Krähenherz – Tempel der Sonne

12. Tempel der Sonne

Content Notes

In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.

Es sind so viele. Ich balle die Hände zu Fäusten, spüre die Fingernägel in meinem Fleisch, die mich ins Hier und Jetzt zurückholen und den überwältigenden Schwindel verdrängen. Erneut wage ich einen Blick über den Rand des Kraters, hinunter auf die Venatori, die durch die riesigen Torbögen auf der anderen Flussseite treten. Das wird sicherlich kein Spaziergang. Selbst wenn wir in diesen Verkleidungen wie einfache Rekruten aussehen. Ich glaube nicht daran, dass sich die Götter dadurch lange täuschen lassen.
Wie die meiste Zeit ist das Wetter im Arlathan auch heute angenehm warm, als wolle die strahlende Sonne uns verhöhnen. Sie vernichtet jede Hoffnung darauf, ungesehen durch die Schatten schleichen zu können. Uns bleibt nur der Weg mittendurch.
Nach wenigen Minuten schwitze ich in diesem furchtbaren Stoff. Noch nie habe ich so viele Venatori an einem Ort gesehen. Wie Käfer strömen sie unter uns in den Tempel der Sonne, dessen hungrige Mäuler sie verschlucken. Ich muss mich zwingen, nicht nach Lucanis zu suchen, mich nicht zu fragen, wo seine Gruppe gerade ist. Diese Mission ist gefährlicher als unsere üblichen Abenteuer. Nein, ich vertraue diesem Team.
Das verräterische Zwitschern der Vögel hüllt uns ein, während wir uns einen Weg den Abhang hinunter, tiefer in die Venatorimassen hineinbahnen. Sie haben die uralten Steine beschmiert und ihre Flaggen aufgehängt. Ich unterdrücke das Kopfschütteln, fixiere stattdessen Neves Mantel, der bei jedem ihrer Schritte hin- und herschwingt, und imitiere damit den leeren Venatoriblick. So sehe ich auch nicht, was sie mit dem Halla machen, der in ihre Fänge geraten ist. Trotzdem kann ich das panische Kreischen des Tieres über den Jubel der Anwesenden hören und das frisch vergossene Blut riechen. Ich hoffe wirklich, den anderen ergeht es besser. Zu viel hier lässt mich an Zara denken – und sie war nur eine höherrangige Kultistin.
Vorsichtig schiele ich zu Bellara, deren Gesicht an Farbe verloren hat. Ich habe mein Versprechen ihr gegenüber nicht eingelöst, zumindest bisher nicht. Es erschien mir nicht richtig, im Angesicht unserer Mission jemandem von Lucanis und mir zu erzählen. Vielleicht hätte ich mich ihr anvertrauen sollen. Auch sie ist eine Dalish. Möglicherweise hätte es ihr Hoffnung gemacht.
Im überwucherten Innenhof riecht es nach fettigem Eintopf. Unzusammenhängende Gesprächsfetzen dringen an unsere Ohren. Obwohl mich kaum etwas weniger interessiert als Gespräche unter Kultisten, schiebe ich mich aufmerksam durch die Menge. Nur weiter Neve folgen. Nicht auffallen und einen Schritt vor den anderen setzen.
Neben uns benutzen zwei Männer niederrangige Mitglieder als Sitzgelegenheiten. Ich sehe das Zittern ihrer Muskeln, kurz davor wie ein Tisch mit morscher Platte zusammenzubrechen. Die Luft summt, erfüllt von etwas, das über gewöhnliche Magie hinausgeht, und ich bin froh, dass man meine Gänsehaut nicht sehen kann. Ein Schweißtropfen läuft sichtbar meine Stirn hinunter.
