4. Keine Freunde
Kapitel
Zwei Rollen Toilettenpapier lagen auf dem Boden der Kabine, in welcher Morten sich niederließ. Er kickte eine davon achtlos in den Gang und betrachtete die Schmierereien vor sich. Hach, wie er diese Schule liebte. Nach ein paar Wochen war alles so schrecklich gleich geworden, genau wie zuvor. Neue Wände, andere laute Kinder, ausgetauschte Lehrer und trotzdem alles gleich. Manchmal hatte er keinen blassen Schimmer, wie er das durchstehen sollte.
Er hasste das alles. Die Tafelbilder, die eifrigen Wortmeldungen, die hormonüberströmten Gänge, das Kichern und auf Leute zeigen. Er hasst den Schulstolz, das fettige Mittagessen, die Blicke auf seiner Kleidung und den quietschenden Boden. Aber vor allem verabscheute er Noten. Um ihn herum waren sie eindeutig im Glauben, dass es ach so bedeutsam sei, diesen Zirkus möglichst gut abzuschließen. Dabei war praktische Erfahrung doch viel besser! Niemand fragt nach dem High-School Zeugnis, wenn man mal hart gearbeitet hat. Belustigt dachte er an den Chemietest letzte Woche. Daran, wie Phil versucht hatte, einen Blick auf sein Ergebnis zu erhaschen und an Mrs. Becks skeptisches Blitzen in den Augen, als sie ihm das A aushändigte. Dieser kleine Buchstabe war ihnen so wichtig. Vielleicht würde er nächstes Mal einige richtige Antworten streichen müssen, um nicht zu sehr aufzufallen. Andererseits würde er zu gern die Überraschung im Brillengesicht sehen, wenn er wieder die volle Punktzahl erreichte.
Er hörte jemanden Hände waschen, dann war er allein. Die meisten nutzen die Mittagspause zum Essen und suchten die anderen Toiletten bei der Cafeteria auf, doch Morten hatte keinen Appetit. Ein verminderter Wunsch nach Nahrungsaufnahme war nicht der Grund, wieso er sich seit beinah einer Viertelstunde in diese schmutzige Kabine zurückgezogen hatte. Fuck, es brannte noch mehr als am Morgen. Schmerzhaft und juckend und unerträglich saß das Gefühl zwischen seinen Beinen. Er atmete Kraft ein und stöhnte hörbar. Gestern Abend hatte es begonnen, ihm eine fast schlaflose Nacht bereitet und seitdem konnte er kaum stillsitzen. Es hatte sich ausgebreitet. Er fühlte, wie es quälend in ihm weilte, sich tiefer bohrte mit jedem Tropfen Urin, der aus ihm herauskam. Schweiß sammelte sich auf seiner Stirn, er krümmte sich nach vorn, die Ellbogen auf den Knien. Gleich war es vorbei, bloß ein kurzer Moment, dann würde er sich wieder unter die ungeliebten Massen mischen. Zu gerne würde er sich einfach irgendwo hinlegen und für einen Moment die Augen schließen. Nein, er hatte sich schon vor Jahren geschworen, niemals in der Schule einzuschlafen.
Im Spiegel blickte ihm ein energieloses Gesicht entgegen, blass für seine Verhältnisse, die ungleichen Strähnen verklebt und dunkle Ringe unter den Augen. Nicht einmal nach dem langen Abend vor ein paar Wochen hatte er so fertig ausgesehen. Der Gedanke an die kräftigen Arme, die schwarze Bettwäsche und die Handschellen zauberte ein teuflisches Grinsen auf sein Gesicht. Eine der besseren Fehler, die er am Ende eines Clubabends gemacht hatte.
