3. Ein unwirtlicher Ort
Content Notes
In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.
Eine Gruppe Glühwürmchen umschwärmt mich mit goldenem Glanz, während ich in die Ferne schaue. Sie sind aus dem Wald gekommen, bewegen sich durch die Luft in einem Tanz, dessen Regeln nur sie selbst kennen. Der Sternenhimmel ist klar und für einen Moment glaube ich, die zahllosen Lichter dort tatsächlich funkeln zu hören. Die unendliche Weite ruft nach mir.
Plötzlich steht Lucanis hinter mir – oder ist er bereits die ganze Zeit dagewesen? – und setzt sich an den bröckelnden Abgrund. Gemeinsam lassen wir sorgenlos die Beine baumeln, wie zwei Kinder auf dem Ast eines Baumes. Sein Arm legt sich wie selbstverständlich um mich, als hätte er es schon hunderte Male getan, und ich rutsche näher an ihn heran.
„Morgen ist es soweit“, spricht er aus, was ich tief in meinem Herzen spüre. Die Zeit ist vorbei. Morgen ziehen wir in die letzte Schlacht. Morgen töten wir Elgar’nan und Ghilan’nain.
„Rook, Ihr wisst es bereits, oder?“
„Nennt mich für heute gerne bei meinem richtigen Namen: Nennt mich Meram.“ Und es stimmt, ich weiß, was er sagen will. Ich liebe dich auch, Lucanis, antworte ich in Gedanken, während sein Mund tonlos meinen Namen formt. Da ist dieselbe Sehnsucht, die auch mich plagt, derselbe Wunsch nach Nähe.
„Was sagtet Ihr wie ein erster Kuss schmeckt?“
Er sieht mich jetzt direkt an. Unsere Herzen schlagen im gleichen Rhythmus und dann nähern sich seine Lippen meinen.
„Ein erster oder ein letzter Kuss?“ Ich höre die Traurigkeit heraus, die sich manchmal in seiner Stimme versteckt – aber begleitet sie uns nicht alle in diesen Zeiten?
Als wir uns endlich küssen, ist es alles, was ich mir je erträumt habe. Hitze und Kälte, explodierende Funken, ein Erwachen aus dunkelstem Schlaf. Ich verliere mein Gefühl für Zeit.
Es ist Lucanis, der sich zuerst löst. Ich bleibe benebelt zurück, lächle in mich hinein und bemerke zu spät, dass etwas anders ist. Er schaut seltsam an mir vorbei, als würde er mich nicht wahrnehmen. Ich gerate aus dem Gleichgewicht, greife instinktiv nach ihm, doch da ist nur Luft. Ein Stoß und ich falle. Das letzte, was ich sehe, sind purpurne Flügel und Lucanis‘ blasses Gesicht, aus dessen Nase das Blut tropft.
Ich reiße die Augen auf und schnappe nach Luft. Feucht kleben mir die Unterkleider an der Haut. Es war ein Traum, sage ich mir. Nur ein Traum. Doch egal, wie oft ich mir mit dem Handrücken die Augen reibe, ich kann das Bild des besessenen Lucanis nicht vertreiben. Hoffentlich hat Solas tatsächlich keinen Zugang zu diesem Teil meines Kopfes. Ich kann mir wenig Unangenehmeres vorstellen, als mit ihm mein Liebesleben zu diskutieren – und alles, was damit einhergehen mag.
Sobald ich aufstehe und beginne, die Realität um mich herum wahrzunehmen, verblassen die Details des Traumes. Ich bin immer noch ich, und Lucanis ist der Mann, der mir Essen gebracht hat. Der Mann, der mir ins Bett geholfen hat, weil ich den Schlaf so dringend brauchte. Die Schnapsflasche auf dem Tisch ist der beste Beweis seines guten Herzens. Er muss sie heimlich aus der Küche entwendet haben, nur für den Fall, dass ich sie brauchen könnte. Gestern ist mir gar nicht klargeworden, wie fürsorglich das war. Er hat sich wirklich Gedanken gemacht, um mich. Scheiße, das löst ein Gefühlschaos aus, welches ich so früh am Tag kaum aushalten kann. Ist es überhaupt schon der nächste Morgen? Müde trete ich ans Aquarium und versuche erfolglos, die Helligkeit des bläulich einfallenden Lichts zu deuten.
Ich erinnere mich an das Gefühl zurück, Lucanis‘ Haut zu berühren und verliere mich für ein paar Minuten darin. Kurz überlege ich, mich wieder hinzulegen und einfach weiterzuschlafen. Vielleicht würde ein weiterer Kuss in einem neuen Traum ja anders enden? Doch dann kommen mir die hundert Dinge in den Sinn, um die ich mich eigentlich kümmern sollte. Alles ist so dringend, dass ich nicht weiter still verharren kann. Wir wollen heute Kontakt zu diesem Professor herstellen, von dem Bellara erzählt hat, dem Experten für das Nichts. Ich weiß nicht, was genau sie ihm in ihren Briefen verraten hat, aber ich hoffe, dass er bereit sein wird, uns zu helfen. Seufzend setzte ich mich wieder in Bewegung. Mein Wissen als Magiere stößt langsam an Grenzen und ich zweifle, ob ich dem, was Solas sagt, wirklich trauen kann. Es wird gut sein, jemanden vor Ort zu haben, auf den wir uns verlassen können.
