Der Verbrannte

Da steht er vor mir, der reiche Sohn. Gezeichnet, gebeugt. Sein unsteter Blick sticht unter dem Schatten des Hutes hervor. Der teure Anzug umfasst sie nicht mehr, die dürren Glieder. Ausgemergelt.
  Die Waffe hat er schon die ganze Zeit in den zitternden Händen. „Ich habe die Papiere meines Vaters gefunden“, sagt er, ohne mich anzusehen. Seine Stimme ist kontrollierter als ich dachte. Laut und klar. „Sie lagen auf seinem Schreibtisch. Dort, wo ich sie vermutet habe.“ Die Worte werden zu einem Zischen. „Ich war sicher ich hätte alles durchsucht.“
  Er versteht es nicht. Er begreift nicht, dass ich sie dahingelegt habe, dass ich versuche, ihn zu retten. Erst jetzt wird mir klar, wie sinnlos meine Tat war. Ich hätte mich nicht in dieses fremde Leben einmischen sollen. Wir alle sind dem Tod geweiht. Übrig bleibt Asche.
  Als er die Pistole hebt und an seine Schläfe drückt, geschieht es ganz schnell. Eine fließende Bewegung. So alltäglich. Noch immer steht er von mir abgewandt. Eine Gestalt wie ein Schatten. Etwas in mir wartete auf Abschiedsworte. Meine Hand greift nach vorne in den Schatten hinein, drückt das kalte Metall herunter, ohne dass ich auch nur eine Bewegung bewusst tue. Kein Schluss fällt. Überrascht dreht er sich zu mir. Sein Blick streift den meinen das erste Mal. Ich erkenne darin so viel: Wut und Scham und Angst und Wut und blanke nackte Verzweiflung. Jemanden, der eigentlich schon tot ist. Ausgebrannt.
  „Nein“, keuche ich. Meine rechte Hand hat irgendwie in sein Gesicht gefunden. Liegt auf der rauen Wange wie auf einem ledrigen Ball. Abgenutzt und dann weggeworfen. Ich weine. Und plötzlich sind die Worte ganz einfach, wenn es auch zu spät ist. „Ich habe die Papiere entdeckt und sie dorthingelegt, damit du sie sicher findest. Weil …“ Ich spreche es nicht aus. Wie ein erstarrtes Tier lässt er meine Berührung über sich ergehen, verengt kurz die Augen als er begreift, was ich ihm sagen will, was meine Worte bedeuten. Ich weiß, er hat es mir nicht zugetraut, dem weiblichen Detektiv. Meine Karriere opfere ich für ihn. Für den Tropfen Hoffnung.
  Unentwegt streicht meine Hand über die Gesichtshälfte, hält den Kopf fest, als könne er auseinanderfallen. Ich versuche, nicht auf die verbrannte Haut zu starren. Kaum sichtbar windet sie sich den Hals hoch, trifft die linken Mundwinkel, endet an der ausgehöhlten Wange. Ich fürchte mich nicht. Alles, was ich ihm noch sagen möchte, lege ich in meinen Blick und bete, dass er verstanden wird. Am Ende stammele ich bloß sinnlos vor mich hin. Bin ich wahnsinnig geworden? Da sind Emotionen in ihm, ich glaube den Hauch eines Lächelns zu erkennen. Ich küsse die Lippen, halb schwarz und porös, leblos, halb pulsierend, zitternd. Ich spüre sie noch deutlich auf meinen als er einen Schritt zurücktritt und sein Leben für immer beendet.

Hinterlasse einen Kommentar