1. Wiederholung
Kapitel
Morten ächzte und klappte den Laptop zu, ohne den Porno zu schließen. Er konnte diesen Tag jetzt schon nicht leiden dabei hatte er gerade erst angefangen.
Gähnend streckte er sich, streifte die Decke ab und zog die dunklen Vorhänge zur Seite, durch deren Lücken Sonnenstrahlen hineindrangen. Verflucht war das hell! Einen blinden Moment stolperte er zurück, dann hatten sich seine Augen an das Licht gewöhnt. Jetzt könnte er dieses Unterfangen noch abbrechen, die aufdringliche Helligkeit wieder aussperren und sich in die Kissen fallenlassen.
Das Bett schien nach ihm zu rufen, während er ins Bad schlich. Sein Vater schlief im nächsten Raum und er hatte nicht die geringste Intention, ihn zu wecken. Diese neue Schule würde er auch so finden. Er brauchte keine Belehrung und konnte – eigentlich grundsätzlich – auf Elternweisheiten verzichten. Die Fliesen waren unangenehm kühl, sodass er auf den flauschigen Vorleger flüchtete. Er tat das nur für seinen Vater, damit er etwas hatte auf das er stolz sein konnte, damit er sich nicht länger schämen musste, wenn es um Mortens Ausbildung ging. Als ob ein Schulabbruch eine solche Schande gewesen wäre, dachte Morten schulterzuckend.
Er musste sich eingestehen, dass er aufgeregt war. Für mindestens heute würde ihn jeder neugierig anstarren, den Neuen, den mit dem ungewöhnlichen Kleidungsstil, schon auf den ersten Blick ein Außenseiter. Hoffentlich würde niemand versuchen, mit ihm zu reden. Wäre er doch nur ausgeruht!
Träge öffnete er die Türen des Spiegelschranks, wo eine Metallschere seine Aufmerksamkeit erregte. Ohne zu zögern, kürzte er die gestern grün gefärbten Strähnen willkürlich, bis das Waschbecken aussah als hätte man einen Rasenmäher darüber geleert. Er nickte zufrieden. Ohja, sie würden Augen machen, wenn sie ihn erblickten, und hoffentlich würden sich manche auch heimlich fürchten. Bei diesem Gedanken bleckte er die Zähne und entblößte einen leicht vorstehenden Eckzahn. Ja, sie sollten sich auf etwas gefasst machen!
Mit frisch lackierten Nägeln, dunkel umrahmten Augenlidern und dem schmutzigen Rucksack über den Schultern, in dem nichts außer ein Kugelschreiber, ein Blankoblog und eine Flasche Wasser lagen, lief er der neuen Welt entgegen. Mit seiner Lieblingsplaylist auf den Ohren ging er durch die bekannten Straßen, die durch die frühe Uhrzeit dennoch fremd wirkten. Niemals ging er um diese Uhrzeit hier her. Ihm fielen Details auf, welche er zuvor nie bemerkt hatte: Die reiche Familie am Ende der Straße schien tatsächlich ganze fünf Autos zu besitzen, an der Backsteinmauer der ehemaligen Tuchfabrik wuchsen duftende Blüten und unangenehm viele Leute hatten keine Scham davor, im Morgenmantel durch den Garten zu laufen.
Je näher er dem Schulgebäude kam, desto voller waren die Straßen mit Kindern. Vor ihm lief eine Gruppe Freshman, die besonders langsam war. Er schob die Mädchen einfach auseinander und ging hindurch, ohne ein Wort der Entschuldigung zu sprechen. Aus dem Augenwinkel erhaschte er die respektvoll aufgerissen Augen einer kleinen Brünette. Oh ja, ich werde dich fressen, wenn du nicht aufpasst!
Grinsend bog er um die Ecke und blieb einen Moment vor dem Gelände stehen. Das Gebäude vor ihm war rechteckig und hoch gebaut, doch auch die neusten Renovierungsversuche konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schule alt war. Wie ein Flickenteppich reihten sich die Anbauten aneinander, unterschiedliche Fassaden und Fenster störten die Erwartung einer ruhigen Lernatmosphäre.
