Der Geschmack von Bitterkeit

Die alte Schinkelleuchte kämpfte wie jeden Abend verzweifelt gegen die Schatten, welche sich in der Gasse über die Füße der Wartenden ausbreiteten. Kein Licht brannte hinter den schäbigen Fassaden, doch wenn die Zeit zu zäh erschien, sich der Zeiger auf der polierten Armbanduhr kaum bewegte, die Beine schwer wurden, glaubte der ein oder andere, eine flüchtige Bewegung an einem Fenster zu erkennen. Der Wartende senkte daraufhin eilig den Blick oder zog den Hut tiefer und ging mit plötzlich aufgewecktem Herzen wenige Schritte fort, nur um dann wieder umzudrehen, das schlechte Gewissen und alle Zweifel zugleich fortzuwischen. Schwer hing der Geruch nach Hochprozentigem und Urin in der Luft und egal wie viele Zigaretten geraucht und auf den feuchten Boden geworfen wurden, verschwand die Tabakwolke später, wenn bloß die kühnsten Seelen noch auf eine Fortführung der Nacht hofften, die Sonne schon über den Rand kroch und die Ausdünstungen fest werden ließ. Selbst das schwache Licht offenbarte dann das wahre Ausmaß des Schmutzes, aber versuchte vergeblich die dunklen Stellen zu erhellen, die Gasse für immer gebrandmarkt.
  Es war keine Schlange im herkömmlichen Sinne, welche die unterschiedlichen Männer bildeten. Aus allen Schichten kamen sie, gaben vor, sich nicht zu kennen, verurteilten die anderen für das Hiersein, versuchten sich zu erheben, indem sie nach Fehlern suchten, ohne wirklich hinzuschauen, denn in die Augen sehen, sich anblicken, das tat man hier nicht. Stattdessen schliffen ihre Sohlen jeden Tag das Pflaster ab; gute Schuhe, haltgebend, ein Balanceakt über dem Unrat, wollten nichts aufnehmen und strebten zugleich ganz hinein. Sie hielten Abstand oder sammelten sich in Grüppchen, wenn sie sich selbst noch fürchteten; glaubten an eine einmalige Sache und werden dennoch sehr bald allein wiederkehren. Ein zufällig vorbeilaufender Passant würde sich vielleicht über die vielen Gestalten zu später Stunde wundern, aber den wahren Zweck ihres wartenden Hierseins nicht erahnen können.
  Die Ungeduldigsten standen gedrängt vor dem Eingang, wollten einen Blick erhaschen und einmal im Leben Erster sein, ein Eroberer vor allen anderen, der Held der Gasse. Doch in Wahrheit waren sie die Verlierer, diejenigen, welche die Regeln nicht kannten oder sie in einem spontanen Anflug des Übermuts über Bord warfen. Schwitzend quetschten sie sich auf die sieben Stufen, zwischen rostigem Geländer und schmutziger Wand, die Augen ausschließlich auf die Tür gerichtet, welche so viel versprach und doch nur ein zierloses Objekt war, ein Mittel zum Zweck, um den Ort dahinter zu verbergen, die Ungeduldigen draußen zu halten, sie vielleicht sogar nie einzulassen. Es kam vor, dass sie ewig warteten und kein Lichtschein durch den schmalen Schlitz auf die Schuhspitzen der Ungeduldigen fiel, kein Klimpern an ihre gespitzten Ohren drang, auf dass, auch wenn es niemand zugegeben hätte, die ganze Gasse lauschte. Dann war es meist der vorderste, der sich zuerst mit Blick auf die Uhr umdrehte, als sei er aus einem langen Schlaf erwacht und habe etwas Wichtiges vergessen, um sich entgegen der Konkurrenten einen Weg zu bahnen, die Schulter voran, den Kopf gesenkt, zum Schutz vor Hohn und aus Beschämung. Der Schmutz war bald hinter sich gelassen, aber das schlechte Gewissen blieb, sodass man sich beim Heimkehren ausschwieg, die Enttäuschung mitnahm ins Ehebett, wo die Nacht grübelnd verbracht wurde, um der Frau am nächsten Morgen eine passende Lüge erzählen zu können. Aber das schlimmste war die Ungewissheit, ob die Tür irgendwann doch aufgegangen wäre, ob längeres Warten sich ausgezahlt und diese fremde Welt sich zumindest für ein paar Stunden seiner angenommen hätte.
  Und selbst wenn das Erstrebenswerte eintrat, die Tür sich endlich bewegte, gab es kein Drängen, und häufig verließ einen Wartenden in letzter Sekunde der Mut, sodass er kraftlos die Schwelle fixierte und wie ein Fels gegen den Strom stehenblieb.
