Der beste Bruder der Welt – Gefühlsachterbahn

Content Notes

Diese Geschichte behandelt unter Anderem depressive Zustände, selbstverletzendes Verhalten und verantwortungslosen Alkoholkonsum und kann sehr mitreißen und oder unangenehm werden. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.

Gefühlsachterbahn

Wann weiß man, dass etwas Liebe ist? Wo ist der Übergang von einer engen Freundschaft zu tieferen Gefühlen? Beginnt es mit einigen Sekunden des Erkennens der Attraktivität? Reicht ein Lächeln? Ein besonderes Erlebnis? Ein kurzer Moment und es ist geschehen?
  Oder genügt ein Traum?
  Ein Traum, welcher – solange er dauert – ein unendlich warmes und seltsam vertrautes Gefühl auslöst?

Phineas Flynn war bereits seit einigen Minuten wach, hatte allerdings das Reich der Träume noch nicht vollständig verlassen. Das rechte Auge einen Spalt geöffnet, nahm er trotzdem nichts vom Zimmer um ihn herum wahr, in welches das Sonnenlicht hineindrang. Er drehte sich auf die andere Seite und presste die Lider fest aufeinander, doch er konnte das Bild nicht festhalten, es verschwand. Vorsichtig strich er mit dem Daumen über seine Fingerspitzen. Sie fühlten sich fremd an. Das konnte nicht wahr sein! Wenn er es nicht besser wüsste, dann hätte er geschworen, dass diese Finger eben leidenschaftlich in Haare gekrallt waren. Solch einen erotischen Traum hatte er nie zuvor gehabt. Es war so … realistisch! Eigentlich hätte es faszinierend sein können.
  Eigentlich.
  Denn es waren nicht die weichen schwarzen Haare seiner Freundin, die er glaubte auf den empfindlichen Fingerspitzen zu spüren. Es waren ebenfalls nicht ihre Lippen, deren Druck er auf seinen nachfühlte. Nein, das Haar, das durch seine Finger geglitten war, war blattgrün.
  Einen kurzen Moment befand er sich weiterhin zwischen Erwachen und Traum, versuchte sich in die Phantasie fallen zu lassen – eine warme Welle durchzuckte seinen Körper. Dann erst realisierte Phineas‘ Gehirn, welcher Vorstellung er sich hingab und der Junge wurde so schlagartig hellwach, dass er mit geröteten Wangen aufrecht in seinem Bett saß. Im Nachhinein betrachtet, war der Traum nicht der erste Riss in seiner Welt, doch in diesem Moment fühlte es sich für den Teenager so an. Zum ersten Mal war er froh darüber, dass er sich das Zimmer nicht mehr mit Ferb teilte, seit ihre Schwester ausgezogen war. Ferb.
  Phineas zog die Decke über seinen Pyjama. Es war ein Traum. Nur ein Traum! So etwas hatte absolut keine Bedeutung! Und mit diesem Gedanken schwang er sich aus der SS-Phineas, die er nach all den Jahren noch als Bett benutzte und flüchtete sich ins Badezimmer.

Obwohl er keine Schritte gehört hatte, wusste er, dass sein Bruder vor der Tür stand und wartete. Mit einer kalten Dusche und viel Zureden hatte Phineas es geschafft, die Hitze aus seinen Wangen und Leisten zu vertreiben. Er war nun zuversichtlich, dass er Ferb normal unter die Augen treten konnte. „Hey, komm ruhig rein. Ich bin gleich fertig“, rief er, während er sich die Haare kämmte. Ferb war sein Bruder und sein bester Freund, das würde er sich nicht durch irgendwelche seltsamen Nächte kaputt machen lassen. Alles war gut!
  Sein Stiefbruder betrat den Raum und nickte ihm kurz zu. Er trug nur eine dunkle Boxershorts. Sein Haar war wild durcheinander, wie eine Frühlingswiese nach einem Sturm. Ferb war etwa einen Kopf größer als Phineas. Seine blauen Augen wirkten vor Müdigkeit mehr denn je unterschiedlich groß. Mit seinem schlaftrunkenen Gang und den zwei Piercings im Ohr – die er seit Kurzem trug – sah er aus wie ein verkaterter Rockstar.
