Was danach geschah – Purpur

8. Purpur

Nein, geh nicht ran. Bitte, bitte geh nicht ran! Doch die Vollkommenheit des Moments war bereits zerstört. Das kurze Zögern hatte uns in die Realität zurückgeholt. Unsere Lippen lösten sich. Spencer trat einen Schritt zurück und nahm den Anruf an.
  Mein Innerstes wollte schreien, ihn packen und zurückziehen, das Ganze nicht jetzt schon vorbei gehen lassen. Mein Herz klopfte noch stärker als bereits zuvor. Ich war so gespannt, was er sagen würde. Hatte es ihm ebenso gefallen? Oder hatte er nur aus Höflichkeit den Kuss erwidert? Wie lang geht denn dieser Anruf noch?
  Noch unfähig mich zu bewegen, folgten meine Augen dem gutaussehenden jungen Mann, der einige Meter entfernt auf- und abging.
Er wirkte unsicher und ich hatte das unschöne Gefühl, dass er meinem Blick auswich. Ich verstand nicht, was er sagte, das Pochen meines Herzens war zu laut. Nimm mich wieder in deinen Arm. Hör nicht auf mich zu Küssen. Nie wieder …
  Wie durch eine magnetische Kraft fühlte ich mich zu ihm hingezogen, es war so unglaublich schwer ruhig stehen zu bleiben und ihn nicht bei diesem anscheinend wichtigen Gespräch zu stören. Es dauerte viel zu lange, bis er auflegte und wieder auf mich zukam. In Wahrheit waren es ein paar Minuten gewesen, doch es hatte sich wie eine Ewigkeit angefühlt.
  Spencer sagte nichts, er lächelte auch nicht und selbst in meinem angeheiterten Zustand verstand ich, dass ihm etwas Ernstes durch den Kopf ging. Er nahm vorsichtig meine Hand, als sei sie zerbrechlich und erlöste mich von meiner Unsicherheit.
  „Jasmin“, sagte er und es klang so schön aus seinem perfekten Mund, den ich wieder spüren wollte. „Wir haben Paul Woudig gefunden.“ Das waren doch gute Nachrichten, wieso lächelte Spencer dann nicht?
  „Wirklich? Das ist ja wunderbar … oder nicht?“ Irgendetwas sagte mir, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt war, sich zu freuen.
  „Ich muss sofort dorthin.“ Er ließ meine Hand los und eilte in einen Raum, dessen Eingang mir bisher nicht aufgefallen war. Ich folgte ihm einige Schritte, doch er schloss die Tür hinter sich. Während wir uns durch die Tür unterhielten, musste ich mir vorstellen, wie er sich umzog. Mir kam der Gedanke, dass er wahrscheinlich kurze weiße Opaunterhosen trug und dennoch kribbelte die Vorstellung in meinem ganzen Körper. Es war nur diese eine Wand zwischen uns, ich könnte einfach hineingehen und ihn niederküssen. Ich würde ihm keine Wahl lassen und …
  „Paul Woudig ist bei Alice Scaner, sie ist wahrscheinlich in Gefahr!“ Beeindruckend schnell kam Spencer komplett angezogen aus dem Schlafzimmer, selbst die Brille hatte er durch Kontaktlinsen ersetzt – oder brauchte er sie nur zum Lesen? Einzig die Haare hatte er in ihrer üblichen Unordentlichkeit belassen.
  „Morgan wird uns jeden Moment abholen und dich zu Hause absetzten.“
  Das ging mir alles zu schnell. „Warte bitte“, ich hielt ihn am Arm fest, als er an mir vorbei gehen wollte, um seine Jacke zu holen. „Was ist los? Erkläre es mir.“ Ich zwang ihn, mir in die Augen zu sehen.
  „Die Tochter des Kindermädchens von Woudig hat ihn vor ihrer Wohnung gesehen, doch wir wissen nichts Genaues, sie musste plötzlich auflegen. Das ist der Fehler, auf den wir gewartet haben.“ Kurz drückte er meine Hand. „Wir nehmen ihn heute fest.“
  Fassungslos und extrem aufgeregt stand ich mitten in Spencers Appartement und sah ihm dabei zu, wie er die letzten Vorbereitungen für den kommenden Einsatz traf. Sein Vorgehen war schnell und präzise, jeder Handgriff saß. Irgendwann schaffte ich es, mich zu bewegen, zog die Jacke an und hob meine Tasche auf. Konnte es wirklich wahr sein? Nach all diesen Wochen war das Ziel zum Greifen nah. Ich war wie in Trance, obwohl die Neuigkeiten es vollbracht hatten, dass ich begann, mich wieder nüchtern zu fühlen.
  Wir verließen die Wohnung und ich hatte Mühe, mit Spencer mitzuhalten, so schnell hechtete er die Treppen hinunter. Sind das eben schon so viele Stufen gewesen? Wie lange hatte ich mich in seinem Appartement aufgehalten? Viel Zeit konnte realistisch betrachtet nicht vergangen sein. Agent Morgen würde keinen weiten Weg zurück haben. Es war eine Sache von Minuten.
