Krähenherz – Scheitern

4. Scheitern

Content Notes

In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.

Endlich umfangen uns die gewohnten Wände des Leuchtturms und ich atme zum ersten Mal auf. Einen Augenblick bebt die Oberfläche des Spiegels hinter mir, bis sich das Bild darauf wieder festigt. Ich sollte mittlerweile an die hintersten Winkel dieser Welt gewöhnt sein, daran, niemals stillzustehen und überall gebraucht zu werden – doch ich bin es nicht. Meine durchnässten Stiefel quietschen bei jedem Schritt, folgen wie von allein den Spuren der anderen auf dem Steinboden. Der feste Robenstoff haftet an mir wie eine zweite Haut und meine Finger sind so schmutzig, dass ich vermeide, mir die klebenden Haarsträhnen aus dem Gesicht zu schieben, auch wenn sie bei jedem Blinzeln in den Wimpern hängen bleiben. Jeder Schritt fühlt sich an, als würde ich immer noch durch Sumpfwasser waten. Im Vergleich zu den Feuchtlanden ist die Nekropole das reinste Paradies.
Was für ein Tag! Ich sacke unkontrolliert auf dem Boden meines Zimmers zusammen, lasse mich von Hitze und Kälte, von Erschöpfung und Enttäuschung ungefiltert durchfluten. Meine Zunge fühlt sich erdig an. Bestimmt habe ich mehr herumfliegenden Dreck geschluckt, als ich wissen will. Mein Stiefel hat sich festgesogen, sodass ich ihn mit beiden Händen packen und daran ziehen muss. „Bitte“, presse ich hervor, doch der Schuh ignoriert mein Flehen. Kurz denke ich darüber nach, ihn anzulassen, aber mit jeder Minute, die ich hier länger verweile, verdrängt die Kälte mehr Restwärme aus meinem Körper. Frustriert packe ich kräftiger zu und gewinne einige Zentimeter. Ein letzter Ruck, ein frustrierter Schrei, den bestimmt alle in den Nebenzimmern hören können, und der Stiefel löst sich mit einem saftigen Schmatzen. In einem Bogen aus Schlamm fliegt er durch den Raum und verfehlt knapp die Hallastatue auf dem kleinen Tisch in der Ecke.
Für einen Moment bleibe ich so wie ich bin auf dem Boden liegen, die kühlen Fliesen im Rücken, und gehe die letzten Stunden durch. Selbst mit dem Professor und unserem Neuzugang Taash brauchen wir mehr Unterstützung in diesem Kampf. Und die ist jetzt weiter weg als je zuvor. Die falschen Götter kontrollieren nicht nur die Verderbtheit, sie haben sowohl die Antaam als auch die Venatori auf ihrer Seite. – Und wir sind zu Acht.
Dieser verdammte Dickschädel eines Ersten Wächters! Ich habe wirklich gedacht, ihn irgendwie überzeugen zu können.  Wir haben sogar diese elenden Proben gesammelt, um Beweise für die veränderte Verderbtheit zu haben. Bei dem Gedanken daran, dass ich heute mehrfach in die pulsierenden Geschwüre fassen musste, zieht sich mein Magen zusammen. Ich muss unbedingt aus dieser Kleidung raus! Das stinkende Sumpfwasser beginnt zu trocken und ich möchte nicht genau wissen, was dort feucht in meinen Haaren festhängt. Bitte lass es nur mehr Schlamm und keine Verderbnisreste sein.
Wie kann man jemanden von einer Bedrohung überzeugen, der einem nicht zuhören will? Der zu überzeugt von den alten Wegen ist, einfach weil es immer so war? Ich weiß, dass ich keinen guten ersten Eindruck gemacht habe, aber ich werde die Vermutung nicht los, dass der Erste Wächter sich seine Meinung bereits gebildet hatte, bevor wir aufeinandergetroffen sind. Ich würde mich sogar bei ihm entschuldigen, wenn das etwas ändern würde. Aber scheinbar bin ich für ihn nichts als ein bedeutungsloses Insekt, eine Störung, die man wie die Verderbtheit beseitigen sollte.