Jetzt allerdings stehen wir beinah zögerlich vor dem großen Spiegel am Ende der Insel. Vorsichtig, so als wäre das hier eine Falle, drehe ich mich um die eigene Achse. Wie einbalsamierte Tote stehen die Statuen um uns herum. Ich muss den Kopf in den Nacken legen, um ihre eingefallenen Gesichter zu sehen, geformt aus schwarzem Stein. Es ist etwas anderes, mit dem Boot über diese Statuen hinwegzufliegen, als sie direkt vor sich zu haben, aber das ist wohl die Ästhetik, die uns erwartet. Obwohl ihre Augen geschlossen sind, fühle ich mich beobachtet und von dieser schieren Größe eingeschüchtert. Ich ignoriere den Schauer, der mir über den Rücken läuft, und wende mich der wabernden Oberfläche vor mir zu.
Eine Reise per Eluvian ist nicht so simpel, wie durch eine Tür zu treten. Es fühlt sich allerdings auch nicht an, wie ein Portal, das jeden, der zu nahekommt, mit sich reißt. Ich empfinde es eher wie einen Test des Willens. Die Sekunde, die man zwischen den Welten schwebt, scheint das gesamte Sein wie ein Buch offen zu liegen, und sollte man dabei zögern, wird man augenblicklich am Startpunkt wieder ausgespuckt.
Wir landen auf ebendem Pfad, den uns der Spiegel gezeigt hat. Bröckelnder Steinboden, Statuen mit verzerrten Gesichtern, Ketten, die über uns gespannt sind, und Schleierfeuer. Im Schatten des riesigen Gebäudes, dessen Ausmaße im grauen Nebel verschwinden, steigen wir die Stufen hinab. Das ist wohl die große Nekropole. Die bloße Existenz dieses Ortes wirft Fragen auf, deren Antworten ich lieber nicht wissen möchte, und die Warnung vor den rastlosen Toten hier spukt mir durch den Kopf. Vielleicht sollten wir umkehren und einen anderen Experten für das Nichts finden. Ich mag die Vorstellung nicht, dass hinter jeder Ecke Untote lauern könnten, aber Bellara hat die Führung übernommen und stolpert beinah in die Nekropole hinein.
Der Professor ist absolut nicht, was ich erwartet habe. Die Höflichkeit, mit der er uns begegnet, bietet einen seltsamen Kontrast zur morbiden Umgebung. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden getroffen, der sich so eloquent ausdrücken kann – und es mit jedem Satz tut. Mein Blick bleibt an seinem gepflegten Schnurrbart, dem pompösen Schulterschutz und den unzähligen goldenen Armreifen hängen. Die Schleierwacht ist exzentrischer als ich dachte. Das zumindest gefällt mir.
Hier unten herrscht eine stille Kälte und manchmal ziehen Nebelschwaden an uns vorbei. Ich kann nicht verstehen, wie sich jemand gerne in dieser kruden Gruft aufhält und werfe einen Seitenblick zu Lucanis, den er mit einem schiefen Lächeln beantwortet. Ich weiß nicht, wieso ich ihn heute mitgenommen habe. Vielleicht war der Gedanke, wieder einen Tag von ihm getrennt zu sein, zu unerträglich. Oder ich wollte Bellaras Aufregung einen Ruhepol entgegensetzen. Es stellt sich jedenfalls als wirklich kompliziert heraus, ihn im Kampf nicht die ganze Zeit anzustarren. Ich habe mich noch nicht an seine geschmeidigen Bewegungen gewöhnt. Mein sehnsüchtiges Herz kann sich kaum sattsehen an der Art, wie er herumwirbelt, die Klinge zielgerichtet in der Hand. Besonders wenn die Flügel aus seinem Rücken herausbrechen und er für einen Moment durch die Luft fliegt, verschlägt es mir regelmäßig den Atem.
Ich drehe mich um die eigene Achse und schieße dem Dämon Blitze entgegen, als es plötzlich dunkel wird. Eine unnatürliche Kälte schlägt mir entgegen und dann bin ich für mich allein. Einen Augenblick zweifle ich an meinem Verstand und weiche dorthin zurück, wo ich die Wand vermute, damit mich nichts von hinten überraschen kann. Ich höre die hastigen Schritte der anderen wie durch Watte, bin jedoch nicht in der Lage, ihre Rufe zu verstehen. Meine Augen gewöhnen sich an langsam an das schlechte Sichtfeld. Der Dämon fliegt dicht an mir vorbei und will mich von der Seite überraschen. Er kanalisiert Blasen aus Eis, die bei einer unvorsichtigen Berührung sicherlich schmerzhaft explodieren. In einer fließenden Bewegung tauche ich unter ihm hindurch, stampfe mit dem rechten Fuß auf und entlasse meine Welle aus Eis. Glücklicherweise ist der Dämon nicht dagegen immun. Er friert sofort ein und die Dunkelheit lichtet sich.
Ich kann Lucanis nicht entdecken. Panisch springt mein Blick umher, findet den Professor, etliche zersprungene Urnen, Feuerschalen und natürlich die Blutlache, die bei unserem Eintreffen bereits Unheil verkündet hat. Bestimmt ist er nur auf der anderen Seite der Statue. Ich setzte an, sie zu umrunden, da nehme ich einen Schatten hinter mir wahr. Lucanis schießt wie ein Pfeil durch die Luft und lässt mehrere Dolchstöße auf den gefrorenen Gegner regnen. Bevor seine Füße wieder den Boden berühren, ist der Dämon in Millionen kleiner Splitter zersprungen.
