4. Grün ist die Farbe der Hoffnung
Kapitel
Der drittbeste Tag der letzten Wochen war jener gewesen, an dem man mir erlaubte, das Bett zu verlassen und selbständig auf die Toilette zu gehen. Der zweitbeste Tag war der, an dem ich wieder feste Nahrung zu mir nehmen durfte und der beste Tag war, als ich entlassen wurde.
Meine Eltern waren ganze vier Tage geblieben und brachen nur unter dem Versprechen auf, dass ich sie mindestens alle zwei Tage kontaktierte. Ohne die Hilfe meines Arztes, der mir zuerst etwas unsympathisch gewesen war, mir aber dann sehr zur Seite stand, hätte ich sie gar nicht überzeugen können. Doktor Flowen hatte mir auch geholfen die BAU abzuwimmeln, die mich erneut hatte befragen wollen und dafür war ich ihm immer noch dankbar. Natürlich hatte ich mich gefreut, meine Eltern los zu sein, trotzdem hatte ihr Gehen eine Leere hinterlassen. Einer Befragung hätte ich nicht standgehalten.
Seit drei Tagen war ich nun zu Hause, lag in meinem Bett unter der hellgrünen Bettwäsche, denn „Grün ist die Farbe der Hoffnung“ – Hannahs Worte. Sie musste diese extra für mich rausgesucht haben. Auf dem Stuhl, der als Nachttisch diente, stapelten sich Bücher zu einem schwankenden Turm und auf dem freien Platz links neben mir, lagen weitere dicke Wälzer, doch mir war längst die Lust am Lesen vergangen. Lieber hätte ich mich bewegt, etwas unternommen oder die Uni wieder besucht, doch ich wusste selber, dass ich dazu noch nicht in der Lage war. Am Fußende lag mein kleiner Laptop, auf dem eine Dokumentation über erneuerbare Energien lief. Außerdem waren mehrere Tabs geöffnet, welche die Materialien zeigten, die ich versäumt hatte. Mürrisch klappte ich ihn mit dem Fuß zu, was mir erst beim zweiten Versuch gelang und setzte mich auf.
Zu meinem Glück hatte ich die Wohnung für mich. Hannah musste arbeiten und Marcus zur Uni. Vor allem Hannah trieb mich in den Wahnsinn, da sie auf wundersame Weise ihren Lebensstil von einem auf den anderen Tag geändert hatte. Seit ich wieder hier war, war sie auf keiner Party gewesen und bewachte mich strenger, als meine Mutter es getan hätte. Marcus hingegen war entspannter. Er ließ mich durch die Wohnung spazieren und war gestern mit mir eine Runde um den Block gegangen. Ich würde mich schon hinlegen, wenn es mir schlecht ging. Aber auch er achtete peinlich genau darauf, ob ich meine Tabletten nahm.
Ich atmete tief ein und aus. Heute würde das BAU-Team kommen. Länger konnte ich sie nicht mehr hinhalten. Hoffentlich ist Doktor Reid dabei. Ich hatte ihn gegoogelt. Er war 33 Jahre alt, auch wenn er jünger aussah, und hatte stolze drei Doktortitel in Mathematik, Chemie und Ingenieurwesen, außerdem den Bachelor in Psychologie und Soziologie und er hatte Medizin studiert. Trotz seines Jobs bei der BAU veröffentlichte er weiterhin wissenschaftliche Arbeiten, doch ich hatte mich nicht getraut, in eine davon reinzusehen. Auch wenn ich es gewohnt war komplizierte Texte zu lesen, hatte ich Angst, die Gedankengänge eines solchen Genies nicht zu durchschauen.
Als ich daran dachte, wie lange ich vor seinem Foto gesessen hatte, wurde ich spürbar rot. Wieso ging mir sein Lächeln nicht mehr aus dem Kopf? Warum konnte ich mich noch genau daran erinnern, wie sanft sich seine Berührung angefühlt hatte? Er hat nur seinen Job gemacht, er muss für die Opfer da sein. Es hat nichts bedeutet. Ob er geahnt hat, dass ich wegen der Schäden der Einstiche keine Kinder mehr bekommen kann? Was haben ihm die Schnitte sonst über den Täter verraten?