Urplötzlich bleibt Neve stehen und ich laufe beinah in sie hinein. Nur wenige Zentimeter vor uns knistert die Luft und eine Magierin manifestiert sich, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Hoffentlich hat niemand mitbekommen, dass ich zusammengezuckt bin. Ich schiele zur Seite und will gerade erleichtert ausatmen, da kommt ein Mann auf uns zu. Durch die typische Venatori-Kapuze kann ich nicht einmal erkennen, ob er wirklich uns anschaut oder meine Nervosität mir einen Streich spielt, doch kribbelt meine Haut, als würden tausend feindliche Blicke auf mir liegen. Zu langsam straffe ich meine Schultern, der Kopf dreht sich zu mir, doch Neve rettet uns. Mit einem ausladenden Schritt geht sie ihm entgegen und legt die brillanteste Täuschung hin, die ich je gesehen habe. Für einen Moment ist sie eine vollkommen andere Person: herrisch, hochnäsig und von sich selbst überzeugt. Sie fällt ihm sogar ins Wort, dann weicht er wie ein getretener Welpe zur Seite.
„Das war unglaublich“, raunt Bellara, während wir die Treppe in einen weiteren Raum laufen, dessen Sinn längst dem Vergessen anheimgefallen ist. Ich habe weiterhin nicht ganz verarbeitet, was gerade passiert ist. Vor uns schwillt Jubel an.
„Man lernt so einiges, wenn man … Aua. Was zum …?“ Neve fasst sich an die Schläfen in dem Moment, in dem Elgar’nans Stimme scharf durch meinen Kopf schneidet. Ich taumle zur Seite und stoße in Bellara, die ebenfalls schmerzerfüllt die Stirn zusammenzieht. Zum Glück sind wir gerade nicht mitten in einer Menge.
„Ich spüre Euch. Ich sehe Euch. Ich weiß, wie sehr Ihr leidet. Kommt zu mir, und ich werde den Schmerz in Eurer Seele lindern.“ Der Druck in meinem Kopf erhöht sich, die Sicht verschwimmt. Ich beiße die Zähne zusammen, schlucke die aufkommende Galle hinunter. Es fühlt sich an, als würde er nur zu mir sprechen, aber dann verstehe ich, dass er in allen Köpfen gleichzeitig ist. Nachdem ich die Fassung wiedererlange, wird mir bewusst, dass unsere Aufgabe soeben hundertfach schwerer geworden ist. Die Brücke vor uns quillt über mit Venatori. Wenn auch nur eine Person mitbekommt, wie wir auf ihren Gebieter reagieren, wird ein Kampf unausweichlich.
Ist Elgar’nan persönlich dort vorne? Bejubeln sie ihn und die Dalish? Mit jedem Schritt muss ich mich ermahnen, nicht schneller zu werden. Diesmal gehe ich voraus, durch das Meer aus grau und rot und Lärm. Ein schrecklicher Durst überkommt mich und ich lecke mir über die ausgetrockneten Lippen. Die Hälfte der Brücke ist geschafft, doch ich kann noch nicht erkennen, was uns an ihrem Ende erwartet.
Ich habe die letzten Fahnen erreicht, welche die Brücke säumen, als die Stimme mein Innerstes zerreißt. Leere Versprechen von Macht, die verlockend klingen sollen – und es für dieses Publikum wahrscheinlich auch tun. Ich gehe weiter, auch wenn meine Augen brennen. Plötzlich sehe ich Hörner und dann einen dunklen Haarschopf. Sie sind hier. Sie sind alle hier. Ohne das Team zu beachten, schiebe ich mich durch die vorderste Reihe.

Wie sind wir hierhergekommen? Elgar’nan war zum Greifen nah, hat uns verzaubert, doch wir haben uns gelöst, haben den Zauber gebrochen. ‚Liebt mich und kniet nieder‘, rauschen seine uralten Worte durch meinen Kopf. Hat er wirklich gedacht, dass es so einfach wäre? Ich kann nicht glauben, wie dicht wir unter der Nase eines Gottes hindurchgeschlüpft sind. Obwohl sie uns fortan suchen, macht sich Zuversicht in meinem Herzen breit. Ich blicke zurück. Um uns zu finden müsste der Erzdämon bloß den Leichen folgen, die wir hinterlassen haben, aber ich schätze, es ist schwer, den Überblick über Ameisen zu behalten – selbst wenn sie ihre Verkleidungen abgestreift haben. Sein Knurren lässt Boden und Wände um uns vibrieren. Steinchen rollen uns entgegen. Er macht mir keine Angst, möge er noch so überdimensioniert sein.
