Was danach geschah – Rotes Haar

6. Rotes Haar

Ich brauchte eine Weile, um Agent Reids Worte zu begreifen. Das neuste Opfer … wie … wie konnte das möglich sein?
 „Bitte erklären Sie es mir. Was haben … hatten wir gemeinsam? Bedeutet das, dass er mich sucht, dass er es auf mich abgesehen hat?“ Alles in meinem Kopf drehte sich. Wann hörte dieser Albtraum endlich auf? Wann hatten sie dieses Monster endlich gefangen? Wann nur?
  Der junge Agent sah mich unsicher an. „Das Opfer hat zwar eine wesentlich dunklere Hautfarbe als Sie, dennoch gibt es eindeutig gewisse Ähnlichkeiten …“ Er sprach schnell, als hielte er ein Referat. „…wie die Größe, den Körperbau oder das schöne rote Haar.“ Das schöne rote Haar?
  Im exakt selben Augenblick blickte das junge Genie zu Boden und mir schoss das Blut in die Wangen. Wie war es möglich, dass er meinen Herzschlag nicht hörte?
  „Jasmin, Sie haben etwas in dem Gesuchten ausgelöst, Sie haben sein Verhalten geändert.“ Er blickte mich nun wieder an, doch sah er mir nicht in die Augen und ich wagte es auch nicht, denn sonst hätte mein Herz ausgesetzt. „Sie sehen dem Opfer nicht bloß ähnlich, er hat sich diesmal viel mehr Zeit gelassen. Die junge Frau hat 18 Stiche und es wurde auch ihr Genitalbereich verstümmelt. Außerdem hat er ihr eine Krone auf die Stirn geritzt.“
Aber was hat das mit mir zu tun? Will er das auch mit mir machen? Will er sein „Werk“ vollenden? Unter anderem Umständen hätte ich genießen können, völlig allein mit diesem Mann zu sein, doch sein Kommen bedeutete nie etwas Gutes, er war der Überbringer schlechter Nachrichten, das wurde mir schlagartig bewusst.
  „Tut mir leid, ich verstehe nicht. Was will er damit sagen? Ist das eine Art Drohung?“
  „Wir wissen es nicht“, stellte er ernüchternd fest. „Es könnte eine Erweiterung seines Ritz-Zwangs sein, aber zugleich auch eine Botschaft. Jasmin, haben Sie eine Vermutung auf was die Krone deuten könnte?“
  Nervös nestelte ich am Ende meines T-Shirts herum. „Die Zacken einer Krone stehen für Macht und Energie, sie sind wahrscheinlich den Sonnenstrahlen nachempfunden. Als Herrschersymbol findet man die Krone in allen Religionen und sie krönte bereits die alten ägyptischen Götter, doch würde der Täter seinen Opfern wohl kaum solch einen Status zusprechen. Es muss etwas anderes bedeuten“, stellte ich fest.
  „Sie glauben also nicht an eine Botschaft?“
  „Nein, das würde nicht ins Profil passen. Dafür ist er zu impulsiv. Ich glaube er musste diese Krone ritzen, wie er auch in meine Arme schneiden musste. Er kann sich zwar gut verstecken, doch sein Handeln ist dafür zu wahnhaft.“
  „Dafür würde auch sprechen, wie er die Leichen präsentiert, nach seinem Wahnsinn verspürt er Reue.“ Diese Worte lösten Beunruhigung in mir aus. Hatte dieser Kerl auch versucht, Linda und mich zu „präsentieren“?
  „Aber wieso ritzt er die Krone erst jetzt und nicht bereits früher?“ Das war alles so verwirrend.
  „Um das herauszufinden bin ich hier“, antwortete Agent Reid, lächelte hoffnungsvoll und ich glaubte ihm, dass bessere Zeiten kommen würden. Doch die Umstände bliesen die Freude wieder davon. Was konnte ich denn tun, um zu helfen?
