Was danach geschah – Graue Erinnerung

3. Graue Erinnerungen

Es war einfach zu falsch, zu komisch. Einen solchen Traum, hatte ich mir nicht zugetraut. Zwei Agents vom FBI kamen, um nach mir zu sehen! Nach mir! Einfach zu amüsant. Wie viel Morphin hatte die Schwester mir gegeben?
  Ich musste gelacht haben. Die buschigen Augenbrauen des ersten (wie hieß er noch? Agent Morgan?) ließen ihn besorgt aussehen.
  „Verstehen Sie, was ich sage?“, fragte er besorgt und warf dem anderen einen vielsagenden Seitenblick zu. Irgendwie erinnerte mich seine perfekte Erscheinung an ein Model, ein männliches Model! Hihi. Er roch auch wie ein Model! Extrem sauber und ziemlich stark nach Parfüm. Der Model-Agent wendete sich von mir ab und wechselte ein paar schnelle Worte mit Doktor Flowen, der dann aber eilig verschwand. Vielleicht war er auch nie da gewesen. Wer weiß das schon? Es war ja nur ein Traum. Aber ein verdammt guter Traum!
  Der zweite Agent war an meinem Bett stehengeblieben. Wow! Er war das Wunderschönste, was ich je gesehen hatte. Es gibt diese Momente, wenn man nicht ganz bei Bewusstsein ist, da verliebt man sich auf Anhieb und wacht man auf, erinnert man sich nur dunkel an diese andere Person, hat ein wunderbares Gefühl im Magen und ist den ganzen Tag gut gelaunt, weil dieser eine Traum gereicht hat, um einen – zumindest kurz – glücklich zu machen.
  Dieser Agent war jünger als sein Kollege und seine Augen waren unergründlicher, doch kurz schimmerte darin Neugier, gepaart mit tiefem Verständnis. Er hatte wildes, leicht strähniges Haar in einem Ton zwischen blond und braun, welches sein linkes Auge verdeckte, als er sich näher zu mir lehnte.
  „Du bist das Schönste, was ich je gesehen habe“, murmelte ich, doch es war scheinbar laut genug, dass der andere es auch hörte.
  „Morgan, hast du gehört? Sie spricht.“ Wenn das Model Agent Morgan war, dann war der Süße Doktor Reid. Aber wie konnte er Doktor sein, er war doch vom FBI? Wo war Doktor Fl …Flower? Hihi, Doktor Blume!
  Agent Morgen sah mich wieder so besorgt und irgendwie nachdenklich an. „Ich glaube sie bekommt nicht viel mit, von dem was wir sagen.“ Nein! Ich bekomme ja wohl genug mit! Und ich möchte jetzt mitbekommen, wie ihr eure Shirts auszieht, der Langhaarige zuerst!
  „Untersuch mich – Doktor“, sagte ich und musste lachen. Die beiden, vor allem Agent Reid, sahen aus, als wüssten sie nicht, wie sie reagieren sollten. Ich sah fasziniert zu, wie Agent Morgan seinem Kollegen lachend auf die Schulter klopfte. Er hatte schöne helle, gerade Zähne. Es schien fast so, als würde er ihn ermutigen. Mein Herz schlug schneller. Würden sie jetzt tatsächlich tun, was ich wollte? Wenn ja, war das definitiv der beste Traum seit Jahren!
  „Hast du das gehört Kleiner? Da verlangt jemand nach einem richtigen Doktor.“ Ich dachte nur, dass an den beiden bestimmt nichts klein war und musste wieder kichern.
  „Morgan, ich sollte mir wirklich ihre Wunden ansehen.“ Er schien nervös zu sein, trat von einem Fuß auf den anderen. Gott, war das niedlich! Ich schloss die Augen und versuchte mir vorzustellen, wie es war von ihm berührt zu werden, doch als ich sie wieder öffnete, wurde mir schwindelig und zu heiß. Außerdem stand eine Krankenschwester an der Stelle, wo eben noch die Agents gewesen waren. War der Traum schon vorbei?
  Nein, die Agents waren noch da, doch irgendwie war etwas anders. Vielleicht hatte ich die Augen länger geschlossen gehabt. War ich eingeschlafen? Aber das konnte nicht sein, ich hatte doch schon geträumt. In einem Traum konnte man nicht einschlafen. Stöhnend versuchte ich eine andere Position zu finden, aber viel Bewegungsfreiheit hatte ich dank des Zugangs in meinem Arm und meinen zahlreichen Verbänden nicht. Die Krankenschwester winkte die Männer des FBIs näher, die sich an die Wand gelehnt in gedämpften Ton unterhielten.