  Der BAU war zu trauen, sie würden Woudig fassen. Währenddessen würde ich wahrscheinlich allein zu Hause sitzen und verzweifelt die Nachrichten auf- und abschalten, hoffend einen aktuellen Bericht über den Fall zu finden. Nein! Allein sein, das war das Letzte, was ich jetzt wollte. Das war auch mein Fall. Hatte ich nicht irgendein Recht darauf, daran mehr teilzuhaben? Ich wollte kein ruhig wartendes Opfer sein, ich wollte bei der Festnahme helfen und mich nicht der Verzweiflung hingeben! Ich blickte auf den Rücken des Mannes, den ich eben geküsst hatte, als er die Haustür öffnete.
  Unerwartet kalte Luft schlug mir entgegen und ich musste mich beeilen hindurchzuschlüpfen, da Reid so viel schneller war. Er hatte mir die Tür nicht aufgehalten. Nun warteten wir beide an ebendem Seitenstreifen, an welchem mich Morgan abgesetzt hatte. Wie viel in so kurzer Zeit passieren konnte.
Was soll ich tun? Ich wusste nicht, ob ich ihn darum bitten konnte, mich nicht nach Hause zu schicken. Und ich war unschlüssig, ob ich ihn jetzt berühren durfte. Dieser blöde Anruf hatte uns die Möglichkeit geraubt über den Kuss zu reden – über uns zu reden. Spencer war eindeutig im Arbeitsmodus, er wirkte gänzlich fokussiert. Beim genaueren Hinsehen erkannte ich Sorge. Seine Stirn war auffällig in Falten gelegt. Die Ernsthaftigkeit, die er ausstrahlte, machte mich nervös und die Übelkeit, die ich dachte hinter mir gelassen zu haben, kehrte zurück.
  Ich stellte mich vor ihn und zwang ihn so, mich anzusehen, anstatt links und rechts nach Agent Morgans Wagen Ausschau zu halten. Plötzlich wagte ich es nicht mehr, ihn Spencer zu nennen. Ich schämte mich sogar ein Bisschen, stets so vertraut mit ihm umgegangen zu sein. Was auch immer er von mir hielt und egal was Derek vermutete, in diesem Augenblick war es mir ziemlich klar, dass Reid mich loswerden wollte.
  Ich hingegen war mir überdeutlich bewusst, dass ich ihm diesen Wunsch nicht erfüllen konnte. Die Erkenntnis schmerzte dennoch.
  „Reid“, sagte ich und musste mich räuspern, weil mein Hals plötzlich trocken geworden war. „Es tut mir leid, dass ich heute so unangekündigt vorbeigekommen bin.“
  Er lächelte. „Machen Sie sich keine Gedanken. Ich weiß, dass Morgan dafür verantwortlich ist. Sie haben mich keinesfalls gestört. Eigentlich habe ich bloß eine Abhandlung über Fluoreszenzmikroskopie gelesen. Wussten Sie etwa, dass …“ Die abweisende Art, die kurz von ihm Besitz ergriffen hatte, war verschwunden.
  Sein begeisterter Vortrag wurde jäh von Morgan unterbrochen, der etwas zu schnell in die Straße einbog und kräftig hupte. Ich war enttäuscht. Denn auch wenn ich mich nicht viel für Mikroskopie interessierte, hatte ich doch die diesjährigen Nobelpreisträger verfolgt. Außerdem liebte ich es, Reid zuzuhören. Ich wollte jedes Wort aufnehmen – unwichtig, ob ich alles hundertprozentig verstand – ich hätte stundenlang gelauscht.
  Zusätzlich bedeute das Eintreffen des Agents, dass die Zeit zwischen mir und Spencer wieder vorbei war. Es kam mir fast wie ein verfluchtes Muster vor, dass wir ständig unterbrochen wurden. Jeder gemeinsame Moment schien limitiert zu sein. Nun war der Augenblick gekommen Derek Morgan davon zu überzeugen, mich mit zum Tatort zu nehmen.
  Reid stieg vorne ein und ich setzte mich hinter ihn. Als ich die Autotür schloss, hätte ich schwören können ein Zwinkern von Morgan aus dem Augenwinkel zu sehen. Galt es mir?
  „Die anderen sind bereits auf dem Weg. Wir sollten uns beeilen“, sagte er beim Anfahren. Seine Musik hatte er ausgestellt. Die Agents tauschten sich eilig über den Fall aus. Es war wie befürchtet: Paul Woudig war in die Wohnung von Alice eingedrungen und hielt sie dort fest. Ein SWAT-Team war bereits stationiert. Ich folgte dem Austausch etwas und wartete bis alle Informationen bekannt gegeben waren. Dann nahm ich all meinen Mut zusammen:
  „Morgan, bitte fahr direkt zum Tatort“, meine Stimme war ein Flehen. „Ihr verliert unnötig Zeit, wenn wir bei mir vorbeifahren und ich will dabei sein, wenn ihr ihn festnehmt!“
  Reid war schneller als Morgan, natürlich war er das. Dieses verdammte blitzschnell denkende Genie! „Jasmin, Sie können nicht. Das widerspricht sämtlichen Vorschriften. Zudem werde ich Sie wohl kaum zu dem Mann bringen, der Sie fast umgebracht hat.“ Spricht da die Sorge oder das Pflichtbewusstsein?
