentlich konnte er wirklich alles wiedergutmachen.
„Du und ich, wir stehen das durch“, flüsterte er liebevoll in ihre Richtung. Er bildete sich ein, ein Lächeln auf ihren Lippen erscheinen zu sehen.
Mehr als anderthalb Stunden später war Phineas endlich zufrieden. Jedes kleine Detail war bereit für die Verwirklichung. Dafür brauchte er allerdings die praktischen Fähigkeiten von Ferb, der für die nächsten Stunden nicht heimkommen würde. Er streckte sich und sammelte die Utensilien auf. Zufriedenheit spiegelte sich in seinem Ausdruck wider. Isabella wird sich so freuen, dass sie den Vorfall im Auto komplett vergisst. Und dann wird alles wieder gut. Mit einem Kuss auf die Stirn weckte er seine Freundin.
„Hey, Schönheit, möchtest du nicht im Bett ausruhen?“ Isabella blickte ihn verwirrt an und grummelte etwas Unverständliches. Sie wälzte sich auf die andere Seite, von ihm weg. Er kicherte und brachte die Sachen in sein Zimmer. Auf dem Rückweg wollte er normal an Ferbs Tür vorbeigehen, doch ihm fiel ein, dass in diesem Raum die Überbleibsel der Nacht deutlich waren. Deswegen betrat er vorsichtig das Zimmer. Ein Déjà-Vu-Moment ergriff von ihm Besitz, während er innehielt und die beiden Flaggen betrachtete.
Die Taubheit seiner Glieder kehrte zurück, als ihm gewahr wurde, dass bislang wenige Stunden vergangen waren. Die Wunden waren nicht im Mindesten verheilt, sie hatten gerade Zeit gehabt, sich zu schließen. Er spürte, wie sich sein Herz beschleunigte. Weitergehen konnte er erst, nachdem er mit dem Kloß in seinem Hals auch die innere Blockade gelöst hatte. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen.
Wie konnte ein Raum nur so intensiv nach einer Person riechen? Phineas war es ein Rätsel wieso, aber er musste sich wiederholt zusammenreißen, nicht in einer unangebrachten Weise an Ferb zu denken. Mit zusammengepressten Lippen sammelte er seinen Gürtel vom Boden, machte das Bett und nahm das Tablett, sodass es am Ende keine Beweise mehr gab, dass er die Nacht hier verbracht hatte. Auf dem Flur konnte er durchatmen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er die Luft angehalten hatte. Seine Unterlippe schmerzte, so stark hatte er anscheinend darauf gebissen.
Den Gürtel warf er in sein Zimmer auf den Hocker vor dem Schreibtisch, das Tablett brachte er in die Küche. Dort schenkte er sich ein Glas Orangensaft ein, als Isabella neben ihn trat.
„Möchtest du auch was?“, fragte er sie.
Die Schwarzhaarige schüttelte den Kopf. Weitere Strähnen hatten sich gelöst. Sie gähnte geräuschvoll. Phineas war überrascht, dass eine so zarte Person dazu fähig war.
„Soll ich dich nach Hause bringen?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete sie träge. Einen Satz, den er selten aus ihrem Mund gehört hatte. „Phineas, deine Lippe blutet ja!“, bemerkte sie jetzt erschrocken. Dass es so schlimm war, war ihm überhaupt nicht bewusst gewesen. Er riss ein Stück Küchenrolle ab und tupfte damit die roten Tropfen weg.
„Komm, ich helfe dir heim.“ Er wollte die müde Isabella stützen, doch sie wehrte ab.
„Das geht nicht. Meine Mutter wird denken wir schwänzen Schule!“ Die junge Frau war augenblicklich hellwach.
„Isabella, jemand, der das von dir denkt, kennt dich schlecht.“ Er musste über ihre Befürchtung schmunzeln. „Aber wenn es dir lieber ist, kannst du mein Bett haben.“
Wenige Minuten später saßen beide auf dem Bettrand der SS-Phineas. Isabella hatte sich die Jeans ausgezogen und den Zopf geöffnet. Phineas hielt ihre Hand und versuchte zugleich, ihr jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Er legte gerade die Decke über ihre Beine und fragte erneut, ob er ihr noch etwas Gutes tun könne. Ihr verliebtes Lächeln erwärmte sein Herz.