Durch mein Studium war ich genau im Bilde darüber, was die BAU tat. Das war einer der Aspekte, die mich an der Kriminaltechnologie sehr interessierten. Es war faszinierend, wie viel man anhand der kleinsten Hinweise herausfinden konnte. Doch über meinen Fall hatte ich noch nichts in den Nachrichten finden können, es war bisher kein Profil bekanntgegeben wurden und mich beschlich das Gefühl, dass meine Aussage für den Erfolg der Ermittlungen ausschlaggebend war. Ich hoffte inständig, dass ich niemanden hatte zu lange warten lassen.
Die Therapeutin, die mich neuerdings einmal die Woche besuchte, hatte mir geraten mich bei der BAU zu melden, doch bevor ich mich dazu überwinden konnte, hatten sie mich angerufen. Und wenn es schon nicht mir half, dann vielleicht der Familien des anderen Opfers, Lindas Familie. Vielleicht waren die Ermittler mit ihnen in Kontakt.
Ok Jasmin, du schaffst das heute. Doch das dünne Mädchen, das vom Spiegel aus zurückblickte, wirkte weniger zuversichtlich. Ich war blass wie immer und meine Haare vom langen Liegen zerzaust – gut sie waren auch nicht sonderlich frisch gewaschen – aber Duschen war wegen der Verbände kompliziert. Mein weißer Pyjama hatte kleine Teddys darauf und ich entschied, mir etwas anzuziehen, da weniger nach kleinem Mädchen aussah.
Weil mich mein vertrautes und neuerdings doch so fremdes Spiegelbild verunsicherte, überlegte ich nicht zum ersten Mal den Spiegel umzuhängen, sodass ich nicht jedes Mal hineinblickte, wenn ich das Bett verließ. Ach, ich hatte weit wichtigere Sorgen.
Mein Kleiderschrank war bloß ein Regal, in das ich verschieden große Kisten und Körbe gestellt hatte. Es war also eher ein Allzweckschrank, in dem ich meinen Besitz aufbewahrte. Der meiste Platz wurde von Büchern eingenommen, die so dicht standen, dass keine Briefmarke mehr dazwischen gepasst hätte. Ich kramte eine weiße Unterhose und einen grünen Strickpullover heraus Grün ist die Farbe der Hoffnung und griff nach der Jeans, die noch über meinem Schreibtischstuhl hing. Das Muster auf meinen Armen war zwar verheilt und wenn ich die Linien nachfuhr schmerzte es nicht mehr, aber man fühlte die Erhebung der übrig gebliebenen Narben. Um diese erst gar nicht sehen zu müssen, trug ich die letzte Zeit ausschließlich Langärmliges.
Ich habe überlebt und ich werde auch weiter leben. Diese Worte halfen mir jeden Tag. Meine Therapeutin hatte mich dazu überredet, diesen Satz auf kleinen Zettelchen in der Wohnung zu verteilen, sodass ich dauernd daran erinnert wurde. Gut, es war noch knapp eine Stunde, bis die Agents da sein würden. Vielleicht sollte ich mir die Haare waschen oder irgendwas tun, um allgemein einen besseren Eindruck zu machen. Verdammt, ich fühlte mich wie ein unsicherer Teenager. Ziemlich lange und ausgiebig kämmte ich mich in dem Versuch einen ordentlichen Zopf zu flechten, aber das funktionierte wie immer nicht richtig. Dann tuschte ich meine Wimpern kurz und kuschelte mich wieder unter die Bettdecke.
Früher – davor, war ich gern allein gewesen, ich hatte quasi in der Uni bzw. der Bibliothek gelebt und drei Abende in der Woche am selben Pizzastand gegessen. Auch wenn die Ruhe schön war, zuckte ich jetzt bei jedem Geräusch zusammen und die Dunkelheit machte mir mehr als alles andere Angst. Ohne leise Musik laufen zu lassen, machte ich kein Auge zu.
