Krähenherz – Blut, Rache und geheime Küsse

6. Blut, Rache und geheime Küsse

Content Notes

In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.

Ich lasse sofort los und ignoriere die Wärme, die mich wie Honig durchflutet. Aufgerissene Augen suchen nach Orientierung, voller Verwirrung, Schmerz und Wut. Das fremdartige Leuchten ist aus ihnen verschwunden.
„Wie?“, fragt er, ohne mich wahrzunehmen. Sein Kopf schießt in die Höhe, sucht nach Anhaltspunkten, dem Hauch etwas Bekanntem. Mein Atem geht in heftigen Stößen. Ich kann seine Lippen noch fühlen. Sein Knie ist zur Seite gerutscht, sodass er jetzt auf mir sitzt.
Ich bin nicht in der Lage, mich zu bewegen, nicht wegen des anderen Körpers, sondern weil ich kaum fassen kann, was ich gerade getan habe. Das war ein Fehler, schießt es mir durch den Kopf. Ein verdammt großer Fehler. Ich habe ihn gegen seinen Willen geküsst, seine Grenze überschritten. Gut, streng genommen habe ich Bosheit geküsst, aber das ist dennoch keine Entschuldigung. Doch dann treffen sich unsere Blicke und verhaken sich. Überraschung wird zu Milde und unmittelbar glättet sich die Falte auf Lucanis‘ Stirn.
„Macht das noch mal.“
Ich blinzle. Die tausenden Erklärungen, die ich in meinem Kopf jongliere, fallen gleichzeitig zu Boden. Wieso ist er nicht wütend?
Plötzlich wird mir bewusst, in welcher Haltung wir uns befinden und wie nah er meinem Schoß ist. Merklich unsicher hebe ich die Hand, berühre seine Wange und streiche durch den Bart. Etwas zielstrebiger greift meine andere Hand seinen Nacken, wo sie sich mit der ersten trifft.
Bevor ich ihn näherziehe, halte ich inne: „Seid Ihr sicher?“
„Ja.“
Das ist mehr, als ich aushalten kann. Langsam drücke ich ihn zu mir herunter und nehme jede kostbare Sekunde tief in mir auf. Sein Haar fällt nach vorne und schirmt uns von der restlichen Welt ab. Wieder bin ich inmitten von Sandelholz und Karamell. Ich schließe die Augen, lege den Kopf zur Seite und drücke meine Lippen auf seine.
Es ist wie ein Blitz, der mich durchfährt, und ich kann nicht verhindern, nach Luft zu schnappen. Seine Hände sind in meinem Haar und ich schwöre, dass da ein Feuer in mir sein muss. Oder ich verliere gänzlich den Verstand. Unsere Lippen können nicht voneinander lassen, pressen so fest aufeinander, dass ich wieder einmal um Luft fürchten muss. Honig und Lavendel, kommt es mir in den Sinn. Lucanis hätte es nicht besser ausdrücken können.
Er rutscht tiefer und wir stöhnen gemeinsam auf. Ich fühle jede Stelle, an der sich unsere Körper berühren gleichzeitig. Seine Brust ist jetzt an meine gedrückt, ich spüre, wie sie sich rhythmisch bewegt. Links und rechts von mir schließen sich unsere Hände zusammen, halten sich fest, als könnte jemand sie sonst auseinanderreißen. Ich verliere die Fähigkeit, zu denken, breche den Kuss nur ab, um eine störrische Haarsträhne zur Seite zu schieben. Lucanis sieht mich so an, wie er es schon einmal getan hat, als wäre ich das schönste Wesen auf der Welt. Es löst Unbeschreibliches in mir aus.
„Ich mag diesen frisch-aufgestanden-Look, er steht Euch“, zieht er mich grinsend auf. Perplex ziele ich auf seine Taille, um ihn von mir zu schubsen, aber er fängt mein Handgelenk in der Luft und schüttelt den Kopf. Gegen seine Assassinenreflexe kommt wohl nichts an.