„Heute Morgen dachte ich, dich verloren zu haben und nun bin ich in deinem Bett – mir geht es wunderbar.“ Sie legte sich hin. Ohne die Berührung ihrer Finger fühlte sich Phineas sofort einsamer.
„Hast du wirklich gedacht, ich würde dich so schnell aufgeben?“, fragte er unsicher.
Isabella antwortete mit geschlossenen Augen: „Mir fällt es teilweise schwer zu glauben, dass du mich liebst. Ich habe so lange gewartet, da erscheint diese Beziehung fast zu schön, um wahr zu sein.“
„Ich glaube, das verstehe ich.“ Er beugte sich vor und küsste sie. „Ich weiß häufig auch nicht, womit ich dich verdient habe.“
„Bist du sicher, dass du dich nicht auch ein bisschen hinlegen magst?“, fragte sie nach einer Weile. „Hier ist was frei.“ Phineas war davon ausgegangen, dass sie schlief und hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt. Er sah in ihre halb geöffneten Augen.
„Danke, ich habe genug herumgelegen. Du brauchst die Ruhe mehr …“
Die nächsten Stunden perfektionierte er weiter sein Projekt. Eigentlich war es fertig und trotzdem prüfte er jede Berechnung mehrfach, fügte hier und da Ergänzungen und neue Kleinigkeiten hinzu. Isabellas Erwachen riss ihn aus der Konzentration.
„Ich muss arbeiten! Ich habe nicht Bescheid gesagt, dass ich nicht kommen kann!“ Sie saß aufrecht im Bett, welches aufgrund ihrer heftigen Aufsetzbewegung sanft schwankte, den Blick starr auf die Uhr gerichtet. Schnell war sie auf den Beinen, in ihre Hose geschlüpft und fast aus dem Zimmer geeilt, hätte Phineas sie nicht aufgehalten.
„Kommst du morgen nach der Schule vorbei?“
Sie zögerte. „Nach der Schülerzeitung, aber das könnte dauern, ich war heute schließlich schon nicht da.“ Sie gab ihm einen eiligen Kuss auf die Wange. „Wir sehen uns morgen.“ Und schon war sie verschwunden. Phineas hörte, wie die Haustür zuschlug.
Das Gefühl des Alleinseins traf ihn wie ein Schlag. Um gegen die Einsamkeit vorzugehen, machte er das Radio an. Die Töne, die daraus hervordrangen, verhöhnten ihn jedoch auf ihre ganz eigene Weise:
That’s what my baby says!
Mow-mow-mow!
And my heart starts pumping!
Chicka-chicka, choo wap!
Never gonna stop!
Gitchee gitchee goo means that I love you!
I said a bow, chicka, bow-wow!
That’s what my baby says!
Mow-mow-mow! …
Das Lied schien ihn zu verfolgen. Er stellte den Lautstärkeregler auf ein Minimum, da fiel ihm auf, dass Isabella ihre Haarschleife in der Hektik vergessen hatte. Vorsichtig hob er das Stück Stoff auf. Es roch nach ihr.
Seine Eltern machten ihre Wiederkehr lautstark bemerkbar. Dem Klang nach hatten sie ein viel zu großes Möbelstück erstanden und versuchten, es ins Haus zu transportieren. Er lief ihnen zur Hilfe entgegen. Das Haarband legte er wie einen Schatz unter sein Kopfkissen. Als er die Treppe herunterkam, wuchteten Linda und Lawrence eine circa zwei Meter hohe Stehlampe herein.
„Schätzchen, solltest du nicht im Bett sein?“, fragte seine Mutter besorgt. Sie klang etwas außer Atem.
„Es geht mir schon besser“, antwortete Phineas beschwingt. „Kann ich euch irgendwie helfen?“
„Du könntest die Tür schließen“, schnaufte sein Vater, der versuchte, die Klinke mit dem Ellbogen zu treffen. Eilig drückte der Teenager die Eingangstüre zu und half die Lampe, den Rest des Weges zu tragen.
