Part 1
Es war das Jahr 122 der zweiten Ära, doch der Stein vor mir mochte älter sein. Was er über die Zeit gesehen hat? Wie oft war er von Regen durchnässt und wieder getrocknet? Wie viele Hände hatten ihn berührt, bis er schließlich aus dem Fels zu einer groben Platte gehauen wurde? Ich wagte es nicht, meine Hand auf diese kalte Oberfläche zu legen, die ab heute ein Stückchen mehr Geschichte war, ein stummer Wächter. Der Stein schien in der frischen Erde zu versinken, er war leicht schief, imperfekt, doch zugleich ein Monument.
Ein Tropfen sammelte sich, nahm die Feuchtigkeit der Umgebung auf und nach einem Blinzeln rann er den Stein hinunter, floss meine Wange entlang und landete auf dem feuchten Boden. Die Wolken hingen dick und grau über uns, aber sie hatten kein Wasser mehr übrig. Wieso war ich nicht ebenso? Wieso war mein Gesicht mit salzigen Tränen nass, ohne dass ich verstand woher diese kamen? Welchen Ursprung hatten sie, war doch das einzige, was ich empfinden konnte Leere?
Leer war ebenfalls der Stein, bis auf die Form in seinem Naturzustand belassen, ohne Inschrift, die zu erinnern half. Wir würden uns erinnern, würden unsere Mutter nie vergessen. Vater trat näher, nahm meine Hand, eine Berührung, die mir fremd vorkam und mich in meine Kindheit versetzte. Seine treuen Augen waren trocken, erwachsene Männer weinen nicht. Ich wischte mir das Gesicht mit der freien Hand, allerdings konnte ich das Tropfen meiner Nase nicht verhindern. Vater nickte kaum merklich und in diesem Moment bewunderte ich seine innere Stärke. Seit man Mutter vor wenigen Tagen zu uns brachte, hatte er sich um alles gekümmert, ohne je zu zögern. Nun war sie unter der Erde, die unsere Fußspitzen beinah berührten. So nah und doch zu fern. Ich schluckte, erwachsene Männer weinen nicht. Auch ich wollte stark sein, wollte so sein wie er. Ich war alt genug, um zu helfen, für meine Geschwister zu sorgen. Meine eigene Kindheit war zu Ende.
Zeit verging, ich zählte sie nicht, ich sah nur den Stein an. Ich weiß nicht, was ich damit bezwecken wollte. Vielleicht suchte ich nach einer Antwort, nach einer Anleitung, wie ich fühlen, wie ich mich verhalten sollte. Oder versuchte zu begreifen, dass dies wirklich war. Wie sollte je jemand den Umfang des nie-wieder-Sehen verstehen? Niemals mehr ihren Geschichten lauschen, NIE-MALS. Nie mehr ihr Lächeln sehen, nie mehr ihre aufbauenden Worte hören… Nie. Die Endgültigkeit dieses Wortes zauberte eine Kälte auf meine Haut, die mich für die nächsten Tage nicht verlassen wollte.
Eine Bewegung löste mich aus meiner Starre, ich blickte zu Vater und musste feststellen, dass es stattdessen Lott war, die meine Hand hielt. Die braunen meiner Schwester Augen blickten mich fragend von unten an. Verstand sie was geschehen war? Ihre kleinen Finger versuchten mich fortzuziehen. „Enna will nach Hause“, sagte sie, die Vokale langziehend. Natürlich, sie wollten alle heim. Ich zwang mich dazu, mich loszureißen. Für meine Geschwister würde ich stark sein. Ich drehte dem Grabstein den Rücken zu und ließ den Friedhof mit dem riesigen steinernen Fuchs, vor dem Vater betete, hinter mir.
