Schwanken

2. Schwanken

Gedankenverloren strich Morten über die kalte Schicht, die sich auf der Bierflasche befand. Im dämmrigen Licht glitzerte die Flüssigkeit durch das Glas golden. Sie versprach Entspannung, einen Abend ohne Sorgen – so wie er es wollte. Doch eigentlich saß Morten so früh im Outlaw, damit er nicht mit seinem Vater über die Woche sprechen musste. Er wollte dem prüfenden, leicht sorgenvollen Blick nicht gegenübertreten, um dann darüber zu spekulieren, ob sich die High-School in den letzten Tagen etwas an den schweigsamen Grünhaarigen gewöhnt hatte. Die Fragen hörte er schon: Hast du Freunde gefunden? Wie sind die Lehrer so? Schmeckt das Essen? …

Was erwartest du von mir, Vater? Meine Antwort wird dir sowieso nicht zusagen. Morten blickte durch den Raum. Das würde dir auch nicht zusagen. Einst mag das Outlaw eine gute Kneipe gewesen sein. Angeblich hatte irgendeine berühmte Band hier ihren Anfang genommen, aber heute ließ sich der Ort in einem Wort zusammenfassen: schäbig.

Die hohen Tische waren übersäht mit Kerben und uralten Flecken, die Polster durchgesessen und die Luft abgestanden. Die Bar im Zentrum war einigermaßen gut ausgestattet, weshalb sich eine kleine Stammgesellschaft zu jeder Öffnungsstunde darum versammelte. Morten durchbohre ihre Rücken mit wissenden Blicken. Solch erbärmliche Seelen! Schlugen ihre Lebenszeit mit Alkohol, Spielautomaten und Einsamkeit tot. So wollte er nicht enden. Wenn er den Abschluss und genug Geld in der Tasche hatte, würde man ihn nie wieder über die Schwelle treten sehen.

Nach fast zweieinhalb Jahren wusste er kaum mehr, wieso er geblieben war. Viele Erinnerungen an die Nächte waren ineinander verschwommen, der Rausch war zur Gewohnheit geworden. Dabei hatte es so banal begonnen: „Bassist gesucht für Auftritte am Wochenende“.
Er hatte nicht mal besonders Spaß am Spielen, aber die Bezahlung war gut und Musikmachen, war eines seiner heimlichen Talente.

Zwei Schatten liefen an den gelben Fenstern vorbei, bevor die Tür schwungvoll aufgerissen wurde und ein dickes Ehepaar hereinkam. Die Lippen des Mannes waren fest aufeinandergepresst, während die Frau unaufhörlich auf ihn einredete und ihn zurechtwies. Morten beobachtete aus dem Augenwinkel, wie sie durch den Raum stapften und außer Hörweite am anderen Ende Platz nahmen.
Er fragte sich, was diese beiden wohl hergeführt hatte und er freute sich schon, sie gleich von der Bühne aus beobachten zu können. Ob die Alte dann aufhörte, ohne Punkt und Komma zu meckern? Wie froh ich bin, mich mit sowas nicht herumschlagen zu müssen.

Er leerte sein Bier und bestellte einen Whiskey. Die freien Getränke waren auf jeden Fall ein Vorteil der Arbeit hier. Andererseits war der Alkohol unabdingbar, denn das Outlaw kein Ort, an dem man es lange nüchtern aushalten konnte.

65 Minuten später stand er schwitzend im spärlichen Scheinwerferlicht, vertieft in die Musik.
Jemand hatte für den heutigen Abend eine Liste klassischer Rocksongs ausgewählt, die Morten hätte im Schlaf spielen können. Er schaute durch den Raum und es dauerte nicht lange bis sein Blick an einer Blondine hängenblieb, deren Brüste im Takt auf und ab hüpften. Er zwinkerte und sie warf ihm eine Kusshand zu. Wir sehen uns gleich.

