2. Flauschig weiße Wolken
Kapitel
Nebel und Licht. Rauschen und eine Melodie. Sterne tanzten und ich fiel.
Und als ich die Augen aufschlug, war alles weiß.
Grelles Licht schien irgendwo von der Decke, blendete. Ich konnte mich nicht bewegen. Meine Augenlider waren schwer, so unglaublich schwer. Ich glaube, als erstes fiel mir der Geruch auf. Es roch steril, nach Desinfektionsmitteln. Meine Lider fielen zu.
Im Traum schwebte ich durch weiße Wolken, die auf der Haut kitzelten. Große silberne Flügel ragten aus meinem Rücken und trugen mich davon. Alles war so weiß und weich und wattig. Lächelnd flog ich immer weiter, ohne zu wissen, was das Ziel war. Die Sonne hatte ein Gesicht und sprach mit tiefer Stimme zu mir. Als ich am Mond vorbeikam, schien er heller als sie und ich schwebte in ihn hinein und er war gar nicht aus Gestein, sondern fühlte sich an wie eine flauschige Decke, die mich vollständig umhüllte.
Da ging eine Tür auf und das Licht floss fast vollständig heraus. Ich wollte weiterfliegen, aber als ich versuchte mich zu bewegen, fühlte ich Schmerzen. Ein Engel trat zu mir und zog mich in ein sicheres weißes Bett. Er kümmerte sich um mich, sodass ich wusste, ich würde bald wieder fliegen können. Als die Tür das nächste Mal aufging, war der Engel eine Frau. Ihre goldenen Locken waren soo schön und ihre Augen waren Regenbögen. Allerdings konnte ich ganz deutlich sehen, dass sie besorgt war. War es, weil ich nicht mehr fliegen konnte? Verzweifelt versuchte ich meine Arme zu bewegen, um vom Bett wieder in die Wolken aufzusteigen, aber die goldenen Locken gaben mir einen magischen Trank, der mich müde machte.
Irgendwann fühlte ich, dass etwas meine Hand hielt. Es war keiner der schnell verschwindenden Fremden. Diese Person hatte ich doch schon einmal gesehen. Hannah. Das Bild wurde klarer, aus dem Nebel wurde ein Raum.
„Wo bin ich?“ Das war meine Stimme? Wieso klang ich, als hätte ich noch nie gesprochen? Und wieso schmeckt alles nach Blut? Da war wieder dieser sterile Geruch. Nein, bitte, das konnte nicht sein! Bitte kein Krankenhaus, wieso war ich …?
Ich hätte nie gedacht, dass es möglich wäre, sich von der einen auf die andere Sekunde zu erinnern und doch traf mich ein intensiver Flashback, sodass sich an meinem ganzen Körper sofort kalter Schweiß bildete und ich schreien musste. Das Messer! Der Mann! Im selben Moment setzten die Schmerzen ein, und ich versuchte, mich ruckartig aufzusetzen.
Eine zierliche Figur sagte meinen Namen, wuselte herum, wobei meine Hand losgelassen wurde und dann waren da ganz viele Personen, keine Engel, sondern Menschen, die alle redeten und mich anfassten.
Nein, lasst mich in Ruhe. Wieso, tut ihr das?
Hannahs schrille Stimme war das, was mich beruhigte. Ich sah ihr schmales Gesicht und komischerweise glänzten Tränen in ihren blauen Augen. Meine Hand ließ sich mit Anstrengung heben, sie fühlte sich wie Pudding an. Nachdem meine Mitbewohnerin und gute Freundin sie mit ihrer umschloss, fühlte ich mich jedoch stärker.
„Jasmin, du bist im Krankenhaus“, wisperte sie mit zitternden Lippen. „Du musst stillhalten. Bald wird es dir wieder gut gehen. Die Ärzte geben dir etwas gegen die Schmerzen.“ Auch wenn ich wusste, dass sie es nur gut meinte, schockierte es mich, tatsächlich in einem Krankenbett zu liegen. Ich fühlte, wie benebelt ich war und ich erinnerte mich dumpf an etwas mit Engeln und trotzdem gab es da eine Frage, eine brennende Frage, die ich unbedingt stellen musste.
„Wurde er geschnappt?“
Hannah ließ schweigsam meine Hand los. Sie schaute hilfesuchend zu dem Arzt neben ihr, der einige Schritte vom Bett entfernt stand und mich musterte. Die beiden tuschelten leise, sie waren offensichtlich sehr darauf bedacht, dass ich nichts von ihrem Gespräch hörte. Sie hätten laut sprechen können, ich wäre nicht in der Lage gewesen, auch nur die Hälfte zu verstehen.