Schlafen konnte ich nicht, oder ich hatte geschlafen, bloß keine Ruhe daraus gezogen. Der Raum war stickig vom Feuer, das mittlerweile ausgegangen war. Lott lag mit ihrem Kopf auf meinem Arm, den ich jetzt vorsichtig herauszog. Noch einmal so ruhig wie ein Kind schlafen, war das je wieder möglich? Darauf bedacht niemanden zu wecken, zog ich mir etwas über und verließ das Haus. Wohltuende klare Luft schlug mir entgegen, ich konnte endlich wieder frei atmen. Etwas ungeschickt vor Müdigkeit lief ich die glitschigen Stufen zum Wasser hinunter. Eine Briese sandte den schweren Geruch nach Fisch. Ich blickte in die unendliche Dunkelheit, die mich umgab, mich verschlang und zu einem Teil von ihr machte. War es das, was Mutter im Moment wahrnahm: Schwärze? Oder war sie bereits in einem anderen Reich, in einem Reich des Lichts? Wie lange dauerte es bis der Fuchs die Toten hinübergebracht hatte? Wenn ich so weit war es selbst zu erleben, würde ich es niemandem mehr berichten können. Ohne es zu bemerken, hatte ich begonnen zu weinen. Diesmal ließ ich die kalten Tränen nicht laufen, sondern wischte sie direkt fort. Es fühlte sich so an, als wäre ich nie mehr in der Lage richtig zu schlafen. Vielleicht würde ich bald vor bloßer Erschöpfung umfallen. Ich hatte gehört, dass das passieren konnte. Um Kraft zu sparen, stütze ich meine Arme auf das Geländer vor mir.
Vom Steg über mir fiel plötzlich ein dünner Lichtschein und ich glaube schon meine Geschwister geweckt zu haben, als ich erkannte, dass es Vater war. Hatte er auch keinen Schlaf finden können? Ich wusste nicht, ob er mich gesehen hatte, deswegen machte ich mich bemerkbar und ging zu ihm. „Vater!“ Wieso lag so viel Unsicherheit in meiner Stimme?
„Warum bist du auf? Du wirst deine Kraft brauchen.“ Ich antwortete nicht. Sein Blick sah im matten Schein der Kerze streng aus. Die Falten wurden zu tiefen dunklen Furchen.
Nun sah ich in Richtung des Wassers, anstatt Vater anzublicken. Ich durfte nicht schwach sein, nicht mehr. Vor ein paar Stunden am Friedhof, war meine Chance gewesen mich zu verabschieden, jetzt musste ich für andere da sein. Ein erwachsener Mann muss stark sein. Vater musste wissen was in mir vorging, deshalb legte er keine tröstende Hand auf meine Schulter, deshalb schwieg auch er. Er wartete darauf, dass ich endlich erkannte, dass nachts ohne Licht draußen sein, mich ihr nicht näherbrachte, dass ich hinein und schlafen gehen sollte.
Vorsichtig stellte er die Kerze auf das Geländer. Die kleine Flamme vibrierte im Wind. Dünne Härchen auf meinen Armen stellten sich auf, zitterten mit. Ich konnte Vaters vorwurfsvollen Blick spüren, doch ich war nicht in der Lage hineinzugehen. Der Sog der Dunkelheit zog an mir. Wenn nicht das Licht wäre, würde ich in der Schwärze aufgehen können. Ich, als Teil von ihr und die Leere als Teil von mir. Allerdings war da gar keine Leere. Um mich herum war überall Leben. Zu deutlich hörte ich Vaters Atem. Vor mir nahm ich den Geruch des Wassers wahr und sein sanftes Plätschern. Ich hörte Vögel und Insekten, das Wiegen der Äste, ein Knacken im Unterholz. Das einzige, was ich nicht hörte, war mich selbst. Wie ein Denkmal stand ich da, äußerlich fleischlich und jung, doch innerlich ohne Leben. Ich bewegte nicht einmal die Pupillen, starrte nach vorn auf einen undefinierbaren Punkt. Wie sollte überhaupt nur das kleinste Bisschen der Möglichkeit bestehen, normal weiter zu machen? Das Leben einfach fortzuführen?
Vater brach sein Schweigen: „Nun komm Sohn. Zu viel Nachdenken tut dir nicht gut.“ Er griff nach der Kerze, deren Wachs Tropfen auf dem Holz hinterlassen hatte und ging. Seine Bewegungen lösten mich aus meiner Starre. Er hatte Recht, es war nie gut zu viel zu denken.

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