  „Kommen Sie her, sie ist aufgewacht. Ich kann Ihnen die Wunden zeigen.“ Ich konnte mich an diese Schwester nicht erinnern, allerdings erinnerte ich mich auch nicht daran, wie ich hergekommen war. Sie war eine recht kleine Frau, mit blond gefärbtem Haar, das sie zu einem Zopf geflochten hatte. Ihre Augenringe verrieten Müdigkeit, wahrscheinlich schien sie deshalb so genervt. Sie könnte eine lange Schicht hinter sich haben und musste zusätzlich Betreuerin des FBIs spielen.
  Müde und beinah völlig orientierungslos rieb ich mir die Augen und setzte mich etwas auf. Es beschlich mich ein ungutes Gefühl, das ich nicht richtig deuten konnte. Mein Hals war zu ausgetrocknet, um richtig sprechen zu können. Undeutlich fragte ich nach einem Wasser und bekam tatsächlich eine kleine Plastikflasche auf den beweglichen Nachttisch neben meinem Bett gestellt, der mir zuvor nie aufgefallen war.
  Die beiden Männer waren nähergetreten. Wieso hatte ich das Gefühl, ihre Namen zu kennen? Oh, was hatte ich da nur geträumt? Oder viel schlimmer: War es überhaupt ein Traum gewesen? Ich war zu verwirrt zum Denken. Nachdem die blonde Schwester mir das Wasser gebracht hatte, rieb sie eine dicke, stinkende Creme auf die gezackten roten Schnitte auf meinen Armen, unter der Beobachtung zwei interessierter Augenpaare. Der gutaussehende Agent stellte viele Fragen: Wie tief sind die Schnitte? Wie viele sind es? Haben sie solch ein Muster schon einmal gesehen? … Ich hörte kaum zu und konnte erst recht nicht hinsehen. Jede Berührung der Schwester war unangenehm und ließ mich innerlich zusammenzucken. Würde ich jetzt ein Leben lang diese Narben mit mir herumtragen?
  Ohne es zu merken, stahl sich eine heiße Träne aus meinem Augenwinkel. Schnell wendete ich mich ab, konnte dennoch ein Schluchzen nicht unterdrücken. Hoffentlich hat das niemand gesehen. Die Schwester begann, die Verbände zu wechseln. Wahrscheinlich wollte das FBI auch die tiefen Wunden zu Gesicht bekommen. Mist noch eine Träne! Ich wischte sie fort, doch diesmal hatte es dieser Agent Reid bemerkt. Das war mir peinlich.
  „Wir müssen nicht weitermachen, wenn Sie das nicht wollen. Wir kennen jetzt die wichtigsten Daten und für den Rest können wir später noch einmal wiederkommen.“ Seine Stimme war weich und verständnisvoll und ich wurde tatsächlich etwas ruhiger.
  „Nei …“ Ich deutete hektisch auf das Wasser und trank den ersten Schluck seit einer gefühlten Ewigkeit. Hastig trank ich einen Weiteren und noch einen und hätte mich beinah verschluckt, so ausgetrocknet fühlte ich mich. „Nein“, setzte ich erneut an. „Tun Sie, was Sie müssen.“ Ich wollte auf keinen Fall, dass sie noch einmal herkamen, ich wollte bloß gesund werden, um so schnell es ging hier raus zu kommen. Außerdem verstand ich immer noch nicht wirklich, wieso die Agents hier waren. Vielleicht ist es wegen der Leiche. Hannah hat etwas von einer Leiche gesagt. Das musste Linda sein. Sag meiner Familie, dass ich sie liebe. Ob man ihre Angehörigen bereits benachrichtigt hatte?
  Der Agent mit der braunen Haut fragte: „Sind Sie sich da wirklich sicher?“
  „Ja“, log ich. Doch als die Schwester sich am Verband zu schaffen machte und ich darunter zum ersten Mal die Wunde erblickte, wusste ich, ich hatte mich falsch entschieden. Ich kniff die Augen zusammen als ich die Nähte sah und erneut liefen zwei Tränen an meinen Wangen hinunter. Kalt liefen sie über mein errötetes Gesicht und hinterließen eine salzige Spur, die ich Minuten später noch spürte. Ich wisperte eine Entschuldigung, ließ die Augen aber sicherheitshalber geschlossen. Wahrscheinlich hatte ich mein ganzes restliches Leben Zeit, mir die Überreste des Angriffs anzusehen. Bevor der nächste Verband an der Reihe war, musste ich es tun, ich musste erfahren, was man über die gefundene Leiche wusste.
