Briefe

,

Briefe bedeuten Freude solange man jung ist: Von Kinderhand geschriebene Geburtstagseinladungen, Grüße der Tante, Berichte von weggezogenen und doch nicht vergessenen Freunden. Je älter man jedoch wird, desto mehr gilt es zu begreifen, dass sich zwischen den Umschlägen auch Schrecken versteckt.
  Molly hatte die Ausbildung zur Krankenpflegerin begonnen, bevor das Ganze losgegangen war. Nun sah sie jeden Tag die Aufrufe, die Plakate, welche um Hilfe baten. Gewiss dachte sie darüber nach, was passieren würde, wenn sie die Prüfung abgelegt hatte, aber dass es wirklich geschah, dass man sie so früh zur Front schickte, machte ihr mehr Angst, als sie zugeben wollte.
  Es war ein stürmischer Tag, als der Brief kam. Sein Inhalt wirkte so unpersönlich. Ihr Name wurde einfach in die Lücke gesetzt und das war es. Molly Liebmann war nun eine von vielen. Die Mutter nahm schweigend das Stück Papier und umarmte ihre einzige Tochter. Der Vater, der es immer mit dem Rücken hatte, winkte sie zu sich.
  „Noch keine 18 und kämpft schon für unser Land.“ Stolz und Bitterkeit lagen gleichermaßen in seiner Stimme.
  „Vielleicht höre ich etwas von Michael und Klaus.“ Die Brüder waren direkt zu Beginn gegangen, freiwillig. Seitdem hatte die Familie keine Nachricht von ihnen erhalten.
  „Ich bete jeden Tag für sie“, sagte die Mutter zum Kreuz aufsehend, das über sie alle wachen sollte. Dann verschwand sie in der Küche und ließ niemand sonst in den Raum.
Das Abendessen verbrachten sie schweigend, als hätte sich ein dunkler Schleier über sie gelegt.

Wenige Tage später bestand Molly die Abschlussprüfung und sie wusste nicht, ob sie wirklich froh darüber sein sollte. Sie wollten helfen und die Leute heilen, aber fort gehen wollte sie nicht. Aufgewühlt traf sie sich mit ihrem besten Freund, Nico. Sie waren an ihrem Lieblingsplatz, ließen die Beine von der alten Mauer baumeln und genossen die schwachen Sonnenstrahlen. Er war schon immer ein kränklicher Junge gewesen. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb sie sich so für die Medizin interessierte. Über Jahre zu sehen, wie eine nahestehende Person sich nicht erholte, weckte den Ruf nach Veränderungen in ihr.
  Ehe sie ein Wort sagen konnte, fand sie sich in Nicos Armen wieder. Er wusste Bescheid, es war nicht nötig, ihm all die Ängste und Sorgen mitzuteilen, er kannte ihr Gefühlschaos.
  „Ich kann nicht glauben, dass du mich so schnell verlässt. Ich dachte wir hätten mehr Zeit.“ Zur Antwort legte sie ihren Kopf auf seine Schulter. „Du wirst zurückkommen, oder?“
  Molly knuffte ihn in die Seite. „Irgendjemand muss doch auf dich aufpassen.“ Einen kurzen Moment genossen sie die Unbeschwertheit, aber der unsichtbare Schatten, der noch über ihr hing, ließ das Lachen sterben.
  „Ich werde dich vermissen, Molly.“
  „Ich dich auch“, flüsterte sie.

Die Lok stand schon bereit und umhüllte die Familie mit schwerem Dampf. Schweigend standen sie beisammen, in dem Wissen alles und nichts gesagt zu haben. Molly fiel es schwer, ihnen in die Augen zu sehen. Sie konnte nicht darüber nachdenken, ob es das letzte Treffen sein würde. Erneut blickte sie über die Schulter zu den anderen, die Abschied nahmen, und zu denen, die eilig allein einstiegen. Es war Zeit, stark zu sein. Der Vater legte die Hand auf ihre Schulter und nickte stumm.
  „Schreib auch mal deiner Großmutter. Und mach uns stolz.“
  Ihre Mutter trocknete sich das Gesicht und drückte Mollys zittrige Hand. Sobald die Hand losließ, klammerte sich Molly an den Koffer, als wäre er das letzte Stück heimatliche Sicherheit. Sie schluckte, murmelte eine Verabschiedung aus trockenem Munde und ging die wenigen Meter über den Bahnsteig, was ihr wie eine Ewigkeit vorkam. Es waren die schwersten Schritte ihres Lebens. Sie spürte die Blicke der Familie auf ihrem Rücken, aber hätten sie gewinkt, wäre sie umgekehrt. Ohne sich noch einmal umzusehen, stieg sie in den Zug, der sofort losfuhr.

Hinterlasse einen Kommentar