Fröstelnd reibe ich mir über die Arme und entledige mich endlich meiner Kleidung. Für ein Bad in einer heißen Quelle würde ich jetzt alle Schokolade der Welt eintauschen. Stattdessen trete ich an die Waschschüssel. Wir haben keinen Notfallplan. Ohne die Wächter wird es schwer, schwerer als es ohnehin schon ist. Was nicht heißt, dass es keine Hoffnung gibt. Ich bin nicht so weit gekommen, um an dieser Stelle aufzugeben.
Der Turm fühlt sich still an. Harding und Taash scheinen nach den wunderbaren Ereignissen des Tages ihre Ruhe haben zu wollen und Bellara und Emmerich sind in der Nekropole, um den Irrlichtern zu helfen. Das einzige Geräusch im Hof ist das sanfte Flügelschlagen von Assan über mir. Suchend lege ich den Kopf in den Nacken und entdecke den Griffin um das Dach des Gästehauses kreisen. Was er wohl von der teilweise seltsam verzerrten Schwerkraft hält? Ich hoffe, er ist darauf vorbereitet, den schwebenden Steinfragmenten auszuweichen, sollte dieser Ort sich wieder dazu entscheiden, plötzlich eine neue Brücke, ein paar Stufen oder gar einen ganzen Raum hinzufügen wollen. Ich kann mich gut daran erinnern, wie es hier bei unserer Ankunft aussah: trübe Wolken, verdorrte Äste von denen sich die Rinde schält, lose Pflastersteine, Mauern löchrig wie nach einem Sturm. Wir haben diese Leere gefüllt, als hätte der Turm nur jemanden gebraucht, der sich um ihn kümmert, um aufzublühen.
Bevor ich den Speisesaal betrete, lausche ich auf ein Lebenszeichen im Inneren. Dabei würde ich Lucanis sowieso nicht hören. Dennoch möchte ich für den Fall gewappnet sein, dass er gedankenverloren am Kamin lehnt, die Wangen von der Hitze gerötet. Ich kann vor mir sehen, wie das Feuer sich in seinen Augen spiegeln würde und er sich nicht umdrehen müsste, um zu erkennen, wer hereinkommt. Im Gegensatz zu mir kann er jedes Teammitglied am Gang erkennen.
Wir haben bestimmt eine Woche nicht mehr allein miteinander gesprochen. Es ist nicht nur die fehlende Zeit. Seit meiner Verletzung fühlt es sich mehr denn je so an, als wäre Lucanis nur hier, weil er glaubt, mir etwas zu schulden. Ich habe ihn aus dem Gefängnis geholt und dafür steht er uns jetzt gegen die falschen Elfengötter bei. Krähen erfüllen stets ihre Aufträge, ist das nicht, was er selbst gesagt hat? Ich mag den Gedanken nicht, dass er aus bloßem Pflichtgefühl in dieser Gruppe bleibt. Momentan verhält er sich so distanziert. Ganz in die eigene Welt vertieft. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.
Speisesaal und Küche sind leer, aber eine wohlige Wärme strömt mir entgegen. Ich beobachte meine Hände, während sie einen Becher aus dem Regal nehmen und Kaffee einschenken. Obwohl der Verband erst zwei Tage ab ist, ist nichts als ein rötliches Muttermal zurückgeblieben, wo der Splitter meine Haut durchstoßen hat. Eine Narbe aus der ich lernen werden. Gähnend lasse ich mich auf einem Stuhl in der Ecke nieder und lege die Füße auf dem niedrigen Tisch ab. Der Kaffee ist nur lauwarm, aber so stark, dass ein Schluck bereits meinen Puls beschleunigt. Kein Wunder, dass Lucanis so gut wach bleiben kann. Wann er wohl zum letzten Mal durchgeschlafen hat? Mein Kopf setzt mich augenblicklich in die Nacht zurück, die ich an seinem Bett verbracht habe. Süße und zugleich fremde Erinnerungen. Jeden Tag passiert so viel, dass ich manchmal kaum glauben kann, es selbst erlebt zu haben.
