9. Ein Abend für uns
Content Notes
In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.
„Keine Neuigkeiten aus Treviso?“ Ich setze mich neben Lucanis auf das rote Sofa und streife die Stiefel ab. Seit zwei Tagen warten wir auf eine Antwort, darauf, dass Viago oder Teia einen Hinweis auf Illario finden, doch bisher nichts.
Er schüttelt den Kopf und tätschelt dabei gedankenverloren mein Knie. Die Berührung scheint alltäglich und doch überrascht sie mich. Ich bin nicht sicher bin, ob zwischen uns wieder alles in Ordnung ist – was immer das in unserem Fall heißen mag.
„Wie war es in Dockstadt?“, wechselt er das Thema.
„Die Venatori überwachen jede Ecke, Leute verschwinden auf offener Straße, niemand traut sich, etwas zu sagen. Du weißt schon, das Übliche.“ Ich kuschle mich etwas tiefer in den Sofastoff und stelle mir vor, meine Beine über Lucanis‘ Schoß auszustrecken, wenn ich nicht in Rüstung stecken würde. Es war mir wichtig, sofort nach ihm zu sehen. Umziehen kann ich mich später.
„Aber seit Neve mit den Fäden zusammenarbeitet, ist es besser geworden. Ich glaube, sie mögen mich. Elek hat über einen meiner Witze gelacht“, fahre ich fort.
Lucanis hebt eine Augenbraue. Seine Hand liegt weiterhin auf mir. „Rook, jeder mag Euch.“
„Das ist absolut nicht wahr. Darf ich Euch an den Ersten Wächter erinnern? Und de Stadthaltere von Treviso durchlöchert mich immer mit giftigen Blicken, wenn ich mich nähere.“
„Das liegt daran, dass Rayan Ivenci jede Person hasst, die mit den Krähen zu tun hat.“
„So viel zu meiner politischen Karriere in Treviso“, scherze ich. Meine Hand wandert vom Rücken des Sofas auf Lucanis‘ rechte Schulter.
Für einige Minuten atme ich seinen beruhigenden Duft ein, froh wieder hier zu sein. Es war ein langer Tag in der Dockstadt und ich habe diese kleinen Momente der Zweisamkeit vermisst. Wenn wir uns küssen, ist es absolut wunderbar und trotzdem könnte ich stundenlang bewegungslos so sitzen, seine Nähe wahrnehmen und wäre glücklich. Ein Teil dieser Wärme zu sein, die er ausstrahlt, seinen Atem auf meiner Haut zu fühlen, die beinah vorsichtigen Berührungen. Das ist besser als alles, was ich mir erträumt habe.
„Ich hoffe, sie finden Illario bald.“
Als hätte ich etwas Falsches gesagt, steht Lucanis auf, durchquert den Raum und lehnt sich gegen den Kamin. Er starrt in die Flammen, während er mit mir spricht. „Illario wird in Treviso sein. Es ist seine Heimat, dort kennt er sich aus. Aber er ist eine Krähe – und wir wissen, wie wir unsere Spuren verwischen.“
Mir gefällt dieser neue Abstand zwischen uns nicht, doch dieses Spiel ist typisch für uns geworden: Wir entfernen uns voneinander, nur um mit noch mehr Anziehungskraft zusammenzufinden. Das Feuer wirft sein warmes Licht auf Lucanis. Ich versuche, mir vorzustellen, wie Illario sich hinter einem der tausenden Fenster der Stadt der verbirgt. Ob er weiß, dass wir ihm auf die Schliche gekommen sind? Oder hockt er sorglos zwischen irgendwelchen Venatori und lässt es sich gutgehen? Ich sollte ihn nicht unterschätzen. Er hat schließlich eine Leiche besorgt, die er erfolgreich als Lucanis ausgeben konnte. Bestimmt plant er gerade, wie er uns aus dem Weg räumen kann, um Anführer der Krähen zu werden. Ist es das, was er Elgar’nan im Austausch gegen seine Kräfte versprochen hat, den gesamten Orden unter seiner Kontrolle?
