10. Gefangen
Content Notes
In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.
Das ist nicht gut. Ich kneife die Augenlider zusammen und ziehe die Decke höher. Es fühlt sich an, als würde der Schädelknochen aus meinem Kopf springen wollen. Ächzend grabe ich das Gesicht tiefer in den Stoff. Nein, es ist noch keine Zeit aufzustehen. Ich werde jede Sekunde weiterschlafen, ich muss nur ruhig atmen und jegliches Licht aussperren.
Mit aller Kraft ignoriere ich das Hämmern in meinem schlaftrunkenen Kopf und wälze mich auf den Bauch. Meine Füße sind jetzt ungeschützt und ich grunze bei dem Versuch, sie wieder unter die Decke zu bekommen. Bewusst atme ich tief ein, zähle die Sekunden zwischen den Zügen. Schlaf. Ich brauche mehr Schlaf.
Unglücklicherweise heizt sich die Luft in meiner Deckenhöhle zunehmend auf und schließlich muss ich den Kopf doch herausrecken, um weiteratmen zu können. Selbst durch die geschlossenen Lider schmerzt das Licht des Aquariums als hätte ich direkt in die Sonne geschaut. Ich stöhne aus trockener Kehle und strample die Decke von mir. Meine Lippe ist am rechten Mundwinkel aufgesprungen. Ich taste vorsichtig über die gereizte Stelle, während ich genügend Mut ansammle, die Augen zu öffnen. Habe ich eine oder zehn Stunden geschlafen?
Irgendwie schaffe ich es halb blind zur Waschschüssel zu taumeln. Das Wasser beißt mich mit seiner Kälte, aber es stellt meine Sinne einigermaßen wieder her. Was bei allem, was mir heilig ist, haben wir gestern Abend gemacht?
Ich lasse das Wasser auf den Boden tropfen und an meiner nackten Brust hinunterlaufen. Tatsächlich ist nicht nur meine Brust entblößt, kein Fetzen Stoff befindet sich an meinem Körper. Dunkel erinnere ich mich an Davrin, Lucanis und eine Flasche Wein im Speisesaal, was jedoch weder meine Blöße erklärt, noch wie ich in mein Bett gekommen bin. Nur um sicherzugehen, schleife ich mich zurück und atme auf, als ich niemanden versteckt in den Kissen finde. Ich bevorzuge es dann doch, mich an intime Aktivitäten zu erinnern.
Müde blicke ich auf meine Hände, die sich rau anfühlen. Bin ich gekrabbelt? Habe ich mich irgendwo ausgezogen und bin dann auf allen Vieren hierhergekommen? Aber wieso?
Ich muss dringend etwas trinken und mich erleichtern, nicht zwingend in dieser Reihenfolge. Vor dem Schrank entdecke ich einen Kleiderhaufen und atme heute zum zweiten Mal erleichtert aus. Also bin ich nicht nackt durch den Leuchtturm gerannt. Immerhin. Schnell werfe ich mich in die erstbesten Roben und stelle mich dem Tag.
Manchmal kann das Schicksal grausam sein. Der feine Regen der Dockstadt hängt an meiner Kleidung wie eine dünne Schicht Schnee, während ich Lucanis hinterherhechte. Er hat den Kragen hochgestellt, aber schreitet ungeachtet der zahlreichen grauen Pfützen durch die Straßen. Ich bin nicht einmal sicher, ob er die Feuchtigkeit überhaupt spürt, die versucht in jede Ritze unserer Körper zu kriechen.
Im Leuchtturm hatte ich den Eindruck, dass die Nacht nicht spurlos an ihm vorbeigegangen ist, er schien müde und hat sich langsamer bewegt. Nichts davon ist mehr übrig. Zielstrebig setzt er einen Fuß vor den anderen, ohne je zu mir zurückzublicken. Er wäre auch allein hergekommen. Natürlich konnte ich das nicht akzeptieren. Egal wie sehr mein Magen gegen das Frühstück rebelliert oder meine Schläfen bei jedem Schritt hämmern.
