5. Braune Augen
Kapitel
„Ja Mama, natürlich gehe ich noch zur Uni“, antwortete ich genervt auf die Stimme, die aus dem Telefon drang. Wie ich es dir vorgestern auch schon gesagt habe und den Tag davor … „Ich lasse mich immer begleiten, ja, vor allem wenn es dunkel ist … ich weiß, dass bei euch immer ein Platz ist, danke. Nein, ich habe jetzt alle Nachuntersuchungen hinter mir …“
Ich lag auf dem Rücken in meinem Bett und lauschte bereits seit zehn Minuten den unaufhörlichen Fragen. Diese Anrufe mindestens alle zwei Tage waren Terror, als gäbe es viel zu erzählen. Es war lächerlich. Auf dem Laptop am Fußende lief stumm das Fernsehprogramm. Als meine Gesprächspartnerin dazu überging, sich über den neuen Friseur zu beschweren, weil er viel zu lange gebraucht hatte, wurde ich von den Nachrichten abgelenkt.
„Mama ich muss auflegen, bis dann.“ Ich drückte sie weg und versuchte, das Handy auf den Wäscheberg in der Ecke zu werfen. Es prallte an der Wand ab und landete dann erst zwischen Shirts, Socken und Hosen. Schnell machte in den Ton an, gerade noch rechtzeitig.
„Seit mittlerweile vier Wochen suchen wir diesen Mann, wegen des dreifachen Mordes an den Frauen Sofia W. Emma C. und Linda K. Er ist wahrscheinlich mit einem Messer bewaffnet und gefährlich. Hinweise bitte an die örtlichen Polizeibehörden oder direkt an das FBI.“ Dann war es auch schon vorbei. Sein Bild, das Phantombild, welches mit meiner Hilfe erstellt worden war, verschwand. Nur noch in wenigen Nachrichten sprach man von ihm, als wäre es jetzt nicht umso wichtiger, als ginge von ihm keine Bedrohung mehr aus.
Vor zwei Wochen hatte sich die BAU das letzte Mal gemeldet, doch sie waren dem Täter keinen Schritt nähergekommen. Mittlerweile gingen sie gezwungenermaßen anderen Fällen nach. Wer weiß an was genau sie momentan arbeiteten.
Zuerst hatte ich das nicht verstanden, war wütend, verängstigt und traurig gewesen, aber mir war klar geworden, dass selbst das beste Team an zu wenigen Informationen scheitern konnte. Die Hinweise aus der Bevölkerung waren enttäuschend, niemand schien diesen Mann zu kennen und so kam es, dass man ihn seit mehr als einem Monat nach der letzten Tat noch nicht identifiziert hatte. Dieser Mensch spielte nach ganz eigenen Regeln, als würde er sich bewusst gegen das vorhergesagte Verhalten entscheiden. Ich hatte meine Mutter nicht angelogen. Solange er frei herumlief, ging ich niemals allein aus dem Haus, doch ansonsten war ich unabhängiger geworden. Nach der Panikattacke hatte ich eine weitere Nacht im Krankenhaus verbracht, es aber seitdem nur noch für Nachuntersuchungen betreten. Außerdem waren meine Schmerzen fast völlig verschwunden und ich nahm weniger Medikamente. Trotzdem trug ich für Notfälle immer einige schnell wirkende Antidepressiva bei mir, die mir meine Therapeutin gegeben hatte.
An dem Tag als ich das Phantombild erstellt hatte, suchte ich Lindas Familie auf. Es war ein nervenaufreibendes Gespräch mit vielen Tränen, doch ich schaffte es, die Botschaft zu überbringen. Nachdem es vorbei war, war ich unendlich froh. Der Schmerz in ihrem Ausdruck, die stumme Frage: Wieso meine Tochter und nicht du? Im Nachhinein weiß ich nicht, wie ich das überstand. Es war niemals richtig, wenn Eltern ihre Kinder überlebten. Hoffentlich hat es sie zumindest etwas getröstet, dass Linda nicht allein war als sie starb, dass ihre letzten Worte ihnen galten.
