Er ist anders, genau wie ich. Wir beide können springen, sodass es sich wie Fliegen anfühlt. Heimlich treffen wir uns auf den Dächern. Egal wo ich bin, er findet mich immer. Man kann es uns nicht ansehen, was wir können. In der Menge fallen wir nicht auf. Scheinbar wie jeder andere hasten wir durch die Stadt, in einer Eile, die jedoch nur vorgegeben ist, denn das einzige, wonach wir streben, ist die Nacht. Wenn sich die Sonne in den Schatten schlafen legt, klettere ich aus dem schmalen Giebelfenster. Ich springe immer auf dieselben Dächer, weil ich weiß welche Weiten ich überbrücken kann. Einst habe ich meine Grenzen ausgetestet, das tue ich nicht mehr. Ich weiß genau, was ich kann.
Über den Bergen in der Ferne braut sich ein Sturm zusammen. Der Wind ist kalt und scharf, die Luft aber noch angenehm warm. Mein Haar zerzaust bei jedem Sprung mehr. Wie ich dies Gefühl der Freiheit liebe, wenn die Welt unter mir schrumpft und die roten Schindeln der einzige Boden werden. Fest stoße ich mich barfuß von ihnen ab, um ein höheres Dach zu erreichen. Es gibt nur ein Gefühl, das besser ist: Wenn ich mit ihm zusammen bin. Wie jedes Mal überkommen mich Zweifel, ob er diese Nacht auftauchen wird, als ich mich dem Stadtkern nähere. Doch ich weiß, auch er spürt den Drang.
Oft haben sie schon versucht, uns zu fangen, manchmal haben sie es geschafft. Im Endeffekt ist es ihnen zu verdanken, dass wir uns begegnet sind. Ich weiß nicht, wieso sie so sehr danach streben, uns zu finden. Vielleicht ist alles, was anders ist, falsch? Es spielt keine Rolle. Trotz der Gefahr werde ich jeden Abend aus dem Fenster klettern und ihn irgendwo hoch über der schlafenden Stadt treffen. Nachts haben sie keine Macht, der Morgen ist das Problem. Wenn wir uns ineinander verlieren, die Zeit vergessen und nicht bemerken, dass die Sonne längst über den Rand gekrochen ist, dann fangen sie an, uns zu jagen.
Der Wind wird schwächer und die Gebäude höher. Immer mehr moderne Türme bauen sie hier im Zentrum. Alle wollen die Aussicht genießen, welche mich jede Nacht begleitet. Sie wollen hoch über den anderen stehen, um abfällig auf sie herabblicken zu können. Mir sind die anderen egal. Mit einem gezielten Sprung kann ich selbst das höchste Dach erreichen.
Ich lasse mich auf einem quadratischen Fleckchen aus Beton nieder. Hinter mir ragt die Spitze des Turms in die Höhe. Ruhig lausche ich in die Nacht, beobachte das Brodeln in der Ferne. Er wird sich Zeit lassen, wie immer. Ich knöpfe langsam das Hemd auf, damit meine nackte Haut die Luft spüren kann. Dass ich frieren würde, passiert mir nie. Leise pfeife ich eine Melodie in den Wind. Das Warten macht mir nichts aus, obwohl meine Fingerspitzen vor Nervosität kribbeln. Ich bin sicher, dass es sich auszahlen wird.
Sein blonder Haarschopf erscheint in der Dunkelheit und schon ist er bei mir. Grazil und dennoch laut landet er mit beiden Füßen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich mich unauffälliger bewege. Sein Lächeln ist schief, er ist in guter Stimmung. Die Kleidung, die er trägt, ist wie häufig seltsam. Vielleicht liegt das daran, dass er bei den Piraten aufgewachsen ist. Dazu stelle ich keine Fragen, denn er will ebenso nichts von meiner Vergangenheit wissen.
Einen Moment lang lassen wir beide die nackten Füße baumeln und zählen die Lichter unter uns. Es werden mehr jeden Tag. Die Nachteulen nehmen zu. Jetzt schon gibt es die ersten Straßenlaternen, die immerzu ihren Ort erhellen.