  Phineas musste sich ermahnen, nicht zu starren. Es war, als würde er Ferb das erste Mal richtig sehen, als wäre dieser zuvor im Schatten gewesen und alle kleinen Details nun erleuchtet. Er spürte wie sich sein Herzschlag rasant beschleunigte. Leichte Panik ergriff von ihm Besitz, bei dem Gedanken Ferb könnte bemerken, dass etwas anders war. Um seine Unsicherheit zu kompensieren, plapperte er in der üblichen Fröhlichkeit über seine heutigen Pläne.
  „… und heute Abend haben Isabella und ich Datenacht. Sie wollte dieses neue italienische Restaurant ausprobieren, Downtown in der Nähe des Buchladens. Und du gehst mit Vanessa aus! Gut, wir sehen uns beim Frühstück.“ Er stand bereits vor der Tür, als er bemerkte, dass er den Kamm noch in der Hand hielt. Lässig versuchte er diesen auf seinen Platz in das Körbchen auf dem Waschbecken zu werfen, doch er verfehlte, der Kamm prallte am Rand ab, wo er von Ferb abgefangen wurde.
  „Hey, super Fang!“
  Anstatt den Kamm zurückzulegen, warf sein Bruder diesen parabelförmig in die Luft – ähnlich wie er eben geflogen war – und schaffte es mit einem gezielten Kick, das Stückchen Plastik erneut nach oben zu befördern, bevor es den Boden erreichte. Er fing den Kamm mit der Brust auf, dann mit dem Knie, benutzte den linken sowie den rechten Fuß. Ohne ins Schwitzen zu kommen, hielt er den ihn in der Luft. Nun konnte Phineas gar nicht anders, als ihn gebannt zu beobachten.
  „Das Fußballtraining zahlt sich aus. Du bist super“, bemerkte er, da er den schneller Bewegungen Ferbs kaum mehr folgen konnte. Er hatte sich vom Rockstar in einen professionellen Sportler verwandelt, einen zugegeben cool aussehenden Sportler.
  „Wow, es sind schon fast zwei Minuten.“ Phineas zählte im Kopf mit. Das war natürlich nicht so genau, wie eine wirkliche Uhr, aber er vertat sich selten um mehr als drei Sekunden.
  „Kinder, es gibt Frühstück“, schallte es von unten. Oh ja! Sandwiches!
  „Wir kommen, Mom.“
  Ferb kickte währenddessen ein letztes Mal den Kamm in die Luft, der gezielt im Korb auf dem Waschbeckentisch landete. Schmunzelnd verbeugte er sich. Dann stieg er in die Duschwanne und Phineas sah, bevor er die Tür hinter sich zuzog, eine Boxershorts über den Vorhang flattern. Wieso war ihm diese Offenheit plötzlich unangenehm? Seit er denken konnte hatte es ihn nie gestört, sich das Badezimmer mit Ferb zu teilen. Es kam häufig vor, dass er sich die Zähne putzte oder Ähnliches tat, während sein Bruder unter der Dusche stand. Er schloss eigentlich nur ab, wenn er auf der Toilette saß. Doch der Anblick der fallenden Unterhose, machte ihm aus irgendeinem Grund zu schaffen. Ferb stand gerade jetzt in diesem Moment unter der Dusche, umnebelt von heißen Wasserdämpfen und war vollständig nackt. Phineas war klar, dass ihn dieser Gedanke nicht kalt ließ, aber er schaffte es jegliches Interesse ganz tief in seinem Unterbewusstsein zu vergraben – übrig blieb blanke Gleichgültigkeit. Bestimmt hatte er bloß komische Gedanken, weil er Isabella so lange nicht mehr getroffen hatte!