  Während ich angestrengt nachdachte, ob mir nicht ein Detail wieder einfallen wollte, das vielleicht hilfreich wäre, sah ich mir unbemerkt das Gesicht des Agents an. Mein Blick streifte sanft die blassrosa Lippen und entdeckte zum ersten Mal ein kleines Muttermal auf seiner rechten Wange. Hach, war das süß.
  Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken katapultiert. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie meine Zimmertür aufgerissen wurde, dann stürmte Marcus hinein. Langsam reicht es! RAUS!! Schnell war ich auf meinen Beinen, wollte ihn hinauswerfen und am besten in seinem Zimmer einsperren, doch ehe ich ihn erreicht hatte, rief er: „Ich weiß, was es mit der Krone auf sich hat!“
  Perplex stand ich mitten im Raum und wusste nicht, ob ich wütend sein sollte, weil er gelauscht hatte oder neugierig, weil er etwas zu wissen schien. Ich warf meinem Mittbewohner einen besonders bösen Blick zu und setzte mich möglichst eng neben den FBI Agent.
  Marcus räusperte sich aufgeregt: „Vor ein paar Wochen als du die Panikattacke hattest, da hast du Dinge gemurmelt, bevor du in Ohnmacht gefallen bist.“
  „Was für Dinge?“, ich wurde ungeduldig.
  „Du hast etwas wie Prinzessin gesagt. Du sagtest … lass mich überlegen … ich bin nicht deine Prinzessin. Das Arschloch, es hat dich so genannt, oder?“ Ein weiteres Puzzlestück fügte sich, als die Wolken in meinem Kopf, die die Erinnerungen an diese eine Nacht trübten, sich weiter aufklarten. Kleine Prinzessin, ja, so hat er mich genannt und dann war da seine stoppelige Wange … Ich erschauderte und zog die Ärmel über die entstandene Gänsehaut.
  Marcus warf einen letzten offensichtlichen Blick auf Reids Schoß, nickte mir zu und formte stumm die Worte „gern geschehen“, dann joggte er rückwärts aus dem Zimmer. Erst als ich hörte, wie die Küchentür zuschlug, konnte ich wieder atmen. Ich wendete meinen Kopf nach rechts und sah dem jungen Mann ins Gesicht. „Er hat Recht. Ich erinnere mich.“ Tränen sammelten sich in meinen Augenwinkeln und ich musste versuchen, sie mit aller Kraft zurückzuhalten. Nicht schon wieder weinen.
  „In der Nacht als … als es geschah, kam der Mann aus dem Dunkeln auf mich zu. Er hatte das Messer in seinem Ärmel verschwinden lassen, ich habe es nicht gesehen, erst als er es mir an die Kehle hielt. Ich kann mich noch genau an den Geruch erinnern, an diese Mischung aus Schweiß und Eisen. Dann hat er das erste Mal zu mir gesprochen. Er war sehr wütend, wollte wissen wer ich bin und ob ich etwas gesehen habe und als ich antwortete, wurde er plötzlich anders, ganz sanft … Zu diesem Zeitpunkt nannte er mich Prinzessin, kleine Prinzessin hat er gesagt. Jetzt weiß ich es wieder, das, was mir nicht einfallen wollte, ich konnte kurz fliehen. Irgendwie konnte ich mich befreien, doch ich bin nicht entkommen. Ich habe ihn bloß wieder wütend gemacht …“ Die Erinnerung schüttelte mich. „Verstehst du, ich hätte es fast geschafft. Doch dann war sie da, Linda. Wie sie keuchend in ihrem eigenen Blut lag … ich … ich wollte ihr helfen und so fand er mich.“
  Spencer Reid hatte schweigend zugehört.
  „Wie schafft ihr das? Ihr hört jeden Tag solche Geschichten, erlebt Furchtbares. Wie gewinnt man dazu Abstand?“ Irgendwie glaubte ich nicht an einen geheimen Trick, dazu wirkten Reids Augen zu betroffen, zu wissend und doch klammerte ich mich an die Hoffnung, dass er nachts besser als ich schlief.