Ich klappte den Laptop wieder auf und ließ mein Lieblingslied laufen. Dann schloss ich die Augen und gab mich einem Tagtraum hin. Diese Träume fühlten sich sicher an, ich konnte sie steuern und sie endeten nicht mit vorwurfsvollen dunklen Augen, die langsam erloschen oder Schreien, die die Nacht durchschnitten. Doch ich konnte mich nicht fallen lassen, nicht konzentrieren, mein Herz schlug mir bis zum Hals und alle fünf Minuten sah ich auf die Uhr. Warum war ich so nervös? Also machte ich die Musik aus, ließ die Dokumentation weiterlaufen und irgendwann ertönte das Geräusch der Klingel.
Atmen.
Atmen.
Fast wäre ich über meine eigenen Füße gestolpert, als ich zur Tür eilte, um den Summer zu drücken. Wie sah ich aus? Drei Mal konnte ich die Länge des schmalen Flurs entlanglaufen, bis ich die Schritte hörte. Es waren zwei Personen. Ich kniff ein Auge zu und lugte durch den Türspion ins Treppenhaus. Da war er: Spencer Reid eilte stumm neben einem mir fremden Kollegen die Stufen hinauf. Hektisch wischte ich einen Fussel von meiner Kleidung, setzte ein Lächeln auf, atmete ein letztes Mal tief ein und öffnete die Tür.
„Guten Tag, Frau Heider. Schön, dass Sie es einrichten konnten. Sie erinnern sich bestimmt an Doktor Reid und ich bin Agent Hotchner.“ Der Mann, der sprach hatte ein bestimmendes Auftreten, er war fast so groß wie Doktor Reid und trug einen Anzug. Sein Haar war dunkel und sein Blick wurde von strengen Augenbrauen umrahmt.
„Hotchner, das bedeutet so viel wie gerechter Richter“, murmelte ich, ohne nachzudenken, während ich ihm die Hand schüttelte. Kurz glaubte ich aus dem Augenwinkel einen verdutzten Blick zu erkennen, doch das hatte ich mir vielleicht nur eingebildet. Ich schüttelte auch Agent Reid die Hand und versuchte, mir dabei nicht anmerken zu lassen, was seine Berührung in mir auslöste. Hoffentlich hatte er nicht bemerkt, dass meine Hände vor Nervosität feucht waren. Viel schneller als bei seinem Kollegen ließ ich wieder los, sein Händedruck war im Vergleich zurückhaltender und schwächer gewesen und ich fühlte mich für einen kurzen Moment beinah kraftvoll.
Ich wies den Agents den Weg zur Küche, der Raum der WG, der gemeinschaftlich genutzt wurde, da die Kapazität des Flurs mit drei Personen eigentlich schon überschritten war. Dort kuschelte ich mich auf meinen Lieblingsplatz auf der Eckbank. Mit angezogenen Beinen lehnte ich mich an und warf Hannahs Häkeldecke über mich. Ich hätte ihnen etwas zu trinken anbieten sollen!
„Setzen Sie sich doch bitte. Kann ich Ihnen etwas anbieten?“ Doch die beiden blieben auf der anderen Seite des Esstischs stehen und schüttelten gleichzeitig den Kopf.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte Agent Hotchner, der augenscheinlich eine höhere Position beim FBI hatte. Na ja, bis auf, dass ich nachts kaum schlafen kann, mein Bauch zerstochen ist und schmerzt und der, der mir das angetan hat noch frei herumläuft, gut. Ich antwortete nicht, sondern lächelte nur kurz.
„Sie wissen, warum wir hier sind?“
„Natürlich.“ Warum musste er noch Druck machen? Hatte er es eilig? Dieser Agent Hotchner sah so streng aus in seinem Anzug mit der sauber geknoteten Krawatte. In seinen Augen konnte ich kein Mitgefühl finden, eher Pflichtbewusstsein. Er erinnerte mich an die Kollegen meines Vaters. Dann bringen wir es hinter uns.
Agent Reid setzte sich und warf mir ein flüchtiges Lächeln zu, das mich eher beunruhigte. Was wusste er? Würde es so schlimm werden?
