5. Am Abgrund tanzen
Content Notes
In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.
Der Abend hat sich über die Stadt gelegt und die Lampen des Markts tauchen die Szene in ein romantisches Licht. Es wird gefeilscht, Waren werden angepriesen und dazwischen zeigen Schaustellende ihre unglaubliche Körperbeherrschung, ganz ohne Magie. Eine sanfte Briese zieht an uns vorbei, während wir links und rechts die Auslagen bewundern und uns dabei die unzähligen Gerüche umringen. Der Stand, an dem ich Lucanis den Wyverndolch gekauft habe, steht noch genauso da und mir wird bewusst, wie kurz wir uns eigentlich kennen. Wie es wohl für ihn war, hier aufzuwachsen? Ich stelle mir vor, wie er sich als Jugendlicher im Zwielicht über die Dächer rausgeschlichen hat, um für einen Abend Caterinas strengen Augen zu entkommen.
Der Ausflug nach Treviso war meine Idee. Lucanis liebt seine Stadt so sehr, ich hatte gehofft, es würde ihn aufheitern. Außerdem wollte ich ihm zeigen, dass mir die Belange der Krähen am Herzen liegen, indem wir diesen Spuren möglicher Spione nachgehen. Ich hätte nicht gedacht, dass sich dahinter ein Liebespaar verbirgt. Der Anblick ihres Verstecks, voller Rosenblätter und Kissen wird mir gewiss länger im Gedächtnis bleiben. Schade, dass der Leuchtturm noch keine solche Tür geöffnet hat. Ich hätte da ein paar Ideen für die Nutzung.
Tatsächlich verhält sich Lucanis anders, seit wir hier sind. Als wäre ein unsichtbares Gewicht von seinen Schultern gehoben. Ich sehe dabei zu, wie er eine Handvoll Drachenfrüchte kauft, und sich ein zufriedenes Lächeln in seinen Mundwinkel schleicht. Der Anblick macht mir Mut, vielleicht schlage ich deshalb einen Besuch im Café Pietra vor.
Wir finden einen Tisch direkt am Kanal. Ich kann nicht einschätzen, ob Neve von der Idee wirklich begeistert ist. Es muss schwer für sie sein, sich in Treviso aufzuhalten, während ihre Heimat im Chaos versinkt. Aber sie ist trotzdem zu uns zurückgekehrt. Dafür bin ich ihr dankbar.
Lucanis hingegen lässt sich mit den Worten „der beste Platz in der ganzen Stadt“ auf einen der Stühle sinken. Mein Kopf wird von den Eindrücken unseres letzten gemeinsamen Aufenthalts geflutet. Hier hat er mir mit seinem Gerede über erste Küsse den Kopf verdreht. Außerdem erinnere ich mich genau an sein zufriedenes Seufzen beim Genuss des einzigartigen Kaffeearomas – wie hätte mich das kalt lassen sollen?
Schweigend sehen wir der Sonne dabei zu, wie sie hinter den Bergen verschwindet. Ich habe mich auf das Geländer gelehnt und zähle die Lichter in den entfernten Fenstern. Wie Sterne spiegeln sie sich im Wasser. Wieso haben wir das nicht schon viel früher getan? Wieso hetzen wir von Aufgabe zu Aufgabe, ohne innezuhalten? Ich kenne die Antwort auf diese Fragen. Niemand aus der Gruppe könnte sich verzeihen, wenn Leute sterben, weil wir einen freien Abend genießen. Allerdings beginne ich zu verstehen, dass Pausen eine ebenso wichtige Rolle einnehmen, selbst wenn die Gegner mächtige Altelfen sind.
Ich schwenke den Kaffee, so wie Lucanis es häufig tut, und nehme den letzten Schluck. Bitter und süß, genau wie er ihn beschrieben hat.
„Ich verstehe, wieso Ihr diesen Ort mögt“, gibt Neve zu. Auch sie sieht mittlerweile entspannter aus.