  Ich seufzte und beschloss alles auf die Idee in meinem Kopf zu setzen, es war nicht genug Zeit für eine ausführliche Diskussion. Es galt jetzt zu überzeugen, oder nie.
  „Lasst es mich mit einer einfachen 5-Satz-Argumentation versuchen: Ich bin mir sicher, dass mein Beisein keine negativen Konsequenzen haben wird, sondern sich sogar als Vorteil herausstellen könnte. Denn mit dem Täter konfrontiert zu werden, mag weitere hilfreiche Details wiederkehren lassen. Außerdem gibt es keinen Ort, an dem ich mich sicherer fühle als bei euch. Und zuletzt, weiß ich genau, dass jede Sekunde zählt, ich könnte es nie verkraften, wenn wegen mir – nur weil man mich nach Hause bringen muss – eine weitere Frau ermordet wird. Also bitte, lasst uns Alice retten!“
  Mein Kopf war voller Gedanken, meine Übelkeit hatte sich vor Nervosität in Schmerzen verwandelt und ich stand so unter Spannung, dass ich nicht verhindern konnte zu zittern. Ich betete, dass meine Argumente überzeugend gewesen waren, dass ich entschlossener geklungen hatte, als ich mich fühlte. Ich konnte sehen, dass Morgan lächelte und den Wagen umlenkte.
  „Also, mich hat sie überzeugt, Kleiner!“
  Reid bemerkte trocken, dass er es für keine gute Idee hielt. Seine Stimme steigerte mein Unwohlsein. Der abweisende Unterton darin war zurückgekehrt. Ich habe überlebt und ich werde auch weiter leben. Wenn das hier vorbei ist, werde ich richtig leben!
  „Ach Reid, Jasmin ist alt genug, um das zu entscheiden und ihr wird nichts geschehen, dafür werden wir alle sorgen,“ versuchte Morgan, seinen Kollegen zu beschwichtigen. Daraufhin breitete sich Stille im Wagen aus. Ich konnte fühlen, dass etwas Vergangenes zwischen den Agents stand, die Erinnerung an ein Ereignis – oder an eine Person. Ich fürchtete mich, etwas zu sagen und folglich Morgans Meinung doch zu ändern oder gar Reid zu verärgern, also starrte ich stattdessen zwischen den beiden Männern durch die Windschutzscheibe auf die nasse Straße. Es hatte wieder begonnen, zu regnen.
  Von Weitem sah ich bereits das Blaulicht des Streifenwagens, der die Straße absperrte. Wir wurden hindurchgelassen und kamen vor einem Doppelhaus zum Stehen. Die Vorgärten in dieser Gegend waren mit weißen Lattenzäunen gesäumt. Das blaue Licht mischte sich kurz mit den roten Bremslichtern und tauchte die Szenerie in ein ungesundes Lila.
  Sobald das Auto stand, stiegen die Agents aus dem Wagen, um sich mit den anderen Teammitgliedern zu besprechen. Ich erkannte die Blonde aus dem Fernsehen, sie sprach mit der örtlichen Polizei und einem Mitglied des SWAT-Teams. Sicherheitshalber blieb ich sitzen, bloß weil ich hier war, hieß das noch nicht, dass ich auch bleiben dufte. Zudem war ich froh, nicht nass zu werden.
  Ich blicke zum Haus. In der rechten Hälfte waren alle Lichter dunkel, doch in der ersten Etage links war ein Fenster erleuchtet. Ob sich das Arschloch dort befand und Alice gerade die schrecklichsten Dinge antat? Bei diesem Gedanken krampfte mein Magen und ich musste die aufkommende Galle hinunterschlucken. Schnell presste ich meine Hände auf den Bauch und hoffte, mich jetzt nicht übergeben zu müssen. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen in der Bar den Alkohol loszuwerden. Ob meine Freundinnen noch dort waren und von alldem nichts ahnten? Wie viel Zeit war vergangen, seit ich sie verlassen hatte?
  Ich war gegangen, hatte Spencer Reid geküsst und wartete nun auf die endgültige Festnahme von Paul Woudig. Diese ganze Nacht fühlte sich surreal an! Plötzlich öffnete sich die Autotür neben mir, sodass ich zusammenzuckte. Verdammt! Agent Hotchner bat mich, auszusteigen. Er wirkte nicht erfreut über meine Anwesenheit.
  Ich verließ das Auto und warf einen Blick über die Schulter. Wo war Reid? Als ich mich zurück zu dem dunkelhaarigen Mann mit dem strengen Blick wendete, parkte ein Streifenwagen neben Morgans Auto, sodass ich kurz ganz in rotes Licht getaucht war. Im erleuchteten Fenster des Hauses war eine Gestalt zu sehen. Wieder stieg die Galle in mir hoch, ich wendete mich ab und musste ausspucken. Deutlich spürte ich wie das Blut aus meinen Wangen wich und mein Herz in der Brust hämmerte.
  „Entschuldigen Sie“, sagte ich ein wenig kraftlos.
  Als ich aufsah, war das Fenster leer.
  Hotchner blickte mich durchdringend an, er schien zu analysieren. Ich war mir natürlich bewusst, absolut keinen entschlossenen Eindruck zu machen. Dennoch bereute ich es nicht, Morgan davon überzeugt zu haben, mich herzubringen.