  „Haben Sie Linda gefunden?“
  Es war plötzlich still im Raum, stiller als zuvor.
  „Sieht Linda so aus?“, fragte Agent Morgan und zeigte mir das Foto einer Frau, die offensichtlich auf einem Pathologietisch lag. Ich nickte bloß. Natürlich war sie es, ich hatte neben ihr gelegen als sie gestorben war. Weitere Tränen. Beeilen Sie sich bitte!
  „Wissen Sie noch etwas über Linda?“ Dr. Reid fing meinen Blick mit seinen schönen Augen ein. „Schaffen Sie es sich zu erinnern? Wir können Ihnen dabei helfen.“ Der seltsam vertraute Ton in seiner Stimme beruhigte mich erneut.
  Bevor ich antworten konnte, meldete sich die Schwester zu Wort: „Doktor Flowen sagte, sie wäre noch nicht soweit.“
  „Es geht schon“, widersprach ich. Wenn ich das Ganze beschleunigen konnte, dann musste ich mich jetzt konzentrieren. Das war schwerer als gedacht. Ich fühlte genau, wie stark ich immer noch schwitzte und mein Herz schlug viel zu schnell. Wollte ich wirklich, dass dieser Moment vorbei war? Das schon, aber ich wollte nicht, dass Agent Reid so bald verschwand. Wie es sich wohl anfühlt, wenn er mich berührt? fragte ich mich erneut. Seine Haut war bestimmt weich. Nein Jasmin! Konzentriere dich! Du schaffst das!
  Die Krankenschwester beäugte mich kritisch, bevor sie einwilligte: „Aber nur einer, sonst wird es zu viel.“ Ich wischte mir unbeholfen die Tränen von den Wangen und einen Moment später war ich allein in diesem Zimmer mit Agent Reid. Ich konnte mich nicht erinnern, dass die Anwesenheit einer Person, die ich gar nicht kannte, mich je so durcheinandergebracht hatte.
  Er hatte sich vorsichtig auf die Kante des Krankenbetts niedergelassen, um nicht von oben auf mich herabschauen zu müssen. Seine Haut war blass, vielleicht blasser als meine eigene, die durch die vielen Sommersprossen oft dunkler wirkte. Er wartete einen Augenblick, sodass ich mich sammeln konnte, dann begann er seine Fragen zu stellen.
  „Schließen Sie bitte die Augen, Frau Heider“, sagte er, doch ich ließ sie offen.
  „Können Sie mich Jasmin nennen?“ Als ich sah, wie er lächelnd nickte, schloss ich die Lider. War ich wirklich stark genug dafür? Ich gab mir große Mühe, alles auszublenden und lauschte nur auf seine Stimme.
  „Jasmin, erinnern Sie sich. Es war dunkel, Sie waren auf dem Weg nach Hause. Sie sind jetzt im Park. Was hören Sie? Was geschieht?“
  „Ich … ich wollte schnell nach Hause, deshalb bin ich durch den Park gegangen. Es war spät, ich war allein.“
  „Was hören Sie?“
  „Musik. Ich höre Musik, ich … es war mein MP3 Player. Ich habe Musik gehört.“
  „Gut und jetzt ändert sich etwas.“
Ja, aber was? „Ich bleibe stehen. Ich weiß nicht warum. Da war etwas … ich kann mich nur schwer erinnern, alles ist so verschwommen und grau.“
  „Was sehen Sie Jasmin?“, sagte der Agent, bevor ich die Augen öffnen konnte.
  „Die alte beschmierte Parkbank neben dem Gebüsch. Die Lampe darüber ist schon lange kaputt.“
  „Warum haben sie dorthin geblickt? Gehen Sie einen Schritt zurück.“
  Etwas in mir blockierte und ehe ich mich erinnerte, hörte ich den Widerhall eines grauenvollen Geräuschs, sodass ich eine Gänsehaut bekam. Der unterdrückte Schrei einer Frau, der Schrei von Linda. Sag meiner Familie, dass ich sie liebe. Wenn ich doch nur etwas tun könnte, damit du es ihnen selbst sagen kannst. Nach Sicherheit suchend tastete meine Hand panisch umher. Da war meine Bettdecke, ein Lacken, ein Schlauch und dann spürte ich wie lange Finger meine eigenen umschlossen. Die fremde Hand hielt mich fest und brachte mich auf den Boden, bevor ich in den Abgrund fallen konnte.