Ich stelle den Kaffee zur Seite und schließe für einen Moment die Augen. Die Schwärze bietet nicht die erhoffte Ruhe. Stattdessen frage ich mich zum hundertsten Mal, wie ich die Grauen Wächter doch auf unsere Seite ziehen könnte. Haben sie nicht auch mit der Inquisition zusammengearbeitet? Sofort schelte ich mich für den schlechten Vergleich. Wir sind nicht wie die Inquisition. Wir sind mehr wie eine rebellische Untergrundgruppe mit Zugang zu magischen Teleportationsspiegeln. Doch selbst wir sind wir gar nicht so allein, wie es in trüben Momenten erscheint. Ich bin so dankbar für die Verbündeten, die wir bereits haben. Die Schleierspringer würden mich ohne Zögern unterstützen und die Trauerwacht ist ebenfalls aufgeschlossen, obwohl ich mich in der Nekropole nicht gerade von der widerstandsfähigsten Seite gezeigt habe. Selbst die Meister des Schicksals haben Interesse daran, mich zu treffen, und mit den Krähen haben wir Seite an Seite gegen diesen Drachen gekämpft.
Als hätte er gewusst, dass ich gerade an seine Leute denke, schiebt Lucanis sich aus der Vorratskammer. Ich habe nicht mitbekommen, dass sich die Tür geöffnet hat und nehme wie ertappt die Füße vom Tisch. Lucanis trägt ein Hemd und eine ähnlich grau-blaue Hose wie ich. Es ist das erste Mal, dass ich ihn ohne eine Weste sehe. Zielstrebig läuft er zur Kaffeekanne und seufzt, weil sie leer ist.
„Hier. Ihr könnt meinen Rest haben.“ Ich halte ihm den Becher entgegen und hoffe, dass meine Worte verlockender ankommen, als sie sich angehört haben.
„Danke, aber ich werde ohnehin mehr brauchen.“ Für einen Moment beobachte ich ihn dabei, wie er die Kanne reinigt und die Bohnen abwiegt. Er hat diese Handgriffe schon etliche Male gemacht. Die Routine seiner Bewegungen hat etwas Beruhigendes.
„Ich würde Euch ja fragen, wie es mit den Wächtern lief, aber nachdem ich eben einer wutschäumenden Taash begegnet bin, kann ich es mir denken.“
Sein Lächeln ist tröstend, aber ich sacke trotzdem im Stuhl zusammen. „Der Erste Wächter hält wirklich nicht viel von mir.“
Lucanis setzt sich mit einer dampfenden Tasse zu mir. „Graue Wächter sind in ihren Meinungen wohl oft etwas festgefahren.“ Ich verstehe die Anspielung auf Davrin sofort und sie versetzt mir einen leichten Stich. Wieso können die beiden nicht endlich sehen, wie ähnlich sie sich sind? Stattdessen ist die Anspannung zwischen ihnen in den vergangenen Tagen stärker geworden. Ich habe wirklich keine Lust mehr auf feindliche Blicke während des Abendessens, aber genauso wenig habe ich Zeit, Streitschlichtung zu spielen. Ich nehme einen zweiten Schluck Kaffee, der jetzt endgültig kalt geworden ist. Wie sich Lucanis‘ Brust unter dem Hemd abzeichnet, macht mich nervös. Ich habe das Gefühl, mir die feinen Höhen und Tiefen seines Körpers für einen Moment der Einsamkeit einprägen zu müssen.
„Ich werde wohl nicht vermeiden können, Solas erneut um Rat zu fragen,“ stelle ich ernüchtert fest. Wenn der Elf etwas weiß, dann, wie man Schlupflöcher findet – und wie man sie für die eigenen Zwecke nutzen kann. Dennoch hätte ich ein erneutes Gespräch, in dem jedes meiner Worte wie von einer hungrigen Spinne überwacht wird, gerne hinausgezögert. „Ich hasse es, dass er in meinem Kopf ist.“
Sobald die Beschwerde meine Zunge verlassen hat, bereue ich sie. Das war unsensibel. Entschuldigend blicke ich Lucanis an. Immerhin kann ich einfach aufwachen und Solas zurücklassen, während Lucanis bei jedem Schritt von Bosheit begleitet wird. Unvorstellbar, wie erschöpfend das sein muss.