Die Wolkendecke lässt kaum erahnen, dass es nicht mal Mittag ist. Ich sehne mich nach einer warmen Decke und einer Tasse Tee. Was habe ich mir nur dabei gedacht, so hemmungslos zu trinken? Ich wollte nicht, dass der Abend vollkommen entgleitet. Das fühlt sich gefährlich an. Wir können uns glücklich schätzen, dass es nicht die Götter sind, die uns heute mit einer neuen Katastrophe zum Handeln zwingen.
Laut fällt die Tür des Wilden Schwans hinter uns zu und wir werden von einer angenehmen Wärme umhüllt. Viago und Tea warten bereits auf uns, ansonsten ist es wie ausgestorben. Ich vermute, dass sie dabei ihre Finger im Spiel haben. Es ist seltsam, sie außerhalb ihrer gewohnten Umgebung zu sehen, außerhalb der schützenden Dachbalken ihres Verstecks, hier in dieser kaputten Stadt. Ob sie daran denken, wie knapp Treviso einem ähnlichen Schicksal entkommen ist? Seitdem die Drachen vernichtet sind, die dafür verantwortlich waren, lastet weniger Schuld auf meinen Schultern. Dennoch trifft mich der Zustand der Stadt jedes Mal wieder schmerzlich, sobald wir aus dem Eluvian treten. Mit jedem Tag scheinen die Venatori mehr zu werden.
Beim Anblick der Weinflaschen auf dem Tresen wird mir schlecht. Wirre Erinnerungsfetzen der Nacht jagen durch meinen Kopf. Für einen Moment ist der Drang, mich zu übergeben, allgegenwärtig, doch ich kann mich zurückhalten.
Lucanis ist ungehalten. Er lässt Viago kaum ausreden, wird lauter. Ich kann die Reste des Alkohols in seinem Atem riechen.
Plötzlich, in all der Aufregung, ist Bosheit da und die Zeit steht still.
Selbst Stunden später fällt es mir schwer, zu begreifen, was der Dämon getan hat. Er hat mich mitgenommen, in Lucanis Unterbewusstsein – als ob das möglich wäre. Trotzdem war ich dort, konnte den Boden unter meinen Füßen spüren. War in dem Gefängnis, dessen Ketten ich dachte, längst gesprengt zu haben. Das grau verzerrte Abbild des Ossariums wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben.
Dabei hat Bosheit mir bereits gesagt, wo das Problem liegt, aber ich habe es nicht verstanden, konnte das Ausmaß von Lucanis Selbstzweifel nicht ahnen. Ich wusste nicht, dass er so weit gehen würde, sich in den Echos seiner Vergangenheit zu verschließen. Lieber eingesperrt als eine Gefahr sein.
Dummer Lucanis.
Ich ziehe mein Gesicht dichter zwischen seine Schultern. Trotz meiner Umklammerung hebt und senkt sich seine Brust in ruhiger Gleichmäßigkeit. Ich werde ihn nicht mehr loslassen. Zumindest bis er mir glaubt, dass er ohne Ängste und Sorgen existieren darf, bis er mir glaubt, dass die Gefühle zwischen uns echt sind.
„Es tut mir leid“, sagt er zum wiederholten Mal, doch ich schüttle den Kopf. Er muss sich nicht entschuldigen. Irgendwann bricht jede Person unter Druck zusammen. Wir hätten früher darüber reden sollen. Ich hätte ahnen können, dass er mehr Hilfe braucht, als er nach außen gezeigt hat. Es war mir klar, dass Illario in seinen Gedanken rumspuckt. Dass sich jedoch die halbe Gruppe in einer verzerrten, zerstörerischen Form dort manifestiert hat, habe ich nicht geahnt. Eine eigene Realität, die rechtfertigt, sich zu verschanzen. Denn wenn man es nur oft genug hört, dass man eine Gefahr ist, glaubt man es selbst irgendwann. Jede Zweisamkeit mit mir muss sich wie ein Fehler angefühlt haben. Mit jedem schönen Moment habe ich seine Sorgen weiter entfacht. Keiner unserer Küsse konnte jemals über die Gefahr, die von dem Dämon ausgeht, hinwegtäuschen.