Kurze Zeit später war er an der Seite seiner wunderbaren Freundin auf dem Weg zur Bushaltestelle, Ferb einige Schritte hinter ihnen war ganz in die Musik aus seinen Kopfhörern vertieft. Er trug eine leicht zerschlissene dunkle Jeans und dazu ein hellgraues Hemd, dessen Ärmel er hochgekrempelt hatte. Darüber hatte er seine liebste violette Weste an. Phineas schaute sich lächelnd zu ihm um. Er war in gewissem Maße beeindruckt, wie Ferb es auf die Minute genau geschafft hatte, fertig zu werden – auch wenn er es natürlich nicht anders erwartet hatte.
  Isabellas Hand war warm und presste so fest, dass Phineas seine Finger kaum mehr spürte – es war ihm egal. Er wurde gerne von ihr festgehalten, das war wie eine Entschädigung für die nicht gemeinsam verbrachte Zeit. Phineas seufzte. Sie ist so süß. Das warme Licht ließ ihr Haar glänzen. Er hörte ihr geduldig zu, wie sie über die Vielzahl an Aktivitäten berichtete, an denen sie teilnahm. Isabella war wichtiges Mitglied im Chor, schrieb in der Schülerzeitung und war natürlich weiterhin ein sozial engagiertes Mitglied der Fireside Girls. Obwohl ein paar ihrer Freundinnen die Gruppe verlassen hatten, brachte sie es nicht übers Herz, an einen Austritt zu denken. Mittlerweile betreute sie mit Freuden die jüngeren Generationen.
  Er wollte sie streicheln, er wusste wie weich ihre Haut war. Egal wie irritierend sein Traum gewesen war, wenn er dieses warme Gefühl schon nicht vergessen konnte, wollte er die Erinnerung daran in einen leidenschaftlichen Kuss mit ihr legen. Er könnte sie küssen und diese blöde und zugleich niedliche Schleife aus ihrem Haar lösen, damit er es zwischen seinen Fingern spüren durfte. So wie er auch Ferbs Haar gespürt hatte! Beim Gedanken an das Gefühl seiner Fingerspitzen nach dem Aufwachen wurde ihm unwohl und er befreite die Hand schlagartig aus Isabellas.
  „Phineas, ist alles in Ordnung?“, erklang ihre hohe Stimme erschrocken.
  Doch er kam nicht zu einer Antwort. Denn als die drei um die Ecke bogen, sahen sie den Schulbus bereits an der Haltestelle stehen. Ihr Freund Buford wollte gerade einsteigen. Dieser sah die kleine Gruppe loslaufen und winkte ihnen wild entgegen.
  „Wo bleibt ihr denn?“, rief er.
  „Die Frage ist nicht, wo wir bleiben, die Frage ist, wieso der Bus so früh ist!“ Es war das erste Mal, dass Ferb an diesem Tag sprach. Obwohl sie einige Meter gerannt waren, hörte er sich nicht außer Atem an. Die Kopfhörer waren in seinen Nacken gerutscht, sodass sich tiefe Gitarrenklänge in der Luft verteilten.
  Isabella stieg als einzige an der vorderen Tür ein und bedanke sich persönlich bei der Busfahrerin dafür, dass sie gewartet hatte. Ihr Freund hielt im hinteren Teil einen Platz frei. Eine Reihe davor hatte sich Ferb neben Buford gesetzt. Dieser hatte bereits eine hitzige Diskussion mit zwei ehemaligen Fireside Girls gestartet, doch Phineas fiel es schwer sich darauf zu konzentrieren. Warum musste Ferb ausgerechnet vor ihm sitzen? Das machte es nur schwieriger. Er konnte dessen frisches Aftershave riechen, welches ihm zuvor bereits aufgefallen war. Sein Blick blieb an den grünen Haaren und an den Ringen im Ohr hängen; an dem starken Nacken und … Isabella ließ sich neben ihn fallen.
