Diese Kurzgeschichte spielt im Dragon Age Veilguard Universum, ist aber spoilerarm, da sie innerhalb der ersten Kapitel angesetzt ist.
So viele Dinge schwirren in meinen Kopf herum, dass es mir manchmal schwerfällt, mich zu konzentrieren. Ich kann diesen Strudel kaum mehr überblicken, weiß nicht, ob ich mich zuerst um die Grauen Wächter kümmern soll, um die Dockstadt, um die neusten Sichtungen der Verderbnis, die Suche nach weiteren Mitgliedern dieser bescheidenen Gruppe, um die Aufwertung unserer Ausrüstung, die Planung der nächsten Mission, die Beantwortung der Briefe, die nach und nach hier eintrudeln, oder … Ich schließe die Augen und atme tief durch die Nase ein.
Irgendwo unter mir erklingt das dumpfe Geräusch zweier Fußpaare auf dem steinernen Platz. Und etwas entfernt das aufgeregte Klacken eines Schnabels. Wir füllen diesen Leuchtturm mit Leben, denke ich und öffne die Augen, die Ellbogen vorsichtig auf das Geländer gelehnt. Lautlos fliegen die elfischen Gebäudefragmente durch den klaren Himmel. Die Magie ist hier so stark, dass ich das Gefühl habe, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um sie wie ein physisches Objekt zu ergreifen. Lustig, wie schnell wir uns daran gewöhnt haben.
So wie diese wundersamen Ruinen uns umkreisen, kreisen meine Gedanken weiter und weiter. Um die Griffins, die unzähligen Ritualstätten, die Informationen über Solas, der mal unser Feind war, und jetzt etwas anderes ist, was auch immer das sein mag.
Da ist noch Blut unter meinen Fingernägeln. Ich weiß nicht, wie oft ich mich schon gewaschen habe, nur um wieder einen Spritzer zu finden, den ich übersehen habe. Gut, frei von Kampfspuren zu sein, ist auch nicht gerade ein Dauerzustand. Ich frage mich, wie Lucanis stets so … geordnet aussehen kann. Schließlich ist das Kämpfen mit einem Dolch normalerweise eine nicht gerade saubere Angelegenheit. Doch er kehrt von jeder Quest genauso makellos zurück, wie er sie begonnen hat.
Lucanis. Seit dem gemeinsamen Kaffeetrinken schwirrt er im Strom der Gedanken mit und er ist dabei laut. So laut, dass andere Probleme sich hinter der Erinnerung an sein Lächeln verstecken können. In den unpassendsten Momenten taucht er auf, wie ein Geist, der in meinen Kopf lebt – als wäre Solas nicht genug! Es sollte mich nicht beeinflussen und doch nimmt es zu.
Gerade in solch seltenen Momenten wie jetzt, wenn alle im Turm sind, ihre Pläne schmieden oder für einen Augenblick entspannt die Füße hochlegen, lässt mich der Wunsch nicht los, Lucanis nah zu sein. Wirklich, ich möchte wissen, welche Fortschritte Bellara bei der Reparatur des Archivgeists macht, möchte mehr über die Schattendrachen und Weißhaupt lernen, doch immer wieder zieht es mich zur Vorratskammer.
Eine dünne Schweißschicht hat sich auf meinen Handflächen gebildet als ich die Tür zum Speisesaal aufdrücke. Das letzte Mal war er nicht hier und ich bin zwei Runden wie eine Katze um den Tisch geschlichen, bevor ich mit dem letzten Stück Schokolade die Flucht ergriffen habe. Schon in der Vergangenheit bin ich stets etwas … jämmerlich gewesen, wenn ich verknallt war. Hoffentlich bekam niemand mit, wie häufig ich „zufällig“ einen Blick in die Vorratskammer warf.
Gähnende Leere schlägt mir entgegen, aber immerhin hält die Glut im Kamin den großen Raum warm. Auch wenn es draußen keinen klassischen Wind gibt, sorgt die seltsame Luft manchmal für Gänsehaut bei mir. Ich war schon immer eine Frostbeule. Vielleicht zieht es mich auch deshalb so zu Lucanis hin. Es ist ihm möglicherweise nicht bewusst, aber seine Wärme spüre ich schon, wenn wir nebeneinander herlaufen. Der Mann ist im wahrsten Sinne des Wortes heiß.