  Als ich die Augen öffnete, glaubte ich eine Vertrautheit zwischen uns zu spüren. Die tiefen braunen Augen, denen man ansah, dass sie viel gesehen hatten, sahen besorgt aus und ich spürte das Mitleid, das von Doktor Reid ausging und doch brachte er mich zum Lächeln. Es war ein unsicheres schüchternes Lächeln und oh nein, ich fühlte wie meine Wangen rot wurden. Ohne ihn anzusehen, da das meinen Herzschlag nicht hätte beruhigen können, erzählte ich, an was ich mich erinnern konnte: „Ich habe eine Frau schreien gehört, deswegen habe ich zu der Bank geschaut. Der Schrei wurde … er wurde unterdrückt.“
  „Es ist alles gut, Sie sind hier in Sicherheit“, wiederholte der große Mann vom FBI, der meine Finger noch mit seinen verschränkt hatte, mehrmals.
  „Als der Mann auf mich zukam, hätte ich bereits rennen sollen, aber ich war wie gelähmt und dann war da ein Messer an meinem Hals. Es war zu dunkel, um Genaueres zu erkennen. Ich erinnere mich nur, dass er einen Pullover trug, der blutverschmiert war. Es war dunkel, ich habe das Blut erst bemerkt als er mich dagegen presste.“ Das Einzige, das mir half eine Panikattacke zu verhindern, war die fremde warme Hand. Sie lag ruhig da, strich nicht über meine Finger, gab mir dennoch irgendwie Kraft.
  „Jasmin, schaffen Sie es sich an den Mann zu erinnern. Wie alt war er? Wie sah er aus?“
  Ich schüttelte den Kopf. Nur wenige Dinge, waren mir noch klar in Erinnerung geblieben. Und ich hatte keine Ahnung was geschehen war, nachdem dieser Kerl mir das Messer an die Kehle gehalten hatte. Irgendwie war ich zu Linda gekommen. Hatte er mich dorthin gebracht, um mitanzusehen wie … was er mit ihr tat? Etwas grob befreite ich meine Finger und verkroch mich unter der Decke. Diesmal hatte ich mich genug unter Kontrolle, um nicht erneut in Tränen auszubrechen.
  „Es tut mir leid“, murmelte ich.
  Der FBI Agent war aufgestanden. „Dürfen wir Sie später noch einmal befragen?“
Nein! Aber ich nickte, denn selbst in dieser Situation verstand ich, dass ich der einzige Mensch war, der helfen konnte, den Mörder zu fassen. Nur nicht jetzt.
  „Ist es möglich, dass ich mir die Bauchwunden einmal ansehe?“, fragte er. „Die Schwester hat diesen Verband noch nicht gewechselt.“ Widerwillig legte ich mich auf den Rücken, streckte die Beine aus und zog die Bettdecke herunter. Dies war das letzte Mal, dass jemand an meinem Körper interessiert war.
  Gekonnt entfernte der Agent den Verband und betrachtete eine gefühlte Ewigkeit die Schnittwunden. Sobald er fertig war ließ er die Schwester rufen, die alles noch einmal überprüfte und einen neuen Verband anlegte. So schnell wie diese gekommen war, war sie auch wieder verschwunden.
  „Agent Reid?“, fragte ich, als er den Raum verlassen wollte. „Wie viele Wunden sind es? Im Bauch, meine ich.“
  „Drei Schnitte im rechten Unterbauch und vier links“, antwortete er trocken.
  Ich wollte mich erholen, wollte die Augen schließen, um hoffentlich traumlos Schlafen zu können, aber ich hatte noch so viele Fragen. So Vieles, das ich noch nicht richtig begriffen hatte.