„Also schmeckt Euch der Kaffee?“, fragt Lucanis hoffnungsvoll und ich setze mich wieder zu den beiden.
Neve stellt die Tasse zurück. „Ja, aber …“
„Aber?“ Es kostet mich große Mühe, nicht laut loszulachen, so entsetzt klingt Lucanis.
„Ich bin nicht wählerisch. Kaffee soll einen Zweck erfüllen. Ich muss ihn nicht genießen“, erklärt sie schulterzuckend.
„Über Eure Version von ‚Kaffee‘ haben wir bereits gesprochen. Versprecht, mir solch ein Gebäu nie wieder anzutun.“
Neves Antwort ist ein Schmunzeln.
Laute Schritte, als würde jemand verfolgt werden, lenken unsere Aufmerksamkeit vom Tisch weg. Eine schmale, dunkel gekleidete Person landet wie aus dem Nichts auf der Terrasse. Sie muss von einem der Balkone gesprungen sein, doch es ist mittlerweile zu dunkel, um Genaueres zu erkennen. Schnell kommt sie wieder auf die Füße, schlägt einen Hacken und flieht aus dem Café, jedoch nicht ohne Lucanis anzurempeln. Sein Stuhl wackelt gefährlich und ich greife über den Tisch, um ihn am Umkippen zu hindern. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass das ein ruhiger Abend bleibt.
„War das eine Krähe?“, fragt Neve alarmiert. Sie hat die Hände kampfbereit um ihren Stab gelegt. Lucanis wischt sich den Kaffee von der Rüstung, der beim Zusammenstoß übergeschwappt ist. Mit einem Schulterblick versichert er sich, dass niemand uns belauscht.
„Möglich. Wenn ich herausfinde, wer das war, werden wir ein Gespräch über Manieren führen müssen.“ Er klopft sich ab und ich denke, dass er nach weiteren Kaffeespritzern sucht, aber plötzlich murmelt er „dachte ich es mir doch“ und zieht einen Zettel hervor.
Während er stumm den Inhalt liest, verändert sich seine Mimik. Seine Lippen pressen sich aufeinander und er zieht die Augenbraun zusammen. Die Traurigkeit, die ein Teil von ihm ist, meist unsichtbar, jedoch manchmal so deutlich wie der Himmel über uns, kämpft sich an die Oberfläche.
„Venatori. Hier in Treviso“, sagt er nur und faltet den Zettel zusammen.
„Ist das nicht etwas Gutes?“, frage ich hoffnungsvoll. „Einer von ihnen könnte wissen, wo Zara ist.“
Ihr Name allein löst sichtbare Abscheu in ihm aus. Ich verstehe das, erinnere mich gut an den Zustand des Gefängnisses. Bilder, die ich lieber für immer vergessen würde. Und jedes Mal, wenn Lucanis von ihren kranken Praktiken und abartigen Experimenten erzählt, hasse ich diese Frau etwas mehr.
„Wegen dieser Venatori Schlampe habe ich ein Jahr meines Lebens verloren. Ich kann es nicht erwarten, sie dafür bezahlen zu lassen.“ Ich habe ihn nie zuvor ein Schimpfwort benutzen hören, es trägt eher zum Gewicht seiner Traurigkeit bei. Aufmunternd lege ich eine Hand auf seinen Arm.
„Wir werden sie gemeinsam bezahlen lassen, Lucanis. Ihr seid nicht allein.“
„Rook hat Recht“, stimmt Neve zu. „Sie wird bereuen, was sie Euch angetan hat.“
Wir heben die leeren Tassen und stoßen an.
Ich schiebe mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht und sehe Lucanis direkt an: „Das ist ein Versprechen.“
Die Nachricht mit Zaras vermutetem Aufenthaltsort erreicht uns drei Tage später. Obwohl Lucanis am liebsten direkt durch den Eluvian springen würde, einigen wir uns auf ein gezieltes Vorgehen am nächsten Morgen und ich lasse ihn mit Ungeduld und geschärften Dolchen in der Kammer zurück.