„Wie ich am Telefon schon angedeutet habe, brauchen wir Ihre Hilfe, um das Profil zu vervollständigen, Frau Heider.“ Ich weiß nicht ob ich eine große Hilfe bin, das habe ich Ihnen auch schon gesagt.
„Konnten Sie sich inzwischen an etwas Neues erinnern? Es mag Ihnen vielleicht unwichtig vorkommen, aber jedes Detail ist von Bedeutung.“
Unsicher blickte ich zwischen den beiden hin und her. „Ich habe es schon Agent Reid erzählt, ich war auf dem Nachhauseweg durch den Park, als ich hörte wie eine Frau schrie und dann war er da …“ meine Stimme versagte, ich musste keuchen.
Die beiden Männer blickten sich intensiv an, als würden sie sich ohne Worte unterhalten, dann nickte Agent Hotchner.
„Aber Jasmin bei unserem ersten Treffen haben Sie gesagt, dass Sie Musik gehört haben, wie konnten Sie den Schrei so deutlich hören, vor allem wenn er unterdrückt wurde?“, fragte Doktor Reid. In diesem Moment empfand ich es als sehr rührend, dass er sich daran erinnern konnte, dass ich lieber Jasmin als Frau Heider genannt werde. – Oh Gott, Was war mit mir los? Und dann dachte ich über die Bedeutung seiner Worte nach. Glaubte das FBI etwa, dass ich log?
„Das stimmt, ich habe Musik gehört, aber …“ ich konzentrierte mich darauf, keinen der beiden anzusehen. Wie interessant die Decke über meinen Knien war, das Muster lief im Kreis und wieder im Kreis. War uns allen dasselbe Schicksal bestimmt? Die Erinnerungen, die ich hatte, waren so grau und dunkel und je mehr ich versuchte sie zurückzuholen, desto tiefer versanken sie. Das, was ich wusste, fühlte sich an wie ein Traum, ein grausamer Alptraum. Ja, ich hatte meinen MP3-Player benutzt, aber Agent Reid hatte Recht, wieso hatte ich dann alles so gut mitbekommen können? Ich wusste ja selbst, dass ich die Musik gerne viel zu laut laufen ließ.
Ich schloss die Augen und dachte fieberhaft nach. Eigentlich legte ich den MP3-Player nur ab, wenn er leer war. Ein rot blinkendes Symbol … das war es! Die Musik hatte aufgehört und ich war stehen geblieben, weil der Akku leer war! Mit einem gewissen Stolz schlug ich die Augen auf und teilte den Agents meine Erkenntnis mit.
„… und dann erst hörte ich den Schrei“, ich schluckte. „Den Schrei von Linda.“
„Und dann kam der Täter auf Sie zu?“ fragte Agent Hotchner und es kam mir so vor als sei es eine rhetorische Frage.
„Nein, danach war es still. Er kam erst, als ich mich bemerkbar gemacht habe.“ Jetzt fiel es mir wieder ein. „Doch wieso habe ich das gemacht? Hätte ich nicht einfach weiter gehen können? Und warum bin ich nicht spätestens gelaufen als ich ihn kommen sah?“ Ich verstummte, als ich bemerkte, dass ich alles laut aussprach.
„Das ist hilfreicher als Sie denken“, sagte der Dunkelhaarige und zum ersten Mal schien sich seine strenge Art etwas aufzulockern.
„Außerdem bestätigt es unser vorläufiges Profil“, fügte Doktor Reid hinzu. Seine Stimme genügte, um mein Herz aus dem Takt zu bringen.
„Können Sie es mir erklären? Wie Sie das Profil ermitteln meine ich.“ Etwas unbeholfen wickelte ich mich aus der Decke und setzte mich gerade hin.