Eine Schwester fragte mich, ob sie mich kurz untersuchen dürfe. Ich nickte, hatte aber Angst. Angst vor den Schmerzen und auch Angst davor, wie ich aussehen würde. Wollte ich wirklich meine Wunden sehen?
Ich wusste, jemand hatte mit einem Messer auf mich eingestochen, nachdem er … er hatte die dunkelhäutige Frau getötet! Die harte Wahrheit kam erst jetzt zu mir zurück. Die Schwester wollte die Bettdecke anheben, aber ich begann heftig zu weinen und gab alles, um den Schwesternkörper zurückzudrücken.
„Er hat sie umgebracht! Er hatte ein Messer! Er hat sie umgebracht! Er …“ Ich muss gekreischt haben. Selbst nahm ich kaum wahr, wie ich schluchzte und nach Luft schnappte. Der Arzt redete nun auf mich ein und versuchte, mich mit Hannahs Hilfe zu beruhigen, doch die Panik hatte von mir Besitz ergriffen. Allein ein Medikament ließ mich wieder im Nebel versinken.
Dieses Mal waren die Träume nicht weiß und weich und ich hatte das Gefühl, mich mehr in einem wachen Zustand zu befinden. Immer wenn meine Augenlider schwer wurden, sah ich eine breite Klinge, an der etwas herabtropfte. Außerdem sah ich die Augen der Frau, die neben mir gestorben war. Linda. Wie verzweifelt wollte ich sie retten. Jedes Mal, wenn ich die Gestalt, die das Messer hielt, davon abhalten wollte zuzustechen, löste sich alles in Rauch auf. Und die erst hoffnungsvollen, dann hilflosen Augen wurden vorwurfsvoll. Immer und immer wieder versuchte ich es, aber das Messer wollte sich nicht ablenken lassen. Sag meiner Familie, dass ich sie liebe. Wusste sie zu diesem Zeitpunkt bereits, dass er sie umbringen würde?
Ich weiß nicht wie oft ich schreiend und weinend aufgewacht bin, denn der Schmerz und der Schrecken waren immer da. Wahrscheinlich gab man mir eine höhere Dosis, denn irgendwann, als meine Tränen längst versiegt waren, fiel ich in einen traumlosen Schlaf.
Atmen … Luft! Der Raum war stickig. Ich versuchte, zu husten, doch scheiterte. Ich bin zu schwach zum Atmen, dachte ich sarkastisch. Und wie jedes Mal unmittelbar nach dem Aufwachen, wurde mir meine Situation schlagartig bewusst. Das war ein Krankenzimmer.
Der Raum war hell und verschwommen. Wie konnte es schon wieder hell sein? Wie lange habe ich geschlafen? Gott, ich war so durstig. Ich blinzelte, versuchte mehr zu erkennen. War hier noch jemand? War Hannah nicht da gewesen?
„Hannah?“, krächzte ich. Mein Kopf dröhnte zu sehr, um sich umzusehen. Außerdem wollte ich mich keinen Zentimeter mehr als nötig bewegen. Ein Schatten huschte zu meiner Linken vorbei.
Nein! ER war hier! Er war zurückgekehrt, um zu Ende zu bringen, was er angefangen hatte!
„Nein! Bitte…“ meine Stimme war kaum zu verstehen.
„Es ist alles in Ordnung. Beruhigen Sie sich“, sagte der Schatten. Ein grauhaariger Mann mit wirrem Dreitagebart trat in mein Sichtfeld. Nur ein Arzt. Er musterte mich, ohne dass seine Mimik verriet, ob mein Zustand Grund zur Besorgnis war. War das derselbe Mann, den ich schon früher beim Aufwachen gesehen hatte?
„Ich bin Dr. Flowen“, fuhr er fort. „Verstehen Sie mich?“ Doktor, wo ist meine Freundin? Wo sind meine Eltern? Wieso sagt mir niemand was genau passiert ist?
„J…ja. I…i…ich…“ Es ging nicht.
„Versuchen Sie nicht zu sprechen, ein kurzes Nicken genügt“, er lächelte, während er das sagte, als wäre es einfacher den Kopf auf und ab zu bewegen, als zu sprechen! Ich will nicht hier sein! Ich will nach Hause! Ich will einfach nur weg!