Ich finde es seltsam, wie schüchtern wir zu Anfang jedes Mal sind. Stets dauert es, bis er meine Hand greift und den Arm streichelt, wo sich die gewohnte Gänsehaut ausbreitet. Jetzt schaue ich nicht mehr auf die Lichter, sondern in diese traumhaften Augen. Ich mag sein Gesicht so sehr. Die wilden Bartstoppeln, die schiefe Nase, die wahrscheinlich schon mehrfach gebrochen war, und das starke Kinn. Jedes Mal glaube ich, zu erkennen, wie viel er durchgemacht hat, dass dort unter der harten Schale ein gebrochenes Ich liegt. Er hasst es, wenn ich ihn so lese. Sofort hört der kleine Finger auf, über mein Handgelenk zu streichen. Der andere Körper rückt etwas weg.
Es ist ohnehin noch früh. Ich stehe auf und schäle mich aus dem Hemd. Auch er erhebt sich. Seine Augen beobachten jede Bewegung und verweilen auf meiner Haut. Als ich fertig bin, nimmt er mich wieder bei der Hand. Ich nicke auf seine unausgesprochene Frage, ob ich bereit sei. Wir zählen bis drei und drücken uns dann gleichzeitig vom Boden ab.
Seite an Seite steigen wir höher. Ich überlasse ihm die Führung, genieße den Rausch der Luft. Diese Welt gehört nur uns. Egal wie oft sie uns einsperren, wir werden immer versuchen, durch den Himmel zu fliegen. Ich kenne den Weg, den er wählt und jede kurze Landung bereitet mir mehr Vorfreude. Dann stoße ich mich mit neuer Leichtigkeit ab, ohne je müde zu werden.
Nur selten küssen wir uns, doch heute sind wir so überwältigt, dass wir einfach auf einem schmalen Sims innehalten und es tun. Die Schüchternheit ist vergessen. Fast forsch dringt seine Zunge voran, sodass meine Knie weich werden. Ich habe keine Angst vor dem Fallen, aber ich möchte nicht an diesem Ort bleiben. Es fällt mir schwer, dennoch unterbreche ich und ziehe ihn mit mir in die Lüfte. Nur noch wenige Sprünge dann sind wir dort, wo wir jede Nacht landen: Dem vergessenen Dachgarten.
Lächelnd steige ich zuerst über den kaputten Glaszaun. Dahinter kitzelt das Gras zwischen unseren Zehen. Die Pflanzen haben bald jeden Weg, der einst zwischen ihnen durchführte, überwuchert. Auch die Tür hier herauf ist längst unter ihnen begraben. Ich kann die Erde riechen, als ich mich auf die verblichene blaue Decke lege und den Mond betrachte. Sanft schimmert er durch die Wolken hindurch. Ich bin froh, dass ich nicht annähernd hoch genug springen kann, um ihn zu erreichen. Die Versuchung wäre sonst zu groß. Und ich weiß, wie schlecht ich Versuchungen widerstehen kann.
Heute sind seine Finger ungeduldig. Schnell ist er neben mir, lässt sie meinen Arm entlanglaufen. Sie gelangen bis an die Schulter, kraulen den Nacken. Ich schließe die Augen, will irgendetwas sagen, doch schon hört er auf, hinterlässt eine kalte Sekunde und beginnt wieder am Handgelenk emporzuwandern. Es fühlt sich wie ein Traum an. Zwischen den halbgeschlossenen Lidern sehe ich sein Haar im Wind tanzen. Die Spitzen beginnen, sich zu locken, so lang ist es geworden. Er hat dieses verschmitzte Lächeln auf den Lippen. Ich streichle sein Bein, das angewinkelt auf mir liegt, kann es aber kaum erreichen, sodass ich mich auf die Seite zu ihm drehe. Wie zwei Teile eines Ganzen passen wir ineinander. Jeder Zentimeter unserer Körper versucht, sich zu berühren. Tief sauge ich seinen Geruch ein. Er riecht so anders als alles, was ich kenne. Ich sehe die Leidenschaft in diesen wunderschönen Augen, bevor ich meine schließe und nur noch fühle. Automatisch umfassen, streicheln, kosen meine Hände, angetrieben vom Rhythmus zweier rasender Herzen. Elektrisches Feuer scheint zwischen uns zu fließen und ich vergesse vollständig, wo und wann wir sind. Nur er spielt eine Rolle. Es wird immer nur er sein. Bei jedem Sprung werde ich an ihn denken, mich jeden Mittag nach ihm sehnen. Er wird mich immer finden. Ein Kreislauf. Und wir werden eins sein Nacht um Nacht.

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