7. Die Farbe der Lichter in der Dunkelheit
Kapitel
Ein lautes Schlürfen kündigte an, dass ich schon wieder am Boden des Cocktails angelangt war. Wie viele hatte ich jetzt getrunken? Eins, zwei… drei, das war der dritte gewesen. Mit dem kleinen Holzstäbchen stocherte ich in den übrig gebliebenen Limetten und beobachtete meine Freunde. Der letzte Abend mit uns allen zusammen war sehr lange her. Seit meiner … seit der einen Nacht, war es das erste Mal.
Puh, der Alkohol wirkte mittlerweile, wahrscheinlich weil ich ihn nicht gewohnt war. Mehr sollte ich absolut nicht trinken, mein Körper war weiterhin angeschlagen und ich war sowieso unsicher, wie dieser sich mit den restlichen Medikamenten vertrug, die ich immer noch nehmen musste. Im dämmrigen Licht warf mir Tessa ein breites Lächeln zu. Es war ihr Geburtstag, daher hatten wir uns hier eingefunden.
Sie trug roten Lippenstift, der etwas verwischt war und hatte die Augen schwarz umrahmt. Wir hatten ihr ein glitzerndes Partyhütchen mitgebracht, welches weiterhin auf ihrem Kopf thronte. Sie hob fröhlich ihr Glas und rief: „Ich stoße auf Jasmin an, der es endlich besser geht! Ich bin so froh, dass du hier bist!“ Die restlichen fünf Freundinnen jubelten und plötzlich waren alle Augen auf mich gerichtet.
Es war ein schöner Moment, ich genoss es einfach hier zu sitzen, zu trinken und Spaß zu haben, das alles lenkte von den tausenden Gedanken in meinem Kopf ab. Das war auch der Grund, wieso ich mein leeres Glas erhob, Tessa einen Luftkuss zuwarf und in den Jubel einstimmte. Als wir eine weitere Runde bestellten, setzte ich aus, die Stimmung war so angeheitert, dass es niemand bemerkte. Irgendjemand teilte der gesamten Runde mit: „Natürlich geht es ihr besser. Sie hat ja jetzt einen Freund!“
Danke, dass du mich an ihn erinnerst. Drei Tage waren vergangen seit Spencer Reid mich besucht hatte und seitdem hatte ich nichts von ihm gehört. Drei weitere Tage, in denen Paul Woudig verschwunden war. Ich hatte niemanden erzählt, dass der Streifenwagen vor der Tür meinem Schutz galt und dass die Nummer des Beamten draußen auf Kurzwahl in meinem Handy eingespeichert war.
„Er ist nicht mein Freund“, verteidigte ich mich wild gestikulierend, gegen den auf mich einprasselnden Sturm von Fragen.
„Aber ihr habt euch getroffen!“ Wer erzählt immer diese Gerüchte? Natürlich, das war Lisas Stimme, sie war mit Hannah befreundet. Zum Glück war meine Mitbewohnerin heute nicht da, sie hätte dieses Thema zwei Stunden eher angesprochen. Ich beschloss sie aufzuklären, was blieb mir anderes übrig?
„Ich gehe nicht mit ihm aus“, stellte ich fest. „Aber du hast Recht, ich habe einen Mann getroffen … Weil er vom FBI ist und an meinem Fall arbeitet! Mehr läuft da nicht, er kommt bloß und befragt mich oder hält mich auf dem Laufenden.“ Sobald ich von meinem Fall sprach, wurde es plötzlich sehr still, als hätte ich die Anwesenden daran erinnert, was mir widerfahren war. Lisa, die eindeutig am betrunkensten war, schien den Stimmungsumschwung nicht zu bemerken.