  „Frau Heider, es ist absolut unangebracht, dass Sie hier sind. Ich weiß, dass sie gerne helfen wollen, aber sie könnten den Einsatz ernsthaft gefährden.“
  „Ich werde Sie nicht behindern und alles tun was Sie sagen, versprochen, wenn ich nur blieben darf.“ Da war es wieder, dieses ungewollte Flehen in meiner Stimme.
  Der Agent seufzte leise. „Gut, melden sie sich bei Agent Jareau.“ Dann sprach er zur versammelten Menge: „Wir bereiten den Zugriff vor.“ Um mich herum begannen alle sich zu bewegen. Ich sah wie Spencer und Morgan mit kugelsicheren Westen ausgerüstet wurden und sich das SWAT-Team platzierte. Ein weiterer Agent, der mir wage bekannt vorkam, stellte sich zu Hotchner.
  Ich entfernte mich und suchte die Blonde, von der ich glaubte, dass sie Agent Jareau war. Schließlich fand ich sie etwas abseits im Gespräch mit einem Streifenpolizisten. Auch sie trug bereits Waffe und die schusssichere Weste mit dem FBI-Aufdruck. Ihre Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden.
  „Agent Jareau?“, rief ich bevor ich sie erreicht hatte, um niemanden zu erschrecken.
  „Frau Heider“, reagierte die Profilerin überrascht. Der Polizist verabschiedete sich und ging zu seinem Posten.
  „Agent Hotchner hat mir gesagt, ich soll mich bei Ihnen melden.“ Ich hatte sie nun erreicht. Sie war hübsch, genau betrachtet sogar sehr hübsch und strahlte eine natürliche Freundlichkeit aus. Ich empfand sie direkt als sympathisch. Gleichzeitig war ich eifersüchtig, dass sie so viel Zeit mit Reid verbringen durfte. Ich fragte mich, wie jemand je Interesse an mir entwickeln sollte, wenn er diese schöne Frau jeden Tag um sich hatte.
  Sie wirkte etwas verunsichert.
  „Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann …“, versuchte ich, mich zu erklären.
  „Es tut mir leid, dass ich frage, aber … was machen Sie hier?
  Und hatten sie nicht eigentlich rote Haare?“, fügte sie hinzu.
  Kurz hatte ich vergessen, dass ich jetzt so anders aussah.
  „Ich wollte herkommen. Ich möchte helfen, den Mann festzunehmen, der mir das angetan hat.“
  Sie lächelte. „Ich bewundere Ihren Mut, doch dies ist nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt.“
  „Ich weiß doch, ich weiß! Aber ich kann nicht einfach rumsitzen und nichts tun!“ Meine Stimme überschlug sich leicht und ich musste husten.
  „Warten Sie ich hole Ihnen Wasser“, sagte die Agentin und kehrte einen kurzen Moment später mit einer Flasche Sprudel zurück. Dankend nahm ich an. Es fühlte sich an, als hätte ich eine Ewigkeit nichts getrunken. Mein Magen wurde sofort ruhiger.
  „Also Frau Heider, eigentlich sollte ich Ihnen das gar nicht sagen, aber ich weiß, dass sie Reid etwas bedeuten und er sie nicht leichtfertig herbringen würde. Das Team hat versucht, mit Woudig Kontakt aufzunehmen, aber er geht nicht an das Telefon im Haus. Wärmescans zeigen, dass Alice Scanner noch am Leben ist, doch wir wissen nicht, wie lange sie durchhalten kann. Wenn wir den Zugriff starten, könnte er sie töten. Wir vermuten, dass er Alice durch Zufall begegnet ist und ihr folgte. Obwohl sich sein Opferschema durch Sie geändert hat, hat Alice alte Erinnerungen ausgelöst, sodass er sich nicht weiter verstecken konnte. Wahrscheinlich sieht er in ihr sein Kindermädchen. Sie ist die perfekte Reinkarnation. Dass er in ein Haus eindringt, zeigt wie stark sein Drang zu töten geworden ist, er beschränkt sich nicht mehr auf Parks oder Ähnliches. Wenn Sie also noch irgendeinen Hinweis haben, den Sie uns nicht mitgeteilt haben, ein noch so kleines Detail, welches uns helfen könnte, einzuschätzen, ob er Alice töten wird, dann wäre das gesamte Team dankbar.“
  Die Ehrlichkeit dieser Worte überraschte mich. Und tatsächlich war mir eine Idee gekommen. Sie hatte nicht einmal mit dem zu tun, was der Täter zu mir gesagt hatte, doch vielleicht, ganz vielleicht, hatte die BAU daran nicht gedacht.
  „Alice, sie … kann es sein, dass sie Woudigs Schwester ist? Ich meine, es machte Sinn, dass er sein Kindermädchen gehasst hat, weil sie ein Verhältnis mit seinem Vater hatte. Dass aus dieser Verbindung ein Kind hervorgegangen ist, wäre nur logisch. Er greift schließlich absichtlich die weiblichen Organe an.“
  „Sie würden keine schlechte Profilerin abgeben“, sagte Jennifer Jareau und zückte ihr Handy. „Garcia, überprüfe Alice Scanners Vater. Wäre es möglich, dass dieser Herr Woudig war?“
  Ich hörte eine gedämpfte Frauenstimme auf der anderen Seite und das Geräusch von tippenden Fingern auf einer Tastatur. Das Gespräch dauerte nicht lange. Im Anschluss gab die Agentin den anderen die Neuigkeiten durch. Ich sah, dass diese begonnen hatten, sich dem Haus zu nähern. Des Weiteren konnte ich erkennen, wie sie innenhielten und einer – ich glaube es war der mir unbekannte Agent – telefonierte. Dann entbrach eine Diskussion, danach sah es von meinem Standpunkt zumindest aus.
