Wir sehen uns wieder

3. Wir sehen uns wieder

Überall wendetet sich schockierte Gesichter von ihm ab. Sie versuchten ihre Neugierde nicht einmal zu verbergen, tuschelten mit zusammengesteckten Köpfen, bis er sich näherte. Morten hatte die Kapuze über den grünen Schopf gezogen und blickte über all die Kinder auf den Gängen und in den Klassenräumen der High-School hinweg.

Er hatte schon schlimmer ausgesehen, aber wie sollten sie das wissen? Sie nahmen bloß den Neuen wahr, der sich direkt in der ersten Woche geprügelt hatte.

Natürlich drangen die wilden Spekulationen dennoch an sein Ohr. Mindestens drei älteren hatte er gegenübergestanden, nein, er war Teil einer Straßengang oder hatte er sich doch am Ende selbst so zugerichtet?
Das größte Rätsel schien dabei nicht zu sein, wie er sich das blau geschwollene Gesicht zugezogen hatte, sondern ob er siegreich aus der Konfrontation hervorgegangen war. Kaum jemand kannte seine Namen und trotzdem war man sich einig, dass er einen guten Kampf abgeliefert haben musste.
Fast hätte es amüsant sein können, wäre es nicht so furchtbar nervig. So viel zum unsichtbar bleiben.

Als einer der ersten im Klassenzimmer hatte er wieder die Freude, dem Latina-Mädchen und ihren Anhängerinnen zu lauschen. Morten empfand es als schamlos, wie offen sie von dem Jungen sprach, den sie im Augenblick datete, obwohl jeder im Raum sie hören konnte. Er verdrehte die Augen bei jedem Kichern, was in seine Ecke drang. Da sollte lieber die Schulstunde anfangen!

Plötzlich ließ ihn etwas aufhorchen. Er hatte es geschafft, nur mit noch mit halbem Ohr zuzuhören, während er den Rand seines Heftes mit ein paar Wolfswesen verschönerte. Für einen kurzen Moment hielt er inne. Er glaubte, den Namen „Phil“ gehört zu haben.

Als Morten am Samstag das Outlaw verlassen hatte, hatte es keine Spur mehr von dem Jungen gegeben. Eine Tatsache die ihn nicht unbedingt gestört hatte. Nicht auszudenken, wie der Kleine wohl möglich Versuche gestartet hätte, sich um ihn zu kümmern. So war er alleine den langen Weg nach Hause gelaufen. Am kommenden Tag hatte er versucht, seinem Vater aus dem Weg zu gehen, um den unausweichlichen Moment der Konfrontation möglichst lange hinauszuzögern.
Matthew fragte längst nicht mehr, worin sein Sohn verwickelt war, aber sein Blick sprach gewöhnlich Bände.

Niemand betrachtete ihn mit so von Sorge gefüllten Augen, wie sein Vater. Immerhin einer hat noch Hoffnung in mich.

Obwohl er jetzt tatsächlich aktiv lauschte, fiel der Name nicht erneut und Morten begann zu hinterfragen, ob er sich nicht gänzlich verhört hatte. Mittlerweile mischten sich immer mehr Schülerinnen und Schüler mit ihren eigenen Gesprächen, über den Boden kratzenden Stühlen, surrenden Reißverschlüssen und dumpfer Musik in die Geräuschkulisse. Menschen war so unangenehm laut!

Morten vergrub sich tiefer in der Kapuze, machte sich so klein und unsichtbar wie möglich und verbrachte auch diese Mathestunde, ohne einmal vom Lehrer wahrgenommen zu werden.

Danach blieb er längere Zeit vor dem schmutzigen Toilettenspiegel und schmierte sich mit irgendeinem Gel ein, das er schon vor Monaten aus dem Medizinschränkchen seines Vaters entwendet hatte.

Sein Besetzen des einzigen Spiegels wurden von den anderen Schülern mit bewundernswertem Respekt hingenommen. Ein schmächtiger Junge lief sogar rückwärts wieder aus dem Raum heraus, sobald er das geschwollene Gesicht des großgewachsenen Teenagers erblickte.