„Er hat dich nur befragt? Und was hat er dich so alles gefragt?“ Sie kicherte. „Nun komm schon beschreibe ihn uns!“ Irgendwie war es gut, dass es jemanden gab, der uns ans Lachen erinnerte. Beinah hätte ich ihr geraten seinen Namen im Internet zu suchen, aber ich wusste nicht, wie sie reagieren würde, wenn sie herausfände, wie intelligent Spencer war. Außerdem würde sie den Altersunterschied wahrscheinlich seltsam finden. Daher gab ich nach und geriet ungewollt ins Schwärmen:
„Also irgendwie hat er sich von Anfang an sehr um mich gekümmert, hatte Verständnis, wenn … wenn die ganze Situation schwierig für mich wurde. Und diese braunen großen Augen! Die kann ich nicht mehr vergessen.“
Tessa war aufgestanden, um mich von der Seite fest zu umarmen. Dabei wäre sie fast über ein Stuhlbein gestolpert, was die Umarmung etwas holprig machte und mich schmerzhaft an meine Verletzungen erinnerte, aber ich hielt sie fest und wir alle lachten laut zusammen.
„Ich freue mich für dich“, murmelte das Geburtstagskind. „Übrigens ist deine Frisur der Hammer.“ Ich bedankte mich, immer noch lachend, obwohl ich mich nur schwer mit den kurzen blonden Haaren anfreunden konnte.
Mir wurden noch ein paar Fragen zu „dem hübschen FBI Agent“ gestellt, dann erzählte jede von ihren Dates. Ein eigentlich sehr schüchternes Mädchen, das ich noch nicht lange kannte und dessen Namen ich ständig vergaß, zeigte plötzlich auf einen muskulösen Mann mit kurz geschorenem Haar, der soeben von der Toilette zurückkam.
„Ich bräuchte nur so jemanden, um glücklich zu sein. Seht euch diese Oberarme an!“ Wie alle anderen drehte ich mich zu dem Mann um, dessen braune Haut im Dämmerlicht glänzte. Er hatte einen schmalen Bart, der den Mund umrahmte und trug ein grau-blaues Hemd mit V-Ausschnitt. Sein Gang erinnerte mich an etwas, an jemanden. Ich brauchte einige Zeit bis ich begriff, dass das Agent Morgan von der BAU war.
Die anderen hatten sich wieder einem Gespräch gewidmet, doch ich konnte meine Augen nicht von ihm lassen. Ich beobachtete, wie er mit kräftigen Schritten ans andere Ende des Raumes ging und sich zu einer nicht minder gutaussehenden Frau setzte, die ihn mit einem Lächeln begrüßte.
„Ich kenne ihn“, platzte es aus mir heraus. „Das ist ein Kollege von Spencer, er ist auch vom FBI! Er war an meinem ersten Krankenhaustag da.“
Das schüchterne Mädchen schaute auf: „Du hast ein Glück“, schwärmte sie, was mich zum Lachen brachte.
„Danke, aber ich glaube mit Glück hatte das Ganze nicht viel zu tun.“
Bei meinen Worten zuckte sie zusammen, als ihr die Sinnlosigkeit ihrer Aussage bewusstwurde. „Entschuldigung“, hauchte sie leise.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, aber lass uns bitte über etwas anderes reden.“ Ich war viel zu angeheitert, als dass ich hätte wütend sein können. Vielleicht war es auch ein ganz kleines mini bisschen Glück gewesen, dass gerade Doktor Reid an diesem Tag zu mir ins Krankenhaus geschickt worden war. Wäre er nicht für mich da gewesen, wer weiß was jetzt wäre?
Irgendjemand hatte eine weitere Runde bestellt und obwohl ich nicht wollte, wurde mir ein Cocktail hingestellt, den ich mit der Zeit, ohne es wirklich zu bemerken, trank. Er war furchtbar süß. Nach ein paar Zügen verabschiedete ich mich kurz zur Toilette. Auf dem Weg dorthin konnte ich einen Blick auf Agent Morgans Tisch werfen. Er saß allein vor einem nicht angefangenen Dessert und seine Begleiterin …? Ich sah mich um und fand sie vor dem Tresen stehend, wie sie bezahlte. Zwei Mal schaute sie dabei hektisch auf die Uhr und bevor ich die Damentoilette erreicht hatte, war sie verschwunden.