Stattdessen helfe ich Harding dabei, nach Informationen über Zwergenmagie zu suchen. Die Idee, dass so etwas existieren könnte, behagt mir nach wie vor nicht. Ich habe nicht vergessen, was passiert ist, nachdem sie den Lyriumdolch berührt hat. Die leuchtenden Pupillen und ihre Stimme als wäre sie besessen, aber nicht von einem Dämon, sondern von etwas viel Älterem und Gefährlicherem. Wenn ich bei ihr sitze, gibt es keine Anzeichen dafür, dass sie anders sein könnte. Dennoch weiß ich nicht, ob diese seltsame Macht wieder von ihr Besitz ergreifen könnte. Ehrlich gesagt fürchte ich mich mehr davor, was diese fremde ‚Magie‘ möglicherweise tun könnte, als vor Bosheit. Obwohl es wahrscheinlich keinen Unterschied macht. Nichts von dem sollte möglich sein. Zwerge haben keine Verbindung zum Nichts und ein Nicht-Magier kann nicht besessen werden. Harding sollte mit ihrem Willen keine Gesteinsschichten kontrollieren können und Lucanis … Lucanis sollte schon längst von Bosheit übernommen sein – oder tot.
Ich reibe mir über die feine Gänsehaut auf den Unterarmen und lege den Bücherstapel frustriert zur Seite. Nichts. Hier steht absolut nichts, das uns weiterhilft. Wir haben schon zu lange hier herumgesessen. Die Bibliothek ist kalt und ich brauche etwas um meine Nerven zu beruhigen.
In der Küche steuere ich auf das Regal mit dem Tee zu, aber Taashs Stimme dringend warnend aus der geöffneten Tür zur Vorratskammer hervor. Zuerst denke ich mir nichts dabei, allerdings wird die Stimme drohender. Meine Nackenhaare stellen sich auf. Etwas stimmt hier nicht.
Schnell werfe ich einen Blick in die Kammer. Nicht schon wieder. Auf die Wand hinter Lucanis‘ Bett hat der Dämon schwarzen Flügel gebrannt. Ich nehme wahr, wie Taash sich drohend zur vollen Größe aufgebaut hat und Bosheit nicht aus den Augen lässt, doch diesmal möchte ich mich ihm allein stellen. Ich schicke Taash in den Eluvianraum, nur sicherheitshalber, und wende mich dem Besessenen entgegen.
Langsam wie eine ölige Flüssigkeit sickert die Erkenntnis in mein Bewusstsein: Lucanis und ich haben uns beinah geküsst. Doch er ist geflohen. Meine Kniee sind so weich, dass ich mich an der Wand hinter mir festhalten muss. Ich schließe die Augen und gehe die letzten Minuten im Kopf durch. Die Unterhaltung mit Bosheit, der immer ungehaltener wird, und dann verschwindet, Lucanis‘ Blick, so verletzlich, so wunderschön und wie er schließlich auf mich zu stolziert, als hätte ich genau das Richtige gesagt. Wann ist das schief gegangen?
Ich bin allein. Und das ist nicht mein Zimmer, sondern seins. Ich schleppe mich auf den Hof, klammere mich an meine verschränkten Arme, denn irgendwie muss ich mich ja zusammenhalten, und ignoriere Assan, der bei meinem Anblick fröhlich mit dem Schnabel klackert. Liegt es an mir? Habe ich etwas falsch gemacht? Habe ich ihn zu sehr unter Druck gesetzt? Ist das mit uns eine schlechte Idee? Glaubt er das wirklich oder hat er nur Angst? Oh, ich kann nicht mehr klar denken! Wir waren uns so nah, ich konnte seine Lippen fast auf meinen spüren.
