Krähenherz – Eintopf und Schnaps

2. Eintopf und Schnaps

Content Notes

In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.

Ich kneife die Augen zusammen und tauche das Gesicht in die Messingschale mit Wasser. Die Kälte ist wie ein Schlag ins Gesicht, bringt mich jedoch ins Hier und Jetzt zurück. Ich bin wieder im Leuchtturm, in meinem Zimmer und nicht mehr irgendwo unter der Erde. Meine Finger reiben über Wangen und Augen, finden Erschöpfung und Schmutz und wischen alles Ungewollte fort. Sobald ich mich aufrichte, rinnt Wasser über meine nackte Brust, ein paar Tropfen landen auf dem Boden. Blind taste ich nach dem Stück Stoff auf der Kante des Tisches, feuchte es an und versuche, die Spuren des Tages wegzuwaschen.
Nach nur wenigen Handgriffen ist das Wasser braun, aber ich mache weiter bis ich die Reste von Blut, Verderbtheit und Dreck weder sehen noch fühlen kann. Ich schrubbe, bis meine Haut rötlich schimmert, sich keine Rückstände mehr unter meinen Fingernägeln befinden und meine Muskeln vor Anstrengung zittern. Das blaue Wams legt sich anschließend wie Balsam um mich und ich kann wieder durchatmen.  Die Krähen haben nicht nur Stilbewusstsein, sondern auch einen Sinn für Bequemlichkeit. Außerdem ist es nicht leicht, etwas zu finden, was zur Farbe meiner Haare passt. Vorsichtig streiche in den weichen Stoff glatt und mustere mein Abbild im Handspiegel. Ich mag es nicht, wie ich ohne Make-up aussehe. Auf diese Wangen gehört Farbe und um diese Augen ein ordentlicher Rahmen! Schließlich muss ich ja irgendwie von diesem Zinken, der sich Nase nennt, ablenken. Und meine Augenringe verraten heute interessante Geschichten von einer schlaflosen Nacht.
Mein Magen knurrt und ich denke daran, dass die anderen bestimmt längst in der Küche zusammensitzen. Ich bin noch nicht bereit, zu ihnen zu stoßen. Ziellos wandere ich im Raum herum, mache kleine Handgriffe und drehe eine Runde um den Tisch. Am Aquarium bleibe ich stehen und presste meine Stirn gegen das Glas. Wäre ich bei den Schleierspringern geblieben, hätte ich so etwas gewiss nie zu Gesicht bekommen. Ich habe die Aufträge im Wald und die Artefakte geliebt, aber die alte Magie des Turmes jeden Tag zu erleben, ist unschlagbar. Wer weiß, was wir künftig finden werden? Vielleicht ist ein scheinbar endloses Aquarium nicht das größte Mysterium. Zum wiederholten Mal frage ich mich, wo die Fische herkommen und ob sie lebendig sind. Wurden sie für ihre beruhigende Wirkung hergeholt, um bei ihrem Anblick einen klaren Kopf zu bekommen? Oder sind sie nur Projektionen des Nichts, die zufällig den Weg hergefunden haben?
Möglicherweise sind die Fische auch nur Gefangene, so wie es Lucanis war. Vielleicht wird er mir eines Tages genug vertrauen, um mehr über seine Zeit im Ossarium zu berichten.  Wie kann man stark genug sein kann, das zu überleben – und danach einigermaßen geistig gesund herumlaufen? Ich habe die Zellen und die Folterinstrumente mit eigenen Augen gesehen, habe die Schreie gehört … Ich möchte nicht weiter daran denken. Wie aufgeschreckt löse ich mich von der Scheibe. Die Zeit, die uns gegeben ist, ist so kostbar. Möglicherweise bleiben uns nur Wochen, bis die Götter ihren Dolch fertigstellen und den Schleier wie ein Stück Pergament durchbohren. Ich habe genug gesehen, um zu wissen, dass wir sie mit allen Mitteln daran hindern müssen.
Wieder versuche ich, den Gedanken mit einem Kopfschütteln loszuwerden. Eine Angewohnheit, die sich langsam festigt. Ich sollte nicht weiter Trübsal blasen, nein, ich möchte die mir gegebene Zeit mit den Leuten verbringen, die mir am Herzen liegen. Den Leuten, die jetzt gerade auf mich warten.