Vor ein paar Tagen hatte meine Therapeutin das erste Mal über meinen gesundheitlichen Zustand gesprochen, insbesondere darüber, dass ich nie eigene Kinder haben würde. Auch das war ein schweres Gespräch gewesen und ich weiß nicht einmal, ob es mir irgendwie geholfen hat. Ich bin schweigsam geworden. Bis es zu spät war, hatte ich mir keine Gedanken darüber gemacht, ob ich eines Tages Nachwuchs haben wollte. Ich hatte nie viel mit Kindern zu tun, ich habe ja nicht einmal Geschwister. Nur vor ein paar Jahren hatte ich einmal eine Gruppe der ganz Kleinen unterrichtet. Das war anstrengend, aber auch wertvoll gewesen. Heute wusste ich nicht mehr, wieso ich damit aufgehört hatte. Wahrscheinlich wegen meiner Eltern, sie hatten bestimmt etwas dagegen gehabt. Für Kinder bräuchte man natürlich erst einen Partner, aber dazu war es nicht gekommen. Um ehrlich zu sein, hatte ich auch nicht angestrengt versucht, jemanden zu finden. Irgendwie war nie die Zeit dafür gewesen. Zudem wusste ich nicht, ob ich für eine ernste Beziehung bereit war. Hörte diese Unsicherheit irgendwann auf?
Die ansonsten größte Veränderung in meinem Leben war, dass ich mich immer mehr auf mein früher ungeliebtes Fach Kriminaltechnologie konzentrierte. Philosophie kam mir nach dem, was ich erlebt hatte, so unbedeutend vor, zu realitätsfern. Aber jetzt hatte ich die Möglichkeit, mich anzustrengen und zu verhindern, dass jemandem dasselbe wie mir passierte. Vielleicht könnte ich auch beides miteinander verbinden, so ähnlich wie die BAU es tat. Insofern hatte ich den ersten Schritt gemacht, ein besserer Mensch zu werden und anderen durch meine Erfahrung und hoffentlich bald durch mein Wissen zu helfen. Alle zwei Wochen nahm ich jetzt an einer Gruppe teil, die mit Opfern von Gewalt arbeitete.
Seit 23 Minuten und exakt 18 Sekunden kritzelte Doktor Spencer Reid auf die Tafel im Präsidium des beschaulichen Städtchens Mill Valley in Kalifornien, auf die der Stadtplan projiziert wurde. Fast war es geschafft. Dort noch schnell eine Linie und hier. Dieses Gebiet war schwer einzuschätzen, der Fundort der Leiche war außerhalb des erwarteten geographischen Profils. Dann hatte der Täter wahrscheinlich doch eine Beziehung zum ersten Opfer. Die Wahrscheinlichkeit dafür lag bei 89%, nein 91,4%, das war genug. So wie dieser Mann die Toten in der Stadt verteilte, war es ihm eindeutig egal, ob man die Leichen fand. Umso einfacher war es, seinen Wohlfühlbereich herauszufinden.
Der junge Agent nahm den roten Stift zur Hand und zeichnete die letzten Linien als sein Telefon klingelte.
„Reid du musst sofort nach Quantico zurück. JJ wird dich begleiten, sie ist schon unterwegs zu dir. Es gibt eine neue Leiche, unser Mörder hat sich endlich gezeigt.“ Es war die Stimme von Hotchner, die ihm klar entgegendrang.
„Aber was ist mit unserem aktuellen Fall?“
„So wie ich dich kenne, bist du sicherlich mit dem geographischen Profil fertig.“
„Ja gerade eben, aber…“
„… wir schaffen das schon ohne euch. Ich weiß, dass wir unterbesetzt sind, es muss jetzt so gehen. Ich halte dich auf dem Laufenden und wir kommen nach, sobald wir können.“
Agent Reid warf einen letzten Blick auf die Tafel, legte die Stifte ordentlich dorthin zurück, wo er sie gefunden hatte und griff nach seiner Umhängetasche. Im Gehen verabschiedete er sich von den zwei Polizisten, die in diesem Moment in der kleinen Polizeiwache waren, welche für das BAU-Team eigentlich viel zu eng war, obwohl sie noch keinen Nachfolger für Alex Blake gefunden hatten.