„Macht Ihr Euch Sorgen darüber, wie Bosheit reagiert, wenn wir ihn finden?“ Es ist die Frage, die ich mir seit Tagen wieder und wieder stelle. Für den Augenblick scheint der Dämon ruhiger, aber vielleicht ist Lucanis auch nur besser darin geworden, Moment des Kontrollverlusts zu verbergen.
Ich kann sein Gesicht nicht sehen, bin mir jedoch sicher, dass seine Miene kurz entgleist. „Diesmal habe ich keinen Grund mehr, ihn zurückzuhalten.“ Er dreht sich zu mir, den Tränen nah. „Rook, ich verstehe nicht, wie Illario so tief sinken konnte.“ Seine Stimme bricht.
Ich eile zu ihm. „Und Ihr habt keine Ahnung, ob Ihr traurig oder wütend sein sollt, ich verstehe.“ Rasch schließe ich ihn in meine Arme. „Ihr wisst, Ihr müsst das nicht alleine durchmachen. Sobald die anderen Illario finden, stehe ich bereit. Und sie werden ihn finden, davon bin ich überzeugt. Schlimmer als der Kampf gegen Zara kann es nicht werden.“
Lucanis löst den Kopf von meiner Schulter und unsere Blicke begegnen sich. Seine Verletzlichkeit trifft mich unvorbereitet, doch ich weiß, sie wird vorübergehen.
„Euer Optimismus ist ebenso nervtötend, wie heilsam.“ Er schaut mir direkt in die Augen und es ist eines der schönsten Komplimente, die er mir hätte geben können.
„Stets zu Diensten.“ Ich deute lachend eine Verbeugung an und ernte ungläubiges Kopfschütteln.
„Bitte tut das nie wieder.“
Ich verbeuge mich erneut und lege diesmal mehr Theatralik in die Bewegungen.
Lucanis schnaubt verächtlich. „Ihr seid unmöglich.“
„Unmöglich charmant?“ Ich schließe die zwischen uns entstandene Lücke gespielt unschuldig. Ein absichernder Blick zum Eingang und unsere Lippen legen sich aufeinander.
„Was macht Ihr heute Abend?“, hauche ich in der Nähe seines Ohrs. Es klingt weitaus sinnlicher als beabsichtigt. Mit einem Räuspern ziehe ich mich zurück. „Ich meine, was haltet Ihr von einem gemeinsamen Abend? Ausnahmeweise verlangt niemand nach meiner Aufmerksamkeit und ich habe Wein gekauft. Möglicherweise wird das Warten so erträglicher.“
Das Krähenwams umspielt meine Muskeln und gibt aus dem richtigen Winkel genug Sicht auf meine Brust frei, ohne zu offenherzig zu sein. Außerdem habe ich mir die Haare gekämmt und eine hellere Farbe auf den Lippen, sodass sie jetzt in einem zarten Rosa schimmern. Selbst wenn er es nicht ausspricht, wird Lucanis bestimmt anerkennen, dass ich mich für ihn hergerichtet habe. Das Stilbewusstsein der Krähen ist eine ihrer bemerkenswerten Nebeneigenschaften.
Zu meiner Überraschung finde ich ihn gemeinsam mit Davrin als ich in den Speisesaal zurückkehre. Es riecht nach geschmorten Zwiebeln und dreckige Teller stapeln sich in der Küchenecke. Anscheinend habe ich das Essen verpasst.
Davrins begrüßt mich etwas zu laut, während Lucanis erschreckt zusammenfährt. Die entkorkte Flasche zwischen ihnen verrät mir alles, was ich wissen muss. Ich kann nicht erkennen, ob sich noch etwas darin befindet, aber es dürfte nicht mehr viel sein. Für einen Moment höre ich den Geschichten über vergangene Aufträge zu, die wie unter alten Freunden, im stetigen Versuch sich gegenseitig zu überbieten, ausgetauscht werden.
Haben die beiden wirklich von allein Frieden geschlossen? Zu sehen, wie sie miteinander lachen, hilft mir darüber hinwegzukommen, dass ich mir diesen Abend anders ausgemalt hatte. Es geschieht selten, dass sich eines meiner Probleme so leicht auflöst. Üblicherweise braucht es einen Stoß mit der Dolchspitze – oder viel gutes Zureden.