Links war ein freistehender Glockenturm, der von einer plattgetretenen Grünfläche umgeben war. Es gab Plätze für Fahrräder und ein paar heruntergekommene Bänke. Außerdem begrüßte eine absurd große Anschlagtafel Kinder und Personal aus den Ferien zurück.
Es schien wie an seiner alten Schule zu sein: Jeder hatte einen festen sozialen Platz. Natürlich waren die Zeiten der Klischees aus den Filmen vorbei. Es gab auch Sportler, mit Rockband-Shirts und Nerds, mit Freundinnen, aber es gab niemanden, der nur annähernd so war wie er.
In der Eingangshalle wurde er direkt angesprochen. Eine Lehrerin mit kurzen Beinen und Pferdeschwanz hielt ihn zurück.
„Und wie kann ich Ihnen helfen?“ Ja richtig, er sah locker aus wie 20. Wieso machte er das Ganze noch mal? Mit leerem Blick starrte er sie an, die Lippen fest aufeinandergepresst. Vielleicht kam er damit durch, einfach weiterzugehen. Es könnte doch sein, dass er durch die Musik gar nichts mitbekommen hatte.
„Entschuldigen Sie, hallo?“ Wie er es hasste, wenn man ihm zum Sprechen zwang. In Zeitlupe nahm er die Kopfhörer ab und tat so, als höre er sie erst jetzt.
„Kann ich Ihnen helfen?“, wiederholte sie.
„Danke, ich finde mich zurecht.“ Er war dabei, sich wegzudrehen, wieder mit dem Strom der Schüler und Schülerinnen zu schwimmen, als sie ihn erneut am Arm festhielt. Pferdeschwanz penetrant und nervig, notierte er im Kopf.
„Ich bin neu hier“, erläuterte er mit einem sichtbaren Augenrollen. Sie musterte ihn skeptisch, schien dann jedoch zu entscheiden, dass er wohl tatsächlich die Wahrheit sagen musste und wies ihn den Gang hinunter.
Als ob sich jemand freiwillig an so einen Ort verirren würde! Morten konnte sich wenig Lächerlicheres vorstellen, als einen Herumtreiber, der aus reiner Langeweile eine Schule besuchen würde.
Kopfschüttelnd suchte er den angegebenen Raum. Es half, dass er über die meisten Leute hinwegsehen konnte und so stand er wenige Minuten später mit seinem Stundenplan und einer Wegbeschreibung wieder auf dem Flur. Überraschenderweise fand er sich recht schnell in den zahlreichen Gängen zurecht, sodass er sogar pünktlich zur ersten Stunde den Klassenraum erreichte. Morten lauschte belustigt den Ausführungen eines Mädchens mit dunklen Locken und leichtem latein-amerikanischem Akzent.
Offensichtlich war sie eine dieser perfekten Schülerinnen, mit guten Noten und trotzdem genug Zeit, ihre Nase in allerlei Zusatzaktivitäten zu stecken. Zumindest erzählte sie gerade ohne Punkt und Komma davon. Doch wirklich faszinierend daran war, wie die Umstehenden an ihren rosa Lipgloss-Lippen hingen. Er hegte keine persönliche Abneigung gegen Leute, die ihr Leben in Griff hatten. Sie waren ihm so egal, wie jeder andere auch, doch möglicherweise konnte er von der Ablenkung profitieren.
Zumindest wenn er endlich diese Schwelle übertreten würde. Morten merkte, dass der Gang sich langsam leerte, aber es kostete ihn einige Überwindung, die finalen Schritte zu machen. Mensch, er wollte einfach nicht hier sein! Wozu den Abschluss machen? Wieso war das so wichtig? Seinem Vater hatte das Studium auch nichts genutzt! Stattdessen könnte er jetzt frei sein, eine eigene kleine Wohnung haben, an einem besseren Ort. Er kannte Wege, um Geld zu verdienen. Nur noch ein Jahr.
