11. Nur für Euch
Content Notes
In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.
Bellara und Neve nähern sich den Bäumen, während ich die Karte auseinanderfalte. Wir sind jetzt nicht mehr weit von der markierten Stelle entfernt. Ich lausche in den Wald hinein, höre ihn atmen, spüre das Kitzeln des sanften Windes, der unheilverkündende Stimmen zu mir trägt. Als gäben es hier nicht schon genug Probleme mit verrücktspielenden Artefakten, uralten Wächtern, Dämonen und hundert anderen Gefahren.
Ich reibe mir über die Gänsehaut meiner Oberarme, die sich trotz des dicken Stoffs gebildet hat. Die Venatori haben sich um eine Fen’Harel Statue versammelt. Ihre Roben fallen auf dem rotblättrigen Boden kaum auf, sodass wir das Überraschungsmoment verlieren. Ich rufe den anderen etwas zu, doch meine Warnung geht im Gebrüll unter. Nicht schon wieder.
Zu meiner Linken springt ein Magier aus dem Unterholz, ich ziehe den Dolch und entkomme nur knapp den explodierenden Kristallspitzen. Meine Haut kribbelt bei der Erinnerung an den eingedrungenen Splitter. Ich schüttle das Handgelenk und setze zum Gegenschlag an, während Neve zwei Schildträger zu Eis erstarren lässt. Meine Blitze hinterlassen dunkle Stellen, wo sie den Waldboden mit brachialer Kraft treffen und bringen weitere der Kultisten ins Straucheln. Ich schieße zur Seite und schubse eine Frau ins Bellaras Projektile. Es riecht verkohlt und die Luft flimmert von unserer Magie.
Ein Knacken hinter mir lässt mich herumfahren, doch es ist nur Neve, die ihren Stab wegsteckt. „Egal wie viele man bekämpft. Aus irgendeinem Loch kommen immer neue gekrochen.“
Ich versichere mich, dass wir wirklich alle besiegt haben. „Was aber machen sie hier im Arlathan?“ Das kann nichts Gutes bedeuten. Wieso stellen sich solche Gerüchte eigentlich immer als wahr heraus? Können wir nicht einmal an einen Ort kommen und feststellen, dass es nur ein paar verschreckte Säugetiere waren, welche die Leute gehört haben?
„Es sieht so aus, als wollten sie es sich gemütlich machen.“ Bellara kniet vor einer Feuerstelle zwischen den schmutzigen Zelten, die den Venatori als provisorisches Lager gedient haben müssen.
Sie zu beobachten, lässt mich an den vergangenen Abend denken. Wie viel sie wohl noch an ihrer geheimnisvollen Geschichte geschrieben hat? Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie den Anblick von mir und Lucanis so schnell vergessen kann. Doch sie lässt sich nichts anmerken. Da sind überraschenderweise keine Seitenblicke, da ist kein Zwinkern, keine Fragen mit denen sie mich außerhalb von Neves Hörweite unbedingt löchern muss.
Unweigerlich male ich mir aus, wie die anderen reagieren würden. Könnten sie sich am Ende sogar für uns freuen? Es ist nicht mehr wie am Anfang. Wir alle sind zusammengewachsen. Ich würde behaupten, dass mittlerweile selbst Davrin Lucanis vertraut. Vielleicht wäre er im ersten Moment irritiert, aber er würde mich deshalb nicht weniger respektieren. Sie alle wissen, dass ich niemanden anders behandle.
Ich hocke mich neben Bellara und untersuche, was die Venatori hinterlassen haben. Mein Kopf lässt sich jedoch nicht so leicht auf unser eigentliches Ziel zurücklenken. Was ist, wenn du dich zwischen Lucanis und einem von ihnen entscheiden musst, flüstert eine Stimme in meinem Hinterkopf. Ich beiße mir auf die Zunge und schüttle den Gedanken weg, schiebe ihn ganz tief in eine Kiste und werfe den Schlüssel davon.
Wir finden Hinweise darauf, dass die Venatori einen Dalish-Clan beobachtet haben. Bellara und ich wechseln besorgte Blicke. Das sind unsere Leute. Jetzt wird es persönlich. Die Realität hat mich eingeholt. Ich kann es mir noch weniger leisten, nicht bei der Sache zu sein.
