5. Januar
I
Er hatte den Brief in den letzten Tagen so oft gelesen, dass das Papier dünn und brüchig geworden war. Zwei Wochen Stille und jetzt, wo das neue Jahr bereits begonnen hatte, verhöhnten ihn Amits Worte. Wie hatte er ohne Abschied so einfach in die Ferien verschwinden können?
„Und wieso hast du mir nicht früher geschrieben?“ Lionel raufte sich die Haare und starrte erneut auf die geraden, ordentlichen Lettern. Ihr Inhalt war kurz und unpersönlich. Hat ihm der Kuss so wenig bedeutet? Es stand nicht darin, wann genau er zurück sein würde. Wieso hatte Amit sich überhaupt die Mühe gemacht, ihm zu schreiben? Nur diese leeren Neujahrswünsche! Ihn komplett zu ignorieren wäre immerhin konsequent gewesen. Jeden Tag hatte Lionel vergebens auf eine Eule, auf eine Antwort gewartet und mit jedem Sonnenuntergang die Hoffnung mehr aufgegeben. Es schmerzte mehr als er sich eingestehen wollte. Aber er konnte ihm keinen Vorwurf machen. Nicht wirklich. Immerhin war nicht jeder in dem Alter so sicher mit sich selbst. Er hat bestimmt nur Angst. Oh bitte, lass es das sein!
Vorsichtig faltete er den Brief zusammen. Die Krypta war kalt in diesen Tagen, doch konnte er hier gut nachdenken. Ungestört von einem überengagierten Deek, der schon mehrfach gefragt hatte, wann denn der „nette junge Mann“ wieder zu Besuch kommen würde.
„Was hast du da?“
Reflexartig sprang Lionel auf und zückte den Zauberstab. Er hatte niemanden kommen gehört. Für eine Sekunde glaubte er, dass Ranrok ihn gefunden hätte, doch dann schälte sich eine bekannte Gestalt aus den Schatten und er ließ den Zauberstab sinken.
„Was machst du hier?“ Er war sich bewusst, dass sein Ton nicht gerade freundlich klang, aber er war wirklich nicht in der Stimmung, mit Sebastian zu reden.
„Was ich hier mache?“ Der Slytherin war in das spärliche Licht der Kerzen getreten. „Ich habe dir diesen Ort gezeigt, falls du dich erinnerst.“
Lionel seufzte und ließ die Schultern hängen, doch er bemerkte schnell, dass die Aufmerksamkeit des anderen nicht ihm galt. Sebastian war an das Denkarium getreten. Als wäre es ein Schatz strich er über den steinernen Rand, während er gedankenverloren das leere Triptychon anstarrte. „Hast du schon mit den Hütern geredet?“ fragte er, ohne sich umzudrehen.
„Ich habe dir gestern schon gesagt, dass ich auf den richtigen Moment …“
„Was für ein richtiger Moment?“, fauchte Sebastian ihn an. „Anne hat nicht mehr viel Zeit!“ Nun sah er ihm direkt in die Augen, sein Blick stechend. „Der Brief, den du gerade vor mir versteckt hast, erhält also keine neuen Informationen? Wie kann ich wissen, dass du mir weiterhin helfen willst?“
Es war ein Fehler, hergekommen zu sein. Er hätte ahnen müssen, dass Sebastians Geduld am Ende war. Verdammt, er wusste doch selbst, wie hart es für seinen Freund gewesen war, seine Schwester die gesamten Ferien nicht besuchen zu dürfen. Er sprach über kaum etwas anderes als ihre gemeinsamen Weihnachtsfeste.
„Das ist privat.“ Sein Blick wanderte zu der Kiste, auf der er den Brief abgelegt hatte. Zu spät. Wie von einem unsichtbaren Strick gezogen, segelte das Papier bereits durch die Luft auf das purpurne Licht zu, das aus der Zauberstabspitze drang. Sebastian fing es lässig mit der linken Hand. Lionel konnte bloß zusehen, wie er die Nachricht eilig überflog und sich zunehmend Skepsis in seine Züge legte.
