8. Geflüsterte Worte
Content Notes
In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.
Ich ringe nach Atmen. Meine Lunge brennt. Nur langsam klart mein Blick auf und ich stecke die Waffe weg. Immer wenn ich glaube, dass es nicht schlimmer werden kann, tauchen zehn neue Probleme auf – oder ein zweiter Drache. Die Ruhe des nächtlichen Waldes liegt unerreichbar weit entfernt. Alles, was ich wahrnehme, ist Dreck und die Reste von Magie, die sich langsam in der Luft verflüchtigen. Benebelt steige ich aus der matschigen Brühe, die sich durch das Blut der Drachen dunkel verfärbt hat.
Evka stützt sich mit beiden Händen auf ihren Hammer. Ihre Muskeln zittern noch, aber sie ist am Leben. Wir sind am Leben. Antoine schmiegt sich dicht an die Seite seine Partnerin, als würde er sonst nicht glauben, dass sie beide den Kampf unverletzt überstanden haben. Bewunderung und Stolz glitzern in seinen dunklen Augen und er spricht aus, was weiterhin unglaublich erscheint: Es gibt jetzt zwei Drachen weniger auf dieser Welt.
Ich möchte zugleich in mein Bett und in Lucanis‘ Arme fallen. Allerdings habe ich ihn noch nicht gesehen, seit ich aus der Arena geklettert bin. Bestimmt ist er bei seinen Leuten und feiert unsere Rache. Unauffällig suche ich mit dem Blick nach ihm, doch unter all den Krähen kann ich ihn nicht entdecken.
Dann stellt Antoine die Frage, die mich seit Elgar’nans Auftauchen beschäftigt und mich daran erinnert, dass dieser Sieg nur ein kleiner ist. „Wie finden wir sie? Die Götter, meine ich.“
Ich verschränke die Arme, nehme zum ersten Mal die verkohlten Stellen und den Schmutz auf meiner Robe wahr und seufze. Es geht immer weiter, wir können uns nicht einmal nach dem Sieg über zwei Drachen eine Pause erlauben. Ich möchte nicht über unsere nächsten Schritte sprechen müssen, alles was ich will, ist über Lucanis herzufallen und mich versichern, dass es ihm wirklich gut geht. Dies ist endlich ein Kampf, aus dem er ohne schlechtes Gewissen herausgehen kann.
Ich erzähle knapp, was ich mitanhören durfte, schlage vor, den Schleierspringern zu helfen und kann endlich gehen. Sobald ich den Wächtern den Rücken zuwende, spüre ich die Erschöpfung in meinen Knochen. Ich lasse Taash und Harding stehen und halte mich an Viago.
„Habt Ihr Lucanis gesehen?“, frage ich mit klopfendem Herzen und versuche, dabei nicht hoffnungslos verliebt zu klingen.
„Ich glaube, er war bei Teia“, meint er, ohne mich anzusehen. Viago verhält sich mir gegenüber immer noch distanziert, stets umgeben von einer Aura des Mysteriösen. Ich kann diesen Mann wirklich nicht lesen, ich weiß nicht einmal, ob er mich leiden kann. Vielleicht duldet er mich auch nur an seiner Seite, weil ich so viel für Treviso getan habe.
Wir laufen schweigend hintereinander ins Lager zurück, bis mir auffällt, dass ich mich bisher nicht bedankt habe. „Ihr Krähen seid wirkliche Lebensretter“, beginne ich, doch als ich Lucanis entdecke, vergesse ich, was ich hinzufügen wollte.
„Wir sind das genaue Gegenteil“, sagt er schmunzelnd und ich muss mich aktiv zurückhalten, ihm nicht um den Hals zu fallen.
„Es ist das mindeste, was wir tun konnten, nachdem ihr Treviso gerettet habt“, stellt Viago fest. Für einen Moment habe ich das Gefühl, dass er mir einen vieldeutigen Blick zuwirft, doch als ich ihn genauer mustere, bleibt die Fassade undurchdringbar, wie eine makellose Marmorstatue. Er ist nicht mein Fall, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ihm daheim die Leute zu Füßen liegen.