Ein Schatten legt sich auf sein Gesicht und er wird unerwartet ernst: „Rook, wenn Ihr wollt, dass ich wegrücke müsst ihr es nur sagen und ich verschwinde sofort.“
Behutsam schiebe ich ihn etwas zurück und befreie mich. „Lucanis“, beginne ich und lege meine Hand auf seine. „Falls ihr es vergessen habt: Bosheit, Zara, all das Chaos, es macht mir nichts aus.“
Er zieht die Augenbraun zusammen. „Wieso? Ich meine, warum ich? Warum nicht Bellara oder Davrin oder Neve? Wieso interessiert Ihr Euch ausgerechnet für die Person mit dem Dämon? Ihr habt am eigenen Leib gespürt, was passieren kann. Das hier“, er zeigt auf den Raum zwischen uns, „ist gefährlich.“
„Das kümmert mich nicht. Jede Sekunde, die wir da draußen sind, riskieren wir unsere Leben. Das ist, wofür ich mich entschieden habe. Ich könnte von einem Venatori getötet werden oder einem verdammten Drachen – und dabei sprechen wir nicht einmal von Elgar’nan oder Ghilan’nain. Im Gegensatz dazu erscheint mir Bosheit …“ Ich gestikuliere, während ich nach dem passenden Ausdruck suche. „Händelbar.“
Kurz schaut er zur Seite. „Ich werde mich vor jedes Wesen werfen, das Euch zu nahe kommen will,“ sagt er so ernst, dass es niedlich ist. Ich lächle und hauche einen Kuss auf seine Wange.
Nachdem wir eine Weile still beieinandergesessen haben, stelle ich die Laute wieder an ihren Platz.
„Ich wusste nicht, dass Ihr spielen könnt“, gesteht Lucanis. „Ich wünschte, ich hätte es gehört.“
„Glaubt mir, ich bin nicht besonders gut. Bosheit scheint es jedoch gefallen zu haben.“ Ich drehe mich um und da steht er in voller Größe vor mir. Die Ärmel seines Hemds sind verknittert und sein Haar ist so durcheinander, wie sich meins anfühlt. Der Anblick ist absolut atemberaubend.
„Rook?“, fragt er mit großen Augen. „Warum habt Ihr mich geküsst? Ihr hättet Eure Magie benutzen können – oder mich ohrfeigen“, spielt er an die Nacht in der Vorratskammer an. „Aber ihr habt es nicht getan.“
„Ich dachte, ein Kuss wäre die bessere Idee“, antworte ich mit einem bewusst frechen Lächeln. Er macht einen Schritt auf mich zu, genau wie er es vor ein paar Stunden getan hat, und trotzdem ist jetzt Vieles anders. Was für ein seltsamer Tag.
„Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass es eine schlechte Idee ist?“ Er hat die Hände auf meinen Rücken gelegt, lässt aber noch Platz für das Knistern zwischen uns.
„Ich fürchte, ich kann mich nicht erinnern.“

„Als Ihr sagtet, dass Zara sich in einer Kirche aufhält, habe ich nicht mit so einem Ungetüm gerechnet.“ Selbst wenn ich den Kopf in den Nacken lege, kann ich die Turmspitzen des riesigen Gebäudes kaum erkennen. Wieso würde jemand so etwas bauen und es dann verfallen lassen? War etwa nicht genug Platz darin?
Ich werfe einen Blick zurück zur Anlegestelle, an der verdächtig viele Boote vertäut sind. Lucanis‘ Kontakte scheinen Recht zu behalten: Wir sind nicht allein. Er nickt mir zu und ich schiebe das verzierte Portal auf. Was immer in dieser Kirche liegt, wir sind bereit. Seit wir Treviso betreten haben, ist die Ungeduld völlig von Lucanis abgefallen. Er ist jetzt in seinem Element, fokussiert darauf, Zara für jede Sekunde, die er im Ossarium verbringen musste, büßen zu lassen. Ihm zuzusehen, löst den dringenden Wunsch aus, meine Lippen wieder mit seinen zu vereinen.
„Wir werden heute ein Unrecht korrigieren. Ich werde nicht erneut scheitern“, sagt er mit einem Lächeln und macht den ersten Schritt hinein.
Glänzender Steinboden und teuerste Tapeten führen uns in die Basilika. Bereits bevor wir um die Ecke kommen, können wir die Venatori hören. Etwa ein Duzend von ihnen sitzt auf den vorderen Bänken und nimmt an irgendeinem Ritual teil. Ihre Oberkörper sind von einem magischen Schimmer umgeben und sie sind so vertieft – in was auch immer sie da tun –, dass sie uns erst bemerken, als Lucanis bereits zum Angriff ansetzt. Zwei Kultisten fallen zu Boden, bevor ich nah genug bin, um den ersten magischen Schwall auf sie niederregnen zu lassen.