Eilig treibe ich die anderen an, den Spuren zu folgen. In der Schlucht hinter der verfallenen Brücke warten die Venatori bereits auf uns, wollen uns in einen Hinterhalt verwickeln, doch diesmal schlagen wir zuerst zu. Ohne zu zögern, schleudere ich den Angreifenden Blitze entgegen. Zuerst straucheln sie, doch es kommen mehr und mehr den Weg hinuntergelaufen. Hier ist eindeutig etwas Großes im Gange. Eine schwarzhaarige Kultistin kommt mir so nah, dass ich ihr verzerrtes Gesicht klar erkennen kann und plötzlich taucht Zara vor meinem inneren Auge auf, gefolgt von Illarios überheblichem Lächeln. Wenn er etwas hiermit zu tun hat, werde ich ihn eigenhändig an Lucanis ausliefern!
Ein Regen magischer Projektile drängt uns weiter zurück. Bellaras Kiefer ist fest zusammengepresst. Gemeinsam versuchen wir unser Bestes, die anstürmenden Venatori zu verlangsamen. Mein Atmen geht in scharfen Stößen. Unter dem Beschuss bietet sich kaum eine Gelegenheit, zurückzuschlagen. Ich hechte zur Seite, springe zurück bis meine Knöchel Wasser berühren. Die Steine unter meinen Füßen sind rutschig.
„Ich könnte wirklich Eure Hilfe gebrauchen“, rufe ich zu Neve, die gerade versucht, sich einen Schwertkämpfer vom Leib zu halten.
Ein weißer Wirbel, Kälte und mittendrin purpurne Roben. Die Hand mit dem Dolch gefriert, bevor sie meine Kehle erreichen kann. Erst jetzt bemerke ich, dass ich den Atem angehalten habe. In der kühlen Luft kristallisiert er zu einer sichtbaren Wolke. Ich mache einen Schritt zur Seite und stoße die gefrorene Gestalt von mir. Der Wald ist plötzlich still. Ein regloser Körper rutscht den Hang hinunter und bleibt vor Bellara liegen.
Ich straffe die Schultern und erhebe das Kinn. „Lasst uns weitergehen.“
Im Lager der Dalish haben es sich ein weiteres Dutzend Venatori gemütlich gemacht, von meinen Leuten gibt es keine Spur. Sie haben offenbar nicht mit uns gerechnet, sodass es diesmal leichter gelingt, sie zu besiegen. Ich möchte mir Lucanis‘ Reaktion nicht ausmalen, wenn ich mich erneut in die Ecke drängen lassen würde, wenn ich verletzt oder nicht lebendig nach Hause käme. Kein einziger Venatori wäre mehr sicher. Eine Rachefeldzug, der ihn endgültig zerstören würde.
Wir hatten keine Gelegenheit, über gestern Abend zu sprechen. Ich weiß nicht, ob er sich den Kopf darüber zerbricht, dass wir erwischt wurden – oder ob er längst über unsere gemeinsame Zukunft entschieden hat. Ich bilde mir ein, dass sein Blick einen Moment zu lange auf mir lag, als ich heute Morgen im Hof an ihm vorbeigelaufen bin. Wieso hat er mich nicht aufgehalten? Nur eine Minute, ein kurzes Gespräch hätte gereicht, um sicherzugehen, dass es ihm gut geht.
Das Lager wurde geplündert. Zwei Vögel beobachten uns misstrauisch, während wir uns zwischen dürren Birken, zerschlissenen Zelten und uralten Steinen umsehen. Wir finden nur ein paar magere Vorräte und rostige Käfige, die wie ein Mahnmal herumstehen, auf neue Opfer wartend, auf uns wartend. Bei ihrem Anblick läuft mir ein Schauer über den Rücken. Es sind so viele. Was ist ihr Zweck?
Meine Gedanken rasen. Zara war nicht die Schlimmste von ihnen. Mir fallen tausend weitere Grausamkeiten ein, welche die Venatori ausüben könnten. Blutmagie kennt viele Formen. Der Knoten in meiner Magengegend wird schwerer. Möglicherweise haben wir nicht mehr viel Zeit. Ich schlucke und beuge mich zu den Leichen hinunter, durchsuche ihre Taschen nach Hinweisen, nach irgendwas, das uns helfen könnte.
„Ähm. Das solltet Ihr sehen.“ Bellara steht am Rand des Lagers im Schatten des Steilhangs.