Als ich auf eine der Kabinen zusteuerte schlug ich mit meiner Hüfte gegen den Türrahmen und musste mich daraufhin festhalten, um nicht umzufallen. Ich hätte definitiv aufhören sollen zu trinken! Nach mehreren Versuchen hatte ich es geschafft, die Kabinentür zu verriegeln. Seufzend fummelte ich an meinem Hosenknopf herum und plumpste dann auf die Brille. Nachdem ich fertig war, mir die Hände gewaschen und getrocknet hatte, ging ich nicht direkt zu unserem Tisch zurück, sondern steuerte auf den einsamen FBI-Agent zu, der noch am selben Platz saß. Das Dessert hatte er nicht angerührt.
Er bemerkte mich erst spät. „Agent Morgan? Erinnern sie sich an mich?“ Ich stand hinter dem Stuhl, auf welchem seine Begleiterin eben gesessen hatte. Blöde Frage, wie sollte er sich an mich erinnern? Ich habe ihn ja selbst kaum erkannt!
„Entschuldigen Sie, aber wer …?“
„Jasmin Heider“, unterbrach ich ihn. Ein Kichern konnte ich gerade noch unterdrücken. Seine Augenbrauen verengten sich fragend.
„Ich bin die Überlebende“, sagte ich leise. Um es noch deutlicher zu machen, schob ich meinen Ärmel nach oben, sodass er die vernarbten Arme sehen konnte. Das hätte ich nüchtern nie getan.
Anschließend setzte ich mich unaufgefordert, weil ich sicher war, dass er mich jetzt erkannte. Der Agent verlor seinen strengen Blick und lächelte amüsiert.
„Reid redet ständig von Ihnen.“
Tat er das? Mein Herz machte einen Satz und ich spürte, wie ich rot wurde.
„Aber er hat mir nicht gesagt, dass Sie jetzt eine Blondine sind.“
Ich fuhr mir durch das ungewohnt kurze Haar. „Ich brauchte eine Veränderung“, gab ich zu.
„Keine Sorge, es steht Ihnen“, fügte er sofort zwinkernd hinzu. „Aber wieso haben Sie Reid nichts davon erzählt?“ Denkt er etwa auch, dass wir ein Paar sind? Für solch eine Kleinigkeit würde ich ihn nicht anrufen, das wäre mehr als unangebracht.
„Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass das Arschloch mich so nicht findet.“ Wieso erzählte ich ihm das?
„Das Arschloch?“, fragte er lachend.
„Ich meine Paul Woudig.“ Etwas Trotz lag in meiner Stimme. Oh Gott, ich benahm mich wie ein kleines Kind!
Bevor er etwas sagen konnte, redete ich weiter: „Seit wann sind Sie wieder hier? Das Team meine ich.“
Der Agent gähnte. „Seit ein paar Stunden.“
Plötzlich war mir die ganze Situation peinlich. „Ich wollte Sie übrigens nicht stören. Ich sah nur, dass Sie allein waren.“
„Bleiben Sie ruhig sitzen. Es ist schön, sich einmal richtig mit Ihnen unterhalten zu können.“ Bei diesen Worten hatte er wieder dieses verschmitzte Lächeln aufgesetzt. Was meinte er mit „richtig“? War dies eine Anspielung auf unser erstes Treffen? Was hatte ich denn unter Medikamenteneinfluss von mir gegeben?
„War es so schlimm, im Krankenhaus meine ich?“ Unter normalen Umständen hätte ich mich nicht getraut dieses Thema anzusprechen, doch der Alkohol machte mich mutig.
Jetzt lachte mein Gegenüber laut und ich blickte beschämt auf das zusammenfallende Dessert. Ob ich es vielleicht an seiner Stelle essen durfte? Agent Morgan musste meinen Blick bemerkt haben, denn er schob den kleinen Teller zu mir und reichte mir den Löffel.
„Es war nicht schlimm, Sie haben Reid nur ganz schön in Verlegenheit gebracht.“
„Ich habe kaum Erinnerungen“, sagte ich, den Mund voll Puddingcreme mit Schokostreuseln.
„Nun, sie nannten ihn das Schönste was Sie je gesehen haben.“ Er grinste breit.
Ein Schokostreusel war in meine Luftröhre gelangt und ich musste so laut husten, dass sich ein junges Pärchen zu mir umdrehte. Das war alles so peinlich. Konnte ich mich nicht zusammenreißen? Aber er ist wunderschön …
Mir wurde schnell ein Wasser gebracht, welches ich mit einem Zug leerte. „Das waren die Schmerzmittel, ich bin sonst nicht so“, versicherte ich dem Agent, ohne mir der Ironie bewusst zu sein. Ich wollte noch etwas sagen, doch hatte es vergessen. Stattdessen löffelte ich verlegen weiter die Puddingcreme.