Während Dr. Flowen mich untersuchte, stellte ich keine Fragen. Ein Teil von mir hatte die absurde Hoffnung er würde alles für gut befinden und mich gehen lassen, doch als er vorsichtig begann, nahm ich erst das wahre Ausmaß meiner Verletzungen wahr. Meine Arme waren übersät mit oberflächlichen Schnittwunden und sahen nun so aus, als hätte ich mich geritzt. Doch es waren keine geraden Linien, sondern eine Art Zick-Zack Muster, das sich bis zu meinem Ellbogen wand. Der Doktor sah mich mitleidig an und versicherte mir, dass die Schnitte nicht tief gingen und schnell verheilen würden, doch etwas sagte mir, dass er so etwas noch nie gesehen hatte. Mein Blick folgte panisch den Linien, schräg herunter, hinauf und dann wieder herunter. Selbst meine vernebelte Wahrnehmung erkannte, dass die Schnitte tief genug gewesen waren, um zu bluten. Wieso kann ich mich daran nicht erinnern? Hat er das etwa auch bei der anderen Frau gemacht? Linda. Ich werde ihren Blick nie vergessen.
Der untere Bauch war mit einem Verband umschlossen, von dort kamen die schlimmsten Schmerzen und auf meiner rechten Brust war ebenfalls ein Druckverband. Irgendjemand hatte einen Zugang gelegt, aber ich konnte nicht sehen, wohin der Schlauch führte. Das war genug, mehr wollte ich gar nicht sehen.
Als der Arzt fertig war, schob er sich einen Hocker neben mein Bett. Ich hatte den Kopf weggedreht und die Augen zusammengekniffen, doch als er offensichtlich nicht vorhatte zu gehen, sah ich ihn an.
„Frau Heider, wie groß sind Ihre Schmerzen im Augenblick?“, fragte er, ohne mich anzusehen, stattdessen kritzelte er einige Notizen auf sein Klemmbrett. „Zeigen Sie es mit ihren Fingern.“
Ich mochte es nicht, wenn man mich mit meinem Nachnamen ansprach, dann fühlte ich mich so alt. Frau Heider war meine Mutter. Mutter! Meine Eltern, warum sind sie noch nicht hier?
„Wo sind meine Eltern?“, brachte ich unter Anstrengungen hervor.
Der Doktor runzelte die Stirn und blickte auf. Seine Augen waren dunkelbraun und besorgt. „Ihre Freundin hat sie gestern benachrichtigt, mehr weiß ich nicht.“ So lange habe ich also geschlafen. „Bitte“, fuhr er fort. „Sagen Sie mir wie Sie sich fühlen. Wie groß sind Ihre Schmerzen?“ Welche Schmerzen meint er? Die, die sich anfühlen als wäre mein Unterleib von innen zerrissen oder die schmerzende Angst in mir, die mich immer, wenn ich die Augen schließe, Linda sehen lässt?
Erschöpft hob ich sieben Finger. Es hätten auch mehr sein können, es war mir egal, ich wollte nur, dass dieser Fremde schnell verschwand. Dr. Flowen notierte sich die Zahl und nickte.
„Ihre Freundin ist noch hier, wenn Sie wollen lasse ich sie zu Ihnen. Aber nicht zu lange, Sie brauchen Ruhe! Eine Schwester wird so oft es geht nach Ihnen sehen. Ach, und sein sie vorsichtig mit Ihrem Bauch, wir mussten Sie operieren, also keine schnellen Bewegungen! Wenn Sie etwas brauchen, drücken Sie diesen Kopf.“ Dann verließ er den kleinen Raum, den ich jetzt zum ersten Mal wirklich wahrnahm.
Ich wollte mich nur ein kleines Stück aufsetzen, um mehr zu erkennen und scheiterte. Jede Bewegung tat unendlich weh und erforderte Kraft, die ich nicht hatte. Wieso fragte der Kerl mich nach meinen Schmerzen und gab mir doch nichts dagegen? Plötzlich kam mir ein Gedanke, ein Gedanke, der so schrecklich war, dass ich eine Panikattacke bekommen hätte, hätte Hannah in dem Augenblick nicht das Zimmer betreten. Was wenn das alles noch mit zur Folter des Mannes gehörte und ich gar nicht sicher war?