„Das verstehe ich nicht. Warum versteckst du dich hier mit einem Brief von Amit Thakkar?“ Ja, was habe ich mir dabei gedacht? Sebastian drehte das Papier nach einer versteckten Botschaft suchend hin und her. „Seltsam. Ich habe dich nie mit dem Sternengucker gesehen.“
Lionel sagte das erste, das ihm einfiel: „Amit ist ein Freund, der mir ein frohes neues Jahr wünscht. Nicht alles muss eine Bedeutung haben.“ Er glaubte sich nicht mal selbst. Angespannt umklammerte er den Zauberstab, ein Sicherheitsversprechen in den schwitzigen Fingern. Sollte es dazu kommen, würde er erneut im Duell siegen.
Sebastian schnaubte. „Selbst ich weiß, dass Amit Thakkar keine Freunde hat.“
„Nimm das zurück!“ Lionel hatte geschrien. Wutentbrannt richtete er den Zauberstab auf sein Gegenüber.
„Was willst du tun? Möchtest du mich wieder mit dem Imperius belegen?“ Seine Stimme war eiskalt. „Du hast bestimmt geübt seit wir im Skriptorium waren.“
Einen Atemzug war die Luft mit Spannung aufgeladen, dann ließ Lionel den Zauberstab sinken. „Natürlich möchte ich dich nicht verletzen, Sebastian. Gib mir nur bitte den Brief wieder, in Ordnung?“
Dunkle Augen beobachteten jede seiner Bewegungen. Da war so viel Anspannung – und Misstrauen. „Erst redest du nicht mit den Hütern und jetzt dieser Brief. Ich werde das Gefühl nicht los, dass du mir etwas verheimlichst.“
Ich habe wohl keine andere Wahl. Lionel ließ die Schultern hängen. Das würde sicherlich unangenehm werden. Nie hatte er jemandem davon erzählt, dass er Jungs anziehend fand. Selbst in den Wochen mit Hamish war es nie zur Sprache gekommen. Da hatte sich alles so natürlich entwickelt, ganz ohne große Worte. Und ohne, dass es jemand mitbekommen konnte.
„Da ist also tatsächlich ein Geheimnis.“ Sebastians Zauberstab war weiterhin auf ihn gerichtet. Durch seine Mine der Skepsis blitzte Neugierde.
„Es ist nicht so wie du denkst.“ Bei Merlins Bart, was sollte er sagen? Verzweifelt blickte er durch den Raum, suchte nach irgendeinem Hinweis, wie er die richtigen Worte finden sollte. Er hatte keine Beschreibung für seine Gefühle, kannte keine Bezeichnung für das, was er war. Seine Hände begannen zu zittern.
„Amit und ich, wir haben uns geküsst, verstehst du?“
Sebastian blinzelte.
Das ist nicht gut. Die Lippen bewegten sich steif als würden sie aus einem tiefen Schlaf erwachen. „Du…“ Er schüttelte sich und ließ den Zauberstab sinken. „Das ist doch … lächerlich. Du bist doch krank!“ Obwohl seine Worte hart waren und Lionel erschütterten, klang er seltsamerweise nicht wütend. Sebastian wirkte verletzt.
II
Er hörte Amits Stimme bevor er ihn sehen konnte und es ließ sein Herz beinah zerspringen. Um ihn herum erzählten die Mitschüler und Mitschülerinnen von Schnee und Weihnachtsbäumen, doch nur einer sprach über die Sterne. Ungeachtet der bewegenden Treppe und der Massen, die von hinten drängelten, beugte er sich über das Geländer und erhaschte einen Blick auf den schwarzen Hinterkopf.
