1. September
Die Luft war noch ungewöhnlich warm. So als würde der Herbst nicht bereits darauf warten, die Welt in ein warmes Orange zu tauchen. Lionel Welsh durchquerte orientierungslos den Innenhof mit der Drachenstatue. Zwei jüngere Gryffindors standen kichernd am darunterliegenden Wasserbecken und starteten einen Spuckwettbewerb sobald er vorbeigegangen war. Ansonsten war es angenehm still.
Wer hätte gedacht, dass es so kompliziert war, sich in diesem Schloss zurechtzufinden? Etwas außer Atem setzte er sich auf eine steinerne Bank und lockerte die Krawatte. Nicht nur an die verwirrenden Wege, auch an diese Uniform würde er sich noch gewöhnen müssen. Er holte das Handbuch hervor und blätterte durch die wenigen Seiten, die er bisher gesammelt hatte. Die Gryffindors beäugten ihn währenddessen skeptisch. Keine Angst, ich werde euch nicht verpfeifen.
Der Weg war schnell gefunden. Er war viel näher am Ziel, als er gedacht hatte. Erfrischend kühle Luft schlug ihm hinter den schweren Türen entgegen. Die steinernen Fliesen schienen für ein angenehmes Klima in der riesigen Haupthalle zu sorgen. Eine kleine Gruppe Mitschülerinnen hatte sich unter dem Springbrunnen versammelt und ein blondes Mädchen mit Brille und hellen Locken grüßte ihn freundlich. Wahrscheinlich hatten sie irgendein Fach zusammen, aber an ihren Namen konnte er sich nicht erinnern. All diese neuen Gesichter und jeder tat so nett! Das Ganze war irgendwie befremdlich. Schließlich konnte ihn niemand kennen. Oder wollten sie sich wegen der Geschehnisse bei seinem ersten Hogsmeade Besuch einschleimen? Wollten sie mit dem Jungen befreundet sein, der gegen einen Troll gekämpft hatte? Lionel würde lügen, wenn er sagen müsste, dass ihm das nicht schmeichelte. Dennoch wäre es ihm lieber, er hätte sein Talent im normalen Unterricht unter Beweis stellen können. Er hatte sowieso schon genug Aufmerksamkeit auf sich gezogen. In seiner letzten Schule war Aufmerksamkeit selten etwas Gutes gewesen.
Er lächelte dem Mädchen zu, ohne ihr in die Augen zu blicken und schob die Tür unter dem hölzernen Anbau auf. Der überwältigende Geruch nach Büchern strömte ihm schon am Treppenabsatz entgegen und nachdem er die zweite Tür leise aufgeschoben hatte, musste er einen Moment innehalten, um die wahre Größe der Bibliothek in sich aufzunehmen. Die hohen Regale, die sich zu beiden Seiten geschickt unter dem Bogengang versteckten, der prachtvolle Globus am Empfang, die beiden Wendeltreppen, welche auf die Galerie führten, die teuren Vasen und kleinen Steinskulpturen, es war wie aus dem Märchen. Gut, Hogwarts war schließlich so etwas wie ein Märchenschloss.
Zuerst hielt er den Raum für leer, doch dann entdeckte er im hinteren Bereich einen Ravenclaw. Um genau zu sein, konnte er ihn bereits hören, bevor er ihn sah. Amit Thakkar war keineswegs laut, trotzdem fiel sein Gemurmel in einem Raum, in dem nur ein paar sich selbst einsortierende Bücher umherflogen und die Feder der Bibliothekarin leise übers Pergament kratzte, sofort auf.
Er hätte sich denken können, ihn hier zu vorzufinden. Oh, an Amit konnte er sich sehr gut erinnern. Nicht weil die Zaubertrankstunde, in der sie sich das erste Mal unterhalten hatten, erst vor ein paar Tagen stattgefunden hatte, sondern weil ihn Amits ehrliche und naive Art von der ersten Sekunde an angezogen hatte. Ganz zu schweigen von der weichen, sich überschlagenen Stimme, welche offenbar nicht mit den rasenden Gedanken mithalten konnte oder der dunklen Strähne, die etwas zu tief über dem Gesicht hing.
