Endlich kommt die jahrelange Planung zu einem Ende. Sie wissen es nicht. Ich habe sie alle hinters Licht geführt. Sie ahnen nicht, wieso ich dies getan habe, für wen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich den Tempel betrete.
Staunend stehen sie da, legen die Köpfe in den Nacken und leuchten die blau schimmernden Wände ab. Sie wagen es nicht mehr, zu sprechen. Alles ist noch exakt so, wie in meiner Erinnerung. Ich gehe voran, schreite durch die Mitte der riesigen Halle. Die Schritte sind das einzige Geräusch an diesem unwirklichen Ort. Ich weiß, wie atemberaubend die Atmosphäre ist, kann das Zögern verstehen. Doch ich hingegen komme nach Hause. Ich muss mich zurückhalten, die letzten Meter nicht zu rennen und bin froh, dass sie mein erregt schlagendes Herz nicht hören können. Der Moment ist zum Greifen nah. Wie oft habe ich mir vorgestellt, wieder hier zu sein? Meine Träume werden in Erfüllung gehen.
Sie glauben an einen großen Fund, an die schnelle Berühmtheit, welche ich ihnen versprach. Sie glauben an mich. Es fiel mir überraschend leicht, ihnen etwas vorzuspielen, denn ich verliere mich nie im Geflecht der Lügen. Und so folgten sie mir. Folgten mir über die Grenzen und in die Flugzeuge, die uns in die Kälte brachten. Sie wanderten mit durch die kahle Landschaft bis zu jenen Felsenformationen, die ich lange erforscht habe. Wenn ich daran denke, muss ich lächeln. Ich könnte sie als naiv beschimpfen, aber ihr blindes Vertrauen ehrt mich. Weil ich das alles hier angeblich allein entdeckt habe, tun sie, was ich sage.
Kalt ist es in der Halle. Ich habe gesehen, wie die Lippen des Jüngsten davon blau werden. Er ist noch fast ein Kind und will sich mehr als die anderen beweisen. Vielleicht habe ich ihn deshalb ausgewählt. Sein Optimismus treibt die Gruppe voran. Ein Bisschen erinnert er mich an einfachere Zeiten. Da liegt so viel Begeisterung, so viel Hoffnung in seinem Blick. Auch er hat einst so in die Welt geblickt. „Sehr bald“, hauche ich. Die Worte werden vom Hall der Schritte verschluckt.
Meine Begleiter haben ihre Zurückhaltung überwunden und schwärmen auseinander, wie Insekten auf dem Weg zur nächsten Beute. Sie scheinen sich unwohl zu fühlen ohne mich, aber niemand folgt mir direkt. Zu viel gibt es zu entdecken. Als der Durchgang zum Altarraum in Sicht kommt, muss ich mich erneut ermahnen, nicht zu rennen. Obwohl ich es nicht möchte, blicke ich zu der kleinen Gruppe zurück und muss feststellen, dass ich nichts für sie empfinde. Sie mögen in den letzten Wochen, die wir zusammen verbracht haben, Beziehungen aufgebaut haben, aber ich bin die unnahbare Anführerin geblieben. Würden sie mich jetzt von vorne betrachten, sähen sie das erste Mal ein ehrliches Lächeln.
Die Fliesen unter mir verändern sich von Blau zu Schwarz und mit jeder Sekunde scheint es kälter zu werden. Ich kann meinen Atem sehen. „Hättest du gedacht, dass es hier unten so kalt ist?“ Die Erinnerungen an ihn verfolgen mich. Eigentlich ist er oft bei mir, schreibt Notizen in das zerfledderte Büchlein oder ärgert mich mit Kommentaren. Seltsamerweise trägt er stets dieses graugrüne Hemd mit den braunen Hosenträgern, als stamme er aus einer völlig anderen Zeit. Ich habe mich daran gewöhnt, ihn zu sehen, aber auch nach all den Jahren kann ich ihm nicht in die Augen schauen. Manche Wunden platzen wieder und wieder auf.
