Der beste Bruder der Welt – Winter im Herzen

Winter im Herzen

Wie viel Zeit vergangen war, wusste er nicht. Das Kissen unter ihm war kalt und feucht und roch fremd. Er wollte sich bewegen, benötigte aber seine ganze Kraft, um allein den Kopf auf eine trockene Stelle zu legen. Nie zuvor in seinem Leben hatte er sich so gefühlt. Nicht einmal, als er mit den anderen auf dieser einsamen Insel feststeckte, war er so verzweifelt gewesen.
Was würde er jetzt geben für den nutzlosen Sand? Auch wenn er ihm durch die Finger geronnen war, er hatte Wärme und Lebendigkeit ausgestrahlt. Dieses Bett war bloß kalt. Phineas war kalt. Die Luft in diesem Raum war kalt. Er fror von innen heraus.
  Ein leises Schnarren erweckte seine Aufmerksamkeit. Perry? Wie bist du denn hier reingekommen? Er spürte tollpatschige Flossen die Matratze belasten. Das Schnabeltier kuschelte sich dicht an den Rücken des Teenagers und rollte sich dort wie eine Katze zusammen. Was habe ich nur getan, Perry?
  Dem Jungen entfuhr ein Schluchzen und frische salzige Tränen sammelten sich in seinen Augen. Er hatte das Gefühl sein Haustier würde genau verstehen, was in ihm vorging.
  „Du bist jetzt mein einziger Freund“, murmelte er und ließ die Tränen laufen. Diese fühlten sich wie kaltes Feuer auf seiner Haut an. Er glaubte jede schmerzvolle Sekunde verdient zu haben. Umgeben von Dunkelheit, weiterhin zusammengerollt, mit zerzaustem Haar und zerknitterter Kleidung, lag er im See seiner Traurigkeit. Das Einzige, was ihm Halt gab, war Perrys Anwesenheit. Allein zu spüren, dass er nicht vollkommen allein auf dieser Welt war, half ihm sich an den letzten Fetzen Selbsterhaltung zu klammern.
  Die Minuten vergingen. Einmal glaubte er jemandem auf dem Flur zu hören. Da er nicht entdeckt werden wollte, hielt er das Schluchzen zurück, bis er keine Luft mehr bekam. Als er dann einatmete, war es so heftig, dass er Husten musste. Während er so dalag und weinte und schluchzte und fror, beschäftigte sich der Teil seines Gehirns, welcher noch denken konnte, mit der Frage, wie er Isabella das alles erklären sollte. Schließlich hatte er sich dazu entschlossen, sie nicht so leicht aufzugeben. Sollte er einfach ehrlich sein und ihr von dem verwirrenden Traum berichten oder würde das endgültig alles kaputt machen? Er war sich nicht einmal im Klaren darüber, ob sie überhaupt noch ein Paar waren.
  Dieser Gedanke schüttelte seinen ganzen Körper in einer heftigen Welle und ein Keuchen drang aus seiner Kehle, gefolgt von einem neuen Schwall Tränen. Es wird gut werden, sagte er sich selbst wieder und wieder in Gedanken. Doch er fühlte sich weiterhin wie von einem unsichtbaren Gewicht nach unten gezogen. Seine Finger waren nach wie vor taub und unbeweglich und sein Kopf wie durch Watte benebelt. Phineas stieß an seine Grenzen.
  Plötzlich, ohne dass er Schritte gehört hatte, öffnete sich die Zimmertür. Er blicke nicht auf, sondern vergrub das Gesicht so tief es ging in den Kissen. Durch die geschlossenen Lider nahm er das Licht wahr, das die eintretende Person eingeschaltet hatte.
Lasst mich allein, flehte es in Phineas. Er war nicht in der Lage zu sprechen, stattdessen drang ein leidend klingendes Brummen aus seiner Kehle. Wieso konnte er keine Raupe sein und erst wieder herauskommen, wenn er ein Besserer war?
  Die Schritte, die sich dem Bett näherten waren vertraut, jedoch ungewöhnlich unsicher. Dann erklang – seltsam langsam und rau – Ferbs Stimme: „Da bist du ja, Perry.“ Phineas hörte wie sich sein Bruder auszog. Kurz lugte er aus seinem Versteck hervor. Der schmale Ausschnitt zwischen Decke und Kissen gab die Sicht auf einen jungen Mann mit zerzaustem grünem Haar frei, der gerade mit seinem Hemd kämpfte. Er wunderte sich, wieso Ferb nicht auf seine Anwesenheit reagierte, aber nur kurz, denn mehr Tränen rannen über sein Gesicht, benebelten ihn. Bald würde der weiche Stoff um ihn herum von ihnen getränkt sein.
  Nach einer Weile ging das Licht aus und der Körper des anderen drückte die Matratze ein. Phineas war weiterhin nicht in der Lage, sich zu rühren. Es schien Ferb nicht zu stören. Er akzeptierte ihn einfach. Perry erhob sich und legte sich zwischen die beiden, danach kehrte Ruhe im Zimmer ein. Irgendwann zwischen stillem Weinen und dem verzweifelten Versuch sein rasendes Herz unter Kontrolle zu bekommen, schlief Phineas vor Erschöpfung ein. Es war ein unruhiger von Alpträumen geplagter Schlaf.