Professor Emmerich sieht Lucanis neugierig an. „Ihr habt da eine sehr interessante Begleitung, Rook.“ Er holt Luft, als wolle er noch mehr sagen, besinnt sich dann aber auf die Dringlichkeit unserer Aufgabe und übernimmt weiter die Führung. Dicht laufe ich neben Lucanis her, während wir tiefer in die Nekropole vordringen, wo uns immer mehr Sandhügel den Weg erschweren. Sie sind heller als das harte, dunkle Felsgestein und ich hoffe innständig, dass das nicht daran liegt, dass der Sand in Wahrheit aus fein gemahlenen Knochen besteht.
Ich erkenne die Venatori-Kristalle sofort – auch wenn das eigentlich keinen Sinn ergibt. Welches Interesse haben sie an diesem Ort? Und vor allem, wie konnten sie hier eindringen und unbemerkt alles abriegeln? Der Professor erzählt irgendetwas von einer Glocke. Damit meint er wahrscheinlich das Ungetüm in Form eines sechseckigen Kelchs über unseren Köpfen. Mir behagt dieser Ort weiterhin nicht, aber wenn die Glocke für weniger unschöne Überraschungen sorgen kann, helfe ich gerne. Außerdem bin ich nach den letzten Tagen froh, nicht wieder auf Verderbtheit zu stoßen.
Kurz bereue ich es, dass wir Bellara zurückgelassen haben, damit sie dieses Schädel-Artefakt-Ding reparieren kann. Sie hätte das alles hier geliebt. Ich beginne zu glauben, dass der Professor diesen Ort seit Jahren nicht mehr verlassen hat, so begeistert spricht er von jeder kleinen Seltsamkeit. Er bringt mich sogar dazu, mit einem Irrlicht zu reden, und ich fürchte, das ist nicht das Ungewöhnlichste, was ich heute tun werde. Andererseits sind meine Tage wohl kaum als gewöhnlich zu bezeichnen. Es hat bereits auf der Jagd nach Solas angefangen, als Varric mich rekrutiert hat. Diese Rastlosigkeit, den Blick stets auf den nächsten Schritt, die nächste Gefahr gerichtet. Seitdem haben die Brandherde nur zugenommen.
Zugegeben, Irrlichter haben einen gewissen Charme. Ich würde sie jederzeit herumlaufenden Skeletten vorziehen. Wie viel sie wohl von der Welt um sich herum mitbekommen? Nehmen selbst sie die Spuren wahr, welche die Götter in der Geisterwelt hinterlassen? „Ich werde euch beschützen, kleine Freunde“, raune ich ihnen entgegen, während sie um mich herumtanzen. Eines fliegt mir sogar kitzelnd ins Gesicht, als hätte es mich verstanden. Schnell werfe ich einen Blick zu den anderen und hoffe, dass sie nichts davon mitbekommen haben. Rook, Bezwingere der Götter und Freunde aller Irrlichter.
Es ist ein langer Weg in die höheren Ebenen des Glockenturms. Überall treffen wir auf eisige dämonische Überreste, aber bisher sind keine Venatori in Sicht. Allerdings stellen sich uns vermehrt Untote entgegen. Ich wünsche mir wirklich, dass dies nur der Ausnahmezustand ist. Müsste ich alle rastlosen Toten in diesem Labyrinth beseitigen, hätten die Elfengötter genug Zeit, die Welt in aller Ruhe zu vernichten – zwei Mal!
Der Professor öffnet eine weitere Tür und sofort nehme ich die Feuchtigkeit in der Luft wahr. Wir sind in einem Raum durch den ein Kanal aus grünem Wasser fließt. Von irgendwoher dringt Licht, welches von der Wasseroberfläche reflektiert wird und glitzernde Schatten an Säulen und Decke verteilt. Zum ersten Mal jagt die Umgebung mir keinen Schauer über den Rücken und ich kann eine gewisse, eigenwillige Schönheit entdecken. Mir bleibt keine Zeit für genaue Bewunderungen, denn natürlich kriechen weitere Untote mit gezückten Waffen aus ihren Verstecken. Lucanis springt sofort auf die andere Seite und rennt ihnen entgegen, doch ich halte inne. Das Wasser wirkt tief.
Also gehe ich dazu über, aus der Ferne Blitze zu schleudern und mich der Brücke in der Mitte des Raumes zu nähern. In den Ecken haben sich Magier platziert und machen es mir schwer, voranzukommen. Ihre Projektile kommen schnell und unerwartet. Außerdem scheinen sie von meiner Elektrizität reichlich unbeeindruckt zu sein. Ich falle zurück. Lucanis schnellt zwischen zwei Schwertkämpfern hin und her und auch Emmerich hat es auf die andere Seite geschafft. Die Magier kommen näher. Ich weiche aus, werfe dabei mehrere Gefäße um, kann einen Streifschuss aber nicht verhindert. Sofort macht sich die Kälte in meinem Körper breit und verlangsamt meine Bewegungen. Hektisch ziehe ich einen Trank aus meinem Gürtel und schlucke den Inhalt herunter. Obwohl ich mich nicht wärmer fühle, gibt die bittere Flüssigkeit mir neue Vitalität. Jetzt ist nicht mehr viel Platz zwischen mir und der giftgrünen Tiefe. Ob ich doch einen Sprung wagen sollte? Schließlich klettere ich sonst auch furchtlos über die schmalsten Balken!
