Teamwork?
Kapitel
Phineas stand in Socken und Unterhose vor seinem Schrank und überlegte mit welcher Kleidung er das kommende Date zu einem wahrlich besonderen Abend machen konnte. Im Endeffekt bot sich ihm keine große Auswahl. Er besaß zwei Hemden. Ein teures weißes, welches ihm seine Mutter geschenkt hatte, und ein Rotes, in der Farbe seiner Haare, das er normalerweise zum Ausgehen trug. Er überlegte zu lange, das war ihm bewusst. Er würde nichts mehr von seinen übrigen Hausaufgaben schaffen.
Eigentlich tendierte er zum Weißen. Doch er fürchtete es im Restaurant zu beflecken, was gerade beim Italiener eine berechtigte Sorge war, und dann wäre der Abend nicht mehr perfekt. Und das musste er schließlich werden! In einer Viertelstunde würde Isabella ihn abholen.
Verzweifelt schnappte er sich zwei Zettel vom Schreibtisch, schrieb auf den einen ‚weiß‘ und auf den anderen ‚rot‘, faltete beide und ließ das Schicksal entscheiden. Rot oder weiß – entweder oder – das Gewohnte oder Neues… Phineas wählte mit einem tiefen Atemzug die linke Hand. ‚Weiß‘ stand dort. Es war entschieden. Eilig zog er sich das Hemd über, nahm eine dunkle Jeans dazu und schnappte sich eine schwarze Krawatte, die er schief band. Bevor er das Zimmer verließ, nahm er genau drei Spritzer seines Parfüms, danach hastete er die Treppenstufen hinunter. Seine Mutter saß lesend da. Er drückte sie zum Abschied an sich und rief im Hinausgehen: „Ich bin spätestens um 10 zurück!“
Draußen wartete Isabella bereits in ihrem kleinen pinken Auto. Trotz der vielen Aktivitäten war sie die Pünktlichkeit in Person. Phineas wollte schon freudig seine Schritte beschleunigen, da bemerkte er Ferb. Die Sporttasche lässig über der Schulter, das Shirt vom Training noch angezogen, stand er da und lauschte Isabella, die durch das geöffnete Fenster am Fahrersitz mit ihm sprach. Verhalte dich ganz normal. Du weißt er sieht es dir an, wenn dich etwas beschäftigt. Vielleicht hat er in der Schule schon Verdacht geschöpft.
„Hey Ferb, wie war Fußball?“ Ja, das war gut. Phineas fühlte sich zuversichtlich. Seine Stimme klang genau wie sonst auch und er hatte sein Gesicht vollkommen unter Kontrolle. Auch sein Herz schien keine ungewöhnlichen Sprünge zu machen. Sein Bruder drehte sich zu ihm und sagte zwinkernd: „Es war gut.“ Zur selben Zeit sagten seine Augen ‚du siehst adrett aus‘. Isabella entdeckte ihn einen Moment später. Die Sekunde, in welcher sie realisierte, dass Phineas sich für sie so viel Mühe gegeben hatte, zauberte ihr ein breites Lächeln aufs Gesicht. Sie stieß die Autotür auf und fiel ihm stürmisch in die Arme.
Phineas spürte ihre Wärme, fühlte wie fest sich ihre Brüste an ihn schmiegten, und war glücklich. Was könnte es für ein besser Gefühl als dieses geben? Er atmete den blumigen Duft ihres Parfüms ein und genoss ihr seidiges Haar. Phineas‘ Hand hatte sich mit ihrer verschränkt. Sie zog ihn in Richtung des Autos, doch er blickte Ferb nach. Vielleicht war es Einbildung gewesen, er hatte es schließlich nur aus dem Augenwinkel gesehen, aber sein Bruder hatte sehr traurig gewirkt.
Die Fahrt zum Restaurant gestaltete sich als etwas kompliziert, da es ein überraschend hohes Verkehrsaufkommen gab. Weil Isabella sich deshalb sehr konzentrieren musste, hatte Phineas Zeit 38 verschiedene Theorien zu entwerfen, was Ferbs mögliche Traurigkeit ausgelöst haben könnte. Zu einer Möglichkeit kam er immer wieder zurück, ohne dass er sie mitgezählt hätte, denn er wollte nicht darüber nachdenken. So schreckte er auf als Isabella den Wagen an einem Seitenstreifen parkte. Er fühlte sich schuldig, dass er den ganzen Weg nichts gesagt hatte, deshalb beeilte er sich beim Aussteigen, um ihr die Tür aufzuhalten.