Diese verdammte Bar war so stickig. Am liebsten hätte er sich das karierte Hemd vom Leib gerissen, das trotz des wenigen Lichts wie eine zweite Haut an ihm klebte. Doch Eckhart war bereits Oberkörperfrei auf die Bühne gekommen und er wollte auf keinen Fall, dass irgendeine Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Sänger entstand. Eckhart war ein Arsch. Angeberisch, arrogant, unhöflich … die Liste war lang und als Kopf der Truppe hielt er sich zusätzlich für etwas Besseres. Wahrscheinlich, weil er sonst nichts in seinem Leben erreicht hat. Angeblich war ihm die Frau vor Jahren weggerannt. Und seitdem war er naja, der absolute Prachtkerl. Man sollte nicht versuchen monogam zu leben, wenn man seinen Schwanz nicht kontrollieren kann.

Für Geld tat er hier mittlerweile ALLES. Während Morten behauptete, seine Würde zu wahren, kannte Eckhart keine Grenzen. Das Outlaw konnte für manche die Erfüllung aller Träume sein und diese waren nicht musikalischer Art. Die Leute kamen, um ihre verborgenen Wünsche auszuleben, Gleichgesinnte zu finden und die wirkliche Welt für eine Nacht zu vergessen. Nur, dass es nie bei dieser einen Nacht, bei dieser einen Ausnahme, blieb. Alle kamen sie wieder. Diese Bar war wie eine Sucht.
Und Morten und Eckhart waren ein Teil davon. Ein Teil des Soges, Zahnräder in der Maschine. Morten hatte keine Scheu vor Fremden, befriedigte gerne Wünsche und nach dem Auftritt kam ihm unbedeutender Spaß häufig gelegen. Und das Extrageld natürlich ebenso. Aber er hatte Regeln. Niemals ging er zwei Mal mit derselben Person mit, Betteln bewirkte bei ihm nichts und er ließ sich auf keine Gruppenaktivitäten oder Fetischspielchen ein. Sex und ab und zu mal ein Blowjob, darin war er verdammt gut. Mehr gab es mit ihm nicht!

Der Club war jetzt voll. Einige standen am Fuß der Bühne und beobachten die Band aus nächster Nähe, andere saßen auf ihren Barhockern lauschten oder lauschten nicht, rauchten, redeten, verloren sich in den eigenen Gedanken und Gefühlen.

In der Pause wollte er so schnell wie möglich die Blonde finden, doch eine schmierige Hand hielt ihn zurück. Morten fauchte innerlich. Er wollte die kleinen Drecksfinger des Sängers nicht an sich haben.

Seufzend wendete er sich um. Von so nah konnte er jeden Schweißtropfen auf dem sonnengegerbten Gesicht sehen. Eckhart roch nach Hochprozentigem und Sex, atmete durch den offenen Mund und wischte sich immer wieder durch den feuchten Bart. Seine dunklen Augen sahen Morten nicht an und doch fühlte er sich von ihnen herausgefordert.

„Siehst du das dicke Ehepaar?“ Eckhart deutete auf die beiden, die Morten zuvor aufgefallen waren.

Er nickte mit verschränkten Armen und wartete auf die Geschichte einer kranken Sexpraktik, die gewiss folgen würde, doch Eckhart ließ absichtlich eine Pause, damit Mortens Gedanken kreisen konnten.

„Die haben mir gerade 50 Dollar dafür gegeben, dass ich ihnen dabei zusehe, wie sie ihn mit einem Umschnalldildo fickt.“ Danke für die Info.

Als nicht die erhoffte Reaktion kam, boxte er Morten. „Mach dich mal locker, Prinz des Schweigens. Ich weiß, dass du es faustdick hinter den Ohren hast!
Soll ich mir nicht mal deinen hübschen Arsch ansehen?“ Morten ballte die Hand zur Faust. Eines Tages bekommst du das alles zurück!

Er ließ den feixenden Kerl stehen und schlängelte sich durch die Menge.

Gibt es ein besseres Gefühl, als begehrt zu werden?
Die Frage huschte durch Mortens Gedanken und verschwand eine Sekunde später im Nebel seines Bewusstseins.