  Reid war auf den Telefonierenden zugelaufen und schien das Handy greifen zu wollen. Hotchner versuchte dazwischenzugehen, indem er ihn festhielt. Spencer konnte sich losreißen. Er sprintete in unsere Richtung. Gleichzeitung mit Agent Jareau setzte ich an, ihm entgegenzulaufen. Bei den parkenden Autos trafen wir aufeinander. Alles schien wieder in dieses purpurne Licht getaucht und ich fror wegen des Regens.
  Reid griff mich kurz am Arm, ließ jedoch direkt los. „Ich lasse das nicht zu!“, rief er den anderen entgegen, die den Zugriff abgebrochen hatten und ihm gefolgt waren. „Jasmin, du musst gehen. Du bist hier nicht sicher!“ Diesmal war es seine Stimme, die flehend klang.
  Ich spürte Wärme, wo er meinen Ärmel berührt hatte und bemerkte erst viel später, dass er mich geduzt hatte, so natürlich klang es.
  „Bitte geh. Er weiß, dass du hier bist.“
Nein. Nein! NEIN! Wie? Woher? Ich blickte hinunter auf meine Hände, die augenblicklich zu schwitzen begonnen hatten. Sahen sie immer so komisch aus? Ich versuchte, sie ruhig zu halten. Was machte man normalerweise mit seinen Händen? Jede Position fühlte sich unnatürlich an. Am Ende fand ich beide an meine Handtasche geklammert – so hatte ich zumindest etwas unter Kontrolle.
  Alle Augenpaare waren auf mich und Spencer gerichtet. Es war zu viel Druck! Meine Knie wurden weich, mein Magen drehte sich und eine Sekunde später fand ich mich auf Knien auf dem feuchten Asphalt und erbrach alle Flüssigkeit der letzten Stunden. Irgendjemandes Hand lag auf meiner Schulter und tätschelte mich tröstend. Es war schnell vorbei, allerdings wagte ich es nicht, wiederaufzustehen.
  Der Agent, den ich nicht kannte, hatte sich zu mir gekniet. Er war älter als das restliche Team. Seine Augenbrauen waren breit und er trug einen dünnen Bart auf Oberlippe und Kinn, der den Mund umrahmte. Seine Augen wirkten gnädig und intelligent. Ich hatte ihn bereits gesehen. Er hatte einst einen Gastvortrag an der Universität gehalten. An seinen Namen konnte ich mich jedoch nicht erinnern.
  „Frau Heider“, sagte er. „Ich hatte gerade Paul Woudig am Telefon. Er hat Sie erkannt und möchte mit Ihnen reden.“
  „Rossi, nein“, bat Reid ihn.
  „Reid, es ist in Ordnung, ich denke sie kann selbst entscheiden …“, versuchte es Agent Jareau.
  „Ich lasse NICHT zu, dass es wie mit Maeve wird! Bitte, sie muss weg! Sie muss in Sicherheit!“ Er schien den Tränen nah. Sein Flehen war in Verzweiflung umgeschlagen. Morgan legte Reid den Arm auf die Schulter, der diesen jedoch abschüttelte.
  „Ich stimme Reid zu. Ich glaube nicht, dass sie dazu in der Lage ist“, sagte Agent Hotchner.
  „Sir?“, meldete sich ein Polizist. „Wie ist das weitere Vorgehen? Starten wir einen erneuten Zugriff?“
  Agent Rossi half mir auf die Beine. Ich glaubte, mich erinnern zu können, sein Buch gelesen zu haben. Danach trank ich einen großen Schluck aus der Wasserflasche, um den Geschmack nach Erbrochenem wegzuspülen. Es funktionierte nur minder gut.
  „Ich werde es machen. Ich werde mit ihm sprechen.“ Nachdem ich dies gesagt hatte, vermied ich alle auf mich gerichteten Augenpaare. Spencers Blick wich ich am allermeisten aus. Mir wird nichts geschehen. Ich habe überlebt und ich werde auch weiter leben.
  „Jasmin, nein! Nein! Rossi, Hotch! Ihr könnt sie das nicht tun lassen!“ Es tat in meinem Herzen weh, ihn so sehen zu müssen, sogar der Grund für seine Verzweiflung zu sein. Wie sehr wollte ich ihn beruhigen, ihn in den Arm nehmen. Ich hätte ihn auch vor all den Leuten geküsst, wenn es ihm nur besser gegangen wäre. Aber jetzt zu gehen und die Chance auf die Rettung eines Lebens durch mich zu verpassen, war mir unmöglich. Ich konnte Alice helfen, wie ich es bei Linda nicht geschafft hatte.