Ich schaffe es nicht. Kälte und Angst lähmen meine Knochen. Lucanis ist hinter einem Sandhügel verschwunden und Emmerich hält mir immerhin einen Scharfschützen vom Leib. Dann gibt es nur einen Ausweg: Direkt an den Gegnern vorbei. Ich lasse sie noch etwas näher herankommen, mache mich zum Sprung bereit und manifestiere mich direkt hinter ihnen. Jetzt habe ich das Überraschungsmoment auf meiner Seite. Ich zücke den Dolch und ramme ihn in das tote Fleisch, direkt zwischen die Schulterblätter. Die anderen beiden Untoten kreischen auf und versuchen, wieder Eis auf mich zu schießen, aber ich sprinte in Richtung der Brücke. Mit einer rettenden Rolle lande ich direkt vor Lucanis‘ Füßen. Ich lecke mir über die Lippen und nicke ihm zu. Also ein kleines bisschen muss er jetzt von meiner Agilität beeindruckt sein.
„Wieso seid Ihr nicht über das Wasser gesprungen?“, fragt er stattdessen als der letzte Körper zu Boden fällt.
Ihm entgeht auch nichts, oder? Ich streife meine Robe glatt und stecke den Dolch weg. „Für jemanden, der am Wasser aufgewachsen ist, klingt das möglicherweise seltsam, aber ich habe nie gelernt, wie man schwimmt“, gebe ich zu. Dennoch ist das nur ein Teil der Wahrheit. Tatsächlich ist es mir bis zum heutigen Tag schleierhaft, wie jemand sich freiwillig in eine Grube voller Wasser begeben kann und dabei so etwas wie Spaß empfindet. Niemand weiß, was dort lauert, und ich habe absolut nicht vor, es selbst herauszufinden. Ich gehe kaum tiefer als bis zu den Knien ins Wasser, egal wie ruhig der Fluss sein mag oder wie gut die Sicht ist.
Lucanis scheint meine Antwort zu genügen und wir setzen den Weg durch die Nekropole weiter fort. Unsicherheiten tauchen in meinen Gedanken auf, wirbeln von links nach rechts und kämpfen sich immer weiter vor. Hält Lucanis mich jetzt möglicherweise für schwach? Für einen Anführere, de Angst vor der kleinsten Pfütze hat? Glücklicherweise komme ich nicht mehr dazu, mich darüber weiter zu sorgen. Denn nach einer mehr oder weniger verstörenden Zeremonie, in welcher der Professor mit einem verdächtig in der Mitte drapierten Toten spricht, bestätigt sich meine Befürchtung: Venatori.
Ich kann ihre Propaganda nicht mehr hören. Sie stürmen in ihren schlecht geschnittenen roten Roben auf uns zu und brüllen etwas über die ‚Befreiung‘ von Minrathous.
„Steckt ihr jetzt überall eure Nase rein?“, rufe ich ihnen entgegen. Die Erinnerung an gestern, an das Blut und die Angst auf den Straßen brennt heiß in mir. Flammen, die Abscheu und Wut verursachen. Einer von ihnen wagt es, mir zu nahe zu kommen. Ich bringe ihn mit einem gezielten Schuss ins Straucheln, drücke mit dem Stab seinen Schild zur Seite und schlage ihm mit der Faust mitten ins Gesicht. Ich spüre, wie die Knochen unter der Wucht des Aufpralls brechen, und im ersten Moment durchflutet mich ein Gefühl der Befriedigung. Dann setzt der Schmerz ein. Lautlos fluchend schüttle ich meine pochende Hand und fange Lucanis‘ Blick ein. Lacht er etwa über mich?
Der Professor lenkt meine Aufmerksamkeit wieder zu sich: „Wir werden eure Überreste einem guten Nutzen zuführen“, sagt er zu dem Körper, der gerade vor seinen Füßen zusammensackt, als würde er ihn damit trösten. Ich beginne langsam, ihn zu mögen. Er wird gewiss eine spannende Ergänzung für die Gruppe darstellen, sollte er sich entscheiden, uns zu helfen. Unschlüssig mustere ich das Grau, das in seinem Haar schimmert. Ich kann nicht einschätzen, wie viel Abenteuerlust noch in diesem Mann steckt. Wir brauchen nicht nur jemanden, der sich in Theorie beweist, sondern jemanden, der kämpfen kann – auch außerhalb von Bedrohungen vor der eigenen Haustür. Das Bedürfnis zu beschützen, sollte nicht bei Geistern und Untoten aufhören.
Sie haben einen Sklaven hier runtergeschleppt. Als ich dabei zusehe, wie Emmerich ihm aufhilft und seine Fesseln löst, verschwinden meine Zweifel. Ich entdecke Entrüstung und Wut im Gesicht des Professors, aber er spricht mit ruhiger Stimme zu dem Mann, versichert ihm, dass wir uns um die Venatori kümmern werden. Er wird diesen Ort frei verlassen und muss sich nie wieder um Dinge wie verschütteten Wein Gedanken machen. Hier gibt es keine Sklaven. Eine Schande, dass man das nicht über ganz Thedas sagen kann.
