Acht Monate – April

8. April

Das Drei Besen roch nach Wärme und Holz. Lionel war froh, dem Regen entkommen zu sein. Während er den Stuhl näher an den wackeligen kleinen Tisch hinter der Säule heranschob, fielen feine Tropfen aus den nassen Spitzen seiner Haare. Wie ein Hund schüttelte er sich und begegnete dem Lächeln seines Gegenübers. Er wusste, was Amit sagen wollte. Es sei so Muggel, dass er die Haare nicht mit Magie trocknete.
  Wahrscheinlich würde er nie wie die anderen sein, die seit ihrem elften Lebensjahr Zaubern lernten. Innerlich zuckte er mit den Schultern. Das wollte er auch gar nicht. Es war schon gut, wie es letztendlich ausgekommen war.
  „Ich bin so froh, dass wir endlich hier sind.“ Er blickte durch den spärlich gefüllten Raum. Vor dem Kamin, in dem ein kleines Feuer brannte, lag ein neuer Teppich. Die Kerzen verbreiteten ein gemütliches Licht, das nichts von der grauen Welt draußen erahnen ließ, und die verblassten Quidditchbilder an der Wand stellten irgendwelche vergessenen Spiele nach.
  Sirona entdeckte sie augenblicklich. „Schön euch wiederzusehen. Was kann ich euch bringen?“ Jedes Mal, wenn sie hier waren, konnte Lionel das Gefühl nicht abschütteln, dass sie mehr wusste, als ihre oberflächliche Freundlichkeit preisgab. Da lag etwas ihrem Lächeln, das er partout nicht deuten konnte.
  Als die Butterbiere ankamen stießen sie wie üblich auf die alte Magie an, ohne die sie sich nie kennengelernt hätten.
  „Ich muss in letzter Zeit häufiger an unsere erste Begegnung denken“, gestand Lionel und wischte sich den Schaum von der Lippe. „Hat dich mein Zaubertrank wirklich so beeindruckt?“
  Amit lehnte sich leicht vor und umfasste den Bierkrug mit beiden Händen. „Wenn ich mich recht erinnere – und du weißt das tue ich immer – dann bist du zu mir gekommen.“
  „Unmöglich! Als hätte ich es als völlig Neuer nötig gehabt, Leute kennenzulernen.“ Er warf einen Blick zum Nachbartisch und schloss seine Hände um Amits. „Außerdem, wie könnte ich einem so charmanten Mitschüler widerstehen?“ Grob kam ihm ein Redeschwall über den Zaubertranklehrer, einen tanzenden Troll und Koboldogack in den Sinn.
  „Offensichtlich habe ich genug Eindruck hinterlassen.“ Amits Lächeln war beinah schelmisch. „Sonst hättest du in der Bibliothek wohl einen großen Bogen um mich gemacht.“
  „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich dich vom ersten Augenblick an mochte, bis du mir glaubst?“ Sein Daumen hatte wie von allein begonnen, über die Haut des anderes zu gleiten.
  „Ich kann es jedenfalls nicht häufig genug hören.“ Das Lächeln war breiter geworden. Er nahm einen Schluck und strich die ewig störende Strähne aus dem Gesicht. Sein Haar hatte dieselbe Länge wie zur Zeit ihres Kennenlernens, wie auch immer das möglich war. Manchmal vermutete Lionel, dass dabei Magie im Spiel war. Wie sonst sollte es so millimetergenau bleiben?
  Eine weiße Katze mit schwarzer Schwanzspitze kam mauzend näher. Lionel ließ zu, dass sie um seine Beine streifte und beugte sich herunter, um sie zu streicheln. Sirona war in letzter Zeit nachlässig geworden, sodass mittlerweile vier dieser Tiere im Wirtshaus ein- und ausgingen, um sich an Krümeln und Aufmerksamkeit zu bereichern. Mit verschränkten Armen und zusammengepressten Lippen beobachtete Amit das Geschehen. Sobald die Katze sich ihm näherte, zog er demonstrativ die Beine weg. Das Tier sprang beleidigt auf den nächsten Schrank und putzte sich ausführlich, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