Weitere Krähen und Wächter kommen dazu. Manche klopfen mir auf die Schultern, andere überhäufen mich mit Komplimenten. Jemand reicht mir frisches Wasser. Es fällt mir schwer, ihren Worten zu folgen. Eigentlich möchte ich mich an Lucanis drücken, so wie Antoine es bei Evka getan hat und die Sicherheit dieser Berührung genießen. Stattdessen erzähle ich ein paar Details über die Drachen und bin dankbar als Taash hinter mir auftaucht und meine laienhaften Ausführungen korrigiert. Während alle wie gebannt an hens Lippen hängen, nutze ich die Gelegenheit, mich unauffällig zu entfernen.
Abseits des Trubels finde ich mich in den Resten eines schmalen Turms wieder, dessen Boden zum Glück nicht überschwemmt ist. Erschöpft lehne ich mich an die nackte Steinwand, die kühl gegen meinen erhitzten Körper drückt. Wir haben gerade zwei Drachen gleichzeitig bekämpft – und niemand von uns wurde verletzt. Wie ist das überhaupt möglich?
In einem Anflug von Panik, prüfe ich meine Gliedmaßen. Meine Hände sind kalt, die Finger lassen sich jedoch bewegen, genau wie meine Arme und Beine. Da sind keine blauen Flecken oder Schmerzen und ich schmecke weder Blut noch Galle. Abgesehen von einem Kratzer an der Schulter bin ich tatsächlich heil davongekommen. Verdammt, es war ein guter Kampf. Wir haben den Göttern gezeigt, dass wir uns verteidigen können – und dass wir zurückschlagen.
Einen Moment verweile ich mit geschlossenen Augen im Siegestaumel. Läge ich in einem Bett, könnte ich sofort einschlafen, aber noch tragen mich Freude und Stolz. Außerdem stehen die Grauen Wächter jetzt endlich hinter uns. Trotz ihrer Verluste ist dies auch ein Sieg für sie.
„Seid Ihr hier?“
Ich hatte gehofft, dass er mir folgen würde. Er hat mich nachts in einem riesigen magischen Wald gefunden, verstecken ist unmöglich. Zwischen halb geöffneten Lidern sehe ich Lucanis um die Ecke huschen und strecke die Hand nach seiner Wärme aus. Er landet so grazil vor mir, dass ich nicht sicher bin, ob er die Dämonenflügel benutzt hat.
Mit etwas Abstand mustert er mich, bevor er sich ganz in meine Arme sinken lässt. „Ich bin froh, dass Euch nichts passiert ist,“ flüstert er, den Mund dicht an meinem Ohr. „Nachdem Ghilan’nain und der zweite Drache aufgetaucht sind, wäre ich fast zu Euch hinuntergesprungen. Bosheit war nervös.“
Ich streiche ihm eine Strähne hinters Ohr. „Es geht mir gut. Genau genommen geht es mir sogar besser als vor einer Minute.“ Seine Nähe beginnt schon wieder, mir wilde Bilder in den Kopf zu setzen. Und wieso sollte ich mich zurückhalten? Wir müssen nicht sofort zum Leuchtturm zurückkehren. Lassen wir die anderen feiern und einen Moment ausruhen, während wir die wertvolle Zweisamkeit genießen. Voller Sehnsucht drücke ich meine Lippen auf seine.
Es ist ein Kuss wie Sommergewitter, laut, warm und aufregend – aber kurz. Ich seufze in mich hinein. „Rook, Ihr seid unbelehrbar.“ Er deutet ein Kopfschütteln an. „Habt Ihr noch nicht genug?“
Niemals. Ich will wieder und wieder alle Details in mir aufnehmen: Die geröteten Lippen, die geraden Augenbrauen, der Übergang zu seinem Bart und oh, diese Wangenknochen! Sein wundervolles Gesicht nähert sich erneut, doch bevor wir uns küssen, hält er für einen Moment inne und beschenkt mich mit diesem verliebten Blick. Ich vergesse, wer ich bin.
Die Berührung unserer Lippen geht wie ein Blitzschlag durch mich hindurch. Ich weiß wirklich nicht, womit ich dieses Glück verdient habe und ich bekomme keine Möglichkeit darüber nachzudenken. Plötzlich hat er meine Handgelenke erfasst und presst mich gegen die Wand. Überrascht keuche ich auf und verfluche innerlich, dass wir beide viel zu dicke Kleidung tragen. Ich vermisse die verlockenden Knöpfe seiner Weste. Ob sie irgendwo unter der Rüstung auf mich warten?