Die Schwarzhaarige warf ihm einen verliebten Blick zu. „Weißt du, wenn wir länger nichts gemeinsam gemacht haben, vergesse ich manchmal, dass du ein wahrer Gentleman bist.“ Erst jetzt realisierte er, dass auch sie sich schön gemacht hatte. Sie trug ein schulterfreies gelbes Shirt und dazu eine Kette, die ihren Ausschnitt betonte. Geschminkt hatte sie sich dezent, aber effektvoll. Phineas wusste nicht, was es war, aber ihre Augen waren so betont, dass es ihn vollständig in den Bann zog.
„Du hast es verdient so behandelt zu werden. Du hast so lange darauf gewartet.“ Ja, er wusste, wie kitschig das klang, aber es war die Wahrheit. Isabella hatte ihm oft geholfen, er hatte keine Ahnung, wie er das je ausgleichen sollte. Sie kicherte und küsste ihn. „Man könnte meinen du hättest später noch was vor.“ Obwohl ihre Stimme verführerisch klang, sah sie verboten unschuldig aus. Isabella konnte auf dem schmalen Grat zwischen süß und sexy nicht nur balancieren, sie konnte darauf tanzen!
Ist es das, was sie von mir erwartet? Phineas wurde nervös. Obwohl beide bereits seit einigen Monaten ein Paar waren, hatten sie bisher nicht miteinander geschlafen. Wenn sie bei Isabella zu Hause waren, ließ ihre Mutter ihnen selten die Zeit in Stimmung zu kommen. Ständig fand sie einen Vorwand, nach einem der beiden zu rufen und es gefiel ihr gar nicht, wenn die Tür geschlossen war. Eine Übernachtung stand völlig außer Frage. Im Flynn-Fletcher-Haus sah die Sache anders aus. Seine Eltern stellten das junge Paar nicht unter ständige Beobachtung, dennoch schien immer jemand da zu sein. Was sie allerdings nicht davon abgehalten hatte, das ein oder andere Mal den Körper des anderen zu erkunden. Einmal wäre es fast dazu gekommen, aber Phineas hatte im letzten Moment Panik bekommen. Nicht dass er nicht gewollt hätte, vielmehr unterlag er der romantischen Vorstellung, dass ihr erstes Mal etwas Besonderes werden würde. Er wollte es nicht einfach so geschehen lassen. Oder redete er sich das Alles nur ein?
Isabella kicherte nicht mehr. „Phin, ist alles in Ordnung? Du bist plötzlich so blass geworden.“
„Nein, nein, alles ist in Ordnung. Ich habe nur schlecht geschlafen, das ist alles. Aber davon lassen wir uns diesen Abend nicht ruinieren.“ Er zwang sich zu einem unbefangenen Lächeln und war überrascht, wie leicht es ging. Dann nahm er ihre Hand und sie gingen auf das Restaurant zu. Wenn ihn ein romantisches Dinner bei Kerzenschein nicht von seiner Unsicherheit abbrachte, war es vermutlich hoffnungslos.
Sie nahmen einen kleinen Zweiertisch direkt am Fenster. Die Tischdecke war dunkelrot, zwischen ihnen thronte eine einzelne Rose in einer hohen Vase und am Rand beim Fenster zündete der Kellner gerade die beiden Kerzen an. Errötend sah sich das Pärchen an. Anschließend blickten sie eine Minute schweigend aus dem Fenster in die Dämmerung. Seichte Musik drang tiefer aus dem Restaurantinneren. Beide saugten die Atmosphäre in sich auf.
Phineas nestelte an der Serviette herum. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Jedes mögliche Gespräch wirkte auf ihn nicht der Schönheit des Moments angemessen. Eine Karte, in die er sich fliehen konnte, hatte bisher niemand gebracht. Isabella griff über den schmalen Tisch und befreite seine rechte Hand aus den nervösen Bewegungen. Jetzt hielten sie über dem Tisch Händchen, für jeden sichtbar. Die Karte wurde gebracht. Zum Umblättern der Seiten, mussten sie ihre Finger voneinander lösen und damit fanden sie auch ihre Sprache wieder.