Mein Herz kann das nicht händeln. Alles an Lucanis‘ Körperhaltung hat mir gesagt, dass er mir nah sein möchte. Ich kann seine Worte als unendliche Wiederholung in meinem Kopf hören, ein seidenes Schnurren, nur für mich. Und dieses kleine gemeine Lächeln, das jeglichen Verstand in mir ausschaltet und mich nur noch fühlen lässt. Ich fürchte mich nicht davor, in den Abgrund zu fallen, ich war schon immer schwindelfrei. Wieso können wir nicht gemeinsam am Rand tanzen? Hand in Hand. Und uns festhalten, falls einer von uns straucheln sollte?
Es tut weh. Im Grunde habe ihm meine Gefühle gestanden und wurde zurückgewiesen. Vielleicht hätte ich es deutlicher machen oder einen besseren Zeitpunkt wählen sollen? Ich wollte einfach, dass er sich nicht einsam fühlt, dass er weiß, dass mich bisher nichts an ihm abgeschreckt hat – auch Bosheit nicht. In meinem Kopf hat sich das süß angehört.
Ich werfe Harding ein falsches Lächeln zu, während ich an ihr vorbeirausche und eine Entschuldigung murmle. Die Ruhe meines Zimmers ist erdrückend. Ich schwitze, laufe um den Tisch, atme tief ein und aus, in der verzweifelten Hoffnung mich zu beruhigen. Wollte Lucanis mir einen Grund geben, mich von ihm abzuwenden? Damit nichts Schlimmeres passieren kann? Ich balle die Hand zur Faust und entspanne sie sofort wieder. Nein. Er braucht einfach Zeit. Schließlich ist das nicht gerade einfach. Und er ist verwundbar, vor allem nach Weisshaupt. Ich glaube, er macht sich mehr Vorwürfe, als wir von außen sehen können. Verdammt, er hat sich sogar entschuldigt, bevor er mich stehengelassen hat.
Auf dem Gang sind Schritte zu hören und mein hoffnungslos verlorenes Herz macht einen erwartungsvollen Satz. Doch niemand kommt zur Tür und die Schritte verhallen wieder. Ich weiß immer noch nicht, was sich zwischen der Entscheidung zum Vorlehnen und dem Rückzug geändert hat. Und das Schlimmste daran ist, dass die Erinnerung, dieses Beinah, ausreicht, um mich heiß zu machen.
Haltlos falle ich auf das Sofa, wo mich die Emotionen durchfluten, und bevor ich weiß, wie mir geschieht, fasse ich mich an. Ich komme hart und schnell, während die Tränen meine Wangen herunterlaufen.
Schlaf ist nicht auf meiner Seite. Zum wiederholten Mal wälze ich mich auf den Rücken und starre an die Decke. Mein Kopf lässt sich nicht abschalten, rast unaufhörlich weiter, dreht Kreise um die Ereignisse in der Vorratskammer – die Ereignisse, in deren Zentrum Lucanis steht. Damit mich zumindest meine Augen nicht weiter betrügen können, lege ich mir ein Kissen auf das Gesicht. Jetzt ist es dunkler, meine Gedanken jedoch nicht weniger laut. Ob ich Varric um Rat fragen sollte?
Nein, er würde mir sowieso nur sagen, dass ich das schon gut mache und Lucanis sich bei mir melden wird, wenn er bereit ist. Ich nehme das Kissen weg und lege mich auf die Seite, wo ich meine Beine umschließe. Mein Körper ist schwer, sehnt sich nach Ruhe. Muss ich nicht irgendwann einschlafen? Können Gedanken nicht auch erschöpfen? Ich zähle meine Atemzüge, achte darauf, dass sie lang und tief sind, aber mein Puls entspannt sich nicht. Für den Fall, dass Lucanis mir nie wieder nah sein will, muss ich vorbereitet sein, egal wie sehr es schmerzt. Ich bin dem Team gegenüber verpflichtet, mich zusammenzureißen. Außerdem bin ich unabhängig von meinem innersten Begehren in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Wenn ich nur schlafen könnte, würde morgen sicherlich alles besser aussehen. Es wird bestimmt kein Spaziergang werden und von meiner Seite aus mit viel Schmachten aus der Ferne verbunden sein, doch am Ende bleibt es Lucanis‘ Entscheidung. Mein Angebot, ihn exakt so zu akzeptieren, wie er ist, liegt offen auf dem Tisch. Es ist an ihm, zuzugreifen – oder eben nicht.
