1. Chaos
Content Notes
In dieser Geschichte werden Themen wie Blut, Tod, Selbstzweifel und sexuelle Inhalte erwähnt. Möglicherweise eignet sie sich deshalb nicht für jede lesende Person.
Durch den Spiegel schreitend, aber bevor das blendende Weiß alles einnimmt und mein Körper für den Bruchteil einer Sekunde vom Boden erhoben wird, finden meine Gedanken den Weg zur letzten Nacht. Zur Kammer mit dem schmalen Bett, den herunterbrennenden Kerzen und zu Lucanis; seinem gleichmäßigen Ein- und Ausatmen und seinem Geruch, der sich mit dem Vergehen der Zeit zunehmend ausgebreitet hat. Er sah so friedlich aus. Als könnte der Dämon in ihm nicht jeden Moment stärker werden und uns alle in Gefahr bringen.
Den Bruchteil einer Sekunde später berühren meine Füße tevinteranischen Boden. Etwas stimmt nicht. Ich spüre, wie sich meine Nackenhaare aufstellen, und werfe einen prüfenden Blick zu Davrin und Harding. Ja, sie merken es auch. Ich hatte der Stadt ein besseres Schicksal gewünscht, stattdessen zeigt sich uns jetzt das volle Ausmaß des Chaos.
Direkt vor uns ist ein riesiges Loch in der Wand, wo Teile des Gebäudes einfach weggerissen wurden. Ich wage mir nicht vorzustellen, welche brachiale Kraft dafür nötig gewesen sein muss. Vorsichtig trete ich an den Abgrund, wappne mich für alles, doch glücklicherweise liegen dort unten keine Leichen. Es sieht eher aus als hätte jemand eine Ecke des Raumes abgerissen. Der Drache muss riesig gewesen sein. Ich sehe die Besorgnis in den Augen der anderen und lege den Finger auf die Lippen, bevor ich mich weiter in den Unterschlupf wage.
Der drückende Gestank nach Blut und Schutt ist allgegenwärtig. Kissen und Bücher liegen auf dem Boden verteilt, Gemälde wurden aus ihren Rahmen gerissen, weitere Wände sind kollabiert; nichts ist mehr an seinem Platz. Ich erinnere mich an diesen Ort, gefüllt mit Leben, jetzt hat eine unheimliche Stille von ihm Besitz ergriffen. Es ist kaum möglich, nicht auf eine der unzähligen Blutlachen zu treten. Blut von Verbündeten, Blut von Freunden. Nervös schaue ich mich um, doch es gibt keinen Hinweis auf Überlebende. Sie können nicht alle tot sein! Sie haben sich bestimmt nur verstreut, in Sicherheit gebracht und lecken ihre Wunden. Neve wird sie finden.
Das blaue Wandbild des Schattendrachen blickt plötzlich mahnend, fast verurteilend zu mir herunter. Ich stehe in den Ruinen meiner eigenen Entscheidung. Und ich verabscheue es. Jetzt das volle Ausmaß der Zerstörung zu sehen, sorgt dafür, dass sich Schuldgefühle in meiner Magengegend ausbreiten. Am liebsten würde ich diesen Ort sofort wieder verlassen – dabei weiß ich nicht einmal, wie es auf den Straßen aussieht. Ich gebe dem Drang nicht nach. Wir haben alles versucht, beide Städte zu retten, doch manche Dinge liegen einfach nicht in unseren Händen. Ich bin recht passabel, wenn es um Magie geht, aber selbst ich kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Immerhin haben wir einen Drachen verwundet. Und ein verwundeter Drache ist bald ein toter. Nummer zwei wird dann auch nicht mehr lange herumfliegen.
Ich bereue meine Entscheidung nicht. Wir haben viele Leben gerettet. Dennoch bin ich froh, dass niemand gesehen hat, wie ich noch vor Tagesbeginn aus Lucanis‘ Zimmer kam. Sie sollen nicht denken, dass ich seiner Heimatstadt geholfen und Minrathous vernachlässigt habe, um ihm zu gefallen. Ich ziehe die Schultern hoch und versuche, meinen Nacken aufzulockern. Die Stunden auf dem Boden haben ihren Preis gefordert, aber auf Lucanis aufzupassen, ist jede Verspannung wert. Zuerst hatte ich Angst, dass er mich wegschicken würde, aber dann ist alles sehr schnell gegangen: Sein Körper hat sich entspannt, der Atmen beruhigt und ein Arm rutschte locker von der Kante, wo er auf meiner linken Schulter liegenblieb. Wie hätte ich es da übers Herz bringen können, mich zu bewegen oder gar ihn wie vereinbart zu wecken?
Stattdessen blieb ich stundenlang in meiner Haltung sitzen und lauschte auf die Stille der Nacht. Ich habe mich mehrfach gefragt, ob diese schmale Holzbank wirklich als ein vernünftiges Bett taugt und mir jedes Detail des Raumes eingeprägt. Und manchmal waren meine Augen geschlossen, aber nicht, weil ich müde war – das hätte mein kräftig schlagendes Herz kaum zugelassen, sondern um mich auf das Gefühl zu konzentrieren, das seine Nähe in mir auslöst. Meine Sinne wie aufgeladen, übersensibel und zugleich tief entspannt.