„Wissen Sie Jasmin, Sie haben etwas in Reid ausgelöst. Er versucht es zu verbergen, doch wir – das BAU-Team – sind wie seine Familie, wir bemerken die noch so kleinen Veränderungen. Ich bin sicher, dass er Sie ebenso mag.“
Wieso ebenso? Ich habe doch gar nichts von meinen Gefühlen erzählt! Wenn man sich mit einem Profiler unterhielt, fühlte man sich lesbar wie ein Buch. Trotzdem klang das, was er sagte wie eine Melodie in meinen Ohren und mein Herz schlug schneller und schneller.
„Ich dachte … ich dachte, dass er so nett zu mir sein muss, da es eben sein Job ist. Sie sind schließlich auch freundlich zu mir, obwohl ich mich etwas dreist zu Ihnen gesetzt habe.“ Ich machte eine Pause. „Wieso zeigt er es nicht, wenn er wirklich Interesse hat?“, fügte ich leise hinzu.
Der Agent lachte. „Wissen Sie, ich denke, dass er das bestimmt auf seine ganz eigene Art bereits getan hat. Er hat Ihre Hand gehalten, obwohl er nicht gerne Körperkontakt zu Fremden hat und er arbeitet noch härter an diesem Fall als sonst irgendjemand. Er will Paul Woudig um jeden Preis festnehmen, um Sie zu beschützen. Doch ich fürchte, bei ihm müssen Sie den ersten Schritt machen.“
Agent Morgan stand auf und klopfte mir auf die Schulter. „Und jetzt bringe ich Sie zu Ihrem Tisch zurück.“
Ich wollte nicht aufstehen, einerseits weil mein Magen den süßen Nachtisch weniger gut vertragen hatte als erhofft und andererseits, weil ich mehr dieser verführerischen Worte über Spencer hören wollte.
„Bitte hören Sie nicht auf diese tollen Sachen zu sagen“, platze es aus mir heraus. Oh, ich war betrunkener als erwartet. Hoffentlich konnte ich mich morgen an alles erinnern. Der große muskulöse Mann hielt inne und sah mich intensiv an.
„Wird man Sie denn nicht vermissen?“ Unsicher reckte ich den Hals, um einen Blick auf den Tisch mit meinen Freundinnen zu haben. Natürlich hatten sie bemerkt, wo ich war, und Tessa winkte wild, sobald sie meinen Blick registrierte. Ich zwinkerte zur Antwort und wendete mich wieder an den Agent:
„Es war ein schöner Abend, aber bei Ihnen gefällt es mir besser“, ich musste kichern, als ich bemerkte wie das klang. „Nach dem, was mir passiert ist, kommen mir die Probleme von ihnen so unbedeutend vor. Und trotzdem kann ich das Leben nicht genießen, weil dieser Kerl noch irgendwo herumläuft. Der einzige Mensch, der das zu verstehen scheint, ist Spencer, doch eigentlich kenne ich ihn überhaupt nicht. Und Sie kenne ich noch weniger und trotzdem erzähle ich Ihnen das alles.“ Ich lächelte entschuldigend.
Agent Morgan ließ sich wieder auf dem Platz mir gegenüber nieder. „Wir wollen diesen Mann auch unbedingt fangen, selten konnte sich jemand so lange vor uns verstecken. Glauben Sie mir, uns alle lässt dieser Mörder nicht los, dies ist keiner der gewöhnlichen Fälle. Doch wir werden ihn kriegen.“
„Danke“, hauchte ich. „Die Nächte sind das Schlimmste. Ich weiß, dass ich gleich von einem Polizisten nach Hause gebracht werde und doch macht der Gedanke an die drei Stufen zur Haustüre und der Weg allein durchs Treppenhaus mir schreckliche Angst.“ Mein Magen grummelte laut aus der Tiefe und ich entschuldigte mich kurz, ohne auf eine Antwort zu warten. Mit wackligen Beinen stand ich auf und lief eilig in Richtung WC-Tür. Dieses Mal schaffte ich es, ohne mir wehzutun in eine Kabine und stieß beinah mit Lisa zusammen, die mir entgegentaumelte.