Selbst jetzt ist bestimmt nicht alles gelöst. Aber er und Bosheit haben nun ein gemeinsames Ziel. Sie müssen nicht mehr gegeneinander arbeiten. Wer hätte gedacht, dass der Dämon einfach dem Gefängnis entkommen wollte, das Lucanis um sie beide gebaut hatte? Er will richtig leben. Was ein seltsamer Wunsch für eine Kreatur des Nichts. Ich frage mich zum hundertsten Mal, wie viel er tatsächlich von dem mitbekommt, was zwischen Lucanis und mir geschieht.
„Kann ich mit ihm sprechen?“, frage ich in die Stille hinein.
Lucanis spannt sich an, bis er schließlich aufgebend ausatmet. Ich gebe ihn frei und dann starren mich glühende Augen an. Dieser Wandel ist weiterhin gewöhnungsbedürftig. Ich räuspere mich und rücke ein Stückchen weg, damit Bosheit sich nicht belästigt fühlt.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich das sage, aber das hast du gut gemacht. Es war klug, mich um Hilfe zu bitten.“
Der Dämon legt den Kopf schief. „Müsst aufpassen. Aufpassen, dass er die Ketten nicht wieder anlegt.“
„Das werde ich“, verspreche ich mit einem Lächeln auf den Lippen. „Und Ihr werdet ein Auge auf ihn haben und mir rechtzeitig Bescheid geben, nicht wahr? Falls es ihm zu schlecht gehen sollte.“
„Wir werden nicht dorthin zurückkehren. Nie. Wieder.“
Ich merke, dass er ungehalten wird und zwinge mich, nicht weiter fortzurücken. Ich habe keine Angst. Bosheit wollte frei sein, so frei wie es die Umstände zulassen. Und er wollte, dass ich helfe. Er war nicht nur frustriert, sondern beinah … besorgt.
Unsicher, wie der Dämon auf ein beruhigendes Tätscheln reagieren würde, behalte ich die Hände bei mir. „Ich möchte jetzt wieder mit Lucanis sprechen.“
Noch bevor er die Lider öffnen kann, habe ich ihn in eine Umarmung gezogen. Seitdem wir aus der Dockstadt zurückgekehrt sind, kann ich an nichts anderes mehr denken als all die Barrieren in seinem Kopf. So viele verschlossene Türen. Bestimmt habe ich nicht alle niedergerissen.
Ich lasse ihn los, damit wir uns richtig ansehen können. Plötzlich wird mir die Umgebung gewahr: Die Wand der Vorratskammer, in die sich mein Rücken drückt, der Geruch nach erlöschenden Kerzen, die groben Bodenfliesen, nie wirklich sauber, der zusammengerollte Teppich in der Ecke, die Struktur des Lakens unter uns. Es gibt kaum persönliche Gegenstände und trotzdem verbinde ich jedes dieser Details mit ihm.
Hat er sich wegen mir selbst eingesperrt, weil wir uns zu nah gekommen sind?
Es fällt ihm schwer, mich anzusehen. „Manchmal weiß ich nicht mehr, wie viel des ursprünglichen Lucanis noch existiert. Bin ich ein Mensch oder mehr Dämon?“
Ich nehme seinen Kopf die Hände. „Ihr seid Lucanis Dellamorte, der meistgefürchtete Magiertöter. Der Mann, der mir Schnaps ans Bett bringt und stets erbittert an meiner Seite kämpft. Ihr habt nicht nur eine einjährige Gefangenschaft überlebt, sondern auch die Frau besiegt, die Euch festgehalten und gefoltert hat. Und heute habt Ihr Euch mit Eurem inneren Dämon versöhnt. Das ist eine große Leistung. – Und dabei hattet Ihr durchweg Stil.“ Ich zupfe an seinem Kragen, um ein Lächeln aus ihm herauszuholen.
Ich habe kein Problem damit, ihn immer wieder an diese Tatsachen zu erinnern. Vielleicht hinterlässt das, was ich in seinem Kopf gesagt habe, ebenfalls Spuren. Denn egal wem ich dort gegenüberstand, meine Worte waren alle an ihn gerichtet.