Erst als ich fast neben ihr bin, erkenne ich den Scheiterhaufen. Nein, denke ich und renne die letzten Schritte. Fieberhaft springen meine Augen über die Überreste, farblos und falsch, während sich langsam Erleichterung in mir breitmacht. Dunkle Brut. Sie haben hier Dunkle Brut verbrannt. Die Dalish sind am Leben. Zumindest noch.
„Denkt Ihr, dass sie die Dunkle Brut beschworen haben, um die Dalish zu überwältigen?“
Ich nicke, ohne den Blick von dem aschgrauen Haufen zu lösen. „Und als sie nicht mehr von Nutzen waren, wurden sie verbrannt.“ Die Überreste sind noch leicht warm, aber der Gestank hat sich bereits verzogen.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich Mitleid mit Dunkler Brut haben würde.“ Bellara hat den Kopf gesenkt.
„Wir leben in absurden Zeiten“, bemerkt Neve, die zu uns getreten ist.
Ich reiße mich los und wende mich dem Pfad tiefer in die Ruinen zu. Ab sofort aus, gibt es nur einen Weg. Gerne wäre ich die Inspiration, von der Bellara gesprochen hat. Jemand, de wirklich etwas bewegt. Im Moment bin ich allerdings nur wütend. Es scheint einfach kein Ende zu haben. Es fühlt sich an, als würden wir seit Wochen im Dunkeln tappen, während die Gegenseite die Welt mehr und mehr brennen lässt. Wir müssen diese Leute retten.
Sofort nachdem wir den ersten Schrei hören, fallen wir gleichzeitig in einen Sprint. Uns offenbaren sich weitere Käfige. Diesmal mit humanoiden Überresten hinter den Metallstäben. Die Skelette müssen alt sein, doch das beruhigt mich nicht. Irgendetwas Schreckliches ist hier geschehen und ich verstehe noch nicht, ob es etwas mit den Venatori zu tun hat oder dieser Ort seine eigene Leidensgeschichte erzählt.
Ich komme nicht dazu, Bellara zu fragen, ob sie schon einmal hier war, denn wir müssen erneut kämpfen. Selbst über die Geräusche der anstürmenden Venatori, höre ich weitere Hilfeschreie. Das bedeutet, dass wir nicht zu spät sind.
Die Kiefer fest aufeinandergepresst, arbeite ich mich die brüchigen Stufen empor, den Fernkämpfern entgegen. Bevor sie zurückweichen können, tauche ich genau zwischen ihnen auf und beschwöre eine Welle aus Eis, die sich kreisförmig um mich ausbreitet. Einer kann entkommen, stolpert allerdings zurück und droht, rücklings die Stufen hinunterzufallen.
„Das ist für Lucanis“, sage ich und ramme meinen Stab in seine Magengrube. Dumpf prallt er mit dem Hinterkopf auf den Stein, wo er sofort regungslos liegen bleibt. „Und das ist für die Dalish!“ Kleine lila Blitze regnen auf seine eingefrorenen Kollegen ein, tanzen um die erstarrten Gliedmaßen und lassen sie Stück für Stück zerfallen. Ich bin im Rausch. Es würde mir nichts ausmachen, sie alle eigenhändig zu töten. Selbst wenn sie nicht zu Zaras Anhängern gehören, sie sind für so viel Leid verantwortlich. Ohne die Venatori hätte Lucanis, das verfluchte Unterwassergefängnis nie zu Gesicht bekommen und ich hätte die Chance gehabt, ihn ungebrochen kennenzulernen. Das ist nicht gerecht. Er hat es nicht verdient, jeden Tag gegen sich selbst kämpfen zu müssen.
Mit einem Schrei stürze ich mich auf die Kultistin unter mir. In der Luft ziehe ich meinen Dolch und lasse ihn über ihren Rücken schneiden. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich selbst, wie purpurne Flügel aus mir herausbrechen. Wenn ich Bosheit irgendwie in mich aufnehmen könnte, ich würde es tun – auch wenn Lucanis das niemals zuließe.
Meine Hand ist blutbesprenkelt. Dennoch greift sie den Dolch fester, welcher die Luft mit elektrischen Druckwellen zerteilt. Eine weitere Robe geht zu Boden. Ich beschwöre einen letzten Blitzregen, wieder schwirrt die Luft, Hitze und Eisen steigen mir in die Nase und dann ist es vorbei.