„Ihr trinkt wirklich ohne mich?“
Ich will mich neben Lucanis setzen, werde jedoch mit ausgestrecktem Arm zurückgehalten. „Nein, ich habe genug von diesem Tisch“, nuschelt er.
Fasziniert beobachte ich, wie er nach seinem Becher greift, kratzend den Stuhl zurückzieht, kurz mit seinem Gleichgewicht kämpft wie ein Ast, der im Wind schwankt, und die Sitzecke ansteuert. Ich kann das Grinsen nicht unterdrücken. Davrin nimmt die grüne Flasche und trägt sie zum quadratischen Tisch, während mir bewusstwird, dass ich selbst noch den antivanischen Hauswein in der Hand halte. Obwohl ich keinen Wert auf eine angemessene Trinkkultur lege, scheint die teure Flasche plötzlich nicht mehr angebracht. Sie gehört eher zu einem romantischen Picknick unter dem Sternenhimmel.
„Rook, erzählt von Eurem schlimmsten Auftrag.“ Von irgendwoher hat Davrin einen dritten Becher gezaubert und schenkt ein. Lucanis hat die Beine überschlagen und wirft mir einen interessierten Blick zu.
Ich denke an Weishaupt, aber es ist wohl kaum der richtige Zeitpunkt, die anderen daran zu erinnern. Schnell setze ich mich und nehme einen Schluck. Den Wein läuft warm meine Kehle hinunter und löst sofort meine Anspannung.
„Oh. Das wollt ihr wirklich nicht wissen.“ Es gibt Geschichten, die sind dafür gemacht, erzählt zu werden. Manches ist einfach zu traurig.
Ich nehme einen zweiten Schluck und schiele zu Lucanis. Er hat den Arm locker auf die metallene Stuhllehne gelegt und umklammert mit der anderen Hand den Becher. Ich bin mir nicht sicher, ob er mir überhaupt zugehört hat. Sehr gerne würde ich jetzt seine Gedanken lesen. Was sagt Bosheit eigentlich zu Alkohol?
„Ach kommt schon, Ihr habt sicherlich genug erlebt, das sich lohnt, zu teilen“, bohrt Davrin nach.
Ich trinke weiter, um mir Bedenkzeit zu geben. Das warme Gefühl breitet sich von meinem Magen aus und mir kommt ein Abend in den Sinn, nicht vollkommen unähnlich zum heutigen. Ich war allerdings viel jünger.
„Möglicherweise gibt es da tatsächlich etwas. Es hat weniger mit Monstern zu tun. Es ist eher … schmutzig.“ Diesmal muss ich offen zu Lucanis schauen. Davrin hat sich vorgelehnt.
„Aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.“
Ohne darüber nachzudenken, leere ich den Becher in einem großen Zug. Gut. Los geht’s. „Es gab da diesen Dalish-Jungen, wir waren vielleicht siebzehn.“ Mein Herz schlägt so hektisch, dass ich mir eine Pause gönne. Das ist schwerer als gedacht. „Immer wenn unsere Clans zum Handeln aufeinandertrafen, was etwa zwei bis drei Mal im Jahr passierte, haben wir uns nachts weggeschlichen. Er hatte so wundervoll farbenfrohes Haar, ähnlich wie meins jetzt. Er hat mir gezeigt, wie man es färbt.“ Ich räuspere mich, ohne einen der anderen anzusehen. Eigentlich ist mir mein Liebesleben nie peinlich gewesen, doch vor Lucanis darüber zu reden macht mich nervös. Er soll keinen falschen Eindruck von mir gewinnen. Das damals hat nur funktioniert, weil wir uns so selten gesehen haben. Und es hat mir geholfen, einige Dinge über mich selbst zu realisieren. Ich hänge dieser Romanze jedoch absolut nicht mehr nach.