„Wir wissen bis jetzt, dass es sich um einen weißen Mann zwischen 30 und 40 handelt. Vor Ihnen gab es drei Opfer, junge dunkelhäutige Frauen, daher gingen wir von einem rassistischen Motiv aus, bis wir Sie sahen. Dass er ein Messer benutzt, könnte darauf hindeuten, dass er impotent ist und das Töten als eine Art Ersatzbefriedigung dient,“ antwortete Agent Reid in einer unglaublichen Geschwindigkeit, als hätte er das alles auswendig lernen müssen. „Weil er auf Brust und Gebärmutter einsticht, scheint er eine Wut auf Frauen zu haben, die sich auf eine bestimmte, wahrscheinlich dunkelhäutige Frau, zurückführen lässt. Wir glauben, dass er in seinem Leben eine eher unauffällige, zurückhaltende Person ist, die die Leute schnell vergessen.“ Wow, das ist so präzise. Wofür brauchen Sie mich noch?
„Wenn Sie so viel bereits wissen, warum haben Sie das Profil noch nicht herausgegeben? Ich meine dieser Mann läuft noch frei herum!“
Agent Hotchners Augenbrauen verengten sich wieder: „Er hat sein Verhalten geändert, er ist still geworden, obwohl er zuvor in kürzer werdenden Abständen mordete. Wir glauben, dass Sie der Grund dafür sind und deswegen sind wir hier! Um mit Ihrer Hilfe das Profil richtig zu stellen. Deswegen ist es auch so wichtig, dass sie alles versuchen, sich zu erinnern. Hat er etwas Besonderes zu Ihnen gesagt oder können Sie sich vielleicht an ein Detail seines Aussehens erinnern?“
„Also, er hat nicht viel gesprochen. Ich kann mich nur erinnern, dass er sagte, er werde mich nicht mehr gehen lassen. Er war sehr wütend und hatte eine dunkle Stimme, aber manchmal wurde er plötzlich fast sanft und hat uns gestreichelt.“ Das Profil war richtig, dieser Mensch benutzte das Töten definitiv als etwas Sexuelles. Mir wurde schlecht und innerhalb von Sekunden stand ich vor dem Waschbecken und spuckte zum Glück bloß Speichel hinein.
„Es tut mir leid“, keuchte ich entkräftet ins Becken hinein. Als ich mich umdrehte stand Agent Reid plötzlich neben mir und machte Anstalten, mich zu stützen. Er sah so verdammt perfekt aus in diesem Moment, mit seinem zerzausten Haar und dem Schatten eines Bartes auf der Oberlippe. Wie gerne ich diese Lippen geküsst hätte, doch stattdessen rutschte ich an der Küchenzeile auf den Boden nieder und versuchte, durchzuatmen. Ich habe es überlebt, es ist vorbei und ich werde auch weiter leben.
Obwohl ich jetzt zu den Männern aufsehen musste, blieb ich auf den Fliesen sitzen. „Es geht schon“, versicherte ich ihnen. Zu meiner Verwunderung war es Agent Hotchner, der über den Küchentisch griff und mir die Häkeldecke reichte. Vielleicht hatte ich ihn falsch eingeschätzt.
„Als der Mann Sie verletzt hat, war er in Rage oder sanft?“
Ich musste fast über diese Frage von Hotchner lachen. Was glauben Sie denn? „Er war wütend, zu dem Zeitpunkt war er nur noch wütend. Ich glaube er machte mich für Lindas Tod verantwortlich.“
„Haben Sie gesehen, wie er die Frau tötete?“
„Nein, aber ich habe alles gehört. Ich lag neben ihr. Er hat sie getötet, weil sie mit mir gesprochen hat. Sie dachte ich könnte ihr helfen, doch ich konnte es nicht. Da war so viel Blut, alles voller Blut …“ Heiße Tränen rannen über meine Wange und ich spürte, wie sie auf meinen Pullover tropften. Ich hatte noch genug Verstand, um zu wissen, dass ihr Tod nicht meine Schuld war, doch vielleicht hätte ich sie ja retten können – irgendwie.
Es war still geworden in der kleinen WG-Küche. Nur ein leises Tropfen war zu hören. Um nicht Schluchzen zu müssen, kaute ich auf einer Strähne meines Haares, die sich aus dem Zopf gelöst hatte. Wie sollte ich dieses Gespräch jemals überstehen?