In dem Moment als hinter ihm die Eingangstür zuschlug, fuhr JJ vor und er nahm sofort auf dem Beifahrersitz platz. Dass der Schwarze-Ritzer – wie die Medien ihn nannten – wiederaufgetaucht war, war kaum Grund genug füe diese Eile. Etwas musste vorgefallen sein. Reid grübelte weiterhin, was das Muster auf den Armen der Opfer zu bedeuten hatte. War es eine Art Zwang oder wollte er die Frauen als seine markieren? Es war seltsam, dass der Mann erst wütend auf seine Opfer einstach, vor allem auf die Gebärmutter und dann vorsichtig dieses Zick-Zack-Muster einritzte. Es musste eine Bedeutung haben, doch er kam absolut nicht darauf welche. Die Linien waren zu willkürlich, um etwas darzustellen und doch musste es ein Muster geben. Es war zum Haare raufen. Er hatte das Gefühl, etwas Wichtiges zu übersehen!
Er dachte an die Überlebende. Wenn ihr etwas passiert war, hätte Hotch es ihm bestimmt gesagt, oder? Schnell wendete er sich gedanklich ihrem aktuellen Fall zu.
„Habt ihr etwas herausfinden können?“, fragte er JJ, die bereits losgefahren war. Während er sich darum gekümmert hatte, den Bewegungsbereich des Täters herauszufinden, waren JJ und Morgan zu Befragungen unterwegs gewesen.
„Morgan hält sie alle für schuldig, aber du kennst ihn ja … Niemand konnte sich an unseren Ritterhelm erinnern und nirgendwo scheinen Waffen erlaubt zu sein, die jemanden verletzen könnten. Das meiste ist stumpf oder aus Plastik.“
„Niemand in der Gegend hat sich etwas wie ein Schwert online gekauft, aber vielleicht gibt es jemanden, der selbst schmiedet. Ich rufe Garcia an.“
Er zückte eilig sein Handy, brauchte aber dann doch länger als erhofft Garcias Kontakt auszuwählen. Diese verflixte Technik!
Reid musste schmunzeln als er das gewohnte Klackern der Tasten hörte, während sie sprachen. Schnell gab er die Informationen durch.
„Wer verkleidet sich als Ritter und tötet wahllos mit einem Schwert?“, murmelte Garcia.
„Er tut es nicht wahllos, er sieht sich als eine Art Held und versucht, die Leute vor irgendetwas zu retten. Außerdem kannte er das erste Opfer wahrscheinlich.“
„Ist schon gut, du Genie. Ihr seid die Profiler. Ok, ich suche nach alten Schmieden, schau noch mal, ob jemand Eisen oder Ähnliches als Rohmaterialien bestellt hat oder ob man irgendwie anders an formbaren Stahl kommt. Außerdem überprüfe ich die Personen, die irgendwie mit Opfer 1 in Verbindung standen. Over and out.“
„Ähm, warte Garcia“, hielt Reid sie etwas verlegen auf.
„Ihr seid schon unterwegs, oder? Tut mir leid ich habe noch nichts aus Quantico gehört, Hotch hat mich eben erst angerufen.“
„Trotzdem danke“, wollte er sagen, doch dann war die quirlige Technische Analystin bereits weg. Aus dem Augenwinkel sah er, wie JJ ihn wissend und auch etwas mitleidig ansah. Dieses Team, seine Familie, war unbeschreiblich großartig, dennoch war es kompliziert, mit Profilern befreundet zu sein, die einen lesen konnten wie ein offenes Buch.
„Jasmin! Jasmin komm sofort her!“ Die aufgeregten Schreie Hannahs rissen mich weg von der Welt jenseits der Buchseiten, in die ich eingetaucht war. Was ist denn jetzt schon wieder los? Ich legte Deviance: The Secret Desires of Sadistic Serial Killers von David Rossi zur Seite und eilte in das Zimmer meiner Mitbewohnerin. Dort saß Hannah in ihrem, meiner Meinung nach extrem hässlichen, pinken Jumpsuit und zeigte mit großen Augen auf den Fernseher.