  „Also ich bin da ganz auf Gingers Seite, Buford“, sagte sie. „Du solltest beim Online Dating nicht lügen.“
  „Ach was! Ein bisschen das Profil aufzuhübschen kann nicht schaden. Wer soll das schon bemerken? Ich flunkere ja nicht was mein Aussehen betrifft.“
  „Niemand wird dir glauben, dass du Mitte zwanzig bist“, schnaubte Ginger. Sie versuchte gestikulierend ihre Entrüstung auszudrücken, erzielte durch die heftigen Bewegungen jedoch nur, dass ihre Frisur durcheinandergeriet. Wäre Buford in Reichweite, hätte er gewiss einen nicht ganz ernst gemeinten Schlag auf den Arm oder die Brust spüren bekommen.
  „Wenn du Hilfe brauchst Frauen kennenzulernen, könnten Phineas und Ferb bestimmt etwas bauen“, schlug Isabella vor. Etwas bauen? Das hatten sie länger nicht. Wenn keine Ferien waren, fehlte dazu meist die Zeit und seit sie beide in Beziehungen waren, war diese zusätzlich begrenzt. Andererseits …. Ein perfekt auf Buford abgestimmtes Computerprogramm – wie verlockend! Sie könnten einen Algorithmus schreiben, der ihm die ideale Partnerin zuwies. Das wäre ein Spaß! Dazu müsste man nur …
  „Leute, bitte! Mit meinem Aussehen, meiner Stärke und Liebenswürdigkeit, brauche ich bestimmt keine Hilfe“, wehrte Buford ab. Ein Hauch von Arroganz lag in seiner Stimme, doch sein Lächeln war charmant. Die kleine Freundesgruppe lachte.

Zuerst hatte Phineas zusammen mit Isabella US-Geschichte. Die Stunde verschluckte seine komplette Aufmerksamkeit und verging wie im Flug. So kam ihm Ferb absolut nicht in die Gedanken und nach dreißig Minuten hatte er das Gefühl, es würde doch ein ganz wunderbarer Tag werden. Aber als er später vor sich eine grüne Haarpracht im Mathematikraum verschwinden sah, beschleunigte sich sein Herz. Er und Ferb hatten nicht mehr viel Unterricht zusammen, nur die zweite Stunde Fortgeschrittene Mathematik und am Ende des Tages Konstruktion. Er setzte sich in die Reihe neben seinen Bruder, der gerade den Kugelschreiber im Stil der britischen Flagge aus der Jacke zog. Phineas hingegen holte die alte Federmappe heraus, die er seit dem ersten Schultag besaß. Mittlerweile klemmte der Reißverschluss und das Innere war vollgekritzelt, doch er würde sie benutzen, bis sie vollkommen auseinanderfiel.
  Katie von den Fireside Girls kam herein. Sie trug die langen blonden Haare in zwei geflochtenen Zöpfen, die etwas lose schienen und hatte auffällige pinke Ohrringe. Ihre Wangen waren leicht gerötet, als wäre sie hergerannt.
  „Hi Katie, ist alles in Ordnung? Du siehst etwas fertig aus“, fragte Phineas, als sie sich außer Atmen neben ihn fallen ließ.
  „Oh, ähm, ja… mir geht es gut“, antwortete sie zerstreut und die Röte auf ihren Wangen nahm zu. Etwas ungeschickt löste sie die Bänder aus ihrem Haar und erneuerte die Zöpfe. „Ich dachte ich wäre zu spät, hab wohl falsch auf die Uhr gesehen“, nuschelte sie dabei.
  Während der Stunde fiel Phineas des Öfteren auf, wie sie in sich hineinlächelte und der rötliche Schimmer über ihre Wangen huschte. Er konnte sich jedoch keinen Reim darauf machen. Er mochte Katie gerne. Sie war im logischen Denken unglaublich begabt und rechnete fast so schnell wie Ferb. Zudem würde er nie vergessen, wie sie zur Zeit der Fireside Girls stets bei Bauprojekten geholfen hatte.
