Was danach geschah – Epilog

9. Epilog

In der Zentrale der BAU waren alle Lichter erloschen, bis auf eines. An einem mit Akten überfüllten Schreibtisch saß ein 33-jähriger Mann mit wildem, leicht strähnigem Haar in einem Ton zwischen blond und braun. Seine Augen flogen über die Berichte und glichen Fotos ab. An seinen Augenringen konnte man erkennen, dass er seit einigen Stunden so dasaß. Jemand, der ihn beobachtete würde denken, dass er nicht richtig läse, so schnell legte er die Blätter beiseite.
  Draußen war die Sonne bereits aufgegangen. Ein zweiter Mann betrat plötzlich den Raum, doch der erste war so vertieft, dass er es nicht hörte. So zuckte dieser heftig zusammen, als sein Boss das Wort an ihn richtete:
  „Reid, was machst du hier?“
 „Hotch, Herrgott, du hast mich erschreckt!“, bemerkte Agent Reid, jetzt von seinem Schreibtisch aufschauend. Agent Hotchner sah ähnlich müde aus, wie sein Kollege. Er ging zum Schreibtisch herüber und warf einen Blick auf die ausgebreiteten Akten.
  „Was ist es? Was lässt dich an dem Fall nicht los?“
  „Es macht keinen Sinn, wie Woudig gehandelt hat, dass er sich hat von Jasmin überzeugen lassen. Es passt einfach nicht ganz ins Profil, dafür hat er sich zu clever vor uns versteckt. Ich fürchte wir haben einen Fehler gemacht. Ich glaube, dass er doch einen Komplizen gehabt haben könnte.“
  Der Ältere strich sich kurz durch das dunkle Haar. „Ja, ehrlich gesagt habe ich daran auch schon gedacht. Aber Reid, wenn dem so ist, dann werden wir es herausbekommen. Wir haben die Nacht gute Arbeit geleistet. Du solltest heim, du hast den Schlaf verdient.“
  Doch Spencer Reid machte keine Anstalten, den dringend nötigen Schlaf nachzuholen. Also schob sich Hotchner einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn.
  „Wenn es einen Komplizen gäbe, würde das denn etwas an deinen Gefühlen für sie verändern?“
  Reid sah überrascht auf. „Du weißt davon?“
  Sein Gegenüber lachte, was nicht häufig geschah. „Wir alle wissen davon! Ehrlich gesagt frage ich mich gerade ernsthaft, wieso du hier sitzt, anstatt bei ihr zu sein.“
  „Wie kann ich ihr in die Augen sehen und so tun, als ob alles gut wäre, wenn sie noch in Gefahr sein könnte?“
  „Auch wir irren uns manchmal. Aber es war zu hundert Prozent Woudig, der diese Frauen getötet hat und wir haben ihn gefangen. Hör auf, dir deinen genialen Kopf zu zerbrechen. Ich weiß, dass du bisher alles andere als Glück hattest in solchen Dingen, doch das sollte dich nicht davon abhalten, es zu probieren. Wir wissen alle wie limitiert die Zeit sein kann, sie aber deshalb nicht zu nutzen wäre schlichtweg dumm.“
  Der junge Agent machte sich daran, das Chaos auf dem Tisch aufzuräumen.
  „Reid, ich mache das. Los, worauf wartest du noch?“
  „Aber ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Was wenn sie mich nicht mag? Oder das alles nur auf Übertragung beruht? Das würde passen, sie überträgt Gefühle aus ihrer Kindheit, wie unerfüllte Wünsche auf …“
  „Spencer!“ unterbrach ihn Hotchner. „Wie wäre es, wenn du sie einfach fragst?“


Brrrrrrrr……
Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr…….
Etwas vibrierte in der Nähe meines Kopfkissens. Ich habe mir doch gar keinen Wecker gestellt! Schlaftrunken fischte ich mein Smartphone unter einem Buch hervor. Das Licht des Displays blendete mich enorm, sodass ich meine Augen nur so weit wie eben nötig öffnete. Ich stöhnte bei einem Blick auf die Uhr, nur knapp zweieinhalb Stunden hatte ich geschlafen.