Auf jemanden, der noch nie die Konsequenzen einer Prügelei gesehen hatte, musste er einen erschreckenden Eindruck machen.

Auch seine Brust war von mehreren Blutergüssen gezeichnet, die ihn zwar zum Glück nicht beim Atmen störten, aber dennoch ein unbeschwertes Bewegen unmöglich machten.

Ein Junge mit Justin Biber Frisur hatte tatsächlich den Mut, ihn anzupfeifen als er mit nacktem Oberkörper vor dem Spiegel stand und das Gel auch dort verteilte. Ein finsterer Blick genügte jedoch, um das freche Lächeln fortzuwischen. Pass auf, ich kann mir Gesichter verdammt gut merken. Er war ohnehin schon gereizt und hatte nicht übel Lust, jemandem ein ähnliches Aussehen zu verpassen.

Morten betrat den Chemieraum, da saß Mrs. Beck bereits an ihrem Pult und war kurz davor die Stunde zu beginnen. Er konnte den Moment genau sehen, in welchem ihr Atem bei seinem Anblick sichtbar stockte. Das Tunichtgut Image, welches er ohnehin schon bei ihr hatte, konnte er nun als vollständig gefestigt betrachten.

Mehrere Sekunden starrte die Lehrerin den im Türrahmen stehenden Schüler an, dann blinzelte sie schnell drei Mal und schüttelte kaum merklich den Kopf. Mit Gesten befahl sie ihm, die Kapuze abzusetzen und da er schon nach einer Woche gelernt hatte, wie sinnlos es war sich auf Diskussionen mit dieser Frau einzulassen, tat er wie geheißen.

Immerhin ging dabei kein Raunen durch die bereits brav an ihren Tischen Sitzenden – das hätte Morten ihnen zumindest zugetraut.

Erhobenen Hauptes lief er zu seinem verhassten Platz in der ersten Reihe, doch da war jemand, der zuvor nicht dort gesessen hatte. Skeptisch kniff Morten die Augen im Näherkommen zusammen. Dieser Hinterkopf kam ihm bekannt vor.

Das ist nicht dein Ernst!
Wieso tut man mir das an?

Mit einer schwungvollen Bewegung schmiss er den Rucksack auf den Boden unter dem Pult und zog gleichzeitig laut den Stuhl zurück. Der Junge neben ihm hatte bisher aus dem nahen Fenster gestarrt und schreckte jetzt sichtbar aus seinen Gedanken auf.

Morten presste die Lippen aufeinander. Er wollte ihn nicht ansehen, er wollte es nicht wahrhaben, er …

„Guten Morgen allerseits. Ich hoffe ihr hattet ein schönes Wochenende.“ Mrs. Becks Blick streifte ihn. Sie war aufgestanden und enthüllte jetzt ein vorbereitetes Tafelbild, doch er hörte kaum zu.

Aus dem Augenwinkel nahm er Bewegungen wahr. Nur für einen kurzen Moment drehte er leicht den Kopf.

Der Junge neben ihm starrte scheinbar konzentriert auf die Vorgänge an der Tafel. Morten entging allerdings nicht, dass er blass, beinah entgeistert wirkte. Er hatte mit einem Lächeln gerechnet, vielleicht sogar einer übermäßig freundlichen Begrüßung, doch der Teenager offenbarte keine Zeichen des Wiedererkennens.
Morten aber war sicher: Dies war Phil aus dem Outlaw.

Kurz streiften sich ihre Blicke und Morten erkannte, dass seine Augen hellblau und nicht grau waren. Dann rückte der andere weg, machte so viel Platz, wie die Tischplatte es zuließ.

Hast du plötzlich Angst, wenn dich die Realität deiner nächtlichen Fantasien einholt, kleiner Junge?

Natürlich war das nicht das erste Mal, dass er eine nächtliche Bekanntschaft wiedertraf, aber das erste Mal, dass er sich nicht mit einem stummen Nicken davonmachen konnte. Er befürchtete, dass der Zuwachs an Schülern und Schülerinnen sein Jahr erschweren würde. Gab es heutzutage keine guten anderen Ausgehmöglichkeiten mehr?