Neves Eissplitter werfen einen weiteren zu Boden, wo Lucanis ihm mit einem gezielten Dolchstoß den Rest gibt. Währenddessen kümmere ich mich um die Gruppe, die sich mir wie eine geschlossene Wand nähert.
Es dauert nicht lange, bis wir alle überwältigt haben. Fast alle. Die Frau, die das Ritual angeführt hat, blutet aus Ohren und Nase. Ihre Kapuze ist zerrissen. Wie ein Hund mit gebrochenen Beinen kriecht sie über den Boden. Es ist ein kläglicher Anblick. Ich trete auf den Rand ihrer Robe und hindere sie daran, ihre Waffe wiederzuerlangen. Zur Antwort spuckt sie eine Beleidigung in meine Richtung, doch ich weiche problemlos aus, was ihre Wut deutlich anfacht. Wild schlägt sie um sich, aber ihre Kraft reicht nicht annährend aus, meinen Fuß abzuschütteln. Lucanis erscheint an meiner Seite und schaut beinah mitleidig auf sie herunter.
„Lasst es uns beenden“, meint Neve hinter uns.
Ich sehe dabei zu, wie Lucanis sich herunterbeugt und ihre Kehle durchschneidet. Die Bewegung ist schnell und effektiv. Nur wenige Sekunden später bewegt sich die Kultistin nicht mehr.
Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und folge den anderen tiefer in die Kirche hinein. Wir treffen auf weitere verstreute Schergen, aber erst im hinteren Teil des Gebäudes, jenseits der Krypta, steht uns ein größerer Kampf bevor. Jeder Tod scheint Lucanis mehr anzufachen. Er wird noch schneller, falls das überhaupt möglich ist, bis ich nur noch einen Wirbel aus Schwarz und Lila über den Innenhof toben sehe. Ich kann kaum fassen, dass dieser Mann sich mit mir eingelassen hat. Am liebsten würde ich es in die Welt hinausschreien: Ich habe Lucanis geküsst! Nichts hat mich je so beflügelt. Es ist, als würde ich in den Wolken laufen, und nichts kann mich aufhalten. Vielleicht kämpfen wir deshalb heute so hervorragend. Die Venatori geben sich wirklich Mühe, benutzen unterschiedliche Formen pervertierter Magie, doch wir besiegen sie alle.
Dieser Ort zeigt mir auf, wie wenig ich wirklich über Lucanis und seine Vergangenheit in Treviso weiß. Es gibt so viel, das ich ihn noch herausfinden, so viel, was ich über ihn lernen möchte. Aber wenn wir Zara nicht besiegen, wird er nie mit sich ins Gleichgewicht kommen. Und das ist wichtiger als die Gefühle, die zwischen uns sein mögen.
Ich habe nicht erwartet, dass er so gut darin ist, sich mir gegenüber normal zu verhalten. Keinen einzigen mehrdeutigen Blick wirft er mir entgegen, als wäre nichts zwischen uns passiert. Ich hingegen halte das kaum aus. Der sehnsüchtige Teil in mir möchte ihn berühren, selbst wenn es nur wie ausversehen ist, um wieder dieses Gefühl genießen zu können. Diese kribbelnde Wärme, dieses Stück neugefundener Heimat.
„Wir sind nah. Ich kann es spüren“, stellt Lucanis fest. Der feine Wind weht die Strähnen seines dunklen Haares zurück, während er eine Leiche mit dem Fuß zur Seite schiebt. Er kannte den Namen des Kriegers dessen Schild jetzt nutzlos auf der Erde liegt und ich frage mich, ob er in seinen wachen Nächten die Personen durchgeht, die ihm Unrecht getan haben, um kein Gesicht zu vergessen. Gleichzeitig ist es erschreckend, wie viele von den unwürdigen Praktiken im Ossarium wussten. Ein offenes Geheimnis unter den Venatori – und niemand hat etwas dagegen unternommen. Ich habe ihren Einfluss definitiv unterschätzt.