Im allerersten Moment wunderte ich mich darüber, dass Hannah tatsächlich Nachrichten schaute, dann erst begriff ich, was ich dort sah. Breaking News wurde immer wieder am Bildrand eingeblendet, während eine Polizistin mittleren Alters in die Kamera sprach und versuchte, den vielen Fragen der Presse auszuweichen.
„Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um ein weiteres Opfer des Schwarzen-Ritzers, welches wir noch nicht identifiziert haben. Die Tote ist in den Zwanzigern und dunkelhäutig und weist das uns bekannte Muster an Verletzungen auf …“ Ich hatte mich rückwärts auf das aufgeklappte Sofa fallen gelassen, gelähmt von dem was ich hörte und sah. Man blendete das Phantombild ein und bat erneut um Hinweise.
„Wie lange läuft das schon?“, fragte ich tonlos.
„Ich weiß nicht, habe gerade erst umgeschaltet,“ antwortete Hannah entschuldigend.
Kameras belagerten weiter die arme Polizistin und im Hintergrund war zu hören, wie immer wieder aufgeregte Fragen gerufen wurden. Die Frau stand so dicht vor dem Absperrband, dass es bei jeder kleinen Bewegung ihrerseits wackelte. Dahinter huschte ab und zu ein Beamter durchs Bild, aber es ließ sich nichts Genaues erkennen. Ein junger Sanitäter trat ins Bild und flüsterte der Polizistin etwas zu, die nur stumm nickte und daraufhin den Kameras den Rücken zudrehte. Der Nachrichtensender schaltete ins Studio, wo eine Moderatorin das Gesagte noch einmal wiederholte: Eine Frau war gefunden worden, die wahrscheinlich heute Nacht getötet wurde. Ersten Erkenntnissen nach schrieb man dieses Opfer dem Schwarzen-Ritzer zu.
„Aber jetzt haben sie doch eine bessere Chance ihn zu fangen, oder nicht?“ Hannah wollte mir Hoffnung machen, doch in diesem Moment spürte ich nichts als Angst. Alles in meinem Kopf drehte sich und die Erkenntnis, dass ER tatsächlich noch irgendwo da draußen war, vielleicht ganz in meiner Nähe traf mich unvorbereitet hart. Ich war aufgesprungen, umklammerte mich selbst, als könnte ich auseinanderbrechen. Wieder fühlte ich die Galle meine Speiseröhre aufsteigen, wie vor einigen Wochen, als ich mit Marcus draußen gewesen war.
Im Fernseher war jetzt ein anderer Moderator, der über die gestrigen Sportergebnisse sprach, doch dann wurde wieder an den Ort geschaltet, wo die Leiche gefunden worden war. Das Bild hatte sich verändert. Die Polizistin von eben stand nun etwas abseits. Die Kamera zoomte an eine Frau mit langen blonden Haaren, die durch das Insert als SSA Jennifer Jareau, FBI gekennzeichnet wurde. Sie war eindeutig ebenso von den Medien genervt, wie die Polizistin, doch sie beantwortete präzise die vielen gerufenen Fragen. Allerdings wiederholte sie das Profil nicht, sondern machte deutlich, dass man es überarbeiten müsse. Etwas ist also anders! Hatte der Mörder (oder das Arschloch, wie ich ihn in Gedanken nannte) sich irgendwie gesteigert, weil er so lange gewartet hatte?
Dann schwenkte das Bild zurück und ich sah, dass Agent Reid neben dieser Blonden stand. Ich hatte von ihm geträumt, letzte Nacht, hatte geträumt, dass er mich im Arm hielt. Ihn jetzt zu sehen, versetzte mich dorthin zurück. Beinah fühlte ich, wie mein Gesicht sich an seine Schulter schmiegte, wie fest und beschützend er mich hielt, sodass ich spüren konnte, wie sich seine Brust auf und ab bewegte. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich mir diese Gefühle nur eingebildete. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass ich nur so viel an ihn dachte, weil er mich so nett, ja fast liebevoll behandelt hatte.