Nur noch einmal mit naiven Gleichaltrigen rumschlagen …
Er atmete tief ein und ging hinein. Die fragenden Augen konnte er auf sich spüren, aber zum Glück sprach ihn niemand an. So gelang es ihm, die Umgebung wunderbar auszublenden und sich einen Platz in der hintersten Ecke zu suchen. Sein Tisch wackelte und war übersäht mit Schmierereien und den Versuchen diese Wegzuwischen. Er musste über eine Karikatur schmunzeln, die wahrscheinlich den Mathelehrer darstellte. Irgendjemand begrüßte ihn von der Seite, was er gekonnt ignorieren konnte, da er in der Tasche nach seinem Stift kramte. Als er denn Kopf wieder hob, kam ein Mann mit Halbglatze herein.
„Der Unterricht hat seit einer Minute angefangen, entschuldigen Sie die Verspätung.“ Seine Stimme klang nicht halb so streng, wie er beabsichtigte. Außerdem entblößte er beim Sprechen ungepflegte Zähne. Dennoch flogen die Schüler auseinander zu ihren Plätzen.
Die Stunde war gähnend langweilig, aber immerhin wurde Morten nicht gezwungen, im Mittelpunkt zu stehen. Statt die Formeln mitzuschreiben – denn er konnte alles davon bereits – kritzelte er unterschiedliche Fantasiewesen auf das Papier.
Erst beim Rausgehen sah der Lehrer ihn so komisch an, als schien er ihn das erste Mal zu bemerken. Doch Morten entkam ehe er in ein Gespräch verwickelt wurde.
In Chemie hatte er weniger Glück. Der Raum war schwerer zu finden, sodass die Lehrerin Mrs. Beck ihn am Eingang abfing. Sie hatte dünnes blondes Haar und eine unmögliche Brille.
„Sie müssen wohl Mr. Silver sein,“ stellte sie unbeeindruckt fest. Er fühlte, wie sie ihn musterte. Ihr Blick lief über die pinken Shorts, zu seinem Bandshirt, blieb an den zahlreichen Aufnähern der Jeansjacke hängen und Morten hätte schwören können, dass sie die Nase rümpfte über das, was sie dort las. Spießer, stellte er in Gedanken fest.
Er nickte. Darf ich mich jetzt setzen?
„Ich bin Mrs. Beck.“ Schön, dass sie es noch mal sagen, ich hätte ihr Namensschild fast übersehen. Ich kann lesen, wissen Sie? Anstatt ihm in die Augen zu schauen, sah sie die ganze Zeit auf seine Ohrringe.
„Möchten Sie sich der Klasse vielleicht vorstellen?“ Erst jetzt bemerkte Morten, dass alle bereits brav an den Tischen saßen und neugierig beobachteten, was da vorne vor sich ging.
Aber natürlich! Ich sage gerne ein paar Worte. Wo soll ich anfangen? Also meine letzte Schule hat mich rausgeworfen, nachdem sie herausgefunden haben, dass ich sexuelle Dienste gegen Geld auf den Klos anbiete. Ich mache dieses scheiß Schuljahr also jetzt zum zweiten Mal. Außerdem will ich niemandes Freund werden, denn ihr alle geht mir am Arsch vorbei. Ich habe nur meinen Vater, nachdem sich meine Mutter umgebracht hat, als ich ein Baby war. Nur für ihn bin ich hier und sonst niemanden. Noch irgendwelche Fragen?
Kurz war es versucht, es wirklich zu tun, doch dann wendete er sich schweigend ab und ging auf einen hinteren Tisch zu.
„Mr. Silver, setzten Sie sich bitte hier vorne hin?“
Wenn Sie darauf bestehen. Laut ließ er sich an dem leeren Zweiertisch in der ersten Reihe fallen. Immerhin gab es hier keine nervigen Sitznachbarn, aber unter den strengen Augen war er gezwungen mitzuschreiben.