  Diese Stunde verlief wesentlich zäher. Es erschien ihm fast unmöglich, sich zu konzentrieren. Einerseits lenke ihn Katies mysteriöses Lächeln ab, anderseits war es Ferb. Sein Bruder war ihm so nah. Als eine Mitschülerin die Lösung der Hausaufgaben an die Tafel schrieb und er etwas korrigieren musste, stießen ihre Arme gegeneinander. Diese Berührung ließ Hitze durch Phineas‘ Körper schießen, was ihn dazu brachte die restliche Zeit peinlich genau darauf zu achten, wie er sich bewegte. Dies ist meine Hälfte des Tischs, das sollte zum Schreiben reichen, sagte er sich. In Gedanken zog er eine Trennlinie, die er nicht zu überschreiten gedachte. Allerdings war er es gewohnt in einer sehr schrägen Haltung zu schreiben, was seinen Ellbogen der Linie gefährlich nah brachte. Immer wieder rief er sich seine Freundin in den Kopf. Isabella, meine süße Isabella. Die Gefühle, die sie mir gibt, sind stärker, sind besser. Diese Sätze wurden sein Mantra. Er dachte daran, wie euphorisch er sich gefühlt hatte bei ihrem ersten Kuss, wie froh er darüber war, an ihrer Seite zu sein. Sie beide hatten eine Liste angefertigt mit Aktivitäten, die sie nachzuholen hatten oder unbedingt tun wollten. Einen Tanzkurs belegen, um beim Abschlussball zu glänzen, wie Kinder im Park schaukeln und Tandem fahren, waren darunter.
  Zum Ende der Stunde hatte Phineas zwar den Großteil des Inhalts nicht mitbekommen, er war aber zuversichtlich, dass sich sein Auf und Ab der Gefühle endgültig beruhigt hatte. Nachdem Ferb ihn beim Anziehen seiner Jacke versehentlich streifte und er nichts Abnormales dabei spürte, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wieso hatte er sich so viele Sorgen gemacht? Es war tatsächlich ein unbedeutender Traum gewesen! Und das Beste war, er hatte jetzt wieder einen Kurs mit seiner Liebsten.
  Er traf Isabella bereits auf dem Weg zum Spind und schloss sie glücklich in die Arme. Sie war so weich, wie er es sich vorgestellt hatte. Als sie sich lösten, gab er ihr einen Kuss auf die Stirn. Seine Freundin sah ihn daraufhin etwas verunsichert, doch nicht ohne Verliebtheit an.
  „Ich bin nur so glücklich, dass ich dich habe“, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage und das so laut, dass es alle Umstehenden genau hörten. Eine ihm unbekannte Mitschülerin verdrehte sichtbar die Augen.
  „Ach, Phin“, seufzte Isabella und gab ihm einen flüchtigen Kuss. Ihre Lippen schmeckten nach Himbeere. Die Berührung erweckte etwas in ihm. Etwas, dass sich hungrig und wild an die Oberfläche kämpfen wollte. Dieses Etwas ließ seine Leistengegend zucken und brachte eine Diashow der erotischen Phantasien mit. Was sie nicht alles machen könnten, wenn sie jetzt nicht in der Schule mitten im Gang stünden. Obwohl. Das Wesen störte es nicht, gesehen zu werden. Er könnte Isabella einfach gegen die Spinde drücken und seine Küsse auf ihrem Hals verteilen, während er… Fuck! Die Bilder in seinem Kopf hatten ihre Wirkung gezeigt. Sein Herz pochte wie wild und ihm wurde heiß. Betont lässig ließ er eine Hand in die Hosentasche gleiten. Dann drehte er sich zu seinem Spind und legte das Mathebuch hinein. Seine innere Stimme rebellierte, schrie, er solle Isabella gefälligst sofort wieder küssen, doch er hört nicht darauf. Er ließ sich beim Austausch der Bücher besonders viel Zeit. Es half. Was war nur mit ihm los? So etwas passierte sonst nie!
  Mit einem Lächeln, das, hätte jemand genau hingesehen, gespielt wirkte, wendete sich der Teenager zu seiner Freundin. „Wie war dein Skulpturenkurs?“, fragte er sie, um auf andere Gedanken zu kommen.