Es fällt mir schwer, dem Fremden in die Augen zu blicken. Ob er sein ganzes Leben unter den Venatori dienen musste? Ich kann mir eine Existenz nicht vorstellen, bei der ein falsches Wort, ja jeder kleinste Fehltritt das eigene Leben kosten kann. Genauso wenig möchte ich daran denken, wie dieses Opferritual abgelaufen wäre, von dem er erzählt.
Die Hauptsache ist, dass wir ihn gerettet haben. Von jetzt an kann er das eigene Schicksal bestimmen. Das ist doch eine gute Sache, oder? Mit einem mulmigen Gefühl laufe ich weiter. Egal wo wir hingehen, entpuppen sich die Dinge weitaus schlimmer als gedacht. Wahrscheinlich war es naiv, zu glauben, dass die Pläne der Venatori sich auf Minrathous beschränken. Dennoch verstehe ich weiterhin nicht, was sie hier suchen – und das missfällt mir. Wir könnten in eine Falle laufen und es nicht einmal bemerken.
Von der Galerie des oberen Turms lassen sich die wirklichen Ausmaße der Glocke erkennen. Sie ist bestimmt zwei Stockwerke hoch, aus mehreren sechseckigen Formen zusammengesetzt, von verzierten Laternen aus Schleierfeuer umrandet – und aktuell durch glühend rote Ketten festgehalten. Venatorimagie. Jetzt ist es zu spät, umzukehren. Es spielt keine Rolle, ob sie hier auf uns warten, wir werden jegliche finsteren Pläne aufhalten.
Gleichzeitig ziehen wir die Waffen. Ich bin ein bisschen beeindruckt, wie schnell Emmerich sich uns angepasst hat. Ich lasse ihn die erste Kette brechen und beobachte mit Genugtuung, wie sie zerfällt. Das war verdächtig einfach. Emmerich ermahnt uns zur Vorsicht. Gut, er spürt es also ebenfalls. Jemand ist hier. Als hätten sie unsere Gedanken gelesen, springen drei Venatori hinter der Barriere hervor, sobald wir sie zerstören. Ich übernehme die Führung und nähere mich dem Kristall, der die Kette beschützt. Seine Oberfläche scheint zu pulsieren und ich weiß wieso: Er ist mit Blutmagie verunreinigt.
„Zerstört den Kristall. Dann können sie sich nicht mehr heilen“, ruft Lucanis mir zu, während er auf den Schildträger zu sprintet, der sich aus dem Hinterhalt nähern wollte. Wie viele Venatori er als Assassine wohl getötet hat?
Ich versuche, die beiden Nahkämpfer auf Abstand zu halten, indem ich mit meiner Klinge die Luft zerschneide und abwechselnd elektrische Stöße in ihre Richtung sende. Emmerich hat einen von ihnen mit einem Zauber belegt. Ich kann sehen, wie der Soldat mit aufgerissenen Augen in die Knie geht, die Lippen dunkel verfärbt. Schnell nutze ich die Gelegenheit, friere wie zuvor mit einem Stampfen des Fußes alles um mich herum ein und lasse Funken auf den Kristall niederregnen. Ein Blick über die Schulter verrät, dass ich gut gezielt habe. Die beiden Venatori sind mitten in der Bewegung zu Eis erstarrt. Ihre gezackten Klingen glänzen wie gefrorene Blitze. Das wird allerdings nicht ewig halten, ich sollte mich lieber beeilen. Mit ganzer Kraft schlage ich gegen den Kristall und er zerspringt in tausende kleine Splitter.
Lucanis hat den Schildträger beseitigt und nähert sich uns. In der Sekunde, in welcher der Eiszauber abklingt, überwältigt er einen den überraschten Venatori. Wie ein Raubtier kauert er über ihm, drückt ihn mit einer Hand an der Kehle zu Boden und sticht mit dem Dolch in der anderen direkt ins Herz. Ein gurgelndes Röcheln und es ist vorbei. Wie immer ohne einen einzigen Blutfleck abbekommen zu haben, richtet sich Lucanis wieder auf. Schmerz meldet sich in meiner Hand.
Ich muss mich losreißen, aber finde mich außer Stande dazu. Aus dem Augenwinkel sehe ich den letzten Überlebenden, der mir irgendein Schimpfwort entgegenruft. Er bereitet einen Angriff vor und ein Teil von mir ist überzeugt davon, dass ich das Ziel sein werde – vielleicht ist er wütend, weil ich den kostbaren Blutkristall zerstört habe – doch dieser Teil ist schlicht nicht überzeugend. Es ist einfach so viel schöner, weiter jede von Lucanis‘ Bewegungen in mir aufzunehmen. Wie sein Haar in der Drehung durch die Luft fliegt, sein konzentrierter Gesichtsausdruck, die leisen Schritte. Es sieht so leicht aus, was er tut.