  „Man schafft es nicht immer“, gab der junge Agent zu. „Es gibt Fälle, die man nie mehr vergisst. Mit Leuten zu reden hilft, Freunde helfen ebenfalls und die Gewissheit, dass man so etwas verhindern kann.“ Automatisch rutschte ich noch etwas näher an ihn heran, sodass sich unsere Ellenbogen kurz berührten.
  „Wenn ihr diesen Kerl endlich gefasst habt, kann ich vielleicht auch eines Tages Abstand gewinnen“, murmelte ich leise und legte meinen Kopf auf seine Schulter. In der ersten Sekunde schien er sich zu versteifen, doch dann fiel die Anspannung von ihm und er legte sogar den Arm um mich. Jetzt war ich nicht mehr nervös. In diesem Moment wollte ich glauben, dass er für mich da war. Außerdem hat er gesagt, dass mein Haar schön ist. Das Ganze hätte gerne ewig andauern können, doch das tat es bedauerlicherweise nicht. Nach circa einer Minute zog er seinen Arm weg, strich sich nervös das Haar zurück und stotterte Satzfragmente: „Was … wir … keine Zeit. Muss telefonieren.“
  Eilig sprang er auf, zog sein Handy hervor und schon war der Agent im Flur verschwunden. Mit einem lauten Seufzer ließ ich mich nach hinten auf die Bettdecke fallen. Wieso konnte die Realität nicht ein einziges Mal mit den Wunschvorstellungen identisch sein?
  Ich lauschte seinen Schritten, wie er auf- und abging, und leise mit jemandem sprach. Kurz hörte ich wie er „JJ“ sagte. War das die hübsche Blonde aus dem Fernsehen? Sie war doch nicht etwa seine Freundin, oder? Mehrmals schlug ich mit geballter Faust auf mein Kissen ein, um bei diesem Gedanken nicht in Tränen auszubrechen. Nach ein paar Schlägen beruhigte ich mich langsam. Vielleicht telefonierte er mit seiner Kollegin, weil ihm etwas eingefallen war, vielleicht hatte unser Gespräch ihm zu einer neuen Erkenntnis verholfen! Hoffentlich …
  Es dauerte lange, bis er wieder hereinkam. Vorsichtig schloss er die alte Tür hinter sich, die sich wegen der geringen Kraft wieder einen schmalen Spalt öffnete.
  „Wir haben vielleicht eine Spur, jemand, der den Täter wahrscheinlich identifizieren kann, ist in der Polizeiwache.“ Er machte Anstalten, sofort das Zimmer verlassen zu wollen, doch ich muss ein so schockiertes Gesicht gemacht haben, dass er sich noch einmal umwandte.
  „Ich habe einen Beamten angewiesen, die Straße zu überwachen. Fortan geht hier niemand ungesehen rein oder raus. Machen Sie sich also keine Sorgen. Wenn wir etwas Neues wissen, rufe ich Sie an.“
Nein, geh nicht. Bleib bei mir und halte mich im Arm. An der geöffneten Tür wartete er auf mich, offensichtlich schien er nicht zu verstehen was in diesem Augenblick in mir vorging. Ich wusste es ja selber nicht. Eine neue Spur, ein hilfreicher Hinweis, war es nicht das, worauf ich gewartet hatte? Wenn das Arschloch endlich identifiziert wäre, dann würde man ihn bald fangen und ich könnte umso besser schlafen. Ich bräuchte keine Angst mehr zu haben! Aber irgendwie konnte ich mich trotzdem nicht freuen.
  Vielleicht weil ich von den Versprechungen des BAU-Teams zu oft enttäuscht wurde, vielleicht weil mir in diesem Moment klar wurde, dass Spencer mehr an dem Fall als an mir interessiert war, vielleicht war ich es auch leid, zu hoffen und zu warten, wenn doch nichts geschah.