Der Moment traf ihn überraschend heftig. Seit dem gestrigen Abend hatte er sich das Wiedersehen ausgemalt, hatte sich gefragt, ob sie sich umarmen würden oder ob dieses Knistern weiterhin zwischen ihnen war, aber nun hier diese Gesprächsfetzen mitanzuhören, die von purer Normalität zeugten, tat unerwartet weh. Wie konnte Amit so entspannt mit dem Mädchen aus dem Koboldsteinklub reden? Als sein nicht zwei Wochen vergangen! Zwei Wochen, in denen er manchmal hätte vor Einsamkeit weinen können, in denen er sich mit Haut und Haaren nach einer weiteren Berührung verzehrt hatte. Seit dem unglücklichen Zusammentreffen mit Sebastian war es nicht gerade leichter geworden.
Gerade rechtzeitig schaffte er den Sprung auf den sicheren Boden, bevor die Treppenstufen unter seinen Sohlen verschwanden. Noch einmal warf er einen Blick hinunter, doch Amit war bereits außer Sicht. Obwohl er sich große Mühe gab, die Kerker rechtzeitig zu erreichen, schlüpfte er knapp durch die Tür bevor Professor Sharp die Stunde begann. Wärme und der eigenartige Geruch verschiedenster Tränke drang ihm entgegen. Unauffällig schlich er zu seinem Platz, nicht ohne ein Lächeln in Amits Richtung zu werfen. Als er jedoch Sebastian entdeckte, blieb es ihm im Hals stecken. Ertappt machte er die letzten Schritte zum Tisch. Die nächsten Minuten hörte er kaum etwas von dem, das der Professor erzählte, zu sehr überschlugen sich seine Gedanken.
„Mr. Thakkar, Sie können uns doch sicherlich sagen, wie man am einfachsten Mondstein-Pulver herstellt?“ Nur diesen Namen zu hören, ließ all die wilden Gefühle wieder aufflammen.
Später wünschte er sich besser zugehört zu haben, denn sein Mondstein zerfiel in grobe Brösel, ohne feiner zu werden, so sehr er auch mit dem Stößel zudrückte. Sebastian war bereits weiter und beachtete ihn keines Blickes. Von dir kann ich also keine Hilfe erwarten. Gerade wollte er beim Hufflepuff Mädchen abschauen, als er hörte, wie sich die schweren Schritte des Zaubertrankmeisters näherten.
„Mr. Welsh, ich hoffe doch nicht, dass Sie über die Ferien Ihr Händchen für Zaubertränke verloren haben.“
„Bestimmt nicht, Sir“, beteuerte Lionel. Wenn der Professor wüsste, wie viele Tränke er diese Ferien gebraut hatte, könnte er ihn glatt als Assistenten einstellen. „Ich bin nur etwas müde,“ entschuldigte er seine mangelhafte Leistung.
Mit einer Handbewegung winkte Professor Sharp Amit heran. „Zeigen Sie Ihrem Mitschüler doch bitte, wie Ihre Ausführungen in die Praxis umzusetzen sind.“ Dann hinkte er zur nächsten Tischgruppe.
Amit so nahe zu haben, verhinderte, dass Lionel richtig denken konnte. Er setzte ein schiefes Lächeln auf und flüsterte eine Begrüßung. Es gab ihm etwas Genugtuung, dass der andere ebenfalls aus dem Konzept gebracht schien. Jedenfalls zitterten seine Hände leicht sobald er den Stößel nahm. Lionel tat, als würde er nichts davon bemerken. Er wollte, dass sie sich ausversehen berühren, doch achtete er penibel darauf, dass eine Lücke zwischen ihnen blieb. Trotzdem floss sein Blut merklich schneller und er begann zu schwitzen. Fasziniert beobachtete er die Kreisbewegungen. Er mochte, wie gezielt Amits Hände arbeiteten, sodass schnell ein bläulich schimmerndes Pulver entstand. Diese weichen Finger, die sich so fest in seinen Rücken gekrallt hatten. Es sollte nicht enden. Der andere durfte nicht zurück an seinen Tisch gehen, so unerreichbar weit weg. In diesem Raum hatten sie das erste Mal gesprochen. Er war neu und naiv gewesen, so Vieles hatte sich mittlerweile anders ergeben, aber dass Amit eine ganz besondere Person war, hatte er von Beginn an gewusst.