„Ihr solltet dort weggehen.“ Eine Hand packt mich an der Schulter und zieht mich zur Seite, bevor die Klinge meinen Bauch treffen kann. Scheiße! Ich hatte gehofft, dass es nicht so weit kommen würde. Wollte ich mich nicht zusammenreißen? Na, das hat ja gut geklappt. Ich nicke Emmerich dankend zu, der eine Augenbraue erhoben hat. Ich lasse ihm keine Zeit für Nachfragen, sondern stürze mich auf den Angreifer, ohne weiter Zeit zu verschwenden. Das war nur ein kleiner Fehler, ein Moment der Unachtsamkeit. Es wird nicht erneut passieren. Ich bin durchaus in der Lage, an Lucanis‘ Seite zu sein, ohne wie ein Anfängere zu kämpfen. Wie zur Bestätigung jage ich dem übrigen Venatori mit Leichtigkeit einen Blitz in die Brust und steige über die Leiche, deren Finger durch den Stromschlag noch nachzittern.
Die letzte Kette lässt sich leichter befreien. Ich schenke Lucanis keine Aufmerksamkeit mehr, sondern konzentriere mich vollständig auf die Zerstörung des Kristalls und anschließend auf das effiziente Besiegen der übrigen Venatori. Doch was ist mit meiner Hand? Sind das die Nachwirkungen des Faustschlags? Ich versuche, die Finger aufzulockern, aber der Schmerz ist irgendwie anders, stechender. Den anderen kurz den Rücken zudrehend, schiebe ich den Ärmel der Robe hoch. Dort, auf dem Hügel des Daumenknochens, beinah am Handgelenk steckt ein roter Splitter unter der Haut.
„Rook, ist alles in Ordnung?“
Ich drehe mich zu Lucanis um. „Natürlich“, lüge ich. „Kommt, lasst uns eine Glocke reparieren.“
Ich habe heute genug Schwäche gezeigt. Den Splitter werde ich sowieso jetzt nicht entfernen können. Dafür steckt er zu tief. Stattdessen hole ich tief Luft und springe hinter Emmerich her, in die untere Etage. Ich kann nicht glauben, dass wir uns so lange in der Nekropole aufgehalten haben und jetzt mit einem einzigen Sprung wieder am Anfang sind. Die Absperrungen der Venatori haben ganze Arbeit geleistet.
Lucanis landet beinah lautlos neben mir und meine Bewunderung für ihn will sich wieder in den Vordergrund drängen, doch ich bringe schnell Abstand zwischen uns. Ich brauche jetzt meine volle Konzentration. Wieder flackert die Erinnerung an seine Nähe auf, und ich fürchte, eines Tages werde ich mich daran verbrennen. Gerade gelingt es mir mit aller Kraft, die Bilder aus meinem Kopf zu verbannen. Das ist gut. Das heißt, dass ich weiterhin die Kontrolle habe und nicht völlig unzurechnungsfähig geworden bin.
Bald wird es vorüber sein. Ich freue mich schon darauf, den anderen von unserem Sieg zu erzählen. Der Professor zählt bis drei und beginnt mit dem Ritual zur Wiedererweckung der Glocke. Mein Herz beschleunigt ungeduldig, meine Ohren lauschen auf das kleinste Geräusch. Ich werfe einen absichernden Blick zu Lucanis, der auf der anderen Seite des Beckens steht, einen Fuß vorgestellt, um jederzeit los zu sprinten. Ein Atemzug, die Glocker erklingt und dann tauchen sie auf.
Mit aller mir verfügbaren Macht versuche ich, die Dämonen und Venatori vom Professor fernzuhalten. Ich lasse Blitze vom Himmel regnen, springe hin und her, schleudere Projektile zurück und bald bin ich in einem Kampfrausch. Mein Körper handelt wie von alleine, während ich den Gefahren ausweiche, und ein Gegner nach dem anderen fällt. Zeitgleich scheint Lucanis zu wissen, wann es einer von ihnen auf mich abgesehen hat. Ohne dass ich ihn bitten muss, hält er mir den Rücken frei. Mehr Dämonen manifestieren sich unter der Glocke und treiben Emmerich zum Rückzug. Ich renne in seine Richtung, doch er schafft es mit einem perfekten Konter, zurückzuschlagen. Über die Kampfgeräusche hinweg rufe ich ihm ein Kompliment zu, bevor ich mich mit meinem Stab bewaffnet wieder in die Ursprungsposition am Rand zurückziehe. Schweiß hat sich auf meiner Stirn gebildet. Das dauert länger als ich gedacht habe.
Ein Dämon des Zorns erscheint direkt vor mir und hinter ihm taucht ein Venatorimagier auf. Das Brüllen des Dämons betäubt meine Ohren und mit Unbehagen muss ich zusehen, wie sein verrottetes Fleisch langsam Feuer fängt. Die Hitze, die er ausstrahlt ist beinah unerträglich und der Geruch nach Verbranntem löst eine plötzliche Übelkeit tief in meiner Magengegend aus. Ich rufe Lucanis zu Hilfe und mache einen gezielten Satz über das Geländer in die Mitte des Raumes. Wie steht es eigentlich um den Professor? Hektisch suchen meine Augen nach dessen rot-grünen Roben.