„Jasmin!“, lallte sie überrascht. Was sie danach sagte ging im Geräusch einer Toilettenspülung unter. Ich ignorierte sie und stieß die Tür, ohne abzuschließen hinter mir zu. Irgendwie war ich auf Knien gelandet und beugte mich über die Schüssel. Doch es kam nichts. Innerhalb von ein paar Minuten beruhigten sich meine Verdauungsorgane und ich rappelte mich vom kalten Boden auf.
Lisa, die ihr ganzes Gewicht auf dem Waschbecken abstützte, hatte auf mich gewartet.
„Bei mir hats auch nicht klappt“, sagte sie undeutlich. Dann griff sie sich meinen Arm und „flüsterte“ in meine Richtung: „Ich hoff du kriggst deinen Agenten.“
Ich tätschelte ihren Arm und hielt so gut es ging die Tür auf. Es war beruhigend nicht die Betrunkenste zu sein.
„Lasst sie nicht noch mehr trinken“, ermahnte ich die Anwesenden, die mich laut und überschwänglich begrüßten, als sei ich stundenlang weg gewesen. Dann suchte ich meine Handtasche unter dem Tisch.
„Ihr Süßen, ich werde mich jetzt auf den Weg machen“, verabschiedete ich mich. Ich legte ausreichend Geld auf den Tisch und wollte mich abwenden, aber jemand hielt mich fest. Tessa war aufgestanden und drückte mir den süßen Cocktail in die Hand.
„Trink noch mit uns, bitte.“ Sie war ein ganzes Stück kleiner und schaute mich spielerisch aus traurigen Hundeaugen an. Ohne nachzudenken, nahm ich das Glas, trank einen Schluck und verabschiedete mich.
„Wir sehen uns in der Vorlesung.“ Tessa nickte nur, ihr Lippenstift war endgültig verschwunden, aber sie hatte sich die Augen nachgeschminkt. Ich wusste, dass sie verstand, warum ich ging, denn auch wenn wir uns in letzter Zeit selten gesehen hatten, war sie eine meiner engsten Freundinnen. Ich winkte in die Runde, warf mir meine Jacke über und lief zu Agent Morgan zurück. Weil es irgendwie anstrengend war zu stehen, setzte ich mich.
„Agent Morgan, es war schön Sie zu treffen, doch ich muss mich jetzt auf den Weg machen. Ich habe Sie schon lange genug aufgehalten.“
Bevor er etwas sagte, nahm er mir mit diesem ganz speziellen Lächeln den Cocktail ab und stellte ihn weit von mir weg.
„Ich bin fasziniert davon, wie gut Sie sich noch ausdrücken können. Sie haben mehr mit Reid gemeinsam als sie vielleicht denken.“ Wieso war er so nett zu mir?
„Ich kann nicht aufhören, an ihn zu denken.“ Mein Satz war kaum zu verstehen gewesen, weil ich mein Kinn auf beide Hände gestützt hatte, sodass sie den Mund verdeckten, aber Agent Morgan war ein guter Zuhörer.
„Da kann ich Ihnen leider nicht helfen“, sagte er breit grinsend.
„Bitte lassen Sie uns du sagen. Ich bin Jasmin, wie Sie wissen.“ In diesem Moment bemerkte ich gar nicht mehr wie unzusammenhängend meine Sätze waren.
„Derek, doch eigentlich nennt man mich meistens Morgan.“ Er hatte nicht aufgehört zu grinsen. Kurz bemerkte ich, dass er mit seinem Smartphone beschäftigt war, doch dann hatte er es wieder in der Hosentasche verschwinden lassen.
„Sie sehen aus wie ein Model, Derek Morgan, warum lässt Ihre … deine Freundin dich dann sitzen?“
Er wurde ernster und das Lächeln erstarb. „Es sind unsere Jobs, die es kompliziert machen“, war das Einzige was Derek dazu antwortete. „So und jetzt bringe ich dich nach Hause“, sagte er und stand auf. Nachdem er an der Bar bezahlt hatte, half er mir auf und wir verließen das Lokal durch den Seiteneingang. Ich war froh darüber, nicht noch einmal an meinen Freundinnen vorbeizumüssen, ansonsten wäre ich wahrscheinlich in Erklärungsnot gekommen.