Doch Lucanis zuckt bei meinen Worten nicht einmal zusammen; was bedeutet, dass er entweder eine hervorragende Kontrolle über seine Mimik hat oder es ihm nichts ausmacht. Für einen Moment lehnt er sich nachdenklich zurück. „Habt Ihr das Gefühl, dass er versucht zu entkommen?“
Erneut sehe ich den Elfen in seinem farblosen Gefängnis vor mir. Wie herablassend er dort auf der anderen Seite des Spaltes steht, ein Lehrer, der ein naives Kind belehrt, und gleichzeitig alles dafür tut, sich die eigenen Gefühle nicht anmerken zu lassen.
„Ich habe keine Zweifel daran, dass er jede Gelegenheit nutzen würde, die sich ihm bietet. Aber da er es bisher nicht getan hat, scheint es ihm nicht möglich zu sein. Zumindest nicht im Moment.“
„Und wenn er es versuchen sollte, bin ich bereit“, füge ich entschlossen hinzu.
Lucanis hat sich vorgebeugt. Mit einer geübten Bewegung schwenkt er die Kaffeetasse, bevor er sie auf den Tisch stellt. Dann liegt seine Hand auf meinem Arm. Es ist nur eine kleine Geste, sie sollten meinen Körper nicht ins Chaos stürzen, doch sofort beginnen meine Handflächen zu schwitzen, während eine heiße Welle durch mich jagt. Wäre es seltsam, wenn ich jetzt näher heranrücke? Ich kann fühlen, wie mein Mund trocken wird, an das schnelle Schlagen meines Herzens habe ich mich beinah schon gewöhnt.
„Rook. Ich habe Euch nie gedankt.“
Ich weiß nicht, ob ich lieber ihn oder seine Hand ansehen möchte, die weiterhin kribbelnde Wellen erzeugt. „Wofür?“, krächze ich und bin mir bewusst, dass ich nicht mehr nach mir selbst klinge.
„Dafür, dass Ihr geholfen habt, Treviso zu beschützen. Ich weiß, dass Ihr eine unmögliche Entscheidung treffen musstet, aber ich mag mir kaum vorstellen, was passiert wäre, wenn der Drache die Kanäle erreicht hätte.“
Ich habe nicht die Kraft zu antworten. Denn wenn ich meine Lippen bewegen müsste, würde ich möglicherweise über ihn herfallen. Und ich möchte das zwischen uns nicht durch einen unüberlegten Vorstoß ruinieren. Deshalb warte ich lieber darauf, dass er mehr von diesen wunderschönen Dingen sagt.
„Ihr seid absolut nicht das, was ich erwartet habe.“ Er verändert leicht die Sitzposition, wobei sein Daumen einmal über meine nackte Haut streicht. „Aber ich bin froh, dass ich hier bin – wirklich.“
Einen Moment bin ich nichts als schmelzendes Eis und Lucanis meine brennende Sonne. Die Konsequenzen spielen keine Rolle, ich möchte mich vollends der Hitze hingeben und in ihr vergehen. Denn ich wäre glücklich. Ich sehe ihn so deutlich vor mir, als hätte jemand die Zeit angehalten; nehme die Form seiner Augenbrauen wahr, wie die langen Haare im Nacken nach vorne fallen, die leichte Öffnung seiner Lippen. Ich schlucke und sammle meinen Mut zusammen.  
Mit dem plötzlichen Aufschwingen der Tür, wird das Feuer in mir jedoch wie eine fragile Kerzenflamme ausgelöscht.

Wieder stehe ich vor dem großen Eluvian, die Gruppe hinter mir. Auf der wabernden Oberfläche setzt sich das Bild der Kreuzung zusammen, will uns dazu einladen, hindurchzutreten, als wüsste es, dass wir möglicherweise keine Zeit mehr haben. Ich wende mich dem Team zu. Alle sind sie hier, auch Emmerich und Bellara, die erst vor einer knappen halben Stunde in den Turm zurückgekehrt sind. Sieben Leute – verdammt, sie alle sind mir an Herz gewachsen. In ihren Gesichtern erkenne ich Müdigkeit und Beunruhigung, aber auch Entschlossenheit, Mut und den Willen, diesen Tag für uns zu entscheiden.