Irgendwie erreichte ihn mitten in der Stunde ein Zettel. Verwirrt wollte er das Papierchen weitergeben, doch es war eindeutig an den Grünhaarigen in der ersten Reihe adressiert. Sobald Mrs. Beck eine Formel anzeichnete drehte Morten sich unauffällig um und fand zwei Reihen hinter sich den Blickkontakt eines Mitschülers, der ihm wage bekannt vorkam. Möglicherweise hatten sie sich bereits im Club gesehen, vielleicht sogar eine Nacht zusammen verbracht. Morten konnte sich jedenfalls nicht genau erinnern. Besonders konnte es also nicht gewesen sein.
Treff mich in der Umkleide während des Trainings. Er nickte dem anderen zur Bestätigung zu und versuchte, sich den Rest der Stunde zu konzentrieren.
Die Flure der Sporthalle waren schlecht beleuchtet. Er ging an den leeren Kabinen der Mädchen vorbei, beobachtete kurz die Volleyballmannschaft, warf einen Blick in die Duschen und setzte sich anschließend gegenüber der offenen Tür auf eine Bank in der Männerumkleide.
Eigentlich hatte er sich selbst für irgendeine unwichtige Zusatzaktivität angemeldet, aber er konnte das Geld gut gebrauchen. Und die Ablenkung kam ihm auch ganz gelegen. Nach einer Viertelstunde hörte Morten eilige Schritte in seine Richtung kommen. Der Junge, der eintrat, hatte vom Rennen gerötete Wangen und einige vom Schweiß feuchte Strähnen klebten ihm an der Stirn.
„Danke fürs Kommen“, sagte er verlegen. Er war dünn und groß, aber hatte muskulöse Beine. Ein typischer Läufer. „Als ich dich heute wiedergesehen habe, da hat es mich richtig getroffen. Auch wenn du keine schwarzen Haare mehr hast, habe ich dich sofort erkannt. Was du letztes Mal mit mir gemacht hast … ich muss ständig daran denken.“ Er ging zu einem Spint um die Ecke. „Sind 20 Dollar ok?“ Die Hand, die ihm das Geld entgegenstreckte, zitterte ein wenig.
„Weißt du, eigentlich arbeite ich heute nicht.“ Er hatte beschlossenen, den anderen etwas zappeln zu lassen. Zudem war er niemand, der sich einfach herbestellen ließ. Er allein entscheid, mit wem er mitging – und zu welchen Bedingungen.
Verunsichert stammelte der Läufer etwas. Morten hatte die Augenbraun hochgezogen und beobachtete jede Regung des Gegenübers genau. Er hatte dem Jungen solch einen Mut gar nicht zugetraut. Er musste es wirklich nötig haben. Oder vielleicht war er zu schüchtern, sich zu outen? Nicht, dass es ihn interessiert hätte. Dies war bloß eine willkommene Gelegenheit.
Er stand auf und nahm das Geld. Weiter hinten im Raum war eine abschließbare Kabine, in welche er den anderen zog. Ein Lächeln stahl sich auf Mortens Gesicht, als dem Läufer ein überraschtes Stöhnen entfuhr. Schnell hatte er den schmalen Hals mit saugenden Küssen überzogen und die Hose weit genug heruntergeschoben, dass seine rechte Hand den pulsierenden Inhalt umfassen konnte. Er wusste genau, wie fest es der andere wollte, hörte aber auf, bevor dieser kommen konnte, nur um es mit dem Mund zu vollenden.
Der Junge war jetzt vollkommen weggetreten. Das Stöhnen, was aus seiner Kehle kam, war ein tiefes Brummen und Morten begann sich an den Abend mit ihm zu erinnern. Er schielte hoch in die halbgeschlossenen dunklen Augen, nahm ihn tiefer in sich auf und wurde schneller. Es dauerte nicht lange bis sein ganzer Körper in einem intensiven Orgasmus erzitterte.
Morten schluckte und wischte sich mit dem Ärmel sauber. Dann drückte er dem völlig Erschöpften einen Kuss auf den Mund. „Das war das letzte Mal, damit das klar ist“, sagte er eiskalt und verließ die Umkleide

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