„Solange die Aufmerksamkeit auf uns liegt kann das Ritual nicht durchgeführt werden“, sage ich, während wir am Rand der Ruinen entlangklettern.
„Das hoffe ich wirklich“, stimmt Bellara zu.
Neve späht über eine zerfallene Mauer. „Der Drache scheint uns nicht auf der Fährt zu sein. Vielleicht behält Elgar’nan ihn sicherheitshalber bei sich.“
Ich weiß, was Lucanis jetzt dazu gesagt hätte, sehe ich schon liebevoll über seine Klinge streichen, bereit, sie im Herzen des Erzdämons zu versenken. Ich hatte keine Möglichkeiten mit ihm zu reden und jetzt sind wir wieder getrennt. „Gut. Das heißt, er hat Angst vor uns“, bemerke ich stattdessen.
Das Wasser, das die restlichen Ruinen umgibt, färbt sich in der Sonne türkis, täuscht eine Idylle vor, die es hier nicht geben wird, vielleicht nie wieder. Ich wünschte, ich könnte den Anblick genießen, doch das Glitzern der Wasserfälle, die vergoldeten Statuen und die verzierten Torbögen verlassen meine Wahrnehmung wieder, sobald ich den Blick abwende.
Tiefer hinter den überwucherten Mauern wird es zunehmend still. Die Überreste des Tempels sperren die Sonne aus. Ein Vogel flattert aufgeschreckt davon, doch bevor ich ihm nachschauen kann, geraten wir in einen Hinterhalt. Sie sind nur zu fünft, aber zwei haben sich durch einen Blutkristall vor Schaden geschützt. Sicher hinter ihren flimmernden Barrieren stürmen sie auf uns zu. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie unsere Projektile nutzlos abprallen und sich anschließend auflösen.
Irgendwo muss die Quelle ihrer Magie sein. Es gibt immer einen versteckten Kristall. Ich springe nach vorn, wo vier abgebrochene Säulen das Zentrum des Innenhofs bilden – und halte inne. Meine Instinkte haben mich nicht getäuscht: Ein Blutkristall schwebt dicht vor mir. Allerdings wartet dahinter eine metallische Apparatur, geformt wie ein Oktaeder. Ich mache mich für den unausweichlichen Überraschungsangriff bereit, für eine Bewegung, ein Zucken, doch nichts geschieht. Das Ding scheint zu schlafen. Ohne es aus den Augen zu lassen, hole ich aus, um den Kristall zu zerschmettern.
„Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache“, rufe ich den anderen zu und deute mit dem Kopf auf das Ungetüm. Ich möchte die Kristallkonstruktionen der Venatori nicht erneut unterschätzen, schon gar nicht mit Elgar’nan höchstpersönlich in der Nähe. Seine Macht könnte unvorhergesehene Auswirkungen haben.
„Wir müssen das Risiko eingehen!“ Neve wird auf der anderen Seite zunehmend in die Ecke gedrängt.
Sie hat recht. Je länger wir uns an diesem Ort aufhalten, umso wahrscheinlicher wird es, dass der Erzdämon uns doch aufspürt. Und ich möchte den Tag nicht in einem Drachenbauch enden. Ich mache einen Schritt zurück und schwinge meinen Stab. Die Magiewelle lässt den Kristall augenblicklich zersplittern und nur Sekunden später fallen die letzten Venatori. Zögerlich schiele ich zur Seite. Die metallische Maschine bewegt sich nicht. Sie bewegt sich auch nicht, als ich um sie herumgehe und sie rundherum betrachte.
Bellara bleibt mit Abstand stehen. „Vielleicht haben wir ausnahmsweise Glück und das Ding ist kaputt?“
„Das Einzige, was hier kaputt ist, ist dieses Tor.“ Neve steht vor den dicken Stäben, die unser Weiterkommen verhindern. Vom Tormechanismus lässt sich nur ein schmales Zahnrad erkennen.
„Es ist nicht kaputt. Es lässt sich einfach nicht von dieser Seite öffnen.“
„Also sind wir eingesperrt?“ Mit geweiteten Augen blickt Bellara zu den uns umgebenden Wänden. Nur der Rückweg ist frei, dafür müssten wir allerdings den Abhang hinaufsteigen, den wir eben hinuntergerutscht sind.