Amit war nicht der erste Junge für den Lionel jemals geschwärmt hatte. Über den Sommer, bevor sich sein ganzes Leben völlig verändert hatte, war da bereits jemand gewesen. Hamish, ein schüchterner Junge mit platinblondem Haar. Er konnte sich genau erinnern, wie es sich zwischen seinen Fingerspitzen angefühlt hatte. Und vor allem wusste er noch wie es gewesen war, wenn die schmalen Lippen sich auf seine gedrückt hatten. Ein Teil von ihm, der sich vor allem nachts meldete, wollte seit diesem ersten Gespräch auch Amit nah sein. Aber all die Eindrücke, die vielen neuen Gesichter, die gefühlt endlosen Aufgaben und die andauernd über ihm schwebende Gefahr, begrub diesen Teil ganz ganz tief.
Er näherte sich leise dem quadratischen Tisch, der vollkommen mit Büchern bedeckt war. Kurz überlegte er, sich ein Spiel daraus zu machen und die Sekunden zu zählen, wie lange es dauerte bis der andere seine Anwesenheit bemerkte, doch dann sah Amit bereits auf. Kurz weiteten sich seine Augen vor Überraschung, aber er fing sich schnell.
„Ah, der talentierte Zaubertrankbrauer. Bist du auch hier, um dein Wissen anhand der feinsten Lektüresammlung in ganz Schottland zu vertiefen?“
Um ehrlich zu sein, konnte er nicht genau sagen, warum er hergekommen war. Die Bibliothek schien der Ort zu sein, an den man ging, wenn man keine Ahnung von der Welt um sich herum hatte. Doch das würde er in Amits Gegenwart natürlich nicht zugeben! Er wollte den guten ersten Eindruck nicht überschatten. Die Zeit, in der er eine Enttäuschung gewesen war, war vorbei. Er würde ihnen allen zeigen, dass ein ernstzunehmender Zauberer in ihm steckte.
„Es kann sicherlich nicht schaden, sich mal hier umzusehen“, antwortete er mit einer Überzeugung, die ihn selbst überraschte. Amit braucht ja nicht zu wissen, dass ich mich auf dem Weg zwei Mal verlaufen habe.
„Bildung kann nie schaden, wie meine Großmama immer gesagt hat“, stelle Amit freudestrahlend fest und wand sich wieder dem Wälzer im dunkelblauen Einband zu, der direkt vor ihm lag. Lionel fragte sich, ob der andere jede freie Minute mit Lesen verbrachte. Verdammt, es machte ihn ganz nervös, wie konzentriert Amit war. Hamish war auch so ein Bücherwurm gewesen. Ich habe wohl einen Typ.
„Viel Erfolg beim Lesen von …“ Er wollte gehen, sich nicht vom Erkunden der Bibliothek ablenken lassen, konnte die Nachfrage aber dann doch nicht lassen: „Was ist das da eigentlich?“ Lionel konnte sehen, wie Amit einen Finger auf die Stelle legte, an der er beim Lesen unterbrochen worden war, bevor er antwortete.
„Sicherlich kennst du den großen Atlas der Sternenbilder Ausgabe 6.“ Er gab ihm keine Zeit, über eine Antwort nachzudenken. „Wir werden ihn erst nach den Winterferien brauchen, aber die ZAGs kommen schneller als die meisten denken. Lieber mache ich mich rechtzeitig mit dem Stoff vertraut.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Kurz schien es, als wolle er mehr sagen, eine Art Entschuldigung für seinen Fleiß, stattdessen blickte er auf seine Aufzeichnungen hinunter.
„Das ist cool, Amit.“ Lionel gab sich Mühe, ehrlich dabei zu klingen. Erneut verabschiedete er sich. Er hatte so viel aufzuholen. Wo sollte er nur anfangen?
„Ist es wahr, dass du gegen einen Troll gekämpft hast?“ Die zuvor gedämpfte Stimme platzte plötzlich vor Neugierde.
Er hätte es bevorzugt, wenn Amit ihm wegen irgendeiner anderen Sache hinterhergerufen hätte. Aber dass er, wie alle anderen auch, nach dem Troll fragte, war etwas enttäuschend. Lionel wendete sich um und musste feststellen, dass Amit das Buch zur Seite gelegt hatte. Die ehrlichen brauen Augen schenkten ihm nun die vollständige Aufmerksamkeit, sodass Lionels Herz begann, schneller zu schlagen. Er schob einen Ohrensessel an den Tisch heran. Es war sicherlich nicht schädlich, den Ravenclaw ein bisschen zu beeindrucken. Vielleicht könnte dieses Gespräch zudem den Grundstein für eine wunderbare Freundschaft legen.

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