Ich habe mir in dieser Nacht hunderte Mal ausgemalt, wie Lucanis meine nackte Haut berühren würde. Eine intensive Vorstellung voller warmer Schauer, ein ständiges Kribbeln. Ich fürchte, ich bin möglicherweise bereits hoffnungslos verknallt. Ach, es gibt ja sonst keine Probleme in meinem Leben.
Ich schaue mich nach den anderen um, die auch keine Worte für das Bild der Zerstörung haben, das sich vor uns ausbreitet, und bin froh, dass Lucanis nicht hier ist. Sicherlich würde er sich Vorwürfe machen. Er hat genug Leid gesehen.
Und wir sind längst nicht am Ende. Draußen spült der Regen das Blut fort, aber er kann die allgegenwärtige Atmosphäre des Todes nicht mitnehmen. Ich wende meinen Blick ab, weg von den Galgen, die sich unter den toten Körpern bereits durchbiegen, weg von den Karren verbrannter Leichen und den furchterfüllten Augen am Wegesrand. So viel Not, so viel Zerstörung – und natürlich profitiert jemand davon. Die strengen Blicke der Venatori brennen auf unserer kleinen Gruppe wie Gift. Es sind viele. Wir gehören nicht hier her, stecken nicht bis zum Hals in Unrat und Leid und das sehen sie. Nur ein falscher Schritt und sie würden uns auf offener Straße angreifen, davon bin ich überzeugt.
Ich frage mich, ob Neve in der Nähe ist. Vielleicht beobachtet sie die Straßen, sammelt Informationen und wartet auf die richtige Spur. Für sie muss der Zustand der Stadt wie eine offene Wunde sein. Ich verstehe, dass sie Zeit braucht, aber hoffe zugleich, dass sie bald zu uns zurückkehren wird.
Wie durch ein Wunder erreichen wir den Eingang der Katakomben ohne Zwischenfälle. Als würde ich an Wunder glauben. Normalerweise verlasse ich mich lieber auf meine Instinkte und meine Begleitenden. Außerdem sind meine Fähigkeiten im Kampf auch nicht zu unterschätzen. Das muss genügen. Ich möchte der Dockstadt mit allen verfügbaren Mitteln helfen. Es ist noch nicht zu spät, zurückzuschlagen. Ich werde die Überlebenden nicht im Stich lassen.
Glaubt man die Dinge nicht irgendwann, wenn man sie sich oft genug sagt?
Wir werden die Götter besiegen. Lucanis und ich werden heißen Sex haben.
Beides etwa gleich wahrscheinlich, oder?
„Ist alles in Ordnung, Rook?“ Harding sieht mit mich diesem Blick an, als wäre ich kurz davor, mich in einen Tiefenlauerer zu verwandeln – oder verrückt zu werden.
Irritiert mache ich halt und versuche durch ein geräuschloses Räuspern das dämliche Grinsen, das sich auf mein Gesicht gestohlen hat, zu vertreiben. Die Gänge hier unten werden nur von spärlichem Fackellicht und dem Schimmer meines Stabes erleuchtet. Davrin hat eine Augenbraue hochgezogen, macht aber keinen Kommentar. Ich kenne ihn nicht gut genug, um zu wissen, was er denkt.
„Klar“, antworte ich und will weitergehen, aber die anderen bleiben an Ort und Stelle stehen.
„Nun, ich frage nur, weil wir eben schon diesen Weg gegangen sind.“ Es ist kein Vorwurf. Eher eine Mischung aus Belustigung und Besorgnis. Sie kennt mich von allen hier am längsten. In ihrer Nähe werde ich mich künftig mehr zusammenreißen müssen. Ich blicke in die Tunnel, die sich links und rechts von uns erstrecken. Verfluchte Katakomben! Wieso muss ich auch immer vorangehen?
„Als Späherin übernehmt Ihr sicherlich gerne die Führung“, versuche ich die Situation zu retten und deute lächelnd eine Verbeugung an. Vielleicht hätte ich doch etwas mehr schlafen sollen. Diese Dunkle Brut würde sich schließlich nicht von allein besiegen und gerade hier unten könnten in jedem Winkel Gefahren lauern. Manchmal sogar näher als wir glauben, denke ich, als ich die braune Verderbtheitsader über unseren Köpfen entdecke. Ich kann mir nicht leisten, unaufmerksam zu sein. Ich kann mir nicht leisten mit jedem Schritt, an Lucanis‘ dunkle Augen zu denken, an die Wärme, die sein Körper ausstrahlt oder an seine geschmeidigen Bewegungen.
Ich kann mir nicht leisten, mich wieder und wieder zu fragen, ob er gewollt hätte, dass ich ihn küsse, als wir so dicht beieinanderstanden. Denn dann könnte es wirklich gefährlich werden.


Hinterlasse einen Kommentar