„Das seid ihr nicht.“
Mein Herz macht einen Satz als ich Lucanis und danach Emmerich und Taash durch ein Loch in der Mauer über uns erkenne. „Wir finden eine Möglichkeit das Tor zu öffnen“, versichert uns Emmerich. Sie verschwinden aus meiner Sicht. Ich höre etwas Schweres, das über den Boden gezogen wird.
„Lucanis ist ruhiger geworden.“ Ein Hauch Skepsis liegt in Neves Ausdruck. Bewusst schaue ich nicht zu Bellara, aber ich spüre ihren Blick auf mir. „Vor ein paar Wochen wäre er im Angesicht der Neuigkeiten nicht so entspannt geblieben.
Oh. Hat jemand Nachschub bestellt?“
Diesmal sind es mehr – und sie sind wütend. Ich kämpfe mich durch die Massen, schaue immer wieder zum Tor und dann zu Neve. Welche Neuigkeiten? Etwas an ihrer Tonlage lässt mich daran zweifeln, dass sie die heutige Mission gemeint hat. Ich nähere mich ihr, bis wir Rücken an Rücken kämpfen.
„Was für Neuigkeiten meintet ihr? Scheiße!“ Wir ducken uns gleichzeitig unter dem Angriff eines höheren Magiers hindurch, der langsam vom Boden abhebt.
„Wirklich? Die können fliegen?“, murmle ich zwischen zusammengebissenen Zähnen.
„Oh ja, sie überraschen einen immer wieder.“ Ich kann Neves Gesicht nicht sehen, aber sie hat eindeutig Spaß an all dem, vielleicht etwas zu viel.
Bellara ist am Boden. Sie hält sich den linken Oberarm aus dem Blut herausströmt, ihren Stab kann ich nicht sehen. Mit einem Schrei stürze ich mich auf die Kultisten in ihrer Nähe und werfe ihr einen Trank zu. Danach weiche ich knapp einigen Projektilen aus, schieße zur Antwort Blitze, weiche wieder aus. Mehr und mehr Venatori rennen den Hang hinunter. Was dauert da so lang? Hoffentlich sind die anderen nicht in einen ähnlichen Hinterhalt geraten.
Bellara hat ihren Stab wiedergefunden und ist zurück auf den Beinen. So blutverschmiert könnte sie als eine rasende Kultistenanführerin durchgehen.
„Alles in Ordnung?“, rufe ich ihr zu.
Stattdessen höre ich Taashs gehetzte Stimme. „Es dauert noch einen Moment.“
Plötzlich ist Neve wieder in meiner Nähe. Ihr Eissturm gibt uns zumindest ein paar Sekunden Verschnaufpause. „Hat Lucanis Euch nichts erzählt?“
Ich öffne den Mund, aber ein zweiter Kriegsmagier schwebt über die Eisfläche auf uns zu. Mein Dolch durchschneidet die Luft.
„Über Illario,“ hilft sie mir auf die Sprünge. Eissplitter treffen die Kultisten um uns herum.
„Nein.“ Ich stoße gegen die Mauer.
Ist er mir deshalb heute Morgen aus dem Weg gegangen? Wollte er mir nicht sagen, dass die Krähen Illario gefunden haben?
Bevor rotglühende Schwerter mich durchbohren können, springe ich zur Seite und tauche hinter dem Eisfeld auf, das sich langsam in eine Pfütze verwandelt. Wie lange dauert das denn noch mit dem Tor?
Und dann wird die Luft aus meinen Lungen gepresst und ich falle auf die Knie. Eine schreckliche Hitze ergreift von mir Besitz, hungrig, stechend. Ich rieche verbranntes Leder und irgendwo am Rand meines Bewusstseins höre ich das Geräusch schwerer metallischer Teile, die ineinandergreifen.
„Rook, Ihr brennt!“ Bellara ist bei mir, obwohl ich noch nicht recht begreife, wieso. Mit zitternden Fingern löst sie einen Trank von meinem Gürtel, den letzten. Dabei spüre ich keinen Schmerz, bloß diese betäubende Hitze. Die Bitterkeit der Flüssigkeit bleibt auf meinen Lippen kleben, dennoch leere ich brav das Fläschchen.
