Acht Monate – November

3. November

Die frische Luft schlug den Teenagern entgegen. Lionel blieb vom Schnee geblendet stehen und wischte zurückgebliebene Steinchen vom Umhang. Ein paar Wolken hingen tief in den gegenüberliegenden Bergen, ansonsten war es ein schöner Novembertag. Und sie hatten es ungesehen durch diese Miene geschafft! Ein paar Schritte balancierte er auf den alten Schienen, die aus dem Lager ins Nichts führten, dann lief er zu seinem Mitschüler und blieb mit einem eleganten Sprung vor ihm stehen.
  Doch Amit reagierte nicht darauf. Nervös ließ er die Arme vor und zurückschaukeln.
  „Ich kann nicht glauben, was wir gerade erlebt haben.“ Seine Stimme war einige Töne höher als üblich. „Das war mit Abstand das Beste und zugleich Unheimlichste, was ich je gemacht habe.“
  „Ach, das war halb so wild.“ Lionel wusste nicht, wieso er das sagte. Natürlich, dies war nicht sein erster Ausflug in eine Miene voller Kobolde gewesen, aber zu zweit war es anders. Wenn er alleine unterwegs war, musst er sich nur um sich selbst kümmern, doch zugleich eine andere Person zu schützen, hatte sich alles andere als locker angefühlt.
  Amit trat einen Schritt zurück, der Schock stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. „Hast du diese Zahnräder gesehen? Und all die Kobolde! Sie waren ganz nah, ich hätte nur meine Hand ausstrecken müssen, um einen zu berühren, obwohl das wäre wohl keine gute Idee gewesen.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Ich fürchte ich hatte genug Abenteuer für einen Tag. Vielleicht sogar für mein ganzes Leben.“
  Vielleicht hätte er ihn nicht mitbringen sollen. Aber wer kannte sonst diese verrückte Koboldsprache? Und hatte nicht ein Teil von ihm gehofft, seine Welt teilen zu können, Amit aus dem Schneckenhaus zu locken und in Zukunft eine dauerhafte Begleitung zu haben? Ihn in Hogwarts anzutreffen, gestaltete sich schwierig. Anscheinend war ihnen der Zufall nicht mehr gnädig. Drei Mal schon hatte Lionel ihn der Bibliothek gesucht, nur um festzustellen, dass der Tisch in der Ecke leer war. Einen verzweifelten Nachmittag war er sogar den Turm hochgestiegen, wo er den Ravenclaw Gemeinschaftsraum vermutete, hatte sich aber nach ein paar Minuten umentschieden. Immerhin war es ihm gelungen, den Vielbeschäftigten nach Zaubertränke von diesem Unterfangen zu überzeugen. In der Stunde beobachte er ihn manchmal durch den Nebel seines Kessels. Er war immer so konzentriert, ein Schüler völlig in seinem Element hinter den sicheren Schlossmauern.
  „Amit, du weißt doch, dass du dir in meiner Nähe keine Sorgen machen brauchst“, sagte er mit ruhiger Stimme.
  „Ich.“ Er sah zu Boden. „Ich werde dich nicht fragen, in was du da verwickelt bist. Aber das ist wirklich zu viel für mich. Ich weiß nicht, wie du da mit einem Lächeln wieder herauskommen kannst.“ Was sollte er darauf antworten? Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
  „Leb wohl.“ Amit wendete sich ab. Der harte Ton seiner Stimme klang noch lange nachdem Lionel wieder im Schlafsaal war nach.

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