„Ein schönes Stück, was ihr da gekauft habt“, stellte er fest, als das neue Möbelstück seinen Platz im hinteren Teil des Hauses bei der Schiebetür gefunden hatte. Auf den Fenstern zum Hintergarten waren Abdrücke von Isabellas Fingern zurückgeblieben. Es war gut, dass sie gekommen ist. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Die Gefühle, die sie mir gibt sind stärker, sind besser.
„Nun solltest du dich wirklich wieder hinlegen. Du siehst ganz blass aus“, ermahnte seine Mutter ihn. Phineas hatte nicht bemerkt, dass die Farbe aus seinen Wangen gewichen war.
„Wenn du das sagst, Mom.“ Ohne zu zögern, lief er in sein Zimmer und machte es sich im Bett bequem. Wo Isabella gelegen hatte, war das linke Kissen eingedrückt. Er nahm es hoch und presste seine Nase in den Stoff, in der Hoffnung ihren zauberhaften Duft dort zu finden. Er konnte allerdings nur Reste von Waschpulver riechen. Das Haarband aber, duftete noch immer zart nach seiner Freundin. Er knotete es ums Handgelenk und rollte sich mit angewinkelten Beinen zur Seite, während das Radio weiter leise Klänge vor sich hin spielte.
War wirklich alles wieder gut? Oder hatte er doch etwas Falsches gesagt? Eben war er sich so sicher gewesen! Aber wieso war er dann beim Anblick der Fingerabdrücke auf dem Glas blass geworden? Er dachte an Isabellas Lächeln, an ihre süßen Grübchen und daran, wie viel Überwindung es sie gekostet haben musste, herzukommen. Dann fielen ihm all die Aktivitäten ein, die sie machte und wie einfach stets alles aussah, was sie anfasste. Phineas fühlte tiefe Bewunderung. Dennoch hatte er Angst. Er hatte Angst, dass sie jetzt, im Nachhinein, seine Worte in Frage stellte. Der große optimistische Teil in ihm schob diese Sorgen weg. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen! Beinah fühlte sich Phineas wieder wie er selbst.
Seine Mutter drückte vorsichtig die Tür auf. „Ich habe dir etwas Suppe gemacht.“ Auf dem Tablett, welches das Frühstück getragen hatte, stand nun eine dampfende Schüssel Hühnersuppe. Der Teenager schob die Kissen höher und setzte sich, so gut es unter der Schräge ging, auf, um das Essen in Empfang zu nehmen. Sachte begann er, die heiße Flüssigkeit zu löffeln. Seine Mutter ließ sich in den lila Sitzsack in der Ecke fallen. Phineas verschluckte sich fast bei diesem Anblick.
„Hui, diese Dinger werden auch immer tiefer“, sagte sie erschrocken. „Ich wollte dich nur fragen, ob es dir wirklich gut geht“, fuhr sie fort. „Du weißt du kannst immer mit mir oder deinem Vater sprechen.“
Er lächelte breit. „Mach dir keine Sorgen, mir wird es wunderbar gehen, wenn ich noch eine Nacht Schlaf nachgeholt habe.“
„Also gut.“ Umständlich versuchte sie sich aus ihrem tiefen Sitzplatz zu erheben. „Aber vergiss trotzdem nicht, dass du mit uns reden kannst.“ Sie knuffte sein rotes Haar, welches so viel kräftiger als ihr Eigenes war und überließ ihn seinen Gedanken.
Phineas war erschöpft, aber zufrieden. Er hatte eine liebevolle Familie, die sich stets um ihn kümmerte. Außerdem hatte er Isabella nicht verloren. Der Tag war besser gelaufen, als er es sich hätte erträumen können. Er würde etwas ausruhen und wenn sein Bruder dann endlich heimkäme, würde er mit dessen Hilfe die Überraschung für Isabella vorbereiten. Phineas Flynn war sich sicher, dass wieder alles gut werden müsste!

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