Hinter uns bebt der Boden. Die Maschine hat sich zu voller Größe aufgerichtet, einen Streitkolben in der Hand. Erst danach bemerke ich, dass Bellara mich anschreit und versucht, mich auf die Füße zu ziehen. Mein Rücken ist jetzt unangenehm kalt und ich habe plötzlich das Bild eines heißen Schmiedeeisens im Kopf, welches in Wasser getaucht wird. Ich lasse mich wie ein nasser Sack auf die Füße ziehen. Den Dolch habe ich scheinbar fallengelassen, meine Hand klammert sich an Bellaras Rüstung.
„Ihr blutet“, bemerke ich. Dann fällt mir ein, dass ihre Verletzungen bereits versorgt wurden. Wo ist Lucanis? Habe ich nicht eben seine Stimme gehört?
„Ich will nicht unhöflich sein, aber ich könnte etwas Hilfe gebrauchen.“ Neve beschießt das erwachte Monstrum pausenlos, während sie dessen wirbelnden Hieben ausweicht. Sie ist außer Atem.
Ich löse die Finger von Bellaras Rüstung und versuche mich zusammenzunehmen. Der Griff meines Stabs ist heiß. Jeder Muskel meines Körpers fühlt sich schwer an. Es spielt keine Rolle. Wir werden nicht hier festsitzen, wie die Maus in der Falle und darauf warten, dass die restliche Venatoriarmee uns erreicht. Ich packe den Stab fester, ignoriere das lähmende Pochen meiner Rückseite.
Was immer die Venatori hier konstruiert haben, ist zäher als jede Person. Als das Ding zum ersten Mal stürzt, glaube ich kurz, dass es endlich vorbei ist. Keine drei Sekunden später erscheinen Dämonen und die Maschine kämpft mit unerschütterlicher Kraft weiter. Ich denke nicht mehr an Lucanis und die anderen hinter dem Tor. Meine Ohren lauschen auf den Abhang, wollen mitbekommen, wenn sich weitere Feindeswellen nähern. Der Rest meines Körpers gibt alles, nicht wie eine morsche Brücke zusammenzubrechen.
Die Dämonen machen es schwer, sich auf das feuerspuckende Ungetüm zu konzentrieren. Meine Knie beginnen vor Anstrengung zu zittern, meine Stirn klebt schweißnass. Ich muss einem Feuerstrahl ausweichen, setze zum Konter an, aber kann ich nicht ausführen, weil knochige Klauen mich packen. Ich winde mich unter Schmerzen aus dem Griff und gebe dem Dämon einen Hieb mit dem Stab in die Brust. Es schleudert ihn kaum zurück. Wir müssen umdenken. Möglicherweise sind die Dämonen irgendwie an die Maschine gebunden und verschwinden, wenn wir das Ding endlich zerschlagen. Doch Neves Eis perlt an der heißen Oberfläche ab und kann es kaum verlangsamen.
Ich gebe ihr ein Zeichen, es erneut zu versuchen, werfe mich im letzten Moment vor die Maschine, zwinge sie, sich zu drehen. Diesmal klappt es. Das wilde Stampfen hört auf, der massive Fuß – noch leicht in der Luft erhoben – wird von dickem Eis erfasst. Ich rolle aus dem Weg, damit Bellara die kanalisierte Energie ihres Stabs loslassen kann. Ein Dämon greift nach ihren Haaren, doch sie gibt nicht nach. Die Maschine friert mit einem Ächzen vollständig ein, bevor sie durch die Wucht des magischen Strahls umkippt. Ein Dämon nähert sich hinter mir. Die Sicht verschwimmt vor meinen Augen, meine Ohren surren, alles ist Schmerz, aber ich umklammere meinen Stab und tue es Bellara gleich. Unsere Magie verbindet sich, zerschneidet die knisternde Luft. Ich lege meine letzte Kraft hinein. Der Dämon sollte mich gleich erreicht haben.