Kurz sah er auf und bemerkte, dass Sebastian sie beobachtete. Er versuchte sich normal zu verhalten, indem er seine Aufmerksamkeit Amit zuwandte und eine möglichst neutrale Dankesfloskel formulierte, doch sein Herz schrie als der Ravenclaw daraufhin wirklich den Tisch verließ. Oh, er hoffe so sehr, es sich nicht mit ihm verspielt zu haben. Das gleiche hoffe er bei Sebastian.
III
Lionel drehte den Wasserhahn auf und hielt die Brille unter den Strahl. Die Dämpfe der Zaubertränke hinterließen meistens irgendwelche Rückstände, die ihm die Sicht nahmen, und auf saubere Gläser war er absolut angewiesen. Wenn seine Feinde da draußen wüssten, wie aufgeschmissen er ohne Brille war, würden die Duelle in der Wildnis sicherlich anders aussehen. Meine Feinde. Er war nicht mal sechzehn und war schon auf mehr Zauberer und Hexen im Kampf getroffen als manche in ihrem ganzen Leben.
Er versuchte, die Brille mit einem Spruch zu trocknen, doch flog sie ihm stattdessen aus der Hand und landete in der Ecke des Badezimmers. „Vielleicht sollte ich bei Duellen bleiben“, murmelte er, während er über den Boden kroch. Mit wiederhergestellter Sicht rappelte er sich auf, dabei achtete er nicht auf seine Umgebung. Schwungvoll ergriff er die Klinke und zog die Tür auf. Wäre da nicht der überraschte Laut seines Mitschülers gewesen, das kurze scharfe Einatmen, dann wäre er frontal mit ihm zusammengestoßen.
„Entschuldige, ich habe dich gar nicht. Oh, hi Amit.“ Hitze schoss ihm in die Wangen und er taumelte zurück. Automatisch versicherte er sich, dass niemand sonst hier war.
Amit war wie versteinert. Unsicher hielt er seinen linken Arm umklammert und blickte zu Boden. Ein unangenehmes Schweigen entstand. Wie eine dicke Masse breitete es sich zwischen den beiden jungen Zauberern aus. Lionel fiel es schwer, nicht auf diese Lippen zu blicken, auf diese dichten Wimpern. Er suchte Details, die ihm bisher entgangen waren oder vielleicht hatte sich etwas an dem Gesicht geändert? Nein, das war die vertraute runde Nase, das kleine Spitze Kinn, die bekannten buschigen Augenbrauen. Komm einfach her und umarme mich. Wovor hast du Angst, Schätzchen? Er atmete ein und langsam aus. Sanft packte er Amits Umhang und zog ihn aus dem Türrahmen. Dann richtete er seinen Zauberstab auf die Tür und flüsterte ohne darüber nachzudenken: „Colloportus“. Sebastian hatte ihm in den Ferien von dem Spruch erzählt. Er hatte geahnt, dass er sich eines Tages als nützlich erweisen würde. Die Tür machte ein glucksendes Geräusch und versiegelte sich.
Wir sind allein und niemand kann hereinkommen. Bitte rede mit mir! Doch der Zauberspruch hatte das Schweigen nicht brechen können. Nervös blickte Lionel umher. Sollte er dem anderen mehr Raum geben? Vielleicht wollte Amit auch gar nicht mit ihm reden und er hatte ihn eingesperrt! Die Worte ich habe dich vermisst, lagen auf seiner Zunge, aber er wagte nicht, den ersten Schritt zu machen. Und gerade als es unerträglich wurde, kam Bewegung in Amit.
„Danke für deine Briefe.“ Die braunen Augen ließen sein Herz für einen Schlag aussetzen. „Meine Mutter hat sich sehr gefreut. Mir hat noch niemand aus Hogwarts Weihnachtsgrüße gesendet.“ Deine Mutter? Es war als hätte sich ein Stein in Lionels Magen festgesetzt. War das normal, dass es so weh tat? Er wendete sich ab, er musste einfach, denn diesem Blick konnte er nicht standhalten.