In der Bibliothek wird das Geräusch meiner Schritte nur vom mechanischen Klacken der Zahnräder begleitet. Ich passiere einen der zugewachsenen Gänge, welcher sich vielleicht irgendwann öffnen wird. Dieser Ort verändert sich und ich weiß nicht, wie viel davon Magie und wie viel unser Tun ist. Manchmal entdecke ich neue Gegenstände oder Möbel, von denen ich sicher bin, dass sie zuvor nicht dort waren. Mittlerweile ist es zu spät nachzufragen, ob jemand sie hergebracht hat oder der Turm sie regelmäßig materialisiert.
Kurz bevor ich die Hoftür erreiche, ich strecke bereits die Hände aus, schwingt sie mir entgegen. Lucanis betritt mit einem Tablett in der Hand den Raum. Wir haben uns den ganzen Tag nicht gesehen, sodass mein Herz bei seinem Anblick einen freudigen Hüpfer macht.
„Rook, ich soll Euch das hier bringen.“ Mit geradem Rücken läuft er an mir vorbei und stellt das Tablett auf dem Bibliothekstisch ab, als wäre er in seinem letzten Leben ein Kellner gewesen. Ich verbiete mir, auf seinen Hintern zu starren, während er sich leicht vorbeugt, und scheitere hoffnungslos. Hatte ich bereits festgestellt, wie lächerlich ich mich in seiner Nähe verhalte? Auf jeden Fall wird es mir in diesem Augenblick schmerzhaft bewusst, wie offensichtlich ich ihn mit den Augen verschlinge. Dabei ist Lucanis so viel mehr als sein – zugegeben absolut umwerfendes – Aussehen. Ich liebe seine Ehrlichkeit, seinen Akzent, die Eleganz seiner Bewegungen, wie leidenschaftlich er vom Essen spricht und mit wie viel Sorgfalt er an Aufgaben herangeht. Was es nicht unbedingt leichter macht, sich in seiner Nähe normal zu verhalten, vor allem in Anbetracht der letzten Nacht.
Mein Gehirn erinnert sich sofort und belohnt mich mit einer wilden Bilderflut: Lucanis, wie er viel zu dicht bei mir steht, sodass ich seinen heißen Atem spüren kann; wie er sanft mein Haar zurückstreicht; wie er seelenruhig schläft …
Auf dem Tablett liegen zwei duftende Scheiben Brot mit geschmolzenem Käse neben einer Schale kräftigendem Eintopf und einer Tasse Kaffee. Der Duft lässt meinen Appetit zurückkehren.
„Hat Bellara Euch geschickt?“, necke ich ihn. Seine bloße Anwesenheit reicht aus, um die Sorgen fortzuwischen, die dauerhaft ihre Runden in meinem Gedankenchaos drehen.
„Es bot sich an“, antwortet er kryptisch, aber mit Wärme in der Stimme. Er beugt sich vor und greift nach der Tasse. Es ist die Besondere aus lila Porzellan, eingefasst in eine Art goldenen Vogel, dessen Schnabel den Griff bildet. Ich glaube, er benutzt sie ausschließlich für den guten Kaffee. Kurz bin ich empört darüber, dass er mir keinen mitgebracht hat, doch in Anbetracht der Tageszeit ist das wahrscheinlich besser so.
„Außerdem hat Davrin mich so seltsam angesehen,“ gibt er zu, nachdem er einen Schluck genommen hat. Sind die beiden nach wie vor nicht miteinander warm geworden? Ich seufze in mich hinein und setze einen weiteren Punkt auf meine unendliche Prioritätenliste. Zum Glück sind sich die beiden bisher nicht an die Gurgel gegangen. Wir haben wahrlich größere Probleme, da kann ich interne Streitigkeiten absolut nicht gebrauchen.
„Wir machen euch schon noch zu Freunden.“ Davon bin ich überzeugt. Manches braucht einfach Zeit. Nicht jeder findet sich so schnell mit dem Gedanken ab, jemanden in der Gruppe zu haben, der potenziell gefährlich werden könnte. Und ich kann Davrins Skepsis verstehen. Er ist es gewöhnt, gegen die Verderbtheit zu kämpfen und Leute zu beschützen. Wie könnte er da eine ähnliche Gefahr ignorieren?
