Acht Monate – März

7. März

I

Seine Füße stolperten über die glatten Fliesen. Der Boden bebte nicht mehr, aber er zitterte bis in die Fingerspitzen, die irgendwie den Zauberstab umklammert hielten. Kalter Schweiß rann von seiner Stirn, verklebte die Haare, brannte in den Augen. Er wusste nicht, wo er war, bewegte sich keuchend durch die Milchglaswelt.
  „Amit?“ krächzte er beim Geräusch nahender Schritte. Nein. Nirgends die vertraute Person. Er stieß die verängstigten Drittklässler beiseite und rannte weiter, vorbei an umgestoßenen Bänken und zusammengefallenen Ritterrüstungen. Jemand aus Gryffindor passierte ihn, die besorgten Worte erreichten seine Ohren nicht. Anscheinend blutete er. Der Eisengeruch traf ihn scharf und lähmend, aber da sein ganzer Körper ein pochender Schmerz zu sein schien, konnte er die Ursache nicht feststellen. Es spielte sowieso keine Rolle. Wichtig war nur, dass er am Leben war und Amit erreichen musste. Er würde ihn finden und dann ….
  Er fiel auf den Stufen und stieß sich Knie und Handgelenk. In der Halle war eine Gruppe Schülerinnen und Schüler versammelt. Er konnte etliche Augenpaare auf sich spüren, suchte nach einer Lehrkraft, irgendjemanden, der ihm helfen, ihn zu seinem Ziel bringen konnte. War das alles wirklich vorbei? Ein flüchtiger Gedanke, der verdrängt wurde von einer Schar Bilder: Erinnerungen an Flüche, an den Geruch verbrannten Fleischs, an Bewegungen zu schnell für sein Auge. Ein Kampf ohne Oben und Unten.
  Plötzlich eine vertraute Stimme. Jemand griff nach ihm, aber er drehte sich zu der Person, die er die ganze Zeit gesucht hatte. Er fiel Amit in die Arme. Die Tränen kamen jetzt von ganz alleine. Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war Professor Weasley. Dann der Krankenflügel.