  Dann erkannte ich, was der Grund für mein verfrühtes Erwachen war. FBI Agent Reid. Verpasste Anrufe: 2, Es wurde keine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen, stand im Display. Ich verstand es nicht. Wieso sollte er versuchen, mich zu erreichen und das jetzt, nachdem so viel in der Nacht passiert war? Beinah wäre ich mit dem Handy in der Hand wieder eingeschlafen, da vibrierte es erneut.
  Ich nahm den Anruf an. „Hallo?“ Ich hörte mich kaum nach mir selbst an, so verschlafen war ich.
  „Jasmin, ich stehe vor deiner Haustür. Darf ich reinkommen?“
WAS? Hatte ich richtig gehört? Er ist hier? Wieso ist er hier? Ist etwas passiert? Will er mich besuchen?
  „JA! Ja, natürlich!“ Ich warf die Decke zurück und sprang förmlich aus dem Bett. Eilig taumelte ich in den Flur und drücke auf den Summer. Natürlich nicht, ohne mich zuvor am Türrahmen zu stoßen. „Komm hoch“, sagte ich als ich Schritte im Treppenhaus hörte und legte auf.
  Wie sah ich überhaupt aus? Nervös hechtete ich vor den Spiegel, diesmal zum Glück ohne mir irgendwo wehzutun. Meine Haare waren überraschenderweise in Ordnung, allerdings hatte ich schlimme dunkle Schatten unter den Augen und außerdem trug ich nur ein T-Shirt. Dieses reichte mir zwar bis zweit über den Po, aber ich flitzte trotzdem schnell in mein Zimmer, um mir die erst beste Hose anzuziehen, die ich fand. Als ich in den Flur zurückkehrte, überwand Reid gerade die letzten Stufen. Überrascht musste ich feststellen, dass er ein ebenso trauriges Bild abgab. Anscheinend hatte er gar nicht geschlafen, denn er trug die selbe Kleidung wie in der Nacht. Sein Haar war besonders durcheinander und er wirkte blasser als sonst.
  Nachdem er eingetreten war, standen wir zusammen im engen Flur und keiner von uns wusste, was er sagen sollte. Ich war verunsichert wegen seines Kommens und überlegte, ob ich ihn lieber in die Küche oder in mein Zimmer bitten sollte. Etwas verlegen legte er die Hand hinter seinen Kopf. Auch in diesem Zustand sah er noch so gut aus, dass es mir die Sprache verschlug.
  „Also … konntest du schlafen?“ fragte er.
  Ich nickte. Mein Herz schien einen Marathon zu laufen, so schnell fühlte ich es in meiner Brust schlagen. Und dann fühlte ich eine weitere körperliche Unannehmlichkeit.
  „Ähm, ich muss mal kurz für kleine Mädchen. Geh ruhig schon mal durch“, entschuldigte ich mich leise, da ich weder Marcus noch Hannah wecken wollte, und verschwand im Bad, während Reid mein Zimmer ansteuerte. Niemand sagt einem, wie unangenehm es ist, wie ein Wasserfall zu pinkeln, wenn der Traummann einen Raum weiter sitzt und wahrscheinlich alles hören kann.
  Nachdem ich fertig war, nutzte ich die Gelegenheit und wusch mir das Gesicht mit kaltem Wasser, zudem benutzte ich Deo. Endlich fühlte ich mich wieder halbwegs wie ein Mensch! Ich fand den Agent in meinem Zimmer stehend und erneut die Wand mit Zitaten betrachtend. Seit er das letzte Mal da war, waren einige neue hinzugekommen.
  „Mach es dir bequem“, schlug ich nicht ganz ohne Hintergedanken vor. Ich wollte, dass er sich zu mir auf Bett setzte. In meinem Kopf spielte ich eine Szene durch, in der wir uns leidenschaftlich küssend von der Bettkante auf das ganze Bett ausbreiteten. Hach, was machte dieser Mann nur mit mir?