„Hast du gehört, das Training fällt heute wieder aus. Denkst du es ist was Ernstes?“ Kopfschüttelnd wollte Morten vor den beiden Jungs fliehen, die gerade hereinkamen. Wer, der ganz bei Sinnen war, machte sich Sorgen um einen Lehrer? Sollten sie doch froh sein, bei dieser Schwüle nicht über irgendeinen penibel gemähten Rasen gescheucht zu werden! Kurz kreuzte sein Blick den des Vorangehenden und er erkannte den Läufer von seinem ersten Tag. Er glaubte überraschten Laut zu hören, als er sich vorbeischob. So nah waren sie sich seit dem Blowjob in der Umkleide nicht mehr gewesen. Seine Worte mussten überzeugender gewesen sein, als er gedacht hatte. Wieso funktionieren sie dann bei diesem Phil nicht?
Gut, Phil hatte sich die letzten Wochen keinmal im Outlaw blicken lassen, aber Morten glaubte nicht daran, dass er tatsächlich aufgegeben hatte. Dafür verhielt er sich in seiner Gegenwart weiterhin zu komisch. So aufgesetzt freundlich, stets auf Distanz bedacht.
Er holte sich eine Cola aus dem Automaten und kramte draußen nach einer Zigarette, da spürte er wieder dieses Jucken. Entschlossen griff er zu, versuchte alles zurechtzurücken, doch es wurde nur schlimmer. Ein Brummen entfuhr seiner Kehle. Das konnte doch jetzt nicht wahr sein! Er würde sich nicht von dieser Blasenentzündung unterkriegen lassen. Von plötzlicher Wut ergriffen, trat er fluchend gegen die Wand und etwas Putz bröckelte auf den Boden. Schnell zündete er die Zigarette an und nahm einen Zug. In seinem Kopf jagte eine mögliche Erklärung die andere. Könnte er sich am Wochenende unterkühlt haben? Verdammt, ich bin doch keine immunschwache Hausfrau.
Nach der ersten Zigarette folgte die zweite und langsam fühlte er sich ruhiger. Er ging ein paar Schritte auf die Backsteinmauer zu, auf der er häufig seine Pausen verbrachte. Sie lag so wunderbar abseits in der Nähe der Sporthalle mit Blick auf den Parkplatz. Morten war nicht der Einzige, der hier rauchte, aber der Einzige, der nicht beim Anblick eines Erwachsenen die Flucht ergriff. Vorsichtig versuchte er Platz zu nehmen, aber die Jeans scheuerte so unangenehm, dass er wieder aufstand. Kurzentschlossen nahm er seine Jacke, knubbelte sie zusammen und platzierte sie unter sich. Für einen Augenblick konnte er aufatmen. Er zog tief an der Zigarette, die locker zwischen Mittel- und Ringfinger steckte, und blies den Rauch hinter sich. Gedankenverloren setzte er die Kopfhörer auf und legte sich auf den Rücken. Der Himmel war wolkenverhangen, aber die Luft hatte noch diese besondere Sommerwärme. Eine Wespe flog über ihn hinweg. Nur für einen Moment schloss er die Augen.
„Morten?“ Hände rüttelten unsanft an seiner Schulter. Da waren ein harter Untergrund und eine sanfte Brise. Scheiße! Steif bewegte er die Fingerspitzen, während sich das Bild aufklarte.
„Das ist doch dein Name, oder?“
Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augenlider und setzte sich auf, während die Kopfhörer in seinen Nacken herunterrutschten. So viel zu seinem Schwur! Träge schaltete er die Musik aus und schaute Phil an. Musste es ausgerechnet er sein?
„Herr Holder hat mich beauftragt, dich zu finden.“ Morten unterdrückte ein Schnauben. Wieso wurde nach ihm gesucht? Er hätte genauso gut krank sein können. Bestimmt hatte ihn jemand verpetzt! Hoffentlich existierten jetzt keine Fotos in den sozialen Medien von ihm.