Meine Freundin wusste vielleicht nicht, was ich dachte, aber sie war immer sehr gut darin gewesen mich zu trösten. Sie sprang vielleicht etwas zu fest auf mein Bett und nahm mich so gut es ging in den Arm. Später lag ich für mehrere Stunden auf ihrem Schoß und weinte, weinte einfach alles raus. Hannah erzählte mir auch, was ich wissen wollte, ohne dass ich danach fragen musste.
Ein Pärchen hatte mich gestern Morgen beim Spaziergang im Gebüsch des Parks gefunden und sofort den Notdienst alarmiert. Meine Tasche mitsamt Portemonnaie hatte man in der Nähe gefunden und auch wenn sich anscheinend jemand mein Geld genommen hatte, war mein Ausweis noch da und so konnte man mich identifizieren.
Da ich keinen Notfallkontakt angegeben hatte, weil meine Eltern weit weg auf dem Land wohnen, hatte man bei uns in der Wohnung angerufen und so kam Hannah her. Sie hatte meinen Eltern Bescheid gegeben, wie der Arzt es mir erzählt hatte, doch sie wussten ähnlich wenig über meinen Zustand, wie ich selbst. Solange ich nicht mehr in Lebensgefahr schwebe, werden sie sich Zeit lassen.
Man hatte mich direkt nach der Ankunft im Krankenhaus operiert und heute früh noch einmal, wahrscheinlich hatte ich deshalb so tief geschlafen. Die Verletzungen waren zwar ernst, aber durch die Behandlung nicht mehr lebensbedrohlich. Ich hatte dennoch einiges an Blut verloren, von den Schäden an meiner Psyche ganz zu schweigen. Soweit Hannah es wusste, hatte ich wohl mehrere Stichverletzungen erlitten, davon viele im Unterleib und wenige nahe der rechten Brustwarze, aber was die Folgeschäden sein würden, war uns nicht klar. Die Ärzte schwiegen noch, darüber wollten sie wahrscheinlich mit meinen Eltern sprechen. Als sei ich ein kleines Kind! Außerdem ließ Hannah in einem Nebensatz fallen, dass man eine Leiche entdeckt habe, in der Nähe des Platzes, wo man mich fand. Die Polizei war bereits dabei, zu ermitteln.
Auf Hannahs Schoß bin ich immer wieder eingeschlafen, ich weiß nicht, wie oft sie sich wiederholen musste, bis ich alles komplett verstanden hatte. Wie ich befürchtete, würden meine Eltern mit dem Auto anreisen, anstatt zu fliegen und frühestens diesen Abend hier sein.
Einmal kam eine Schwester rein und gab mir Morphin und kurz danach muss Hannah verschwunden sein. Ich jedenfalls fiel in einen tiefen medikamentösen Schlummer.
Ich träumte wieder vom Fliegen. Langsam erhob ich mich aus dem Krankenhausbett, breitete meine Schwingen aus und stieg in die Wolken empor. Meine Arme waren glatt und sanft und das befremdliche Zick-Zack-Muster verschwunden. Ich kicherte, nicht nur weil die Wolken an meinen Wangen kitzelten. Der freundliche Mond flocht mein Haar zu einem Zopf, der bis zur Erde reichte. Ich flog freudig eine Spirale, doch dann wurden die Wolken dunkel und grau und es begann zu regnen.
Mein weißes Hemd saugte die dicken Tropfen auf und wurde durchsichtig. Ich wollte landen, rasten, doch nirgends war ein Engel zu sehen, der mir helfen würde. Dumpf hörte ich eine aufgebrachte Stimme. War das mein Arzt, der da sprach? Als ich der Stimme entgegengleiten wollte, wurde der Regen härter und schwer. Es regnete Blut.
Ich wachte schweißgebadet auf und bemerkte, dass mehrere Personen im Raum waren. Da war tatsächlich mein Arzt, er stand mit dem Rücken zu mir und gestikulierte wild. Es sah aus, als ob er auch fliegen wollte. Es sah sogar ziemlich lustig aus. Ich musste kichern. Die zwei Fremden, die mit Doktor Flowen gesprochen hatten, traten näher. Der erste, der direkt auf mich zuging, hatte glänzend braune Haut und kräftige Muskeln, die sich deutlich unter seinem engen V-Ausschnitt-Shirt abzeichneten. Der andere war das komplette Gegenteil.
„Jasmin Heider? Wir sind vom FBI. Ich bin Agent Morgan und das ist Doktor Reid.“

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