  Während Reid sich die Schuhe auszog, kletterte ich über die Sachen in meinem Bett, die den Platz blockierten, den ich zum Schlafen nicht benötigte. Einen Haufen Klamotten warf ich an ihm vorbei auf den Schreibtischstuhl und meinen Laptop schob ich zur Seite. Die Bücher versuchte ich, auf einen Stapel zu türmen. Ich wurde rot, als ich merkte, dass mein Aufräumen keine besonders subtile Art war, ihn auf mein Bett einzuladen. Daraufhin setzte ich mich mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt auf die Matratze und kuschelte meine kalten Füße unter die Decke.
  „Wegen Woudig, es tut mir leid, dass ich nicht auf dich gehört habe. Ich dachte ich könnte euch helfen, ich wollte Alice so unbedingt retten.“ Es fiel mir schwer, nicht in Tränen auszubrechen bei diesen Worten.
  „Ich verurteile dich nicht für deine Entscheidung. Eigentlich finde ich sogar, dass du ziemlich gut warst. Aber lass uns nicht mehr darüber reden. Ich habe erstmal genug davon.“ Ich auch. Wenn es ginge, würde ich nie mehr an dieses Arschloch denken wollen.
  Bisher hatte Spencer etwas verloren im Zimmer gestanden, nun traute er sich endlich, sich auf die Bettkante zu setzen. Ich musste daran denken, wie er das im Krankenhaus getan hatte. Er hatte mir bei den Befragungen so viel Trost gespendet. Und er hatte immer wieder meine Hand gehalten. Das musste doch etwas zu bedeuten haben! Unser Kuss musste etwas zu bedeuten haben!
  Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden, sodass er mein Starren bemerkte. Warum benehme ich mich immer irgendwie peinlich in seiner Gegenwart? Ich lächelte verlegen, doch mein Kopf kam nicht zur Ruhe. Wie konnte ich ihn dazu bringen, ganz auf das Bett zu kommen? Musste er nicht extrem müde sein? Obwohl ich selbst kaum mehr müde bin. Eine Studie, die ich einst gelesen hatte, kam mir in den Sinn. Darin war der Zusammenhang von Liebe und Müdigkeit untersucht worden. Vor allem frisch verliebt, konnte sich wegen der vielen Hormone das Schlafbedürfnis ändern. Ja, verliebt war ich! Es war überwältigend!
  „Bist du nicht müde?“, fragte ich ihn.
  „Ich bin solche Nächte gewöhnt“, war seine Antwort. „Aber ja, ich bin todmüde.“
  „Du … ähm, kannst ruhig hier schlafen.“ Oh je, hatte ich das gerade wirklich gesagt? Falls das überhaupt möglich war, schlug mein Herz noch schneller. Seine schönen Augen weiteten sich überrascht und blickten zu Boden.
  „Bist du sicher? Ich möchte dir nicht zur Last fallen“
JA! JA! JA!!!!! Ich kroch nach vorne, näher an ihn heran. „Ich könnte Schlaf auch gut gebrauchen und morgen können wir über alles reden, wenn du magst.“
  Jetzt kniete ich neben ihm und ohne es zu überdenken, drückte ich ihn an seiner Brust nach unten, sodass er mit dem Rücken auf der Matratze lag, beugte mich über ihn und legte all die Leidenschaft, all die Liebe, all meine Wünsche in diesen Kuss. Es war sogar intensiver als beim ersten Mal. Ich vergaß nicht bloß alles um mich herum, sondern beinah auch wie man atmet. Als sich unsere Lippen trafen, konnte ich ein Stöhnen nicht unterdrücken. Wir fügten uns so perfekt ineinander, als hätten wir das schon tausend Mal gemacht. Ich fühlte ein warmes Kribbeln in meinem Bauch, das sich bis in die Fingerspitzen ausbreitete. Es war magisch.
  Als wir kurz Luft holten, sahen wir uns in die Augen und mussten beide lachen. Doch lange konnte ich es nicht aushalten und zog ihn wieder an mich heran. Ich gab ihm mehrere Küsse direkt auf die Lippen, die er mit einer Intensivität erwiderte, die ich nie erlebt hatte. Unsere Herzen schienen im gleichen Takt zu schlagen und unsere Atmung passte sich an. Als meine Zungenspitze in seinen Mund vorstieß, hörte ich ihn stöhnen, was einen gewaltigen heißen Schauer in mir auslöste. Deutlich konnte ich spüren, wie sich das Blut in meinen Wangen ansammelte und ein forderndes Pochen zwischen meinen Beinen begann. Seit Ewigkeiten hatte ich mich nicht mehr so gut gefühlt.