„Oh, nein das werdet ihr nicht tun“, entfährt es mir, als ich entdecke, dass die Dämonen ihn eingekreist haben. Der Boden unter ihm ist bereits völlig vereist und seine Lippen blau verfärbt. Schnell möchte die ich die Distanz zwischen uns überbrücken – wieso ist dieser verdammte Raum eigentlich so groß? – doch der Venatorimagier hat sich unbemerkt angeschlichen und bekommt meinen Unterarm zu fassen. Ich schreie vor Schmerz auf und der Stab löst sich aus meinen Fingern. Der Kristallsplitter scheint auf seinen Herren zu reagieren. Ich kann spüren, wie er sich durch mein Fleisch bohrt, tiefer und tiefer den Arm hinunter, wie ein scharfzahniger Wurm, der sich durch die Eingeweide frisst. Mit Tränen in den Augen sacke ich zusammen und für einen Moment sehe ich alles in grau. Das Blut pocht in meinen Kopf, macht mich taub. Ein letztes Blinzeln und ich erkenne, wie Emmerichs Mund sich warnend öffnet. Anschließend prallt meine Schläfe hart auf dem Boden auf.
Eine Schockwelle, die Roben des Professors, zusammenfallende Dämonen. Weitere verschwommene Bilder ohne Sinn. Zerfetzte Eindrücke, wie aus einem Traum. Mein Kopf ist schwer. Über mir diese düsteren Steinfliesen. Es ist kalt. Ich ziehe die steife Decke über meine Schulter und drehe mich auf die Seite.
Meine zitternden Augenlider kämpfen gegen das spärliche Licht an, aber egal, mit wie viel Mühe ich sie zusammenpresse, hat sich der Rest meines Körpers bereits in die wache Welt begeben. Ein kraftloses Stöhnen entflieht meinen Lippen mit dem nächsten Atemzug. Mein Herz rast, als ich versuche, mich aufzusetzen – noch gehorchen mir meine Glieder nicht. Da ist die Erinnerung an Schmerz, Arme, die mich gestützt haben. Trockener Husten arbeitet sich meinen Rachen hoch und ich gebe den Schlaf endgültig auf.
„Da hast du ganz schön was abgekriegt, was?“ Varrics Ton ist so spielerisch wie immer. Er weiß davon, natürlich. Der scharfe Geruch nach Alkohol und Kräutern steigt mir in die Nase und legt sich schwer auf meinen Magen. Kaum bin ich einige Zeit Anführere, lande ich wieder in der Krankenstation. Na, das läuft ja gut. Mühevoll setze ich mich auf und lasse die Decke hinunterrutschen.
„Wie lange bin ich schon hier?“, frage ich den Zwerg, der kaum besser aussieht, als ich mich fühle.
Varric faltet die Hände im Schoß. „Ich habe keine Ahnung, Kleiney. Hab geschlafen, als sie dich reinbrachten.“
Ein Teil von mir hat genau diese Antwort erwartet, während ein anderer sich beim Klang des Spitznamens zusammenzieht. Ich bin wirklich froh, dass nur ‚Rook‘ sich bei den anderen durchgesetzt hat. Für einen Moment schaue ich an meinem Mentor vorbei. Auf dem Nachttisch liegt nach wie vor seine zerbrochene Armbrust, Bianca. Es ist bitter, sie in diesem Zustand zu sehen. Ich kann mir kaum vorstellen, was Varric dabei empfinden muss. Er hat diese Armbrust geliebt. Mein Stab lehnt glücklicherweise unversehrt auf der anderen Seite des Raumes am Tisch.
Ich hebe die Hand, um mir über die verklebten Wimpern zu reiben, und sehe zum ersten Mal den dünnen Verband, der den halben Unterarm bedeckt. Am Handgelenk, dort wo der Splitter eingedrungen ist, konnte etwas Blut hindurchsickern. Es hat sich bereits dunkel verfärbt. Vorsichtig drehe ich den Arm und bin erleichtert, keinen stechenden Schmerz zu fühlen. Ob der Splitter entfernt werden konnte? Ich schaudere bei der Erinnerung daran, wie er sich durch mein Fleisch gebohrt hat. Verfluchte Venatori und ihre Blutmagie!
Eine Stunde wechsle ich zwischen dämmrigen Wachzustand und Schlaf hin und her. Lasse Traumbilder – oder sind es Erinnerungen? – über mich schwappen wie salzige Meereswellen. Jedes Mal erwache ich, kurz bevor sie mich ertränken, und bin froh, dass es nicht wieder das Gefühl des Fallens ist, das mich wie ein Schlag ins Gesicht aufschrecken lässt. Ich sollte aufstehen, sollte diesen Raum verlassen und den anderen zeigen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen. Dennoch zöge ich. Wieso ist bisher niemand gekommen, um nach mir zu sehen? Wieso ist Lucanis nicht hier?
Da ist dieses Bild, wie er sich über mich beugt. Besorgt. Ich kann nicht hören, was er sagt, geschweige denn, was danach passiert. Nur der Fetzen eines Moments. Bestimmt hat er geholfen, mich sicher herzubringen. Der Gedanke, dass er mich wieder stützen musste, zum zweiten Mal, löst Wärme und zugleich Unbehagen aus. Ich muss so schwach auf ihn wirken. Wie der Professor meinen Zusammenbruch aufgenommen hat, will ich mir gar nicht ausmalen. Der Drang, mich in den Kissen zu vergraben, wird kurz überwältigend, doch ich schüttle ihn ab. Ich habe keine Geduld mehr, weiter in diesem Bett zu liegen.