Ich lasse mich in den Stuhl fallen und beginne zu essen. Der Eintopf verbrennt meine ohnehin geschundene Zunge, aber ich achte kaum darauf, so sehr lechzt mein Körper die Nahrung.
„Er denkt, dass ich die Kontrolle verliere“, spricht Lucanis das Offensichtliche aus. Er steht jetzt schräg hinter mir, sodass ich ihn nicht sehen kann. Ich bin überrascht, dass er hierbleibt. Es ist Wochen her, dass er so direkt das Gespräch gesucht hat. Möglicherweise habe ich ihm dabei meine Bewunderung über seinen Mut ausgesprochen und er hat meinem Flirtversuch mit einer kurzen Dankesfloskel beantwortet. Zu dem Zeitpunkt kannten wir uns erst ein paar Tage, dennoch war die Anziehung bereits gegenwärtig – zumindest meinerseits.
Schnell schlucke ich die restliche Brühe herunter. „Wenn Ihr möchtet, dass ich mit Davrin rede …“
„Nein!,“ schneidet er mir das Wort ab. „Er muss erkennen, dass ich kein Monster bin.“
Ich stehe auf und lege eine Hand auf die abgewendete Schulter. Da ist keine Wut, nur Trauer und Enttäuschung. In diesem Moment verstehe ich zum ersten Mal wirklich, dass Lucanis Bosheits Übernahme noch mehr fürchtet, als wir es tun.
„Lucanis“, sage ich sanft und drehe ihn zu mir. Sein Gesichtsausdruck bricht mir das Herz. „Wir haben uns darauf geeinigt, nach einer Lösung zu suchen, und alle waren einverstanden, dass Ihr bei uns bleibt. Ich habe es nicht bereut.“ Meine Hand hat sich auf seine Wange gelegt. „Habe ich Euch jemals anders behandelt?“
Ich kann sehen, wie er mit sich kämpft. Für einen Moment bleiben seine Augen geschlossen. Wie gerne würde ich ihn jetzt in den Arm nehmen!
Er öffnet die Lider wieder, aber schiebt meine Hand nicht weg. „Rook, das ist kein Spiel. Wenn er Euch verletzen sollte …“
„So leicht werde ich es ihm nicht machen.“ Meine Stimme ist ein Flüstern. Ich kann nicht mehr verhindern, dass mein Daumen zögerlich über Lucanis‘ Haut streicht. Irgendwo in mir schwirren Feuerglühwürmchen, senden heiße Wellen durch meine Eingeweide. „Es hat doch funktioniert – vergangene Nacht, meine ich.“
„Nur weil Bosheit eine Nacht ruhig ist, muss das nicht heißen, dass es so bleibt. Früher oder später wird er ungeduldig werden.“ Lucanis senkt den Blick und tritt zurück, sodass meine Hand kurz in der leeren Luft schwebt. Kälte möchte Besitz von mir ergreifen und ich rechne damit, dass Lucanis mich mit ihr alleinlässt, er nimmt allerdings auf der Kante der Couch Platz.
„Bitte, Ihr solltet nicht wegen mir aufs Essen verzichten.“
Wir schweigen während ich den Eintopf löffle. Ich frage mich, wieso er nicht geht, und bin zugleich froh darüber, dass er hier ist. Obwohl ich nicht gerne still bin, fällt es mir in seiner Nähe leichter. Ich habe nicht das Gefühl, unbedingt etwas sagen zu müssen. Wir sind einfach hier zusammen und passen aufeinander auf.
„Ihr habt mich nicht geweckt“, stellt er fest, während ich mir das letzte Stück Brot in den Mund schiebe. Unfähig zu antworten, kaue ich hektisch darauf herum, bis ich endlich schlucken kann.
„Ich hatte das Gefühl, dass Ihr den Schlaf braucht.“
Lucanis‘ Mimik verhärtet sich. Stimmt, er mag es nicht, wenn für ihn entschieden wird, so wie es Caterina sein halbes Leben getan hat, möge sie in Frieden ruhen. Schuldbewusst beiße ich mir auf die Lippe, suche nach einer passenden Formulierung, nach einer Entschuldigung. Ich wollte seine Grenzen nicht überschreiten.