Orientierungslos erwachte er. Der Raum, um ihn herum war noch dunkel, es konnten nicht viele Stunden vergangen sein. Anscheinend hatte er sich herumgewälzt. Die Decke war vom Bett gefallen und die Kissen wild durcheinander um ihn herum verteilt. Perry war nicht mehr da. Phineas fühlte sich noch benommen, aber nun war er in der Lage sich zu bewegen. Gähnend setzte er sich auf. Seine Augen waren verklebt und ausgetrocknet. Wieso war er nicht in seinem Bett? Verunsichert rieb er sich durchs Gesicht.
  Eine Gestalt saß aufrecht links neben ihm und blinzelte ihn an. Ferb musste ihm den Schrecken angesehen haben, denn er klopfte dem Rothaarigen lächelnd auf die Schulter.
  „Entschuldige, habe ich dich geweckt?“, fragte Phineas mit kratziger Stimme. Er spürte, die vielen unausgesprochenen Fragen seines Stiefbruders. Dieser nickte langsam.
  „Isabella und ich… wir…wir hatten keinen guten Abend.“ Es geschah selten, dass er nach Worten rang. Verdammt, was sollte er denn sagen? „Nein, es war kein Streit. Es war mein Fehler… Ich habe sie niemals so enttäuscht gesehen.“ Ferb verstand, dass Phineas nicht weitersprechen wollte.
  Was gab es auch zu sagen? Die Situation war ihm so fremd, dass er sie absolut nicht einschätzen konnte. Es traf ihn die Erkenntnis, dass er nicht wusste, was er tun sollte.
  „Ich lasse dich lieber weiterschlafen.“ Er wollte aufstehen und sich durch die geheime Tür, welche die Brüder eingebaut hatten, in sein eigenes Zimmer begeben. Aber Ferb hielt ihn an der Schulter fest. Seine Finger waren lang und kräftig, die Hände eines Arbeiters.
  „Bleib hier.“ Ferb hatte gesprochen, ohne dass zu hören war, ob Freude in seiner Aussage lag. Er erhob sich stattdessen, sammelte die Decke vom Boden, schüttelte sie auf und hüllte Phineas in den weichen Stoff. Dankbar kuschelte sich dieser ein. Vielleicht würde das Ganze am Morgen nicht mehr vollkommen hoffnungslos erscheinen. Die Sonne und ein neuer Tag verbrachten oftmals Wunder.
  Mit so viel Abstand wie es das Bett hergab lagen die beiden jungen Männer nebeneinander. Phineas hatte die Beine angezogen und sich wie ein Embryo eingewickelt. Ferb klammerte sich an die übrige Decke.