„Du siehst wirklich phantastisch aus“, sagte Phineas und schob die Rose etwas zur Seite, da diese den freien Blick auf Isabella störte.
„Denkst du wirklich? Ich hatte kaum Zeit zu Hause, weil unsere Redaktionsbesprechung länger ging…“ Natürlich meine er es ernst! Er konnte nicht anders, als seinen Blick immer wieder zu ihren verlockend freigelegten Schlüsselbeinen zu wenden. Er glaubte, dass dies der Ursprung ihres Duftes war. Unweigerlich fragte er sich wie es wohl sein würde, mit einem Mann an eben so einem Ort zu sitzen. Die Vorstellung kam ihm seltsam vor und er fühlte sich erneut in seinen Gefühlen für Isabella bestätigt. Das hier ist richtig!
„Teilen wir uns eine Vorspeise?“, fragte er.
Sie nickte. „Ich weiß auch genau, was ich möchte.“
„Gut, du wählst aus, aber nichts mit Zucchini.“
Wieder kicherte sie. In Phineas Ohren hörte es sich wie Musik an. Nach und nach wurde er von der Romantik dieses Ortes komplett eingenommen. Er nahm nur noch Isabella wahr, klebte an ihren Lippen, als sie von ihrem restlichen Tag erzählte und zuckte kurz zusammen, als der Kellner kam, um die Bestellung aufzunehmen. Das Paar lachte zusammen über die Unfähigkeit eines Mitschülers, pünktlich zu Englisch zu kommen und sinnierte über Bufords verzweifelte Datingversuche. Nach und nach verschwand der Traum vollständig aus Phineas Kopf.
„Er hat mich heute gefragt, wie man erkennt, dass man wirklich verliebt ist.“
„Tatsächlich? Buford will eine feste Beziehung?“ Sie klang genauso ungläubig, wie er sich in dem Moment gefühlt hatte. „Ich dachte immer er möchte nur jemanden um… na ja… um damit anzugeben.“
„Und um mit jemanden zu schlafen“, platze es aus Phineas raus. Die lockere Stimmung hatte seine Hemmungen gelöst, doch bei seinen Worten schoss ihm die Hitze in die Wangen. Er sprach nie so offen über Sexuelles. Schon gar nicht in Hörweite Fremder.
„Das wahrscheinlich auch“, kicherte Isabella. Ihr schien seine Offenheit absolut nichts auszumachen. Wie es wohl war mit ihr zu schlafen? Würde er es überhaupt schaffen sie ausreichend zu befriedigen? Er wusste, dass Männer da meist etwas schneller waren und er wollte sie auf keinen Fall enttäuschen.
„Er hat mir zudem von einer Party am Freitag erzählt, bei Holly“, ergänzte er seine Erzählung.
„Das habe ich ja komplett vergessen! Ihre Eltern sind in Urlaub und sie hat sturmfrei.“
„Denkst du wir sollten hingehen?“ Einerseits freute er sich auf eine Party, doch bei Holly eskalierte das Ganze gerne, weil der Alkohol in Mengen floss.
„Ich habe Freitag eigentlich Community Service, aber ich habe in letzter Zeit so viel zu tun, dass mir eine Party sehr gelegen kommt!“ Vielleicht hat sie Recht, dacht er. Einmal abschalten und Spaß haben, würde ihm sicherlich auch guttun.
„Also“, sagte sie „möchtest du, Phineas Flynn, mein Partydate sein?“
Er deutete eine Verbeugung an. „Mit Vergnügen Mylady.“
Dann kam ihm ein Gedanke. Vielleicht würde sich nach der Feier eine Übernachtung irgendwie einrichten lassen, eine Übernachtung von ihm und Isabella. Wenn er mit Holly sprach, könnte sie ihnen eventuell ein schönes Zimmer bereitstellen. Das Ganze musste nur gut genug geplant werden … Das wilde Etwas in seinem Inneren präsentierte ihm eine schlüpfrige Diashow der Ereignisse, wenn sein Plan aufgehen sollte. Er war froh, dass in diesem Moment die Vorspeise kam.
Gleichzeitig begannen er und Isabella vom in der Mitte stehenden Teller zu Essen. Es schmeckte köstlich. Er warf ihr einen verliebten Blick zu und erzählte von seinem Tag. Sie fütterte ihm ein Stück Brot mit Kräuterbutter und beide lachten. Der Moment war perfekt.