„Wir waren jung und sorglos. Und dumm. In einer besonders heißen Sommernacht sind wir Baden gegangen. Natürlich mussten wir eine Stelle suchen, wo uns niemand unserer Clans erwischen konnte. Es gab da diese versteckte Elfenruine direkt am See, die eigentlich verboten war, da jemand dort angeblich Dämonen gesehen hatte. In unseren Ohren klang das Ganze eher wie eine Geschichte, um uns von den Schätzen dort fernzuhalten. Tatsächlich gab es keine Spur von Dämonen oder anderen Gefahren, aber ein Lager mit Vorräten. Nichts von Interesse für uns, keine Schatztruhen, keine Artefakte, keine Spuren irgendwelcher alter Magie. Also haben wir uns ausgezogen und sind nackt ins Wasser gesprungen. Es gab Küsse und wir hatten … Spaß.“ Davrin nickt mir zu, als wisse er exakt, wovon ich spreche, und ich merke, dass die Wärme mein Gesicht erreicht hat, weil ich beim Erzählen ausschließlich an Lucanis denken kann. Er ist derjenige, der dort mit mir im See steht, seinen tropfenden Körper an meinen gedrückt, nachdem er mich mit Wasser bespritzt hat. Und dann arbeitet er sich mit den Händen weiter und weiter nach unten vor.
„Die Geschichte mit den Dämonen hat sich zwar nicht bestätigt, aber scheinbar gab es Fallen. Fallen, die wir in der Dunkelheit nicht gesehen haben. Erst als der Rauch des Feuers zu uns geweht ist, haben wir unseren Fehler bemerkt.“
„Die gesamten Vorräte sind verbrannt?“ Lucanis Frage holt mich in die Realität zurück.
„Nicht nur das.“ Ich verteile den letzten Rest des Weins. „Auch unsere gesamte Kleidung. Wir mussten so wir waren zurückkehren. Mittlerweile hatte natürlich das halbe Lager das Feuer bemerkt. Das war der unangenehmste Moment meines Lebens.“
„Rook gewinnt!“ Davrin hebt prustend den Becher.
„Ich würde lieber gegen das Hügelmonster kämpfen, als in diesem Moment Ihr zu sein“, bestätigt Lucanis mit schwerer Zunge. Seine Aussprache ist noch undeutlichen geworden und ich frage mich erneut, wie viel Wein er bereits getrunken hat. Plötzlich steht er hinter mir und stützt sich mit beiden Händen fest an meinen Schultern ab, als würde er das Gleichgewicht sonst nicht halten können.
„Obwohl ich das gerne gesehen hätte: Klein Rook steht wie ein nasser Hund vor dem Clan und muss alles beichten.“
Ob ihm bewusst ist, dass er gerade indirekt zugegeben hat, dass er mich gerne nackt gesehen hätte? Ich verstecke mein breites Lächeln hinter dem Weinbecher. Automatisch legt sich meine linke Hand auf Lucanis‘, bevor ich mich daran erinnere, dass Davrin uns sehen kann. Schnell ziehe ich sie zurück.
„Soll ich uns etwas kochen?“, fragt Lucanis und ich bin dankbar für die Ablenkung.
Davrin gibt ein brummendes Geräusch von sich. „Die Teller sind noch dreckig.“
„Ihr seid mit Spülen dran!“, sagen beide exakt gleichzeitig und brechen danach in schallendes Gelächter aus.
Obwohl ich tatsächlich Hunger bekomme, schiebe ich Lucanis auf seinen Platz zurück. „Die Hausarbeit kann warten“, bestimme ich. „Ich habe den Wein schließlich nicht umsonst aus der Dockstadt hergeschleppt.“ Wer kann schon sagen, ob wir erneut die Gelegenheit für einen ausgelassenen Abend haben werden? Wir sollten jede sorgenfreie Sekunde nutzen. Seit Wochen lässt mich das Gefühl nicht los, dass wir uns auf eine böse Überraschung zubewegen. Mit den Zähnen entkorke ich die Flasche.
Davrin prostet mir zu. „Das ist die richtige Einstellung.“
Der antivanische Hauswein schlägt die billige Flasche um Längen, sodass ich kurz bereue, sie heute geöffnet zu haben. Wie genussvoll Lucanis nach dem ersten Schluck die Augen schließt – fast so als würde er diese besondere Sorte Kaffee trinken – lässt mich allerdings alle Reue vergessen.
Er lehnt sich zurück. „Ah. Ein Stück Heimat.“ Mein Blick hängt an seinen weingeröteten Lippen. Ich weiß nicht, ob ich dieses Beisammensein durchstehe, ohne sie zu küssen.