  „Anstrengend. Ich glaube, ich verliere mich zu viel in Details. Die anderen sind alle weiter als ich.“ Isabella klang enttäuscht.
  „Mach dir keine Sorgen. Ich wette dafür wird dein Ergebnis die anderen in den Schatten stellen.“
  „Wenn die Skulptur fertig ist, werde ich sie dir schenken, weil du mich so lieb aufbaust.“ Sie sah ihm bei diesen Worten direkt in die Augen und Phineas stolperte fast, so bezaubernd war ihr Blick. Wie sie so hübsch aussehen konnte, nachdem sie eine Stunde mit Hammer und Meißel an einem Stein gearbeitet hatte, war ihm ein Rätsel. Er konnte nicht ein Körnchen Staub auf ihrem rosa Rollkragenpullover erkennen.
  Die Englisch-Periode verbrachte das Paar heimlich unter dem Tisch Händchen haltend. Dennoch beteiligte sich Phineas angeregt an einer textbasierten politischen Diskussion. Die anschließende Freistunde verbrachte er mit Buford in der Bibliothek, wo er versuchte, die letzte Mathestunde aufzuarbeiten und bereits die Hausaufgaben zu vollenden. Er wollte schließlich möglichst viel Zeit mit Isabella haben. Buford, der unerlaubterweise Kekse hineingeschmuggelt hatte, hatte einen Bildband über Filmtechniken vor sich liegen, kam jedoch nicht dazu, darin zu lesen. Denn zwischen dem Essen, redete er beinah ununterbrochen auf Phineas ein. Es ging erneut um das Thema Dating.
  „ …Versteh‘ mich nicht falsch, aber ich möchte ungern sein wie du und zehn Jahre lang um meine große Liebe herumschleichen, bis ich begreife, dass es auf Gegenseitigkeit beruht“, beendete Buford einen längeren Gedanken. Phineas sah von seinen Aufgaben auf. Seine große Liebe? War es das, was die anderen in ihm und Isabella sahen? Das perfekte Paar? Die Teenager, die ihre ideale Ergänzung bereits gefunden hatten?
  Er blickte sich um. Sie waren allein in ihrer Ecke bei den hinteren Regalen. Kein Wunder, dass er nicht aufhört zu reden. Es war niemand nah genug, den es stören könnte. Das Thema Gefühle schien sein Gegenüber in letzter Zeit sehr zu beschäftigen. Mehrfach hatten sie schon darüber gesprochen, aber heute war es Phineas besonders unangenehm. Was würde Buford nur denken, wenn er von seinem Traum wüsste? Dann wäre der perfekte Anschein auf jeden Fall dahin. Er darf es um keinen Preis erfahren. Niemand darf es je wissen! Es war nur ein Traum, eine Lappalie!
  „Isabella und ich“, begann Phineas und es kam ihm vor, als würde er sich wiederholen. „Wir sind nicht der Maßstab. Wieso befragst du nicht Baljeet? Er und Ginger haben sich schließlich auch gefunden.“
  „Ach komm schon!“, drängte Buford. „Ihr seid schließlich Phinbella, das Traumpaar, ihr stellt jeden in den Schatten. Gib mir nur einen klitzekleinen Tipp.“
  Phineas seufzte. „Wenn sie die Richtige ist, dann merkst du es. Bei ihrem Anblick wird dir ganz anders, dein Herz schlägt schneller, du bekommst schwitzige Hände und sowas…“ Er dachte an Ferb. „Dann kannst du sie nicht mehr vergessen…“ Er dachte an Ferb. „… und möchtest immer bei ihr sein und sie glücklich machen.“ Er dachte an Ferb! Jedes Mal lenkte er seine Gedanken manuell zu Isabella, doch seine erste Intuition konnte er nicht betrügen.