Sie würden wohl dieses Jahr hier nebeneinander verbringen müssen. Eine Unannehmlichkeit, aber nichts, was er nicht aushalten könnte. Vor allem wenn sie so wenig wie möglich miteinander interagierten.

In den nächsten Minuten gab er sich Mühe, den aufmerksamen Schüler zu mimen. Schon vergangene Woche hatte er festgestellt, dass Mrs. Beck zwar sein Äußeres verachtete, aber anfällig für jemanden war, der ihr bei jedem Wort an den Lippen hing. Er gab vor, über ihre Witze zu lachen und nickte eifrig, wenn sie nach einer längeren Erklärung fragend in die Runde sah. Das hatte nicht bloß den Vorteil, sich hoffentlich eine einigermaßen anständige Note zu sichern, sondern auch den Sitznachbarn ein wenig zu vergessen.

Dieser jedoch schien weiterhin völlig aus dem Konzept gebracht. Morten sah seine Hand leicht zittern und bemerkte, dass er damit aufgehört hatte, die Vorgänge an der Tafel zu verfolgen, sondern verkrampft auf den Block vor sich starrte.
Fast hätte er ihm leidgetan, wenn es nicht der perfekte Beweis dafür war, wie wenig er im Outlaw klargekommen wäre.

Wie verzweifelt musste jemand in so jungen Jahren sein, um ein Mittel gegen die Einsamkeit an einem solchen Ort zu suchen? Welcher Druck musste im Freundeskreis oder im Elternhaus herrschen? Morten war so froh darüber, dass sein Vater ihn nie für seine Sexualität verurteilt hatte – was auch immer diese genau war.
Aber in Zeiten von Tinder und anderen Apps, fragte er sich dennoch, was jemanden seiner Generation an einen Ort trieb, an dem Blowjobs in den Ecken verteilt wurden, nackte über 50-Jährige herumliefen und der Geruch nach Erbrochenem, Sperma, Schweiß und Urin sich längst in jedem Möbelstück festgesetzt hatte.
War dieser Phil möglicherweise nur zufällig in die Bar geraten, hatte erkannt, was dort geschah und diese Möglichkeit ausgenutzt?

Unwahrscheinlich. Das Outlaw besaß schließlich einen gewissen Ruf, selbst unter den heutigen Jugendlichen.

Morten warf einen erneuten Blick zur Seite. In der Sonne, die jetzt kraftvoll hinein drang, schimmerten Phils Haare in einem goldenen Ton zwischen blond und rot. Ansonsten schien er so … gewöhnlich. Was mochte hinter dieser Fassade stecken? Wieder und wieder fragte er sich, was ihm in dieser Nacht entgangen war, welche Sehnsüchte diese glatten Wangen vor der Welt verbargen.

Als die Glocke die Stunde beendete, hielt Morten inne. Während er normalerweise einer der ersten war, die fluchtartig aus dem Raum strömten, ließ er sich diesmal Zeit. Sein Stift war an den Rand der Tischplatte gerollt und er hielt ihn absichtlich nicht davon ab, über die Kante zu kippen.

Er sah genau, wie Phil instinktiv nach unten zuckte, sich dann aber entschied den Stift seinem Schicksal zu überlassen. Auf Mortens Lippen stahl sich ein Lächeln.

Wie zufällig liefen sie nebeneinander durch die Tür, wobei sich ihre Arme streiften.

Sie waren nur wenige Schritte auf dem schon beinah leeren Gang gegangen, da drückte der Kleinere ihn ohne Vorwarnung und mit überraschend viel Kraft durch die nächste unverschlossene Tür.

Morten prallte mit dem Kopf gegen ein Regal, in dem Glas klirrend aneinanderstieß. Über ihm baumelte eine nackte Glühbirne und die Luft war staubig und abgestanden. Sie waren in einer Art Besenkammer.