„Ich liebe dich.“
…
Die Worte kamen wie aus dem Nichts und Isabella war selbst deutlich überrascht, sie ausgesprochen zu haben. Phineas schluckte den letzten Bissen Brot hinunter. Das war das erste Mal, dass einer von ihnen es ausgesprochen hatte. Er wusste nicht was er sagen sollte. Er mochte Isabella sehr gerne, er war froh sie seine feste Freundin nennen zu dürfen, wie ihm dieser Abend verdeutlicht hatte. Sie war wunderschön, zog ihn auf allen Ebenen an und sie kannten sich ewig. Doch Liebe? Das war für ihn ein so tiefes Gefühl, von dem er nicht wusste, ob er es schon empfand. Vor allem nicht am heutigen Tag. Natürlich kehrte die vergessene Unsicherheit vollständig zurück. Ein Automatismus in seinem Gehirn stellte die Frage, ob er für Ferb nicht ähnlich empfand. Nein verdammt! Ich bin glücklich mit Isabella! Ich will niemand anderen!
„Ich dich auch.“
Damit wählte Phineas Flynn die Lüge. Isabella hörte für den Rest des Abends nicht mehr zu lächeln auf. Dabei erinnerte sie ihn an Katie diesen Morgen. Immer, wenn es möglich war, ergriff sie Phineas‘ Hand und strich mit ihren langen Fingern über die seinen.
„Ist es für dich manchmal komisch? Dass wir erst jetzt zusammengekommen sind, nach all den Jahren meine ich?“ Diese Frage hatte er sich des Öfteren gestellt.
Sie dachte kurz nach. „Das, was ich als Kind empfunden habe, kommt nicht annähernd an das heran, was jetzt daraus geworden ist. Ich meine, ich habe lange gewartet und hätte fast aufgegeben, aber ich konnte mich nie vollständig von dir lösen. Du und Ferb, ihr wart immer die Stars der Nachbarschaft und ich war direkt gegenüber, konnte an all dem teilhaben. Du hast mir gezeigt, dass das Unmögliche möglich ist. Es gibt niemanden, der auch nur annähernd vergleichbar ist. Ich glaube dir ist gar nicht klar, wie besonders du bist. Außerdem wiegt jede Minute mit dir die verlorene Zeit auf.“
Phineas wollte sie küssen. Niemals zuvor hatte jemand solch wunderbare Worte zu ihm gesagt. Er war zutiefst gerührt. Was sie verband konnte doch nur Liebe sein! Ich habe mich richtig entschieden, sagte er zu sich. Dabei sollte die Zeit für eine Entscheidung erst noch kommen.
Nachdem sie gezahlt und das Restaurant verlassen hatten, schlenderten sie zum Auto. Die Nachtluft war angenehm frisch. Ihnen blieben gut anderthalb Stunden, bis sie wieder im Maple Drive sein mussten.
„Was machen wir mit der restlichen Zeit?“, fragte Phineas nach ihrer Hand greifend.
„Ich weiß, was ich machen will.“ Und sie zog ihn dicht an sich heran, warf ihm einen zauberhaften Blick zu und drückte ihre Lippen auf die seinen. Sie lösten sich kurz, nur für einige Millimeter, und küssten sich erneut aus einem anderen Winkel. Ihre Zunge fand den Weg zu seiner und beide begannen einen Tanz, der zeitweise durch Stöhnen unterbrochen wurde. Phineas nahm Isabellas Duft in sich auf und er war sich nicht mehr sicher, ob es nicht ihr Eigengeruch war, der ihn so verzauberte. Seine rechte Hand drückte ihre enorm fest, doch es tat keinesfalls weh; seine linke strich durch ihr Haar. Sie drückte ihn immer fester an sich, bis ihre Hüften gegeneinanderstießen und beiden gleichzeitig ein Stöhnen entwich. Seine wilde Seite übernahm Stück für Stück die Kontrolle und diesmal ließ er es geschehen.
Ein Passant lief an ihnen vorbei und pfiff laut. Das führte dazu, dass sie sich kurz lösten, ein paar Schritte liefen und wieder übereinander herfielen.
„Lass… lass uns zu mir fahren“, brachte sie zwischen den Küssen hervor. Zu ihr? Will sie…?