„Also ich schmecke keinen Unterschied.“ Ich bin nicht sicher, ob Davrin wirklich so einen schlechten Geschmackssinn hat oder ob er Lucanis einfach ärgern möchte.
„Typisch Wächter“, folgt die Antwort sofort, doch der Kommentar besitzt nicht die übliche Schärfe. Ich habe Lucanis seit Zara nicht mehr so ausgeglichen erlebt. Er ist so schön, wenn er lächelt.
Ob es noch Schokolade gibt? Ich erhebe mich und durchsuche die Küche. Meine Schritte fühlen sich an, als würde ich auf Moos laufen – oder auf Wolken. Ich hatte beinah vergessen, wie angenehm das ist. Bei meinem letzten Glas Alkohol war ich noch mit Varric unterwegs. Schade, dass er weiterhin kaum aus dem Bett kommt. Er hätte uns alle unter den Tisch getrunken.
Tatsächlich finde ich einen Rest der kostbaren Süßigkeit und breche mir sofort ein Stückchen ab. Die Schokolade löst sich langsam in meinem Mund auf und ich schließe genussvoll die Augen. Gibt es etwas Leckereres da draußen?
„Habt Ihr wirklich nicht vor, mit uns zu teilen?“ Auf einmal steht Davrin vor mir und streckt fordernd die Hand aus.
Ich schaue auf das letzte Stück. Es reicht gewiss nicht mehr für zwei Leute aus. Außerdem ist das meine Schokolade. „Genügt es nicht, dass ich Wein mitgebracht habe?“, versuche ich mich aus der Affäre zu ziehen. Davrin scheint jedoch immun gegen meinen Charme zu sein, wie auch immer das möglich sein soll.
„Ihr hattet Euer Stück. Es wäre nur gerecht, wenn einer von uns den Rest bekäme.“
„Und mit einer von uns meint Ihr Euch selbst.“ Lucanis hat sich zu uns gesellt. Er hat eine Hand locker auf die Tischplatte gestützt.
„Stets so misstrauisch. Ihr brecht mein Herz.“ Der Elf fasst sich theatralisch an die Brust. Dann wendet er sich wieder mir zu. „Also Rook, wer soll das letzte Stück bekommen?“
Ich würde gerne die Vor- und Nachteile dieser Entscheidung abwägen, aber in meinem Kopf herrscht unerwartet völlige Leere. Auf meinen Lippen erscheint ein verlegenes Grinsen.
„Wir könnten einen Wettbewerb daraus machen“, schlägt Lucanis vor und ich hätte ich dafür küssen können. Nicht, dass ich einen Grund bräuchte. Aktuell fällt es mir eher schwer zu verstehen, wieso wir uns nicht längst eng umschlungen in den Armen liegen. Mein Körper reagiert auf seine Nähe. Allein sein Geruch löst Begehren in mir aus. Jedes Mal, wenn er mit dem Daumen über das Holz fährt, ist es, als würde er meine Haut berühren. Und Bosheit hält sich zurück, trotz unseres benebelten Zustands. Wenn er uns überwältigen wollte, wäre jetzt der beste Zeitpunkt, aber das scheint nicht in seinem Interesse zu liegen.
Ein Blinzeln später bin ich auf einmal Schiedsrichtere und muss darauf achten, wer die meisten Liegestütze machen kann. Die beiden Männer haben sich die Ärmel hochgekrempelt und sich links und rechts vom Kamin in Position gebracht. Davrins breite Arme stemmen ihn im Sekundentakt vom Boden, während er laut mitzählt. Lucanis‘ sehnige Muskeln werden hingegen erst jetzt sichtbar. Langsamer, aber mit einer unvergleichlichen Geschmeidigkeit, bewerkstelligt er eine Liegestütze nach der anderen, als würde er es jeden Tag tun. Vielleicht macht er das sogar.
Sie lassen sich die Anstrengung nicht anmerken. Bisher liegt Davrin in Führung, andererseits verliert er sichtlich an Geschwindigkeit. Ich bin einfach froh, dass die beiden wirklich einen Weg gefunden haben, miteinander auszukommen – auch wenn es in Form einer seltsamen brüderlichen Konkurrenz ist. Da spielt es für mich keine Rolle, wer am Ende gewinnt.