Bei dem Gedanken muss ich grinsen. Ich lehne mich gegen die linke Wolfsstatue, so wie er es gelegentlich tut, und löse den Blick. Vor ein paar Tagen stand er genau in dieser Position. Über was er wohl nachdenkt, wenn er die Kaffeetasse in der Hand hält und in die Flammen starrt? Denkt er an die schreckliche Zeit, die er hinter sich hat? Das Jahr der Folter, des Traumas, der Einsamkeit? Lässt er über die grauen Erinnerungen den Kaffee kalt werden oder denkt er vielleicht auch ab und zu an mich, so wie ich jetzt an ihn?
Manchmal stehe ich vor der Tür zum Speisesaal und lausche. Als könnte es mir Antworten geben, als könnte ich seine Katzenschritte tatsächlich hören. Es ist zu lange her, dass wir geredet haben – nur wir zwei. Zu oft finde ich ihn in Gesprächen mit den anderen oder traue mich nicht, seine Ruhe zu stören. Ob ich ihn nach einer Verabredung fragen sollte? Es fühlt sich nicht an, als hätten wir dafür Zeit. Überall sind Brandherde, die ich als Anführere löschen sollte.
Andererseits könnte ich mehr von seinen wohltuenden Worten gebrauchen. Ständig dankt er mir. So wie er mir auch an dem Abend im Café gedankt hat. Wie er mich danach angesehen hat, neugierig … hungrig. Ein Hunger der Seele, des Fleisches. Ich merke, wie es mir bei dieser Erinnerung heiß den Rücken herunterläuft, und trete vom Kamin zurück. Wie kann eine Person nur so gemächlich Kaffee trinken und einen Satz sagen, der alle Fasern meines Körpers erschüttert: Vielleicht ist das, was ich suche, ja direkt vor mir?
Und trotzdem behandelt er mich zurzeit mit dieser distanzierten Freundlichkeit, während ich verzweifelt auf ein Zeichen der Zuneigung warte. Wenn mich nicht die falschen Götter in den Wahnsinn treiben, dann sicherlich Lucanis! Ich schüttle den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Normalerweise neige ich nicht zu Schwermut, aber heute macht es mir große Mühe, mich nicht davon einnehmen zu lassen. Die Verantwortung, die ich nie wollte hat sich zwischen meinen Rippen eingenistet und belastet jeden meiner Schritte. Da werde ich wohl noch reinwachsen müssen. Immerhin sind wir schon weiter gekommen, als ich zu Anfang dachte.
Unruhig wische ich die Handflächen an der dunkelblauen Hose ab, die ich seit ein paar Tagen passend zum identisch gefärbten Wams trage. Die Kleidung hilft mir, mich den Krähen nah zu fühlen – und mein Hintern sieht darin ebenfalls phantastisch aus. Leider hat Lucanis es bisher nicht kommentiert, dass ich im Turm wie einer von seinen Leuten herumlaufe. Dabei wäre ich einem Kompliment nicht abgeneigt. Unweigerlich stelle ich mir vor, wie er sich zu mir beugen würde, sodass ich fast sein Haar an meinem Ohr spüren könnte, aber nicht nah genug, dass es auffällig wäre. Daraufhin würde er etwas sagen wie „Ihr sehr umwerfend aus wie eine Kornblume im Sommer“ oder „keine Sorge, es ist mir sehr wohl aufgefallen, wie Euch die Farbe der Krähen schmeichelt“. Wäre der Mann kein Assassine, hätte er sicherlich Poet werden können.
Obwohl ich weiß, dass er nicht dort ist, drücke ich die Tür zur Vorratskammer mit klopfendem Herzen auf. Es fühlt sich an, als würde ich etwas Verbotenes tun. Dabei ist dies immer noch eine Kammer, die in erster Linie dazu dient, Dinge aufzubewahren, auch wenn darin ein schmales Bett steht. Niemand kann wissen, ob ich nicht ganz dringend eine Vase brauche oder einen Korb oder … gut, ich bin tatsächlich jämmerlich.
Der Geruch von Kerzen und Kaffeebohnen schlägt mir entgegen, aber die Anspannung weicht mir nicht von der Seite. Leise lasse ich die Tür hinter mir zufallen, mich vollkommen von der Atmosphäre des Raumes einsaugen. Meine Finger streifen über die grauen Fliesen, während ich mich weiter hineinbewege. Da liegt ein dritter Geruch verborgen unter den anderen, den ich nicht ganz deuten kann. Wie in Trance stehe ich nun vor dem Bett. Mehr Empfindungen und Sehnsüchte durchfluten mich. Ein Teil von mir möchte, dass Lucanis mich hier findet und versteht; möchte, dass er mein Haar zurückstreicht und mich nach dessen ungewöhnlichen lila Schimmer fragt, bevor er mich in die Leinen drückt.