  Ich begleitete den Agent in den Flur und öffnete wortlos die Tür. Gib‘ nicht zu schnell auf, kämpfe! Dann tat ich es einfach. Als wir uns gegenüberstanden, uns verabschiedeten, umarmte ich ihn. Unsere Wangen berührten sich, rieben kurz übereinander und als wir uns nur den Bruchteil von Sekunden später lösten, bemerkte ich, dass er schüchtern lächelte.
  Er hob seinen Arm an, ließ diesen gegen seine Hüfte fallen, um die Hand für einen kurzen Abschiedsgruß wieder zu erheben. Keiner von uns wusste etwas zu sagen und so stand ich noch schweigend und wie versteinert da, nachdem die Tür bereits zugefallen war.
  Sobald ich mich wieder bewegen konnte, flitzte ich in die Küche, in welcher Marcus und Hannah eine selbstgemachte Pizza aßen. Ich versuchte sie zu ignorieren, während ich aus dem Fenster auf die Straße starrte. Würde er sich noch einmal umdrehen? In welche Richtung war er unterwegs? Doch so sehr ich meine Nase auch gegen das kalte Glas presste, ich konnte Agent Reid im orangen Licht der untergehenden Sonne nicht erkennen.
  „Er ist weg, oder?“, fragte Hannah vorsichtig.
  „Ja“, hauchte ich gegen die Scheibe, sodass sie durch mein Atmen beschlug. Langsam drehte ich mich vom Fenster weg und quetschte mich zu den beiden auf die schmale Bank. Ohne rechte Lust nahm ich mir ein Stück Pizza und kaute drauf herum. Warum wollte Marcus eigentlich immer kochen, wenn selbst die Pizza nicht so recht schmeckte?
  „Es gibt vielleicht eine Spur, deshalb musste Agent Reid weg“, murmelte ich, während ich gedankenverloren den verbrannten Boden des Pizzastücks begutachtete.
  Hannah wurde sofort hellhörig. „Aber das ist ja wunderbar! Das sollten wir feiern!“ Natürlich war das wunderbar, aber ein ziemlich großer Teil von mir hätte Spencer trotzdem lieber noch etwas bei sich behalten. Wenn der Fall einmal abgeschlossen war, würden wir uns dann gar nicht mehr sehen?
  Meine Mitbewohnerin hatte Marcus von der Bank geschoben und drei Dosen Bier aus dem Kühlschrank geholt, die sie uns jetzt geöffnet hinstellte. Wie gut, dass ich eine Freundin hatte, die mich stets aufheitern konnte.
  „Jasminchen, es tut mir übrigens leid, dass ich“, Marcus lieferte sich ein Blickduell mit Hannah, „dass wir gelauscht haben …“ Ihr wart ja bloß neugierig …
  „…wir waren bloß neugierig und wollten deinen Agent kennenlernen.“
  Ich trank in wenigen Zügen fast die gesamte Dose leer und versuchte, ein möglichst ehrlich wirkendes Lächeln aufzusetzen. „Dafür kann ich mich jetzt wieder an alles erinnern. Was die Sache allerdings nicht entschuldigt!“ Ich seufzte. „Außerdem glaube ich nicht, dass wir uns so bald wieder sehen …“ Verdammt, das wollte ich gar nicht laut sagen.
  Hannah warf mir einen mitleidigen Blick zu und Marcus strich über meinen Rücken.
„Wer weiß was passiert, wenn das Ganze erstmal vorbei ist, vielleicht könnt ihr dann ein anderes Verhältnis zueinander aufbauen.“
  „Es sei denn er hat dich schlecht behandelt“, fügte Marcus hinzu.
  „Nein, er ist nett und freundlich wie von Anfang an, er ist einfach nur anders … Wahrscheinlich kapiert er einfach nicht, dass ich etwas für ihn empfinde. Außerdem dürften wir wahrscheinlich gar nicht ausgehen, weil wir quasi Arzt und Patientin sind.“ Ich leerte mein Bier und trank noch ein weiteres.