„Sagt einfach, wenn ich mich revanchieren soll“, meint Lucanis, bevor ich die richtigen Worte finden kann. „Letzte Nacht war mit Abstand die beste Nacht, die ich seit über einem Jahr hatte.“ Die Sanftheit seiner Stimme lässt meine Knie weich werden und dann ist sie wieder da: diese seltsame Spannung zwischen uns. Als wäre alles bereits ausgesprochen und wir bräuchten keine Worte mehr. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich es als Magie bezeichnen. Unsere Blicke ineinander verhakt, sitzen wir um den kleinen Tisch, der Geruch des Eintopfs hängt noch in der Luft, und wir lächeln. Lächeln für uns selbst und für den anderen.
Die warme Mahlzeit hat mich träge gemacht und ich strecke mich, um gegen meine schwerwerdenden Lider zu kämpfen. Ich bilde mir das doch nicht ein! Er muss doch auch etwas für mich fühlen, so schnell wie sich sein Brustkorb hebt und senkt. Ich vergesse die Welt um mich herum, kann die Zahnräder nicht mehr hören, die Regale nicht mehr wahrnehmen. Lucanis sieht mich an, als wäre ich die kostbarste Person in ganz Thedas, und ich schmelze dahin.
Ein tiefes Gähnen drängt sich an die Oberfläche und ich vergesse fast, mir die Hand vor den Mund zu nehmen. Ich lächle entschuldigend und plötzlich fällt die Anspannung von mir ab. Meine Mundwinkel beben und bald erschüttert mich ein vollwertiges Lachen. Ist diese ganze Situation nicht absolut absurd? Wir versuchen, selbst ernannte Götter zu bekämpfen! Obwohl wir nicht mal einen Plan haben, wie wir das anstellen sollen. Und was macht mir am meisten Angst? Dass der mir gegenübersitzende Mann, ein fähiger Assassine, der außerdem mit einem Dämon verbunden ist, mich abweisen könnte! Ich meine … wie ist es dazu gekommen?
Lucanis stimmt in das Lachen ein, was mir das Aufhören weiter erschwert. Er ist so lächerlich schön. Wieso musste ich ihm unter diesen Umständen begegnen? Mit der linken Hand kralle ich mich an den Stuhl, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, während die rechte die unweigerlichen Tränen trocknet. Genug, ich habe mich unter Kontrolle. Ein letztes Kichern entflieht meinen Lippen, bevor ich mir peinlich berührt durch die Haare fahre. Das war leicht unangenehm.
Noch etwas zittrig drücke ich mich von der Sitzfläche und wieder muss ich gähnen. Lucanis ist plötzlich neben mir.
„Ihr gehört ins Bett.“ Sein Ton lässt keine Widerrede zu. Gemeinsam steigen wir die Stufen hinauf, wobei er mich stützt, als wäre ich fünfzig Jahre älter. Die Erschöpfung hat mich so abrupt erschlagen, dass ich kaum darüber nachdenken kann, was das Gefühl seiner Hände auslöst. Kraftlos setze ich einen Fuß vor den anderen und nehme zusätzlich das Geländer zur Hilfe.
Im Meditationsraum werde ich auf dem Sofa platziert, wo ich mich sofort unter die Decke kuschle. Fast hätte mein müdes Gehirn nach einem Gute-Nacht-Kuss gefragt, aber ich kann mich selbst knapp davon abhalten. Lucanis verschwindet aus meinem Sichtfeld und hält mir dann antivanischen Schnaps unter die Nase.
„Das wird euch beim Einschlafen helfen“, erklärt er und entkorkt die Flasche. Ich blinzle verwirrt. Wo hat er die denn jetzt hergezaubert? Der Mann ist immer wieder für eine Überraschung gut. Das gefällt mir. Wenige Sekunden später halte ich ein Glas der klaren Flüssigkeit in der Hand.
„Wenn das nicht hilft, bringe ich Euch nächstes Mal Minztee.“ Minze aus dem Garten. Die Pflanze haben wir gemeinsam gekauft. Ich nicke zustimmend und wir trinken ohne Anzustoßen. Ein pfeffriger Geschmack mit der Süße von Trauben und Orange brennt warm meine Kehle hinab. Ich stelle das Glas ab und schließe die Augen. 

Quelle: Screenshot Dragon Age: The Veilguard

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