Lucanis nähert sich meinem Ohrläppchen und ich muss die Zähne zusammenpressen, um uns nicht zu verraten. Nur eine Steinmauer trennt uns vom Lager. Jede Sekunde könnte jemand hinter die spärliche Barrikade gucken und uns entdecken. Es spielt keine Rolle. Was immer das hier ist, ich möchte nicht, dass es ewig ein Geheimnis bleibt. Ich möchte bloß, dass wir den Raum haben, es selber herauszufinden, in unserem Tempo.
Meine Finger lechzen danach, wieder durch sein Haar zu gleiten, doch er hält mich weiter fest, wandert in hunderten kleinen Küssen meinen Hals hinab. Erinnerungen an Bosheit wollen sich an die Oberfläche kämpfen. Sie haben hier keinen Platz. Nicht jetzt. Das ist unser Moment.
„Rook?“
Die Stimme dringt wie durch Watte an mein Ohr. Lucanis hält lauschend inne.
„Ich habe hen vorhin bei den Krähen gesehen.“ Das ist Taash. Ihre Schritte sind ganz nah.
„Seltsam. Hen würde doch nicht ohne uns gehen.“ Harding klingt, als würde sie direkt neben uns stehen.
Lucanis lässt mich los, doch als sich unsere Blicke treffen, verfalle ich in ein aufgeregtes Kichern. Es ist, als wäre ich plötzlich zehn Jahre jünger und würde meinen ersten Schwarm heimlich unter der Weide am Fluss treffen. Ich presse mir beide Hände auf den Mund, was das Kichern allerdings verstärkt. Hoffentlich hat Lucanis eine gute Ausrede parat, mir fällt nämlich nicht ein, wieso wir hier mit geröteten Wangen sein sollten. Ohne Aussicht auf Erfolg versuche ich, mich zu beruhigen. Verzweifelt halte ich die Luft an und zähle langsam bis drei.
Harding und Taash entfernen sich und wir atmen gleichzeitig aus. Ich löse die Hände und stütze mich an Lucanis Schulter ab, während ein letztes tonloses Kichern durch mich jagt. Einatmen, ausatmen. Sie haben uns nicht gehört, wir sind davongekommen.
Lucanis richtet seinen Kragen. „Ihr macht mich wahnsinnig,“ sagt er mit gedämpfter Stimme, während er zeitgleich über meinen Oberarm fährt.
„Aber Ihr könnt trotzdem nicht genug von meinem wunderschönen Gesicht bekommen?“ In dieser vorgelehnten Haltung schaffe ich es, ihm unschuldig von unten in die Augen zu sehen. Ein effektvolles Blinzeln, eine Hand auf seiner Brust und wieder sind wir fest umschlungen. Nur noch dieser eine Kuss – oder auch zwei – dann können wir aufbrechen.
Zum zweiten Mal rolle ich das dünne Papier auseinander und halte es näher ans Licht, als würde mir das helfen, den Inhalt zu verstehen. Ich muss ausnahmsweise wirklich tief geschlafen haben, denn ich habe nicht bemerkt, wie es den Weg auf meinen Tisch gefunden hat.
Rook,
ich brauche mehr Antworten über alles, was vorgefallen ist. Emmerich hat mir angeboten, seine Methoden zu benutzen. Sollte etwas schiefgehen, werde ich es beenden. Ihr habt mein Wort. Wenn Ihr dabei sein möchtet, findet Ihr uns in Emmerichs Quartier.
– Lucanis
Verwirrt lege ich es zur Seite. Was meint er mit, er wird es beenden, wenn etwas schiefläuft? Was genau haben die beiden geplant? Und wieso konnte er mir das nicht sagen? Wieso diese Heimlichkeit?
Ich strecke mich gähnend. Ein Liebesbrief hätte mir besser gefallen als eine Einladung ins Quartier des Nekromancers. Diese ganzen nevarranischen Bräuche sind mir nach wie vor unheimlich. So freundlich Manfred auch sein mag, mir genügt ein im Turm herumlaufender Toter völlig.
Auf dem Weg zur Küche schaue ich bei ein paar Teammitgliedern vorbei, aber mit leerem Magen bin ich nicht bereit für das, was mich bei Emmerich erwartet. Hoffentlich kann Lucanis sich etwas gedulden. Bevor wir irgendwelche gewagten Experimente durchführen, würde ich gerne mit ihm sprechen. Ich möchte wissen, wie er zu Illarios Blutmagie steht, und was wir unternehmen sollen, wenn sich das Schlimmste bestätigt; wenn sich herausstellen sollte, dass tatsächlich Illario Lucanis verraten hat.