Der Anblick von Lucanis macht mich zunehmend unkonzentriert und ich kann nicht mehr sagen, wer in Führung liegt. Mit diesen Armen könnte er mich überall hintragen. Ich würde mich von ihm auf die höchsten Dächer Trevisos bringen lassen oder in einsame Ruinen am Strand. Mehr und mehr schamlose Fantasien fluten meinen Kopf. Ich versuche, sie mit Wein zu betäuben, doch gegen die Dinge, die Lucanis in mir auslöst, ist jeder Alkohol machtlos.
Davrins Atem ist nur noch Schnauben und schließlich bricht er unverständlich jammernd auf dem Teppich zusammen. Währenddessen haben auch Lucanis‘ Muskeln begonnen zu zittern, das Haar klebt ihm auf der Stirn und seine Lippen sind fest zusammengepresst. Ich zähle weitere zwei, drei, vier Liegestütze. Mit einem verzweifelten „mierda“, will er sich ein letztes Mal hochdrücken, kapituliert aber atemlos.
Sie warten darauf, dass ich einen Gewinner bekanntgebe, doch ich weiche ihren Blicken aus. Komischerweise ist mein Becher schon wieder leer, dennoch umfasse ich ihn mit beiden Händen.
„Rein hypothetisch, wie böse wärt ihr mir, wenn ich nicht mitgezählt habe?“
Davrin rappelt sich auf und klopft mir lachend auf die Schulter. Erst jetzt bemerke ich, dass ich mir wie ein verlegenes Kind auf die Unterlippe beiße. Ich bin wirklich froh, genügend andere hilfreiche Fähigkeiten zu haben, sonst hätte das hier unangenehm werden können. Ich entschuldige mich und helfe Lucanis auf. Sobald sich unsere Hände berühren, fährt ein elektrisches Kribbeln durch mich hindurch und ich weiß, dass er ihm genauso geht.
Er klopft sich den Staub von der Kleidung. „Davrin kann die Schokolade haben. Ich war nicht gut genug.“
Davrins Mimik hellt sich auf. „Das ist … Danke.“ Er schnappt sich das Stück vom Tisch, während Lucanis und ich einen vielsagenden Blick austauschen. Ich kann in meinem Kopf hören, wie er den Satz von vor ein paar Stunden wiederholt: ‚Rook, Ihr seid unmöglich.‘
Ich kneife die Augen zusammen und klammere mich in die Blätter. Der Himmel hat ein tiefes Indigo angenommen, graue Wolken hängen unbeweglich hinter den ewig kreisenden Ruinen und trotzdem ist es viel zu hell. Ich recke den Hals, um die Sonne zu suchen, und muss kichernd feststellen, dass es sie hier natürlich nicht geben kann. Wie konnte ich nur vergessen, dass wir im Nichts sind?
„Rook, was ist los?“, flüstert Lucanis hinter mir. Er hat sein Cape angezogen und sitzt in der Hocke, wobei er wie ein Pendel hin und her schwankt.
„Ist es nicht absurd, dass wir im Nichts sind?“ Das Kichern erschüttern meinen ganzen Körper und ich muss innehalten, um auf dem unebenen Holz nicht abzurutschen. Davrin dreht sich zu mir um und legt den Finger auf die Lippen. Er ist, genau wie ich, auf allen Vieren.
„War dieser Baumstamm schon immer so lang?“ Lucanis hat aufgeholt. Seine Stimme kratzt tief in seinem Hals. Mir wird schwindelig von seinem Wackeln. Ich bewege mich weiter nach rechts, um mehr Abstand zwischen mich und den Abgrund unter uns zu bringen. Mein Magen beschwert sich lauthals beim Gedanken an den Fall. Wo kommt eigentlich das ganze Grünzeug her? War diese Brücke nicht ursprünglich kahl? Harding flüstert wirklich zu jeder Pflanze, die sie findet. Vielleicht reicht auch ihre bloße Anwesenheit, damit etwas gedeiht. Sie läuft immerhin täglich diesen Weg. Stein- und Pflanzenmagierin Harding, denke ich und kichere wieder.