Doch Amit war noch nicht fertig: „Ich habe in den Ferien in jedem Buch, das mir einfiel, danach gesucht. Ich konnte nichts finden.“
„Wonach hast du gesucht?“
„Sie schreiben einfach nichts über die Gefühle zweier Männer. Eigentlich bevorzuge ich mehr die wissenschaftsbezogenen Bücher, doch kann ich nicht leugnen, dass die ein oder andere Abenteuergeschichte einen Platz in meiner Bibliothek gefunden hat, aber selbst in diesen kitschigen Romanen, die meine Mutter liebt, gibt es nichts. Das ist nicht normal.“ Der traurige Blick traf wieder seinen. „Wir sind nicht normal.“ Der Abstand zwischen ihnen war kleiner geworden. Lionel bekam eine warme Gänsehaut.
„Normalität ist mir nicht wichtig.“ Er legte eine Hand auf Amits Wange. Der andere zuckte nicht zurück, im Gegenteil er schloss die Augen und sog tief die Luft ein. „Fühlt sich das für dich falsch an?“
Amit schüttelte den Kopf.
„Du kannst Emotionen nicht aus Büchern lernen.“ Er wagte es, einen weiteren Schritt näherzutreten. „Außerdem habe ich zwei Frauen getroffen, die sogar verheiratet sind. Wieso sollten wir uns dann nicht berühren dürfen?“
Amit kämpfte sichtbar mit sich. „Es ist unfair, wie unwiderstehlich du bist“, hauchte er. „Ich kann es absolut nicht verstehen und werde wahrscheinlich ewig nach einer Antwort suchen, aber von dieser, dieser faszinierenden Anziehung habe ich sehr wohl gelesen.“
Und dann küssten sie sich.
Rauschen, Schmetterlinge, Explosion.
„Es war so schwer, das nicht schon in Zaubertränke zu tun“, gab Lionel zu.
Amit lächelte breit. „Oh Mr. Welsh, Sie werden doch wohl nicht Ihr Händchen für Zaubertränke aufs Spiel setzen?“, ahmte er Professor Sharp nach. Lionel drückte ihn spielerisch von sich weg, nur um ihn sofort wieder an sich zu ziehen. Atemlos wartete er im Moment des Trommelwirbels, Nase an Nase. Amits Lider waren geschlossen. Sanft spürte er seinen Atem. Lange hielt er es nicht aus. Zwei Wochen Sehnsucht und Unsicherheit waren einfach zu viel. Wenn es nach ihm ginge, gab es sowieso keinen Grund, dass sich ihre Lippen je wieder trennten.
Jemand rüttelte an der Tür. Ok, vielleicht diesen Grund. Die beiden lösten sich und während Amit das Schloss unauffällig entriegelte, betrachtete sich Lionel im Spiegel. Seine Lippen und Wangen waren wie nach einem anstrengenden Besenflug gerötet. Und natürlich waren auf mysteriöse Art Abdrücke auf seine Brillengläser gekommen. Mit einem Lächeln, das einfach nicht weichen wollte, hielt er die Brille zum zweiten Mal unters Wasser.
VI
Die Nacht war klar und eisig. Eine Nacht voller Sterne, zum Innehalten und Durchatmen. Eine Nacht zum Träumen. Winterliche Stille lag über dem schlafenden Schloss, das unter dem Schnee wie aus dem Märchen wirkte.
Zischend zerschnitt ein Besen die Idylle. Unkontrolliert stemmte er sich gegen die gegen die Luft, streifte eine Tanne und taumelte von links nach rechts, sodass der Junge darauf sich kaum halten konnte. Lionels Knöchel waren weiß vor Anstrengung und die Finger durch die Kälte rot und steif. Es spielte keine Rolle. Mit verschwommenem Blick steuerte er auf das Schloss zu, die Tränen eine Mischung aus Schock und dem eisigen Wind. Mit den Metern, die unter ihm dahinrauschten, sank die Erkenntnis tiefer in sein Bewusstsein: Er war gerade knapp mit seinem Leben davongekommen. Andere hingegen hatten nicht so viel Glück.