Bellara sitzt allein am großen Tisch. Neben ihrer Schale mit Obst liegt ein aufgeschlagenes Buch. Sie nimmt kaum Notiz von meinem Eintreten, doch als ich mir eine Scheibe Käse abschneide und sie mir in den Mund schiebe, wirft sie mir einen vorwurfsvollen Blick entgegen.
„Ich kann nicht glauben, dass das Euer Frühstück ist.“
Ertappt schlucke ich den Bissen herunter. „Für mich genügt es“, nuschle ich schulterzuckend und setze mich zu ihr. Mein Blick bleibt an der Kaffeekanne hängen und wandert von dort zur Vorratskammer. Natürlich ist Lucanis bereits wach – falls er überhaupt geschlafen hat.
„Aber Ihr seid nicht die erste Person, die mein morgendliches Essverhalten beanstandet. Ihr hättet Lucanis vor ein paar Wochen sehen sollen. Ich dachte, er springt gleich durch den nächsten Eluvian, um mir ein ausgewogenes Frühstück zu bringen.“
Ein Lächeln huscht über das Gesicht der Elfe, aber erstirbt etwas zu rasch. „Ist … ist alles in Ordnung mit Lucanis?“, fragt sie zögerlich. „Ich habe gehört, dass Bosheit sich ihm erneut ermächtigt hat und gestern ist er plötzlich aus dem Lager der Grauen Wächter verschwunden.“
„Genau wie Rook.“ Taash steht im Eingang, den hen beinah vollkommen ausfüllt. Ein dünner Schweißfilm ist auf hens Stirn, bestimmt hat hen den Tag mit Liegestützen begonnen.
Plötzlich ist die Tasse in meiner Hand wahnsinnig interessant geworden. Ich fahre mit dem Daumen an der erwärmten Oberfläche entlang und presse die Lippen zusammen, als würden Lucanis Berührungen nicht auf meiner Haut nachkribbeln. Bloß nicht hochschauen, bloß nicht das innere Grinsen an die Oberfläche kommen lassen. Das ist ein völlig normales Gespräch.
„Oh. Es ist wegen Bosheit, nicht wahr?“ Bellara hat das Buch zugeklappt und ich wage es, wieder über den Rand der Tasse hinwegzuschauen.
Mein Kopf rast und findet keinen Ausweg. Ich möchte nicht zugeben, dass wir uns zusammen fortgeschlichen haben, doch lügen möchte ich genauso wenig.
„Es ging nicht um Bosheit, es ging um mich“, sage ich mit trockenem Hals. „Nach den Drachen und Elgar’nans Auftauchen brauchte ich eine kurze Auszeit. Lucanis hat mich zufällig gefunden. Tut mir leid, dass ich Euch Sorgen bereitet habe.“
Ich fliehe in einen tiefen Schluck Kaffee, um ihre Reaktionen nicht sehen zu müssen. Das Schweigen kommt mir ewig vor und ich fühle mich plötzlich so durchsichtig wie ein Stück Fensterglas. Bestimmt haben sie längst bemerkt, wie häufig ich die Vorratskammer besuche. Wie ich Lucanis ansehe, ist wahrscheinlich auch nicht gerade subtil. Ich bin naiv zu glauben, etwas vor diesem klugen Team verbergen zu können.
Aber nichts dergleichen wird ausgesprochen. Bellara nickt mit vollem Mund und ich glaube, Erleichterung in ihrer Mimik zu erkennen. Taash hingegen hat sich mit einem Teller neben sie gesetzt. „Sagt das nächste Mal einfach Bescheid.“ Ich kann hens Ton nicht entnehmen, ob es ein Befehl oder eine Bitte ist, aber ich gebe mich damit zufrieden.Eigentlich wollte ich mich nicht so lange aufhalten. Ich lausche auf ein Geräusch auf der anderen Seite der Wand, irgendwas, das mir verrät, ob Lucanis wirklich dort ist, aber wie erwartet höre ich nichts. Hätte er sich nicht eine Kammer aussuchen können, die ohne das Durchqueren eines gemeinschaftlichen genutzten Raumes erreichbar ist? Dann könnte ich jetzt zumindest unauffällig nach ihm sehen.