„Es ist meine Schuld, nicht wahr?“ Keine Spur von Scheu lag in der Stimme. „Dass man dich so zugerichtet hat.“

Diesmal war Morten es, der versuchte etwas Abstand zwischen sie zu bringen, aber die Regalbretter bohrten sich schon in seinen Rücken und die Glühbirne begann unheilvoll zu schwanken.

Er fühlte nicht die Dringlichkeit zu antworten, schon gar nicht, da sein Gegenüber die Wahrheit offenbar bereits kannte.

„Tut, tut es sehr weh?“ Die hellblauen Augen blickten direkt in seine. Sie waren sich so nah, dass er den anderen riechen konnte.
Zumindest aber schien der ersten Schock ihres Wiedersehens überwunden. Sein Ausdruck war entschlossen und Morten konnte die Stellen noch fühlen, wo ihn die kräftigen Hände gepackt hatten.

Was sollte er davon halten? Wieso interessierte den Jungen sein Wohlergehen? Er war ihm nichts schuldig. Kurz überlegte er, sich einfach an ihm vorbeizuschieben und dieses unnötige Gespräch zu beenden. Er hatte wirklich keine Lust auf Erklärungen! Außerdem ließ er sich nur widerwillig wie ein heimlicher Liebhaber verstecken!

„Ich wollte dich nicht in Schwierigkeiten bringen. Weißt du, ich mache so etwas normalerweise nicht!“ Leute in Schwierigkeiten bringen oder hart mit Fremden in verruchten Bars flirten? „Es tut mir leid.“ Er lächelte verlegen. Die plötzliche Scham amüsierte Morten, der sich daraufhin entschied, zu antworten:

„Habe schon Schlimmeres erlebt.“ Er zuckte mit den Schultern, um seine Aussage zu unterstreichen.

„Ah, da ist sie wieder. Diese wunderbare Stimme.“

Morten schnaubte belustigt. Ist das dein Ernst?

Phil griff nach vorne. „Nein, nein. Das war ein kindischer Kommentar. Bitte, fahr fort.“

Er holte kurz Luft. Das wird ihm jetzt nicht gefallen.
„Okay, Phil, richtig?
Um es einmal klarzustellen: Du kennst mich nicht und ich kenne dich auch nicht. Wir haben uns durch Zufall getroffen, in unserer Freizeit. Das hier ist Schule. Diese beiden Dinge haben nichts miteinander zu tun. Was genau willst du also von mir? Versteh mich nicht falsch, ich finde es nett, wie du mich ansiehst, aber ich habe kein Interesse daran, Freundschaften zu schließen. Klar?
Ergo geht es dich nichts an, was mit meinem Gesicht passiert ist und im Gegenzug erzähle ich niemanden von unserem kleinen Flirt letztes Wochenende, der dir offensichtlich so peinlich ist, dass du nicht mal im Gang mit mir gesehen werden willst.“

Er konnte deutlich sehen, wie Phil Widerworte geben wollte, sich aber nach einem kurzen Moment dagegen entschied. Sein Mund war zu einem geraden Strich geworden und er ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Nachdem Morten sich aus der Kammer gequetscht hatte und bloß der Rücken seines Mitschülers noch in Sicht war, hielt er die Sache für beendet.

Doch wie sehr lag er falsch.

Die Musik aus den knarrenden alten Lautsprechern dröhnte in seinen Ohren, die Luft war stickig und schmeckte nach Rauch, dennoch bemerkte er den Hereinkommenden sofort.

Morten wollte sich umdrehen und an die Wand gedrückt hoffentlich in den Schatten verschwinden, die das spärlich schummrige Licht warf, aber als die Tür ins Schloss fiel, war es zu spät.
Der Teenager hatte ihn erblickt. Er lächelte schüchtern.

Fuck!

Morten rieb sich die Schläfen. Er war betrunken. Es war ein normaler Wochentag, aber anstatt seine Hausaufgaben zu machen oder den freien Abend anderweitig produktiv zu nutzen, war er hier und weniger Herr seiner Sinne, als es ihm zu dieser eher frühen Stunde lieb war.