Sein Gesicht verändert sich, spiegelt Vorfreude, Sehnsucht, Hunger und wechselt dann zu einem sanften, melancholischen Ausdruck. „Rook, ich habe Euch nicht verdient.“
Ich stoße ihn leicht mit dem Ellbogen an. „Schade, dass Ihr das nicht entscheidet.“ Es genügt nicht, um ein Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern.
„Denk Ihr immer noch an das Oassarium?“, frage ich daher sacht.
„Ich.“ Er blinzelt. „Seit heute denke ich eher daran, wie ich Euch dort das erste Mal sah. Ich wollte mich befreien, war bereit zu kämpfen und plötzlich stehen diese fremden Personen in meiner Zelle.“ Jetzt heben sich seine Mundwinkel doch, bilden das Grinsen eines hungrigen Raubtiers. „Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht mit Verbündeten.“
Unsere Hände tasten nacheinander. „Die Wahrheit ist, dass ich es ohne Euch nicht mehr lange ausgehalten hätte. Vielleicht ein paar Wochen oder Monate, doch … Dieser Ort bricht jeden irgendwann.“
„Aber es ist nicht passiert. Ihr seid entkommen. Ihr seid sicher.“
Er nickt zerstreut. Dann sieht er mich direkt an. „Rook, was ist das hier für Euch?“
Innerhalb einer Sekunde hat mich der Mut verlassen. Ist es wirklich ein guter Zeitpunkt für dieses Gespräch? Ich befürchte, ihn mit der Wahrheit unter Druck zu setzen, entscheide mich aber trotzdem dafür. Vielleicht hilft es ihm auch zu hören, was ich mit jeder Berührung ausdrücken möchte. „Ich habe Euch bereits gesagt, dass ich an Eurer Seite bin. Daran hat sich nichts geändert.“ Verlegen nestle ich an meinem Ärmel herum. Mein Herz schlägt so laut, dass ich meine Gedanken kaum höre. „Wenn Ihr mich denn haben wollt.“
„Aber“, ergänze ich, bevor er etwas entgegnen kann. „Wir müssen nicht jetzt entscheiden, was das bedeutet. Ich möchte, dass Ihr dafür bereit seid.“
Dankbarkeit breitet sich auf seinem Gesicht aus „Möchtet Ihr Kaffee?“
Ich ergreife seine ausgestreckte Hand und eine wohltuende Leichtigkeit ergreift von mir Besitz. Zum ersten Mal verschwindet das schmerzende Pochen aus meinem Kopf und das Gefühlschaos wird von einer warmen Müdigkeit abgelöst. Ich lasse mich in die Küche ziehen. Sein Spezialkaffee ist wahrscheinlich das Einzige, was verhindern kann, dass ich innerhalb der nächsten Stunde im Sitzen einschlafe.
Lucanis riecht genüsslich an den Bohnen, die er in einem kleinen Tongefäß aufbewahrt. Ich könnte ihm ewig dabei zusehen, wie er die richtige Menge Wasser abmisst, mit geübten Handgriffen die Maschine befüllt und das Feuer entzündet. Meine Augenlider werden schwer.
Nein. Ich bin noch nicht bereit, mich in die Einsamkeit meines Quartiers zurückzuziehen. Gierig nehme ich die Tasse entgegen. Die vertraute Note der dunklen Flüssigkeit schärft meine Sinne. Ich bin so froh, mich darauf eingelassen zu haben.
Der Drang, mein Gesicht in Lucanis‘ Brust zu vergraben, überschwemmt mich mit überraschender Heftigkeit. Ich stelle den Kaffee ab und taumle auf ihn zu, als wäre ich wieder betrunken. Bestimmt löse ich seine Finger vom Griff der Tasse und drücke ihn auf den schmalen Holztisch neben dem Kamin.
Ich möchte sicherstellen, dass er einverstanden ist, und halte einen Moment inne, doch ich habe einen Sturm beschworen. Bevor ich die Arme um ihn schließen kann, hat er mich an der Hüfte gepackt und zwischen seine Beine gezogen. Der plötzliche Schwung lässt ihn mit dem Hinterkopf gegen die Wand prallen, aber statt sich zu beschweren, schiebt er seine Zunge in meinen Mund.