  „Aber woher weiß ich denn, dass das nicht nur normale Nervosität ist? Woher weiß ich, dass es… na du weißt schon?!“
  „Liebe ist?“, fragte Phineas verblüfft. Bisher hatte er nicht vermutet, dass es bei den ganzen Diskussionen, um eine feste Partnerschaft ging.
  „Das fühlst du einfach! Wenn du jemanden länger gut kennst und du ihn küssen willst und sich das nicht ändert, dann ist es wohl Liebe.“ Ihn? Habe ich ‚ihn‘ gesagt? Phineas spürte, wie er rot wurde. Wieso mussten sie ausgerechnet heute darüber reden? Er hatte doch genauso wenig Ahnung! Buford schien nachzudenken. Er stopfte sich mehrere Kekse in den Mund und kaute geräuschvoll. Am Ende kam er zu dem Schluss: „Du kannst das nicht wirklich gut. Ich werde meine Recherchen wohl doch woanders fortsetzten.
  Hast du übrigens schon gehört? Am Freitag wird es eine Party bei Holly geben, man sagt sie trifft einen aus dem College, der wohl Leute mitbringt. Das wird ein großes Ding …“ Doch Phineas hörte ihm nur mit halbem Ohr zu. Wieso verdammt hatte er eben wieder an Ferb denken müssen? Langsam machte er sich selbst wütend! Und den Rest der Freistunde grübelte er über Bufords Frage nach ‚Woher weiß man, dass es Liebe ist?‘.

Den Rest des Schultages erlebte Phineas wie eine Achterbahn der Gefühle. Die Mittagspause war angenehm. Er schaffte es, in Business Management seine Gedanken zu sortieren und sich zu beruhigen. In Konstruktion hingegen, reichte der Geruch von Ferbs Aftershave (das er sich neu aufgetragen haben musste, da Phineas es besonders stark wahrnahm), um seine Phantasien zu wecken. Im Nachmittagskurs nach der Schule, merkte man ihm die Erschöpfung deutlich an. Die quirlige Lehrerin, die Kunst und Musik experimentell miteinander verband, fragte ihn sogar, ob er sich nicht wohl fühle, nachdem er sich zum dritten Mal verspielt hatte.
  Alles in ihm drehe sich. Isabella – Ferb – Liebe – Träume – Angst – Eltern – Ferb – Isabella …
  In dem Moment, in dem er das Schulgebäude endlich verließ, konnte er es kaum erwarten, zu Hause zu sein. Isabella und er würden sich treffen, wenn sie von der Schülerzeitung um 5:30pm zurück war. Das ließ ihm eine Stunde für sich selbst. Im Bus setzte er sich absichtlich auf einen leeren Platz und ignorierte den winkenden Django. Ihm war nicht nach einem Gespräch.
  Zu Hause wäre er fast weinend seiner Mutter in die Arme gefallen, doch das hätte eine Erklärung nötig gemacht, zu der er bei Weitem nicht bereit war. Folglich schlich er sich auf sein Zimmer und ging umgehend Duschen. Wasser würde ihm – so hoffte er – seinen klaren Kopf zurückgeben und einen neuen Menschen aus ihm machen. Am Morgen hatte es schließlich einigermaßen geholfen. Phineas duschte lange. Er hatte sich auf den Boden gesetzt und ließ die Tropfen auf seinen Rücken prasseln. Die Wärme entspannte nach und nach seine Muskeln.
  Ihm wurde klar, dass er sich nicht selbst manipulieren wollte. Er würde den morgigen Tag abwarten und falls diese Unsicherheit weiterhin da war; wenn diese seltsame Anziehung noch von seinem Stiefbruder ausgehen würde, dann würde er dem Ganzen auf den Grund gehen! Zugleich würde er seine Beziehung mit Isabella nicht so einfach aufgeben. Das heutige Date sollte zu etwas Besonderem werden. Er wollte, dass sie einen unvergesslichen Abend hatten. Vielleicht war danach seine Frage bereits beantwortet, vielleicht würde ihm am Ende dieses Abends bereits klar sein, dass er Isabella Garcia-Shapiro aufrichtig liebte.

Kapitel 2

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