Ich döse für eine halbe Stunde und erwache mit dem Gefühl, verfolgt zu werden, bevor ich wirklich eingeschlafen bin. Gähnend strecke ich meine Gliedmaßen und gebe auf. Um einen gesunden Schlaf kann ich mich kümmern, wenn das hier irgendwann vorbei ist. Ich schiebe das Hosenbein runter, das sich durch das viele Herumwälzen hochgeschoben hat, und wische mir etwas Speichel von der Wange. Wahrscheinlich gebe ich ein absolut klägliches Bild ab, mit den zerzausten Haaren, die in alle Richtungen abstehen – über meine Augenringe oder das tränenverschmierte Make-up möchte ich gar nicht erst nachdenken.
Was macht man mitten in der Nacht, wenn man nicht schlafen kann? Sollte ich etwas essen? Einen beruhigenden Tee trinken? Ziellos streife ich durch die Bibliothek, lasse meine Finger über die Buchrücken wandern, doch keiner der Wälzer verlockt mich. Wie von allein schiebt sich die runde Tür zum Musikzimmer auf, sobald ich in ihre Nähe komme. Eigentlich keine schlechte Idee. Niemand von den anderen geht jemals dort hinein. Ich bin nicht einmal sicher, ob sich die Tür für sie überhaupt öffnet.
Graues Licht taucht den Raum in eine mysteriöse Atmosphäre und eine dünne Staubschicht liegt auf den Kisten und Möbeln, die vergebens auf erneuten Einsatz warten. Langsam schreite ich an den bunten Wandbildern vorbei, deren Farben längst begonnen haben, abzublättern. Sie müssen Geschichten aus Solas Vergangenheit erzählen, die er nicht vergessen wollte.
Ich greife nach der Laute und beginne leise zu spielen. Meine Finger sind etwas eingerostet und ich kenne nur etwa drei Lieder, aber die sanfte Melodie beruhigt mich und weckt Erinnerung an meine Vergangenheit bei den Dalish. In Nächten wie diesen vermisse ich den Wald, seine Geräusche und Gerüche, vermisse es, gemeinsam am Feuer zu sitzen und sich Geschichten zu erzählen.
„Rook spielt zuckersüß!“
Mein ganzer Körper zuckt vor Schreck zusammen und ich lasse beinah die Laute fallen. Bosheit hat ein erzwungenes Lächeln auf Lucanis‘ Gesicht gesetzt, das einen kalten Schauer über meinen Rücken jagt. Er hat sich näher an mich herangeschlichen, als ich es für möglich gehalten hätte.
„Habt ihr Lucanis nicht genug schikaniert?“ Mit verschränkten Armen mache ich einen großzügigen Schritt auf den Dämon zu.