Ein paar Minuten schaue ich den anderen beim Essen zu, während ich genug Entschlossenheit ansammle, aufzustehen und vor ihren Augen zu Lucanis zu gehen. Es sollte sich nicht verdächtig anfühlen, aber ich kann den Gedanken nicht abschütteln, dass Taash mir nicht vollends glaubt, wieso ich gemeinsam mit unserem Auftragsmörder verschwunden bin. Seit meinem nächtlichen Ausflug schaut Emmerich mich häufig so seltsam an. Ich brauche keine zweite Person, die sich unnötig Gedanken um mich macht. Es ist meine Aufgabe, den Berg an Problemen der Gruppe zu verringern und nicht, ihm etwas hinzuzufügen.
„Ich werde mal nach ihm sehen.“ Ich nehme die Kaffeekanne und deute mit dem Kopf auf die Vorratskammer. Die zwei Augenpaare liegen spürbar auf meinem Rücken. Es wäre leichter, wenn Lucanis und ich einen Schritt weiter wären. Ich bin nicht wie er, Heimlichkeiten liegen mir nicht. Dabei weiß ich gar nicht, was unsere Küsse bedeuten. Vielleicht bin ich für ihn nur eine Ablenkung, eine einfache Möglichkeit, das innere Verlangen zu stillen. Ich schiebe den Gedanken zur Seite und öffne die Tür.
Lucanis lehnt mit dem Rücken an der Wand und hat die Arme verschränkt. Seine dunklen Augen legen sich langsam auf mich, kaum überrascht über mein Eintreten. Zeitgleich umfasst mich die Wärme des Raumes und ich rieche die vertraue Mischung aus Kaffeebohnen und Kerzenwachs.
„Hoffentlich störe ich nicht. Ich habe Kaffee dabei.“ Etwas unbeholfen wedle ich mit der Kanne herum.
„Rook, Ihr seid ein Lebensrettere.“
„Keine gute Nacht?“, frage ich knapp.
Er wendet sich ab und ich erkenne, dass die Ringe unter seinen Augen dunkler geworden sind.
„Ich dachte, es würde mit Zaras Tod besser, aber …“ Er bringt den Satz nicht zu Ende. Stumm fülle ich seine Tasse auf und reiche sie ihm.
Er atmet den heißen Dampf tief ein. „Es wird Zeit, dass wir über Illario reden“, stellt er bitter fest. Sein Kiefer ist angespannt. Ich kann sehen, dass es Furcht vor dem ist, was sich herausstellen könnte.
Vielleicht hilft es ihm, wenn ich starte. „Ist Euch aufgefallen, dass er von Beginn an versucht hat, Euch aus den Angelegenheiten in Treviso herauszuhalten? Zuerst habe ich mir nichts dabei gedacht, aber jetzt möchte er, dass Ihr den Krähen vollständig fernbleibt.“
Lucanis schaut zu Boden. Ich mache einen Schritt auf ihn zu, um sicherzustellen, dass er bereit ist, mir weiter zuzuhören. Der Ausdruck, der mich trifft ist kalt, aber sagt mir, dass es in Ordnung ist.
„Ich glaube seinem Gerede um die Sicherheit der Familie nicht. Er hat etwas zu verbergen.“
„Aber er hat recht. Ich bin eine Gefahr für Treviso!“, platzt es aus Lucanis heraus. Seine Pupillen blitzen auf und ich mache den Fehler, intuitiv zurückzuweichen. „Selbst Ihr habt Angst vor mir.“ Er klingt so gebrochen, dass ich mich am liebsten für meine Reaktion ohrfeigen würde. Ich will nach seinen Händen greifen, doch diesmal ist er derjenige, der einen Schritt zurück macht.
„Rook, wir …“
Ich schlucke den Kloß in meinem Hals herunter, froh, dass er die zerstörerischen Worte nicht ausspricht. Zwischen uns stehen sie dennoch, wie ein unsichtbares Mahnmal. Meine Hände zittern. Habe ich gerade innerhalb einer Sekunde alles ruiniert?
Verzweifelt lege ich den Kopf in den Nacken, um die Tränen zurückzuhalten. Ich will nicht, dass es vorbei ist. „Ich habe nur Angst, Euch zu verlieren.“ Beinah hätte ich die Worte geschrien. Überrascht über meine eigene Lautstärke werfe ich einen Blick zur Tür, die zum Glück hinter mir zugefallen ist. „Lasst Euch bitte nichts von Illario einreden“, füge ich leiser hinzu. „Er hat Blutmagie verwendet.“ Jetzt flüstere ich.