  „Ich vergesse manchmal, dass du so ein Katzenhasser bist“, stichelte Lionel.
  „Du hast leicht reden. Wenn jedes Härchen deine Augen jucken lassen würde, ganz zu schweigen von der Beeinträchtigung meiner Atemwege, würdest du die Viecher auch auf maximalen Abstand halten wollen. Ohje, ich spüre die Reizung schon!“ Amit ließ ein Taschentuch erscheinen und schnäuzte leise.
„Jahrelang jeden Abend diesen Trank zu schlucken, nur weil überall im Schloss Katzen erlaubt sind, hat mir gereicht.“ Die Erinnerung schüttelte ihn sichtbar.
  „Darf ich dich trotzdem anfassen, auch wenn meine Hände verseucht sind?“
  Amit nickte stumm und schob die Hände wieder auf den Tisch, zog sie jedoch zurück sobald sich eine Gruppe Slytherin in der Nähe niederließ. Kurz lauschten sie dem Gespräch über unfaire Strafarbeiten und der neusten Entdeckung eines Geheimganges bis Lionel sich seufzend losriss.
  „Du denkst an Sebastian, oder?“
  Amit traf es auf den Punkt. Er war gut darin geworden, ihn wie ein offenes Buch zu lesen. „Manchmal frage ich mich, wie es ihm jetzt geht und ob er sich verändert hat.“ Nachdenklich stützte er das Kinn ab. „Ich habe meine Entscheidung nie bereut, aber …“ Er sah die Geschehnisse vor sich als wäre es gestern gewesen: Das Zwielicht in der Krypta, das Gespräch mit Ominis im geflüsterten Ton, obwohl sie allein waren. Zuvor das Flehen in Sebastians Stimme, völlig am Boden zerstört, aber auch der Vorwurf, wieso er nicht gekommen war, wieso er ihm nicht beigestanden hatte. Heute war Lionel froh, kein Zeuge des Mordes geworden zu sein. Trotzdem fragte er sich manchmal, ob er das Unvermeidliche hätte aufhalten können. Oder wäre er am Ende selbst Opfer des Todesfluchs geworden, der sich allzu leicht aus Sebastians Zauberstab gelöst hatte?
  „Du kannst ihm immer noch schreiben. Vielleicht hat er sogar eine Chance, bald rauszukommen“, schlug Amit vorsichtig vor.
  „Es gefällt mir, dass du an das Gute im Menschen glaubst.“
  Sein Gegenüber zeigte die Zähne. „Oh, ich denke nicht, dass Sebastian sich wirklich geändert hat.“ Wieder strich er die Haare zurück, in denen silberne Strähnen glänzten. „Aber er ist dir wichtig und wenn es dir guttut, ihm einen Brief zu senden, dann solltest du es machen. Schreiben kann sehr heilsam sein. Habe ich dir schon von dem einen Mal erzählt als meine Großmama …“
Mindestens hundert Mal! Er versuchte, ihn zu treten, traf allerdings nur den Tisch.
  „Ich liebe dich.“ Da war so viel Selbstbewusstsein in Amits Stimme, dass ein warmer Schauer durch Lionel fuhr. Die braunen Augen blickten ihn kraftvoll an. Keine Zweifel mehr, keine Unsicherheit und das trotz potentieller anderer in Hörweite.
  Er gab die Worte stumm mit den Lippen zurück und strich sich durch den Bart. Mehr Erinnerungen fluteten ihn, angefangen mit den ersten ereignisreichen Monaten in Hogwarts, gefolgt von dem, was danach kam. Er war wirklich vom Glück gesegnet.