Seine bebenden Muskeln wurden zunehmend müde. Die kalte Luft stach wie Nadeln. Es war nicht mehr weit. Er musste es nur sicher nach Hogwarts schaffen. Wie auch immer er das anstellen sollte. Ein Schrei entkam seiner Kehle und mit ihm zerbrachen Wut und Furcht, Selbstsicherheit und die Freude am Abenteuer – Schmerz und Trauer blieben. Er hatte zum ersten Mal versagt. Die Erinnerung, wie der Koboldkörper gegen die Wand geschleudert wurde, spielte sich immer wieder vor seinem inneren Auge ab. Wäre nicht alles zusammengestürzt, hätte es vielleicht eine Chance gegeben. Doch die Mine war zum Grab geworden. Und ich bin wie ein Feigling geflohen.
Ohne abzubremsen, flog Lionel über die Brücken und Dächer des Schlosses hinweg. Er riss den Besen in die Höhe, stets den höchsten Turm im Visier. Dass dort eine Landung verboten war, spielte keine Rolle. Mit Mühe kam er neben der Aussichtsplattform zum Halt. Seine tauben Finger umklammerten das Geländer, aber wie ein nasser Sack fiel er zurück. Er hatte keine Kraft mehr. Unter ihm der Abgrund. Es wäre ein langer Fall.
Plötzlich wurde er gepackt und auf die Plattform gezogen, wo er außer Atmen liegenblieb. Zuerst nahm er das mechanische Geräusch des sich monoton drehenden Planetenmodells wahr, dann bemerkte er die menschliche Stimme. Verwirrt versuchte er zu blinzeln, doch die Erschöpfung machte seine Lider schwer.
„Du darfst jetzt nicht einschlafen!“ Ein Paar Hände schüttelte ihn. „Bitte …“ Einen Augenblick geschah nichts, dann durchströmte Wärme seinen Körper als hätte jemand ein Feuer neben ihm entzündet. Lionel stöhnte. Er kämpfte damit, wachzubleiben. Verdammt, er wollte nicht, dass ihn jemand so sah. Lasst mich allein! Doch die Faust, die er zur Verteidigung geballt hatte, wurde zu seiner Überraschung liebevoll von zwei behandschuhten Händen umschlossen. Die Schwärze klarte sich auf. Er sah dunkles Haar über sich schweben. Dunkles Haar und ein besorgtes Gesicht.
„Amit?“, krächzte er.
„Den Sternen sei Dank, es geht dir gut! Als ich gesehen habe, wie du fast von deinem Besen gefallen bist, ist mir das Herz in die Hose gerutscht.“ Lionel war dankbar, keine Vorwürfe zu hören. „Ich habe dich mit einem Zauber belegt, damit du nicht mehr frierst, wir sollten dich trotzdem schnellstmöglich reinbringen. Kannst du stehen?“
Sie brauchten mehrere Versuche bis es einigermaßen sicher funktionierte. Amit hatte einen Arm um Lionels Seite geschlungen und führte ihn vorsichtig die Treppen hinunter.
„Du musst in den Krankenflügel. Manche Flüche entwickeln erst mit der Zeit ihre volle Wirkung. Außerdem ist dein Gesicht voller Schrammen und wer weiß, wie der Rest aussieht!“
„Nicht zu Madame Blainey“, protestierte Lionel. „Raum der Wünsche.“
„Das ist nicht gut. Ich musste mich auch ausgerechnet mit dem abenteuerlustigsten Schüler dieses Jahres anfreunden. Wer fragt mich, ob ich jetzt noch ein Auge zukriege?“, beschwerte sich Amit. Er klang ernster, als es Lionel lieb war. Andererseits war er über die ausbleibende Diskussion froh. Es kostete genug Konzentration, nicht diese ganzen Stufen herunterzufallen.