Ich lasse es geschehen, bin nur Rausch und Gefühl, stöhne vibrierend in ihn hinein, während meine Hände über seine Weste hinuntergleiten. Jetzt bin ich hellwach, merke genau, wie nah meine Fingerspitzen der vielversprechenden Lücke zwischen seiner Hose und dem Hemd sind. Ich möchte ihn ausziehen, möchte die Haut darunter auf meiner eigenen spüren, möchte seine Muttermale sehen und an der empfindlichen Stelle unter dem Schlüsselbein saugen. Meine Lippen gleiten an seiner Wange entlang und finden über den Bart zum linken Ohrläppchen. Er erschaudert unter meinem heißen Atmen, der Worte flüstert, die nur für uns gedacht sind.
Seine Hand sucht einen Weg unter meine Robe und ich verfluche mich dafür, in meinem Dämmerzustand dieses vertrackte Kleidungsstück gewählt zu haben. Ich löse mich von seinen Lippen, die von Speichel glänzen, und öffne langsam die Knöpfe seiner Weste. Meine Finger zittern leicht, aber ich lasse sie arbeiten, ohne den Blick von seinem Gesicht abzuwenden. Ich will jede kleine Regung dort sehen und sie mir für immer einprägen. Seine Mundwinkel zucken und er murmelt etwas, das ich nicht verstehen kann, sobald ich die Weste zur Seite schiebe. Der Hemdstoff darunter bietet kaum mehr ein Hindernis, um an seine Haut zu kommen. Fest klammert er sich an meine Robe, während ich seinen Hals hinunterwandere.
„Rook? Oh. Oh.“
Ich wirble herum und stoße dabei fast eine Kerze um. Bellara steht auf der anderen Seite des Tischs und hat sich die Hände vor Gesicht gehalten. „Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir leid“, wiederholt sie in zunehmender Geschwindigkeit.
„Ich rede mit ihr“, raune ich Lucanis zu, der erfolglos versucht, seine Kleidung zu richten.
Vorsichtig, damit sie nicht erschreckt, greife ich Bellaras Taille und begleite sie in ihr Quartier.
„Ich wusste nicht, dass Ihr darin seid.“
Ich lehne mich gegen die Wand zwischen den Regalen mit Artfakten und anderem Forschungskram. „Offensichtlich.“
Ihre dunklen Augen streifen mich und geben mir das Gefühl, nackt auf einer Bühne zu stehen. Wie viel hat sie gesehen? Ein rötlicher Schimmer erscheint auf ihren Wangen. Es überrascht mich, dass sie so gefasst ist. Ich habe damit gerechnet, dass sie bereits auf dem Hof vor Neugier platzen würde.
„Also. Ihr und Lucanis“, sie klatscht nervös in die Hände. „Wow. Also dann… Taash hat eine Andeutung gemacht als wir Euch nach dem Drachenkampf gesucht haben. Aber ich hatte keine Ahnung. Obwohl es abzusehen war, dass hen und Harding nicht als einzige …“, sie brach ab.
Harding und Taash? Also doch. Ich erinnere mich an eine leicht peinliche Konversation der beiden auf der verfallenen Brücke im Arlathan, in der es um Taashs Rückseite, genauer gesagt hens lange Beine gegangen war.
„Wir sind nicht zusammen“, bremse ich ihre Begeisterung, bevor sie die falschen Schlüsse zieht. Lucanis ist noch nicht bereit und das werde ich respektieren. Zuerst muss er für sich selbst verstehen, was er möchte – jetzt, wo die Karten auf dem Tisch liegen.