Die fremden Haare kitzelten auf seiner Haut, während er den Geruch und die Wärme des Frauenkörpers aufsaugte. Ihre Hände waren überall, rissen ihm das Hemd von den Schultern, strichen über seinen Rücken. Lange Nägel krallten sich in den Nacken, ein genussvolles Seufzen. Er drückte die Blonde gegen die schmutzige Hinterhofwand. Ihr Stöhnen übertönte den Lärm, der aus der geöffneten Tür neben ihnen drang.

Es interessierte sie nicht, dass jeder sie hören konnte, Morten hatte sogar das Gefühl, es mache sie nur mehr an. Sein Körper war zwischen ihren Beinen. Er küsste das Dekolleté, ihren Hals, das Schlüsselbein, rieb sich an ihr, dichter und dichter, bis sie bettelte.

„Fick mich!“, sie war kaum mehr in der Lage zu sprechen, die Stimme zitternd und rau. Darauf hatte er gewartet. Wie ein Raubtier grinsend schob er ihr Höschen zur Seite.

Ob sie extra wegen ihm hergekommen war? Dem jungen Kerl, der so gut darin war, Wünsche zu erfüllen? Was immer ihre Geschichte sein mochte, es spielte keine Rolle. Der Altersunterschied war genauso unwichtig wie ihre Vornamen.

Er hatte das schon so oft getan und fuck, es war guut. Gerade weil es nichts bedeutete. Das hatte er gebraucht, nach dieser beschissenen ersten Woche.

Ihr Orgasmus rollte laut über sie und erschütterte die angespannten Glieder wie ein Erdbeben. Der Schrei, der tief aus ihrer Kehle kam, erstarb erst nach einigen Sekunden, in denen er mit Genugtuung auf die eyelinerverwischten Lider schaute, bevor auch er selbst den Höhepunkt erreichte.

Etwas wacklig auf den Beinen trat er ein paar Schritte zurück, zog das Kondom ab und warf es in den nahen Mülleimer. Die Blondine lächelte ihn plötzlich etwas peinlich berührt an, während sie ihr Höschen hochzog, die verklebten Strähnen aus dem Gesicht strich und anschließend die restliche Kleidung richtete.

Sie wartet darauf, dass ich etwas sage. Doch ihm war nicht nach einem Gespräch zumute. Dafür hatte sie ihn nicht bezahlt. Außerdem musste er bald auf die Bühne zurück.

Nach etwas Überlegen hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand im lärmenden Bauch des Outlaws. Morten folgte ihr mit etwas Abstand. Der Rest der Band sammelte sich unter Applaus bereits wieder im Scheinwerferlicht, aber er bog noch schnell zur Toilette ab.

Im beschmierten Spiegel über dem Waschbecken blickte ihm das erste Mal diese Woche ein entspanntes Gesicht entgegen. Er gab es ungern zu, aber er hatte diesen Ort vermisst. Hier traf er die Entscheidungen und musste niemandem darüber Rechenschaft ablegen. War der Wunsch, dass dieser Zustand dauerhaft anhielte, denn so ungewöhnlich? Wünschte sich nicht jeder Freiheit?

Die Papiertücher waren leer, weshalb Morten sich die Hände an der dunklen Jeans abwischte.

Eckhart stand am Rand der Bühne und war dabei, dem Publikum alle möglichen Komplimente zu machen. Dieser Schleimer! Irgendwoher hatte er ein T-Shirt aufgetrieben, das jedoch so schlecht saß, dass es unmöglich sein eigenes sein konnte.
Morten versuchte alles Mögliche, um sich nicht vorstellen zu müssen, was dieser Ekel in der Pause wohl getrieben hatte, doch selbst der Gedanke an die Brustwarzen der Blonden, konnte die unzähligen Sexgeschichten des Sängers nicht aus seinem Kopf wischen. Er brauchte unbedingt mehr Alkohol!

Bevor er auf die Bühne ging, schnappte er sich ein Glas Hochprozentiges von einem zufälligen Tisch und leerte den Inhalt mit einem Zug. Besser! Der Sex hatte ihn nüchterner gemacht, als er beabsichtigt hatte.