„Haben Sie das verstanden?“, fragte der dunkelhaarige Agent ein letztes Mal. Ich hielt seinem zweifelnden Blick stand und nickte. Es wurde Zeit, mich zu beweisen. Ein letztes Mal sah ich zu Reid herüber. Er saß zusammengesunken auf der Motorhaube eines Streifenwagens. Morgan und Agent Jareau waren bei ihm und versuchten, ihm gut zuzureden. Keiner der beiden nahm meinen Blick wahr.
  Agent Rossi wählte die Nummer und reichte mir das Telefon. Tuuuuuuut – tuuuuuuuuut – tuuu…
  „Hallo, Prinzessin.“
  Seine Stimme zu hören, brachte mich mehr aus dem Konzept, als ich es für möglich gehalten hatte. Für den Bruchteil einer Sekunde stand ich wieder im Park, spürte die Stoppeln seines Bartes und das feuchte Blut auf seinem Pullover. Doch ich fasste mich.
  „Paul, endlich kann ich mit dir reden. Sie wollten mich nicht ans Telefon lassen, weißt du.“ Ich versuchte süß zu klingen, aber die extreme Abneigung gegen diesen Menschen, machte es mir fast unmöglich.
  Er ließ sich Zeit mit der Antwort. „Wieso bist du bei denen?“
  „Wieso bist du im Haus dieser Frau?“ Die Gegenfrage war nicht geplant gewesen und mich trafen die alarmierten Blicke der Agents um mich herum.
  „Sie war es! Sie hat meinen Vater verführt, diese miese Schlampe, aber das werde ich ihr nicht durchgehen lassen, nein, nein!“
  Ich hatte Panik, dass er auflegen würde. „Paul, Paul, lass uns reden, lass uns die Menschen, um uns herum vergessen. Sind es nicht eigentlich nur wir beide, die zählen?“ Ich schluckte, denn ich wusste, dass der nächste Satz wahr war: „Ich werde dich nie vergessen, Paul.“
  Die Art wie er atmete veränderte sich, es klang lüsterner.
  „Du bist ein schlauer Mann und ein großer Künstler. Möchtest du meine Arme sehen? Möchtest du sehen, wie sie heute aussehen?“
  Er lachte. „Ich könnte dich krönen! Dann würde alle Welt sehen, dass du meine Prinzessin bist!“
  Ich musste schlucken. „Das wäre wunderbar, aber ich fürchte, die Polizei wird mich nicht gehen lassen.“
  „Ich kann machen, dass sie dich gehen lassen. Ich kann machen, dass sie die Schlampe schreien hören. Ich werde sie so lange schreien lassen, bis du gehen darfst.“
  „Lebt sie noch?“ Die Frage konnte ich nicht unterdrücken.
  „Was interessierst du dich so für SIE?“ schrie er verärgert. Das Handy wäre mir vor Schreck beinah aus den Fingern geglitten. Ich schloss kurz die Augen, um mir bewusst zu machen, dass ich nicht versagen durfte. Du kannst das!
  „Ach Paul, ich gebe zu, ich bin eifersüchtig. Aber ich weiß, dass du eigentlich mich willst.“
  Ich hörte, wie er sich bewegte. „Halt den Mund, Bitch!“ Zuerst dachte ich, dass er mich meinte und mein Kommen doch ein riesiger Fehler gewesen war, für den ich nun bezahlen musste. Dann jedoch drang ein Wimmern an mein Ohr. Alice Scanner war definitiv am Leben! Er hatte zu ihr gesprochen. Ich formte mit meinen Lippen die Worte sie lebt, obwohl die anderen es wahrscheinlich auch gehört hatten.
  Das Wimmern wurde stärker, er hielt das Telefon anscheinend in Alice Nähe. Ich konnte genau hören wie verzweifelt sie war, wie ihre Hoffnung schwand. Dieses Geräusch war so furchtbar, so markerschütternd, dass ich Angst hatte, wahnsinnig zu werden, wäre ich gezwungen länger zu lauschen. Mein Körper wurde von Tränen geschüttelt, gegen die ich den Kampf verlor. Ich musste mir so stark auf die Lippe beißen, dass diese zu bluten begann, um nicht zu schluchzen.
  „Vergiss sie. Sie ist nichts wert!“, versuchte ich ihn von seiner Gefangenen abzubringen. „Wenn du sie gehen lässt, lässt man mich frei und wir können endlich zusammen sein.“
  „Wieso bist du nicht früher zu mir gekommen? Jetzt ist die Polizei dabei und das gefällt mir nicht. Nein, nein, das gefällt mir nicht! Du musstest ja die Bullen mitbringen.“ Seine Wut wurde nicht gelindert, sondern baute sich weiter auf. Ich nahm Geräusche wahr, die ich nicht zuordnen konnte, es war ein wildes Knistern am anderen Ende. Dann hörte ich wie er tief atmete und einmal lüstern aufstöhnte.
  Vor meinem inneren Auge erschien die Erinnerung, wie er mich von hinten festgehalten und meinen Geruch tief in sich eingesogen hatte. Ich erschauderte und krallte mich mit der freien Hand in meinen Oberarm. Die Tränen flossen in Strömen über mein Gesicht. Wie sollte ich das aushalten? Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Agent Rossi stand dicht neben mir und hielt einen dunklen Regenschirm über uns, doch ich fühlte mich komplett durchnässt von Tränen und Schweiß.