Lucanis hat recht. Auch ich merke, dass sich etwas geändert hat. Der Prunk ist einer simplen Gestaltung gewichen, Efeu überwuchert die Mauern, während tote Bäume ihre kahlen Äste in die Höhe ragen, und ich bin nicht sicher, wie viel dieses Verfalls natürlich ist. Die Luft fühlt sich fremd an und wird dicker, sobald wir einen neuen Gebäudeabschnitt betreten.
Wir hören das Summen der Insekten, bevor wir sie sehen. Es müssen hunderte sein. In einem grünlichen Dunst schwärmen sie um zahlreiche Leichen, die braun und ausgezehrt den Gang vor uns säumen, den einzigen übrigbleibenden Weg.
„Ich hasse Blutmagie“, entkommt es meinen Lippen, die vor Schreck geöffnet sind. Einer der faustgroßen Falter verirrt sich in meine Richtung und ich weiche einen Schritt zurück. Was hat Zara mit diesen Leuten gemacht? Ich recke den Kopf, kann jedoch nicht erkennen, wie weit der Gang hinter der Kurve weitergeht. Nach dem, was wir im Ossarium gesehen haben, sollte ich nicht überrascht sein, aber keine vorherige Grausamkeit hätte mich auf diesen Anblick vorbereiten können.
Die anderen scheinen darauf zu warten, dass ich den ersten Schritt mache. Neve hat die Arme verschränkt und verfolgt die hektischen Bewegungen der Falter mit den Augen, während Lucanis seltsam ruhig hinter mir steht. Ich nicke ihm zu und wage mich vorwärts.
Es kostet mich meine gesamte Konzentration, die unzähligen Flügel zu ignorieren, welche mich am ganzen Körper streifen. Doch schlimmer ist der Verwesungsgestank, der mich wie ein Faustschlag trifft. Ich presse den Mund so fest zusammen, dass ich mir auf die Zunge beiße. Ein Teil Mageninhalt schafft es dennoch meine Speiseröhre hinauf. Das letzte, was ich tun will, ist den Mund in diesem Alptraum eines Ganges zu öffnen, weshalb ich die saure Flüssigkeit wieder hinunterzwinge und mich zu eine der Leichen beuge. Sie hat den Arm in einem gequälten Todeskampf von sich gestreckt. Es sieht aus, als wären Blut und Organe, alles, was diese Person einst lebendig gemacht hat, aus dem Körper gesaugt worden.
Mit großen Schritten bahne ich mir weiter einen Weg durch Insekten, Schutt und Leichen. Das Summen macht es schwer, die Position der anderen genau zu verorten und die beißenden Dämpfe kriechen betäubend in meine Atemwege, wie das Gift einer Schlange. Mit jedem Meter werde ich wütender auf Zara und ihre Schergen. All diese Toten, all das Leid. Heute wird es ein Ende haben. Ich freue mich schon darauf, ihr in die Augen zu sehen, wenn sie versteht, dass sie verloren hat.
Wir erreichen eine Treppe und mit einem Mal lassen die Insekten von uns ab. Auch die Luft hat sich normalisiert.
„Lieber brenne ich jeden einzelnen Falter nieder, als noch einmal dort durchzugehen.“ Neve klingt genauso angeekelt, wie ich mich fühle. Der Drang, mich am ganzen Körper zu kratzen, ist so überwältigend, dass mir ein kalter Schauer den Rücken hinunterläuft und ich mir fest über die Arme reibe. Ich kann immer noch spüren, wo die dicken Flügel mich berührt haben.
Lucanis und Neve wechseln Blicke, doch ich kann ihre Mimik nicht deuten. Also wage ich mich näher an die mindestens zweieinhalb Qunari hohe und mit Schnörkeln aus Bronze verzierte Tür vor uns heran und versuche, die Gedanken an das Ungeziefer ganz tief zu begraben. Zara muss dahinter sein.
„Seid Ihr bereit?“, frage ich an Lucanis gerichtet. Im spärlichen Fackellicht erscheinen seine Augenringe gigantisch und ich glaube, eine gewisse Blässe auf seinen Wangen zu sehen. Wenn das hier vorbei ist, kann er hoffentlich etwas besser schlafen.