Das warme Gefühl des brennenden Schnapses in seiner Kehle half ihm das schelmische Grinsen Eckharts zu ignorieren, der ihm sicherlich gerne wieder von seinen neusten Abenteuern berichtet hätte – hätte er nicht aktuell ein angeschaltetes Mikrophon in der Hand. Und wenn ihm eine Sache wichtiger war als die Aufmerksamkeit Mortens, dann war es die des Publikums.

Es dauerte noch einige Minuten, bis Eckhart die Menge in Ruhe ließ. Der Teenager blickte dabei gedankenverloren auf dessen Rücken. Er verfluchte den stets bekifften Schlagzeuger Tom und den grauhaarigen Gitarristen Andy, der manchmal Probleme hatte das Tempo zu halten, für ihre unglaubliche Geduld. Wenn es nach ihm gehen würde, hätten sie längst ohne den Sänger angefangen. Sollte er doch sehen, wie er klarkam!

Dann endlich spielten sie.
Sie spielten lange und laut und die Zeit verflog um sie herum.

Er war betrunken. Ungewöhnlich betrunken.
Die Flasche Bier mit schwachem Griff umklammernd, fragte er sich, ob er heute noch mit jemanden nach Hause gehen sollte, doch gerade ekelten ihn die Menschen an. Er fühlte sich schmutzig und müde und trotzdem suchten seine Augen wie ausgehungert nach einer Beute, nach dem nächsten Höhenflug.

Das Leben ist nun mal dreckig und brutal, dachte er zynisch. Man wird in Schmerz geboren, trainiert das zivilisierte Leben nach Regeln, die andere gemacht haben, aber nur weil die Gesellschaft den Schmutz fortspült, ist er längst nicht weg. Er versteckt sich nur, für die meisten unsichtbar.

Immerhin habe ich es früh genug erkannt, mich aus dem Netz der Traumtänzer befreit. Er schüttelte den Kopf, versuchte die schweren Gedanken zu vertreiben, doch versank nur tiefer darin, sodass er begann zu bereuen.

Das kam nur selten vor. Er schämte sich nicht für das, was er tat. Und dennoch schnürte eine erdrückende Schwere ihm die Brust zu.

Er hätte sich nicht direkt am ersten Tag mit diesem Jungen einlassen sollen. Es würde sich gewiss herumsprechen und das … sein Vater würde es schwer haben, ihm zu verzeihen, flöge er erneut von der Schule. Nein, das konnte er ihm nicht antun. Dinge vor sich selbst zu rechtfertigen, war etwas anderes, als es vor anderen zu tun.

Ein weiteres Glas Bier stellte den gesuchten beruhigenden Nebel in Mortens Kopf wieder her. Er wischte sich mit dem Handrücken die Lippen trocken und stand auf. Den Weg zu den Toiletten nutze er, um sich im allmählich leer werdenden Raum umzuschauen. Eigentlich musste er nicht mal, der Wunsch nach einem anderen Körper trieb ihn durch die Überreste der verbliebenen Seelen.

Der Junge fiel ihm sofort auf, weil er so völlig fehl am Platz wirkte. Morten sah zuerst nur den durch dichtes Haar auffallenden Hinterkopf, doch als er langsam den Tisch umrundete offenbarten sich ihm Wangen, die noch nie eine Rasierklinge gesehen hatten. Wie war ihm dieser Bursche von der Bühne aus nicht aufgefallen? Sie mussten etwa im gleichen Alter sein.

Ab und an verirrten sich Teenager her, hormongesteuert und gierig. Sich mit ihnen einzulassen, galt als gefährlich, waren die meisten doch unerfahren und wurden zu schnell süchtig nach Berührungen oder drohten, ihre jungen Herzen zu verlieren.
Dass Morten selbst einer von ihnen war, würde niemand ahnen. Er fühlte sich auch nicht mit ihnen verbunden – im Gegenteil waren sie ihm so egal, wie die anderen Herkommenden auch.

Doch dieser Junge trug so viel Unschuld im Ausdruck seines knabenähnlichen Gesichts, dass selbst Mortens vernebelter Verstand Alarm schlug.