Phineas erwachte erst Stunden später und erlangte diesmal um einiges schneller die Orientierung wieder. Auf dem rostigen Ölkanister, welcher zugleich als Bücherregal und Nachttisch diente, stand ein Glas Saft und ein Teller mit zwei duftenden Toasts. Dankbar nahm er die Sachen auf den Schoß und begann zu essen, während er seinen Blick durch das Zimmer schweifen ließ. Jemand hatte die Rollladen hochgezogen und das Tageslicht hereingelassen. Er hatte nichts davon mitbekommen. Es war ihm klar, dass er tief geschlafen haben musste, aber ausgeruht fühlte er sich nicht. Vielmehr hatte er das Gefühl, bloß für ein paar Momente die Lider geschlossen gehabt zu haben, und sie jetzt ebenso ausgelaugt wieder zu öffnen.
  Als er die Uhrzeit sah, verschluckte er sich. Er hätte längst in der Schule sein müssen! Wieso hatte ihn denn keiner geweckt? Hustend rang er verzweifelt nach Fassung. Der Teller auf seinen Beinen bebte gefährlich und Krümelchen ergossen sich über den Rand. Der Schulbus war längst abgefahren. Isabella, Ferb, Buford und die anderen saßen in der ersten Stunde.
  Bevor es einen Unfall geben konnte, stellte er das Frühstück zur Seite. Nach einem großen Schluck Saft beruhigte sich der Reiz in seinem Hals.
  „Mom?“, rief er durch das Haus. Keine Antwort kam. Konnte es wirklich sein? Hatte man ihn absichtlich allein gelassen? Phineas wollte zuerst protestieren, er hatte beide Beine schon auf dem Boden, fest entschlossen in die Schule zu gehen, doch dann realisierte er, dass er nicht annährend dazu bereit war, Isabella unter die Augen zu treten.
  Er sah an sich herunter und bemerkte zum ersten Mal, dass er noch die Kleidung des vergangenen Abends trug. Den Gürtel hatte er, ohne dass er sich daran erinnern konnte, vor die britische Telefonzelle geworfen, die den Raum dekorierte, aber die vergessene Hose hatte rote Druckstellen auf seiner Haut hinterlassen. Das gute weiße Hemd war bis auf einen Knopf komplett geöffnet und ziemlich zerknittert.
Was soll ich denn jetzt tun? Minutenlang starrte er auf seine Füße. Auch wenn er den heutigen Tag zum Aufschub bekommen hatte, musst er früher oder später wieder zur Schule gehen. Bereits auf dem Weg dorthin würde er Isabella mit Sicherheit treffen. Und dann? Gab es eine Chance auf Versöhnung?
  In der Schule hätten sie garantiert keine Zeit für ein aufklärendes Gespräch. Aber einfach zu ihr gehen? Und selbst wenn sie ins Gespräch kämen, hatte er weiterhin keinen blassen Schimmer, was er ihr sagen sollte! Er wollte sie nie wieder so enttäuscht sehen, nie wieder! Wie konnte er das erreichen? Wie konnte er seine Freundin (er hoffte inständig, dass sie das noch war) wieder glücklich machen? Würde sie ihm glauben, dass er einfach nur durcheinander gewesen war und dass er sie an seiner Seite wollte? Dass er sie liebte? – Dessen war er sich in diesem Moment der Verzweiflung, indem alle Beständigkeit durch seine Finger zu gleiten schien, sicher.
  Er hatte nie geglaubt einer der Menschen zu sein, die etwas Wertvolles erst begreifen, wenn es fast zu spät ist.
Ich liebe sie! Diese Worte waren sein Mörtel, stabilisierten den Zu-Zerfallen-Drohenden und schufen den Mut aufzustehen.