Er hat den Dolch gezogen und schenkt mir ein entschlossenes Lächeln. „Rook, Ihr habt mich nicht aus dem Gefängnis befreit, damit ich zögern kann. Die Venatori Bitch wird heute sterben.“
Ich finde es hinreißend, ihn fluchen zu hören, aber schlucke das dämliche Grinsen sofort herunter, das sich auf mein Gesicht gestohlen hat. Wir haben es bis hierher geschafft, ich werde mich jetzt nicht verraten. Neve ist zu aufmerksam, um in ihrer Nähe unvorsichtig zu sein. Außerdem hat Lucanis recht, es gibt keinen Grund zu zögern.
Durch den Türspalt schlägt uns sofort schwerer Eisengeruch entgegen, noch bevor wir einen Fuß in den Raum gesetzt haben. Seltsam, dass man eine Person hassen kann, die man nie zuvor getroffen hat, Zara hingegen macht es mir leicht. Sie verhält sich, als hätten wir sie beim Tee gestört und nicht beim Nacktbaden in einem riesigen Becken voller Blut. Beim Gedanken daran, wie viele Leute ihr Leben allein dafür geben mussten, wird mir schwindelig.
Lucanis schaut mich an, als ob er mit solch einer unschönen Überraschung gerechnet hätte. Ich nickte ihm zu und ziehe zeitgleich mit Neve die Waffen. Für eine Blutmagierin, die angeblich großen Wert auf Makellosigkeit legt, erscheint mir Zaras Gesicht einfältig. Sie sieht nicht besser aus als jede andere beliebige Kultistin, die wir auf dem Weg bekämpft haben und ich bin froh, dass das Blut die intimen Stellen ihres Körpers verdeckt. Sonst würde mich ihr Anblick bestimmt bis in meine Alpträume verfolgen und dort sind gewiss schon genug Gestalten unterwegs.
Mit einem Schrei stürzt sich Lucanis zu ihr ins Becken, doch die Magierin weicht mit einem gezielten Rückwärtssprung aus. Plötzlich hat sie zwei Klingen in den Händen und wir sind von ihren Schergen umzingelt.
„Wohl zu feige, für einen fairen Kampf,“ raunt Neve mir zu, bevor wir die Venatori mit einem Eissturm von uns schleudern.
Nach zehn Minuten Kampf in diesem fürchterlichen Bad bin ich der festen Überzeugung, meine Roben nie wieder sauber zu bekommen. Was wie normales Blut aussieht, klebt schlimmer als Moorschlamm und scheint die Kultisten zusätzlich mit Lebensenergie zu versorgen. Ich fühle die roten Sprenkel auf meiner Wange wie Essig brennen. Zara hält länger durch, als ich ihr zugetraut hätte, was hauptsächlich an ihrem Talent liegt, Lucanis‘ tödlichen Stichen wiederholt auszuweichen.
Sobald jedoch der letzte ihrer Unterstützer fällt, entdecke ich Furcht in ihren Augen. Wieder entkommt sie Lucanis, doch übersieht sie dabei Neves Eiskristalle, die sie an den Beinen treffen. Mit dem Gesicht voran fällt sie ins Becken, in dem sich jetzt kaum mehr Blut befindet. Ihre Reserven sind aufgebraucht. Es ist vorbei. Vor uns liegt jetzt eine alte Frau mit Falten und grauem Haar, die zerlaufene schwarze Schminke zieht dunkle Furchen über ihre Wangen. Zara Renata in ihrer wahren Gestalt.
Ich trete zurück, um Lucanis den finalen Stoß zu überlassen. Er hat es verdient, sie mit eigenen Händen büßen zu lassen. Ohne Zara hätte ich einen Mann kennenlernen dürfen, der nicht diese unglaubliche Last trägt. Einen Mann, der nicht gegen sich selbst kämpfen muss. Fuck, es hätte die Dinge erleichtert. Auch wenn ich es nicht ändern kann: Ich wünschte, er hätte das alles nicht durchmachen müssen.
Zara zieht sich am Sockel einer Säule hoch, klammert sich an den Stein wie an den kläglichen Rest ihres Lebens.
„Lucanis, lasst uns zivilisiert sein. Ich könnte Euch viele Dinge erzählen. Dinge über Venatori und Krähen. Ihr wollt doch wissen, wer Euch verraten hat … nicht wahr?“
Die Erwähnung des Verrats lässt Lucanis‘ Fassade aus Wut und Hass für einen Moment bröckeln. Der Schmerz der Zeit im Gefängnis ist so deutlich auf sein Gesicht geschrieben, das ich ihn wie meinen eigenen fühle. Und dann übernimmt der Hass erneut. Lucanis‘ behandschuhte Finger greifen den Dolch fester und er macht einen drohenden Schritt nach vorne.