Er war stehen geblieben, die linke Hand an der Kante des Tisches hinter ihm abgestützt.
Es war nicht Eckhart, der den Jungen jetzt zum Lachen brachte, aber einer seine Freunde.

Morten hatte ihn schon häufig gesehen. Er war Taxifahrer und verbrachte hier seinen Feierabend. Meistens beobachtete er den Raum von einem Platz am Rand aus und trank ein Bier nach dem anderem, bis der Sänger sich dazugesellte und sie gemeinsam zum Schnaps übergingen.

Eigentlich war er eine sympathische Erscheinung: Gepflegter Dreitagebart, breites Kinn und gerade Nase, doch beim genauen Hinsehen stahl sich Hochnäsigkeit in seinen Ausdruck und die blauen Augen blitzten kalt.

Betont lässig legte Morten ihm eine Hand auf die Schulter. Der Mann zuckte unter der plötzlichen Berührung zusammen und wand sich grimmig um.

„Eckhart sucht dich.“

Die Lüge ging ihm glatt und einfach über die Lippen.

Der Taxifahrer schaute kurz skeptisch durch den Raum und fixierte dann den Dazugekommenen. Morten hielt dem Blick stand, verlagerte sein Gewicht dann auf die anderen Körperhälfte, sodass seine Finger sich fester in die Schulter pressten.
Er konnte gut verbergen, dass sein Gleichgewicht nicht mehr das Beste war.

Fest wischte der Mann seinen Arm fort, stand auf und wollte sich zu voller Größe aufrichten. Allerdings kam er selbst dann nicht an Morten heran, der sich darüber innerlich köstlich amüsierte.

Ein Laut, der wie „Pah!“ klang, entfuhr den falsch lächelnden Lippen. Dann wand der Taxifahrer sich ab. Morten hatte gewonnen.

Ohne zu fragen, nahm er auf dem frei gewordenen Hocker Platz und konnte jetzt ein Grinsen nicht mehr unterdrücken.

Der Junge, der alles schweigend mitangesehen hatte, schien verunsichert und sah ihn dennoch neugierig an.

Das Bier, welches vor ihm stand, hatte er nicht angerührt, denn aller Schaum war von dem herben Gold verschwunden. Normalerweise hätte Morten darüber wütend den Kopf geschüttelt, aber es verwunderte ihn beim erneuten Blick in das Gesicht seines Gegenübers nicht.

„Ich bin Phil. Schön dich kennenzulernen.“ Eine Hand wurde ihm entgegengestreckt und zu seiner Überraschung offenbarte sich eine schmale Lücken zwischen den Schneidezähnen des Jungen. Sein Lächeln war warm.

Phils Handschlag war fest und er errötete nicht unter der Berührung. Morten schwieg. Er hatte nicht vorgehabt eine Freundschaft zu schließen.

„Du solltest gehen.“ Er versuchte einschüchternd und bestimmt zu klingen.

„Oh, du bist Engländer.“ Nicht mehr. Schon seit drei Jahren lebten er und sein Vater nicht mehr auf der Insel, doch sobald er den Mund öffnete, wurde er als „der Engländer“ gebrandmarkt. Er hasste das. Aber dies war nicht der Grund, wieso er so ungern sprach.

„Wirklich, du solltest jetzt gehen“, wiederholte er. Dieser Bursche war viel zu naiv, zu jung, um zu wissen, worauf er sich hier im Outlaw eingelassen hatte. Er würde sich offensichtlich nicht wehren können, wenn er an das falsche Exemplar der menschlichen Spezies geraten würde.

„Aber du hast mir noch gar nicht gesagt, wie du heißt.“ Flirtet er tatsächlich mit mir? Morten verdrehte sichtbar die Augen. Er bereute bereits seinen Rettungsversuch. Vielleicht sollte er einfach nach Hause gehen und Naivling seinem Schicksal überlassen.

Er atmete tief ein, um den anderen nicht bei der Schulter zu packen und eigenhändig aus der Tür zu befördern.