  Am anderen Ende der Leitung versuchte Alice sich gegen Woudig zu wehren, ich konnte es genau hören, wie sie schreien wollte, aber nur gedämpfte Laute herauskamen – sie musste geknebelt sein.
  „Paul, bitte, hör mir zu. Ich wollte zu dir kommen, aber ich konnte dich nicht finden. Hör auf meine Stimme, dann merkst du, dass ich nicht lüge. Ich könnte dich doch nie anlügen.“ Ich bemerkte das Zittern in meiner Stimme, konnte es aber nicht mehr unterdrücken. „Du wolltest mit mir sprechen. Was wolltest du mir sagen?“ Als ich das frage, fühlte ich plötzlich warme Finger auf meinen Kalten, die sich weiterhin in meinen Arm bohrten. Ich brauchte nicht hinzusehen, ich wusste, dass es Spencers Hände waren. Sofort entspannte ich mich. Er nahm meine Hand in die seinen. In diesem Moment wusste ich, dass ich ihn liebte.
  „Uns verbindet etwas Besonderes, findest du nicht?“, dröhnte die rauchige Stimme aus dem Handy. „Es war kein Zufall, dass wir uns über den Weg gelaufen sind. Du bist meine Prinzessin und ich möchte dich zu meiner Königin machen.“
  Reid flüsterte mir etwas zu.
  „Ich werde dein sein, wenn du Alice gehen lässt. Ich kann dich in 10 Minuten an der Hintertür treffen – keine Cops, versprochen.“
  „Ich werde darüber nachdenken. In 10 Minuten hast du meine Antwort, Liebste.“ Dann legte er auf.
  Man musste mir das Handy aus den verkrampften Finger nehmen, weil ich mich nicht rühren konnte. Hatte ich es verdorben? Ich bekam kaum mit, was um mich herum geschah. Überall waren Stimmen und es schien eine allgemeine Aufregung zu herrschen. Jemand schob mich vorwärts in Richtung des Hauses, ich glaube es war Morgan. Verwirrt ließ ich es geschehen. Wohin war Reid verschwunden?
  Ich wischte mir mit dem Ärmel meiner Jacke die Wangen trocken, die sogleich wieder von den Regentropfen feucht wurden. Würde er Alice tatsächlich gehen lassen?
  Ein Ruf riss mich aus meinen Gedanken. Alle blickten auf das erleuchtete Fenster. Es hatte sich geöffnet. Ehe jemand begreifen konnte, was geschah, erschien Paul Woudig. Er trug Alice vor sich.
  „Ich gebe euch die Schlampe“, schrie er und warf die hilflose Frau mit einer unglaublichen Geschwindigkeit hinaus. Wie in Zeitlupe sah ich sie fallen. Ich schrie und wendete mich ab. Ich wollte nicht sehen, wie sie auf dem Boden aufkam. Was habe ich getan? Hatten meine Worte ihn dazu bewegt? Nichts wollte ich mehr hören oder sehen, wollte weg von diesem furchtbaren Ort. Hätte ich nicht bei meinen Freundinnen blieben können? Nein, ich musste mich ja einmischen! Musste die Heldin spielen!
  Während das Chaos um mich herum ausbrach, Leute zu Alice rannten und Agents begannen, das Haus zu stürmen, wurde mir gewahr, dass ich zum Hintereingang musste. Ich wollte um keinen Preis herausfinden, was passieren würde, wenn Woudig mich nicht dort vorfand. Vielleicht war es auch jetzt egal, aber eventuell konnte ich ihn doch davon abhalten, andere zu verletzten.
  So schnell mich meine Füße trugen sprintete ich über den Rasen. Jemand rief nach mir, allerdings ignorierte ich es. Sobald ich um die Hausecke bog, erkannte ich, dass es zu spät war. Reid stand mit gezogener Waffen vor einem wutentbrannten Paul Woudig, der Agent Jareau in seiner Gewalt hatte. Er hielt sie genauso fest, wie er mich gehalten hatte, von hinten, das Messer an der Kehle.
  „Lassen Sie das Messer fallen! Ich sage es nicht noch einmal!“ Ich hatte Reid noch nie so wütend gesehen.
  „Er hat Recht, du musst das Messer fallen lassen“ hörte ich mich sagen. Woudig drehte sich zu mir und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Sein Aussehen war anders, als ich es in Erinnerung hatte. Er hatte sich den Bart abrasiert, dafür waren seine Haare länger und lockten sich. Am merkwürdigsten war, dass er eine dunkelviolette Anzughose trug.
  „Oh, Prinzessin, hallo noch mal. Es gefällt mir nicht, was du mit deinen Haaren gemacht hast. Außerdem hast du dein Versprechen gebrochen.“ Er klang ganz ruhig.
  „Wage es nicht sie so zu nennen!“, schrie Reid. Er sah aus, als wäre er kurz davor zu schießen. Doch selbst ich als Laie konnte erkennen, wie riskant das war. Ein Polizist kam hinter mir um die Ecke gelaufen. Sobald er erkannte, was geschah hatte er die Waffe auf Woudig gerichtet.