„Rook.“
„Rook!“ Etwas rüttelt an mir. Das Ungetüm liegt in Einzelteilen im zertretenen Gras. Ein Rädchen kullert über den Boden, bis es an eine der Säulen stößt. Die Dämonen sich verschwunden. Ich senke den Stab.
„Was… was saget Ihr, wisst Ihr über Illario?“, entkommt es meinen Lippen, bevor ich zusammensacke.

Das Erste, was ich wahrnehme, ist Lucanis. Er ist hier. Dann bemerke ich die frische Bitterkeit auf meiner Zunge. Meine Sicht klart mehr und mehr auf und ich kann mich wieder normal bewegen. Jemand hat mich auf die andere Seite des Tors getragen. Dunklen Augen beobachten prüfend jede meiner Regungen. Ich verstehe es jetzt, ohne dass er es mir erklären muss. Er hat sich von mir ferngehalten, damit ich nicht in die Verlegenheit komme, mich zwischen den Dalish und Illario entscheiden zu müssen. Es ist seine Art, mir mitzuteilen, dass ihm meine Leute genauso wichtig sind.
Ich ergreife Emmerichs ausgestreckte Hand und lasse mich auf die Beine ziehen. „Wir werden sie so lange abhalten, wie wir können. Geht die Dalish retten.“
Ich werfe ein aufmunterndes Lächeln in die Runde. Dieses Team hat sich so gut entwickelt, ist zusammengewachsen und jetzt muss ich keine komplizierten Pläne mehr schmieden. Sie wissen instinktiv, das Beste aus der Situation zu machen. Dennoch fällt es mir schwer, sie zurückzulassen. Die Venatori haben gewiss weitere Überraschungen für uns vorbereitet. Das wird nicht das letzte Blut sein, das dieser Hof heute gesehen hat.
Bevor wir uns auf den Weg machen, steckt Lucanis mir meinen Dolch zu. Die Stellen, wo er mich berührt, spüre ich noch lange nach. Ich sollte etwas sagen. Nicht nur zu ihm, sondern an alle gerichtet.
„Wir haben sie an der Nase herumgeführt und es bis hier geschafft. Ich bin stolz auf Euch.“ Ich lasse eine bedeutungsschwangere Pause. „Gut, da das jetzt raus ist: Passt auf Eure Hintern auf. Ich will, dass wir hier alle lebend wieder rauskommen.“



Echos angsterfüllter Gesichter voller Sicherheit, dass sie sterben werden. Ein Gewirr aus Stimmen, manche hoffnungsvoll, manche zittrig und zwei mächtig und zornig. Ich denke daran, wie ich den letzten Kristall zerstört habe, der die Dalish von der Freiheit trennte, und wie Solas uns geholfen hat, sie in Sicherheit zu bringen. Ist er stärker geworden, dort in seinem Gefängnis oder waren es die Umstände, die seine Stimme in meinem Kopf haben so laut werden lassen? Laut in einem schier endlosen Wortgefecht gegen Elgar’nan.
„Ist alles in Ordnung? Ihr wirkt weggetreten.“
Ich fahre mir durch die Haare und werfe Lucanis ein Lächeln zu. Es fühlt sich an wie eine Lüge. „Ich fürchte, ein Teil von mir ist in Elgar’nans Falle zurückgeblieben.“ Mein Hals ist trocken.
„Er ist ein mächtiger Magier. Das wird mich jedoch nicht davon abhalten, eine Klinge durch sein Herz zu rammen.
Und jetzt haltet still.“
Trotzdem zucke ich zusammen, als die eiskalte Salbe meine Haut berührt.
„Ihr hattet Glück, Verbrennungen können schwer zu heilen sein.“ Ich versuche, einen Blick auf meinen Rücken zu werfen, aber sehe nur eine kleine Ecke hellrosa Haut, wo mich der Feuerstrahl getroffen hat.
„Woher wisst Ihr eigentlich so viel über Heilkunst?“
„Ich bin eine Krähe. Wir müssen in der Lage sein, uns selbst zu versorgen.“ Seine Finger erreichen den unteren Rücken und ein wohliger Schauer läuft durch mich hindurch. Glücklicherweise wurde niemand anderes verletzt. Kurz bleibt mein Blick an Varric hängen, der im Schlaf gleichmäßig ein- und ausatmet. Es ist lange her, dass ich ihn außerhalb der Krankenstation gesehen habe. Es ist nicht gerecht, dass ich dieses Bett heute wieder verlassen kann und er weiterhin festsitzt.