Im Auto wäre ich fast eingeschlafen, doch Morgan hörte so laut Rap-Musik, dass ich die Augen nicht lange geschlossen lassen konnte. Der Polizist hatte nicht begeistert gewirkt als Morgan mit ihm gesprochen hatte, doch schließlich war er aufgebrochen. Vielleicht war er froh, zumindest für ein paar Stunden von der langweiligen Arbeit befreit zu sein. Verschwommene Lichter rauschten an mir vorbei, leuchtende Reklame und rote und grüne Ampeln. Regen lief die Scheiben hinunter, wie große traurige Tränen, wurde zu Pfützen in den Unebenheiten der Straße. Menschen spannten ihre Schirme auf, drängten sich unter Vorsprünge und hechteten in Sicherheit. Es waren keine Sterne zu sehen und in der Dunkelheit des Himmels sah ich auch keine Wolken.
Plötzlich erwachte ich aus meinen Gedanken. „Du kennst meine Adresse gar nicht!“, stellte ich fast panisch fest. Aber vielleicht hat der Polizist sie ihm gesagt!
„Du wirst gut ankommen“, rief Morgan über die Musik hinweg und ich versuchte, wieder zu entspannen. Kurze Zeit später, vielleicht zehn Minuten – ich hatte nicht auf die Uhr gesehen – wurde der Wagen langsamer und parkte an einem Seitenstreifen. Ich kannte die Umgebung nicht.
„Morgan, wo sind wir?“
„Ich konnte doch nicht verantworten, dass du alleine bist, deshalb habe ich dich hergefahren.“
Er schaltete den Motor aus und schnallte sich ab. Mit einem großen Fragezeichen im Gesicht beobachtete ich, wie er ausstieg und mir die Tür öffnete. Er hatte mich doch nicht etwa zu sich nach Hause gefahren? Unsicher stieg ich aus und folgte dem wieder breit lächelnden Agent zu einem Hauseingang. Es war ein älteres Gebäude aus weiß gestrichenem Backstein, in einigen Fenstern brannte noch schwaches Licht. Lichter in der Dunkelheit.
Stumm deutete Morgan auf ein verblasstes Klingelschild. Ich musste nähertreten, um es lesen zu können. Reid stand dort in schmalen Buchstaben und bevor ich begriff was geschah, hatte Derek darauf gedrückt. Er machte schnell drei Schritte zurück und flüsterte: „Dank mir später.“
Es dauerte drei, vier, fünf Herzschläge bis die Tür ein klägliches Summen von sich gab. Meine Hand hatte wie von selbst den Weg auf die Klinke gefunden und drückte mit unerwarteter Kraft. Morgan stand jetzt vor seinem Auto immer noch lächelnd und winkte zum Abschied. Wann hatte er das geplant?
Der Flur war breiter als gedacht, doch etwas spärlich beleuchtet. Vorsichtig stieg ich die Stufen hinauf, ohne zu wissen in welche Etage ich eigentlich musste. Zum Glück fühlte ich mich nicht mehr ganz so benebelt wie im Lokal, aber hätte ich klar denken können, wäre ich auf der Stelle umgekehrt. Ich meine das alles war lächerlich! Wieso sollte Spencer Reid mich unangekündigt zu so später Stunde und zudem angeheitert willkommen heißen? Bereits als ich das Ende der ersten Treppe erreicht hatte, sah ich, dass eine Wohnung einen Spalt offenstand, aus dem Licht in den Flur drang. Ich konnte kein Namensschild ausmachen, nur die Nummer 23, die jemand an die Wand gepinselt hatte. Ein leiser Ruf drang mir entgegen, sobald ich nähertrat.