„Redet“, befiehlt er ihr mit vor Abscheu zitternder Stimme. Ich kann mir kaum vorstellen, was er gerade durchmacht. Dem Ziel seiner Rache so nah zu sein und es dennoch hinauszögern zu müssen. Zara hat die einzige Möglichkeit gefunden, ihr Leben noch ein bisschen zu verlängern: Lucanis mit Informationen zu ködern, die nur sie besitzt. Als gäbe es eine Chance, dass er sie dafür verschonen würde.
Ich kann sehen, wie er mit sich kämpft; wie er ruhig bleiben möchte, die Ungeduld, ihn jedoch zu übermannen droht. Nutzlos stehe ich daneben als Zara den Mund öffnet und ebenso nutzlos bleibe ich, als Illario die Szene betritt. Niemand von uns hat ihn kommen hören. Wie ein grauer Schatten landet er auf dem Boden des Beckens und tötet Zara, bevor ihn jemand davon abhalten kann. Ein überraschtes Geräusch entflieht meiner Kehle, aber ich bin weiterhin wie gelähmt. Meine Ohren nehmen Lucanis‘ Schrei wahr, der zugleich Bosheits Schrei ist, und dann werde ich von den Füßen geschleudert.
Benommen richte ich mich auf alle Viere auf. Bosheit hat sich auf Illario gestürzt, die knochigen Dämonenflügel in voller Größe auf dem Rücken. Die Situation weist unangenehme Parallelen zum Moment im Musikzimmer auf. Lucanis‘ Kopf ist mir zugewandt. Seine Augen flackern zwischen vertrautem Braun und besessenen Leuchten hin und her. Mit aller Kraft versucht er, den Dämon zurückzudrängen. In diesem Moment sind sie nicht zu trennen. Waren sie das je?
„Bringt Illario hier raus“, bittet er mich keuchend und mir dämmert immer mehr, dass er die Oberhand nicht länger behalten wird. Lucanis wird durch Bosheit seinen eigenen Cousin auf dem Gewissen haben, wenn ich nicht schnell einschreite. Ich gebe mir Mühe, wieder auf die Füße zu kommen, aber der rutschige Boden macht es mir nicht gerade leicht. Mein Stab ist an den Rand des Beckens gerollt und ich kann Neve nicht finden. Mehr Schreie dringen von den beiden Männern zu mir und diesmal kann ich nicht unterscheiden, ob es Illario, Lucanis, Bosheit oder alle gleichzeitig sind.
Ich schau auf die Person hinunter, die so viel Platz in meinen Gedanken eingenommen hat, starre, ohne mich weiterzubewegen. Das ist das erste Mal, das Bosheit die Kontrolle übernommen hat, während Lucanis bei Bewusstsein war. Er hatte Angst, dass es dazu kommt – und ich habe es nicht geglaubt. Ich wollte es nicht glauben. Ich habe Bosheit wie ein Kind behandelt, habe ihn selbst dann nicht bekämpft, als er sich gegen mich gewandt hat. Bin ich wirklich so naiv?
Etwas in mir reißt. Ich befehle meinen Gliedern sich zu bewegen, doch sie hören nicht auf mich. So bleibe ich selbst noch nutzlos, als Illario sich mit irgendeiner Magie, die er nicht beherrschen sollte, gegen Lucanis wendet.
Plötzlich ist die Szene umgekehrt. Lucanis liegt gekrümmt auf dem Boden, von Bosheit fehlt jede Spur und Illario richtet sich mir gegenüber auf. Sein Ausdruck ist seltsam kalt. „Rook, haltet Ihn fern von Treviso. Er ist eine Gefahr für die Krähen und die ganze Familie.“
Ich möchte ihn anschreien – wie kann er hier stehen und Forderungen machen, wo er Lucanis gerade irgendwas angetan hat? – aber ich habe den Wahn gesehen. Und ich würde lügen, wenn ich sagen müsste, dass sich mein Herz nicht vor Angst zusammengezogen hat.

Quelle: Screenshot Dragon Age: The Veilguard

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