Erneut schaut Lucanis zu Boden, aber immerhin vergrößert er den Abstand zwischen uns nicht weiter. „Bosheit hätte ihn fast umgebracht.“ Unausgesprochen darunter liegt die harte Wahrheit, der Satz, welchen er nicht auszusprechen wagt: ‚Ich hätte ihn fast umgebracht‘.
Diesmal lässt er zu, dass ich seine Hände in meine nehme. Seine Finger sind ungewöhnlich kühl. „Illario hat Zara daran gehindert, die Identität des Verräters zu offenbaren. Welches Interesse hätte er daran, wenn er nicht in das Ganze involviert ist? Außerdem hat sie ihn erkannt, erinnert Ihr Euch? Sie hat ihn Amatus genannt.“ Erinnerungsfetzen huschen vor meinem inneren Auge vorbei. Klebrige Blutreste am Boden des Beckens, zerlaufene Schminke, der alles einnehmende Eisengestank.
„Nein.“ Lucanis befreit sich. „Ich möchte mir das nicht ausmalen.“ Bevor er stolpern kann, nehme ich sanft seinen Arm und helfe ihm auf das Bett. Bisher war ich nicht sicher, was ‚Amatus‘ bedeutet, aber meine Vermutung wurde soeben bestätigt. Illario und Zara waren Liebhaber.
„Dieser … Er hat mir geschrieben.“
Lucanis beugt sich vor und zieht die Schublade des Nachtischs auf. „Ich war nicht sicher, was ich damit tun soll.“
Der Brief ist in schmaler Handschrift verfasst. Ich überfliege den Inhalt, doch am Ende gerate ich ins Stocken. „… Als der Dämon sprach, erkannte ich den Mann vor mir nicht wieder. Dass du die Kontrolle verlorst, zeigt, wie viel dir genommen wurde“, lese ich ungläubig vor und falte das Papier zusammen. Ich möchte nicht länger darauf schauen. „Er spielt die Rolle des besorgten Verwandten einwandfrei.“
„Wenn er das wirklich nur vortäuscht, gibt es keinen Grund mehr, ihm jemals wieder zu glauben.“ Da ist sie wieder, diese Mischung aus Zorn und Trauer, ein brennender schwarzer See.
Aufmunternd streiche ich über den seidenen Stoff von Lucanis Weste, bevor ich meine letzte Frage stelle: „Wusste Illario von Eurem Auftrag? In der Nacht, in der Ihr geschnappt wurdet, meine ich.“
Lucanis‘ „Ja“ beinhaltet so viel Enttäuschung, dass ich es körperlich spüre, wie die Emotionen mich erdrücken. Für Minuten sitzen wir so dar, versuchen zu atmen und das alles irgendwie zu begreifen.
„Lasst uns zu Emmerich gehen“, bricht er schließlich das Schweigen.
Auf dem massivem steinernen Untersuchungstisch liegt eine verkohlte Frauenleiche, als wäre sie schon immer Teil der Einrichtung gewesen. Mit gewissem Abstand bleibe ich hinter Lucanis stehen, der dem Professor zur Begrüßung zunickt. Der Raum riecht nach Kerzen und Papier, aber ich kann keine Verwesung wahrnehmen.
Lucanis bedeutet mir näherzukommen, was vollkommen gegen jeden meiner Instinkte geht. Unsicher mache ich einen kleinen Schritt und erkenne Zara Renata. Ich hätte es wissen müssen. Und das sind keine Brandspuren, sondern die Reste ihres Blutbads, die wie eine dicke braune Schlammschicht auf ihrer Haut getrocknet sind. Das ist nicht richtig. Es sollte nicht normal sein, mit den Toten zu sprechen – auch wenn ich Zara keine Sekunde Ruhe wünsche, wo auch immer sie jetzt ist. Ich wende mich ab. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich diesen Körper nie wieder zu Gesicht bekommen. Ich bekomme die Schrecken ihres Blutbades ohnehin nicht aus dem Kopf.
Emmerich schiebt die Ärmel seines weißen Hemds unter dem Klimpern der Armreifen hoch. „Macht Euch keine Sorgen, es ist vollkommen sicher. Seid Ihr bereit?“
„Ich muss es einfach wissen“, sagt Lucanis an mich gewandt und es klingt wie eine Entschuldigung.