„Morgan, komm ruhig herein.“ Ich hatte diese Stimme vermisst. Aber er erwartet Morgan! Was wird er denn sagen, wenn er mich sieht? Mir wurde heiß und mein Herz klopfte stark. In diesem Moment wünschte ich mir, mehr Alkohol getrunken zu haben. Dann wäre es leichter gewesen weiterzugehen. Ich hatte die Tür erreicht, schob sie vorsichtig zur Seite und betrat Spencers Wohnung.
„Es tut mir leid, aber ich bin nicht Morgan.“ Meine Stimme hatte lauter geklungen als beabsichtigt. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, weil ich mir vorstellte, wie bescheuert ich mich verhielt. Ich hatte meine Freundinnen verlassen, um mit einem quasi Fremden FBI Agent wegzufahren und jetzt stand ich in der Wohnung eines anderen Agents, der mir seit Wochen nicht aus dem Kopf ging – wie absurd!
Ich war in einem Appartementraum mit einer kleinen offenen Küche. In der Mitte war eine schwarze Ledercouch auf einem Teppich, dessen Muster mich an meine Großeltern erinnerte. Dann fiel mein Blick auf einen braunen Sessel und ich zählte mehrere vollgestopfte Bücherregale. Alles war recht düster und nur durch eine Leselampe, die hinter dem Sessel stand, und ein paar Kerzen beleuchtet. Ich versuchte die Tür leise hinter mir ins Schloss fallen zu lassen, doch ich war zu sanft, sodass sie nicht richtig einrastete und ich nachdrücken musste, was bloß mehr Geräusche verursachte.
Spencer kam aus einem anderen Raum. Er trug eine dunkelrote Strickjacke, eine Art Pyjamahose und überraschenderweise eine Brille. Als er mich sah hielt er inne.
„Jasmin, was machen Sie hier?“ Er war eindeutig überrascht.
„Morgan hat mich hergebracht, wir haben uns zufällig getroffen.“
Ich machte einen Schritt auf ihn zu.
„Ihre Haare, sie sind blond.“ Das war der erste nicht intelligente Satz, den ich von ihm gehört hatte. Und er brachte mich zum Schmunzeln. Das Genie schien immer noch völlig überrumpelt, also legte ich meine Tasche ab, begann meine Jacke aufzuknöpfen und bemerkte zu spät, dass ich mich damit selbst zum Bleiben einlud.
„Morgan sagte ich dürfe nicht allein sein. Sie lassen mich doch nicht allein Spencer?“ Ich benutzte wie selbstverständlich seinen Vornamen. Wann hat meine Stimme gelernt, so verführerisch zu klingen? Meine eigene Direktheit war mir etwas unangenehm, aber ich war von Morgans Worten beflügelt – und vom Alkohol. Seit Spencer in den Raum gekommen war, war meine Unsicherheit davongelogen.
„Nein, nein …“ Er ging auf mich zu und nahm mir die Jacke ab, die er anschließend über eine Stuhllehne hängte. Es war verdammt süß, wenn er verlegen war. Als wir näher beieinanderstanden schien er die Überraschung langsam überwunden zu haben.
„Sie haben getrunken. Jährlich sterben mehr Menschen durch Alkoholkonsum als durch Verkehrsunfälle.“
„Nur weil ich getrunken habe, kommt mir das Ganze wie eine gute Idee vor.“
Ich machte einen Schritt nach vorne, wir standen nun sehr dicht zusammen.
Ich strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht.
Ich blickte tief in seine Augen, die sich hin und her bewegten.
Ich berührte seine Lippen, die Widerworte geben wollten.
Ich küsste ihn.
Schmetterlinge explodierten in meinem Bauch und fluteten meinen ganzen Körper mit Glücksgefühlen. Spencer entspannte und der Druck auf meinen Lippen verstärkte sich. Meine Hände hatten sich in seinem Nacken verschränkt und seine Arme waren um meine Hüfte geschwungen. Überall wo wir uns berührten schien elektrischer Strom zu fließen. Er war so unglaublich weich und dieser Moment so perfekt, dass ich alles um mich herum vergaß.
Als wir uns lösten war es nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann fanden sich unsere Lippen wieder, diesmal leicht geöffnet. Er schmeckte nach Minze und Honig.
Und ich verlor mich selbst …
Irgendwo ganz tief in meinem Unterbewusstsein klingelte ein Telefon.

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