Oh, ich vermisse es, mich jemanden mit Haut und Haaren hinzugeben. Seit ich zu dem stehe, was ich bin, ist es nicht unbedingt leichter geworden … aber Lucanis hat mir zugehört, hat mich weder verurteilt noch komisch angesehen – selbst nachdem ich ausgesprochen habe, was viele bei meinem Aussehen bestimmt vermuten: dass ich weder ein Mann noch eine Frau bin. Dennoch habe ich ihn nie gefragt, ob Nicht-Binär-Sein in Antiva normal ist. Möglicherweise hätte ich es leichter gehabt, wäre ich dort aufgewachsen.
Ich habe mich schon zu lange hier aufgehalten. Trotzdem überlege ich für einen Moment, mich auf den Bettrand zu setzen und weitere wertvolle Sekunden in meiner Phantasie zu schwelgen. Ich habe keine Angst vor diesen Gefühlen oder vor einer Zurückweisung, ich habe schon Schlimmeres erlebt. Und wenn ich mir die Lage so ansehe, liegen bestimmt einige Höhen und Tiefen vor mir, vor uns allen. Vielmehr mache ich mir Sorgen, was die Gruppe denken würde, wüssten sie von meinen Sehnsüchten. Ich möchte nicht, dass sie denken, ich würde einzelne bevorzugen. Sollte es darauf ankommen, kann ich meine Gefühle trennen und nach bestem Gewissen rational entscheiden. Aber wer würde schon jemanden folgen, de ernsthaftes Interesse an einem Mann hat, in dem ein Dämon haust? Nein, so lebensmüde ist diese bunte Truppe dann doch nicht.
Niemand kennt das Ausmaß des Deals, den Lucanis und Bosheit miteinander getroffen haben. Kann ein Dämon etwas anderes wollen als die volle Kontrolle? Was war Lucanis bereit, ihm zu versprechen? Ja, ich bin besorgt und dennoch schreckt mich der Dämon nicht ab. Er ist eine Schwäche, die haben wir alle. Ohne unsere Vergangenheit, ohne unsere dunkelsten Momente wären wir nicht die, die wir heute sind. Und ich möchte all diese Seiten von Lucanis sehen, ihm beistehen, wenn er es zulässt. Vor mir muss er nichts verstecken. Ich wünschte, jemand hätte mein Vergangenheits-Ich genauso bedingungslos akzeptiert. Allerdings drängt sich eine Frage immer wieder in den Vordergrund: Wie viel bekäme Bosheit mit, wenn … Nervös wende ich mich ab. Ich kann mir die Reaktion des Dämons nicht vorstellen, würden Lucanis und ich uns küssen – geschweige denn … andere Dinge tun.
Das Vernünftigste wäre es zu warten, bis wir Bosheit irgendwie erledigt haben, falls das wirklich möglich ist. Bis dahin muss ich lernen, diese gutaussehende Krähe im Chaos der Gedanken hinzunehmen. Soll er doch schreien und Platz einfordern! Schließlich muss ich mich nicht von der Sanftheit seiner Stimme ablenken lassen oder daran denken, wie leicht es wäre, die vier Knöpfe seiner Weste zu öffnen. Niemand zwingt mich, darüber nachzudenken, wie intensiv eine zufällige Berührung kribbelt, wie … Erneut schüttle ich den Kopf, um die klaren Gedanken zurückzuerlangen. Mittlerweile fühlt sich der Raum leer und beengt an. Ein Seufzen entkommt meinen Lippen, bevor ich mich umdrehe und ohne zurückzublicken den Speisesaal betrete.
Keuchend renne ich durch die verlassenen Gänge. Meine Schritte hallen auf dem glatten Marmorboden wider, während der Ausgang nicht näherkommen will. Ich beschleunige – habe ich es abgehängt? – nur um die langen Fingernägel in meinem Rücken zu spüren. Mit einem Sprung hebe ich vom Boden ab, schwimme durch die Luft, aber es ist weiterhin dicht hinter mir, greift nach meinen Fußknöcheln. Meine Lungen brennen, ich mache einen kraftvollen Zug … was war das?
Ich verliere das Gleichgewicht. Strauchelnd suche ich nach etwas zum Festhalten und – meine Finger ergreifen Stoff. Bläuliches Licht schimmert mir entgegen. Ich brauche einen Moment, um zu verstehen, dass ich mich in meinem Zimmer befinde. Gerädert streife ich die Decke ab und lasse ich mich auf den Boden sinken, auf den ich ohnehin fast gefallen wäre. Da bin ich wohl knapp einem noch unsanfteren Erwachen entkommen. Ich reibe mir die Augen. Ist es nicht seltsam, dass ich trotz der Verbindung zu Solas weiterhin normal träumen kann? Als würde er mich in Ruhe lassen und sich nur in meinen Verstand einmischen, wenn es etwas zu bereden gibt.