  Im Gespräch sah ich alle paar Minuten auf mein Handy, doch auch nach einer Stunde hatte niemand versucht, mich zu erreichen. Aus Sorge ansonsten hungrig schlafen gehen zu müssen, hatte ich die Pizza doch gegessen, aber der verbrannte Geschmack ließ sich nicht von der Zunge vertreiben. Ich wollte mich gerade zur Toilette aufmachen, da vibrierte das Handy laut auf dem Tisch. Im Display erschien eine Nummer, die ich unter „FBI Agent Reid“ eingespeichert hatte. Hektisch griff ich das Telefon und begab mich in mein Zimmer.
  „Jasmin Heider, hallo?“ Ich war so nervös, dass meine Stimme bebte. Zum Glück konnte niemand sehen wie sehr meine Finger zitterten.
  „Hier ist Agent Reid. Wir wissen jetzt wer Ihnen das angetan hat.“ WAS? Meine Beine wurden schwach und ich ließ mich einfach rückwärts auf den nächsten Stuhl sinken.
  „Der Mann heißt Paul Woudig, ist 38 Jahre alt und seit Jahren arbeitslos …“
  Ich unterbrach seinen Vortrag: „Wie haben Sie ihn gefunden?“ Konnte es wirklich sein, dass heute der Tag war, an dem ich wieder ohne Angst die Wohnung verlassen durfte?
  „Wir haben ihn noch nicht gefunden. Doch wir können mit Sicherheit sagen, dass er unser Täter ist. Eine Frau namens Alice Scaner hat den entscheidenden Hinweis gegeben, sie wuchs mit ihm auf.“ Und doch wisst ihr weder, wo er ist, noch was er als nächstes tun wird. Was nützt es bloß seinen Namen zu kennen?
  „Wieso hat sich diese Alice nicht früher gemeldet?“ Hatten Menschen sterben müssen, weil eine einzige Frau zu lange dem Schweigen verfallen war?
  „Frau Scaner kam heute erst in die Stadt zur Beisetzung ihrer Mutter. Der Tod dieser Mutter war der Auslöser für den Täter.“
  Ich verstand kein Wort. „Was meinen Sie damit? Was hat diese Familie mit dem … dem Mörder zu tun?“
  „Paul Woudigs Mutter starb als er jung war, also wuchs er bei einem ewig trauernden, trinkenden Vater auf, der nie Zeit hatte und die Erziehung meist der Haushaltshilfe überließ. Diese Frau war Alice Scaners verstorbene Mutter. Schon als Kind war er auffällig und der scheinbar einzige Weg ihn zu beruhigen, war ihn gleichmäßige Formen zeichnen zu lassen. Alice konnte sich genau erinnern wie oft sie in ihrer Kindheit den Jungen wie weggetreten Zick-Zack Linien malen sah. Sie hat das Muster auf den Fotos Ihrer Arme sofort erkannt.
