Helen und Emilia

Part 1

Manchmal denke ich gerne an die Zeit zurück, als meine Freundin noch ein normaler Mensch war. Ein Teil von mir vermisst ihr unbeschwertes Lächeln, die zurückhaltende Art oder diese dicke Lesebrille, doch ich bin nicht sicher, wie groß dieser Teil wirklich ist.
Auf den Tag genau zwei Jahre ist es her, dass sich unsere Leben langsam veränderten, und ich nehme das zum Anlass, der Welt durch dieses Schriftstück mitzuteilen, was ich zuvor nie vermochte. Möge der Leser sich am Ende ein eigenes Urteil über mich bilden. Ich kann nur zugeben, jede Entscheidung aus Liebe getroffen zu haben.
Ich erinnere mich an den Abend, an dem die Welt sich zu verschieben begann, als wäre es gestern gewesen. Emilia hatte auf mich gewartet. Erschöpft war ich von der Arbeit gekommen, sehnte mich nach Schlaf und ihren Armen. Nachdem ich über die Schwelle getreten war, fand ich mich einer Wand aus Worten ausgeliefert. Sie überfiel mich und ich muss zugeben, zuerst nicht die Kraft des Zuhörens aufgebracht zu haben. Ohne Begrüßung prasselte schier unaufhörlich ihr Bericht auf mich herein. Die Müdigkeit hatte mich eingenommen, machte mich desinteressiert und der Mantel lag schwer auf meinen Schultern. Dann erst begriff ich, was sie sagte. Es war, als würde sich ein Schleier von meinem Blick lösen, und plötzlich erkannte ich die zarte Figur ganz deutlich: Begeisterung strahlte aus jeder ihrer Poren, im Hintergrund bollerte der Ofen und zauberte ihr einen rötlichen Schimmer auf die Wangen. Für einen Augenblick durchfuhr ein Ziehen meine Brust und ich fand mich von Emotionen überschwemmt. Die Fakultät hatte entschieden, Emilia zu berücksichtigen, man würde sie mitnehmen auf die Expedition in die Fremde.
Ich möchte nicht sagen, dass es Sorge war, die mir das Herz schwermachte. In dem Moment, in dem sie mir davon erzählte, mag es vielmehr eine seltsame Vorahnung gewesen sein. Ich hörte ihr stumm zu, während sie stundenlang von unentdeckten Pflanzen und fremdem Klima berichtete. Die Universität würde den europäischen Forschern nicht das Feld überlassen. Gerade die dünn besiedelte Mongolei verspreche abseits der Steppen eine Reichhaltigkeit, nach der sie nur greifen müssten. Bergwälder, Gräser, die selbst in Extrembedingungen noch wuchsen, Wüstensträucher … Ich war kaum in der Lage, alle Informationen aufzunehmen. Am Ende blickte sie mich an und ich hatte das Gefühl, dass sie mich das erste Mal an diesem Abend wirklich sah. Das Lächeln auf ihrem Gesicht zuckte und sie fummelte mit zitternden Fingern die Nadel aus dem Haar, das sich daraufhin in Wellen über ihre Schultern ergoss. Es machte mir nichts aus, dass sie mich nicht nach meiner Meinung fragte, dass sie nicht wissen wollte, ob ich die Reise für eine gute Idee hielt. Emilia hatte die Entscheidung für sich getroffen. Ich hatte immer schon damit gerechnet, dass sie mich eines Tages verlassen würde. Seit sie die Assistentin Professor Walters war, arbeitete sie darauf hin, anerkannt zu werden. Sie glaubte an sich, daran, dass auch Frauen ein Recht darauf haben, aktiv an der Wissenschaft teilzunehmen.
Emilia kam auf mich zu, wollte mich umarmen, weil sie erkannt hatte, was in mir vorging, doch ich war zu dieser Zeit sehr temperamentvoll, drückte sie von mir, ignorierte die beruhigenden Worte und warf ihr all das an den Kopf, was in mir geschlummert hatte, nur darauf wartend hässlich hervorzubrechen. Sie wusste doch nichts über die dieses Land und die möglichen Gefahren dort! Und sicherlich war sie nicht wegen ihres Talents ausgewählt worden, sondern weil ihr Vater Dekan war! Es war sein schlechtes Gewissen, das ihrer Karriere half! Er legte ab und zu ein gutes Wort für sie ein, um ihr sonst nicht unter die Augen treten zu müssen! Ich warf ihr Naivität vor, Blindheit und mehr. Es wurde so laut, dass ich am nächsten Tag der Witwe Angelika Geld unter der Tür durchschob, damit sie uns weiterhin in der Dachwohnung tolerierte.