Auf einmal waren da wieder diese großen Hände. Lange Finger berührten sanft meine Wange und wischten die nassen Tränen einfach fort, erst links, dann rechts. Er war direkt vor mir und ich sah, dass er eine tannengrüne Krawatte unter seiner Strickjacke trug. Grün ist die Farbe der Hoffnung. War das ein Zeichen? Die Finger versuchten, auch die letzte Träne zu trocknen, bevor sie meine Haare vorsichtig aus dem Mundwinkel lösten.
„Schließen Sie die Augen Jasmin“, flüsterte Reid. Mein Herz pochte. „Keine Angst, ich bin bei Ihnen. Sie sind hier in Sicherheit. Sie sollten wissen, dass wir mit Lindas Familie gesprochen haben und ich bin sicher, dass sie erleichtert wären, zu hören, dass ihre Tochter nicht allein sterben musste.
Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie lägen wieder dort auf der Wiese im Park. Wie sieht der Mann aus?“
Seltsamerweise war das erste, an das ich mich erinnerte, das große blutige Messer. Dann sah ich die plumpen Finger, die sich darum krampften. Ein dunkler vom Blut durchtränkter Pullover.
„Er hatte einen Schnurbart und dunkles Haar“, murmelte ich. Aber wie hatte der Rest seines Gesichts ausgesehen? Es war zu verschwommen. „Ich weiß noch, dass er fünf Mal zugestochen hat, dann kann ich mich erst wieder ans Krankenhaus erinnern. Mehr … fällt mir leider nicht ein.“
Als ich die Augen aufschlug kniete Doktor Reid nicht mehr vor mir, sondern hatte etwas Abstand zwischen uns gebracht, doch er hielt meine Hand, genau wie im Krankenhaus.
„Wenn Ihnen noch etwas einfällt, kontaktieren Sie uns bitte“, sagte Agent Hotchner. Sein Kollege ließ meine Hand los und stand auf. Fast hätte ich geseufzt.
„Das war es jetzt? Das reicht, damit sie das Profil verbessern können?“, fragte ich etwas überrumpelt.
„Sie haben uns mehr geholfen, als sie denken“, versicherte mir der ältere Agent erneut. „Wenn Sie bereit wären bei einer Phantombildzeichnung zu helfen, wäre das noch nützlicher, Sie haben meine Nummer ja. Wenn dieser Kerl erst einmal aus seinem Loch gekrochen kommt, werden wir ihn finden, das versichere ich Ihnen.“
Umständlich zog ich mich an der Küchenzeile hoch und wischte mir mit dem Handrücken die letzten Überreste der Tränen aus dem Gesicht. War es gut, dass die beiden jetzt gingen?
Lächelnd schüttelte ich den Agents die Hand und sah zu, wie sie auf die Wohnungstür zusteuerten.
„Warum hat er mich nicht getötet?“ Die Frage war einfach aus mir rausgerutscht. Wie in Zeitlupe nahm ich wahr, dass die beiden Männer sich mit besorgten Blicken zu mir umdrehten. Agent Hotchner nahm die Hand von der Klinke.
„Er hat gesagt, er würde es tun. Wieso hat er aufgehört?“ In manchen Momenten wäre das Sterben so viel einfacher gewesen.
„Jasmin, Sie waren nicht sein Ziel. Egal was er zu Ihnen gesagt hat oder mit Ihnen gemacht hat, Sie waren nicht der Grund für seine Wut“, durchbrach Agent Reids Stimme die Stille.
Ich konnte nicht anders, ich musste sicher sein: „Wissen Sie das denn genau? Vielleicht hat er sich mich aufgehoben, vielleicht bereut er, dass er mich hat leben lassen oder er dachte ich sei bereits tot.“
Agent Hotchner ergriff das Wort: „Sein Verhalten deutet nicht auf einen Stalker hin. Die Tatsache, dass er untergetaucht ist, kann ebenso Vorsicht sein, weil er weiß, dass er gesucht wird. Er hat die Leichen immer einfach liegen lassen und sie nicht versteckt. Doch wenn wir ihn richtig einschätzen wird er bald das Verlangen haben, wieder zu töten. Fühlen Sie sich allerdings zu unwohl können wir für Sie Polizeischutz beantragen.“
Auch wenn ich nicht völlig überzeugt war, schüttelte ich den Kopf und sah zu, wie die Agents ins Treppenhaus verschwanden. Es waren noch ungefähr zwei Stunden, bis Marcus Pause hatte und herkommen würde. Hannah war bis Sonnenuntergang beschäftigt, da sie für eine Kollegin einspringen musste. Ich war also allein.