Im ersten Moment fühlte er sich ertappt. Dann wurde er wütend. Was bildete sich dieser Bursche eigentlich ein?
Schon schlimm genug, dass sie sich täglich nicht nur in einer, sondern in drei Schulstunden sehen mussten, jetzt tauchte er in seiner Bar auf und machte einen entspannten Abend zu Nichte!

Phil kam zu seinem Tisch bei der Fensternische. Er trug ein dunkelblaues Sweatshirt, eine schlichte Jeans und rote Sneaker. Er hat sich extra hierfür umgezogen.

Fast hätte Morten eine Szene gemacht, doch heute war ihm nicht nach Aufmerksamkeit – zumindest noch nicht. Deshalb unterdrückte er das Verlangen, den Kleineren auf der Stelle am Ärmel hier herauszuzerren und ließ zu, dass er im rechten Winkel zu ihm Platz nahm.

„Ich habe über das nachgedacht, was du gesagt hast und du hast Recht: Schule und Freizeit sind unterschiedliche Dinge.“ Phils Augen blickten ihm aufrichtig, beinah herausfordernd entgegen.

Morten musste all seine verbliebene Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Er konnte und wollte diese Frechheit nicht tolerieren.

Sein Blick war eiskalt. Es genügte nicht. Der Mitschüler bewegte sich nicht vom Fleck.

„Anscheinend habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Ich will nichts mit dir zu tun haben.“ Seine Zunge tat sich wegen des Alkohols schwer und innerlich schalt er sich dafür, nicht bestimmter geklungen zu haben.

„Schön. Du möchtest nicht mit mir reden. Aber niemand verbietet mir zu sitzen, wo ich will.“ Phil hatte wohl entschieden Trotz mit Trotz zu beantworten.

Was war los? Hatte er etwa seine furchteinflößende Aura verloren? Oder wieso zur Hölle, war dieser Kerl der Überzeugung, es wäre ihm nicht ernst? Er nahm einen tiefen Zug aus dem Wodka-Energy Glas und stand auf.
Wenn Phil unbedingt an diesem Tisch sitzen wollte, sollte er ihn gerne haben – für sich allein!

„Warte.“
Die Hand hatte schneller nach seinem Arm gegriffen als er noch in der Lage war, zu reagieren.

Ihre Blicke trafen sich. Er seufzte und setzte sich erneut. Am Nachbartisch sah man zu ihnen herüber.

Wenn er es so darauf anlegte, wieso sollte sich Morten länger verwehren? Er war schließlich nicht verantwortlich für die Zufriedenheit irgendwelcher dahergelaufener Teenager. Warum sollte er ihm nicht geben, was er wollte?
Doch andererseits hatte er sich nach dem Blowjob in der Umkleidekabine geschworen, in der neuen Schule nicht die alten Fehler zu wiederholen. Wieso war es keine deprimierte Hausfrau, die sich an ihn ranmachte, oder ein schüchterner College-Nerd? Warum musste es ausgerechnet ein Junge aus seiner Stufe sein?

Fuck, fuck fuck!

Er hielt das dünne Glas zwischen beiden Händen und starrte geradeaus auf die vergilbte Wand. Oh nein, er würde ihm nicht die Genugtuung geben, etwas zu sagen.

Neben ihm klopfte Phil mit dem Zeigefinger den Takt der Musik mit. Morten konnte das gleichmäßige Trommeln trotz der dröhnenden Lautstärke klar hören. Es war, als würde der andere es darauf anlegen, seine Nerven zu strapazieren.

Schnell leerte er den Wodka, aber bevor das Glas zurückstellen konnte, hatte Phil danach gegriffen. Wie selbstverständlich und weiterhin mit diesem übertriebenen Lächeln brachte er es zur Bar.

Morten ertappte sich dabei, wie er seinem Mitschüler nachsah. Diese Beharrlichkeit war irgendwie beeindruckend. Und wenn er ganz ehrlich war, dann war sein Hintern auch nicht von schlechten Eltern.

Phil kehrte mit zwei Drinks in der Hand zurück und Morten hätte schwören können, dass er den Stuhl diesmal dichter an ihn heranschob. Ihre Beine berührten sich.