Wie ein Hund trottete er seinem Mitschüler hinterher, vorbei an den dumpfen Unterrichtsgeräuschen, die auf den ansonsten leeren Flur drangen. Er ignorierte das wiedergekehrte Jucken während sie schweigend die Stufen am Ende des westlichen Flurs hinaufstiegen. Morten war dankbar für die Ruhe. Vielleicht hatte Phil endlich verstanden, dass er nicht einer näheren Bekanntschaft interessiert war. Bevor der andere auf die Idee kommen konnte, ihm die Tür aufzuhalten, griff er nach vorn und zog kräftig an der Klinke. Nur wenige Köpfe schnellten herum als sie eintraten. Mit großen Schritten und ohne jemanden eines genauen Blickes zu würdigen, lief er zu dem runden Tisch, auf dessen Fläche eine auffällige Lücke klaffte. Eine Sekunde, zwei …
„Mr. Silver. Wie schön, dass Sie uns doch beehren.“ Morten hielt kurz inne bevor er den Stuhl kratzig über den blau gefleckten Boden zog und dem Lehrer in seiner lächerlich bunten Latzhose knapp zunickte. In Zeitlupe packte er den Zeichenblock aus, doch sobald er sich zum zweiten Mal zum Rucksack hinunterbeugte stand Mr. Holder bereits hinter ihm, um die Aufgabe zu erklären. Morten nahm den erdigen Geruch des Mannes wahr, während die trällernde Stimme viel zu ausführlich das wiederholte, was sie wahrscheinlich nur wenige Minuten zuvor der restlichen Klasse erzählt hatte.
„Ach, eins noch. In drei Wochen findet unsere Exkursion statt. Ich brauche auch von Ihren Eltern eine schriftliche Einwilligung. Das Formular können Sie am Ende der Stunde bei mir abholen. So jetzt halte ich sie nicht weiter auf!“ Überrumpelt starrte Morten auf die trocknen Lippen, die zu einem Lächeln verzogen waren. Den Ausflug hatte er völlig vergessen. Wenn er auf eine Sache keine Lust hatte, dann einen gesamten Tag umgeben von diesen Kindern zu verbringen. Das kam direkt nach Phils Gesicht erneut im Outlaw zu erblicken.
Er zog die Kopfhörer wieder auf und ließ sich in der dröhnenden Musik fallen. Bald nahm er die anderen am Tisch nicht mehr wahr, deren Namen er sowieso nicht behalten hatte. Er sah nur das Blatt und den Bleistift. Die einzige Stunde am Tag, an der er sich normal fühlte. Vorsichtig verlagerte er das Gewicht und streckte die Beine aus. Dieses verfluchte Jucken verhinderte, dass er vollständig abtauchen konnte. Skeptisch betrachtete er die geschwungenen Linien und erwischte eine Mitschülerin dabei, wie sie auf sein Bild starrte. Ja ich war zu spät, aber bin trotzdem besser. Ungeniert schielte er auf ihren Block. Und schneller. Er sah, dass sie den Mund öffnete, um etwas zu sagen, sich aber nicht traute.
Er hatte begonnen, im Takt der Musik den Fuß zu bewegen. Vorsichtig ließ er die linke Hand in die Hosentasche gleiten. Vielleicht wäre es möglich, unbemerkt zu kratzen? Alles klar, niemand schien ihn zu beachten. Sobald der Daumennagel durch den Stoff die störende Stelle berührte, musst er ein Stöhnen unterdrücken. Wahnsinn tat das gut! Erneut rutschte er auf dem Stuhl herum und schloss genussvoll die Augen.
Plötzlich tippte ihm jemand von hinten auf die Schulter. Sein Blick sprang zur Tafel, wo Mr. Holder am Pult saß und eine Gartenzeitschrift las. Morten konnte die Ironie nicht ausreichend genießen, denn ihm wurde ein Zettel hingehalten. Intensiv fixierte er das Sommersprossengesicht, welches das Papierchen ungeduldig auf und ab bewegte. Nein. Ich mache das nicht noch Mal! Er schüttelte den Kopf und suchte im Raum nach Beobachtenden, nach jemandem, der neugierig erschien. Natürlich. Die einzige Person, die ihn direkt anschaute, war Phil. Er riss den Sommersprossen den Zettel aus der Hand und faltete ihn schnaubend auseinander.