  „Wie soll ich sie nicht nennen?“ Der Täter blicke zwischen mir und Reid hin und her. Er grinste. „Aber sie ist doch meine Prinzessin, nicht wahr, Prinzessin?“ Er hatte sich so viel bewegt, dass Blut begann, an Jennifers Hals herabzulaufen.
  „Paul, es ist nicht so, wie du denkst. Er“, ich zeigte auf Reid, „wollte mich nicht gehen lassen, er ist eifersüchtig, auf die Verbindung, die wir haben. Mach mich stolz und lass das Messer fallen. Dann können wir zusammen verschwinden.“
  Ich glaube, er wollte das Messer tatsächlich wegnehmen, auf jeden Fall machte er eine Bewegung, die danach aussah. Im selben Moment öffnete sich die Tür hinter ihm. Erschrocken machte er eine halbe Drehung und drückte das Messer wieder näher. Ein Schuss und ein Schrei zerrissen gleichzeitig die Luft. Zwei Sekunden später lag Paul Woudig am Boden.
  Er versuchte, auf mich zuzukriechen, winselte „Prinzessin“, wurde jedoch von mehreren Agents und Polizisten davon abgehalten. Ich sah, dass er viel Blut verlor und wusste nicht, ob ich diese Tatsache gut oder schlecht fand.
  Reid und Agent Jareau lagen sich in den Armen. Hotchner kam um die andere Ecke des Hauses gelaufen. Ein Polizist legte dem jammernden Woudig Handschellen an. Sirenen näherten sich, wahrscheinlich ein Krankenwagen. Und ich konnte bloß dastehen und versuchen zu begreifen, dass es vorbei war.
  Aber die traurige Wahrheit ist, dass es niemals wirklich vorbei sein würde. Die Narben dessen, was ich erlebt hatte, würden mich mein Leben lang begleiten. Wieder konnte ich die Tränen nicht zurückhalten.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand, weinend im Regen. Irgendwann kam Morgan und brachte mich zum Auto. Bis dahin hatten sie Woudig längst abtransportiert. Erst als der Agent den Motor startete, fand ich meine Sprache wieder.
  „Alice, geht es ihr gut? Hat sie … überlebt?“ Ich hörte mich wie eine fremde Person an.
  „Sie hat es überstanden und das nicht zuletzt dank deines Einsatzes.“ Da ich diesmal vorne saß, konnte ich ihn direkt ansehen. Er schien es erst zu meinen. Ich habe es nicht noch schlimmer gemacht?
  „Du hast ihn aus dem Haus gelockt! Das war mehr, als wir gehofft hatten.“
  „Danke, Derek. Für alles, was du heute für mich getan hast.“
  Er blickte kurz zur Seite, schüttelte den Kopf, als würde er eine Aussage verwerfen und konzentrierte sich dann wieder auf die Straße.
  Nach einer Weile des Schweigens, wir hatten fast meine Wohnung erreicht, sagt er: „Es tut mir übrigens leid, dass Reid nicht mitkommen konnte, um dich nach Hause zu bringen. Hotch wollte, dass er mit ihm ins Hauptquartier fährt.“
  Der Gedanke schmerzte. Ich hatte nicht einmal die Chance gehabt, mit Spencer zu reden, geschweige denn ihn zu berühren. Obwohl ich eine Berührung sehr dringend gebraucht hätte.
  „Wie viel Uhr haben wir eigentlich?“, fragte ich gähnend. Ich spürte wie schwer meine Augenlider waren. Die Fahrt hatte mir meine Erschöpfung verdeutlicht. Morgan schaltete eine Anzeige am Armaturenbrett um.
  „04:17“, murmelte er.
  Dass es so spät war, verwunderte mich keineswegs. „Glaubst du er wird es überleben?“
  Der Agent seufzte. „Ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Aber das spielt keine Rolle. Du wirst ihn so oder so nie wiedersehen müssen.“
  Wir bogen in meine Straße ein und hielten direkt vor der Haustür.
  „Schlaf dich aus und genieße die Freiheit. Du wirst von nun an keinen Polizeischutz mehr brauchen.“ Werde ich auch euch nicht mehr brauchen? Was wenn morgen ein neuer Fall kommt und danach wieder und wieder? Und ich Reid nie mehr sehe?
  „Danke nochmal und auf Wiedersehen“, sagte ich beim Aussteigen mit einem vorgetäuschten Lächeln. Ich wendete mich ab und hatte beinah die Tür erreicht, als ein Hupen mich zusammenzucken ließ. Morgan hatte das Fenster runtergelassen und rief mir mit einem strahlenden Lächeln entgegen: „Du hast deine Handtasche auf dem Rücksitz liegen lassen.“
  Als ich mich in den Wagen lehnte, um meine Tasche zu holen, sagte er: „Darin ist ein Zettel mit meiner privaten Nummer. Ich kann nichts versprechen, aber falls du jemanden zum Reden brauchst …“
  Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Womit hatte ich diese Nettigkeit verdient? „Das ist … wow, danke!“
  „Keine Ursache. Und Jasmin?“ Ich wollte gerade die Autotür schließen und hielt in der Bewegung inne. „Reid wird sich melden, da bin ich mir sicher.“

Kapitel 7

Epilog

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