Ich sage ein paar Worte, die nicht im Geringsten ausdrücken können, was ich gerade empfinde. Es spielt keine Rolle. Die Götter machen ihren ersten Zug und wir werden darauf reagieren. Heute werden wir zeigen, wie stark wir sind. Wir werden die Grauen Wächter nicht ihrem Schicksal überlassen, egal was ihr Anführer dazu sagt.
Dennoch kann ich nicht ganz glauben, wie schnell sich die Schlinge zugezogen hat. Ein Blinzeln und plötzlich müssen wir eine Stadt verteidigen. War die Verderbnis in den Feuchtlanden nur eine Ablenkung von der großen Belagerung? Wird es der Erste Wächter überhaupt rechtzeitig in seine Heimat schaffen? Ich werde ihn brauchen, um den restlichen Orden von der Wahrheit überzeugen zu können. Selbst Solas hat betont, dass wir die Wächter brauchen. Gut. Eins nach dem anderen. Erstmal müssten wir Weisshaupt erreichen. Dann knüpfen wir uns die Drachen vor und zum Schluss den Ursprung aller Übel: Die falschen Götter selbst. Es wird mir Freude bereiten, dabei zuzusehen, wie Lucanis ihnen den tödlichen Stoß versetzt.
Seine Mimik ist so entschlossen, dass sich zwei Falten zwischen seinen Augenbrauen gebildet haben. Für einen Moment werden meine Knie weich. Falls das Ganze heute nicht ausgeht, wie wir es hoffen, wird er nie erfahren, was ich für ihn empfinde. Aber ich sage nichts. Es eines Tages mit Lucanis versuchen zu können, ist ein weiterer guter Grund, heute nicht zu sterben.
Und dann kämpfen wir den unmöglichen Kampf. Klettern über Mauern, schlagen uns durch Trümmer, Staub und Überreste. Wir steigen über Leichen, sehen die Verderbtheit vor unseren Augen wachsen, bahnen uns weiter und weiter den Weg durch die Stadt der Wächter. Weisshaupt ist noch nie gefallen. Doch das erste Mal klopft gerade an die Tore.

Erst als ich vertrauten Boden unter den Füßen spüre, wird mir klar, dass wir gescheitert sind. Ghilan’nains Stimme hallt noch in meinem Kopf nach, arrogant und siegessicher. Ihr Entsetzensschrei am Ende genügt nicht, dass ich mich besser fühle. Wir waren so nah dran. Letztendlich haben wir nur das Leben hunderter Wächter und ihrer Familien gegen das eines Erzdämons getauscht. Ich weiß nicht einmal, ob man das als unentschieden werten kann.
Wie Soldaten, die vom Schlachtfeld zurückkehren, sammeln wir uns am großen Tisch. Davrin gibt Lucanis die Schuld. Was die anderen denken, weiß ich nicht. Allein Emmerich tritt klar als die Stimme der Vernunft auf. Ich bin ihm dankbar für seine Ruhe. Dennoch schmerzt die Erkenntnis, dass jeder von uns fokussierter hätte sein können, dass wir eine Mitschuld tragen. Wie der Lyriumdolch knapp sein Ziel verfehlt und bloß eine Schramme auf Ghilan’nains Gesicht hinterlässt, spielt sich wieder und wieder vor meinen Augen ab. Ich war sicher, wir wären gut genug. Und ja, wir haben etwas geleistet, das für viele unerreichbar bleibt. Warum fühl es sich dann so an, als wäre hätte ich persönlich versagt?
Ich möchte mich nicht mehr um den nächsten Plan der Götter sorgen – zumindest für heute nicht. Die Erschöpfung liegt schwer auf mir, auf uns allen. Jedes aufmunternde Wort würde ironisch klingen. Darum ziehen wir uns schweigend hinter verschlossene Türen zurück.