Heute ist mir klar, dass es die Angst Emilia zu verlieren war, die mich zu meinem Ausbruch trieb. Bitterer Geschmack klebte mir wie Honig auf der Zunge und mein ganzer Körper zitterte, nachdem die Schreie verhallt waren. Ich konnte deutlich den Widerstand in Emilias Augen sehen. „Ich werde gehen“, sagte sie und unnatürlich oft hörte ich diesen Satz wieder und wieder in meinen Erinnerungen. Ohne Wut hatte sie die Worte ausgesprochen, so leise, dass ich sie über mein Schnauben beinah nicht vernommen hätte. Ihre plötzliche Ruhe erschreckte mich und ich blieb verstummt zurück.
Eine Woche lang schwiegen und schrien wir uns abwechselnd an. Mancher mag nun denken, dass ein Keil zwischen uns getrieben wurde, den wir nicht entfernen konnten, doch so leicht gaben wir uns nicht auf. Dafür hatten wir zu viel durchgemacht. Keinen Menschen auf der Welt kannte ich so gut wie meine Emilia und eine Meinungsverschiedenheit, möge sie noch so hartnäckig sein, schien mir im Verhältnis zu einer feindlichen Welt, nur ein bedeutungsloses Sandkorn zu sein. Die langen Nächte, die ich mit klopfendem Herzen auf dem durchgelegenen Sofa verbrachte, waren unbedeutend zu der Furcht, welche uns täglich begleitete. Zu Anfang hatten wir den Kampf geführt. Wir hatten versucht uns abseits der versteckten Lokalitäten oder dunklen Ecken des Parks näherzukommen. Die Festnahmen konnten wir erdulden, auch die Schläge, doch als Emilia zum Sterben liegengelassen wurde, gaben wir auf. Die Welt war nicht bereit für die Liebe zweier Frauen und würde es vielleicht niemals sein. Gegen den grausamen Tag, an dem ich nach ihr suchte, und die folgenden Nächte, welche ich jede Sekunde bangend, wie in Trance verlebte, war Streit unwichtig.

Schließlich kam der Tag, an dem ich aufgab. Im Endeffekt war es von Anfang an unausweichlich gewesen. Emilia ließ sich nicht aufhalten. Ich liebte sie dafür, dass sie nie der Mittelpunkt eines Raumes war und trotzdem ihre Träume verfolgte. Stets rannte sie vor und ich blieb bei ihr, ohne je ganz aufzuholen. Sie war mein Orientierungspunkt, der Mensch, um den sich mein Leben drehte. Ohne sie hatte ich kein Ziel mehr, keinen Weg, dem ich folgen konnte, niemanden der mir eine Aufgabe gab. Ich wusste genau, wer ich war, ohne sie. Ich wusste, was die Einsamkeit mit mir machte, welche dunklen Abgründe sie öffnete. Deshalb hatte ich zumindest versuchen müssen sie zurückzuhalten.
Jene Nacht tobte ein Gewitter über der Stadt und bis heute kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob es die Tropfen waren, welche aufgeregt auf das Dach prasselten oder ob etwas anderes mich mit einem mulmigen Gefühl aus dem Schlaf weckte. Im Zimmer war es finster, aber ich versuchte mich trotzdem im Raum umzusehen, welcher durch das wenige Licht verzerrt und falsch wirkte. Es war mir, als starre ein Augenpaar aus den Schatten heraus. Instinktiv bedeckte ich meine Haut mit der Wolldecke und setzte mich auf. Emilia lag im Bett unter der Schräge und atmete ruhig, doch ich konnte sie kaum erkennen. Aus irgendeinem Grund war ich der festen Überzeugung, wir seien in Gefahr. Fest entschlossen, nicht noch einmal darin zu versagen, Emilia zu beschützen, tastete ich nach den Streichhölzern, ohne die Schatten aus den Augen zu lassen. Meine Pupillen gewöhnten sich nicht an die Dunkelheit. Ich war eine Blinde allein im Wald.
Als ich die Hölzchen zünden wollte, erschütterte ein tiefes Donnergrollen den Himmel. Ich warf einen Blick über die Schulter zu Emilia, die sich murmelnd herumwälzte, und dann waren die Schatten nähergekommen. Mein Atem wurde schneller und zugleich glaubte ich jeglicher Sauerstoff wäre mir aus den Lungen gepresst worden. Ich zog die Füße nach oben, hockte jetzt auf dem Sofa und starrte in die schwarze Ecke. Für eine Sekunde erhellte ein Blitz den Raum.
Wenn ich nun an dieser Stelle beginne, Dinge zu beschreiben, die sich dem üblichen Verstand entziehen und meine Glaubwürdigkeit in Zweifel ziehen, bitte ich dies zu entschuldigen. Ich bin nur eine Kellnerin und weiß nicht viel über die Geheimnisse dieser Welt. Das einzige, was ich tun kann, ist zu schildern, was ich mit eigenen Augen sah, und zu hoffen, dass es Menschen gibt, die meinen bescheidenen Worten Glauben schenken mögen. Ich kann nur beteuern, dass ich mit jeder Faser meiner Existenz hellwach war und kein menschlicher Verstand sich das auszudenken vermag, was ich in dem Augenblick wahrnehmen konnte.