Fröstelnd raffe ich mich auf und schleiche den Gang zur Bibliothek entlang. Der Leuchtturm ist verdächtig still, es muss Mitten in der Nacht sein. Obwohl das hier im Nichts schwer zu sagen ist, da es nie vollends dunkel wird. Die Irrlichter, die das Gästehaus umschwärmen, sind allerdings das einzige Lebenszeichen. Also, sofern man sie als „lebend“ bezeichnen kann. So genau blicke ich da nicht durch.
Das Gefühl verfolgt zu werden, hat mich noch nicht losgelassen und hier draußen ist es schlimmer. Ich beschleunige meine Schritte, laufe auf Zehnspitzen die Stufen hinauf und finde Schutz im Speiseaal. Ein Tee wird mich von innen wärmen und hoffentlich auch meine Nerven beruhigen. Während ich darauf warte, dass das Wasser erhitzt, krame ich träge im Regal mit den Fläschchen nach den getrockneten Blättern. Gerade will ich danach greifen, da werde ich herumgerissen und mit dem Hinterkopf gegen die Wand gedrückt. Der Aufprall presst die Luft aus meinen Lungen, es entweicht nur ein überraschtes Keuchen und ich lasse das Gläschen fallen, das ich in der Hand halte. Für einen Moment sehe ich nur Schatten, mache mich zur Verteidigung bereit, doch …
„Rook?“ Der Druck lässt nach. „Verdammt, ich dachte, Ihr wäret ein Eindringling.“ Beschämt lässt Lucanis den Dolch sinken. Er ist so nah, dass ich die Muttermale auf seinem Gesicht deutlich erkennen kann.
„Das wäre beinah schief gegangen“, scherze ich, wie ich es meistens tue. Gerade hilft es mir, darüber hinwegzusehen, dass ich mir vor Schreck fast in die Hosen gemacht hätte. Jetzt weiß ich, dass ich Lucanis niemals hören würde, hätte er es tatsächlich auf mich abgesehen.
Ich rechne damit, dass er einen Schritt zurückmacht, den Dolch wegsteckt und mich fragt, was ich hier mache; doch nur seine dunklen Augen bewegen sich, springen immer wieder zu meinem Mund. Mein Herz fängt Feuer. Er sieht unsicher aus, aber macht weiterhin keine Anstalten, mehr Platz zwischen uns zu schaffen. Ich realisiere, dass der dritte Geruch in der Vorratskammer Lucanis eigener gewesen sein muss. Mein Herz schlägt noch schneller, falls das irgendwie möglich ist, und zugleich werde ich auf seltsame Weise entspannt. Ich kann sehen, wie mein Gegenüber mit sich ringt – sucht er nach den richtigen Worten? – dann greift er nach vorn und schiebt eine dünne Haarsträhne zurück, die sich unbemerkt in meinen Wimpern verfangen hat.
Für einen Moment glaube ich, dass der Zauber gebrochen ist, aber die Bewegung ist langsam und die Hand verweilt neben meinem Hinterkopf flach an die Wand gestützt. Ist es nicht witzig, dass die Wirbel in seinem Haar die Form von Hörnern andeuten? Ich will es berühren, erproben, ob ich es glattstreichen kann. Alles an ihm schreit danach, gefährlich zu sein. Eine Warnung, die mir nicht egaler sein könnte. Auf diesem Nacken könnte man wunderbar Küsse verteilen. Ich spüre seinen heißen Atem und schließe die Augen …
Das Wasser in der Küche beginnt zu blubbern und zerreißt die Spannung wie eine platzende Seifenblase. Plötzlich scheint sich Lucanis daran zu erinnern, wie man seine Füße bewegt. Er räuspert sich und gibt mich schließlich frei. Etwas in mir schreit, will ihn packen und wieder näherziehen, aber ich lasse ihn gewähren.
„Ihr konntet nicht schlafen, was?“ Seine Frage klingt trocken und hohl. Ich lecke mir über die Lippen, doch dieses Gefühl, die kribbelnde Erwartung, wischt es nicht gänzlich fort.
„Ich konnte sogar sehr gut schlafen, bis ein Alptraum mich geweckt hat“, antworte ich während ich das Fläschchen aufhebe, das zum Glück nicht zerbrochen ist. Es fühlt sich an, als würde sein Blick dabei einen Moment zu lang an meiner Rückseite festhängen. Mein Versuch, diesen Gedanken ganz weit wegzuschieben, endet in einem dümmlichen Grinsen.