Varric hat die Augen geschlossen, aber ich bin nicht sicher, ob er wirklich schläft. Ich strecke mich und durchquere möglichst geräuschlos den Raum. Aus der Bibliothek dringen keine Stimmen zu mir. Vielleicht ist es doch später als ich dachte und die anderen haben sich bereits zurückgezogen. Gut, dann kann ich mich zumindest umziehen, bevor ich jemandem unter die Augen treten muss.
Gerade schlüpfe ich in das zweite Hosenbein, da höre ich Schritte vor meiner Tür. Schnell ziehe ich den Stoff hoch und glätte ihn mit einem Strich der unversehrten Hand. Bevor ich eine Antwort auf das Klopfen geben kann, wird die Tür bereits aufgeschoben. Ich schaffe es knapp, mich locker auf den Rand des Sofas zu setzen, um nicht den Eindruck zu erwecken, vor wenigen Sekunden noch halbnackt durch den Raum gelaufen zu sein.
Lucanis kommt mit ungewöhnlich lauten Schritten auf mich zu und für einen Moment fürchte ich, dass er mich gleich packen und kräftig schütteln wird. Dann fallen mir seine eingesunkenen Schultern auf, die nicht zu diesem bestimmten Auftreten passen wollen, und ich atme erleichtert aus. Mitten im Raum bleibt er plötzlich stehen, als hätte er es sich anders überlegt. Ein Sturm der Emotionen tobt in meinem Inneren. Ich will ihn näherziehen, ihn anbetteln, mich schützend in den Arm zu nehmen, doch eigentlich bin ich einfach froh, ihn zu sehen. Ich stehe auf, um dieser furchtbaren Lücke zwischen uns keine Möglichkeit zu geben, sich zu auszubreiten, halte aber genauso verloren inne, wie er es mir vorgemacht hat.
„Ihr seid auf,“ stellt er fest. Sein Blick mustert mich skeptisch, bleibt jedoch an meiner Brust hängen. Oh. Scheinbar habe ich einige Knöpfe vergessen, sodass die Falte des Wamses drei Fingerbreit mehr Haut offenbart. Ich bade in dem warmen Gefühl, das dieser begehrende Blick auslöst. Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen und mein Kopf schaltet sich ab. Die Erschöpfung des Tages, die noch in meinen Knochen sitzt, verschwindet zusammen mit den einhundert Sorgen in mir. Es wäre so einfach, ihn zu küssen. Zwei Schritte, ein Ausstrecken der Hand, der Kragen ließe sich bestimmt leicht nach vorne ziehen …
Fast bin ich enttäuscht, keinen Kaffeeatem zu riechen. Lucanis‘ Blick ist wieder frei, aber der Rest seines Körpers hat sich nicht aus der Anspannung gelöst.
„Ich habe das Schlimmste überstanden,“ versichere ich ihm und es ist nicht einmal eine Lüge. Morgen werde ich bestimmt wieder kämpfen können. Testweise strecke ich die Finger und balle sie zur Faust, während ich das Handgelenk kreisen lasse. Der Schmerz ist nur ein Echo. Ich habe Glück gehabt. Mit Leichtigkeit hätte der Splitter auch ein paar Knochen zertrümmern können.
Die Skepsis weicht nicht von Lucanis‘ Ausdruck. „Rook, Ihr seid vor meinen Augen ohnmächtig geworden.“
Seine Sorge rührt mich, aber da ist weiterhin auch Wut. „Ich bin widerstandsfähiger als ich aussehe“, antworte ich und diesmal lege ich möglichst viel aufrichtige Überzeugung in meine Stimme, um nicht trotzig zu klingen. Ein bisschen Schmerz wird mich nicht aufhalten. Das hat es noch nie.
Lucanis atmet hörbar aus. „Rook,“ beginnt er erneut. „Der Kristall war voller Blutmagie. Damit ist nicht zu spaßen. Das solltet Ihr wissen.“ Er wendet sich ab, die Hände zu Fäusten geballt. „Ihr …“, doch er führt den Satz nicht zu Ende.
Wahrscheinlich hat er Recht. Ich hätte ihn über den Splitter informieren sollen. Aber manchmal muss man schnell Entscheidungen treffen – und das sind nicht immer die richtigen. Dennoch schäme ich mich, dass ich ihn angelogen habe, als wir im oberen Glockenturm standen, und plötzlich ist es schwer, ihm in die Augen zu schauen. Gegen die Scham kämpfend, betrete ich Lucanis‘ Sichtfeld. Wegen mir soll er keinen Kummer mehr empfinden. Ich werde ihm beweisen, dass wir gemeinsam Unmögliches schaffen können. Möglicherweise kann ich ihn mit meinem unwiderstehlichen Charme davon überzeugen.
Mit einem etwas übertriebenes Lächeln komme ich näher. „Ihr müsst Euch wirklich keine Sorgen machen. Schaut, ich kann alle Finger bewegen: Eins, zwei, drei …“ Sobald der letzte Finger ausgestreckt ist, wedle ich mit der Hand vor seinem Gesicht herum. „Und bis fünf zählen, klappt auch“, füge ich grinsend hinzu. Er reagiert nicht sofort und ich fürchte schon, dass ich ihn jetzt komplett verloren habe, doch dann heben sich seine Mundwinkel. „Wenn Ihr eines Tages nicht mehr scherzt, weiß ich, dass ich alarmiert sein sollte“, meint er kopfschüttelnd und verlässt den Raum.


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