„Aber was ist mit deiner Mutter?“ Das letzte was er wollte, war die Stimmung von Mrs. Garcia-Shapiro zerstören zu lassen, doch er klang nicht sehr überzeugend. Er wollte ja mit ihr gehen. Sein Innerstes drängte in Richtung Auto, doch er fürchtete, dass dies nicht der richtige Moment war.
„Meine Mutter ist etwas erkältet, sie wird Medikamente genommen haben und tief schlafen.“ Isabella wollte ihn wieder zu sich heranziehen und eine Sekunde lang ließ er es geschehen, dann befreite er sich.
„Ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken“, sagte er beschämt. „Deine Mutter liebt dich sehr, ich möchte sie nicht hintergehen.“
Isabella war ungläubig zurückgetreten. „Phineas, liegt es… etwa an mir?“
„NEIN! Das hat absolut nichts mit dir zu tun. Du bist wunderschön und sexy.“ Er versuchte sie wieder an sich heranzuziehen, doch sie wehrte sich.
„Was ist es dann? Wieso ziehst du dich jedes Mal zurück, wenn es ernst wird?“ Sie ließ ihm keine Zeit zu antworten. „Ich bin soweit, mach dir keine Sorgen. Ich habe sogar Bücher darüber gelesen und ich vertraue dir vollkommen. Also sag mir bitte, was dein Problem ist!“ Er sah das allzeit bereite Fireside girl vor sich. Wie hatte er je daran zweifeln können, dass Isabella sich auf Sex nicht gut vorbereiten würde? Wahrscheinlich hatte sie sogar Kondome gekauft – im Gegensatz zu ihm.
Unsicher was er sagen sollte, kaute er auf seiner Unterlippe. Es fiel ihm schwer, ihr in die Augen zu sehen. Wieso ziehe ich mich jedes Mal zurück? Ich kann es dir nicht sagen, da ich es selbst nicht weiß. Er hatte nicht gerne ungelöste Fragen, sie machten ihn nervös. Sein Traum konnte nicht für seine Furcht verantwortlich sein, denn – wie Isabella richtig festgestellt hatte – brach er nicht zum ersten Mal ab.
„Ich möchte, dass es etwas Besonderes wird.“ In seinen Ohren klang der Satz wahnsinnig albern, deshalb erwartete er eine heftige Reaktion ihrerseits. Nichts dergleichen passierte. Stattdessen fand er sich von ihr fest umschlungen wieder. Ohne die Umarmung zu lösen, flüsterte sie: „Ich liebe dich. Natürlich möchte ich auch, dass es etwas Besonderes wird, aber das wird es sowieso, denn es wird mit dir sein. Verstehst du, ich brauche keine großen Pläne, ich möchte, dass es natürlich geschieht. Wenn uns danach ist.“ Sie ließ ihn los und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Und jetzt fahre ich uns nach Hause. Versprich mir, dass du sagst, wenn du dazu bereit bist.“ Phineas wusste, dass sich ihr letzter Satz nicht auf das Autofahren bezog. Hätte er sich eine bessere Freundin wünschen können?
Im Maple Drive angekommen waren tatsächlich alle Lichter in Isabellas Wohnhaus erloschen. Phineas war nachdenklich. Er hatte Angst sie enttäuscht zu haben. Vielleicht überkam es ihn deshalb als sie die Fahrertür öffnen wollte. Mit geschickten Handgriffen stoppte er ihre Bewegung, schob sich in ihre Richtung und den Autositz zugleich zurück. Dann stellte er den Motor aus. Er saß nun auf ihr und kippte die Lehne in eine halbliegende Position. Sie stöhnte überrascht auf. Stürmisch begann er, sie zu küssen. Er legte all seine aufgestauten Gefühle in seine Berührungen, versuchte die Unsicherheit in Leidenschaft zu verwandeln. Auf ihrem Hals hinterließ er eine Leiter aus Küssen, an ihrem Schlüsselbein angekommen saugte er sich fest. Seine Hände tasteten an Isabellas Körper entlang, versuchten unter ihre Kleidung zu kommen. Er spürte, wie sie über seinen Rücken strich und drückte die Hüfte nach vorne, um ihr zu zeigen wie sehr es ihm gefiel.