Ich hatte mich getäuscht: Keine Augen beobachteten meine Bewegungen, sondern klaffende Löcher in einem grotesk verzerrten Schattengesicht starrten mir in die Seele. Angsterfüllt erkannte ich, dass das Haupt von zwei massiven Hörnern gekrönt war und feine Insektenbeine wie ausgetrocknete Zweige am buckligen Eberkörper hingen. Ein Schrei erstarb in meiner Kehle und bevor das Licht verschwand, sah ich, wie die Kreatur dahinschmolz und nichts als den schweren Geruch nach verrottenden Blüten hinterließ.
Bis nur weinige Sekunden später der nächste Blitz in der Nähe einschlug, war ich nicht in der Lage, mich zu bewegen. Erst das erneute Licht und die darauffolgende Erkenntnis, dass nichts mehr dort war, brachten die versteinerten Glieder wieder unter meine Kontrolle. Als wäre mir ein unsichtbares Gewicht von der Brust genommen, japste ich plötzlich nach Luft und wurde gewahr, dass ich am ganzen Körper zitterte. Ungeachtet der wahrscheinlich schlafenden Vermieterin unter uns rannte ich zum Schalter. Das klägliche elektrische Licht warf mich auf den Boden der Tatsachen zurück: Was immer das war, was ich gesehen hatte, entzog sich jedem menschlichen Verstand. Wirklich schlimm war die Erkenntnis, dass ich mir absolut sicher war, keiner Täuschung erlegen zu sein. Erst deutlich später wurde mir die furchtbare Konsequenz dieser Gewissheit bewusst.
Geblendet stolperte ich zum Bett und rüttelte an der ächzenden Emilia, die bei meinem Anblick einen entsetzt keuchte. Es dauerte lange, bis sie aus meinem Stottern schlau wurde und verstand, wieso ich wie im Wahn auf sie einredete. Währenddessen lief ich das ganze Zimmer ab und leuchtete in jeden verbliebenen Schatten hinein, bis auch das letzte Streichhölzchen verkohlt war. Mehrfach versuchte sie mich zu beruhigen, doch daran war gar nicht zu denken. Ich prüfte die Tür und die Fenster, suchte nach Spuren auf dem Teppich, aber nichts deutete darauf hin, dass etwas hier gewesen war. Zuletzt näherte ich mich der Stelle, mit deren Dunkelheit die Kreatur verschmolzen war und prallte gegen eine Wand aus Gestank. Meine Augen wanderten zu Emilia, suchten nach Hilfe, nach einer Normalität, die diese Nacht verlorengegangen war. Die Luft war so dick, dass mir heiße Tränen die Wange hinunterliefen, mehrfach musste ich würgen. Mit beiden Händen hielt ich Mund und Nase zu und beugte mich über den Boden. Die leichte Staubschicht war unberührt. Vorsichtig, als könnte das Gesicht erneut erscheinen, strichen meine Fingerspitzen über das dunkle Holz. Kalt wie Stein fühlte es sich an und ein Schauer lief mir über den Rücken. Es dauerte bis ich den Blick von der Stelle lösen konnte, meine Zunge fühlte sich noch Tage süßlich belegt an, wie Saft, der sauer geworden war.
Benebelt taumelte ich zurück, wo Emilia mich auffing und festhielt. Ihr vertrauter Geruch verlangsamte mein noch rasendes Herz und mir wurde klar, dass ich sie gehen lassen musste. Wieso sollte es an einem anderen Ort unsicherer sein als in einer Wohnung, wo die Schatten sich bewegten?
Diese Nacht war es mir nicht mehr möglich, ein Auge zuzutun. Trotz der großen Mühe, die Emilia sich gab, schienen die klaffenden Löcher mich zu verfolgen, wohin die Gedanken mich auch trugen. Selbst zu blinzeln wagte ich kaum. Fast hätte ich an meinem Verstand gezweifelt, wäre da nicht dieser verdammte Geruch gewesen. Er schien unsichtbar an der Stelle zu kleben und obwohl ich alle Fenster öffnete nicht zu verschwinden.
Das Gewitter war weitergezogen, aber feine Tropfen rannen weiterhin am Glas entlang oder fanden ihren Weg durch die Lücken ins Innere der Wohnung. Wie in Trance starrte ich auf das dunkle Häusermeer unter uns und ließ mir die Finger berieseln. Ich wusste, dass mein Kopf eigentlich voll von Gedanken sein sollte, doch ich spürte nichts als Leere.

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