Lange saß er auf der Toilette und noch länger duschte er. Als er sich zum Einseifen seines Unterkörpers hinunterbeugte, fand er nicht genügend Kraft sich wiederaufzurichten. Stattdessen sackte er zusammen und fand sich auf dem kalten Wannenboden wieder. Dort umklammerte er seine Knie und blickte in die Leere. Das Weinen war seltsam. Es fiel ihm schwer einen Unterschied zwischen Tränen und Wassertropfen auszumachen. Alles war nass. Wieso fühlte er sich so? Hatte er nicht eben Hoffnung geschöpft? Hatte er sich nicht für Isabella entschieden? Dafür ihr seine Liebe zu schenken? Das war doch schon ein Schritt in die richtige Richtung! Wiederholt versuchte er sich selbst zu verdeutlichen, dass die Liebe real war, dass er die Chance hatte alles zu retten, jedoch glaubte er sich nicht. Eine innere Stimme strafte ihn einen Lügner, sie war laut genug alle anderen zu überschreien.
  Sein Herz machte dröhnende unregelmäßige Schläge, die er fast im gesamten Körper spüren konnte. An Entspannung war nicht zu denken. Ständig spielte er an seinen Haaren, legte den Kopf in den Nacken und sah den prasselnden Wasserstrom auf sich zuschießen, zweimal kaute er an seinen aufgeweichten Nägeln. Phineas weinte nicht die ganze Zeit, aber immer wieder. Es war wie ein Lied, das je nach Inhalt tiefste Gefühle freisetzte. Er würde die Dusche erst verlassen, wenn er gereinigt war, wenn der Mörtel in seinem Herzen weitere Zeit zum Trocknen hatte.
Jeder Gedanke an sie tut weh. Der Schmerz in ihren Augen. Wie soll ich diesen Schmerz nur vergessen? Es je wieder gut machen? Der leidende Teenager zitterte trotz der Wärme des Wassers. Sein Kopf war überfüllt und zugleich leer.
  Im Endeffekt stieg er nur des schlechten Gewissens wegen heraus. Er wollte seiner Familie weder Kummer noch eine erhöhte Wasserrechnung bereiten. Beim Abtrocknen sah er das erste Mal in den Spiegel und erschrak vor seinem ausdruckslosen Gesicht. Kalt und weiß.
  Nackt lief er in sein Zimmer, griff einen zu großen roten Pullover, Unterwäsche und eine Jogginghose. Vielleicht brauchte er bloß Ablenkung. Wie ein Geist streifte er durch das Haus, auf der Suche nach etwas, das die Erinnerungen für einen Moment verdrängen würde. Er fühlte sich von seinem Körper losgelöst, immer wenige Zentimeter neben dem wahren Ich. Ein Dasein des Schwankens. Gedanken und Gefühle die eines bekannten Fremden.
  Am Ende landete er auf dem alten gelben Sofa, schaltete sinnlos das TV Programm rauf und runter und driftete langsam in einen unruhigen Halbschlaf.

Das melodische Klingen einer Glocke ließ ihn die Augen aufreißen.
Was…? Die Glocke erklang erneut, dann ein Klopfen. Es war jemand an der Tür! Nein, nein, nein! Also er würde bestimmt nicht aufmachen. Nicht jetzt, nicht so! Allerdings gab der Klopfer nicht auf. Klingeln und Hämmern mischten sich zu einer Disharmonie, die Phineas Kopfschmerzen bereitete. Er wusste, dass man ihn nicht hören konnte, gerade deshalb rief er: „Geh weg!“ Ein Schluchzen kämpfte sich seinen Hals hoch.
  „Ich will allein sein.“ Die Worte kamen nur wimmernd über seine Lippen. Schon wieder spürte er die Tränen, versuchte sie mit den Ärmeln zu trocknen, die bald zu feucht dafür waren.
  Das Klopfen hatte aufgehört.
  Als er die plötzliche Stille bemerkte, die sich genauso falsch wie der aufdringliche Lärm anfühlte, fand er sich in der Mitte des Zimmers neben dem Kaffeetisch wieder. Skeptisch warf er einen Blick durch die offenstehende Tür, doch natürlich konnte er weder die Haustür erblicken, noch durch die Wand erspähen, wer so unbedingt hineinwollte. Hatten sie nicht einmal eine Brille gebaut, mit der man durch Wände sehen konnte? Oder war dies nur eine der vielen nicht realisierten Ideen in seinem Kopf? Er wusste es nicht.
  Träge wendete er sich um. Fernzusehen hatte ihn auf eine seltsame Weise beruhigt. Die gezeigten Banalitäten erinnerten ihn daran, dass es Leute gab, denen es wesentlich schlechter ging. Zwar hatte er die beste Freundin vergrault, die ein Mensch haben kann, aber zumindest hatte er es nicht nötig, sich für Geld vor Millionen Zuschauern zum Affen zu machen. Bei dem Gedanken musste er tatsächlich kurz lachen. Allerdings bliebt die Luft ihm im Halse stecken.
  Hinter dem Sofa, auf das er sich hatte zubewegen wollen, die Nase beinah an die großen Fensterscheiben gedrückt, stand Isabella. Das erste, was Phineas bemerkte war, dass ihr sonst so perfektes Haar sich überall aus ihrem Zopf gelöst hatte. Sein Blick blieb an den losen Strähnen hängen und wanderte daran auf und ab. Den Mut ihr ins Gesicht zu sehen, besaß er nicht. Zwei verletzte Seelen verweilten versteinert gegenüber, eine gläserne Front zwischen ihnen. Wer das Schweigen zuerst brechen würde, stand in den Sternen.
Aber wer auch immer es war, er würde zuerst reden müssen.

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