  Dieses Verhalten hat sich heute zum Zwang entwickelt und da der Täter seine Medikamente absetzte, kam es zu Toten. Der plötzliche Tod seines früheren Kindermädchens war der Auslöser für ihn. Er erinnerte sich und begann damit, dunkelhäutige Frauen stellvertretend zu ermorden. Wir gehen davon aus, dass sein Vater eine Affäre mit der jungen Haushaltshilfe hatte und Paul dies mitbekam. Jede seiner Taten war für ihn folglich eine Bestrafung seiner ehemaligen Bezugsperson, da sie ihm angeblich seines Vaters beraubt hatte.“
  „Er tötet also, weil Linda und die anderen Frauen etwas in ihm auslösten, dass ihn an die verstorbene Frau Scaner erinnert, die er unbewusst für seine schlimme Kindheit verantwortlich macht? Konnte er mich deswegen nicht umbringen, wegen meiner Hautfarbe? Aber um sich zu beruhigen, ritzte er dieses Muster trotzdem in meine Arme? Das ist so … ich, ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Ich machte eine Pause, dachte nach, ließ das Gesagte auf mich wirken. Dann fügte ich leise hinzu: „Wieso haben Sie ihn dann noch nicht gefunden, wenn Sie so viel über ihn wissen?“
  „Alle Spuren, denen wir diesbezüglich nachgegangen sind, verliefen sich. Die letzten Angaben zu ihm sind fünf Jahre alt, als hätte er aufgehört, zu existieren. Wir konnten nur seinen Wohnwagen finden, aber auch diesen hat er laut Aussage der Campingplatzverwaltung seit zwei Monaten nicht mehr betreten. Er besitzt nicht einmal ein Bankkonto. Es könnte gut sein, dass ihn jemand deckt.“
  „Wenn Sie seinen Namen der Presse mitteilen, gibt es vielleicht weitere Hinweise“, sagte ich hoffnungsvoll, doch glaubte nicht wirklich daran.
  „Er wird bereits heute in den Nachtjournalen Thema sein“, bestätigte der Agent, aber auch er klang zum ersten Mal unsicher, beinah besorgt. „Ich verspreche Ihnen, es wird nicht mehr lange dauern bis wir ihn haben. Bis dahin passen Sie bitte auf sich auf, Jasmin.“
  Ich war aufgestanden und lief hin und her. Hatte ich nicht eigentlich die Toilette aufsuchen wollen? Ich fühlte bloß noch mein rasendes Herz in der Brust, unruhig wie ein Wecker. Ich habe es überlebt, ich habe es überlebt und ich werde auch weiter leben, sagte ich immer wieder zu mir selbst.
  Lange dachte ich über die Worte in meinem Kopf nach, bevor ich sie aussprach: „Spencer, ich habe Angst.“
  Stille.
  Ich spürte, wie ich zu schwitzen begann.
  Verstand er, was ich damit sagen wollte? Dass nur er es vermochte, mir die Furcht zu nehmen?
  „Ich werde für Sie da sein, wenn ich kann“, das war seine Antwort. Nicht „wir werden für Sie da sein“, er hatte „ich“ gesagt.
  „Ab morgen früh wird Sie außerdem ein Polizist beschützen, egal wo Sie hingehen. Wenn ich Neuigkeiten habe, melde ich mich.“
  „Danke.“
  „Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend“, verabschiedete sich Spencer Reid.
  Irgendetwas wollte ich noch sagen, wollte seine Stimme weiter hören, mehr Einzelheiten erfahren, doch ich drückte mit unaufhörlich zitternden Fingern auf den roten Hörer. Paul Woudig – wo bist du nur?
  Mein Handy hatte ich fallengelassen und es war mir egal, denn irgendwie hatten meine beiden Hände ihren Weg in mein Gesicht gefunden, drückten gegen meine Augen, um die Tränen nicht herauszulassen. Natürlich funktionierte es nicht und ich weinte, bis ich kein Zeitgefühl mehr hatte …
  Irgendwann hatte ich mein Gesicht getrocknet, die verwischte Wimperntuche entfernt und war zu meinen Freunden gegangen. Ich hatte ihnen erzählt, was ich nun über den Täter wusste und sie standen mir bei meinem Plan zur Seite.
  Nun saß ich in der Mitte der Küche auf einem Stuhl und wartete darauf, dass Hannah begann, mir die Haare zu schneiden. Bald fielen zentimeterlange Strähnen hinunter, bis mein Haar auf Höhe des Kinns endete. Danach halfen meine Mitbewohner mir, es blond zu färben, um ganz sicher zu gehen, dass ER mich niemals erkannte. Ich ließ stillschweigend alles über mich ergehen, beobachtete nur, wie das schöne rote Haar langsam verschwand.

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