IMMER NOCH KEINE FREUNDE! Schrieb er schräg in Großbuchstaben unter die Nachricht. Wütend wollte er das Papier zusammenknüllen, doch der Inhalt ließ ihn innehalten: Ich weiß, dass wir keine Freunde sind, aber ist alles ok? Beinah hätte er laut losgelacht. Oh, der Junge war wirklich nicht schlecht. Er nahm den weichen Bleistift und strich seine Antwort mehrfach dick durch. Verdammt! Der Druck hatte Spuren auf dem Block darunter hinterlassen.
„Was haben wir denn hier?“ Die Hand griff schneller nach dem Zettel als Morten reagieren konnte. Eilig schob er die Kopfhören von den Ohren und sah zu dem typisch verschmitzten Lehrerlächeln hinauf, das immer sichtbar wurde, wenn jemand erwischt worden war. Mr. Holder las die Nachricht stumm bevor er sie in der Brusttasche seiner Latzhose verschwinden ließ.
„Waren sie so unzufrieden mit ihrer Antwort? Ich bin sicher, Ihr Nicht-Freund wird am Boden zerstört sein.“ Er blickte durch die Klasse, deren Aufmerksamkeit ganz auf das Geschehen an Mortens Tisch gerichtet war. „Aber man kann nie alle glücklich machen. Ich für meinen Teil bin auf jeden Fall enttäuscht, wenn Sie ihre wertvolle Zeit nicht für die Kunst nutzen.“ Die Köpfe schnellten nach unten, vorgebend sich wieder auf das Zeichnen zu konzentrieren. Mr. Holders Lächeln wurde breiter.
„Danke hierfür.“ Er klopfte auf die Brusttasche und wendete sich ab.
Manche wären an Mortens Stelle gewiss liebend gern im Boden versunken, aber das Einzige, was er zu verlieren hatte, war ein Ruf als unnahbarer Einzelgänger und den würde ein unbedeutender Zettel nicht so schnell zerstören. Betont lässig lehnte er sich zurück, zog die Kopfhörer wieder auf und tat so als ob nichts geschehen wäre. Er sollte froh sein. Möglicherweise hatte ihn Mr. Holder vor einem großen Fehler bewahrt, denn in der Tat war er kurz davor gewesen, Phil richtig zu antworten.
Dieselbe Kabine. Derselbe Schmerz. Er war hineingestürmt, ungeachtet der neugierigen Blicke. Scheiße. Scheiße. Scheiße. Er vergrub die Finger tief in seinem Haar, während das Brennen emporkroch. In dieser vorgekrümmten Haltung entdeckte er den Fleck. Klebrig und fremd, falsch. Er wischte mit dem Daumen darüber, verrieb die Krankheit im karierten Stoff der Boxershorts. Morgen. Morgen würde es bestimmt besser gehen. Hatte nicht jeder einmal so einen Tag? Es sprach nur niemand darüber, da sie alle Spießer waren, die schon beim Gedanken an Geschlechtsteile rot wurden.
Als er sich aufrichtete entkam eines dieser tiefen Stöhnen seiner Kehle. Da war jemand im Raum. Er hörte die zögerlichen Bewegungen, das Knistern eines Hemds. Dieser Tag fühlte sich schier unendlich an.
„Alles in Ordnung da drin?“ Morten erkannte die Stimme sofort. Er sah den Schatten vor der Kabine stehen. Wirklich? Selbst hier? Was zur Hölle hatte er getan, dass Phil scheinbar solch einen Narren an ihm gefressen hatte?
„Hab‘ ich dir nicht gesagt, dass du mich in Ruhe lassen sollst?“ Die letzten Wochen waren doch so harmonisch verlaufen. Was zur Hölle war heute los?