Ich kann noch genau spüren, wo seine Finger meine Haut berührt haben. „In letzter Zeit träume ich öfter davon, verfolgt zu werden“, gestehe ich in Ermangelung eines anderen Themas. Alles ist besser als eine unangenehme Stille entstehen zu lassen. Ich möchte auf keinen Fall, dass Lucanis denkt, er würde mich stören.
„Das tut mir leid“, sagt er und seine Stimme klingt fast wieder normal. „Und dass ich euch beinah erdolcht hätte ebenfalls.“ Täusche ich mich oder ist da gerade ein verstohlenes Lächeln über seine Lippen gehuscht? Er macht es mir aber auch nicht leicht!
Ich werfe die Teeblätter in den Becher mit heißem Wasser und genieße den Duft, den sie verströmen. „Schon in Ordnung. Im ersten Moment habe ich befürchtet, dass Bosheit die Kontrolle übernommen hat, aber … ich vertraue Euch, Lucanis.“
„Ich bin nicht sicher, ob ihr das solltet.“ Er schaut zu Boden. „Ich bin müde, Rook.“
Ich schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter, als mir klar wird, dass Lucanis heute wahrscheinlich überhaupt kein Auge zugetan hat. Er hat mir doch bereits erzählt, dass Bosheits Einfluss wächst, wenn er schläft und ich Esel habe nicht daran gedacht. Vorsichtig nippe ich am Tee, denke einen Moment über die Worte nach, bevor ich sie vorsichtig ausspreche, als könnten sie zerbrechen und ich mich daran schneiden: „Ich habe eine Idee. Ihr legt euch jetzt für ein paar Stunden hin und ich passe an eurem Bett auf. Sobald Ihr irgendwie unruhig werdet und Bosheit die Kontrolle übernehmen will, wecke ich Euch.“
„Und wie wollt Ihr das anstellen?“
„Mir fällt bestimmt was ein. Und zur Not gebe ich Euch einfach eine Ohrfeige.“
„Und Ihr seid euch dabei sicher?“
„Ich bin jetzt sowieso wach.“
Die Sekunden, die Lucanis zum Nachdenken benutzt, ziehen sich unerträglich. Mit aller Kraft muss ich mich zusammenreißen, um nicht vom Strudel der Gedanken mitgerissen zu werden, der sich wie ein aufziehendes Gewitter in meinen Kopf zu drängen versucht. Ich konzentriere mich stattdessen auf das heiße Getränk zwischen meinen Fingern. Bloß nicht Lucanis ansehen, bloß keine falschen Erwartungen aufbauen.
„In Ordnung, aber nur ein paar Stunden. Danach seid Ihr dran.“
Verwirrt hebe ich die Augenbraun. „Tut mir leid, ich kann nicht ganz folgen.“
„Danach werdet Ihr schlafen und ich wache über Euch. Vielleicht hilft das ja gegen die Alpträume.“ Eine Sekunde schlucke ich zu früh, was in einem kurzen Hustenanfall endet. Ich nuschle eine hastige Entschuldigung, weil er unter keinen Umständen denken soll, dass ich diesen Vorschlag scheußlich finde. Das ist … mehr als ich gehofft hatte. Auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, mit diesem wie wahnsinnig klopfendem Herzen auch nur ein Auge zuzumachen.
Es spielt auch keine Rolle, wie ausgeschlafen ich sein werde. Ich bin einfach dankbar für diesen Vertrauensbeweis. Ich leere den Becher so schnell wie möglich und verbrenne mir dabei nur ein bisschen die Zunge. Lucanis wird an meinem Bett sitzen und ich an seinem. Vielleicht wird er auf dem Boden Platz nehmen, direkt vor mir, sodass ich ihn theoretisch jederzeit berühren, jederzeit Teil seiner Wärme sein könnte.
Als wir uns gemeinsam in die Vorratskammer zurückziehen, streifen sich unsere Hände wie zufällig. Es ist, als würde Elektrizität zwischen ihnen fließen, und ich bin fast verwundert, keine lila Funken zu sehen. Ich schließe die Augen und lasse das Kribbeln seinen Weg in meine Magengegend finden. Egal, was heute Nacht passiert, wir beide werden noch Zeit brauchen, uns einiger Dinge sicher zu werden. Jedoch möchte ich nicht zu weit in die Zukunft sehen. Eins nach dem anderen, Schritt für Schritt. Ich weiß, dass meine Gefühle jetzt in diesem Moment real sind, und solange mich Lucanis an seiner Seite duldet, werde ich diesen Platz mit Freude einnehmen.



Quelle: Dragon Age: The Veilguard, Screenshots

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