„Ich wusste nicht, dass Ihr ein Tattoo habt.“ Lucanis‘ Finger haben den Weg zwischen meine Schultern gefunden und fahren vorsichtig die schwarzen Linien nach.
„Es steht für meine Selbstfindung“, erkläre ich. „In jeder Mondphase, egal was passiert, möchte ich positiv in die Zukunft schauen und mich selbst akzeptieren.“
„Es passt perfekt.“ Irgendwas in Lucanis‘ Ton lässt einen weiteren heißen Schauer durch mich fahren. Normalerweise hätte ich mir einen Spruch darüber einfallen lassen, dass er gerne herausfinden darf, ob ich weitere verborgene Tattoos habe, aber die Erschöpfung in meinen Knochen erstickt jegliche Sehnsüchte augenblicklich. Vielleicht an einem anderen Tag.
Er wischt sich die Hände an einem Taschentuch sauber. „Wenn die Salbe hält, was Emmerich verspricht, solltet Ihr morgen schmerzfrei sein.“ Ich habe ihm nichts davon gesagt, dass ich Schmerzen habe, dennoch hat er es mir angesehen. Kennen wir uns schon so gut?
Da er keine Anstalten macht zu gehen, drehe ich mich um und lege meine Hand auf seine. „Ich habe geglaubt, dass ich vollkommen verrückt werde, in den hinteren Ausläufen des Tempels. Ich konnte Solas und Elgar’nan nicht ausblenden und trotzdem musste ich kämpfen. Musste mich darum kümmern, dass wir alle sicher da durchkommen. Ich habe die Dalish so geführt, wie Solas es mir geraten hat. Er hätte uns in eine Falle locken können.“
„Rook, Ihr seid ein kalkuliertes Risiko eingegangen. Es ist gut, wenn ihr ihm nicht vollkommen vertraut, aber er braucht Euch. Ohne Euch ist er nur eine einsame Stimme, die niemand hört.“
Ich lasse den Kopf auf Lucanis‘ Schulter sinken. „Ich möchte nicht, dass er durch mich stärker wird. Was passiert, wenn er hört, was ich sage oder denke?“
„Wenn Bosheit und ich uns irgendwie einigen konnten, werden wir auch mit Solas fertig. Auf die ein oder andere Weise.“
Solas töten? Darüber habe ich nie nachgedacht. Reicht es nicht, dass zwei Götter auf unserer Liste stehen? Der Schattenwolf ist sicherlich die Art von Person, die bereit ist, ihre Überzeugungen mit dem eigenen Leben zu verteidigen. Bedauerlicherweise bin ich das ebenfalls. Wir alle würden eher bei dem Versuch sterben, die Götter zu stürzen, als einen Tag unter ihrer Schreckensherrschaft zu ertragen. Ein paar Minuten ist nur das Geräusch, von Varrics gleichmäßigem Atem zu hören. Dann halte ich es nicht mehr aus.
„Seid Ihr bereit, Treviso morgen einen Besuch abzustatten?“
Lucanis schreckt auf, bevor ich reagieren kann. Ich sehe, wie es in seinem Kopf arbeitet.
„Ich dachte, es wäre eine gute Idee, sich Illario endlich vorzuknöpfen.“ Unschlüssig darüber, ob er mich ohne eine Antwort zurücklässt, schaue ich auf meinen Schoß.
Seine Schultern sacken zusammen. „Neve. Was hat Sie Euch erzählt?“
„Spielt das eine Rolle? Wir haben die Dalish gerettet aus einem Lager mit einer Venatoriarmee. Was immer Ihr über Illario erfahren habt, kann nicht halb so schlimm sein.“ Ich nehme seinen Kopf in die Hände. „Außerdem haben wir noch eine Rechnung mit ihm offen und ich würde es hassen, nicht bei Ihrer Begleichung anwesend zu sein.“

Quelle: Screenshot Dragon Age: The Veilguard

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