„Sorry, aber du scheinst …“ Jemand kam herein. Der Schatten trat einige Schritte zur Seite und betrat die Kabine neben ihm. Morten war viel zu müde, um diese Gelegenheit zur Flucht zu nutzen. Er setzte sich auf die Brille und wartete darauf, dass der andere seine Sprache wiederfinden würde. Na, immer noch Angst, dass jemand von unserer Verbindung erfahren könnte?
Erst einige unangenehme Momente später als der Wasserhahn lief und die Tür zu hören war, schien Phil zu erwachen. „Du klangst, als hättest du Schmerzen.“ Diesmal flüsterte er.
„Und was willst du dagegen machen? Mir sanft übers Haar streicheln oder bist du eher der Typ Fencheltee?“
„Nein. Ich …“
„Wieso bist du mir gefolgt?“ Auf keinen Fall waren sie beide rein zufällig in dieser Toilette gelandet. Es raschelte, dann wurde ein gefaltetes Papier unter der Kabine durchgeschoben. Ach ja. Morten wendete das Elternformular in den Händen und ein „Danke“ entfuhr ihm. Phil hatte ihn heute zum zweiten Mal bemuttert und er bedankte sich auch noch dafür? Zeit, dass er endlich hier rauskam! Vielleicht sollte er die letzte Stunde schwänzen. Andererseits müsste er dann seinen Vater anlügen. Nein, er würde das schon durchstehen.
Phil schien am Waschbecken auf ihn zu warten. Er beobachtete wie die Finger den Hahn aufdrehten, kurz in Richtung Seife zuckten, sich aber dann bewusstwurden, dass der Versuch sinnlos war und stattdessen auf dem Rand zur Ruhe kamen. Die blauen Augen sahen ihn direkt an als würden sie ihn lesen. Die Sorge darin machte Morten unbehaglich. Schnell griff er nach vorn und drehte das Wasser aus. Dabei streifte er Phils Hemd, das er über dem T-Shirt trug. Es waren kleine weiße Wolken darauf. Er hätte gehen sollen. Mit jeder Sekunde hier macht er dem Jungen erneut Hoffnungen, auf was auch immer dieser von ihm wollte. Aber er ging nicht.
Morten richtete sich zu voller Größe auf und wendete sich zu seinem Mitschüler. Tausend Gedanken rasten durch seinen Kopf, Erinnerungen an das Outlaw, den Tisch in der Ecke, wie die Wut ihn überflutet hatte und Phils verdammte Naivität.
„Was auch immer in deinem Köpfchen vorgeht, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich bin tatsächlich so taff wie ich aussehe.“ Er schob Phil zur Seite und wusch sich gründlich die Hände. Schließlich hatte er keine Ahnung ob das – was auch immer er hatte – irgendwie ansteckend war. Phil hatte sich abgewandt. Morten konnte im Spiegel seinen gedankenverlorenen Gesichtsausdruck sehen.
„Hey, falls du doch einen Arzt brauchen solltest. Der hier stellt wenig Fragen und schreibt dir für alles ein Attest.“ Auf dem Handydisplay, das ihm entgegengehalten wurde, stand eine Adresse in der Nähe. „Wenn du magst, kann ich dich hinbringen.“ Ertappt biss er sich auf die Lippe. „Nicht, dass du Hilfe nötig hättest.“ Ach, wie süße schmeckte die Genugtuung, Phil doch einschüchtern zu können! Morten griff nach den Papiertüchern, drehte sich aber noch einmal um.