Glücklicherweise gab es keine Anzeichen von Deek im Raum der Wünsche. Der Hauself hätte ihn postwendend in den Krankenflügel geschickt und mindestens Mrs. Weasley aufgeweckt. Ohne zu zögern, brachte Amit ihn nach unten. Seit ihrem letzten Besuch war der Raum größer geworden und zu Lionels Freude stand ein breites Himmelbett rechts der Pflanzentische, das vorher nicht dagewesen war.
Erschöpft nahm er auf dem Bettrand Platz. „Mega-Power-Trank. Im Rucksack neben dem runden Tisch.“ Während Amit davonrauschte, tastete Lionel sich ab. Er schien bis auf eine Beule am Hinterkopf und einiger Schrammen erschreckenderweise ohne Verletzungen davongekommen zu sein. Das ist nicht gerecht! Amit kehrte mit einer ganzen Ladung grün leuchtender Fläschchen zurück.
„Ich würde ja fragen, wieso du zwei Dutzend Mega-Power-Tränke hast, aber ich möchte die Antwort eigentlich gar nicht wissen.“ Auch er war jetzt außer Atmen. „Dein Haar ist lang geworden“, bemerkte er und entfernte vorsichtig einige Steinchen aus den zerzausten Locken.
Nachdem Lionel den Trank geschluckt hatte, fühlte er sich augenblicklich besser. Aber die Bilder des leblosen Kobolds blieben. Eingebrannt.
„Heute, heute war kein guter Tag.“ Erschöpft legte er den Kopf auf Amits Schulter, der sich neben ihm niedergelassen hatte. Wieso sollte er groß um die Wahrheit herumreden? Schöne Worte machten es nicht besser. Nichts konnte die Vorfälle rückgängig machen. Bevor er den Mund öffnete, liefen die Tränen bereits. Gelähmt beobachtete er, wie sie auf Matratze und Boden tropften. „Lodgok ist tot.“ Auf einmal war es einfach, zu berichten: Wie er seinen Freund nicht am Mineneingang gefunden hatte und deshalb alleine losgezogen war, davon den riesigen Bohrer mit eigenen Augen zu sehen und schließlich der Kampf, der alles beendete.
„… Er hat seinen Bruder getötet und ich konnte nichts dagegen machen. Ich dachte, ich sei ein guter Zauberer, aber sobald die Mine zusammenstürzte bin ich gerannt. Ich habe ihn zurückgelassen.“ Lionel war dankbar, dass Amit so gut zuhören konnte. Er hätte keine Fragen beantworten wollen, nicht mehr in dieser Nacht.
„Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist.“ Beruhigend streichelte die Hand durch sein Haar. „Und, dass ich dort oben auf dem Turm war.
Lodgok schien ein wahrlich faszinierender Kobold gewesen zu sein. Es ist schade, dass ich ihn nicht besser kennenlernen konnte. Aber ohne unser Treffen hätte ich nie gelernte, dass ich meine Koboldogack Aussprache verbessern muss – auch wenn ich sie jetzt wahrscheinlich nie wieder testen werde. Die freundlichen Kobolde sind ein seltenes Gut geworden, fast so selten wie … entschuldige. Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich hatte nie jemand Nahestehendes, der gestorben ist.“
Schon gut. Sie würden nicht hier beisammensitzen, wenn ihn ein solcher Redeschwall je abgeschreckt hätte.
„Denkst du, du kannst schlafen?“, fragte Amit.
Unentschlossen nickte er und richtete sich auf. Ehrlich gesagt hatte er keine blasse Ahnung, aber er würde es versuchen. Steif schälte er sich aus dem Umhang, lockerte die schmutzige Krawatte und löste die ersten Knöpfe der Weste. Errötend stand sein Freund daneben und wusste offensichtlich nicht, wo er hinschauen sollte. In einem anderen Moment hätte es Lionel amüsiert, jetzt erbarmte er sich ihm: „Es ist in Ordnung, ich komme klar.“
Der andere wollte nachhacken, aber Lionel kam ihm zuvor: „Mir wird es hier gutgehen. Danke, dass du immer am richtigen Ort bist. Du hast mich wirklich gerettet.“
Amit gab ihm einen Kuss auf die Stirn. „Wir sehen uns morgen.“

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