Skeptisch roch er an der klaren Flüssigkeit. Gin. Er hätte sein Gegenüber nicht für einen Freund bitterer Getränke gehalten. Zugegeben, hätte er so einiges heute nicht erwartet.
Er trank und würdigte den Jungen weiterhin keines Blickes. Wir werden ja sehen, ob du mit mir mithalten kannst.

Der Song wechselte, Menschen liefen an ihnen vorbei und die Minuten verstrichen, während sich das Schweigen zwischen ihnen ausbreitete. Morten hoffe, dass es dem anderen irgendwann zu unangenehm werden und er vielleicht doch noch verschwinden würde. Er selbst könnte es ewig aushalten. Einmal hatte er eine gesamte mündliche Prüfung ausgesessen, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen zu sprechen. Das Durchfallen war den Triumph wert gewesen.

Plötzlich war da eine Hand auf seinem Oberschenkel. Zuerst lag sie für wenige Sekunden still, doch als er nicht weiter reagierte, fing sie an, sich auf und ab zu bewegen. Beinah hätte er nachgegeben, doch stattdessen stellte er das Glas geräuschvoll auf die Tischplatte zurück und schlug die Hand weg.

Kurz blitzte so etwas wie Enttäuschung in Phils Gesicht auf, was Morten an das Zusammentreffen in der Abstellkammer denken ließ.

„Ich werde nicht mit dir nach Hause gehen!“ Diesmal hatte der Alkohol ihm die scharfe Aussprache nicht verwehrt.

„Du brauchst auch nicht mit mir nach Hause zu gehen.“

„Gut. Was willst du dann von mir? Was … was machst du hier?“ Er zeigte mit einer verzweifelten Geste durch den Raum und bereute sofort, sich auf die Diskussion eingelassen zu haben.

„Das weißt du nicht?“ Phil lehnte sich nach vorne. „Es gibt Gerüchte über unvergessliche Nächte mit einem jungen Schwarzhaarigen.“

Kurz wägte Morten seine Möglichkeiten ab, dann entschied er, dass es nutzlos war, zu lügen: „Wann wusstest du, dass ich das bin?“ Vielleicht war der andere doch nicht so naiv.

Phil verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich zurück. „Oh, ich hatte keine Ahnung als du dich zu mir gesetzt hast. Klar kannte ich die Gerüchte, aber …“ Es sind eben nur Gerüchte. Mit dem Outlaw war es wie überall. Die Menschen glaubten die Dinge erst, wenn sie sie mit eigenen Augen gesehen hatten.
Phil erzählte die Geschichte, die Morten schon etliche Male gehört hatte. Ein Märchen über Einsamkeit, Neugierde und den Wunsch auch das zu erleben, was man sich hinter vorgehaltener Hand erzählte.
„Du warst der einzige, auf den die Beschreibung passte, trotz der falschen Haarfarbe.“ Er unterbrach den Redeschwall kurz, um zu trinken. „Aber ich hätte nie gedacht, dass derjenige in meinem Alter sein könnte!“

„Hey, schrei doch noch lauter! Glaubst du wirklich, dass ich hier spielen dürfte, wenn jemand ahnen würde, dass ich noch zur Schule gehe?“ Das letzte Stück des Satzes flüsterte er.

„Also kennt keiner dein wahres Ich? Den Teenager hinter der schweigsamen Fassade?“ Für einen Moment schien Phil in Gedanken versunken, während er mit dem Zeigefinger eine Kerbe in der Tischplatte nachfuhr. „Also gab es nie jemanden, der es wert war, dich näher kennenzulernen? Das ist irgendwie traurig.“

Näher kennenlernen? Fast hätte Morten den Gin wieder ausgespuckt. Hustend schlug er sich auf die Brust. Okay, das, genau DAS war der Grund, wieso er sich nicht mit ihm einließ. Er hatte es von Anfang an gewusst. Dieser Junge, der ihm so offensichtlich schöne Augen machte, suchte eine Beziehung. Vielleicht war ihm das selbst nicht klar, aber für Morten war es so deutlich zu erkennen wie der beschmierte Bierdeckel vor ihm.
„Du hast hier wirklich nichts zu suchen.“ Er hatte mehr zu sich selbst gesprochen und zuckte leicht zusammen, als der andere so harsch reagierte.