„Musst du wirklich zu jedem so scheiß nett sein?“ In den letzten Wochen hatte er durch Beobachtungen einiges gelernt. Sein Verehrer war in einer Freundesgruppe unterwegs, die etwa aus zwölf Leuten bestand, doch er verstand sich darüber hinaus mit jeder dahergelaufenen Person gut, kannte gefühlt alle Vor-, Nach- und Spitznamen und schien tatsächlich an den ganzen Leben und Schicksalen interessiert zu sein. Es war unheimlich. Wo waren der Trotz und die Wut, die Morten gesehen hatte? Diese unendliche gute Laune musste erschöpfend sein. Sie zu ertragen, war es jedenfalls. Doch bisher widerlegte Phil mit jedem Tag aufs Neue die Theorie, dass diese Freundlichkeit nicht echt war.
Phil hielt inne. „Ist es nicht normal, freundlich zu seinen Mitmenschen zu sein?“ Warum habe ich überhaupt gefragt? Wusste der Junge wie privilegiert er war? Warte nur ab, bis dich jemand richtig verletzt. Bis du Angst hast, für ein für ein falsches Wort geschlagen oder verstoßen zu werden. Nicht jeder kann sich nett sein leisten. Für eine Sekunde sah Morten ihn mit leeren Augen an. Dann drehte er ihm den Rücken zu und verließ den Raum.
„Mr. Silver.“ Die Ärztin rückte ihre Brille zurecht. „Sind Sie sexuell aktiv?“ Für diese Frage hatte er jetzt über eine Stunde im stickigen Wartezimmer gesessen und in einen dieser dämlichen Becher gepinkelt? Er nickte und blickte aus dem Fenster. Schon auf dem Weg hierher hatte es nach Regen ausgesehen.
„Dann wäre es wichtig, ihre Sexualpartner der letzten Wochen zu kontaktieren. Alle.“ Trotz des freundlichen Tons verabscheute er sie für die Annahme, dass es mehrere sein mussten. Als könnte man jemanden das Sexualleben ansehen!
„Sie haben nämlich eine bakterielle Infektion, die sich Chlamydien nennt. Chlamydien werden über die Schleimhäute bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr weitergegeben.“ Sie klang müde. Wie eine Lehrerin, die zum hundertsten Mal denselben Stoff erklären muss. „Mr. Silver Sie sind noch ziemlich jung.“ Plötzlich war er nicht mehr der einschüchternde Mann, sondern der verantwortungslose Teenager, der bloß erwachen sein spielt. Sie reichte ihm eine Broschüre. „Hier können Sie alles über Verhütung und sexuell übertragbare Krankheiten nachlesen. Ich verschreibe Ihnen jetzt Antibiotika, aber sie sollten während der Einnahme unbedingt auf weitere …“ Sie musterte ihn über den Rand ihrer Brille hinweg. „Aktivitäten verzichten. Chlamydien bleiben oft unentdeckt, da sie nicht immer Symptome auslösen. Es kann also gut sein, dass die Person, die sie angesteckt hat, nichts von ihrer Krankheit weiß.
Haben Sie das verstanden?“
„Keine Aktivitäten“, wiederholte er sarkastisch. Er hatte gedacht, dass Ärztinnen bei diesem Thema etwas sensibler wären, aber er fühlte sich bloß verurteilt. Als wäre er vollkommen schwanzgesteuert.
Er war sich stets bewusst gewesen, was er tat, und welche Konsequenzen damit einhergehen konnten. Trotzdem schockierte ihn die Diagnose. Es war eine andere Sache, darüber im Internet zu lesen als selbst betroffen zu sein. Nein, diese Dinge passierten nicht. Nicht ihm! Er war doch vorsichtig. Die Gesichter der letzten Wochen spulten sich wie ein Film vor ihm ab. Eine ziellose Schuldsuche. Verdammt, er war auch nur ein Mensch. Eventuell mochte es da den ein oder anderen Moment der Unaufmerksamkeit gegeben haben. Das schlechte Gewissen stach in Höhe seines Magens zu. Morten war so gerne im Outlaw, weil er gut darin war, anderen eine Freude zu machen. Aber diese Freude war möglicherweise längst in Bedauern umgekippt.
Er würde niemals Unglück verbreiten – oder?

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