II

Der Raum war düster und in der Luft lag dieses medizinische Kräuteraroma. Orientierungslos versuchte er, Einzelheiten im verschwommenen Grau wahrzunehmen, doch als er sich vorsichtig bewegen wollte, wurde ihm der Arm bewusst, welcher ihn von hinten umschlangen hatte. Der zugehörige Körper murmelte etwas Unverständliches und gab ihn frei.
  Da war kein Schmerz mehr, kein Zittern, aber das Echo dessen, was geschehen war, hallte in seinen Knochen. Zwischen den schweren Lidern konnte er den blauen Streifen des Umhangs erkennen, mit dem Amit sich zugedeckt hatte. Ächzend wendete er sich ihm zu. Die Erinnerungen kämpften sich in sein Bewusstsein und ihm wurde die bittere Wahrheit klar: Nur er war aus den Höhlen entkommen. Allein. Wäre Amit nicht dagewesen, hätten ihn die Tränen erneut übermannt. Der Professor war der erste Zauberer außerhalb seiner Familie, den er getroffen hatte. Er war es gewesen, der ihm gezeigt hatte, dass entgegen aller Erwartung Magie in ihm war. Das war nicht gerecht. Wieso mussten die Personen sterben, mit denen er gemeinsam Abenteuer erlebte? Immerhin bist du sicher, dachte er während er sanft Amits Haare aus dem schlafenden Gesicht strich.
  Die Augen schlugen plötzlich auf, waren den Bruchteil einer Sekunde verwirrt, bevor liebevolles Erkennen sie einnahm. Amit streckte sich gähnend und rückte etwas weg. Offensichtlich war es ihm peinlich, eingeschlafen zu sein.
  „Was machst du hier?“, krächzte Lionel aus trockener Kehle. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Krankenschwester oder eine Lehrkraft das hier erlaubt hatte.
  „Ich habe mich hergeschlichen.“ Amit schaffte es kaum, die Aufregung in seiner Stimme zu verbergen. „Ich konnte dich nicht allein lassen.“
  Lionel lächelte in die Dunkelheit hinein, während er sich ausmalte, wie der Ravenclaw auf Zehnspitzen und mit klopfendem Herzen durch die Gänge gekommen war. Für ihn. Er wollte sich auf seinem Arm abstützen, um den anderen besser sehen zu können, doch ein vergessener Schmerz brannte plötzlich auf seiner Haut. Keuchend krümmte er sich zusammen und zog den Ärmel hoch. Selbst im Zwielicht erkannte er die dunkle Stelle.
  „Sieht aus wie von magischem Feuer. Mächtiges magisches Feuer.“ Geweitet betrachteten Amits Augen die Wunde. Stumm zückte er seinen Zauberstab, bevor er einige unverständliche Worte murmelte. Lionels Arm begann zu jucken. Die aufgeplatzten Stellen am Rand schimmerten bläulich und wurden kühl, die verbrannte Haut heller und glatter.
  „Gibt es einen Zauber, den du nicht kannst?“ Allein der Umriss der Wunde war zurückgeblieben.
  „Es hatte mehr als einen Vorteil, all diese Bücher in den Ferien zu lesen.
  Ich muss schließlich vorbereitet sein, wenn ich mehr Zeit mit dir verbringen möchte“, fügte er sanft hinzu.
  Trotz der Müdigkeit, der weiterhin spürbaren Schmerzen in seinem Arm und des unsichtbaren Gewichts, welches ihn seit dem Ende des Kampfs nach unten zog, kribbelte Freude in Lionel.
  „Es ist vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, aber verdammt, ich liebe dich.“
 „Eine andere Erklärung gibt es für diese Kuriosität zwischen uns auch nicht mehr.“ Amit gab ihm einen Kuss auf die Nasenspitze. „Aber falls das riskieren meiner gesamten Schullaufbahn nicht genug ist: Ich liebe dich auch, Lionel Welsh. Du machst mich absolut wahnsinnig und wahrscheinlich werde ich wegen dir eines Tages vor Sorge sterben, weil du gegen einen Drachen oder Ähnliches kämpfen musst, aber ich liebe dich.“
  Ihre Hände fanden sich und wurden zu einer Einheit. Lionel spürte, wie ihm diese kleine Berührung Kraft verlieh. Mit Amit an seiner Seite war das alles nicht mehr ganz so schwer. Er würde wieder aufstehen, vielleicht schon morgen und eines Tages würde sicherlich auch die Zuversicht zurück sein. Kurz dachte er an Sebastian und an all den Druck, den er ausgeübt hatte. So viel Hass und unkontrollierte Wut in einer Person, genau das Gegenteil von Amit. Er hatte einem Freund treu sein wollen, dabei aber nicht bemerkt, wie nah er dem Abgrund gekommen war.
  Auch wenn sich dieser Tag nicht wie ein Sieg anfühlte, lag die Zukunft vor ihnen. Monate ohne Schnee und dann ein ganzer Sommer. Einige Dingen werden sich ändern. Aber die Trauer um Professor Fig würde ihn nicht davon abhalten, jede Sekunde mit Amit zu genießen.
  „Halt mich fest“, murmelte er ins Kissen. Und der Arm fand erneut seinen Weg, spendete Wärme und Geborgenheit.
  Ein Moment des Schweigens folgte, in dem sie sich in ihren Gedanken verloren.

„Was soll ich nur meinen Eltern erzählen?“ Das Flüstern war kaum zu hören gewesen.
  Er drehte sich zu Amit. „Nichts. Denkst du ich werden meinen etwas sagen?“
  „Ich glaube nicht, dass es so einfach sein wird.“ Sein Blick wich Lionels aus.
Dabei könnte ich zur Abwechslung ‚einfach‘ wirklich gebrauchen. „Lass uns einen Schritt nach dem anderen machen, wie bisher.“ Er hatte eine Strähne des schwarzen Haares ergriffen und ließ sie durch die Finger gleiten.
  Der andere seufzte hörbar, aber küsste ihn. Wie immer raubte diese Berührung Lionel völlig den Atem. „Nach heute bist du wohl derjenige, über den sie Bücher schreiben werden.“ Da war dieses niedliche Kichern.
  Er wollte ihn wieder an sich ziehen, doch eine Stimme durchschnitt den Raum: „So sehr ich Ihrem Mitschüler auch zustimmen muss, braucht Mister Welsh seine Ruhe.“
  Wie vom Blitz getroffen sprang Amit aus dem Krankenbett, gleichzeitig gingen die Lampen an und hinterließen ein dämmriges Licht. Ertappt. Wurden ihnen jetzt Hauspunkte abgezogen? Mussten sie nachsitzen oder drohte ihnen vielleicht Schlimmeres?
  Mrs. Weasleys Absätze hallten laut auf dem Boden. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht war unlesbar
  „Mister Thakker, Sie dürfen jetzt gehen.“ Keine Bestrafung, kein bitte treffen Sie mich morgen in meinem Büro, nur eine kurze Handbewegung. Ohne ihm einen letzten Blick zuzuwerfen, verschwand Amit aus dem Krankenflügel und hinterließ eine gähnende Leere in Lionels Herzen.