Ich beobachtete mit Faszination, wie er das, was er sagte, mit Gesten unterlegte. Dieser Anblick beruhigte mich, so wie es bisher immer passiert war. Sein Haar war etwas länger geworden, es reichte nun bis in den Nacken. Ich ließ mich wieder neben Hannah fallen.
„Ich kenne ihn. Er hat mich befragt. Die BAU ist hier.“ Meine Freundin sah mich nur verständnislos an. Ich schnappte mir die Fernbedienung und drehte den Fernseher leise, dann versuchte ich es ihr zu erklären: „Als ich im Krankenhaus lag hat das FBI, genauer gesagt die Verhaltensanalyseeinheit, mich zum ersten Mal befragt. Das habe ich dir doch erzählt.“
Hannah nickte, sie schien zu merken, dass es mir nicht leicht fiel mich zu öffnen.
„Leider hatte ich damals ziemlich viele Schmerzmittel bekommen und soweit ich mich erinnern kann habe ich unpassende Dinge zu den beiden Agents gesagt.“
Jetzt konnte sie sich ein Lächeln nicht mehr verkneifen. „Lass mich raten“, sagte sie „diese Agents waren beide männlich?“
Ich errötete und nickte beschämt.
„Es klingt vielleicht verrückt, aber das FBI hat mich immer freundlich behandelt, vor allem Doktor Reid, den du da gerade sehen kannst. Nun … nun ja, eine Zeit lang musste ich oft an ihn denken und jetzt steht er dort und …“
Hannah kicherte laut auf, es klang wie ein Glucksen. „Jasmin ist verliebt!“
Leise! Das ist ja wie in der Schule! Ich sah Hannah in die dunkelblauen Augen. „Ich glaube, ich sollte dort hingehen. Wenn man meine Wunden mit denen des neuen Opfers vergleicht, kann man sofort sehen, was sich verändert hat.“
„Oh nein, das wirst du nicht tun!“ Sie drückte mich wieder auf meinen Platz zurück, als ich aufstehen wollte.
„Hör mal, ich finde das ja süß, dass selbst du jetzt anfängst, dich für Männer zu interessieren, aber du wirst da jetzt nicht einfach reinplatzen! Die … ähm … Leiche haben sie garantiert schon weggebracht und wenn das FBI dich braucht, dann melden sie sich bei dir.“
Im Fernseher hatten sie wieder zum Sport geschaltet. Wahrscheinlich hatte Hannah Recht. Wie hätte ich rausfinden sollen, von wo die Übertragung gemacht worden war? Trotzdem gab es da etwas in mir, das dem FBI helfen wollte. Es war nur so ein Gefühl, aber ich war mir fast sicher, nützlich sein zu können. Oder war das nur ein vorgeschobener Grund, um Agent Reid noch einmal näher sein zu können?
„Danke, dass du mich gerufen hast“, murmelte ich, während ich mich an Hannahs Schulter lehnte. Wieso konnte ich das alles nicht hinter mir lassen? Ich wollte nicht mehr an diese Nacht erinnert werden. Warum also ging das alles nicht endlich schneller? Wie sollte ich mich jemals wieder sicher fühlen? Meine Freundin strich mir mütterlich über den Kopf.
„Jetzt erzählst du mir alles von diesem Agent Reid“, befahl sie schmunzelnd.
Eine halbe Stunde später war ich beinah neben Hannah eingeschlafen, als mein Handy klingelte.
Bevor ich reagieren konnte, hatte sie es geschnappt und war rangegangen.
„Hallo? … Oh, hallo Agent Reid. Jasmin will unbedingt mit Ihnen sprechen.“
Ich war sofort hellwach und hätte Hannah fast angeschrien, als sie das Telefon nicht sofort hergeben wollte. Sobald ich das Handy hatte, eilte ich hektisch in mein Zimmer und ließ die Tür vielleicht etwas zu fest hinter mir zuknallen. Immerhin würde sie mir so nicht folgen.