Bellaras Stimme ist plötzlich einige Tonlagen höher. „Oh. Das ist natürlich auch in Ordnung. Es ist zwar weniger romantisch, aber … gut für Euch.“ Sie öffnet eine Kiste und beginnt, darin herumzukramen. „Ich muss das aufschreiben.“
Mich ignorierend, zieht sie ein Papier hervor und notiert eilig ein paar Sätze, die sie vor sich hinmurmelt: „… Und unsere Helde wusste genau, was hen wollte.“
Ich nähere mich mit verschränkten Armen. „Bellara? Was tut Ihr da?“
„Ähm. Also ich habe so viel gelesen, da wollte ich mich an einer eigenen Geschichte versuchen. Nur für mich. Und Leute wie mich. Immer, wenn ich nicht schlafen konnte oder das Archiv mich in den Wahnsinn getrieben hat, habe ich daran gearbeitet.“
„Wieso habe ich das Gefühl, dass mehr dahintersteckt?“
Der rötliche Schimmer auf ihren Wangen wird kräftiger. „Nun. Hier passiert täglich so viel. Ihr seid eine große Inspiration. Deshalb geht es in der Geschichte um, ähm, Euch. Viele schauen zu Euch auf. Ihr helft den Leuten. Ihr seid ehrlich und lustig. Und Ihr habt uns alle zusammengebracht.“
Bevor ich Dinge erfragen kann, die ich möglicherweise bereue, plappert sie weiter. „Aber keine Sorge. Ich werde es korrigieren. Jetzt, wo ich weiß, wie Ihr zu Romantik steht.“ Die Feder kratzt wieder über das Papier.
Seufzend setzte ich mich im Schneidersitz auf den Boden. Meine schwer gewordene Zunge möchte mir nicht gehorchen, deshalb gähne ich herzhaft, bevor ich die Energie für Worte finden kann.
„Es ist nicht, wie Ihr glaubt.“ Auch wenn es da drin möglicherweise so aussah, füge ich in Gedanken hinzu. „Lucanis braucht noch Zeit.“ Ich versuche mich von der Bitterkeit dieser Wahrheit nicht beeinflussen zu lassen.
Die Elfe quietscht. „Also mögt Ihr ihn doch?!“
Mögen. Was für ein komisches Wort. Natürlich mag ich ihn. Ich mag jede Person dieses Teams. Meine Gefühle für Lucanis gehen weit über so etwas Simples hinaus.
„Ja“, antworte ich das, was sie von mir erwartet. Obwohl ich es nicht gedacht hätte, hebt das Aussprechen der Wahrheit ein Gewicht von meinen Schultern. „Ich mag ihn sogar sehr.“
„Ihr müsst mir alles erzählen.“
Die Aufregung bringt das schmerzhafte Hämmern so plötzlich zurück, dass es mir kurz den Atem verschlägt. Mit zusammengebissenen Zähnen massiere ich kräftig meine Stirn. Dieser Tag fühlt sich an, als wäre er mindestens zwanzig Stunden lang. „Ein anderes Mal?“
Sie schaut auf ihre Hände. Das Papier hat sich unlesbar zusammengerollt. „Ja. Natürlich. Es geht mich eigentlich auch nichts an.“
„Das ist es nicht“, versuche ich, sie aufzumuntern. „Ich muss nur wirklich ins Bett, damit mein Schädel nicht explodiert.“
„Davrin hat Wein mitgebracht“, erkläre ich ihrem fragenden Ausdruck. „Und … Es war eine lange Nacht.“ Ächzend raffe ich mich auf. „Ich verspreche Euch, dass Ihr die erste sein werdet, der ich es erzähle, wenn es Neuigkeiten gibt.“
Bellaras Augen glänzen freudig. „Danke, dass Ihr mir das anvertraut habt. Das ist wirklich nett. Ich hoffe, dass Lucanis schnell erkennt, wie viel Ihr für getan habt. Ich kann mir Euch gut zusammen vorstellen.“
Ich lege ihr die Hand auf die Schulter und bewege mich zur Tür. „Das zwischen mir und Lucanis. Ich wäre froh, wenn es vorerst keinen Weg auf Euer Papier findet. Ich möchte nicht, dass es jemand rausfindet, solange er nicht bereit ist. Er steht unter genug Druck.“
Ihre Stimme ist ernst. „Natürlich Rook, Ihr könnt mir vertrauen.“


Hinterlasse einen Kommentar