„Was weißt du schon über mich?“ Na wunderbar. Jetzt wird er wütend!

„Ich hasse es, dass ich dir das sagen muss, aber ich kenne deinen Typ. Glaub mir, ich habe schon unzählige hier gesehen. Du denkst du bist besonders, weil du mir aufgefallen bist? Etlichen habe ich abblitzen lassen. Ich entscheide, wem ich ein Stückchen Glück gebe. So und nicht anders läuft das hier.“

„Warum hast du mich dann nicht einfach in Ruhe gelassen? Du musstest dich zu mir setzen und hast sogar den netten Mann weggeschickt!“

Bei der Erwähnung des Taxifahrers als netter Mann wurde Morten kurz schlecht. Er hob das Glas zum Mund, hielt dann aber in der Bewegung inne. Was war denn daran so schwer zu verstehen?
„Dieser Mann hätte dich zerstört. Ich habe durch den ganzen Raum gesehen, dass du nicht bereit für das bist, was hier geschieht, und ich hatte verdammt Recht damit! Du denkst, dass du Sex mit einem völlig Fremden brauchst, aber sagst Dinge wie ,näher kennenlernen‘.“ Aufgebracht machte er Anführungszeichen in die Luft. „Das ist die größte Scheiße, die ich je gehört habe.“

Oh, jetzt war er wütend. So wütend, dass er den restlichen Gin in einem Zug leerte und ohne ein weiteres Wort den Tisch verließ. Einen ruhigen Abend saufen und vielleicht, nur vielleicht ungezwungenen Sex, wäre das zu viel verlangt gewesen? Eigentlich musste er nicht, dennoch stürmte er Richtung Toiletten. An den Pissoirs schlug er erst einmal mit der Faust gegen die kalten Fliesen. Einmal. Zweimal. Besser.

Der Schmerz holte ihn in die Gegenwart zurück. Seine Hände wollten ihm nicht richtig gehorchen als er den Reißverschluss öffnete.
„Verdammt!“ Er schwankte und stieß in denjenigen, der gerade aus einer der Kabinen kam.

Morten ignorierte die unfreundlichen Worte, die ihm entgegengeworfen wurden. Ja, es war ein beschissener Abend!
Nachdem er sich die Hände gewaschen hatte, kramte er in seiner Jackentasche nach den Zigaretten. Das zerbeulte Päckchen war glücklicherweise noch halb gefüllt.

Er sah sofort, dass der Tisch leer war. Kurz warf er einen Blick durch den Raum, doch es gab keine Spur des Jungen mehr. Erschöpft nahm er einen tiefen Zug von der Zigarette und ließ sich auf den Stuhl sinken. Plötzlich fühlte er sich viel zu alt für seine siebzehn Jahre, als hätte man ihm einen schweren Rucksack auf die Schultern geschnallt.

Er sollte es jetzt gut sein lassen. Der Abend war ohnehin gelaufen.

Doch er war schwach. Es wäre so einfach gewesen. Der Ausgang lag nah, nur die paar Schritte und warme Spätsommerluft hätte ihn umfangen. Irgendwie mussten die letzten Stunden an ihm vorbeigerast sein. Noch vor einem Jahr hätte sein Vater versucht, ihn anzurufen, herauszufinden, wo er geblieben war, aber von der anfänglichen Wut war bloß Enttäuschung geblieben, die sich in Schweigen äußerte.

Die Welt schwankte. Ächzend hievte Morten sich aus dem Stuhl. Viele Tischen waren bereits leer. Ein zerknitterter Geldschein fand den Weg in seine linke Hand und eine Zigarette in die rechte.
Dort war die Theke. Er schob den Schein der Barfrau entgegen. Sie hatte einen dieser kurzen Namen Eva oder Ira, er erinnerte sich nicht genau. Angestrengt beobachtete er, wie sie ein Bier zapfte. Ihre Fingernägel waren schwarz, genau wie das restliche Outfit.