Er legt den Kopf schief. „Er muss den Deal einhalten. Habt es ihm nicht gesagt.“
Tatsächlich stehst du nicht im Mittelpunkt unserer Gespräche, denke ich spitz. Doch unvermittelt überkommt mich eine seltsame Melancholie. Es ist schwer, in diese leeren Augen zu sehen. Ich vermisse das warme Braun. Wieso ausgerechnet heute? Ist nicht schon genug passiert? „Und ich habe Euch gesagt, dass Ihr Lucanis in Ruhe lassen sollt.“
„Nein. Ihr müsst …“ Er ballt die Hände zu Fäusten und plötzlich brechen leuchtende Flügel aus Lucanis‘ Rücken hervor. Meine Erwiderung bleibt mir im Hals stecken, als der Dämon sich auf mich stürzt. Ich pralle gegen den Flügel, der ein traurigen Ton von sich gibt, und vorübergehend wird mir schwarz vor Augen. Als ich japsend die Lider wieder aufschlage, hat Bosheit mich am Boden festgesetzt. Exakt davor wollte Lucanis mich beschützen. Es brauchte nur einen leichten Stoß und wir sind gemeinsam in den Abgrund gefallen. Ich suche nach einem Dolch oder einem versteckten Messer, einem Anzeichen für Bosheits Plan.
„Er hört auf Euch. Müsst ihn überzeugen.“ Er spuckt beim Sprechen und ein Tropfen landet auf meiner Wange. Automatisch versuche ich, Magie in meinen Händen zu kanalisieren. Ich kann hier nicht liegenbleiben, wie ein auf den Rücken gefallener Käfer, aber jegliche Luft scheint meine Lungen verlassen zu haben. Außerdem möchte ich vermeiden, Lucanis ernsthaften Schaden zuzufügen. Bosheit nähert sich meinem Gesicht, das fremde Lächeln weiterhin auf den Lippen. Ich kann nicht anders, ich muss daran denken, wie Lucanis mich fast geküsst hätte. Es ist nur wenige Stunden her und das sind immer noch seine attraktiven Züge, selbst wenn sie verzerrt sind. Will Bosheit mich wirklich verletzen? Wehrlos warte ich darauf, dass er zuschlägt, doch er scheint meine Reaktionen zu studieren. Etwas an mir scheint außerordentlich interessant zu sein.
„Wieso hat Rook Linien im Gesicht?“, fragt er und ich würde lachen, wenn ich nur genügend Luft dazu hätte. Dass sich jemals ein Dämon nach meinen Gesichtstattoos erkunden würde, hätte ich nicht gedacht. Die ganze Situation fängt an, absurd zu werden. Statt zu antworten, starte ich den Versuch, meine Handgelenke zu befreien. Möglicherweise mag ich schwach aussehen, aber ich habe mehr Kraft in denen Armen, als es den Anschein hat.
Bosheit bleckt die Zähne und drückt die Hände fester in mein Fleisch. Ich verziehe das Gesicht, als er die Stelle streift, wo der Splitter war. Schweiß läuft mir die Stirn herunter und langsam fängt meine Lunge an zu brennen. Wenn ich nur Luft hätte. Das Knie bohrt sich tiefer in meine Brust.
„Du. Willst nicht … mich nicht“, krächze ich. Vielleicht bin ich naiv, doch das hier fühlt sich weniger bedrohlich an, als es zuerst wirkte. Bosheit verhält sich eher wie ein aufbrausendes Kind, das unzufrieden mit seinem Spielzeug geworden ist, und die eigenen Kräfte dabei nicht unter Kontrolle hat.
Aber welche Erfahrungen habe ich schon mit seiner Art Dämon? Gibt es überhaupt weitere Dämonen wie Bosheit? Ich muss etwas tun und zwar schnell. Lucanis könnte sich nie verzeihen, wenn er das hier mitbekäme. Es muss einen Weg geben, Bosheit sanft loszuwerden, die beiden irgendwie in Einklang zu bringen, zumindest für den Moment.
Ich vermeide weiteren Blickkontakt und versuche, meine Magie unauffällig zu rufen. Das muss einfach funktionieren. Ich hoffe, er hasst mich danach nicht. Die Energie sammelt sich in meiner Handfläche und mit einer Bewegung des Zeigefingers versetze ich Bosheit einen elektrischen Schlag. Er zuckt fauchend zurück und ich bin frei.
Ich nehme so viel Luft wie möglich auf, greife den Kopf vor mir mit beiden Händen und drücke einen Kuss auf die bebenden Lippen.


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