Das letzte Mal hat es Stunden gedauert bis wir bis zu dem Punkt vorgedrungen waren, an dem ich nun innehalte. Er musste alle Inschriften übersetzen, jedes Relief abzeichnen und unzählige Gesteinsproben nehmen. Nichts davon hat es hier herausgeschafft. „Hast du Angst bekommen?“, neckt er mein Stehenbleiben. Gerne hätte ich in diesem perfekten Gesicht die Meinung gesagt, doch ich ignoriere ihn, wie immer. Er war der einzige, der mein ungezügeltes Temperament belächeln konnte. Allgemein hat er so viel gelacht. Wir waren zusammen glücklich.
Der Raum vor mir ist viel kleiner als die blaue Halle. Drei breite in einem Halbkreis angeordnete Durchgänge führen hinein. Mein Blick schweift über die feinen Inschriften: Tor des Blutes, Tor der Tränen, Tor der Asche. Jetzt kann ich sie entziffern, beim ersten Mal konnte ich das nicht. Undeutlich erkenne ich die Umrisse des Altars. Eine gefühlte Ewigkeit starre ich darauf, eben noch in Eile, bin ich jetzt nicht bereit, den letzten Schritt zu machen. Ich darf mir keinen Fehler erlauben. Sein Leben hängt davon ab.
Mir ist allerdings bewusst, dass jetzt der Augenblick zum Improvisieren gekommen ist. Mit zitternden Fingern hebe ich die Laterne an und gehe voran, ohne mich noch einmal umzublicken. Ich erwarte den Geruch nach Blut, aber mich umfängt die klare eisige Luft einer Winternacht. Die umgebende Schwärze lässt mich erschaudern und schmerzvolle Kälte breitet sich überall aus. Trotzdem steht mir der Schweiß auf der Stirn. Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet, mein ganzes Sein strebt danach seinen Zweck zu erfüllen.
Er liegt auf dem Altar. Ich stolpere darauf zu, lasse fast das Licht los. Da sind Tränen, die über mein Gesicht strömen. Ich berühre ihn, falle auf die Knie. Er ist um keine Sekunde gealtert. Eiskalt sind die hohen Wangenknochen, über die ich wie in Trance streichle. Die dunklen Locken kleben an seiner Haut. Ich versinke an der Schulter, suche den vergessenen Geruch und finde ihn nicht. „Jetzt bin ich da, mein Schatz.“ Ich kann nicht mehr sagen, ob ich schreie oder flüstere, doch die stets so jugendlichen blauen Augen reagieren nicht, sie bleiben tot. Ich küsse die Stirn, genau zwischen die Augenbrauen, auf die ich immer neidisch war. Blind fahren meine Hände die Linien des Gesichts nach. Nach all den Jahren ist es immer noch weich. Ich habe es geliebt, dass es stets frei von Barthaaren war. Vor den blassen Lippen halte ich inne. Sie stören das Bild der Ruhe. Altes Blut klebt daran. Einen Moment zum Nachdenken gebe ich mir, dann drücke ich die Mundwinkel nach oben, zu einem Lächeln. „Ich wusste, dass du dich freust, mich zu sehen“, sage ich.
Mit aller Kraft ziehe ich die Leiche vom Altar herunter. Die klaffende Wunde am Hals verdecke ich mit dem grauen Tuch, welches ich – wie ich nun bemerke – genau zu diesem Zweck mitgenommen habe. Obwohl er nie der größte war, schaffe ich es nicht, den Körper zu tragen. Sanft gebe ich ihm einen Entschuldigungskuss und ziehe ihn stattdessen über den glatten Boden. Ich weiß, dass er mir verzeihen wird.
Als ich den Torbögen näherkomme, kann ich wieder mehr sehen. Ich platziere den Toten rechts unter dem Tor der Asche, da reißt mich ein spitzer Schrei aus meinen Gedanken. Verwirrt schaue ich zu den Menschen, die ich eigentlich nur noch am Rande meines Bewusstseins wahrnehme. Allesamt sind sie plötzlich namenlose Fremde.
Die Frau zeigt mit aufgerissenen Augen auf den bewegungslosen Menschen unter mir. Sie ist uns am nächsten, ihre Pinsel, Bücher und Notizen liegen um ein kaputtes Mosaik auf dem Boden. „Das ist ihr Ehemann!“, kreischt sie den anderen entgegen. Ich gehe drohend einen Schritt auf sie zu und schirme den Körper hinter mir ab. Sie hat schon die ganze Reise nie direkt mit mir gesprochen und es ging mir von Beginn an auf die Nerven. Aber ihre Worte treffen mich. Eigentlich darf niemand von ihm wissen, geschweige denn ihn erkennen. Woher hat sie ihre Informationen? Ich habe sie wohl unterschätzt?