Verdammt allein.
Wieder in mein Bett gekuschelt dachte ich über all das nach. Gab es einen Grund, warum ich angegriffen worden war oder musste ich das anders sehen? Gab es etwa einen Grund, warum ich überlebt hatte? Wie würde sich mein Leben in Zukunft ändern? Was waren das für Gefühle für den freundlichen Agent Spencer Reid? Es stand außer Frage, dass er etwas in mir auslöste, doch fühlte ich mich bloß von ihm beschützt oder war da mehr?
Ich hatte nicht viel Erfahrung in Beziehungsdingen. In der High-School hatte ich einen festen Freund gehabt. Es war damals für uns beide neu gewesen und wir waren erwartungsgemäß schüchtern, doch es hatte nur ein paar Monate gehalten. Zum Sex war es nie gekommen, wir hatten bloß einmal zusammen geduscht, als wir bei ihm waren. Meine Eltern waren ohnehin gegen die Beziehung gewesen. Sie hatten sehr strenge zeitliche Vorgaben gemacht, wann er mich besuchen durfte und das auch nur wenn einer von ihnen im Haus war, um ein Auge auf uns zu haben.
Wollte ich denn überhaupt wieder eine Beziehung haben? Während meine liebe Mitbewohnerin Hannah über Nacht ab und an einen meist muskulösen und gutaussehenden Kerl mitbrachte und auch Marcus Dates hatte, hatte ich darauf nie viel Wert gelegt. Die seltenen Male, die ich feiern war, genoss ich es, meinen Freundeskreis zu sehen und vielleicht ein Bier zu trinken. Was würden sie sagen, wenn ich plötzlich mit einem älteren FBI-Agent aufkreuzen würde? Obwohl man ehrlich zugeben musste, dass man Doktor Reid seine 33 Jahre wirklich nicht ansah.
Doch dazu würde es ohnehin nie kommen. Vielleicht würde ich ihn nicht einmal wiedersehen und dem Internet zufolge war die BAU das gesamte Jahr im Land unterwegs, um Mörder zu fassen. Da hatte es keine Bedeutung, dass sich der Hauptsitzt hier in Quantico befand. Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, was so ein Genie wie er an einer einfachen Studentin attraktiv finden würde. Ich war nicht einmal annähernd intelligent genug, um ihm irgendetwas Interessantes erzählen zu können.
Ich seufzte und griff nach dem Puddingbecher, der neben meinem Bett stand. Weiche Nahrung war leider immer noch das Beste für meinen angeschlagenen Körper. Mit dem Fuß schob ich den Laptop näher, nur um auf das Fenster der Suchmaschine zu starren. Sollte ich es wirklich noch einmal tun? „Doktor Spencer Reid BAU Quantico“, gab ich ein und klickte zum ersten Mal auf „Bilder“. Viele davon waren Ausschnitte aus Pressemitteilungen und Interviews. Ich schmunzelte, als ich ein besonders Altes fand, auf dem er versucht hatte, seine Haare glatt zu kämmen. Nach ein paar Minuten riss ich mich zusammen, stieß den Laptop weg, sodass er fast heruntergefallen wäre, lehnte mich zurück und schloss die Augen. Dieser Mann hatte etwas an sich, das mich anzog.
Wie dicht er heute bei mir gewesen war. Ich hatte genau die Poren seiner Haut erkennen können, die Augenringe von schlaflosen Nächten, die auch mich plagten. Diese Lippen … Ohne es zu merken, war meine Hand zu meinem Oberschenkel gewandert. Meine Gedanken lösten dort ein ungewohntes Kribbeln aus. Doch dann hörte ich ein Geräusch. Ich zuckte zusammen und nahm schnell wieder den Puddingbecher.