Mein Atmen geht in Stößen und scheinbar bin ich irgendwo getroffen wurden. Ich befreie einen Trank aus meinem Gürtel und nehme einen bitteren Schluck.
„Hallo?“, ruft Bellara von der Mitte des Innenhofs aus. Ihr Haar hat sich fast vollständig aus seinem Knoten gelöst. „Die Venatori sind fort. Es ist jetzt sicher.“ Sie steigt über Schutthaufen und sucht einen Weg, der nicht eingestürzt oder vollkommen mit Efeu überwuchert ist.
Kopfschüttelnd kommt sie wieder ins Licht. „Nichts.“
Wir finden die Überlebende schließlich im Hauptturm hinter einer versigelten Barriere. Eine Schleierspringerin starb, um sie dort in Sicherheit zu bringen. Ich beuge mich zu der Leiche, die bäuchlings auf dem kalten Stein liegt, und schließe die Lider der blauen Augen. Bellara und Neve knieen bei der Elfe. Sie konnte durch die Barriere genau sehen, wie die Venatori gemordet haben, hatte aber keine Chance zu helfen.
„Ich gehöre auch zu den Schleierspringern.“ Ein seltsames Gefühl, das zu sagen. Als würde ich lügen. „Könnt Ihr mir sagen, was mit den restlichen Dalish passiert ist?“
Ich weiß nicht, wie lange sie bereits dort sitzt und was sie neben dem brutalen Tod ihrer Beschützerin mitansehen musste. Möglicherweise wäre sie verhungert, wenn wir nicht gekommen wären. Dennoch muss ich wissen, ob es eine Chance gibt.
Immerhin kann sie mir offen in die Augen sehen. „Sie sind weg. Die Venatori haben sie alle mitgenommen.“ Sie klammert sich fester an ihre Beine. „Ich … ich weiß nicht, wieso. Sie haben etwas davon gesagt, dass sie Dalish-Blut brauchen.“
Ich wechsle einen Blick mit den anderen. Das klingt nach einem Ritual.
„Warum bin ich nicht überrascht?“, wendet Neve sich an mich. Manchmal wünsche ich mir, dass mehr Optimismus in ihr steckte, aber an solchen Tagen fällt es mir selbst schwer, positiv zu bleiben. Andererseits ist eine Karawane mit vielen Gefangenen auffällig – und langsam. Es muss also einen Hinweis darauf geben, wohin die Venatori sie verschleppt haben.
Wir begleiten die Elfe hinaus. Währenddessen kann ich an nichts anderes denken, als die Zeit, die durch meine Finger rinnt, wie Sand. Eine. Wir habe eine Dalish gerettet. Ich möchte mir nicht vorstellen, was sie mit den anderen vorhaben. Ich möchte mir nicht ausmalen, welche Ängste sie durchstehen, ob sie hungern oder frieren. Wir haben nicht viel Spielraum. Trotzdem dürfen wir nicht überstürzt handeln. Es ergibt keinen Sinn, den gesamten Wald zu durchkämmen. Wir brauchen einen Plan. Die Sache ist soeben größer und wichtiger geworden als jede persönliche Aufgabe, welche noch auf Erfüllung wartet. Und das wird nicht allen gefallen.
Der Stuhl ist hart und unbequem geworden. Obwohl ich nicht mehr sitzen kann, warte ich mit dem Aufstehen, bis die anderen den Speisesaal verlassen haben und ich wie zufällig mit Lucanis allein bin. Ich greife zwei schmutzige Teller und stelle sie zu ihm in die Küchenecke. In der Luft hängt noch der Geruch von Meeresfrüchten und Knoblauch.
Ich sammle weites Geschirr und bringe es Lucanis, der mit hochgekrempelten Ärmeln bereits eifrig mit dem Abspülen begonnen hat. Mein Blick legt sich auf seine Körperrückseite und will sich erst losreißen, als ich mit dem Ellbogen einen leeren Becher umstoße. Ich muss konzentriert bleiben. Es hat viel länger gedauert, als ich dachte, das Team auf den neusten Stand zu bringen. Mein Geist ist müde und trotzdem möchte ich nicht allein sein.