„Hallo? Jasmin Heider am Apparat.“
„Guten Tag. Ich bin Agent Reid von FBI, ich hoffe Sie erinnern sich an mich …“ Wie könnte ich Sie vergessen? „… es gibt Neuigkeiten und ich würde gerne noch einmal mit Ihnen sprechen.“
„Ich weiß, ich habe die Nachrichten gesehen. Stimmt es, was sie sagen? War es definitiv derselbe Kerl?“
„Ja, er war es. Sind Sie zu Hause? Dürfte ich bei Ihnen vorbeikommen?“ Nur Sie allein? Verdammt JA! Mein Herz schlug viel zu schnell und Schmetterlinge der Vorfreude tanzten in meinem Bauch.
„Natürlich können Sie vorbeikommen, erinnern Sie sich an die Adresse?“
„Ehrlich gesagt vergesse ich nie etwas.“ Ich konnte deutlich hören, dass ihm diese Aussage unangenehm war. Schnell sah ich mich um. Musste ich aufräumen? Sollte ich etwas anderes anziehen? Wie sahen meine Haare aus? Jasmin wie alt bist du nochmal? Eins nach dem anderen. Durchatmen!
„Wann werden Sie ungefähr da sein?“
„In … 26 Minuten.“
„Gut, bis später.“
Das Handy glitt mir fast aus den Fingern, während mir endgültig klar wurde, dass ich in weniger als einer halben Stunde zum ersten Mal allein mit Spencer Reid sein würde. Vergiss nicht, dass das kein Date ist, das FBI braucht nur deine Hilfe. Trotzdem konnte ich ein glückliches Juchzen und einen kleinen Luftsprung nicht unterdrücken. Dann kämmte ich mir hektisch die Haare und stand einige Minuten mit kritischem Blick vor dem Spiegel. Eigentlich liebte ich meinen Pulli, er war schließlich „Doctor Who“ Merchandise, aber was, wenn das zu nerdig war? Oder er die Serie verabscheute? Im Endeffekt blieb ich so, wie ich war. Wer die Serie nicht kannte sah in dem Motiv sowieso nur einen seltsamen Roboter und keinen Dalek.
Exakt 26 Minuten nach dem Telefonat klingelte es an der Tür – nicht, dass ich ständig auf die Uhr gesehen hätte. Ich musste mich zwingen nicht in den Flur zu sprinten, aber schon beim Anblick von Hannahs grinsendem Gesicht, das sie aus der Tür streckte, lief ich rot an und beschleunigte meine Schritte. Mit zitternden Fingern drückte ich auf den Summer und lauschte ins Treppenhaus. Nur noch wenige Sekunden.
Bevor meine neugierige Freundin aus dem Zimmer kommen konnte, drückte ich die Tür vor ihrer Nase zu. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich sie dort eingesperrt, da ich ahnte, sonst keine Ruhe mehr zu haben. Da waren Schritte. Ich strich nervös meine Kleidung glatt und klemmte Haarsträhnen hinter die Ohren, um sie dann wieder von dort zu lösen. Ein letztes Mal atmete ich bewusst tief ein, dann ergriff ich die Klinke.
Spencer Reid war sogar noch schöner als ich ihn in Erinnerung hatte. Sein Haar war vom Wind leicht zerzaust und die braunen Augen zogen mich sofort wieder in ihren Bann. Die schwarze Krawatte war sympathisch schief geknotet. Wie beim letzten Treffen trug er über einem Hemd eine sauber zugeknöpfte Strickjacke. Außerdem registrierte ich sofort, dass er seine Waffe dabeihatte. Doch das Beste war, dass er lächelte. Ich wusste nicht, ob ich ihm die Hand schütteln sollte, daher trat ich einen Schritt zurück, begrüßte ihn freundlich und bat ihn herein.
„Danke, dass Sie es einrichten konnten“, sagte er, immer noch mit diesem wundervollen Lächeln auf den Lippen.