  Eine wackelige Glühbirne tanzte im düsteren Vorraum, wie ein nackter Beobachter, sendete milchig schmutzigen Schein, scheu und zugleich jede Pore bloßstellend. Die Schritte gerade, die Köpfe weiterhin gesenkt, liefen sie hintereinander her, krampfhaft darauf bedacht, dem Breitschultrigen nicht aufzufallen, welcher skeptisch die Brauen zusammenkniff, grunzend und bereit jederzeit zuzupacken. Durchdringend waren seine Augen, mit den Jahren der Erfahrung geschärft. Er brauchte die Taschen nicht zu durchsuchen, konnte von außen den Inhalt bestimmen, wussten genau, wer mit welchem Ziel gekommen war und welche verzweifelte Seele das alleinige Vorhaben verfolgte, sie zu sehen. Es war das Gesetz dieses Ortes, dass jeder einmal versuchen musste, an sie heranzukommen. Sie war die Attraktion, der Grund, wieso sie alle heimlich die Reise antraten, sich die Beine in den Bauch standen, um ihr letztes Geld sinnlos zu verschwenden, für Alkohol und Vergnügen, für vergängliche Liebe, das sanfte Geflüster süßer Lippen, den Augen mal etwas Schönes bieten, ein Stück Poesie des Körpers, biegsame lange Beine auf hohen Schuhen, Musik wie aus einer anderen Welt, den Alltag vergessen, solange wie es das Gewissen zulässt, und hoffentlich einen Blick auf sie werfen.
  Die Teppiche mögen einst in einem kräftigen Rot gestrahlt haben, doch längst waren sie verblasst und zertreten, farblose Schatten einer besseren Zeit, stumme Zeugen, die so vieles gesehen hatten. Und wieder wurden sie beschmutzt und getreten, die Füße nun fast hektisch und doch langsamer werdend wegen des Anblicks, der sich vor den Eintretenden entfaltete, ihnen den Atem raubte und sie stumm stauen ließ. Jetzt gab es kein Zurück mehr, das war das Ziel ihrer aller Träume und sie schwärmten auseinander, verteilten sich im Raum aus Holz, Samt und benebelnden Schwaden, die nach Fremde dufteten, die Sinne anregten und das Gedächtnis an eine Außenwelt, so anders, so normal, banal, fortwischte. Goldene Flüssigkeit in kristallenen Gläsern wurde von gierigen Mündern verschluckt, schwappte auf den Teppich und die Samtkissen, denn die Männer wurden zunehmend unachtsam, wussten nicht mehr, was ihre Hände taten, während die Augen sich an der Schönheit labten. Jetzt waren sie keine Gruppe mehr, jeder für sich und gegen die anderen, wurden mutiger, forscher, Könige der Nacht. Von irgendwoher Musik, fast unbeachtet eine sanfte Melodie, wie ein Schlaflied und zugleich betörend im Angesicht der nackten Haut.
  Sie schien zu schweben, mit jedem Schritt, den sie durch den Raum machte, zog sie die Blicke auf sich, Haar und Kleid in einem vereinenden Glanz. Niemand war so schön wie sie, die dunklen mandelförmigen Augen, faszinierend verträumt und sinnlich, gerahmt von Schwarz, auf ewig im Gedächtnis verbleibend. Es waren die jungen, die zuerst auf sie zugingen, setzten ein selbstbewusstes Lächeln auf, viel vor dem Spiegel geübt und doch nicht echt, denn Furcht beherrschte ihr Inneres, ein unsichtbares Zittern und Zögern, gegen das angekämpft werden musste, bei jedem Schritt und Atemzug. Ein sich Abmühen, immer gegen den Widerstand, das Leben ein Krieg mit dem Selbst. Sie machten sich Hoffnungen, weil sie es nicht besser wussten und prahlten, sobald sie ein Gespräch oder eine flüchtige Berührung genießen konnten, aber niemand kam an sie heran. Die Naiven wurden schnell zu forsch und spürten dann meist eine grobe Hand an der Schulter, die sich schnell und unbemerkt genähert hatte, sie packte und hinauswarf, ohne großes Aufsehen zu erregen, aber dennoch sah es jeder und freute sich, dass es nicht ihn getroffen hatte, denn ihm würde das nie passieren, er wusste schließlich, wie man sich benahm, wie man eine Göttin zu behandeln hatte.
  Spät in der Nacht, wenn die Letzten noch zwischen den weichen Kissen saßen, erst dann wählte sie sich eine einsame Seele. Es gab einige, die sie aus diesem Rausch retten wollten, sie heiraten, um ihr ein besseres Leben zu schenken, Versprechungen aus alkoholschweren Zungen. Sie lehnte jeden ab, egal wie bittend oder ehrlich die Angebote gemeint zu sein schienen, die Schöne wusste, das niemand wirklich bereit war, ihr zu helfen, dass kein Mensch auf dieser gottverlassenen Welt sie erlösen konnte.
  Schwere Wimpern klimperten, heißer Atem an der Spitze des Ohres, überschlagene Beine und dabei immer dieses Sehnen, jede Faser des Körpers angespannt strebend nach dem Ende, nach den ersten Strahlen der Sonne, nach dem Träumen und der Welt der Gedanken, einem Ort, der nur ihr allein gehörte. Sie kannten den bitteren Preis der Göttin, einen einzigen ihrer Blicke für Opium, sodass alle Seelen zufrieden nach Hause gehen konnten, die roten Teppiche und Kissen hinter sich lassend, die sieben Stufen ohne Mühe überwinden, nicht auf den Unrat der Gasse schauen, sondern den Blick auf den Horizont gerichtet. Die Schinkelleuchte nun vollends dunkel, für heute hat sie den Kampf gewonnen, kann schlafen gehen und dem Tag die Bühne überlassen.

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