  „Können Sie noch einen Moment bleiben?“ Würde er den Raum verlassen, wäre ich ganz allein und ich konnte jetzt nicht allein sein. Ich sah sein Zögern. Wie er kurz durch das Fenster in der Tür einen Blick auf seinen wartenden Kollegen warf, sich aber dann wieder zu mir auf die Bettkante setzte und meine Hand wie selbstverständlich nahm. Doch der Moment hielt nicht lange an. Ich hörte ihre schrille aufgebrachte Stimme, bevor ich meine Mutter sah. Ehe ich mich bewegt hatte oder meine Hand, unter der von Agent Reid hervorziehen konnte, stand sie im Zimmer, mein Vater folgte ein paar Sekunden später.
  Wie immer hatte sie ihren Kopf etwas zu sehr erhoben, als wolle sie ihre geringe Körpergröße überspielen. Ihr krauses Haar war frisch gefärbt, das tat sie ständig, damit nicht eine Strähne der roten Farbe, die ich geerbt hatte, die Chance hatte sich zu zeigen. Sie hatte einen hässlichen Pelzmantel um ihre Schultern gehängt und trug eine große pinke Handtasche, die mit einem Knall auf dem Boden landete, als sie mich entdeckte. Wow, es passierte selten, dass etwas ihr die Sprache verschlug.
  Mein Vater beugte sich vor, um die Tasche aufzuheben. Er war eindeutig außer Atem. Es fiel ihm anscheinend immer schwerer mit meiner Mutter mitzuhalten.
  „Lass gut sein, Walter“, fuhr sie ihn an. Sie nannte ihn immer „Walter“, niemals Schatz oder Liebling.
  „Oh Gott Schätzchen! Was ist passiert? Wieso hat diese Hannah uns angerufen?“ Ihr Blick fiel auf den Agent, der meine Hand zwar rechtzeitig freigegeben hatte, aber bisher nicht aufgestanden war.
  „Und wer sind Sie? Jasmin, du hast doch nicht etwa einen Freund?!“ Hatte ich mich eben besser gefühlt, hatte es meine Mutter geschafft, dass es schlimmer wurde, viel, viel schlimmer.
  „Die beiden Herren sind vom FBI“, sagte Doktor Flowen, der mit Agent Morgan hereinkam.
  „Vom FBI? Wieso sind … Herr Doktor, ich glaube es wird Zeit, dass wir uns unterhalten.“ Sie hakte sich bei ihm unter und rauschte aus dem Raum, gefolgt von den beiden Agents. Mein Vater ließ sie mit einem mitleidigen Lächeln ziehen und stellte sich zu mir ans Bett. Es war fast ein Jahr her, dass ich die beiden gesehen hatte.
  „Deine Mutter und ich haben uns Sorgen gemacht.“ Danke der Nachfrage, mir geht es nicht gut. Setz dich doch zu mir und halte mich, bitte. Das ist alles was ich will. Er war noch nie gut darin gewesen, mir meine Wünsche anzusehen. Bei meiner Mutter war das etwas völlig anderes, er vergötterte sie.
  „Wie geht es mit deinem Studium voran?“ Fragte er mich wirklich das, was ich dachte? Dad ich wurde angegriffen, von einem Mörder! Ich habe überall Wunden und darf nichts essen! Ich will jetzt nicht über mein Studium reden. Am liebsten hätte ich geschrien, aber ich war von meinen Eltern nichts anderes gewohnt. Ein kleiner Teil von mir war trotzdem froh, sie zu sehen.
  „Gut“, sagte ich nur und schloss erschöpft die Augen. Es wäre besser, wenn sie gekommen wären während ich geschlafen hatte. Ich konnte seine Blicke auf meinen gezeichneten Armen spüren, doch danach fragte er nicht.
  „Wieso seid ihr nicht früher hier gewesen? Nur meine Mitbewohnerin hat sich um mich gekümmert,“ nahm ich die Konversation wieder auf.
  „Ebendiese Mitbewohnerin hat uns angerufen und gesagt du seist über den Berg. Außerdem weißt du, wie ungern wir fliegen.“
  „Ich habe sieben Stichwunden im unteren Bauch. Jemand hat mich mit einem Messer attackiert! Der Arzt sagt ich habe viel Blut verloren und man hat mich zwei Mal operiert. Da hättet ihr eure Flugangst überwinden können, nur das eine Mal!“ Nicht weinen, zeig ihm nicht, wie sehr es dich verletzt.