Für mindestens eine Stunde liege ich wach, starre an die Decke und gegen das bläuliche Licht aus dem Aquarium. Mein ganzer Körper lechzt nach Ruhe, aber ich bin noch wie elektrisiert. Selbst ein Schluck des antivanischen Schnapses zeigt heute keine Wirkung. Ich wechsle in die weißen Roben, die ich hier im Turm gefunden habe, und schleiche wie ein Geist in die Bibliothek. Seit ich hier bin, habe ich die Sammlung nur kurz gesichtet, hatte aber keine Zeit zum Lesen. Auf der Suche nach einer leichten Lektüre streifen meine Finger über die Buchrücken. Stimmen dringen zu mir herauf. Zuerst denke ich mir nichts dabei, nach diesem Tag kann ich niemandem verübeln, keinen Schlaf zu finden. Doch die Stimmen werden aufgeregter und sie kommen aus Richtung des Eluvian.
Tatsächlich entdecke ich Harding, Taash und Lucanis dort unten. Taash steht mit verschränkten Armen dicht vor dem Spiegel und wirft Lucanis Drohungen entgegen. Warnend stellen sich meine Nackenhaare auf. Ich höre das Wort ‚Dämon‘ aus Hardings Mund, will es aber nicht wahrhaben. Noch dreht Lucanis mir den Rücken zu, noch könnte das alles ein großes Missverständnis sein. Ich unterdrücke den Drang, ihn zu berühren, und bleibe stattdessen mit etwas Abstand stehen. Nimmt dieser Tag denn gar kein Ende?
„Es ist der Dämon. Er versucht zu fliehen“, bestätigt Harding meine schlimmsten Befürchtungen. Also habe ich richtig gehört. Das ist nicht gut. Lucanis‘ Körper macht einen Schritt in Richtung Taash und nun kann ich es auch sehen. Seine Bewegungen sind falsch. Er läuft seltsam gekrümmt, die Schultern eingesunken und er zieht die Füße etwas zu sehr über den Boden.
Oh nein, du nimmst mir Lucanis nicht weg, schießt es mir durch den Kopf. Dann höre ich zum ersten Mal die Stimme des Dämons. Sie ist tief und hallt doppelt in Lucanis‘ Kehle wider. Meine Handflächen beginnen zu schwitzen. Im selben Augenblick, indem Bosheit sich umdreht, trete ich näher heran. Das ist nicht der Mann, den ich kenne, sondern ein Wesen aus meinen Alpträumen. Die besessenen Augen leuchten auf und mein Herz zieht sich zusammen. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Bosheit sich Lucanis‘ Erschöpfung zu Nutze macht. Da hat er sich ja einen wunderbaren Tag ausgesucht.
Taash spricht mit dem Dämon, als wäre er ein Hund, aber es reicht nicht, um ihn zurückzudrängen. Ich seufze und adressiere Bosheit direkt: „Stopp. Du nimmst Lucanis nicht mit durch den Eluvian.“ Es sollte wie ein Befehl klingen, aber die Situation ist so falsch, dass es mir nicht gelingt.
Bosheit gibt Widerworte und ich strecke die Hand aus, um ihn zur Not mit Gewalt daran zu hindern, auch nur den Fuß nach vorne zu setzen. Ein Flackern, ein Atemzug, eine kurze Bewegung des Kopfes und Lucanis ist wieder er selbst. Wie ein verletztes Kind blickt er zwischen uns hin und her, bevor die harte Wahrheit in sein Bewusstsein sickert.
Harding und Taash erklären, was geschehen ist, während ich betroffen danebenstehe. Ich bin plötzlich wahnsinnig müde. Und ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll.
„Ich brauche Kaffee,“ kommt es seufzend von Lucanis. Wir alle wissen, dass dies keine Dauerlösung sein kann, dass wir uns gerade heute alle unseren Schlaf verdient haben, aber niemand hindert ihn daran, mit gesenktem Kopf die Stufen zu erklimmen.
Ich danke Hardung und Taash und schicke sie ins Bett. Nachdenklich bleibe ich zurück. Vor meinem inneren Auge sehe ich Lucanis in der Küche umherwandern und sich dann mit der heißen Kaffeetasse in die Vorratskammer zurückziehen. Ich hasse es, dass er so viel allein sein muss. Wie soll in denn bei dem Gedanken daran zur Ruhe kommen?