„Wehe, du sagst mir wieder, dass ich verschwinden soll. Ich fange gerade erst an Spaß zu haben“, sagte Phil und nippte tatsächlich lässig an seinem Bier, bevor sich Morten Worte zurechtlegen konnte.

„Aber …“

„Ich gehe nur, wenn du mitkommst!“ Jesus! Hatte dieser Junge Selbstbewusstsein getrunken? Das war ja unerträglich.

Andererseits war es auch sexy. Phil hatte keine Scheu davor, ihm direkt in die Augen zu blicken und wenn er lächelte, was er pausenlos tat, bildeten sich Grübchen auf seinen Wangen. Seine Augen waren hell, vielleicht grau, was in diesem Licht allerdings schwer zu bestimmen war und das dichte Haar sympathisch lockig. Zusammengefasst stellte der Junge eine willkommene Abwechslung zu den sonst so unsicheren Gleichaltrigen dar – oder den verzweifelten Hausfrauen.

Wenn es wirklich das ist, was er will…

Morten hatte nicht den Willen jemanden zu widerstehen, der sich ihm so offensichtlich an den Hals warf. Ob er mit dem Taxifahrer auch so exzessiv geflirtet hatte? Äußerlich konnten sie beide wohl kaum unterschiedlicher sein.

„Gut.“

Er wies ihn an, kurz zu warten und hievte sich vom Hocker herunter. Jetzt musste er wirklich pissen.

Auf dem Weg zurück, bemerkte er einen Schatten bei der Hintertür, doch er begriff zu spät, dass es sich dabei nicht um ein ineinander verschlungenes Paar handelte, sondern um Eckhart.

Ich habe jetzt keine Zeit für dich. Morten würdigte ihn keines Blickes und wäre beinah an ihm vorbeigehuscht, hätte der Taxifahrer sich ihm nicht in den Weg gestellt.

Seine Nackenhaare stellten sich in böser Vorahnung auf, doch es war bereits zu spät. Binnen weniger Sekunden hatten die Männer ihn gepackt und in den Hof gezogen.

Eckhart hielt ihn von hinten fest – der Teenager musste dessen Gestank nun ungefiltert aufnehmen – während der Zweite mit wutentbranntem Gesicht auf ihn losging. Wäre er nüchtern gewesen hätte Morten sich vielleicht wehren können, doch nicht heute. Kurz kämpfte er gegen den festen Griff an, doch er musste schnell feststellen, dass Widerstand keinen Sinn machte.

Die Schläge trafen ihn auf Wangen, Nase und die Brust. Ein Tritt in den Bauch hätte ihn zu Boden gehen lassen, wenn Eckhart ihn nicht daran hätte. Er würgte und spukte. Die Blöße zu schreien, gab er sich aber nicht. Dies war nicht seine erste Begegnung mit Gewalt.

Er spürte, wie das Blut ihm aus der Nase lief und das Gesicht zuschwoll. Die Umgebungsgeräusche nahm er nur noch dumpf wahr. Der Schmerz lähmte ihn.
Der Mann hatte von ihm abgelassen und pinkelte jetzt gegen den Zaun. Morten konnte verschwommen sehen, wie der Strahl aus dessen schrumpeligen Penis drang. Noch einmal versuchte er sich aus Eckharts Griff zu befreien, nicht um zurückzuschlagen, sondern um endlich frei zusammenbrechen zu können.

Doch Eckhart machte sich die Situation noch einen Moment für seine eigenen Fantasien zu Nutze, indem er den Schritt gegen sein Opfer presste. Dabei versuchte er, an Mortens Ohrringen zu lutschen, ließ den zappelten jungen Mann dann doch plötzlich los, sodass dieser hart auf den Knien landete.

Ich werde dich umbringen!

Morten wusste, dass er für heute verloren hatte und ließ die witzelnden Älteren ziehen. Als sie durch die Tür verschwunden waren, gab er nach und erbrach mehrfach eine Mischung aus Magensäure, Alkohol und Blut.

Dann kroch er zu der Wand, an welcher er vor wenigen Stunden noch auf dem Höhepunkt seines Abends gewesen war und schloss kraftlos die Augen.

Hinterlasse einen Kommentar