  „Deine Mutter spricht ja schon mit dem Arzt, der weiß sicherlich genauer Bescheid. Mach dir keine Gedanken wegen den Kosten, die übernehmen wir.“
  Es war hoffnungslos. Manchmal war ich mir sicher gewesen, dass mein Vater mich besser verstand, dass wir uns ähnlicher waren als gedacht, aber mir war schon zu oft klar geworden, dass meine Eltern und ich in verschiedenen Welten lebten. Sie kamen vom Land, waren aber keine einfachen Leute, sondern hatten mich in dem Gedanken erzogen, einmal Anwältin oder am besten Präsidentin zu werden. Als meine Schulnoten zwar gut, aber nicht gut genug waren, versuchten sie mir den Polizeiberuf schmackhaft zu machen, da meine Tante erfolgreiche Leiterin eines Ermittlungsdezernats war.
  Sobald ich alt genug war, löste ich mich von ihnen. Ich habe nie in diese Welt gepasst, in der es nur darum geht, gut auszusehen und Karriere zu machen. Jetzt studierte ich Philosophie, aber auch Kriminaltechnologie, ihnen zu liebe. Es war schon ironisch, wenn ich darüber nachdachte. Zuerst hatten sie mich für Letzteres an einer Universität in ihrer Nähe eingeschrieben, aber Quantico hatte das bessere Programm und war vor allem weiter weg. Und ich war tatsächlich bei Kriminaltechnologie geblieben, auch wenn meine Eltern keine Ahnung hatten, dass es nicht mehr als eine Art Nebenfach für mich war und ich einige Veranstaltungen gar nicht besuchte. Das Leben hier war teuer und so unwohl mir dabei auch war, ich brauchte ab und zu eine elterliche Finanzspritze, um schuldenfrei zu bleiben. So blieb der Kontakt aufrecht.
  Als meine Mutter wieder ins Zimmer kam, hatte sich das Schweigen zwischen mir und meinem Vater längst ausgebreitet. Die kleine Frau warf ihren Mantel hektisch über den freien Stuhl in der Ecke und drückte mir zur verspäteten Begrüßung einen dicken Kuss auf die Stirn. Waren die Agents gegangen? Und wo war Doktor Flowen?
  „Ach es ist so schrecklich. Warum hast du uns denn nicht gesagt, dass es so schlimm ist?“, warf sie mir vor. Wann genau hätte ich das tun sollen? Was hatte der Arzt ihr mitgeteilt?
  „Wie lange muss ich noch hierbleiben?“ Ich versuchte ihr in die Augen zu sehen, doch sie sah ihren Mann an.
  „Keine Angst Schätzchen, wir werden dich in ein paar Tagen hier rausholen und dann wirst du mit uns nach Hause kommen.“ Mit euch nach …bitte WAS?
  „Nein, nein!“ Lieber blieb ich auf ewig an dieses Bett gefesselt.
  „Aber wir können dir alles geben, was du brauchst, du könntest in dein altes Zimmer ziehen und du hättest einen privaten Arzt.“ Oh Gott, niemals!
  „Wieso…? Mir geht es besser! Besser als gestern und mit dem Rest werde ich umzugehen lernen.“ Langsam bekam ich Angst. War bei den Operationen etwas schief gegangen? Ich … ich lag doch nicht etwa hier, um zu sterben? Nein, das kann nicht sein. Es geht mir doch den Umständen entsprechend gut – körperlich zumindest. Ich versuchte bewusst ein- und auszuatmen und die Panik zu unterdrücken. Meine Mutter übertrieb gerne, es war wahrscheinlich dass sie einen Grund suchte, ihre „entlaufene“ Tochter wieder ins behütete Nest zu bringen.
  „Egal was ihr sagt, hier ist mein Leben, ich werde nicht mit euch kommen.“ Das sollte es klarstellen.
  Mein Vater ergriff das Wort: „Rosi, was ist denn überhaupt los? Ich hätte unsere Tochter auch gerne bei uns, aber wir haben sie zur Selbständigkeit erzogen. Was hat der Arzt dir verraten?“
  „Es ist so schrecklich Walter, ich kann es kaum aussprechen. Sie … wir … wir werden niemals Enkel haben.“
  Diese Angst, die kleine Ahnung, die man manchmal schon viel früher im Hinterkopf hat, es nur nicht zugeben will, sie machte, dass ich sofort begriff, was meine Mutter meinte, auch wenn mein Verstand es nicht wahrhaben wollte: Dieser verabscheuungswürdige Mann hatte mich sterilisiert.

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