Plötzlich geschieht alles sehr schnell. Die Männer am anderen Ende der Halle sprinten los, doch meine Hand liegt schon länger am Messer und zieht es ohne Zögern. Langsam bewege ich mich auf die Frau zu. Ich sehe, dass sie unter Schock steht. Ohne Probleme greife ich sie mir. Die Männer haben mich lange nicht erreicht. Das Messer an ihrem Hals scheint die Namenlose aufzuwecken. Dass die Wahl auf sie fällt, war nicht geplant. „Ich habe geahnt, dass mehr hinter ihrer Geschichte steckt“, japst sie verzweifelt.
„Herzlichen Glückwunsch, das wird dein Leben auch nicht retten.“ Der Geist, diese unwirkliche Vorstellung von ihm, ist wieder da. Er unterlegt seine Worte mit einem verzerrten Grinsen und verschwindet, während ich die Frau nach hinten unter das mittlere Tor zerre. Es ist erstaunlich, wie wenig sie sich wehrt.
Ich schaue zur Seite, zum Körper meines Mannes, meiner großen Liebe und zähle die Sekunden. Der Jüngste rennt weiterhin in unsere Richtung, sein Atem rasselt schon, aber der andere ist zehn Meter vor uns stehengeblieben. Er schreit Dinge, laut und aufgeregt, die ich nicht höre. Ich schließe die Augen, suche meine innere Ruhe, atme tief ein und schneide mit dem Messer, welches wenige Stunden zuvor noch Ranken durchtrennte, die zitternde Kehle durch. Ein Schrei dringt dumpf an meine Ohren, aber ich höre das Röcheln lauter. Blut stürzt auf den Boden, benässt meine Kleidung und wird von der schmalen Rille zu meinen Füßen aufgefangen. Jemand übergibt sich.
Ich lasse die Frau los, trete sie von mir weg und beobachte den roten Strom, der sich nach links und rechts verteilt. Der Stein saugt die dicke Flüssigkeit wie ein Schwamm auf und ich trete unter das Tor der Tränen. Lachend hebe ich die Hände und drehe mich auf der Stelle. Das Messer werfe ich in die Dunkelheit hinter mich. Ich habe es geschafft. Ein Leben für ein Leben. Das Blut erreicht den Scheitelpunkt der Bögen, macht neue Innschriften sichtbar und dann tropft es herunter. Es ist nicht viel, was mein Haupt trifft, aber ich spüre bei jeder Berührung eine lang vergessene Freude. Nachdem der letzte Tropfen gefallen ist, wage ich es kaum, einen Muskel zu rühren. Unsicher sehe ich mich um. Einen grausamen Moment passiert nichts und beinah wären Zweifel in mir aufgekeimt, doch dann fährt eine Bewegung durch ihn. Meine Kniee werden weich und so muss ich über den Boden kriechen. Ich taste nach ihm, schmiere rote Muster auf den Boden. Hastig nehme ich seinen Kopf auf den Schoß und überhäufe ihn mit Küssen. „Es wird alles gut. Wir sind wieder beisammen. Jetzt wird alles gut.“ Ich weine. Mehrfach beuge ich mich vor, prüfe, ob ich Atem fühle, aber ich spüre keine Anzeichen von Leben. Es dauert. Schluchzend beginne ich, ihn zu schütteln. „Bewege dich, verdammt! Ich liebe dich!“ Nichts außer ihm kann ich wahrnehmen. Und dann endlich ein Blinzeln. Die Augen erkennen mich sofort und ein schwaches Lächeln bildet sich.
„Ich wusste, dass du mich nicht vergisst“, krächzt er. Ich selbst finde keine Worte, die ausreichend sind, mein Glück zu beschreiben. Ich habe es tatsächlich geschafft. Das ganze Warten, die Planung, es hat sich ausgezahlt. Er lebt! Kein Preis war zu hoch. Für ihn würde ich es wieder und wieder tun. Nichts kann sich uns jetzt mehr in den Weg stellen. Wir sind für immer vereint.

Hinterlasse einen Kommentar