Dunkle Augen sahen plötzlich frech zu ihm auf. Sie hatte diesen typisch herabwürdigen Ausdruck mit dem sie ihn oft zu strafen versuchte, wie ein Raubtier das hungrig über der Beute kauert. Ich habe heute keine Nerven für unser Spiel.

Sie zeigte auf sein Veilchen und stellte die Biergläser auf ein Tablett. Ja. Er hatte schon mal besser ausgesehen, danke.

Er stützte sich mit den Unterarmen auf der Theke ab und schob ihr stumm das Geld hin. An Tagen, an denen er nicht arbeitete, bezahlte er wie jeder andere auch.

Die kleine Digitaluhr hinter der Bar zeigte 22:24. Stöhnend richtete Morten sich auf. Wenn es doch irgendetwas gäbe, das ihn morgen von der Schule befreien könnte. Keiner der verdammten Drinks hatte es geschafft, ihn völlig von Phil abzulenken, sodass die Befürchtung, den Burschen längst nicht los zu sein, sich mehr und mehr ausgebreitete. Er konnte es schon vor sich sehen, wie steif er morgen neben ihm sitzen würde.

Er gähnte, ohne die Hand vor den Mund zu nehmen.

Die Wohnung war sauber, aber unpersönlich. Das schwarze Ledersofa stand mittig auf den hellen Fliesen und irgendein Fotodruck der New Yorker Skyline hing an der Wand. Hinter ihm klimperte ein Schlüsselbund.

Zwei Hände umfassten die Hüften, heißer Atem streifte seinen Nacken. Morten lächelte schief. Er wusste nicht mehr genau, wie er hergekommen war, aber er konnte sich an den Mann mit den dichten Wimpern und den kräftigen Oberarmen erinnern.

„Ich werde dich so hart nehmen.“ Oh, er liebte es, wenn es schnell zur Sache ging. Die eine Hand krallte sich jetzt in seine Haare, während saugende Küsse auf seinem Hals verteilt wurden.

Er ließ sich das T-Shirt ausziehen, es landete irgendwo auf dem Boden. Dann war die Hitze des anderen Körpers verschwunden. Morten taumelte ein paar Schritte in den quadratischen Raum hinein. Ein Toilettendeckel wurde geöffnet und daraufhin folgte das unverkennbare Plätschern. Augenblicklich malte er sich aus, wie der nackte Hintern zwischen den Fliesen hervorstach.

Die Tür zum Schlafzimmer war offen. Hier stand einer dieser Hometrainer, das Bett war nicht gemacht. Er ließ er sich in die Kissen fallen und stöhnte kurz vor Schmerz auf. Dieser verdammte Eckhart! Verärgert begutachtete er die Blutergüsse, die das Tattoo auf seiner Brust teils verdeckten.

„Ist es in Ordnung, wenn wir die benutzen?“ Ein paar Plüschhandschellen baumelten in der Hand des Mannes.

Morten nickte, begierig darauf, wieder diese Berührungen spüren. Er hatte es sich verdient, verwöhnt zu werden.

Mit über dem Kopf zusammengehaltenen Händen sah er zu, wie ihm erst die Jeans, dann die Boxershorts entfernt wurde. Und als sich die Lippen um seinen steifen Penis legten, schloss er genussvoll die Augen.

„Lass mich dich anfassen“, presst er atemlos hervor, als er es nicht mehr aushalten konnte. Shit, er wollte mehr. Er wollte diese Muskeln streicheln, er wollte gefickt werden bis zur vollkommenen Ektase. Der Alkohol hatte ohnehin längst alle Hemmungen fortgespült.

Im Nachhinein erinnerte er sich an ein langes und intensives Vorspiel und daran, wie er ein paar Stunden später im Dunkeln seine Kleidung zusammengesucht hatte. Doch als er zu Hause angekommen war und auf der Coach einschlief, galt sein letzter klarer Gedanke Phil.

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