Meine Füße finden ihren Weg zurück in die Bibliothek, wo ich von der nächtlichen Stille beinah erdrückt werde. Es liegt so viel Arbeit vor mir. Ich sollte in mein Zimmer gehen und mich ausruhen, sollte den Schlaf, all den Stress und die Anspannung fortwaschen lassen. Ach, wieso mache ich mir etwas vor? Ich werde Lucanis nicht alleinlassen.
Ohne zu klopfen, schiebe ich mich durch die Tür zur Vorratskammer und finde ihn wie erwartet auf dem Bett sitzen.
„Hey, Lucanis. Seid ihr …“
Er springt auf. „Es geht mir gut“, knurrt er und kurz fürchte ich, dass ich wieder mit Bosheit spreche, doch er fängt sich schnell. Beschämt blickt er zu Boden. „Rook, ich habe Euch heute zwei Mal enttäuscht.“ Er leckt sich über die Lippen und ich kann deutlich sehen, wie er mit seinen Emotionen kämpft.
„Ich war so nah dran“, stellt er bitter fest. Sofort verstehe ich, dass er von Ghilan’nain spricht. Die Falte hat sich wieder zwischen seine Augenbrauen geschlichen. „Sie hätte niemals entkommen dürfen. Normalerweise erfülle ich meine Aufträge.“ Ich denke an den Kampf oben auf dem Plateau der Drachenfalle, daran, wie wir den Erzdämon zur Strecke gebracht haben und Lucanis genau im richtigen Moment losspringt. Er fliegt, als wäre er dafür geboren, vielleicht ist er das sogar, fängt den Lyriumdolch in der Luft und … verfehlt.
Ich trete näher an ihn heran, doch bevor ich etwas sagen kann, fährt er geknickt fort: „Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Ich muss mich bei Euch entschuldigen. Bosheit. Ich wollte nie, dass ihr mich so seht.“
Das ist mehr als ich aushalten kann. Er sollte nicht alles mit sich selbst ausmachen müssen. Indem er die Messlatte so hoch ansetzt, sabotiert er sich selbst. Niemand kann die eigenen Probleme völlig ohne Hilfe angehen. Dafür ist diese Gruppe schließlich da, sich gegenseitig zu unterstützen – auch wenn die Lösung nicht auf den ersten Blick ersichtlich scheint. Ich schließe die Distanz zwischen uns und hebe sein Kinn an, zwinge ihn, mich direkt anzusehen. Das Braun seiner Augen macht mich schwindelig.
„Ich bin noch hier, oder? Nichts, was ich gesehen habe, kann daran etwas ändern.“
„Ihr wisst immer genau, was zu sagen ist, Rook.“ Er legt eine Hand auf meine Brust, macht aber sofort einen Schritt zurück, um die Tasse vom Nachtisch zu ergreifen. Ich tue so, als würde mir sein Rückzug keinen Stich versetzen.
„Oh, ich improvisiere doch nur. Ich dachte, das wüsstet Ihr“, scherze ich.
Lucanis setzt sich auf die Leinendecke und nimmt einen großen Schluck Kaffee. „Bisher sind wir damit durchgekommen.“ Sein Ton klingt normal, unbeschwert, doch nach ein paar Sekunden verfinstert sich seine Miene wieder. „Ich werde alles tun, dass Ihr nie wieder zusehen müsst, wie ich die Kontrolle verliere. Ich versp …“
„Das müsst Ihr nicht,“ unterbreche ich ihn. „Ich kann damit umgehen.“ Vorsichtig setze ich mich neben ihn und lege den Kopf auf seine Schulter, als ich hätte ich es bereits hunderte Male getan. Sein Haar riecht nach Sandelholz und einem Hauch Karamell. Nach heute weiß ich, dass unser Weg bestimmt nicht leicht wird, aber wir können uns aufeinander verlassen. Wir sind unverletzt aus Weisshaupt entkommen, weil wir zusammengehalten haben – trotz unserer Differenzen und all den offenen Fäden, all den Unsicherheiten, die uns beschäftigen.
„Wisst ihr eigentlich, wie froh ich bin, dass Ihr heil zurückgekehrt seid?“, frage ich in das sich ausbreitende Schweigen hinein.
Lucanis seufzt und legt den Arm um mich. Das genügt mir vollkommen als eine Antwort.

Quelle: Screenshot Dragon Age: The Veilguard

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