Am Ende überquerten sie gemeinsam die Brücke, die aus dem Dorf führte. Hinter dem rosa blühenden Baum kam das Schloss zum ersten Mal vollständig in Sicht.
  „Diese Aussicht ist …“, ließ Lionel den Satz unvollständig.
  „Ich weiß“, hauchte Amit bestätigend.
  Ein Eichhörnchen huschte durch das Gras, um sich im nächsten Blätterdach zu verschwinden und ein paar Vögel flüchteten vor dem Regen. Lionel zog die Kapuze tiefer und schlug den Weg Richtung Hogwarts ein. Auf der breiten Straße konnten sie leicht nebeneinandergehen, auch wenn ihr Pfad von braunen Pfützen unterbrochen wurde. Ein selbstfahrender Karren, der mit Fässern beladen war, rumpelte an ihnen vorbei, ansonsten waren sie allein. Schweigend folgten sie dem Weg bergab, lauschten den Tropfen im Laub, rochen die Erde und all das Leben, das sie umgab. Das Schloss schien jetzt viel näher. Einige Fenster leuchteten hell, sicherlich war er dahinter warm. An der steinernen Bank, direkt unter einer Laterne, blieben sie kurz stehen. Von hier war es nur ein kurzer Weg zum Ufer des Sees. Einige Male hatten sie dort bei schönerem Wetter gesessen und die Welt beobachtet.
  Ein Windstoß raubte Lionel die Kapuze und ließ das rote Haar im Wind tanzen. Er fluchte der plötzlichen Nässe entgegen, die sein Gesicht traf, sodass er Amits Nähertreten nicht bemerkte. Der andere war auf einmal dicht vor ihm, ergriff die Kapuze mit beiden Händen und schob sie an ihren Platz zurück. Die Handgelenke verweilten und zogen ihn anschließend in einen leidenschaftlichen Kuss. Das Wetter spielte keine Rolle mehr. Was zählte waren die kühlen Finger, die sich in seinen Nacken krallten, die Brust, welche sich gegen ihn drückte und das zufriedene Brummen, das er so liebte. Am liebsten hätte er Amit über die Schulter geworfen und in den nächsten Busch gezogen. Einen Moment noch gab er sich der Hitze hin, dann pausierten sie Stirn an Stirn, nach Atem ringend.
  Nun liefen sie dichter nebeneinander, passierten die Ruine aus roten Backsteinen, die bestimmt jeder schon einmal erkundet hatte, während sie sich in einem Bogen dem Schloss näherten. Das Quidditchfeld schälte sich mit jedem Schritt mehr aus dem Wolkennebel und brachte ganz eigene Erinnerungen mit sich. Die wenigen Spiele, die sie gemeinsam angeschaut hatten, schienen ewig weit weg. Er wusste nicht einmal mehr, wer gewonnen hatte.
  An der Gabelung zum verbotenen Wald wurde Amit langsamer. „Ich will gar nicht wissen, wie oft du dort drin warst.“
  Lionel zuckte mit den Schultern. „Es ist nicht mehr so schlimm, wenn …“
  „Stopp! Ich sagte, dass ich es nicht wissen will“, wurde er unterbrochen. „Selbst das Schild ist unheimlich. Schau dir nur diese zerlaufenen Lettern an. Wer die wohl geschrieben hat? Sie sind kaum gealtert.“
  „Es soll unheimlich sein, um übermütige Kinder abzuschrecken.“
  „Na, das hat ja bei dir gut funktioniert!“ Das Kopfschütteln zeigte Amits volle Entrüstung.
  „Ich war schon immer anders.“ Lionel grinste breit und zog seinen Freund weiter. Ich weiß, dass du das an mir magst.
  Die Straße ging in eine sanfte Steigung über und bald erreichten sie das Tor der geflügelten Eberstatuen. Es war nicht mehr weit bis zu den Ländereien. Gemeinsam sahen sie zum Schloss.
  „Es hat sich mit den Jahren so wenig verändert.“ Amit klang wehmütig.
  Lionel nickte zustimmend. „Ich kann kaum glauben, dass wir vor über zehn Jahren das letzte Mal durch diese Tore gelaufen sind.“
  „Möchtest du das letzte Stück noch gehen?“ Jetzt schauten sie sich direkt an.
  „Nein. Das genügt für heute. Es war schön mit dir zurückzukommen, aber ich vermisse unser zu Hause.“
  Und sie apparierten Hand in Hand in eine gemeinsame Zukunft.

7. März

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