Nachdem der Tisch abgeräumt ist, hängt mein Blick wieder an Lucanis fest. Mittlerweile kann ich noch stärker nachvollziehen, wie er sich fühlt. Ich weiß nicht, wie ich diese Unruhe abstellen soll, die Sehnsucht nach der erlösenden Neuigkeit. Eigentlich möchte ich mich in seinem Nacken vergraben, bis es Zeit ist, wieder durch den Eluvian zu treten, bis die Spitzel der Schleierspringer sich melden. Wahrscheinlich hat Bellara recht, dass die Götter jetzt handeln müssen. Durch den Tod des ersten Erzdämons haben wir ihnen Macht genommen. Dieses Vakuum wollen sie irgendwie schließen.
„Aber mussten es ausgerechnet Dalish sein?“, murmle ich vor mich hin. All diese Unschuldigen, umgeben von roten Roben und Angst. Wie viel Blut brauchen die Götter, um zufrieden zu sein? Dagegen stelle ich mir Zaras Blutbad nahezu mickrig vor. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich Massen von Dalish aufgebahrt auf blutigen Altären oder angebunden an riesige Scheiterhaufen.
„Alles in Ordnung, Rook?“
Ich blinze das Bild der Massenopferung im Zentrum irgendeiner altelfischen Ruine fort. Lucanis steht dicht bei mir und strahlt so ungewohnt viel Zufriedenheit aus, dass jegliche Brutalität meiner Vorstellung mit dem Bruchteil einer Sekunde fortgewischt wird.
„Ich weiß, wie Ihr Euch fühlt.“ Meine Schultern entspannen sich. Scheu und zerbrechlich huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Natürlich hat er meine Gedanken wieder gelesen.
„Also habe ich Haselnusstorte zum Dessert gemacht.“ Erst jetzt bemerke ich das Kuchenstück, das er mir hinhält. „Passt gut zu Kaffee“, fügt er hinzu. Er zieht einen Stuhl zurück und stellt den Teller vor mir ab. Woher hat er gewusst, dass ich mich nach dem Essen nicht sofort zurückziehen würde? Manchmal bin ich nicht sicher, ob dieser Mann nicht doch versteckte magische Kräfte besitzt.
Ich wende mich zu ihm, wobei mein Rücken seine Hand berührt, die weiterhin auf der Stuhllehne ruht. „Ihr hättet nichts extra für mich machen müssen.“
„Oh doch“, widerspricht er mit solch einer Überzeugung, dass etwas in mir wie Butter schmilzt. Obwohl ich keinen Hunger habe, lässt der Geruch des Kuchens meinen Magen knurren. Es riecht nach warmen Herbstabenden im Wald und heißer Schokolade, im Grunde riecht es genau wie das Café Pietra.
Er weicht meinem Blick aus. „Ich weiß immer noch nicht, wie ich mich entschuldigen soll für … für alles. Ich mache die Dinge kompliziert und …“
Ich lasse ihn sich nicht weiter in der eigenen Unsicherheit verheddern. „Nachtisch ist schon mal eine sehr gute Idee. Das hat noch niemand für mich gemacht.“
Er hat seine Hand zurückgezogen und ich wünsche mir schmerzlich, dass er mich wieder berührt. Ich möchte, dass er sich nicht zurückhält. So wie gestern. Irgendwo in mir sind Worte, die meiner Dankbarkeit gerecht werden. Sie entgleiten mir.
„Immer wieder gerne“, sagt er mit einem Schmunzeln, aber er kommt weiterhin nicht näher. Da ist noch mehr. „Was ich eigentlich damit sagen will, ist dass es mir nichts ausmacht.“ Endlich setzt er sich neben mich. „Es macht mir nichts aus, dass Bellara es weiß. Es können gerne alle wissen. Denn ich möchte, dass Ihr an meiner Seite seid.“ Er lässt die Worte einen Moment wirken. Ich kann sie zwischen uns sehen, als hätte er sie in die Luft gemalt. „Euch gelingt es immer wieder, in mir Hoffnung zu erwecken. An Dinge zu glauben, von denen ich dachte, dass sie längst verloren sind. Wenn Ihr es mit mir versuchen wollt, dann …“
Ich falle ihm mit einer solchen Wucht um den Hals, dass der Stuhl rückwärts zu Boden fällt. Kurz glaube ich, es übertrieben zu haben, aber dann bricht ein erschütterndes Lachen aus Lucanis heraus.
Er drückt mir einen Kuss auf den Hals. „Mierda, Ihr werdet mich noch ins Grab bringen.“


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