Lucanis‘ Arm streift meinen und ich drücke mich ihm entgegen. Sein linker Fuß rutscht in die Lücke zwischen den Baumstämmen. Ein überraschter Laut entkommt seinen Lippen, während er auf dem Hintern landet. Diesmal kann ich das Lachen nicht zurückhalten. Ich denke nicht darüber nach, ich umfasse Lucanis an der Taille und ziehe ihn an mich heran. Meine Nase landet mitten im wilden Haar und kurz versetzt mich dessen Geruch in die Vorratskammer, dann verliere ich das Gleichgewicht. Wir landen hart auf dem Holz. Der andere Körper liegt schräg auf meinem Bein. Ich fühle die Wärme, die er ausstrahlt. Lucanis rappelt sich auf, aber bevor er sich abwenden kann, habe ich meine Hand in seinen Nacken gelegt.
Ich kann ihn doch nicht gehen lassen. Wir haben uns irgendwas zwischen zwei und zweihundert Stunden nicht mehr geküsst. Soll Davrin es doch sehen! Er kann auch einen Schmatzer haben, wenn er möchte.
Wieso dreht sich alles eigentlich so? Ich lasse Lucanis los und starre auf den Boden, bis ich die Rinde und die Blätter und den Mann neben mir wieder scharf sehen kann.
Davrin hat die Tür zu Hardings Quartier bald erreicht. Wer hätte gedacht, dass er mal am unauffälligsten sein würde? „Vergesst unsere Mission nicht“, ermahnt er uns und grinst dabei wie ein Pferd. „Wir brauchen diese Pflanze, um den morgigen Tag zu überstehen. Niemand darf uns den Wein anmerken.“
Stolz nehme ich meine Position wieder ein und gemeinsam klettern wir drei weiter. Diesmal achte ich noch mehr darauf, in den Blätterranken Sicherheit zu finden – und keinen Lauten zu machen. Davrin hat recht, wir haben eine wichtige Mission. Ich muss mich konzentrieren. Harding darf uns nicht hören. Ich muss eine Krähe sein und mich in den Schatten bewegen.
Mit einem verschwörerischen Gesichtsausdruck wartet Davrin auf uns, wo die Baumstammbrücke in den quadratischen Fliesenboden des Leuchtturms übergeht.
„Gut“, flüstert er. „Ich werde also die Tür öffnen und Lucanis geht rein.“ Er zeigt auf mich. „Sollte Harding wach werden, lenkt Ihr sie ab, bevor sie Lucanis sehen kann. Ihr seid gut in diesen Rede-Dingen.“
Ich nicke ernst. „Davrin, das ist der beste Plan, den wir jemals hatten. Ich bin so froh, dass wir Euch auf unserer Seite haben.“
Bevor er reagieren kann, schmiegt sich Lucanis an meine Seite. „Euer Herz ist so sanft, verrückte Person.“ Er schüttelt den Kopf, gleichzeitig wandert seine Hand verdeckt an meiner Rückseite entlang. Ich weiß nicht, was hier passiert, aber es ist schlicht wunderbar. Kann mich bitte jemand erinnern, wieso es eine schlechte Idee ist, jetzt herumzumachen?
Plötzlich ist es vorbei – wahrscheinlich habe ich mir das Ganze nur eingebildet, oder? Ist eigentlich auch egal. Ich konzentriere mich ab sofort wieder auf unser Ziel.
„Bereit?“, fragt Davrin und legt die Hand auf die Tür.
Lucanis geht wieder in die Hocke. „Ich werde mir die Achillea schnappen und wieder verschwunden sein, bevor Ihr bis drei zählen könnt.“
Mein Herz schlägt angespannt. Gleich ist es soweit. Ich versichere mich ein letztes Mal, dass niemand sonst auf dem Hof ist. Stumm zählen wir gemeinsam runter.
Die Tür schwingt auf.
Dahinter steht Harding und reibt sich die Augen. Zum ersten Mal sind wir es, die zu ihr aufschauen müssen. „Wisst Ihr eigentlich wie laut Ihr seid?“


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