III

Amit wartete am Fuß der Treppe. Obwohl Lionel ihn nicht direkt sehen konnte, wusste er, dass er dort sein musste, abseits der neugierigen Massen, die ihn an der Tür abfangen wollten. Wie er ihre neugierigen Blicke mit diesem Hauch an Mitleid leid war! Er hatte ihre Fragen ignoriert. Schließlich war er niemandem eine Erklärung über die Ereignisse in den Höhlen unter dem Schloss schuldig. Alles von Bedeutung hatte er mit Mrs. Weasley besprochen. Wahrscheinlich würde der Schulleiter zudem, seine Version hören wollen. Eine Vorstellung, die ihm kalte Gänsehaut über den Rücken jagte.
  Der Junge trat von einem Fuß auf den anderen, doch als er Lionel erblicke erhellte sich sein Ausdruck. Sie umarmten sich nicht, nur ihre Handrücken streiften sanft gegeneinander sobald sie gemeinsam weitergingen.
  „Denkst du wirklich, dass sie nichts mitbekommen haben?“ Amits Blick huschte hin und her. „Oh, entschuldige, nein, antworte nicht darauf! Viel wichtiger ist: Wie geht es dir?“
  Lionel zuckte mit den Schultern. Ja, er war körperlich genesen. Der Rest war ihm ein Rätsel. Die alte Magie hatte ihn besonders gemacht und jetzt war sie unweigerlich mit Schrecken verbunden. In den vergangenen Monaten hatte er so viel gelernt, so Unglaubliches gesehen und vollbracht. Tief in sich war er besorgt, dass er eines Tages den Verlockungen dieser Macht erliegen würde. Ich möchte sie nie wieder einsetzen. Er schielte zu Amit. Ich werde alles dafür geben, besser zu sein.
  Unsicher öffnete er den Mund, um ihn dann wieder zu schließen. Erst als ihnen die frische Luft des aufkeimenden Frühlings entgegenwehte, fand er den Mut, zu sprechen: „Danke, es ist schon in Ordnung.“
  Kurz schüttelte er den Kopf, schüttelte die Schwere davon und lief einfach los. Kühler Wind schlug ihm entgegen und füllte seine Lungen mit Vitalität. Nach ein paar Schritten drehte er sich um, strahlte den anderen an und ließ sich kichernd in Gras fallen.
  „Ich kann nicht glauben, dass wir damit davongekommen sind. Mrs. Weasley hat kein einziges Wort über dich verloren!“
  Ein unsicheres Lächeln huschte über Amits Gesicht. „Gestern in Verwandlungen habe ich die ganze Zeit gedacht, dass sie mich vor der ganzen Klasse bestraft. Aber nichts. Sie war normal. Das war wirklich unheimlich.“
  Lionel streifte das feuchte Gras von der Kleidung. Obwohl es Zeugen für ihre Umarmung gegeben hatte und trotz der Tatsache, dass man sie beinah beim Küssen erwischt hatte, war Amit hier. Das war vielleicht das größte Zeichen seiner Gefühle. Sie blieben Seite an Seite.
  Er musste daran denken, wie sie zusammen in der Bibliothek gesessen hatten. Ihre ersten gemeinsamen Stunden. Er hatte Amit von Beginn an gemocht. Dass sie jetzt hier standen und zusammen in die Zukunft blickten machte ihn unbeschreiblich glücklich. Er wusste nicht, womit er das verdient hatte. Innerhalb weniger Monate war er von einem normalen etwas einsamen Jungen zu einem Zauberer geworden, der quasi im Alleingang einen Koboldaufstand niederschlug. Und dennoch fühlte er sich nicht wie ein Held. Es war nicht mehr wie im Herbst, wo er sich hatte beweisen wollen. Er hatte sich verändert. Das hier, das war das Einzige, was sich richtig anfühlte.
  Lionel sah in Amits Augen und erkannte, dass sie sich erst am Anfang ihres Weges befanden. Er konnte das Butterbier, welches sie in den drei Besen trinken würden, bereits auf der Zunge schmecken; sah die Sonne in ihren Haaren glitzern, während sie den Flug der Hippogreife beobachteten; stellte sich vor, diese Lippen im Honigtopf mit sauren Drops zu füttern und danach heimliche Küsse unter einem Baum auszutauschen. Bestimmt würden sie im Raum der Wünsche für die Prüfungen lernen und sich dabei so oft ablenken, wie es die Vernunft zuließ. Ich kann es kaum erwarten.
  Schweigend liefen sie nebeneinander her, lauschten den Zweigen im Wind und genossen die schwachen Sonnenstrahlen, die manchmal durch die Wolken brachen.
  „Übrigens, mir fehlt bloß noch ein Astronomiealtar. Also falls du am Wochenende noch nichts vorhast …“

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