  Meine linke Hand strich durch sein Haar und mit der rechten stützte ich mich ab. Als ich kurz losließ, setzte er sich auf einmal auf, strich sich das Haar mit beiden Händen zurück, packte mich und legte uns beide nebeneinander vollständig aufs Bett. Wow, er ist so sexy!
  Wir langen so dicht beieinander, dass sich unsere Nasen berührten. Ich konnte seinen warmen Atem auf meiner Haut kitzeln spüren. Er roch fantastisch. Nicht nach Parfüm, einfach natürlich.
  „Ich würde mich sogar sehr freuen, wenn du bleiben würdest“, sprach ich das Offensichtliche aus. Diesmal war er es, der den Kuss begann. Seine Arme umschlangen meinen Oberkörper und drückten mich näher an ihn heran, sodass sich unsere Herzen hätten berühren können. Ich erschauderte, weil ich wieder das Gefühl hatte, durch unsere Körper würde warmer Strom fließen. Fast hätte ich meine Hüfte gegen seine gedrückt, doch ich wollte das Ganze nicht eskalieren lassen. Die Geschichte Spencer und Jasmin hatte gerade erst begonnen und diesen Anfang wollte ich in vollen Zügen genießen.
  Der Kuss endete erst nach einer gefühlten Stunde. Wir brachten wieder etwas Abstand zwischen unsere Gesichter, sodass wir uns klar sehen konnten. Ich musste gähnen.
  „Lass uns versuchen zu schlafen“, schlug ich vor, er stimmt zu.
  „Ich habe aber keinen Schlafanzug dabei. Nun ja, ich wusste ja nicht, dass es so endet.“
  „Zieh einfach die Hose aus, das stört mich nicht und bleib im T-Shirt.“ Meine Aussage hatte locker geklungen, in Wahrheit war ich wahnsinnig gespannt darauf, ob sich meine Vermutung der Opaunterhosen bestätigte. Und natürlich war ich genauso gespannt darauf, mehr von seinem Körper zu sehen. „Und ich kann dir eine Ersatzzahnbürste anbieten“, fügte ich hinzu.
  „Es gibt bloß ein Problem. Ich möchte nicht aufstehen“, sagte er und ich verstand es als ich möchte dich nicht verlassen.
  „Gut, dann zusammen!“ Und ich schob ihn spielerisch zur Bettkante.
  Wir putzten nebeneinander die Zähne, auch wenn ich ziemlich sicher bin, dass wir es keine drei Minuten durchhielten und schlichen in mein Zimmer zurück. Dort zog er sich die Hose aus und ich versuchte nicht zu offensichtlich auf das zu starren, was sich mir dort präsentierte. Er trug enge Shorts in schwarz, die – wie ich zugeben musste – seinen Hintern perfekt betonten.
  Vor dem Ausschalten meiner Nachttischlampe sahen wir uns noch lange an. Ich konnte einfach nicht glauben, dass er wirklich hier war. Wie oft hatte ich mir seine Nähe erträumt und doch nie erahnen können, wie wunderbar die Realität aussehen würde. Paul Woudig war gefasst, meine Wunden verheilt und mein Traummann lag neben mir. Wir gaben uns einen Gute-Nachtkuss und ich knipste das Licht aus.
  „Ich liebe dich“, rutschte es aus mir heraus. Ups, zu früh! Viel zu früh!
  „Darf ich dich fragen wie lange schon?“ Ich hatte mit einem langen unangenehmen Schweigen gerechnet, aber – obwohl ich es nicht sah – konnte ich hören, dass er lächelte. Er klang glücklich.
Deshalb antwortete ich ehrlich: „Seit ich dich das erste Mal gesehen habe.“

Kapitel 8

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