Das Geräusch war Marcus, der nach Hause kam. Ich hörte, wie er seine Schuhe abstellte und im Badezimmer verschwand. Einige Minuten später klopfte es an meiner Tür. Bevor ich ihn hereinließ, warf ich einen prüfenden Blick in den Spiegel – ich wusste wie schnell meine Wangen rot wurden – doch zu meiner Überraschung sah ich normal aus. Mein Mitbewohner kam herein und begrüßte mich fröhlich, dann ließ er sich erschöpft auf den Schreibtischstuhl fallen und kramte nach etwas Essbarem.
„Ich enttäusche dich ja ungern, aber der Schokopudding ist aus“, sagte ich und zeigte ihm den leeren Becher in meiner Hand.
Marcus kicherte, wie es seine Art war, wurde aber schnell ernst: „Schätzchen, wie war es heute?“
„Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung, ob ich ihnen wirklich helfen konnte.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Aber jetzt habe ich es endlich hinter mir.“
„Das heißt sie haben diesen Schweinehund noch nicht gefangen? Haben sie denn überhaupt eine Spur?“
Kurz überlegte ich, Marcus von dem Profil zu erzählen, doch ich wusste, dass ihn das bloß langweilen würde. Also sagte ich stattdessen: „Der Täter ist untergetaucht, was die Suche erschwert, aber das FBI glaubt, dass er bald wieder versucht, jemanden zu töten und dann werden sie zu Stelle sein.“
Marcus schnaubte. „Nachdem was er dir angetan hat, hoffe ich nur, dass die sich mal beeilen. Selbst ich fühle mich im Dunkeln schon unwohl und wenn sich das Ganze erst herumspricht …“
„Ich denke, dass sie bald zu den Medien gehen“, vermutete ich. „So und jetzt lass uns bitte einen Spaziergang machen. Ich muss hier raus.“
„Hast du deine Tabletten genommen? Und ich hoffe dieser Pudding war nicht das Erste, das du heute gegessen hast, weil ich schwöre dir Hannah und ich werde dich eigenhändig füttern!“ Er lachte laut. Ach ja, die Tabletten. Heute hatte ich meine Gedanken wirklich nicht beisammen. Wie auch, wenn ein bestimmter Agent die ganze Zeit alles in meinem Kopf blockierte! Schnell nahm ich die Medikamente ein und stand mit Marcus Hilfe auf.
Draußen liefen wir langsam und ich bildete mir ein, dass man uns anstarrte. Ich fühlte mich wie eine alte Frau, die mit ihrem langjährigen Ehemann einmal in der Woche aus dem Altenheim darf. Mit dem Unterschied, dass Marcus weder mich noch eine andere Frau jemals heiraten würde. Er war einer der Homosexuellen, die ihre Sexualität deutlich nach außen zeigten. Heute trug er ein enges Shirt mit tiefem V-Ausschnitt und an manchen Tagen tuschte er sich sogar die Wimpern. Außerdem besaß er eine Herrenhandtasche, für wir ihn regelmäßig auslachten.
Als wir eine Straße überquerten, begann ich, die Leute um uns herum deutlicher wahrzunehmen und bald war ich mir sicher, dass ich mir das eben nicht eingebildet hatte: Man sah uns seltsam an. Und war dieser Mann nicht eben schon an uns vorbeigelaufen? Wieso kam mir diese Frau so bekannt vor? Sie könnte eine ältere Version von Linda sein! Ich spürte, wie die Panik in mir aufstieg, wie mein Herzschlag schneller und schneller wurde und für einen Augenblick war ich mir sicher, dass ich meinen Folterer gesehen hatte. An der nächsten Ecke bekam ich keine Luft mehr. Überall waren diese Menschen und unter ihnen konnte ER sein, wer weiß wie lange er mich schon beobachtete?
„Jasmin ist alles in Ord …“ Der Blick in mein Gesicht musste ihm Antwort genug gewesen sein. „Du schwitzt ja! Setz dich lieber hin und versuch ruhig zu atmen, bitte!“
Doch was er sagte, erreichte mich nicht mehr und als ich glaubte, erbrechen zu müssen, kam der Boden immer näher.

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