„Ach, das war kein Problem.“ Ich wollte ihm auf keinen Fall das Gefühl geben, zu stören. Schnell schloss ich die Tür und bemerkte dabei erschrocken, dass meine Finger nicht aufgehört hatten zu zittern.
„Geradeaus ist mein Zimmer, die Küche ist leider von meinem Mitbewohner besetzt“, fügte ich hinzu und wollte mich an dem großen Mann vorbeischieben, darauf bedacht, ihn nicht zu berühren, als die Küchentür aufschwang und Marcus hinzutrat.
„Man hat über mich gesprochen?“, sagte er viel zu laut. Er trug eine geblümte Schürze über den dunklen Kleidern. Dabei machte er keinen Hehl daraus, dass er nur auf diesen Moment gewartet hatte. Hannah musste ihm irgendwie alles verraten haben. Ich verfluchte den ausgeprägten Buschfunk der beiden. Agent Reids Lächeln wurde etwas gezwungen, doch er schüttelte Marcus die Hand, als dieser ihm entgegenkam. Währenddessen versuchte ich, meinem Mitbewohner still klarzumachen, dass er gefälligst verschwinden sollte, was er mit einem Augenrollen auch tat.
Als mein Gast sich weiter bewegte rief Marcus mir noch zu: „Oh der ist ja super süß … und dieser Hintern!“ Er klang als hätte er soeben das genüsslichste Stück Kuchen probiert. Bevor ich mit einem scharfen Blick antworten konnte, sprang er in die Küche zurück. Ich betete, dass das niemand außer mir gehört hatte und quetschte mich an Agent Reid vorbei, um ihn in mein Zimmer zu lassen.
„Ich hatte gehofft, dass er zu sehr mit Kochen beschäftigt ist,“ murmelte ich eine Entschuldigung und schloss die Tür fest hinter mir. Hier waren wir sicher. Da ich die ganze Sache nicht weiter ausführen wollte, bat ich mein Gegenüber, sich zu setzen. Ich selber machte es mir auf dem Bett bequem. Doch seltsamerweise schien der Agent es nicht eilig zu haben. Fasziniert trat er an die Wand heran, auf die ich einige Zitate und Sprüche geschrieben hatte.
„Ich weiß, dass ich nichts weiß“, las er vor. „Das ist von Sokrates. Und hier der Cogito-Satz von Descartes. Cogito, ergum sum, ich denke, also bin ich.“ Er trat näher heran. „Das ist das einzige, welches ist nicht kenne: Oh, take your time, don’t live too fast, Troubles will come and they will pass.“
„Du hast sie alle in der Zeit gelesen?“, fragte ich ungläubig. Mist, hatte ich „du“ zu ihm gesagt? Er schien zum Glück nicht empört oder es war ihm egal, ich war mir jedoch sicher, dass er es bemerkt hatte.
„Das ist nicht sehr bekannt, es ist ein Auszug aus einem Songtext“, klärte ich ihn auf.
„Es ist schön“, stellte er fest und kam dann doch sofort zur Sache: „Jasmin, ich muss mit Ihnen über das neue Opfer sprechen.“ Statt auf dem Schreibtischstuhl ließ er sich auf meiner Bettkante nieder, wie im Krankenhaus. Mein Blick zuckte zwischen seinen Fingern und seinen Augen hin und her. Wie gerne würde ich wieder von ihm berührt werden!
„Das wird vielleicht nicht ganz leicht für Sie, versprechen Sie mir, dass Sie dafür bereit sind.“ Bei diesen Worten legte er die Stirn auffällig in Falten. Er hat doch nicht etwa Angst, mich erneut trösten zu müssen?
„Ich habe das Schlimmste hinter mir.“ Ein Versprechen konnte und wollte ich ihm nicht geben.
Es schien zu reichen. „Gut.“
„Wie Sie vielleicht in den Nachrichten gesehen haben, handelt es sich bei dem aktuellen Opfer um eine weitere dunkelhäutige Frau in Ihrem Alter. Allerdings hat sie wesentlich schlimmere Wunden und … sie sieht Ihnen ähnlich.“

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