Das geht mir alles zu schnell. Wie lange planen die beiden das hier bereits? Während ich noch darüber nachdenke, wie viele Leichen der Professor schon ohne mein Wissen in den Turm geschmuggelt haben mag, hebt er die Hände bereits über den leblosen Körper. „Möge die Flamme Euren Blick neu entfachen. Mögen Atem und Licht zurückkehren.“
Ich möchte die Augen schließen, aber es ist zu spät. Eine Vibration geht durch die Leiche. Die farblosen Lippen zucken und ein grausiges Röcheln entkommt der Kehle. Ich werde mich nie daran gewöhnen. Das Flüstern der ehemaligen Kultistin ist wie ein kaltes Rascheln im Wind, trotzdem höre ich es ganz deutlich. Amatus. Selbst im Tod bleibt das ihr Name für Illario. Mir wird übel.
„Er hat uns beide getäuscht.“ Unbemerkt rücke ich näher an Lucanis heran, streife wie zufällig seinen Handrücken. Ich kann mir kaum vorstellen, wie schwer das für ihn sein muss. Und ich möchte für ihn da sein, aber ich bin nicht auf diese bleichen Lippen vorbereitet, die sich puppenartig bewegen, ohne dem restliche Gesicht Leben einzuhauchen.
Zaras Kopf wendet sich wie ein absehbares Unheil zu uns. Ich habe Angst, dass mich die toten Augen streifen. Lange halte ich das nicht mehr aus. Lieber kämpfe ich gegen zehn weitere Erzdämonen, als länger als nötig dieses gruselige Schauspiel mitanzusehen. Emmerich hat die Handflächen aufeinandergelegt und lauscht konzentriert dem, was Zara offenbart. Ich weiß nicht, wie er diese Stimme ertragen kann, diese schlechte Imitation einer vergangenen Menschlichkeit. Was wäre, wenn ich jetzt dort läge? Würden sie auch auf mein nutzloses Fleisch starren, mit dem einzigen Ziel, eine letzte Information aus mir herauszuholen?
Ich kann den Moment sehen, in dem Lucanis zu verstehen beginnt; in dem Wut, Furcht und Leid zusammen mit der schmerzvollen Wahrheit ein Band knüpfen, das die alten Wunden aufreißt und blanken Hass zurücklässt. Es fühlt sich nicht gut an, recht zu behalten.
Es ist allerdings schlimmer, wenn neue Enthüllungen zum Erwartbaren hinzutreten, die noch zerstörerischer sind.
„Illario arbeitet für Elgar’nan?“ Fassungslos schaue ich zwischen Emmerich und Lucanis hin und her. Ist denn jede Person, auf die wir treffen, in diese Sache verwickelt? Dort draußen herrscht so viel Gier, so viel Hunger nach Macht. Ich habe genug. Wir müssen dem ein Ende bereiten. Wenn ich könnte, würde ich sogleich sämtlichen falschen Göttern meine Blitze ins Gesicht schleudern.
Meine Wut ist nichts gegen die Emotionen, die ich in Lucanis‘ Gesicht sehe. Seine Stimme ist unkontrolliert rau. „Wir haben genug gehört“, weist er Emmerich an, der die Verbindung sofort kappt. Ich versuche, nicht zu auffällig aufzuatmen. Auf eine paradoxe Weise sieht Zara jetzt friedlich aus. Nicht wie eine gewissenlose Kultistin, die hunderte Leben ausgelöscht hat.
Schweigen legt sich wie eine dünne Schneeschicht zwischen uns. Nichts, was ich sagen könnte, wäre ein Trost. Plötzlich erinnere ich mich daran, wie wir zum ersten Mal gemeinsam über den Markt in Treviso gegangen sind, lang bevor Emmerich, Davrin oder Taash ein Teil von uns waren. Lucanis hat dort erzählt, dass er und Illario Seite an Seite aufgewachsen sind. Es braucht ein eiskaltes Herz, eine der grausamsten Venatori Magierinnen anzuheuern, nur um die brüderliche Konkurrenz aus dem Weg zu räumen.
Ich wende mich ab. Hoffentlich habe ich Zara diesmal wirklich zum letzten Mal erblicken müssen. Soll Emmerich mit ihrer Leiche machen, was er für angemessen hält.
„Es tut mir leid“, sage ich auf dem Gang, weil ich diese zornige Stille nicht mehr aushalten kann.
„Mir auch.“
Lucanis beschleunigt und ich bleibe mit meinen Gedanken zurück.


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