Ihre Münder hatten sich wiedergefunden und pressten sich in schneller Folge aufeinander. Isabella begann, sanft an seiner Lippe zu knabbern, während ihre Hände blind versuchten, die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen. Die Haltung war anstrengend und es war etwas eng, doch das spielte in diesem Moment keine Rolle. Phineas holte mit voller Absicht die Bilder aus seinem Traum hervor. Er rief sich das Gefühl vom Aufwachen in Erinnerung und machte es zu etwas Neuem, er übertrug es auf Isabella. Sein Stöhnen war laut. Sie hatte es irgendwie geschafft, sein Hemd zu öffnen und er entledigte sich des lästigen Teils. Mittlerweile war er unter ihrem Shirt angelangt und betastete leidenschaftlich ihre spitzen Brüste durch den BH. Diesen wollte er öffnen, doch Isabellas und sein Gewicht lasteten auf dem Verschluss. Sanfte Hände drückten ihn ein wenig zurück und er konnte zusehen, wie seine perfekte Freundin mit einem Unschuldsblick eines Engels seinen Gürtel öffnete. Phineas wusste nicht mehr, dass er in einem Auto war, sein Gehirn hatte sich ausgeschaltet. Er schwebte wie auf Wolken umgeben von weichem Nichts. Er fühlte bloß. Elektrizität schien zwischen ihnen zu fließen, ein Strom der Gefühle. Isabella hatte sich vorgebäugt und sog an seinen Brustwarzen. Dann arbeitete sie sich langsam hinunter …
„Oh Ferb,“ stöhnte er.
Stille.
Isabella realisierte zuerst, was gerade geschehen war, doch sie regte sich nicht. Das Paar war wie versteinert. Die harte Erkenntnis, dass dies die Sekunde war, die alles zerstören würde, traf sie gleichzeitig. Phineas wollte den Mund öffnen, um etwas zu sagen, doch sein Kiefer fühlte sich wie Gummi an, seine Lungen waren Rauch. Wie in Trance, als würde die Welt plötzlich in Zeitlupe vergehen, bewegte sich Isabella von ihm weg. In dem Moment, in welchem er ihr Gesicht sah, wusste er, dass er diese Szene niemals vergessen würde. Umständlich stieg er von ihr herunter, griff sein Hemd, das auf dem Beifahrersitz gelandet war und warf es sich über. Als er aussteigen wollte, hielt ihm Isabella von außen die Tür bereits auf.
Die Schwarzhaarige würdigte ihn kaum eines Blickes. Sobald er draußen war, lief sie auf ihre Seite und starte das Fahrzeug. Er schloss den Gürtel. Das knallende Geräusch der zuschlagenden Tür, hallte in seinen Ohren wider. Er konnte sehen, dass Isabella den Tränen nah war. Phineas wollte etwas sagen, ihr hinterherrufen, sich irgendwie erklären. Aber er stand nur da und sah zu wie das pinke Auto in die Einfahrt auf der anderen Straßenseite fuhr. Dann setzte er einen Fuß nach dem anderen auf. Er hatte das Gefühl, wenn er nicht streng herabblickte, würden sie zu Staub zerfallen. Da sich alles in Zeitlupe bewegte, dauert es ewig, die Stufen zur Haustüre hinaufzusteigen. Oben angekommen fühlte er sich um Jahre gealtert. Mit tauben Fingern kramte er den Schlüssel aus seiner Hosentasche, trat durch die rote Tür, putze sich die Füße an der grünen Fußmatte mit geometrischem Muster ab und schleifte sich die Treppe hinauf. Oben im Flur zog er sich erst Schuhe und Jacke aus.
Ohne darüber nachzudenken, wieso er das tat, denn er war nicht mehr in der Lage über etwas zu reflektieren, betrat er Ferbs Zimmer. Er hatte erwartet seinen Bruder dort vorzufinden, doch stattdessen war der Raum leer. Eine lange Zeit blickte er auf die britische und die amerikanische Flagge, die in trauter Zweisamkeit an der gegenüberliegenden Wand hingen. Dann schloss er geräuschlos die Tür und warf sich auf Ferbs Bett. Das seidene Laken war so weich, dass er kurz fürchtete auf den Boden zu gleiten. Er wickelte sich wie eine Raupe ein, griff alle Kissen, die seine leblosen Arme zu fassen bekamen und begann endlich langsam und schmerzvoll zu weinen.

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